BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH
UND
DEUTSCHER NEKROLOG
UNTER STANDIGER MITWIRKUNG
VON
F. v. BEZOLD, ALOIS BRANDL, AUGUST FOURNIER, ADOLF FREY, HEINRICH
FRIEDJUNG, LUDWIG GEIGER, KARL GLOSSY, SIGMUND G0NTHER,
EUGEN GUGLIA, OTTOKAR LORENZ, JACOB MINOR, FRIEDRICH RATZEL,
PAUL SCHLENTHER, ERICH SCHMIDT, ANTON E. SCHONBACH U. A.
HERAUSGEGEBEN
VON
ANTON BETTELHEIM.
II. BAND
HIT DEN BILDM8SEN VON BURCKHARDT UND BRAHMS IN UEL10GRAV0RE.
BERLIN.
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER.
1898.
ff
BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH
*****
UND
W * * * *
DEUTSCHER NEKROLOG
VERLAI ERLIN
VerUgwn Gtorc Reim&r Btrlii
V o r r e d e.
Der erste Band unseres Biographischen Jahrbuches und Deutschen
Nekrologs ist von der berufenen Kritik iiber Verdienst und Erwarten
giinstig aufgenommen worden. Die Entschiedenheit, mit der ein so sach-
kundiger und massgebender Richter, wie Geheimrath Otto Hartwig,
in dem von ihm herausgegebenen Centralblatt fur Bibliothekswesen dem
Nutzen, ja der Nothwendigkeit eines solchen Unternehmens das Wort
redete, ware fiir sich allein die ausgiebigste Rechtfertigung unseres Ver-
suches, dem iiberdies bei den Stimmfiihrern der deutschen Presse, ebenso
wie in historischen und anderen Fachzeitschriften aufmunternde, voile
Billigung beschieden war.
Eindringende, fordernde Kritik, die im Geleitwort unseres ersten
Jahrganges erhofft und erbeten wurde, stellte sich gleichfalls ein.
Zu besonderer Genugthuung gereicht es mir, dass wir die werth-
vollsten Winke wiederum zwei alten, bewahrten Gonnern unseres
Vorhabens zu danken haben: die gehaltvollen Studien, die Excellenz
v. Liliencron, No. 8 Jahrgang 1898 der Gottingischen Gelehrten
Anzeigen, und Friedrich Ratzel, No. 277 Jahrgang 1898 der Beilage
zur Miinchener Allgemeinen Zeitung, im Anschluss an Band I unseres
Biographischen Jahrbuchs und Deutschen Nekrologs veroffentlicht haben,
greifen weit iiber den unmittelbaren Anlass hinaus — mitunter so weit,
dass es trotz redlichsten Bemiihens nicht moglich war, der Fiille ihrer
Ideen, die fiir alle Folge Beherzigung und Erfiillung verdienen, sofort
IV Vorrede.
und durchwegs gerecht zu werden. Im Einzelncn haben es sich Verlag
und Herausgeber allerdings angelegen sein lassent schon im vorliegenden
Jahrgang den Anregungen und Ratschlagen dieser ebenso einsichtigen,
als nachsichtigen Fiirsprecher nachzukommen.
So erging und ergeht neuerdings im Sinne Ratzels an alle Mit-
arbeiter die Bitte, im Interesse der Gleichmassigkeit die Grundlage ein-
heitlich zu gestalten und fiir jeden einzelnen Nekrolog zu mindesten zu
bringen: I. Name: Familienname, Vorname, bei mehreren Vornamen
alle, doch der Rufname unterstrichen; 2. Stand oder Beruf; 3. Geburts-
und Sterbedatum; 4. die wesentlichsten ausseren Begeben-
heiten des Lebenslaufes; eine Wiirdigung der Personlichkeit und
ihrer Leistungen; 5. eventuell Zusammenstellung der Werke; 6.
Quellenverzeichnis zur Biographie; bei bedeutenderen Personlich-
keiten auch ein Wort iiber die erreichbaren Bildnisse. Trotz dieses
Muster- Schemas und trotz der ausdriicklich und wiederholt an alle
Geladenen gerichteten Mahnung, desselben eingedenk zu bleiben, war
es nicht moglich, in jedem einzelnen Falle dessen genaue Einhaltung
durchzusetzen. In dieser und in so mancher anderen Beziehung
erubrigt uns deshalb nur, unsere Leser zu bitten, allfallige Verbesse-
rungen und Erganzungen dem Verlag oder dem Herausgeber freund-
lich bekannt zu geben. Ein Gleiches gilt in Betreff einer Reihe
von anderen »Redaktions-Leiden«, deren Excellenz von Liliencron in
seiner Meisterkritik gedacht hat: »Wie weit der Nekrolog auszudehnen
ist, das lasst sich meiner Ueberzeugung nach vom centralen Mittel-
punkt der Leitung des Unternehmens nur theilweise bestimmen. Zum
anderen Theil miissen hierbei solche Mitarbeiter mitwirken, welche die
einzelnen particularen Gebiete, die deutschen Lande, Grossstadte, Cultur-
centren (Universitaten 1) u. s. w. vertreten. Zu iiberschauen , welche fur
ihr Gebiet in irgendwelcher Weise beachtenswerten Personlichkeiten
im Laufe der Tage dahingehen, ist fiir sie eine kleine Miihe. Dazu
verhilft ihnen schon die Tagespresse mit ihren Nekrologen und Nekro-
logien. Ein Netz von Helfern dieser Art, ausgespannt iiber die ganze
deutsche Welt, halte ich fiir ein ganz unabweisbares Bediirfnis der
Redaktion.« Dass es an dem ehrlichen Streben nicht gemangclt hat,
solche Nothhelfer zu suchen, wird der wohlwollende Leser von Band II
nicht verkennen: an Baechtolds Stelle hat Professor Adolf Frey das
Vorrede. V
Schweizer Referat ubernommen, fur die Siebenbiirger Sachsen ist
Pfarrer Dr. F. Teutsch, fur Schleswig-Holstein Hr. J oh. Sass auf
mein Ersuchen eingetreten. Dass und wie viel trotz alledem noch
nachzuholen bleibt fur einzelne Personlichkeiten und ganze Landstriche,
ist schwerlich Jemandem deutlicher bewusst, als dem Herausgeber.
Wohl war es mir vergonnt, die meisten der im vorigen Jahrgang ver-
heissenen Nachtrage, vor Allem die Nekrologe von Camphausen, Erz-
herzog Carl Ludwig, Fiirst Stolberg-Wernigerode u. s. w., rechtzeitig zu
erhalten; dagegen miissen Nekrologe wie die von Gurlitt, Victor Meyer,
W. H. Riehl, von einer Reihe deutscher Theologen und sachsischer Namen
auf den nachsten Band verspart bleiben, weil die Herren Verfasser,
Prof. W. Gurlitt, Prof. Goldschmidt, Staatssekretar z. D. Prof. G. v. Mayr,
Lie. Kohlschmidt und Dr. H. A. Lier, ihre Manuscripte nicht mehr vor
Schluss des Druckes einliefern konnten.
Am schmerzlichsten traf es aber Verleger und Herausgeber, dass
die schon fur Band I geplante Todtenliste, die registermassig das
alphabetische Verzeichnis aller im Laufe des Berichtjahres geschiedenen
Deutschen von Bedeutung — einschliesslich der im Deutschen Nekrolog
nicht eingehender gewiirdigten — umfassen soil, auch heuer noch
nicht erscheinen kann. Unser mit dieser miihsamen und verantwort-
lichen Aufgabe betrauter, hochgeschatzter Mitarbeiter, Bibliothekar
Dr. Georg Wolff in Munchen, dem wir auch fur das Mitlesen der
Correcturen verpflichtet sind, ist leider in letzter Stunde durch eine
unvorhergesehene Abhaltung ausser Stande gewesen, den weitgediehenen
Entwurf seiner Todtenliste fur 1896 und 1897 druckreif abzuschliessen.
Band III wird deshalb die Todtenliste fur 1896 — 1898 auf einmal
bringen.
So viele und so wichtige Beitrage derart auch zuriickbleiben mussten,
so hat uns dennoch der iiberreiche Stoff der Nekrologie des Jahres 1897
und der Erganzungen zum Jahrgang 1896 genothigt, auf urkundliche und
biographische, ausserhalb der Jahre 1896/7 liegende, Mittheilungen zu
verzichten. Dessenungeachtet darf unser Band meines Erachtens mit
Fug und Recht seinen alten Obertitel »Biographisches Jahrbuch« weiter
fortfiihren. Angesichts der grossen Zahl kiinstlerisch sorgfaltig ausge-
fuhrter Einzelbiographien, wie sie, Dank der werkthatigen Forderung aus-
gezeichneter Mitarbeiter, der vorlicgende Band von Jacob Burckhardt,
VI Vorrede.
Johannes Brahms, Sachs, Stephan und raanchen anderen bietet, darf sich
unser Deutscher Nekrolog wohl auch als Biographisches Jahrbuch dauernd
zu den Grundsatzen bekennen, die Herder einst Schlichtegrolls Nekrolog
entgegenstellte: »Der Name Todtenliste ist schon ein trauriger Name.
Lasst Todte ihre Todte begraben; wir wollen die Gestorbenen als Lebende
betrachten, uns ihres Lebens, ihres auch nach dem Hingange noch fort-
wirkenden Lebens freuen und eben deshalb ihr bleibendes Verdienst fur
die Nachwelt aufzeichnen. Hiermit verwandelt sich auf einmal das Ne-
krologium in ein Athanasium, ein Mnemeion; siesind nicht gestorben,
unsere Wohlthater und Freunde, denn ihre Seelen, ihre Verdienste urn's
Menschengeschlecht, ihr Andenken lebet«
Wien, 8. November 1898,
Anton Bettelheim.
I n h a 1 1.
S e i t e.
Vorrede III -VI
Uebersicht der Bibliographic der biographischen Litteratur 1897
Dr. Joh. Luther 1*— 55*
Deutscher Nekrolog vom 1. Januar bis 31. December 1897 1 — 414
Erganzungen und Nachtrage zum »Deutschen Nekrolog vom
1. Januar bis 31. December i896« 415 — 461
Alphabetisches Namenverzeichniss I 462
Alphabetisches Namenverzeichniss II 468
Zusatze 461
Uebersicht
der
Bibliographie der biographischen Litteratur 1897.
Zusammengestellt
von
Dr. Johannes Luther,
Bibliothokar an dor Koniglichen Bibliothck Berlin.
Die durch ein * gekennzeichneten Aufsatze sind dem I. Band, Jahrgang 1897, unseres
»Biographischen Jahrbuches und Deutschen Nekrologs« entnommen.
♦Pagel: Hans Conrad Carl Theodor Acker-
mann, Arzt u. Prof. d. pathol. Anatomic
(S. 149—150.)
Wiinmer, Frz. Paul: Kaiserin Adelheid,
Gcraahlin Ottos I. des Grossen , in ihrem
Leben u. Wirken v. 931 — 973. 2. Aufl.
Regensburg: J. Habbel: i. Komm. 8. Ill,
104 S.
Zu Friedrich Adlers siebenzigstem Geburts-
tage. (Deutsche Bauzeitung. 31. Jahrg.
4. S. 518—519, 5*70
Kolb, R.: Adolph, Grossherzog v. Luxem-
burg, Herzog v. Nassau. Wiesbaden: (H.
Roemer.) 8. VIII, 182 S. m. Bildn.
Businger, L. C: Joseph Ignatz von Ah f,
15. Dez. 1834 — I. Sept 1896. (Schweizer.
Archiv f. Volkskunde. I. Jahrg. 8. S. 91
—930
Hard m an n: Konig Alberts Mitarbeit am
Aufbau des Deutschen Reiches. (Fest-
reden z. Geburtstagsfeier Konig Alberts
v. Sachsen. Leipzig: O. Klemm's Sort. 8.)
Schellenberg: Ein Lebensbild unsers Ko-
nigs Albert. (Festreden z. Geburtstags-
feier. Kbnigs Albert v. Sachsen. Leipzig:
O. Klemm's Sort. 8.)
Geyer, Alb.: Albrecht der Bar. Eine Bio-
graphic. Nach d. Quellen. Berlin: E. Ebe-
ring. 8. 44 S. m. 111. [Lebcnsbilder aus d.
Geschichte. IL]
Duncker, Carl v. : Feldmarschall Erzherzog
Albrecht. Wien: F. Tempsky. 4. XII,
330 S. m. Bildn. u. Abb.
Biogr. Jahrb. n. Deutscher Nekrolog. 2. Bd.
Prinz Albrecht von Preussen, Regent von
Braunschweig. (Zum 8. Mai 1897.) (Der
Bar. 23. Jahrg. 4. S. 220— 221 m. Bild.)
Prinz Albrecht von Preussen. (Militar-
Wochenblatt. 82. Jahrg. i.Bd. 4. Sp. 12 15
— 1222.)
Paulus, N.: Lorenz Albrecht. Der Vcr-
fasser der ersten deutschen Grammatik. I.
II. (Hist.-polit. Blfitter f. d. kath. Deutsch-
land. 119. Bd. 8. S. 549 — 560, 625—637. )
♦Meyer, Alexander: Siegfried Wilhelm Al-
brecht, deutscher Politiker. (S. 203 — 205.)
*Granier, Hermann: Alexander, Prinz von
Preussen, General der Infanterie. (S. 418.)
Le Roi, J. F. A. de: Michael Solomon
Alexander, der erste evangelische Bischof
in Jerusalem. Gtitcrsloh: C. Bertelsmann.
8. 3 Bl., 230 S., 1 Bildn. [Schriften des
Instit. Judaicum in Berlin. No. 22.]
Rtihle, Otto: Johanna Ambrosius. Eine
menschliche Kombdie. (Monatsblatter f.
deutscheLitteraturgesch. I. Jahrg. 8. S. 219
—226.)
Htirbin, Jos.: Peter von Andlau, der Ver-
fasser des ersten deutschen Reichsstaats-
rechts. Ein Beitr. z. Gesch. d. Humanis-
mus am Oberrhein im XV. Jahrhundert.
Strassburg: J. H. Ed. Heitz. 8. XII, 286 S.,
1 Taf., 1 Facs.
Euler, Carl: Professor Dr. Eduard Anger-
stein. Ein Lebensbild. [Aus: Monatsschr.
f. d. Turnwesen.] Berlin: R. Gaertner. 8.
34 S. m. Bildn.
Biographische Bibliographie.
Anzengruber, Ludw. : Biographisches und
Autobiographisches. (L. Anzengruber : Ge-
samm. Werke. 3. durchges. Aufl. Bd. 1.
Stuttgart: J. G. Cotta Nachf. 8.)
Abels, Ludwig: Neues tiber Anzengruber.
(Sonntagsbeil. No. 39 z. Voss. Zeitung.)
Bettelheim, Ant*: Anzengruber. Der
Mann, sein Werk, seine Weltanschauung.
2. verm. Aufl. Berlin: E. Hofmann & C
8. VIII, 286 S. [Geistesheiden. I. Samml.
Bd. 4.]
♦Baechtold, J.: J. W. Appell. (S. 3—5.)
♦Eitner, Rob.: Karl Armbrust. (S. 112—
Ernst Moritz Arndt. I -III. [Bilder aus der
Erweckungsgesch. d. religibs-kirchl.Lebens
in Deutschland in diesem Jahrhundert.
III.Reihe. 1. (Allg. Evangel.-Luth.Kirchen-
zeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 291 — 296, 316
—321, 345— 3SO.)
Bendixen, Rudolf: Ernst Moritz Arndt.
(R. Bendixen: Bilder aus d. letzten reli-
gitfsen Erweckung in Deutschland. Leip-
zig: DBrffling & Franke. 8. S. 21 — 62.)
Meisner, Heinrich: Ernst Moritz Arndt im
Parlamente. (Der Bar. 23. Jahrg. 4. S. 448
— 450, 459—461.) (Der »Deutschen Revue*
entnommen.)
Re in thaler: Ernst Moritz Arndt. (Deutsch-
evangelische Blatter. 22. Jahrg. 8. S. 233 —
2490
Meisner, Heinrich: Ernst Moritz Arndts
Mutter. (Sonntagsbeil. No. 36 z. Voss.
Zeitung.)
Wehrmann, M. : Zur Geschichte des Bi-
schofs Arnold von Camin. Monatsblatter.
Hrsg. v. d. Ges. f. Pomm. Gesch. u. Alter-
thumskunde. 11. Jahrg. 8. S. 58 — 60.)
•Holland, H. : Hermann Arnold, Historien-
u. Genremaler. (S. 47—48.)
♦BrUmmer, Franz: Andreas Ascharin.
(S. 196-197O
Ilwof, Franz: Die Grafen von Attems,
Freiherren von Heiligenkreuz, in ihrem
Wirken in u. fttr Steiermark. Graz: Styria.
8. 4 BL, 216 S., 2 Bildn. [Forschungen
z. Verfassungs- u. Verwaltungsgesch. der
Steiermark. Bd. II. H. 1.]
Ilwof, Franz: Ferdinand Graf Attems (1746
— 1 820), Landeshauptmann von Steiermark.
M. Bildn. (F. Ilwof: Die Grafen von At-
terns. S. 25 — 136.)
Ilwof, Franz: Ignaz Maria Graf Attems
(1774 — 1 861), Landeshauptmann v. Steier-
mark. M. Bildn. (F. Ilwof: Die Grafen
von Attems. S. 137 — 201.)
Schlossar, Anton: Anastasius Griin [d. i.
Graf Anton Alexander von Auersperg]
und Josef Freiherr von Hammer-Purg-
stall. M. ungedr. Briefen Anastasius Grilns
aus d. Jahren 1831 bis 1854. (Oesterr.-Un-
gar. Revue. 20. Bd. 8. S. 37—57, 107-
127.)
v. Weil en, Alexander: Anastasius Griin
[d. i. Graf v. Auersperg] und Ludwig
August Frankl. (Sonntagsbeil. No. 25 z.
Voss. Zeitung.)
Millie r, Hans: Kurftirst August des Starken
Uebertritt zur rtfmischen Kirche. Leipzig:
Buchh. des Evang. Bundes. 8. 56 S. [Flug-
schriften d. Evang. Bundes. H. 134/135
(XII. Reihe, 2/3).]
Evers, Ernst: Auguste Viktoria. Das Le-
bensbild d. deutschen Kaiserin. 3. Aufl.
Berlin: Bed. Stadtmission. 8. 188 S. mit
Bildn.
Carstanjen, Frdr. : Richard Avenarius.
Ein Nachruf. [Aus : Vierteljahrsschr. f.
wissenschaftl. Philosophic] Leipzig: O.
R. Reisland. 8. 32 . S. m. Bildn.
♦Carstanjen, Fr.: Richard Heinrich Lud-
wig Avenarius. (S. 5 — 12.)
Frommel, Emil: Bach s. Handel.
Wolzogen, Hans v. : Johann Sebastian Bach.
(H. v. Wolzogen : Grossmeister Deutscher
Musik. i. Bd. Hannover: Dunkmann. 4.
S. 1—27 m. Bildn.)
Jahne, Heinrich: Ferdinand Bachmann.
(Biographien osterreich. Schulmanner. Hrsg.
v. Franz Frisch. Wien : A. Pichler's Wwe
& Sohn. 8. S. 112— 114.)
♦BrUmmer, Franz : Wilhelra Emanuel Back-
haus. (S. 195 — 196).
Michel, Hermann : Zur Erinnerung an Jacob
Bachtold. (Das Magazin f. Litteratur.
66. Jahrg. 4. Sp. 1017— 1018.)
Miinz, Bernhard: Bernhard Baehring.
(Briefe von und tiber Jakob Frohscham-
mer. Hrsg. v. B. Mtinz. Leipzig: G. H.
Meyer. 8. S. 24—31.)
•Weech, F. v.: Karl Anton Ernst Baer,
badischer Jurist u. Parlamentarier. (S. 389
— 39I-)
Stttlzle, Reraigius: Karl Ernst von Baer
und seine Weltanschauung. Regensburg:
Nationale Verlagsanst. 8. XI, 687 S.
St&lzle: Karl Ernst von Baer und seine
Weltanschauung. (Die Natur. 46. Bd. 4.
s. 313-316.)
•Weltner,A.J.: FriederikeBauerle. (S.335
— 336-)
•Eitner, Rob.: Selmar Bagge. (S. 113.)
Klaus, B. : Hans Baldung genannt Grien
oder Griin. (B. Klaus: GmUnder Ktinst-
ler. II. 2. in: Wtirttembergische Viertel-
jahrsheftef.Landesgeschichte.N.F.V. Jahrg.
8. S. 307 — 313, 331—332.)
♦Posner: Carl M. Balling, Kaiserl. KOnigl.
Oberbergrath. (S. 411.)
Pastor, Willy: Ein Maler des Berliner Ostens
(Hans Baluschek). (Das Magazin f. Litte-
ratur. 66. Jahrg. 4. Sp. 774—776.)
Biographische Bibliographic
B ussier, W.: General - Feldmarschali Graf
Barfuss. Kurzgef.Lebensbild m. Anschluss
d. Gcsch. d.nach ihm genannten 4. Westfal.
Inf.-Reg, No. 17. Gotha: G. Schloessmann.
8. 22 S. m. Bildn.
Woldemar Bargiel, Professor, Mitglied der
Kdnigl. Akad. d. Kunste. (Chronik d. Konigl.
Akad. d. KUnste zu Berlin. 1896/97- 8.
S. 82-83.)
Schubert, Gustav v.: Heinrich Barth, der
Bahnbrecher der deutschen Afrikaforschung.
Ein Lebens- nnd Charakterbild, auf Grund
ungedmckter Quellen entworfen. Berlin:
D. Reimer. 8. 1 Bl., X, 184 S., 3 Bildn.,
1 Bildntaf., 6 Facs.
Bartholom&, Hermann : Erlebnisse eines ba-
dischenLazareth-Unterofflziers im Feldzuge
1870/71. Karlsruhe: J. J. Reiff. 8. VIS.,
1 BL, 141 S., 1 Kt. [Badener im Feldzug
1870/71. Bd. 14.]
R. Diestelmann: Johann Bernhard Base-
dow. Leipzig: R. Voigtlander. 8. 110 S.,
1 Bildn. [Grosse Erzieher. Eine Darstellung
d. neueren Padagogik inBiographien Bd. 2.]
Rubinstein, Susanna: Batz s. Main-
lander.
Speier, Max: Bauernfeld s. Grillparzer.
♦Pagel: Georg Wilhelm Baum, Chirurg.
(S. 150—151.)
♦Krauss, Rudolf: Eugen Baumann. S. 93
-940
•Meyer, Alexander: Karl Baumbach, Ober-
burgermeister von Danzig. (S. 199 — 200.)
G a b 1 e r , Ludwig: Schulrath (Gottlob Franz)
Baunack in seinem Leben und Wirken
fur die Volksschule. Tl. 1: Seine Reden
bei den Jahreskonferenzen d. Lehrer d.
Schulinspektionsbezirks Oelsnitz i. V. Leip-
zig: Durr. 8. 160 S., I BL, 1 Bildn. (TL 2:
Sein Leben u. Wirken, ersch. 1898.)
Wilhelm Baur. [Rudolf Kogel, Emil From-
mel, Wilhelm Baur. 3.] (Allg. Evangel.-
Luth. Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 460
-464.)
Professor Dr. Franz v. Baur f. (Centralblatt
f. das gesammte Forstwesen. 23. Jahrg.
8. S. 90—95 m. Bildn.)
Professor Dr. (Franz) von Baur f. (Deutsche
Forst-Zeitung. 12. Bd. 8. S. 73—74.)
Fttrst: Professor Dr. Franz von Baur.
(Forstwiss. Centralbl. 8. N. F. Jahrg. 19,
s. 133-136.)
Der Socialdemokrat August Bebel als Denun-
ziant Preussischer Offiziere. Von einem
Offizier. Berlin: R. Felix. 8. 1 Bl., 18 S.
•Kollmann, Paul: Karl Becker. (S. 12—32.)
•Holland, H.: Moritz von Becker at h,
Historienmaler. (S. 48 — 49.)
Ritter, Herm.: Beethoven s. Haydn.
Wolzogen, Hans v.: Ludwig van Beetho-
ven. (H. v. Wolzogen: Grossmeister deut-
scher Musik. i.Bd. Hannover: Dunkmann.
4. S. 55—82, m. Bildn.)
Meyer, Alfred Gotthold: Reinhold Begas.
Bielefeld u. Leipzig: Velhagen & Klasing.
8. 2 Bl., 128 S. m. Abb. [Kiinstler-Mono-
graphien. 20.]
Wolf-Harnier, Eduard: Reinhold Begas.
Eine biograph. Skizze. M. Abb. (Der Bar.
23. Jahrg. 4. S. 570—573. 581—582, 592
— 594.)
♦Weech, F. v.: Wilhelm Jacob Behaghel,
Professor der Recnte an d. Univ. Freiburg.
(S. 391— 3930
Ratzinger, G.: Albert Behaim s. Bo-
hem us.
Bauch, Alfred: Der Aufenthalt des Malers
Sebald Beham wahrend der Jahre 1525—
1535. (Repertorium f. Kunstwiss. 20. Bd.
8. S. 194—205.)
Schmidt, Wilhelm: Beitrage zur Kenntniss
Sebald Beham's. (Repertorium f. Kunst-
wiss. 20. Bd. 8. S. 477—479.)
Edmund Behringer. 25 Jahre Rektor. (Aka-
demische Monatsblatter. IX. Jahrg. 4. S. 59
—62.)
Reifferscheid, Al.: Zwei Antrage aus-
wartiger Bibliothekarstellen ftir George
Friedrich Benecke. (Centralblatt fUr
Bibliothekswesen. 14. Jahrg. 8. S. 75
-83.)
•Rudolf Benedikt. (S. 322—324.)
Ulzer, F.: Rudolf Benedikt (weil. Professor
an der k. k. technischen Hochschule in
Wien). (R. Benedikt: Analyse der Fette
und Wachsarten, 3. erweit. Aufl., hrsg. v.
F. Ulzer. Berlin: J. Springer. 8. S. Ill
-VI.)
Miquel und Bennigsen s. Mi quel.
Friedlander, Max J.: Bentz s. Pentz.
Felix Berber. (Musikal. Wochenblatt 28. Jahrg.
4. S. 483-484 m. Bildn.)
♦Obermayer, A. v.: Hans Ernst Graf
vonBerchem-Haimhausen. (S. 32—34.)
Schmitt, Franz Jacob: Matthias Berger,
Architekt in MUnchen, f. (Centralblatt d.
Bauverwaltung. 17. Jahrg. 4. S. 224.)
Arnold Bergstrasser f. (Deutsche Bauzei-
tung. 31. Jahrg. 4. S. 24.)
♦Weltner, A. J.: Alois Berla s. Scheichl.
•Lier, H. A.: Dietrich Otto von Berlep9ch,
President des evang.-lutherischen Landes-
consistoriums des Kdnigreich Sachscn.
(S. 415.)
Boehm, Willy: G5tz v. Berlichingen mit
der eisernen Hand. 2. Aufl. GUtersloh:
C. Bertelsmann. 8. 152 S.
•Uhde, Hermann: Michael Bernays 1834'
— 1897. (S. 17*— 22*.)
Witkowsky, Georg: Michael Bernays.
(Das Magazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4.
Sp. 271-277.)
a*
Biographische Bibliographic
Hildebrandt, Max: Reinbard Bernhardt
Zum Gedachtniss eincs deutschen Natur-
forschers. 1797. n. October. 1897. (Natur-
wissenschaftl. Wochenschrift. 12. Bd. 4.
S. 481—486.)
Aus dem Leben Theodor von Bernhardi's.
TL VI. (Aus den letzten Tagen des deut-
schen Bundes. Tagebuchblatter aus d. J.
1864— 1866.) TL VII. (Der Krieg 1866
gegen Oesterreich und seine unmittelbaren
Folgen. Tagebuchblatter aus d. J. 1866 u.
1867. M. e. Bildn. Bernhardis.) Leipzig:
S. Hirzel. 8. X,338S.; XIV, 378 S., 1 Bildn.
Aus den Tagebttchern Theodor von Bern-
hardi's. V. (Deutsche Rundschau. 90. Bd.
8. S. 72-95O
Brausewetter, Ernst: Elise Bernstein s.
R o s m e r.
Grafin Elise von Bernstorff, geb. Grann
von Deraath. Ein Bild aus d. Zeit von
1789 bis 1835, Aus ihren Aufzeichnungen.
3. Aufl. (Hrsg. : Elise v. d. Bussche-Kes-
sell.) Bd. 1. 1789 bis 1822. M. 2 Bildn.
Bd. 2. 1823 bis 1835. M. 1 Bildn. Berlin:
E. S. Mittler & Sohn. 8. VIII, 340 S.,
2 Bildn.; V, 270 S., 1 Bildn., 1 Stammtaf.
Wehrmann, M.: Dietrich von Bertekow,
Pfarrer in Wusseken und Neuenkirchen
(1300 1304). (Monatsblatter. Hrsg. v. d.
Ges. f. Pomm. Gesch. u. Alterthumskunde.
1 1. Jahrg. 8. S. 90— 92.)
♦Brttmmer, Franz: Friedrich August Ber-
thelt. (S. 246—247.)
Kohut, Adolph: Friedrich Justus Bertuch.
M. 4 ungedr. Briefen Bertuchs. (Nord u.
Slid. 83. Bd. 8.* S. 73—830
Zum achtzigsten Geburtstage von Friedrich
Beust. M. d. Bildn. Beust's. Zurich: ZUr-
cher & Furrer. 8. 34 S.f 1 Bildn.
Merian, Hans: Franz Adam Beyerlein.
(Die Gesellschaft. Jahrg. 1897, III. 8.
S. 390 — 395 m. Bildn.)
Professor Ernst Beyrich. (Nekrolog.) (Deut-
sche Rundschau f. Geographie u. Statistik.
19. Jahrg. 8. S. 40—42 mit Bildn.)
♦ B 1 e n c k , E. : Heinrich Ernst Beyrich, Pro-
fessor u. Geheimer Bergrath. (S. 193 — 194.)
Dr. Eduard Albert Bielz. (Deutsche Rund-
schau f. Geographie u. Statistik. 19. Jahrg.
8. S. 326—328 m. Bildn.)
* P o t e n , B. : Hugo Ritter Bilimek von Wais-
solm, k. u. k. Feldmarschall- Lieutenant.
(S. 112.)
Schmidt, Geo: Schonhauscn und die Fa-
milie von Bismarck. Bearb. im Auftr. d.
Familie. M. zahlr. Abb. Berlin : E. S. Mitt-
' ler & Sohn. 8. VIII, 196 S.
Kaiser Wilhelm I. und Fttrst Bismarck s.
Wilhelm I., Kaiser von Deutscbland.
Bismarck als Rcdner. (Zeitschr. f. deutsche
Sprache. 10. Jahrg. 8. S. 12—17.)
Diest-Daber, v.: Bismarck u. Bleich-
rtider. Deutsches Rechtsbewusstsein u. d.
Gleichheit vor d. Gesetze. Munchen : Th.
Wenng. 8. Ill, 201 S.
Everling: Bismarck s. Luther.
P e n z 1 e r , Johs : Fttrst Bismarck nach sei-
ner Entlassung. Leben u. Politik des Fttr-
sten seit seinem Scheiden aus dem Amtc
auf Grund aller authentischen Kundgebun-
gen. Hrsg. u. mit histor. Erlauterungcn
versehen. 5 Bde. (1 : 20. Marz 1890—
11. Febr. 1891; 2: 12. Febr. 1891 — 5. Dec.
1891 ; 3: 6. Dec. 1891 — 27. Juni 1892;
4: 28. Juni 1892—22. Febr. 1893; 5: Marz
1893 — Ende 1894.) Leipzig: VV. Fiedler.
8. VII, 384 S.; 2 BL, 380 S.; 2 BL, 367 S.;
400 S.; 384 S.
Poschinger, Heinr. v.: Fttrst Bismarck
und der Bundesrath. (In 4 Bdn.) Bd. 1 —3.
(1: Der Bundesrath des Norddeutschcn
Bundes, 1867 — 1870; 2: Der Bundesrath
des Zollvereins, 1868—1870, u. d. Bundes-
rath des Deutschen Reiches, 1871 — 1873;
3 : Der Bundesrath des Deutschen Reiches,
1874— 1878.) Stuttgart: Deutsche Verlags-
Anst. 8. XII, 351 S.; X, 427 S.; X,
486 S.
ROhling, Carl: Otto v. Bismarck. Ernstes
u. Heiteres aus d.Leben des grossen Kanzlers.
40 Bilder (in Farbdr.). Begleitender Text
v. R. Hofmann. Berlin : A. Hofmann & C
VII, 40 S. qu. 4.
Rosin ski, Adf.: Fttrst Bismarcks Kampf
gegen den Grafen Caprivi u. seine
Kundgebungen lib. d. Sinken des deut-
schen Nationalgeftthls u. ttb. d. deutsche
Reich sverfassung, kritisiert. Berlin: Selbstv.
8. 91 S.
Rosin ski, Adf.: Fttrst Bismarcks Ver-
dienste u. ihre Wtirdigung durch den
deutschen Reichstag bei der Feier seines
80. Geburtstages , kritisch beleuchtet
Berlin: Selbstv. 8. 26 S.
Diest-Daber, v.: Bleichrftder s. Bismarck.
Zum siebzigjahr. Dienstjubilaum Seiner Ex-
cellenz des General-Feldmarschalls Grafen
v. Blumenthal am 30. Juli 1897. (Mili-
tar-Wochenblatt. 82. Jahrg. 2. Bd. 4.
Sp. 1815 — 1823.)
Frisch, Franz: Franz Bobies. (Biographien
cisterreich. Schulmanner. Hrsg. v. F. Frisch.
Wien: A. Pichlers Wwe & Sohn. 8. S. 196
—203)
Richard Werner Bode, Geh. Baurath, f.
(Centralblatt d. Bauverwaltung. 17. Jahrg.
4- S. 332.)
Schumann, Paul: Wilhelm Bode s. v. Werner.
Ostertag: Die Anstalten des Pastor D.
von Bodelschwingh. Berlin : Ostdeutscher
Jtinglingsbund. 8. 16. S. m. Abb. [Fttr
Feste u. Freunde d. Inn. Mission. H. 3.]
Biographische Bibliographic
5*
•Ltitzow, Carl v.: Erinnerungen an Fried-
rich Bodenstedt. S. 42*— 49*.)
Grimm, Herman: Zum siebzigsten Geburts-
tage Arnold B5cklin*s. Schweizerische
Erinnerungen. (Deutsche Rundschau. 93. Bd.
8. S. 51-69.)
Henckell, Karl: Widmungsblatt an Arnold
B5cklin. Zurich: K. Henckell & C. 4.
12 S. m. Bildn.
Lehrs, Max: Arnold Bdcklin. Ein Leit-
faden z. Verstandnis seiner Kunst. MUnchen :
F. Bruckmann. 8. 60. S.
Osborn, Max: Zum Boecklin-Tage. (Das
Magazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4.
Sp. 1 23 1 — 1236.)
Servaes, Franz: Meister Bdcklin. Zum
siebzigsten Geburtstag. (Die Gegenwart
52. Bd. 4. S. 249 — 252.)
Deussen, Paul: Jakob Bdiime. Ueber sein
Leben u. seine Philosophic Kiel: Lipsius
& Tischer. 8. 31 S.
Lasso n , Adf: Jacob Bohme. Rede. Berlin:
R. Gaertner. 8. 35 S. [Vortrage u. Ab-
handlungen aus d. Comenius-Ges. 5. Jahrg.
3. Stuck.]
SchSnwalder: Lebensbeschreibung des be-
rtihmten Schuhmachers u. Theosophen
Jakob Bohme. Gtfrlitz: (Selbstv.) 8. 14 S.
Loffler, J. H: Martin B5tzinger. Ein
Lebens- u. Zeitbild aus d. 1 7. Jahrh. 2 Bde.
Leipzig: F. W. Grunow. 8. 442 u. 441 S.
Ratzinger,G.: Albertus Bohemus (Albert
Behaim). (Hist-polit. Blatter f. d. kath.
Deutschland. 1 1 9. Bd. S. 8 1 — 1 00, 1 77 — 1 89,
258—272, 393—4O70
•Holland, H. : Ludwig Boiler, Land-
schaftsmaler. (S. 49.)
Georg Christian August Bombard. [Aus der
Erweckungszeit der bayerischen Landes-
kirche. DC.] (Allg. Evangel.-Luth. Kirchen-
zeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 223 — 228.)
Heinrich Bone. (Hist.-polit. Blatter f. d. kath.
Deutschland. 120. Bd. 8. S. 767 — 773.)
Keiser, H. Al.: Heinrich Bone. Lebensbild
eines deutschen Schulmannes u. Schrift-
stellers. Zug: Buchdr. J. M. Blunschi. 8.
50 S. m. Bildn.
Richard Bong 1872—1897. (Oesterr.-ungar.
Buchdrucker-Zeitung. XXV. Jahrg. 4.
S. 619 — 621.)
Richard Bong 1872 — 1897. Dera thatkraf-
tigen Fttrderer d. Kunst u. Litteratur in
dankbarer Verehrung gewidmet v. einem
Freunde d. Hauses. (Berlin: Gedr. b. J.
Sittenfeld.) 4. 36. S., 1 Bl., 1 Bildn.,
14 Taf.
Lefmann, S.: Franz Bopp, sein Leben und
seine Wissenschaft. Nachtrag. M. e. Ein-
leitung u. e. vollst. Register. Berlin: G.
Reimer. 8. 2BL, XL1I, 129 S. (Die frUheren
zwei Halften ersch. 1891 u. 1895.)
Stahl, Fritz: Eugen Bracht. (Die Kunst-
Halle. II. Jahrg. 4. S. 241—242.)
Jacobowski, Ludwig: Otto Brahm. Eine
Studie. (Nord u. Sad. 82. Bd. 8. S. 22
bis 36 mit Bildn.)
Johannes Brahms, Professor Dr., Mitglied
d. Kttnigl. Akad. d. Ktinste. (Chronik d.
Konigl.Akad. d. KUnste zu Berlin. 1896/97.
8. S. 83—84.)
Zur Abwehr. Johannes Brahms und die
»Ungarischen Tanze«. Berlin: N. Simrock.
8. 13 S.
Abel, Hedwig: Johannes Brahms. (Die
Gegenwart 51. Bd. 4. S. 247 — 248.)
Curtius. Friedrich : Johannes Brahms. (Die
christl. Welt 11. Jahrg. 4. Sp. 348 — 349.)
Ernst, Erich: Brahms und Wagner.
(Sonntagsbeil. No. 15 z. Voss. Zeitung.)
Groth, Klaus: Erinnerungen an Johannes
Brahms. (Die Gegenwart. 52. Bd. 4.
s. 295— 299, 307-310* 327— 329O
Helm, Th.: Zum Tode Johannes Brahms'.
(Musikal. Wochenblatt. 28. Jahrg. 4.
S. 229—230.)
Krebs, Carl: Johannes Brahms. (Deutsche
Rundschau. 91. Bd. 8. S. 300—302.)
Lessmann, Otto: Johannes Brahms f.
(Allg. Musik-Zeitung. 24. Jahrg. 4. S. 229
— 230 m. Bildn.)
Mars op, Paul: Johannes Brahms. (Die
Gegenwart. 51. Bd. 4. S. 277—280.)
Morin, A.: Johannes Brahms. (Johannes
Brahms. Erlauterung seiner bedeutendsten
Werke v. C. Beyer u. a. Nebst e. Dar-
stellung seines Lebensganges m. besond.
Berttcks. seiner Werke. Von A. Morin.
Frankfurt a. M.: H. Bechhold. 8. S. VII
— XLIV m. Bildn. [Musiker u. ihre Werke.])
Nodnagel, Ernst Otto: Johannes Brahms.
Ein Gedachtniswort. (Das Magazin f. Litte-
ratur. 66. Jahrg. 4. Sp. 469 — 472.)
Reimann, Heinrich: Johannes Brahms.
Berlin: Harmonic 8. VIII, 104 S. m. Bildn.
u. Abb. [BerUhmte Musiker. I.]
St5hle, Karl: Johannes Brahms. (DerKunst-
wart 10. Jahrg. 4. S. 216.)
S5hle, Carl: Johannes Brahms todt! (Mu-
sikal. Wochenbl. 28. Jahrg. 4. S.210— 211.)
Wichmann, H.: Noch ein Beitrag zur
Charakteristik von Brahms. (Allg. Musik-
Zeitung. 24. Jahrg. 4. S. 270—271.)
Widmann, J.V.: Erinnerungen an Johannes
Brahms. Brahms in Italien. (Deutsche
Rundschau. 92. 93. Bd. 8. 92. Bd. : S. 89
— 106; 93. Bd.: S. 120— 141, 210—227.)
WUllncr, F.: Zu Johannes Brahms Ge-
diichtniss. Worte der Erinnerung, ge-
sprochen [bci d. Erinnerungsfeicr d. Con-
servatoriums d. Musik in Kbln]. [Koln:]
Dr. v. M. Du Mont Schauberg. 8. 8 S.
Hbsel, Kurt: Friedrich Brandes. Ein
6*
Biographische Bibliographic
Rezensenten-Problem. In objectiver Dar-
stellung als Selbsthtilfe der Offentl. Be-
urtheilung Ubergeben. Dresden: A. Beyer
i. K. 8. 16 S.
• Dr. Franz Brandner. (S. 356— 358.)
Christian Philipp Heinrich Brandt. [Aus
der Erweckungszeit der bayerischen Landes-
kircbe VIII.] (Allg. Evangel.-Luth. Kirchen-
zeitung. 30. Jahrg, 4. Sp. 199—204.)
•Brausewetter, Landgerichts-Direktor. (S.
219 — 220.)
Professor Dr. Jakob Breitenlohner f. (Cen-
tralblatt f. d. gesammte Forstwesen. 23.
Jahrg. 8. S. 235—239 ro. Bildn.)
Roth, F. W. E.: Adolf von Breithart,
Kanzler zu Mainz, f 149 1. (Gttrres-Ge-
sellschaft. Hist. Jahrbuch. 18. Bd. 8. S.
849-857.)
Jorde, Fritz: Johann Gregor Breuer. Ein
Lebensbild. Elberfeld: J. J. Keller. 8. 48 S.
m. Bildn.
Brandes, Ernst: John Brinckman. (Die
Grenzboten. 56. Jahrg. IV. 8. S.i 17—134,
278-290, 434-435.)
Beste, Johannes: Kirchenrath. (Wilhelm)
Brodkorb f. (Braunschweig. Magazin.
3, Bd. 4. S. 57—60.)
♦Rietsch, Heinr.: Anton Bruckner, Ton
dichter. (S. 302 — 319.)
S 6 h 1 e , Karl : Anton Bruckner. (Der Kunst-
wart. 10. Jahrg. 4. S. 28.)
•Guglia, E.: Alexander Bruckner, Kaiserl.
russ. Staatsrath u. Universitatsprof. i. R.
(S. 36-38.)
♦Guglia, E.: Karl Brunnemann. (S. 44
-450
♦Emil Brunnenmeister. (S. 361 — 364.)
Kriegs-Erlebnisse aus den Feldztigen 1864,
1866, 1870/71 von J. Bubbe, ehemaliger
Vierundzwanziger. Neuruppin: Markische
Zeitung; 8. 2 Bl., 222 S., 1 Bl.
•Dr. Hermann von Buchka, Grossherzogl.
Mecklenburg. Wirkl. Geheimer Rath. (S.
214.)
Christian Friedr. Buchrucker. [Aus der
Erweckungszeit der bayerischen Landes-
kirche. V.] (Allg. Evangel.-Luth. Kirchen-
zeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 100 — 105.)
Ell is sen, H.: Alexander Biichner. Zu
s ein em 70. Geburtstage. (Das Magazin f.
Litteratur. 66. Jahrg. 4. Sp. 1263 — 1266.)
Furchtlos und treu. Aus dem Leben des
verstorbenen Generalsuperint. Dr. Buchsel.
(Schulblatt f. d. Prov. Brandenburg. 62.
Jahrg. 8. S. 408—410.)
Buchsel, C., Gen.-Superint : Erinnerungen
aus d. Leben e. Landgeistlichen. 1. Bd.
8. Aufl. 3. Bd. 4. Aufl. Berlin: Wiegandt
& Grieben. 8. VIII, 312 S.; 327 S.
Buchsel: Erinnerungen aus meinem Berliner
Amtsleben. Bd. 4 der 'Erinnerungen aus
dem Leben e. Landgeistlichen'. 4. Aufl.
Berlin: Wiegandt & Grieben. 8. IV, 176S.
m. Bildn.
Marsop, Paul: Hans v. Billow und die
Musikkritik. I. II. (Sonntagsbeil. No. 1. 2.
z. Voss. Zeitung.)
Thiele, Georg: Hans von Billow als
Schriftsteller. (Die Gegenwart. Bd. 51. 4.
S. 232-234, 249-251.)
*Krauss, Rudolf: Johann Martin Biirkle.
(S. 92-930
♦Burkner, K.: Hugo Burkner. (S. 22*—
42#0
Pauli, Gustav: Der letztc Klassiker des
deutschen Holzschnittes (Hugo Burkner.)
(Die Kunst-Halle. II. Jahrg. 4. S. 177—
1790
Graepp, L. W.: Johannes Bugenhagen.
E. Lebensbild aus d. Reform at ionszeit,
nach hist. Quellen zusammengest. u. neu
bearb. Glitersloh : C. Bertelsmann. 8. 4 Bl.,
118 S.
♦Dr. F. A. Buhl, Gutsbesitzer in Deides-
heim, friiher Mitglied des deutschen Reichs-
tags. (S. 220.)
•Marquardsen: Franz Arm and Buhl. (S.
49#-$3*0
Diederichs, H.: Friedrich Georg von
Bunge. Gedachtnissrede. (Baltische Mo-
natsschrift 39. Jahrg. XLIV. Bd. 8. S. 357
-386.)
Schrattenholz, Josef: August Bungert.
Ein Sendschreiben an ihn. (Die Gegenwart.
51. Bd. 4. S. 166—169.)
Bunkofer, Wilh., Gymn.-Prof.: Mein Aus-
trittausd. rdmischenKirche, denk. Christen
gewidmet Wertheim: (E. Buchheim Nachf.)
8. 38 S.
*Meyer, Alexander: Georg von Bunsen,
deutscher Politiker. (S. 34—36.)
•Eitner, Rob.: Karl Burchard. (S. 114.)
Forst-Direktor Dr. Heinrich Christian Burck-
hardt. (Deutche Forst-Zeitung. XII. Bd. 8.
S. 97 — 100 m. Bildn.)
Zur Erinnerung an Herrn Prof. Dr. Jakob
Burckhardt Basel: C. F. Lendorff. 8. 22. S.
Prof. Jakob Burckhardt, Kunstgeschichts-
forscher, f. (Centralblatt d. Bauverwaltung.
17. Jahrg. 4. S. 364.)
Jakob Burckhardt. (Die Grenzboten. 56.
Jahrg. III. 8. S. 385-390.)
Professor Dr. Jacob Burckhardt in Basel.
(Deutsche Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S.415.)
Go the in, Eberhard: Jakob Burckhardt.
(Preuss JahrbUcher. 90. Bd. 8. S. 1—33.)
Mahly, Jacob: Jacob Burckhardt. (Das
Magazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4. Sp.
1039-1045)
W6lfflin, Heinrich: Jacob Burckhardt.
(Repertorium f, Kunstwissensch. 20. Bd. 8.
s. 341-346.)
Biographische Bibliographic.
Joss, G.: [Amtsrichter Joseph Burkhalter.]
(Briefe von Jeremias Gotthelf [A. Bitzius]
an Amtsrichter Burkhalter. Zu s. loojahr.
Geburtstag 4. Okt. 1897 hrsg. v. G. Joss,
Pfarrer. M. e. Bildn. des J. Gotthelf. Bern:
IC J. Wyss. 8. S. 3-29.)
•Karl Busse, Geh. Ober-Regierungsrath u.
frtlherer Direktor der Reichsdruckerei in
Berlin. (S. 215.)
Koldewey, Friedrich: Joachim Heinrich
Campe. (Westermanns Illustr. Deutsche
Monatshefte. 81. Bd. 8. S. 129 — 149 m. Bildn.
u. Abb.)
Ben rath: Petrus Canisius, der erste
deutsche Jesuit. (Deutsch-evangel. Blatter.
22. Jahrg. 8. S. 789-801.)
Everst Geo: Der sel. P. Petrus Canisius,
S. J., Apostel u. Patron der katholischen
Schulen Deutschlands. Osnabrttck: B. Weh-
berg. 8. 64 S.
Kntfppel, AL: Der sel. Petrus Canisius,
zweiter Apostel Deutschlands. Mainz:
F. Kirchheim. 8. X, 236 S. [Lebensbilder
kathol. Erzieher. VIL]
Leutc, Josef: Die verdienstvolle Thatigkeit
des seligen Petrus Canisius auf dem
Gebiet des Unterrichts- und Erziehungs-
wesens. (Hist.-pol. Blatter f. d. kath. Deutscb-
land. 119. Bd. 8. S. 483— 495.)
Mehler, J. B.: Der sel. Petrus Canisius,
e. Apostel Deutschlands. Nach d. besten
Quellen bearb. Berlin: Germania. 8. 120 S.
[Kathol. Flugschriften z. Wehr u. Lehr.
No. 117.]
Michel, L.: Vie du Bienheureux Pierre
Canisius, Ap6tre de l'Allemagne et de
Fribourg. D'apres le P. J. Boero et des
docum. ined. 111. de nombr. grav. Soc.
de St. Augustin, Desclee, de Brouwer & C
8. 494 S. m. Bildn. u. Abb.
Pfulf, Otto: Der sel. P. Petrus Canisius in
s. tugendreichen Leben dargest. Einsiedeln :
Benziger & C. 8. 126 S. m. 15 Abb.
Raffler, Conr.: Der sel. Petrus Canisius,
S. J., Apostel Deutschlands u. ehemaliger
Domprediger in Augsburg. Eine kurze
Lebensgesch. m. bes. Berticks. seines
Wirkens in Augsburg. 2. verb. Aufl.
Augsburg: Kranzfelder. 8. 71 S.
Boit, W.: Karl Hildebrand Frhr v. Canstein,
der Bibelfreund. Berlin: Ostdeutscher
JUnglingsbund. 8. 16 S. m. Abb. [FUr
Feste u. Freunde d. Inn. Mission. H. 7.]
Rosinski, Adf: Caprivi & Bismarck.
v. Lindheim, Alfred: Erzherzog Carl
Ludwig 1833— 1896. Ein Lebensbild.
Wien: K.K. Hof- u. Staatsdr. 8. VIII, 384 S.
m. Bildn., Abb. u. Taf.
•Weltner, A. J.: Karl Ritter von Carro,
Schriftsteller u. Recitator. (S. 337 — 338.)
G e i g e r , Theodor : Conrad Celtis in seinen
Beziehungen zur Geographic Progr. d.
Luitpold- Kreis-Realsch. in Mtinchen. 4.
42 S.
Kohlschtitter, V.: Ernst Florens Fried-
rich Chladni. Hamburg: Verlagsanst. u.
Dr. A.-G. 8. 45 S. [Sammlung gemein-
verst. wissensch. Vortrage. N. F. Ser. XI.
(H. 261.)]
Kaemmerer, Ludwig: Chodowiecki. Mit
Abb. Bielefeld u. Leipzig : Velhagen & Kla-
sing. 8. 2 Bl., 131 S. [Kunstler-Monogra-
phien. 21.]
•Friedjung, Heinrich: Bohuslav Graf
Chotek, ftsterreich. Diplomat u. Herren-
hausmitgl. (S. 131 — 132.)
• Kr a u s s f Rudolf: Theodor Christaller.
(S. 99.)
Girschner, Wilhelm: Der Wandsbecker
Bote (Matthias Claudius). (Monatsblatter
f. deutsche Litteraturgesch. I. Jahrg. 8.
S. 109 — 122.)
Lapke: Matthias Claudius, ein Volks-
scbriftsteller, in seiner Bedeutung ftir die
Schule. (Schulblatt f. d. Prov. Branden-
burg. 62. Jahrg. 8. S. 42— 58)
Koch, Gunther: Clauren's Einfluss auf
Hauff. (Euphorion. 4. Bd. 8. S. 804—812.)
♦Zimmermann, P.: Heinrich Wilhelm
August Clausz, (S. 401— 402.)
Kappen, Herm. Jos.: Clemens August,
Erzbischof von Koln. Ein Lebensbild.
Mttnster i. W. : AschendorfTsche Buch-
handlung. 8. VIII, 240 S., 1 Bildn.
Professor (Karl Sebastian) Cornelius f.
(Evangel. Schulblatt. 41. Bd. 8. S. 261 —
263.)
Bussler, W.: General- Feldmarschall v.
Courbiere. Kurzgefasstes Lebensbild m.
Anschluss d. Gesch. des nach ihm genannten
2. Posenschen Inf. -Reg. Nr. 19. Gotha:
G. Schloessmann. 8. 25 S. m. Bildn.
Baldensperger, VV. : Karl August Credner.
Sein Leben und seine Theologie. Leipzig:
Veit & C 99 S., 1 Bildn.
Jiilicher: Ein MSrtyrer der Studirstube
(Karl August Credner.) (Die christl. Welt
11. Jahrg. 4. Sp. 968 — 971.)
Wyzewa, Teodor de: Frederic Creutzer
s. de Giinderode.
•Krauss,Rudolf:EmstCurfess.(S.94~95.)
Ernst Curtius (f 11. Juli 1896). (Monats-
schrift f. Deutsche Beamte. 21. Jahrg. 8.
S. 352.)
Broicher, Charlotte: Erinnerungen an Ernst
Curtius. [Aus: Preuss. Jahrbticher.] Berlin:
G. Stilke. 8. II, 50 S.
Christ, VV. v.: Ernst Curtius. (Nekrolog.)
(Sitzungsberichte der philos.-philol. u. d.
histor. Classe der k. b. Akademie d.
Wiss. zu Mtinchen. Jahrg. 1897. Bd. 1.
Mttnchen: Akademie. 8. S, 299—303.)
8*
Biographische Bibliographic
Curtius, Carl: Zur Erinnerung an Ernst
Curtius. Ein Vortrag. LUbeck: Dr. v.
H. G. Rahtgens. 8. i Bl., 29 S.
Fritze, H. v.: Ernst Curtius. (Westermanns
Illustr. Deutsche Monatshefte. 81. Bd. 8.
S. 449—464 m. Bildn.)
Ktfhler, Ulrich: Gedachtnissrede auf Ernst
Curtius. Aus den Abhandlungen d. k&nigl.
Preuss. Akad. d. Wiss. zu Berlin. Berlin:
Kgl. Ak. d. Wiss. ; in Comm. b. G. Reimer.
4. 14 S.
•Michael is, Adolf : Ernst Curtius. (S. 56
—88.)
Plath, Konrad: Ernst Curtius und die Er-
forschung des Deutschen Altertums. Berlin:
W. Hertz. 8. 33 S.
•Posner: O. Curtmann. (S. 411.)
v. Baer, Karl Ernst: Lebensgeschichte
Cuviers, hrsg. v. Ludwig Stieda. [Aus:
Archiv f. Anthropologic] Braunschweig:
F. Vieweg u. Sohn. 8. 125 S.
Z ie Is do rff, Gottfried: Cuvier in Deutsch-
land. (Die Gegenwart. 51. Bd. 4. S. 134
-136.)
♦Weltner, A. J.: Ignaz Czernits, Schau-
spieler u. Theater-Director. (S. 338 — 339.)
M tiller, Otto: Heinrich Damerow. Geb.
28. Dez. 1798. Gest. 22. Sept. 1866. Ein
Lebensbild. (Festschrift anlasslich des 50
jahrig. Bestehens d. Provinzial-Irren-An-
stalt zu Nietleben bei Halle a. S. v. frti-
heren u. jetzigen Aerzten d. Anstalt.
Leipzig: F. C. W. Vogel. 8. S. 1— 6 m.
Bildn.)
Meyer, Johannes: M. Otto Chr. Damius
und sein Catechismus Manuscriptus. (Zeit-
schr. d. Ges. f. niedersachs. Kirchengesch.
2. Jahrg. 8. S. 193—263.)
Kirchenrath Dr. theol. Ludwig Danneel f-
(Allg. Evangel. -LutherischeKirchenzeitung,
30. Jahrg. 4. Sp. 513—5150
Kloss, Erich: George Davidsohn f. (Mu-
sikalisches Wochenblatt 28. Jahrg. 4.
5. 99.)
Rosenberg, Adolf: Defregger. M. Abb.
Bielefeld u. Leipzig: Velhagen & Klasing.
8. 2 Bl., 106 S., 1 Titelbildn. [Ktinstler.
Monographien. 18.]
Schafer, Wilh.: Richard Dehmel. (R.
Dehmel: 20 Gedichte, m. e. Geleitbrief v.
W. Schafer u. d. Bilde des Dichters. Berlin :
Schuster & Loeffler. 8.)
Kagerer: Georg Dengler, geistlicher Rat
u. Domvikar. (Nekrolog.) (Verhandlungen
d. histor. Ver. der Oberpfalz u. Regens-
burg. 49. Bd. 8. S. 288—295.)
*Kagerer: Georg Dengler, geistlicher Rat
u. Domvikar. (S. 399 — 401.)
Gustav Denhardt. (Deutsche Rundschau f.
Geographic u. Statistik. 19. Jahrg. 8. S.
132—134 m. Bildn.)
Unger, W. v.: Feldmarschall Derfflinger.
M. 1 Bildn. u. Skizzen. [Aus: Beiheft z.
Militar-Wochenbl.] Berlin: E. S. Mittler &
Sohn. 8. 137 S.
•Hi Hern, Wilhelmine v. : Johannes Diemer.
(S. 242—243.)
Finke, Heinrich: Zur Erinnerung an Kar-
dinal Melchior von Diepenbrock. 1798
— 1898. Nach ungedr. Briefen u. s. w.
(Zeitschr. f. vaterland. Gesch. u. Alter-
thumskunde. Hrsg. v. Ver. f. Gesch. u.
Alterthumskunde Westfalens. 55. Bd. 8.
S. 218—258.)
Kuhlmann: Heinrich Adolf Diestelkamp.
(Zeugen und Zeugnisse aus d. christl.-
kirchl. Leben von Minden-Ravensberg im
18. u. 19. Jahrh. 2. Heft. Gadderbaum b.
Bielefeld: Anst. Bethel. 8. S. 17—36.)
•Weltner, A. J.: Ludmilla Dietz, geb.
Baumgartner, Schauspielerin. (S. 339—340.)
♦BrUmmer, Franz: Friedrich Dittes, einer
d. bedeutendsten Padagogen der Neuzeit.
(S. 243-245.)
Drewke.H.: (Friedrich) Dittes. Eine Ge-
dachtnisrede. Bielefeld: A. Helmich. 8.
16 S. [Sammlung pSdagogischer Vortragc
IX. Bd. H. 11.]
Frisch, Franz: Dr. Friedrich Dittes. (Bio-
graphien 5sterr. Schulmanner. Hrsg. v. F.
Frisch. 8. S. 204—225.)
Witt ram, Th.: Johann Heinrich Wilhelm
D511en. (Nekrolog.) (Vierteljahrsschrift
d. Astronom. Ges. 32. Jahrg. 8. S. 146
— 154 m. Bildn.)
Sybel, Heinrich v.: Ddllinger s. v. Giese-
b r e c h t.
Witte, Leopold: Ignaz von Ddllinger.
(L. Witte: Aus Kirche u. Kunst. Leipzig:
C. Braun. 8. S. 411—453.)
Nachlese zur D5rpfeld-Biographic (Evangel.
Schulblatt. 41. Bd. 8. S. 3—6, 53-57.
185-188.)
Carnap, Aiina, geb. DOrpfeld: Friedrich
Wilhelm Ddrpfeld. Aus seinem Leben
und Wirken. Von seiner Tochter. Guters-
loh: C Bertelsmann. 8. VIII, 664 S. mit
Bildn.
Schmidt, Hans G.: Fabian von Dohna.
Halle: M. Niemeyer. 8. 1 Bl., 225 S.,
1 Bildn. (Hallesche Abhandlungen z. neu-
eren Gesch. H. 34.)
Schmidt, Hans Georg : Fabian von Dohna.
(Der Bar. 23. Jahrg. 4. S. 399-402 mit
Abb.)
Tetzner, F. : Christian Donalitius und die
Tolminkemische Schulc (Padagog. Blatter
f. Lchrerbildung u. Lehrerbildungsanstalten.
26. Bd. 8. S. 434-443-)
Vetter, Ferdinand: Dranmor s. Schmid,
Ferdinand.
Senatsprasident am Reichsgericht, Wirkl.
Biographische Bibliographic
Geh. Rat, Exc. Dr. Drechsler f . (Deut-
sche Juristen-Zeitung. II. Jabrg. 4. S. 338
-339.)
Kreiten, Wilhelra: Lebrecht Dreves. Ein
Lebensbild. Als Beitrag z. Literatur- u.
Kirchengesch. nach d. handschriftl. Nach-
lass u. d. gedruckten Quellen entworfcn.
Mit Dreves1 Bildn. Freiburg i. B. : Herder.
8. VI S., 1 Bl., 431 S., 1 Bildn.
Fick, W.: Moritz Wilbelm Drobisch f.
(EvangeL Schulblatt. 41. Bd. 8. S. 221
-224.)
Heinze, Max: Moritz Wilhelm Drobisch.
Gedachtnissrede geh. in der konigl. sachs.
Ges. d. Wiss. Leipzig: S. Hirzel. 8. 25 S.
•Hermann, Conrad. : Moritz Wilhelm Dro-
bisch. (S. 133— 135.)
Kupsch, Th. : Zur Erinnemng an Annette
von Droste-Hulshoff. (Monatsblatter f.
deutsche Litteraturgescb. I. Jabrg. 8. S.
164—176.)
Meyer, Richard M.: Annette von Droste-
HUlshofi: (R. M. Meyer: Deutsche Cha-
raktere. Berlin: E. Hofmann & C. 8. S.
138—162.)
Opitz, Richard: Annette Elisabeth von
Droste-Hulshoff. (Blatter f. literar. Unter-
baltung. Jahrg. 1897 L 4. S. 17 — 20.)
Poppenberg, Felix: Annette v. Droste-
Hiilshoff (geb. 10. Januar 1797). I. II.
(Sonntagsbeil. No. 2. 3. z. Voss. Zeitung.)
Rick, P. J.; Annette von Droste-Hulshoff.
(Der Schulfreund. 53. Jahrg. 8. S. 1 — 25.)
Riebemann: Annette von Droste-Httlshoff.
Zum ioojahr. Geburtstage der Dichterin.
(Akadem. Monatsblatter. IX. Jahrg. 4. S.
81-88.)
Treu, Therese: Annette von Droste-Huls-
hoff. Ein Dicbterbild. I— III. (Monats-
scbrift fttr kathol. Lebrerinnen. 10. Jabrg.
8. S. 36—38, 89—92, 170— 175» 224—227,
289—293, m. Bildn.)
Wormstall, Jos.: Annette v. Droste-Huls-
hoff im Kreise ihrer Verwandten u. Freunde.
MUnster: Regensberg. 8. 28 S. mit 30
Abb.
Zottmann, A.: Deutschlands grttsste Dich-
terin [d. i. Annette Frciin von Droste-
Hulshoff]. Ein Jubilaums - Gedenkblatt.
(Frankfurter zeitgemasse Broschilren. N. F.
18. Bd. 8. S. 51-64; H. 2, S. 19-32.)
Emil du Bois-Reymond f. (Der Bar. 23.
Jabrg. 4. S. 65—67 m. Bildn.)
Emil du Bois-Reymond f. (Naturwissen-
schaftl. Wochenschrift 12 Bd. 4. S. 21
— 22 m. Bildn.)
B 6 1 s c b e , Wilbelm : Du-Bois-Rey mond. (Das
Magazin f. Litteratur. 66. Jabrg. 4. Sp. 36
—44-)
Bum, Anton: *EmiI Du Bois-Reymond,
7. November 1818—26. December 1896.
(Wiener Medizin. Presse. 38. Jabrg. 4.
Sp. 25 — 26.)
Epstein, S. S.: Du Bois-Reymond und
die Encyclopaedisten. (Die Gesellschaft
Jahrg. 1897, II. 8. S. 98—104.)
Epstein, S. S.: Emil du Bois-Reymond.
(1818— 1896.) (Westermanns Illustrierte
Deutsche Monatshefte. 82. Bd. 8. S. 303
— 319 m. Bildn.)
Jensen, Paul: Emil Du Bois-Reymond.
Ein Nacbruf. (Die Natur. 46. Bd. 4. S. 53
— 56 m. Bildn.)
♦Rosenthal, J.: Emile Heinrich du Bois-
Reymond. (S. 125— 131).
Scbultz, P.: Emil du Bois-Reymond,
geb. am 7. November 181 8 zu Berlin,
gest. am 26. December 1896 daselbst
(Deutsche Rundschau. 90. Bd. 8. S. 296
—301.)
Chronik der Familie Diirer. M. Diirers
Selbstbildn. v. J. 1493. (Ausgewahlte
Selbstbiographien aus d. 15. bis 18. Jahrh.
Hrsg. v. Christian Meyer. Leipzig: J. J.
Weber. 8. S. 21—40.)
Conway, W.Martin: Diirer's visit to The
Netherlands. (The fortnightly review. 62.
Vol. 8. S. 358-367.)
Kalkoff, Paul: Zur Lebensgeschicbte Al-
brecbt Diirers. (Repertorium f. Kunst-
wissenschaft 20 Bd. 8. S. 443—463.)
Allerlei Bilder aus meinem Leben auf lose
Blatter gezeichnet von W. Duisberg.
Basel: Missionsbucbhandl. 8. 207 S.
Hottinger, R.: Henri Dunant. Ein Abriss
seines Lebens und Wirkens. Entstanden
aus einem unter den Auspizien des Zilrcber
Friedensvereins in Zurich geb. ttffcntl.
Vortrag. Zurich: F. Schultbess. 8. 38 S.
•Brttmmer, Franz: Adolf Ebeling. (S. 194
-I95-)
Buchwald, Georg: D. Paul Eber, der
Freund, Mitarbeiter und Nacbfolger der
Reformatoren. Ein Bild seines Lebens u.
Wirkens. Leipzig: B. Richter. 8. VI, 187
S. m. Bildn. u. Abb.
Ebers, Geo.: Die Gescbichte meines Lebens.
Vom Kind bis zum Manne. Stuttgart:
Deutsche Verlagsanst 8. VIII, 522 S. [G.
Ebers: Gesammelte Werke. Bd. 25.]
Gottschall, Rud. v.: Georg Ebers. (Litte-
raturbilder fin de siecle. 2. Bdchn. 8.)
Wehrmann, M.: Graf Ludwig von Eber-
stein als Postulat von Camin (1469 —
1480). (Monatsblatter. Hrsg. v. d. Ges. f.
Pommerscbe Gesch. u. Altertbumskunde.
11. Jahrg. 8. S. 33-37, 49-54-)
Bienenstein, Karl: Marie von Ebner-
Eschenbach. (Nord u. Sud. 81. Bd. 8. S.
72 — 80 m. Bildn.)
Freidboff, Rud.: Trauerrede auf d. Hin-
scheiden d. bochw. Hrn. Dekans Friedrich
IO*
Biographische Bibliographic
Wilhelm Eckert, Pfarrer in Konigs-
heim. Tauberbischofsheim: F. X. Bott.
8. n S.
Fliedner, Georg: Diakonissin Barbara
Eckhardt. Kaiserswerth : Diakonissen-An-
stalt. 8. 15 S.
♦Holland, H.: Sigmund Eggert, Genre-
maler. (S. 49—50.)
♦Wolkenhauer, VV.: Dr. Johann Jakob
Egli, schweizer. Geograph. (S. 367— 368.)
Lehmann, Rudolf: Friedrich Ehrhart.
(Festschrift z. Feier des ioojahr. Be-
stehens der Naturhist. Ges. z. Hannover.
Goschichte u. 44. — 47. Jahresbericht. Han-
nover: Hahn i. K. 8. S. 98 — 113.)
•Pag el: Karl Eisenlohr, Arzt. (S. 151.)
Schultze, Fr.: Dr. Karl Eisenlohr f* Ne-
krolog. (Deutsche Zeitschr. f. Nervenheil-
kunde. 9. Bd. S. 466—471.)
K op pen, Luise: Erinnerungsblatter an Eli-
sabeth, FUrstin zur Lippe, geb. Prinzessin
zu Schwarzburg - Rudolstadt. Dermoid :
Hinrichs. 8. VI S., 1 Bl., 104 S., 1 Bildn.
Nasemann: Elisabeth Charlotte von der
Pfalz. (Deutsch-evangel. Blatter. 22. Jahrg.
8. S. 198—210.)
Wissowa, Felix: Elisabeth Christine von
Preussen (f 13. Januar 1797). (Sonntags-
beil. Nr. 3 z. Voss. Zeitung.)
•Guglia, E.: Christian d'Elvert. (S. 45—
470
Stahl, Fritz: Erdmann Encke. (Wester-
manns Ulustr. Deutsche Monatshefte. 8 1 . Bd.
8. S. 762—780 m. Bildn. u. Abb.)
Brinzinger: Der Maler Johann Baptist
Enderle von Donauworth (geb. 1724 gest.
1798) und seine Fresken im Augustincr-
kloster zu Oberndorf a. N. (Archiv f.
christl. Kunst. 15. Jahrg. 8. S. 81 — 83.)
Dr. Ernst Engel. (Nekrolog.) (Deutsche
Rundschau f. Geographie u. Statistik. 19.
Jahrg. 8. S. 280-282 m. Bildn.)
•Blenck, E.: Ernst Engel. (S. 221—230.)
Schroder, Karl: Johann Jakob Engel. Ein
Vortrag. Schwerin: Barensprung. 8. 67 S.
m. 1 Bild.
#Poten, B.: Heinrich Peter Franz Wilhelm
Engelhard, Kgl. Preuss. Wirkl.Geh. Kriegs-
rath. (S. no — 112.)
Rust, Agnes: Josef Engelhard. (Die Kunst-
Halle. II. Jahrg. 4. S. 341—342.)
Ernst der Bekenner und die EinfUhrung
der Reformation im Liineburgischen. Als
Festschrift zur 400. Wiederkehr des Ge-
burtstages dieses gottbegnadeten Forderers
der Reformation vom Cellcr Lehrcrver.
Celle: ( Hannover u.Celle: Schulbuchhandl.)
8. 38 S.
Uhlhorn,G.: Herzog Ernst der Bekenner.
Vortrag zur Feier seines 400 jahr. Geburts-
tages, am 27. Juni 1897 in Cellc gehalten.
(Zeitschrift d. Histor. Vereins f. Nieder-
sachsen. Jahrg. 1897. 8. S. 22 — 36.)
Zur Geschichte Herzog Ernsts des Frommen.
1 . Hercog Ernst der Fromme, ein Lebens-
bild. Von A. Zeyss. 2. Ernsts des
Frommen Baumeister. Von M. Berbig.
3. Ein forstwirthschaftlicherVersuch Ernsts
des Frommen. Von H. Hess. Vortrage,
geh. in d. «Vereinigung f. Gothaische Ge-
schichte u. Alterthumsforschung' zu Gotha
am 2. Nov. 1897. Erstes Erganzungsheft
zu den Blattern d. Vereinigung f. Goth.
Gesch. u. Altertumsforschung 'Aus d. Hei-
mat\ Gotha: Th. H. Wechsung Nachf.
8. 32 S.
Wertheim, Karl: Wolfram v. Eschenbach
s. Wolfram.
Die beiden Esper (Friedrich Lorenz Esper
u. Johann Friedrich Esper). [Aus der
Erweckungszeit der bayerischen Landes-
kirche. III.] (Allg. Evangel.-Lutherische
Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 52 — 57.)
Nasemann: Prinz Eugen. (Deutsch-evangel.
Blatter. 22. Jahrg. 8. S. 329—341.)
•Briimmer, Franz: Johann Ludolf August
von Eye. (S. 254—255.)
Eyferth, Bruno, s. Horn, Wilhelm.
*W under: Freiherr Lothar von Faber.
(S. 423-428.)
Flaischlen: Johannes Falk, der Kinder-
freund. Berlin: Ostdeutscher Jtinglings-
bund. 8. 16 S. m. Abb. [Fttr Feste u.
Freunde d. Inn. Mission. H. 6.]
Rademacher,C: Staatsminister DDr. Falk
und die Volksschullehrer. Zum goldenen
Amtsjubilaum des Oberlandesgerichts-
prSsidenten Staatsministers DDr. Paul
Ludwig Adalbert Falk am 30. Marz 1897.
Bielefeld: A. Helmich. 8. 17— 32 S. [Pa-
dagog. Abhandlungen. N. F. I. Bd. Heft 2.]
Wolgast, Heinrich: Gustav Falke. (Nord
u. SUd. 82. Bd. 8. S. 174— 195. M.Bildn.)
Falke, Jac. v.: Lebenserinnerungen. Leipzig:
G. H. Meyer. 8. VII, 366 S. m. Bildn.
Hofrath Jacob Ritter von Falke f. (Deut-
sche Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S.315— 316.)
Jacobowski, Ludwig: Jacob von Falke.
(Blatter fiir literar. Unterhaltung. Jahrg.
1897. I. 4. S. 209 — 211.)
Philip pi, Adolf: AusdenDenkwlirdigkeiten
zweier Kunstforscher. (Sir Joseph Crowe
u. Jakob von Falke). (Die Grenzboten.
56. Jahrg. II. 8. S. 283-290, 324— 33'0
Gustav Theodor Fechner als Humorist.
(Die Gegenwart. 51. Bd. 4. S. 312— 315.)
Bolsche, Wilhelm: (Gustav Theodor) Fech-
ner. Ein Charakterbild. (Deutsche Rund-
schau. 92. Bd. 8. S. 344—369.)
•Posner: Hugo Feck, Professor an der
techn. Hochschule zu Dresden. (S. 411.)
Jahne, Heinrich: Johann Ignaz Melchior
Biographische Bibliographic
II'
von Felbiger. (Biographicn bsterreich.
Schulmanner. Hrsg. v. Franz Frisch. 8.
S. 1-29.)
Rust, Agnes: Fenner. (Die Kunst- Halle.
II. Jahrg. 4. S. 324-325.)
Oberstabsarzt I. Klasse Dr. Joseph Ferber.
Nekrolog. (Kollektaneen-Blatt f. d. Gesch.
Bayerns. 61. Jahrg. 8. S. 132 - 133.)
Wastler, Josef: Erzherzog F e r d i n a n d (von
Steiermark), spater Kaiser Ferdinand II.
(von Oesterreich). (J. Wastler: Das Kunst-
leben am Hofe zu Graz unter den Her-
zogen von Steiermark, den Erzherzogen
Karl und Ferdinand. Graz : Selbstv. ; Univ.-
Buchdr. »Styria«. 8. S. 112 — 199.)
Sartorius, Ernst: Ignatz Aurelius Fcssler,
Kapuziner und Generalsuperintendent. (Die
christliche Welt. 11. Jahrg. 4. Sp. 103
— 108.)
Drews, Arthur: Feuerbach s.r,Wagner,
Richard.
Debof F.: J. G. Fichte'als Prophet einer
nationalen Erziehung. Emmendingen: A.
DBlter. 8. VII, 73 S.
Alte Erinnerungen v. P. H. F(indeisen).
Altenburg: O.Bonde. 8. IV S., 1 Bl., 167 S.
•Puschmann, Th.: Carl Maria Finkeln-
burg. (S. 35o-35i-)
♦Pot en, B.: Karl Ernst Wilhelm Freiherr
von Fircks, kgl. Preuss. Generalmaj. z. D.
(S. 109— no).
Hauffen, Adolf: Fischart-Studien. III.
(Euphorion. 4. Bd. 8. S. I — 1 6, 251— 261.)
•Zimmermann, P.: Caroline Fischer-
Achten. (S. 403 — 404.)
Fischer, Hermann: Erinnerungen an Jo-
hann Georg Fischer von seinem Sohne.
M. e. Portr. in Heliogravure. Tubingen:
H. Laupp. 8. IV, 72 S., 1 Bildn.
Jacobowski, Ludwig: J. G. Fischer. (Das
Magazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4. Sp. 1 — 6.)
Knodt, Karl Ernst: J(ohann) G(eorg)
Fischer als Lyriker. (Monatsblatter f.
deutsche Litteraturgesch. I. Jahrg. 8. S.
443—4630
Steck, Rudolf: Johannes Fischer oder
Pi scat or. Lebensabriss. (R. Steck: Die
Piscatorbibel u. ihre EinfUhrung in Bern
i. J. 1684. Eine Studie z. Vorgesch. d.
schweizerischen Bibclttbersetzung. Rekto-
ratsrede. Bern: Wyss. 8.)
•Zimmermann, P.: Karl Christian Julius
Oskar Fischer. (S. 402—403.)
Windelband, Wilh.: Kuno Fischer u.
sein Kant. Festschrift der »Kantstudien«
z. 50. Doctorjubilaum Kuno Fischers.
Hamburg: L. Voss. 8. 18 S.
Neubaur, Leonhard: Tobias Fleischer.
(Euphorion. 4. Bd. 8. S. 262—272.)
•Eitner, Rob.: Friedhold Fleischhauer.
(S. 1 13-114.)
Theodor Fliedner. I.— V. [Bilder aus der
Erweckungsgeschichte des religios-kirch-
lichen Lebens in Deutschland in diesem
Jahrhundert. 5.] (Allg. evangel.-lutherische
Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 843 —
850, 868-872, 892-895.)
B en dixen, Rudolf: Theodor Fliedner. (R.
Bendixen : Bilder aus der letzten religidsen
Erweckungin Deutschland. Leipzig: DSrff-
ling & Franke. 8. S. 362—403.)
Pet ran, Ernst: Theodor Fliedner, der
Diakonissenvater. Berlin : Ostdeutscher
jUnglingsbund. 8. 16. S. mit Abb. [FUr
Feste u. Freunde d. Inn. Mission. H. 2.]
Dodgson, Campbell: Peter F15tner s.
Schttn.
Lange, Konrad: Peter Flotner, ein Bahn-
brecher der deutschcn Renaissance. Auf
Grund neuer Entdeckungen geschildert.
Berlin: G. Grote. 2. X S., 1 BL, 180 S.,
12 Taf.
»Mein Leipzig lob* ich mir«. Von Theodor
Fontane. I. (Sonntagsbeil. No. 48 z. Vos-
sischen Zeitung.)
Wyzewa, Teodor de: Un romancier na-
turaliste allemand. Theodore Fontane.
(T. de Wyzewa: £crivains etrangers. II.
Serie. Paris: Perrin & C. 8. S. 114— 135.)
Boit: August Hermann Francke. Ein Vater
derWaisen. Berlin: Ostdeutscher JUnglings-
bund. 8. i6S.m.Abb. (Ftir Feste u. Freunde
d. Inn. Mission. H. 4.]
Hartmann, R. J.: August Hermann
Francke. Ein Lebensbild. Calw & Stutt-
gart: Vereinsbuchh. 304 S. [Calwer Fa-
milienbibliothek. Bd. 41.]
Hertzberg, Gustav Friedrich: August Her-
mann Francke und sein Hallisches Waisen-
haus. Halle a. S.: Waisenhaus. 8. 2 Bl.,
164 S., 18 Taf., 1 Bl.
Palmie, Friedrich: Der Pietismus und A.
H. Francke. GUtersloh: C. Bertelsmann.
8. 2BI., 48 S. [Handreichungz.Vertiefung
christlicher Erkenntniss. H. III.]
♦Weltner, A. J. : Dr. Adolf Frankel,
Schriftsteller. (S. 340—341.)
•Alex Franken, Professor der Rechts-
wissenschaft. (S. 221.)
Emmer, Johs: Kaiser Franz Joseph I.
Lfg. 1 — 16. Wien: C. Daberkow. 4. 264 S.
m. Abb. u. 26 Taf.
Klopfer, Karl Ed.: Unser Kaiser. Ein Ge-
denkbuch der sojahr. Regierung, zu^leich
e. Lebens- u. Charakterbild Kaiser Franz
Josefs I. Wien: F. Schirmer. (Lfg. 1 — 13.)
4* 320 S. m. Abb.
Forst, H.: Franz Wilhelm, Bischof von
OsnabrUck s. v. Wartensleben.
Geh. Oberbaurath a. D. Hermann Franz f.
(Centralblatt d. Bauverwaltung. 17. Jahrg.
4. S. 340.)
12'
Biographische Bibliographic
Prochazka, Rudolf Frhr.: Strciflichter ttber
Robert Franz und sein Lied. (Musikal.
Wocbenblatt. 28. Jahrg. 4. S. 3—4.)
Ignaz Frauenhofer, gest. 4. 5. 1897. Ne-
krolog. (Kollektaneen-Blatt f. d. Gescb.
Bayerns. 61. Jahrg. 8. S. 133 — 134.)
Meyer, Richard M.: Ferdinand Freiligrath.
(Sonntagsbeil. No. 4 z. Voss. Zeitung.)
Meyer, Richard M. : Ferdinand Freiligrath.
(R. M. Meyer: Deutsche Charaktere. Berlin ;
E. Hofmann & C. 8. S. 163—176.)
Steiner, Rudolf: Karl Frenzel. Zu seinera
70. Geburtstage. (Das Magazin f. Litteratur.
. 66. Jahrg. 4. Sp. 1511 — 1513.)
Fuchs, G. F.: Johann Philipp Fresenius,
der hi. Schrift Doktor, Konsistorial-Rath
und des Ministerii Senior zu Frankfurt
a. M. Eine Lebensskizze. (»Halte was du
hast.« 20. Jahrg. 8. S. 489—499.)
Veesenmeyer: Rede am Grabe des Geh.
Hofrats Prof. Dr. R. Fresenius. (Protestant.
Monatshefte. 1. Jahrg. 8. S. 301—304.)
Frey, Adolf: Jakob Frey. Ein Lebensbild.
140 S. m. Bildn. (Jakob Frey: Gesammelte
Erzahlungen. V. Bd. Aarau: H. R. Sauer-
lander & C. 8.)
♦Carl von Frey. (S. 358-3590
Bei Gustav Freytag. (Deutsche Rundschau.
90. Bd. 8. S. 343—3570
Gustav Freytag ttber plastische Kunst. (Die
Kunst-Halle. II. Jahrg. 4. S. 134-136.)
Schmidt, Erich: Gustav Freytag als Privat-
docent. (Euphorion. 4. Bd. 8. S. 91 — 98.)
v. Schmidt, Paul: Kurftirst Friedrich III.
(von Brandenburg), als Ktfnig Friedrich I.
und KOnig Friedrich Wilhelm I. [P.
v. Schmidt: Die Hohenzollern als Bildner
und Erzieher des Heeres. IV.] (Jahrbttcher
f. d. deutsche Armee u. Marine. io4.Bd. 8.
S. 219-245.)
Winkelmann, Eduard : Kaiser Friedrich II.
(von Deutschland). Bd. 2. 1228 — 1233.
Leipzig: Duncker & Humblot. VIII, 529
S. (Bd. 1 ersch. 1889.) [Jahrbttcher der
Deutschen Geschichte.]
Mischke, Albert v.: Kaiser Friedrich III.
(von Deutschland). (Hohenzollern - Jahr-
buch. I. Jahrg. 4. S. 7 — 9 m. Bildn.)
Plan ken, G.: Friedrich III. (Kaiser von
Deutschland) s. Wilhelm I., Kaiser von
Deutschland.
v. Schmidt, Paul: Friedrich I. (Konig v.
Preussen) «. Friedrich III., Kurfttrst von
Brandenburg.
Friedrich der Grosse und das Eisenhtitten-
wesen. (Monatsschrift f. Deutsche Beamte.
21. Jahrg. 8. S. 344—349. 373-376.)
Friedrich der Grosse als Gesehichtschrei-
ber. (Schulbl. f. d. Prov. Brandenburg.
62. Jahrg. 8. S. 504— 511.)
Bormann, Geo.: Kronprinz Friedrich v.
Preussen 1730— 1740. Progr. Berlin: R.
Gaertner. 4. 37 S.
Heussel, Adam: Friedrichs des Grossen
Annaherung an England i. J. 1755 u. die
Sendung des Herzogs v. Nivernais nach
Berlin. Giessen: J. Ricker. 8. VIII, 43 S.
[Giessener Studien auf d. Gebiete d. Ge-
schichte. H. 9.]
Httbler: Friedrich der Grosse als Padagog.
(Rheinische Blatter f. Erziehung u. Unter-
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Rtfchling, Carl, u. Rich. Kn6tel: Der
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v. Schmidt, Paul: Kdnig Friedrich II.
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Zimmermann, Paul: Herzog Friedrich
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3,Bd. 4. S. 1—5, 9-I3-)
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& C. 8. S. 114— 119.)
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Fritz s. Friedrich II. Ktfnig v. Preussen.
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Professor der Kirchengeschichte in Zurich.
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Bttchner, Wilhelm: Katharina Frdhiich s.
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D.EmilFrommel. 2. Aufl. Berlin: F. Rtthe.
8. 47 S.
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& C. 8. 16 S. m. Bildn.
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2 Bl., 165 S., 2 Bildn., 8 Taf.
i4'
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Barmen : Wupperthaler Traktat - Ges. 8.
4BI., 141 S., 1 Bildn., 3 Taf.
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Monatsschrift f. d. christl. Deutschland.
54. Jahrg. I. 8. S. 20— 29, 151 — 162.)
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(Die christliche Welt. 11. Jahrg. 4. Sp. 209
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♦Eitner, Rob.: Moritz Fiirstenau. (S. 114
-»50
♦Karl Egon (IV.) Ftirst zu Furstenberg.
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♦Minor, J.: Ludwig Gabillon. (S. 432 —
440.)
Gruhl, E.: Erinnerungen aus dem Leben
des Geh. Ober-Regierungsrats u. Kurators
der Universitat Bonn Dr. Otto Gandtner.
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ges. zu Berlin am 13. Mai 1896. (Zeitschr.
f. d. Gymnasialwesen. 51. Jahrg. 8. S. 1
-24.)
♦Eitner, Rob.: Fricdrich Gartz. (S. 115.)
Ein Gast auf Erden und sein Pilgerlauf in
der Alten und Neuen Welt. Eine Selbst-
biographie, niedergeschrieben fUr seine
Kinder und Kindeskinder von Leopold
Gast. Bd. 2. Gtitersloh: C. Bertelsmann.
8. VI, 503 S. (Bd. 1 ersch. 1894.)
♦ Fricdrich Heinrich Geffcken , Geheimer
Justizrath. (S. 211 — 212.)
Gaedertz, Karl Theod.: Emanuel Geibel,
Sanger der Liebe, Herold des Reiches.
Ein deutsches Dichterleben. M. Abb. u.
Facs. Leipzig: G. Wigand. 8. XII, 412S.)
Warn eke, Paul: Emanuel Geibel in seinen
Beziehungen zu Berlin und zum deutschen
Kaiserhause. (Preussische Jahrbticher.
90. Bd. 8. S. 486—504.)
Wychgram, J.: Emanuel Geibel. (Blatter
far literar. Unterhaltung. Jahrg. 1 897, I.
4. S. 353-3540
♦Holland, H.: August Geiger-Thuring,
Landschaftsmaler. (S. 50 — 51.)
Aus der Selbstbiographie des Lucas Geiz-
kofler. (Ausgewahlte Selbstbiographien
aus d. 15. bis 18. Jahrh. Hrsg. v. Chri-
stian Meyer. Leipzig: J. J. Weber. 8.
S. 132-152.)
Zeiten und Menschen. Erlebnisse und Mei-
nungen v. Rudolph Genee. M. e. Bildn.
d. Vfs. aus d. J. 1868. Berlin: E. S. Mittler
& Sohn. 8. XII, 360 S.
Kttnig, B.Emil: MilitarischeEhrentafel eines
deutschen FUrsten (Herzog Georg II. von
Sachsen-Meiningen-Hildburghausen). (Der
Bar. 23. Jahrg. 4. S. 284—285 m. Bildn.)
Httttemann, Paul: KunOrst Georg Wil-
helm (von Brandenburg) in seiner Stel-
lung zu KOnig Gustav Adolf von Schwe-
den. Ein geschichtlich-kritischer Streifzug.
Witten: R. Grafe. 8. 21 S.
♦Krauss, Rudolf : Ludwig Georgii. (S. 100.)
•Pa gel: Joseph von Gerlach, Arzt (S. 152.)
♦Eitner, Rob.: Adolf Geyer, Kttnigl. Musik-
direktor. (S. 115.)
♦Pot en, B.: Maximilian Ritter von Giehrl,
Kgl. Bayer. Generallieutenant (S. 107 —
108.)
Wieruszowski, A.: Otto Gierke. (Blatter
fur literar. Unterhaltung. Jahrg. 1897, I.
4. S. 145—148.)
♦Dr. Gieschen, Mitglied der BUrgerschaft u.
Rechtsanwalt in Hamburg. (S. 213.)
Sybel, Heinrich v.: (Wilhelm v.) Giese-
brecht und DCllinger. ErSfTnungsrede
zur Versammlung der Historischen Kom-
mission 1890. (H. v. Sybel: Vortrage und
Abhandlungen. Mtinchen u. Leipzig: R.
Oldenbourg. 8. S. 321 — 335. [Historische
Bibliothek. Bd. 3.])
Justi, G. E.: Der Kbniglich preussische Bau-
gewerkschullehrer Herr Martin Girndt in
Idstein im Taunus als Verfasser mathema-
tischer Lehrblicher. Als Manuskript ge-
druckt. Detmold: (Buchdr. Fr. Preuss.) 8.
1 Bl., 18 S.
Ernst Gladbach. (Deutsche Bauzeitung.
31. Jahrg. 4. S. 38—40.)
♦Albert Glatzel, Wirkl. Geh. Ober- Regie-
rungs rath u. President des Preuss. Ober-
landeskulturgerichts. (S. 215 — 216.)
♦Weech, F. v.: Rudolf Gleichauf. S. 394
-396.)
♦Edmund Josef Dejanicz von Gliszczynski,
Generalmajor z. D. u. preuss. Landtags-
abgeordneter. (S. 213 — 214.)
♦Granier, Hermann: Adolf von Gliimer,
Kttnigl. Preuss. General der Infanterie.
(S. 418—420.)
♦ Ferdinand von Gmelin, Reichsgerichtsrath.
(S. 220—221.)
Feldmarschall Graf Neithardt v. Gneisenau.
Ein Bild aus Preussens schwerster Zeit und
ruhmreicher Erhebung. Von Prem.-Licutn.
Biographische Bibliographic
15"
R. 3. Aufl. Barmen: D. B. Wiemann. 8.
31 S. m. Bildn. [Aus dero Reiche ftir das
Reich. H. 3.]
Koch, K.: Gneisenaus Plane zur EinfUh-
rung der Lcibesllbungen an den Schulen
und zur Veranstaltung von Nationalfesten.
(Monatsschrift f. d. Turnwesen. 16. Jahrg.
8. S. 321-329.)
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Preuss. Generals der Infanterie August
v. Goeben. Bd. 2. Mit zahlr. Briefen
Goebens an seine Familie aus den Kriegen
v. 1866 u. 1870/71. M. e. Bildn. in Stahl-
stich. Berlin: E. S. Mittler & Sohn. 8. VIII,
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Dase, Otto: Der vorweimarische Goethe.
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Ehrlich, Moriz: Goethe und Schiller,
ihr Leben u. ihre VVerke. M. 111. Berlin:
G. Grote. 8. 2 Bl., VII, 500 S. m. Bildn.
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J ahrhunderts. (Deutsche Rundschau. 90. Bd.
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in Italien. Th. II: Mittel-Italien. Th. Ill:
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4BI., 186 S., iKt; 4 BL, 194 S., 1 Kt.
(Th. I ersch. 1896.) [Kennst du das Land?
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Moritz Oppenheim. (Berichte d. Freien
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N. F. 13. Bd. 8. S. 61-73.)
Koch, Max: Zur Feier von Goethes Ge-
burtstag. Goethe als religidser Epiker.
(Berichte d. Freiem Deutschen Hochstiftes
zu Frankfurt a. Main. N. F. 13. Bd. 8.
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evangel. Blatter. 22. Jahrg. 8. S. 494 —
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Dierauer, J.: Ernst Gdtzinger, Germanist
u. Historiker. (S. 231 — 235.)
Lab and: Levin Goldschmidt. f. (Deutsche
Juristen-Zeitung. II. Jahrg. 4. S. 296 —
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Pappenheim, Max: Levin Goldschmidt.
M. e. Bildn. Goldschmidts. Stuttgart: F.
Enke. 8. 1 Bl., 49 S., 1 Bildn. (SA. aus
d. Zeitschrift f. d. Gesammte Handelsrecht
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Riesser: L. Goldschmidt. Gedachtnissrede,
gehalten in der Jurist. Gesellsch. zu Berlin.
Nebst e. Bildn. Goldschmidts. Berlin: O.
Liebmann. 8. 58 S., 1 Bildn.
Bendixen, Rudolf: Johannes Evangelista
Gossner. (R. Bendixen: Bilder aus der
letzten religitfsen Erweckung in Deutsch-
land. Leipzig: Dtfrffling & Franke. 8.
S. 167—190.)
•Engesser, Fr.: Theodor Gossweyler,
Grossherzogl. Baudirector. (S. 366.)
Zum hundertsten Geburtstag Jeremias Gott-
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rung an J. Gotthelf. 2. H. Stickelberger:
Ueber die Sprache J. Gotthelfs. M.d. Bildn.
Gotthelfs. ZUrich: E. Speidel. 8. 1 Bl.,
45 S. [Mitteilungen d. Gesellschaft fur
deutsche Sprache in Zurich. Heft II.]
Bart els, Adolf: Jeremias Gotthelf. 1—4.
(Die Grenzboten. 56. Jahrg. III. 8. S. 268
-278, 317—329, 409-416, 502 — 510.)
Gottschall, Rudolf v.: Aus meiner Studen-
tenzeit. (Die Gegeh wart. 52. Bd. 4. S. 214
— 218, 232—236.)
B e r g e r , Karl : Johann Christoph Gottsched.
(Blatter ftir literar. Unterhaltung. Jahrg.
1897, II. 4. S. 465-467.)
Waniek, Gustav: Gottsched und die deut-
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kopf & HSrtel. 8. XII, 698 S.
Wolff, Eugen: Gottscheds Stellung im
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Leipzig: Lipsius & Tischer. 8. VIII, 248 S,
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Hampe, Theodor: Der blinde Landsknecht-
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in Ntirnberg. (Euphorion. 4. Bd. 8. S. 457
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Stoessl, Otto: Ferdinand Gregorovius und
die Grafin Lovatelli. (Die Gegenwart.
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Klaus, B.: Hans Baldung genannt Grien s.
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BUchner, Wilhelm: Grillparzer und Ka-
tharina F r 5 h 1 i c h. (Preussische Jahrbttcher.
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Farinelli, Arturo: Grillparzer und Rai-
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Schwering, Julius: Franz Grillparzer und
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Litteraturgesch. I. Jahrg. 8. S. 299 — 306.)
Speier, Max: Neues von Grillparzer,
Raimund u. Bauernfeld. (Die Gegen-
wart. 51. Bd. 4- S. 355— 3590
Busse, Karl: Herman Grimm und die
deutsche Culturgeschichte. (Die Gegen-
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Sybel, Heinrich v.: Zur Erinnerung an
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Grimm. Ein Lebensbild zugleich als Bei-
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Ehren d. hochw. geistl. Rates Dr. Joseph
Grimm, weil. Prof. d. neutest. Exegese a.
d. Univ. WUrzburg. Zum ersten Jahrestag
seines Todes gewidmet v. Dr. Hermann
Schell u. Dr. Albert Ehrhard. WUrzburg:
A. Gtfbel. 8. S. 1 — 113 m. BildnO
•Holland, H.: Josef Grimm, Dr. Pro-
fessor, der neutestamentL Exegese. (S. 52
—530
Groth, Klaus: Musikalische Erlebnisse. (Die
Gegenwart. 52. Bd. 4. S. 279—285.)
Groth, Klaus: Erinnerungen an Johannes
Brahms s. Brahms.
B artels, Adolf: Klaus Groth. (Die Heimat
7.Jahrg.8.S.n6— 121, 133— 138 m. Bildn.)
Frisch, Wilhelm: August Wilhelm Grube.
(Biographien osterreich. Schulm&nner. Hrsg.
v. Franz Frisch. Wicn: A. Ptchlej's Wwe.
& 8ohn. 8. S. 115— 127.)
Anastasius Griin s. Auersperg.
Klaus, B.: Hans Baldung genannt Grien
oder Grun s. Baldung.
•Krauss, Rudolf: Jacob Grunenwald.
S. 101 — 102.)
Wyzewa, Teodor de: Caroline de G&nde-
rode, et son aventure d* Amour avec
Frederic Creutzer. (T, de Wjrzewa:
Ecrivains etrangers. II. Serie. Paris : Perrin
& C. 8. S. 27— 46.)
f Dr. jur. Otto Gunther, Vorsitzender des
Directoriums d. kftnigl. Conservatoriums
d. Musik zu Leipzig. (Musikal. VVochen-
blatt. 28. Jahrg. 4. S. 505—506.)
Hoffmann, Adalbert: Neues aus dem
Leben von (Johann Christian) GUnthcr.
(A. Hoffmann : Deutsche Dichter im schle-
sischen Gebirge. Warmbrunn: M. Leipelt,
8. S. 51 -88 m. Bildnissen.)
♦Pagel: Karl G&nther, henrorragender
Thierarzt (S. 152—153.)
•Pagel: Wenzel Giintner, Arzt, emerit.
Prof. d. Chirurgie. (S. 153.)
Augustin Guntzers merkwttrdige Lebens-
geschichte. Ein Kulturbild aus dem Jahr-
hundert des 3ojahr. Krieges. Erz&hlt yon
ihm selbst. Barmen : Wupperthaler Traktat-
Ges. 8. 159 S., 1 Bl., 3 Taf. [Banner
BUcherschatz. Bd. 3, 4.]
•Brtimmcr, Franz: Wilhelmine Konstanzc
Guischard. (S. 194.)
•Eitner,Rob: Ferdinand Gumbert. (S. it 60
*Brtimmer. Franz: Hans Christian Emanuel
Gurlitt. (S. 245 -246.)
Bttrckel, Alfred: Gutenberg. Sein Leben,
sein Werk, sein Ruhm. Zur Erinnerung
an die 500jahr. Geburt des Erfinders d.
Buchdruckerkunst fUr weitere Kreise dar-
gest M. 34 Abb. Giessen: E. Roth. 4.
5 BL, 122. S., 1 Bildn.
Umlauft, Friedrich: Vincenz v. Haardt.
(Deutsche Rundschau f. Geographie u.
Statistik. 19. Jahrg. 8. S. 518 f. m. Bildn.)
Haase, Frdr.: Was ich erlebte. 1846— 1896.
(III. ▼. Frdr. Stahl.) Berlin: R. Bong. 8.
203 S.
•Johann Habert, Kirchenkomponist. (S. 162
—166.)
•Krauss, Rudolf: Gustav Hacker. (S. 95
-96.
Frommel, Emil: H&ndel u. Bach. Skizze.
3. Aufl. Berlin: Wiegandt & Grieben. 8.
VI, 44 S. m. Bildern. [E. Frommel: Ge-
samm. Schriften. I.]
Zum fUnfzigjahrigen Dienstjubilttum des
Generals der Kavallerie v. H&nisch,
Chef des Ulanenregiments von Katzler
(Schlesischen) Nr. 2 u. Kommandirenden
Generals des IV. Armeekorps am 16. Juli
1897. (Militar-Wochenblatt. 82. Jahrg. 2 Bd.
4. Sp. 17x7—1720.)
Seeliger, H.: EduardFreiherr vonHaerdtl.
(Nekrolog.) ( Vierteljahrsschrift d. Astronom.
Ges. 32. Jahrg. 8. S. 33—41 m. Bildn.)
Reichard, Max: Franz Haerter. Ein Le-
bensbild aus dem Elsass. Strassburg i. E. :
Biographische Bibliographic
17"
Buchhdlg. d. Evangel. Ges. 8. 135 S.,
1 Bildn.
August Hagen. Einc Gedachtnissschrift zu
seinem hundertsten Geburtstage 12. April
1897. M. e. Bildn. Hagens. Berlin: E. S.
Mittler & Sohn. 8. 256 S., 1 Bildn.
Bunz, P.: Johann Ludwig Hager. Ein
Lebensbild aus den Papieren meines
Grossvaters. M. 3 Ansichten v. MUhl-
hausen. Stuttgart: Buchh. d. Evangel. Ge-
sellschaft. 8. 72 S.
Premierlieutenant Hugo Hahn. (Kollektaneen-
Blatt f. d. Gesch. Bayerns. 61. Jahrg. 8.
S. 134—135.)
Rehbein, Reichsgerichtsrat Dr.: Friedrich
von Hahn f . (Deutsche Juristen-Zeitung.
II. Jahrg. 4. S. 139.)
Direktor ira Reichs-Postamt, Wirklicher Ge-
heimer Rath Hake f. Nachruf. (Archiv
flir Post und Telegraphic. Beihefte z.
Amtsblatt des Reichs-Postamts. 25. Jahrg.
8. S. 291.)
Direktor Karl Hammer f. (Deutsche Bau-
zeitung. 31. Jahrg. 4. S. 376.)
Karl Hammer, Direktor d. Kgl. Kunst-
gewerbeschule in Ntirnberg, f. (Central-
blatt d. Bauverwaltung. 17. Jahrg. 4. S. 347
-348.)
Schlossa r, Anton: Josef Frhr. von Hammer-
Purgstall s. Auersperg.
HugoHanke. (Deutsche Bauzeitung. 31. Jahrg.
4. S. 176.)
Dr. Emanuel Hannak. (Biographien oster-
reich. Schulmanner. Hrsg. v. Franz Frisch.
Wien: A. Pichler's Wwe & Sohn 8. S. 288
— 3370
Friedlander, Max J.: Hans der Maler
zu Schwaz. Nachtrag. (Repertorium fiir
Kunstwissenschaft. 20. Bd. 8. S. 362 —
365.)
Hansjakob, Heinr. : Aus mciner Jugendzeit.
Erinnerungen. 4., verb. u. erweit. Aufl.
Heidelberg: G. Weiss. 8. VII, 287 S. mit
Bildn.
Hansjakob, Heinr.: Aus meiner Studienzeit.
Erinnerungen. 3. verb. u. erweiterte Aufl.
Heidelberg: G. Weiss. 8. VII, 326 S.
(H. Hansjakob: Ausgewiihlte Schriften.
Bd. 2.)
Hansjakob, Heinr.: Aus kranken Tagen.
Erinnerungen. 2., neu durchges. u. verb.
Aufl. M. e. Ans. v. Illenau. Heidelberg:
G. Weiss. 8. 297 S.
•Brlimmer, Franz: Johann Caspar Christian
Georg Harms. (S. 245.)
Bend ix en, Rudolf: Klaus Harms. (R. Ben-
dixen: Bilder aus der letztcn religiosen
Erweckung in Deutschland. Leipzig:
Dbrf fling & Franke. 8. S. 126—146.)
Hase, Friedrich: Geplaudertes. (Die Gegen-
wart. 52. Bd. 4. S. 264—265.)
BiogT. Jahrb. u. Deutucber Nekrolog. 2. Bd.
L i p s i u s , Richard Adeibert : Karl von Hase.
Ansprache an seine Zuhorer, geh. am
Morgen des 6. Januar 1890. (R. A. Lipsius:
Glauben undWissen. Ausgewahltc Vortrage
und Aufsatze. Berlin: C. A. Schwetschke
& Sohn. 8. S. 314-320.)
Schreiner, Heinrich: Leopold Hasner,
Ritter von Artha (Biographien bsterreich.
Schulmanner. Hrsg. v. Franz Frisch. Wien:
A. Pichler's Wwe. & Sohn, 8. S. 226 —
239.)
Sybel, Heinrich, v.: Hans Daniel Hassen-
pflug. (1893). (H. v. Sybel: Vortrage
und Abhandlungen. Mttnchen u. Leipzig :
R. Oldenbourg. 8. S. 216 — 235. [Histo-
rische Bibliothek. Bd. 3.])
Koch, Gttnther: Hauff s. Clauren.
Bartels, Adolf: Gcrhart Hauptmann. Wei-
mar: E. Felber. 8. 4 Bl., 255 S.
Rode, Alb.: Hauptmann u. Nietzsche.
Ein Beitr. z. Verstandnis d. »Versunkenen
Glocke*. Hamburg: J. Haring. 8. 14 S.
Woerncr, U. C. : Gerhart Hauptmann.
MUnchen: C. Haushalter. 8. 3 BL, 82 S.
[Forschungen z. neueren Litteraturge-
schichte. IV.]
Ritter, Henn: Haydn, Mozart, Beet-
hoven. Ein Dreigestirn am Himmel
deutscher Tonkunst. Bamberg: Handels-
Dr. u. Verlagsh. 8. 80 S,
Aus Friedrich Hebbels Tagebtichern. Aus-
wahl. Halle a. d. S.: O. Hendcl. 8. VI S.,
1 Bl., 324 S., 1 Bildn. [Bibliothek der
Gesamtlitteratur des In- u. Auslandes.
No. ion — 1015.]
Regierungs- und Schulrat Hechtenberg f,
(Schulblatt f. d. Prov. Brandenburg. 62.
Jahrg. 8. S. 79-82.)
*Krauss, Rudolf: Gustav Heerbrandt.
(S. 96.)
Kuhlmann: Vom blinden Wilhelm Heer-
mann. (Zeugen und Zeugnisse aus d.
christl.-kirchl. Leben v. Minden-Ravens-
berg im 18. u. 19. Jahrh. Heft 2. Gadder-
baum b. Bielefeld: Schriften-Nicderl. d.
Anst. Bethel. 8. S. 87 — 95,)
Meyer, Richard M.: Viktor Hehn. (R. M.
Meyer : Deutsche Charaktere. Berlin : E. Hof-
mann & C. 8. S. 177 -181.)
Heiberg, Asta: Erinnerungen aus mcincm
Leben. 2. Aufl. Berlin: C. Heymann. 8.
X S., 1 Bl.f 271 S,
Dr. Carl Friedrich Heiberg. (Nachruf.) (Asta
Heiberg: Erinnerungen aus meinem Leben.
2. Aufl. Berlin: C. Heymann. 8. S. 265
—271.)
Steiner, Rudolf: Rudolf Heidenheim.
Gest. am 13. Okt. 1897. (Das Magazin f.
Litteratur. 66. Jahrg. 4. Sp. 1327— 1329.)
Nettelbecks Tochtcr (Luise Heidler).
(Der Bar. 23. Jahrg. 4. S. 366— 368.)
b
1 8*
Biographische Bibliographic
Siegerist, Georg: Ernst Ludwig Heim.
(Geboren am 22. Juli 1747.) (Sonntags-
beil. No. 29 z. Voss. Zeitung.)
Fuchs, Georg: Heinz Heim. (Die Kunst-
Halle. II. Jahrg. 4. S. 49—52.)
Betz, Louis P.: H. Heine und Alfred de
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Zurich: A. Mtiller. 8. VIII, 117 S.
Blind, Karl: Heine tiber d. irische Frage
s. Goethe.
Elster, Ernst: Beitrage zu Heine's Bio-
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des Dichters. I— V. (Deutsche Rundschau.
91.92. Bd. 8. 91. Bd.: S.379— 4o8;92.Bd.:
S. 49-64.)
Elster, Ernst: Heine in England. (Das
Magazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4. Sp. 31
-36.)
Hiiffer, Hermann: Wann ist Heinrich
Heine geboren r (Deutsche Rundschau.
93. Bd. 8. S. 451—460.)
Kaufmann, Max: Heinrich Heines Liebes-
tragbdien. Litterar-histor. Studie. Zurich:
Stern's litterar. Bulletin derSchweiz. 8. 71 S.
Leg r as, Jules: Henri Heine. Poete. Paris:
C. Levy. 8. XXIV, 438 S.
Panizza, Osk.: Die Krankheit Heine's
(z. ioojahr. Wiederkehr d. Geburtstages
Heine's. 13. XII. 1 797.) Zurich : ZtiricherDis-
kuss. 8. 8 S. [ZUricher Diskussionen No. 1.]'
VVyzewa, Teodor de: Henri Heine. Juge
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Ecrivains Strangers. II. Serie. Paris : Perrin
& C. 8. S. 136—144.)
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buch, Ktfnigl. Musikdirector. (S. 1—3.)
Fitte, Siegfried: Kaiser Heinrich IV. und
die Humanisten. I. 1L (Sonntagsbeil.
No. 19. 20. z. Voss. Zeitung.)
Schmitt, Richard: Prinz Heinrich von
Preussen als Feldherr im siebenjahrigen
Kriege. II. Die Kriegsjahre 1760— 1762.
Greifswald: J. Abel. 8. VIII, 322 S. (Tl. I
ersch. 1885 als Greifswalder Dissert)
Schmidt, Berthold: Graf Heinrich VI.
Reuss a. L., Der Held von Zeuta. Grossere
Ausgabe mit Urkundenbelegen. (II — V.
Jahresbericht des Vereins f. Greizer Ge-
schichte zu Greiz. 8. S. 1 — 81.)
Heinrich-Feier. Gedenkblatt an das sojahr.
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1. IX. 1897. (Hrsg. v. Rekt. Sell.) Kiel:
Lipsius & Tischer. 8. 54 S. m. Bildn.
Hertling, Georg Frhr. v.: Zur Erinnerung
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v. Hertling: Klein e Schriften zur Zeit-
geschichte und Politik. Freiburg i. B.:
Herder. 8. S. 520-538.)
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Oberlandesgerichtsrath. (S. 443.)
•Brummer, Franz : Friedrich Helbig.
(S. 251.)
Grttnhagen, C: (Hans von) Held s.
Zerboni.
Heemstede, C. v.: Dr. Friedrich Wilhelm
Helle. Biographisch-litterar. Skizze mit
einigen nicht streng zur Sache gehbrigen,
aber keineswegs UberflUssigen Glossen.
Heiligenstadt (Eichsfeld): F. W. Cordier
8. 63 S., 1 Bildn. [Biographien katholischer
Dichter der Gegenwart. Bdchn I.]
♦Brttmmer, Franz: Clementine Helm,
Jugendschriftstellerin. (S. 247—248.)
Du Bois-Reymond, Emil: Hermann von
Helmholtz. GedBchtnissrede. Leipzig: Veit
& C 8. 80 S.
Hen gs ten berg, H.: Bilder aus dem Leben
des Evangelisten Hengstenberg nebst
einem Anhang seiner Gedichte. Witten a.
d. Ruhr: Stadtmission. 8. 2 BL, 176 S.,
1 Bildn.
Lamprecht, Karl: Karl Hengstenberg.
(K.Lamprecht: Bilder von der roten Erde.
Hamm, Westf.: C Dietrich. 8. S. 31—47.)
Bendixen, Rudolf: Aloys Henhdfer. (R.
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Erweckung in Deutschland. Leipzig : Dbrff-
ling & Franke. 8. S. 191—209.)
F r o m m e 1 , Emil : Dr. Aloys Henhdfer. Ein
sliddeutsches Pfarroriginal. (E. Frommel:
Erzahlungea. Ges.-Ausg. III. Stuttgart:
J. F. Steinkopf. 8. S. 284—374 m. Bildn.)
♦Krauss, Rudolf: Philipp Jacob Wilhelm
Henke. S. 96—98.)
Eggeling, Otto: Wilhelm Henke. (Geb.
^34, gest. 1896.) (Braunschweig. Magazin.
3. Bd. 4., S. 113— 116.)
Wirkl. Geh.-R. Reichsger.- u. Senatspr&s. a. D.
Dr. Henrici: Lebenserinnerungen eines
Schleswig-Holsteiners. Stuttgart: Deutsche
Verlags-Anstalt. 8. VII, 192 S.
Herbart u. die Herbartianer. E. Beitr. zur
Gesch. d. Philosophic und d. Padagogik.
SA. aus d. encyklop. Handb. d. Padagogik
v. W. Rein in Jena, zsgest. aus d. Arbeiten
v. Thilo, FlUgel, Rein, Rude. Langensalza:
H. Beyer & Sahne. 8. 154 S.
Hieronymus, D.: Herbarts Regierungund
Zucht oder Welche Bedeutung hat die von
Herbart durchgefUhrte Unterscheidung von
Regierung und Zucht fUr die Padagogik,
und wie ist sie zu beurteilen? Berlin:
Buchhandlg. d. Deutschen Lehrerzeitung.
8. 27 S.
Maerkel, Paul: Herbart und der Religions-
Unterricht an hoheren Lehranstalten. Progr.
Berlin: R. Gaertner. 4. 28 S.
N eh ring, Adolf: Ueber (Sigmund Frhr. von)
Herberstain und (Augustin) Hirsfogel,
Biographische Bibliographic
19'
Beitrage z. Kenntnis ihres Lebens u. ihrer
Werke. M. 10 Abb. i. Text. Berlin: F.
Dttmmler. 8. VIII, ioo S.
Nehring, A.: Hirsfogel's Beziehungen
zu Herberstain's Werken. (Repertorium
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129.)
Haug, Eduard: Herder s. Mailer, Joh.
Georg.
Lamprecht, K.: Herder und Kant als
Theoretiker der Geschichtswissenschaft.
(Jahrbiicher fllr Nationalbkonomie u. Sta-
tistik. 69. Bd.; III. Folge 14. Bd. 8. S. 161
-203.)
Nirschl, Jos.: Gedachtnis rede auf Cardinal
Joseph Hergenrother bei d. Enthlillungs-
feier seines Grabdenkmals. Bregenz: J. N.
Teutsch. 8. 16 S.
Kirchhoff, Albrecht: Michael Hering's in
Hamburg Verbindungen mit Schweden
(1617). (Archiv f. Geschichte d. Deutschen
Buchhandels. XIX. 8. S. 54— 59.)
Jahne, Heinrich: Franz Herrmann. (Bio-1
graphien bsterreich. Schulmanner. Hrsg. v.
Franz Frisch. Wien: A. Pichler's Wwe &
Sohn, 8. S. 179—186.)
Autobiographie et Journal de Mathias
Hertzog, d'Egisheim, communique par
M. l'Abbe Hoffmann. A. M. P. Ingold:
Miscellanea alsatica. Ill serie. Colmar:
H. Huffel; Paris: A. Picard & f. 8. S. 181
— 1 930
Z oiling, Theophil: Georg Herwegh s.
Wagner, Richard.
•Kohlschmidt: Theodor Herzog, Dekan.
(S. 443—444.)
Erinnerungen aus dem amtlichen Leben des
Wirklichen Geheimen Rats Dr. theol.
Bernhard Hesse in Weimar. Frankfurt a, M. :
M. Diesterweg. 8. 84 S.
S utermeister, Paul: Aus dem Leben einer
Verborgenen (Meta Heusser-Schweizer).
1 — 5. (Die christl. Welt. 11. Jahrg. 4.
Sp. 332—333. 345—348.)
Sauren, Wilh.: Johann Wilhelm Hey, seine
Fabeln und deren Verwendung im Dienste
der Schule. (Der Schulfreund. 53. Jahrg.
8. S. 115— 129.)
Todt: Wilhelm Hey, der Kinderfreund.
(Schulblatt fUr die Provinz Brandenburg.
62. Jahrg. 8. S. 499 — 504.)
So m inert, Hans: J(oseph) Hiebsch. (Pa-
dagog. Blatter ftlr Lehrerbildung und
Lehrerbildungsanstalten. 26. Bd. 8. S.
755—7570
•Weltner, A. J.: Franz Arnold Hirsch,
Schriftstellcr. (S. 341—342.)
Nehring, Adolf: (Augustin) Hirsfogel s.
Herberstain.
Vctter, Ferdinand: f Ludwig Hirzel. (Eu-
phorion. 4. Bd. 8. S. 830—833.)
Aus dem Lebensgang eines evangelischen
Geistlichen undGelehrtenim 17.U. 18. Jahr-
hundert (d. i. Johann Ludwig Hocker,
Prediger u. Geschichtschreiber zu Kloster
Heilsbronn in Mittelfranken.) (Ausge-
wahlte Selbstbiographien aus d. 15. bis
1 8. Jahrh. Hrsg, v. Christian Meyer.
Leipzig: J. J. Weber. 8. S. 187—248.
Der Schluss ist von seinem Schwicger-
sohn und Amtsnachf. Johann Ludwig
Heydenreich. M. Bildn.)
* Franz Xaver Hoermann, Bildhauer. (S. 359.)
•Brtimmer, Franz : Nanny vom Hof. (S. 253
-254.)
Bendixen, Rudolf: Ludwig Hofacker. (R.
Bendixen: Bilder aus der letzten religiosen
Erweckung inDeutschland. Leipzig: DorfT-
ling & Franke. 8. S. 147—166.)
Hacker: E. H. Hoffmann f. (Deutsche
Bauzeitung 31. Jahrg. 4. S. 106—108.)
Marx, A. B.: Zur Beurtheilung E. T. A.
Hoffmann's als Musiker. (Allg. Musik-
Zeitung. 24. Jahrg. 4. S. 413— 414, 433
—434-)
Berg, Leo: Hans Hoffmann als Marchen-
erzahler. (Die Gegenwart. 52. Bd. 4. S. 299
— 30I-)
Beck, Fritz: Die Errichtung des Landgrafl.
Hessen- Darmstadt. Kreis- Regiments i. J.
1697 u. sein erster Kommandeur Hartmann
Samuel Hoffmann von Lowenfeld. Fest-
schrift z. 200 j. Jubilaum des Grosshzgl.
3. Infanterie-Rgts. (Leib-Regiment) No. 117
am 10. Juni 1897. M. e. Titelb. Darm-
stadt: Dr. v. L. C. Wittich. 8. 20 S.,
i Bildn.
Schlecht, Jos.: Der Augustiner Johann
Hoffmeister als Dichter. (Der Katholik.
77. Jahrg., II. 8. S. 188—192.)
Pniower, Otto: Julius Hoffory. (Das Ma-
gazin f. Literatur. 66. Jahrg. 4. Sp. 481
-487.)
Eduard R. v. Hofmann f. 27. Januar 1837
bis 27. August 1897. (Wiener Medizinische
Pressc. 38. Jahrg. 4. Sp. 1112.)
Mittenzweig: Eduard von Hofmann f.
(Zeitschr. f. Medizinal-Beamte. 10. Jahrg.
8. S. 690.)
Aus meinem Leben. Aufzcichnungen des
Prinzen Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen,
weiland General der Artillerie und Gene-
raladjutant Seiner Majestiit des Kaisers
und Kttnigs Wilhelm I. Bd. 1. Vom
Revolutionsjahr 1848 bis zum Ende
des Kommandos in Wien 1856. Nebst
einer Lebensskizze und dem Bildniss
des Verfassers. Berlin: E. S. Mittler
& Sohn. 8. LIII, 379 S., 1 Bildn.,
1 Stammtaf.
♦Kraus, F. H.: Cardinal Hohenlohe. (S. 449
-455-)
b*
20*
Biographische Bibliographic
Rust, Hermann: Reichskanzlcr FUrst Chlod-
wig zu Hohenlohe-SchillingsfUrst und
seine Brtider Herzog von Ratibor (Prinz
Victor Hohenlohe), Cardinal Hohenlohe
(Prinz Gustav Adolf Hohenlohe-Schil-
lingsfUrst) und Prinz Constantin Hohen-
lohe. DUsseldorf: VV. Deiters. 8. XL,
931 S., 4 Bildn.
*Edler, Karl Erdm. : Constantin Prinz zu
Hohenlohe-SchillingsfUrst, erster Oberst-
hofmeister des Kaisers von Oesterreich.
(S. 176 -191.)
Miller, Edm.: Konradin v. Hohenstaufen.
Mit 6 Illustrationen und einem Titelbl. von
Karl Behr, sowie 1 Plane des Schlacht-
feldes v. Tagliacozzo. Berlin : E. Ebering.
8. 108 S. m. 2 Stammtaf. [Lebensbilder
aus der Geschichte. I.]
Kclterborn, Rudolf: Hans Holbein. Sitten-
und Lebensbild aus der Reformations-
zeit. Leipzig u. Zurich: Th. Schroter. 8.
112 S.
Meissner, Franz Hermann: Hans Holbein
der jUngere. Eine Studie. (Westermanns
Illustr. Deutsche Monatshefte. 81. Bd. 8.
S. 314 — 329, 465—477 mit Bildern und
Abbildg.)
Aus der Selbstbiographie des Elias Holl.
(Ausgewahlte Selbstbiographien aus d. 15.
bis 18. Jahrh. Hrsg. v. Christian Meyer.
Leipzig: J.J.Weber. 8. S. 153—186 m.
1 Bildnisstaf.)
Bernhard v. Holleben gen. v. Normann f.
Kdniglich Sachsischer General der Infan-
terie z. D. * 30. Juli 1824 zu Unter-K6ditz
in Schwarzburg-Rudolstadt, f n.Oktober
1897 zu Dresden. (Militar- Wochenblatt.
82. Jahrg. 2. Bd. 4. Sp. 2543—2545.)
Zum Gedachtnis Karl Holsten's. (Der Pro-
testant. 1. Jahrg. 4. Sp. 137— 139.)
H aus rath, Adolf: Karl Holsten. Worte der
Erinnerung, gesprochen bei der Gedacht-
nisfeier am 29. Januar in d. Aula d. Uni-
versitat zu Heidelberg. Heidelberg: O.
Petters. 8. 15 S.
Hbnig, Wilhelm: Rede am Sarge Karl Hol-
sten's. (Protestantische Monatshefte.
1. Jahrg. 8. S. 77— 81.)
Mehlhorn, P.: Zum Gedachtnis Karl Hol-
sten's. 1 — III. (Der Protestant. 1. Jahrg.
4. Sp. 215-218, 231—233, 248—251.)
S torch, O.: Karl von Holtei. Ein Gcdenk-
blatt zum 24. Januar 1898. Waldenburg
i. Schl.: G. Knorrn. 8. 108 S.
•Guglia, E.: Johann Jacob Honegger.
(S. 38-40.)
♦BrUmmer, Franz : Wilhelm Honore. (S.254.)
Herzogl. braunschweig. Gcheimer Kammcr-
rat Ludwig Wilhelm Horn f. (Forst-
wiss. Centralbl. N. F. 19. Jahrg. 8. S. 343
- 345-)
Ludwig Wilh. Horn (Geh. Kammerrath) f.
(Centralblatt f. d. gesammte Forstwesen.
23- Jahrg. 8. S. 338- 339 m. Bildn.)
f Geheimer Kammerrat Wilhelm Horn aus
Braunschweig. (Deutsche Forst-Zeitung.
XII. Bd. 8. S. 268.)
Wilhelm Horn und Bruno Ey ferth f. (Braun-
schweigisches Magazin. 3. Bd. 4. S. 129
-I3I-)
Weinitz, Franz: Theodor Hosemann. E.
kunstgesch. Studie z. Erinnerung an die
90ste Wiederkehr d. Tages seiner Geburt.
Berlin. 8. 21 S. m. Bildn. (S. A. aus:
Schriften d. Ver. f. d. Gesch. Berlins. H.
340
Parisius, Ludolf: Leopold Frciherr von
Hoverbeck(geboren i822tgestorben 1875).
Ein Beitrag z. vaterland. Geschichte. Tl. 1.
M. 3 Bildnissen. Berlin: J. Guttentag. 4 BL,
224 S., 3 Bildn., 1 Facs,
♦Walzel, Oskar F.: Rudolf Graf Hoy os.
(S. 142—147.)
•Scheuermann, W.: Rudolf C. Huber,
Maler. (S. 268—274.)
Geiger, Ludwig: Aus Therese Hubers
Herzensleben. (Westermanns Illustr. Deut-
sche Monatshefte. 81. Bd. 8. S. 623— 642,
714 — 725 m. Bildn. u. Abb.)
Gedan, Paul: Johann Christian Huttner.
Ein Beitr. z. Gesch. d. Geographic (Mit-
teilungen d. Ver. f. Erdkunde zu Leipzig.
8. S. 1 — 370
Zur Erinnerung an die Feier des 25jahr.
Jubilaums des Herrn Pfarrer H.Hugendubel
an der Nydeckkirche in Bern. Sonntags
u. Montags, d. 14. u. 15. II. 1897. Bern:
K. J. Wyss. 8. 39 S. m. Bildn.
♦Conze: Carl Humann. (S. 369—377.)
Dr. Martin Luthers Freundschaft mit Ulrich
von Hutten s. Luther.
Roth, F. W. E.: Johann Huttich. (Eupho-
rion. 4. Bd. 8. S. 772—789.)
H a r t s t e i n, Rudolf: Friedrich Ludwig Jahn's
Staatsexamen. Ein Beitrag zur Lebens-
geschichte des Turnvaters. (Monatsschrift
f. d. Turnwesen. 16. Jahrg. 8. S. 97— 106,
196 — 203.)
M tiller, Ant.: Zur Geschichte (Wenzel) Jam-
nitzers. (Gorres-Gesellschaft. Historisches
Jahrbuch. 18. Bd. 8. S. 857—863.)
♦Briimmer, Franz: Franziska Jarke. (S.259
— 260.)
Spielmann, C: Karl v. Ibell. Lebensbild
e. deutschen Staatsmanns. 1780 — 1834. Mit
zahlr. urkundl. u. brief!. Beilagen, 1 Stamm-
taf. u. 1 Bildn. in Heliograv. Wiesbaden :
C. W. Kreidel. 8. XI, 271 S.
Jehle, Frdr., Stadtpfr.: Antrittspredigt —
m. Leberkslauf — in der Friedenskirchc zu
Stuttgart geh. Stuttgart : Evangel. Gesellsch.
8. 16 S.
Biographische Bibliographic.
2V
Sander, Herm. : Zur Erinnerung an Jakob
Jehly. Innsbruck: Wagner. 8. 31 S.
Riedhauser, J. R. : Georg Jenatsch. Bio-
graphische Skizze mit cinem An hang:
Historische Gedichte. Zum 30ojahr. Ge-
burtstag desselben. Davos: H. Richter.
8. 62 S.
Fulda, Ludwig: Wilhelm Jensen als Lyri-
ker. Zu seinem 60. Geburtstag. (Sonntags-
beil. No, 7 z. Voss. Zeitung.)
Jacobowski, Ludwig: Wilhelm Jensen.
(Das Magazin f. Literatur. 66. Jahrg. 4.
Sp. 161— 164.)
Sosnosky, Theodorvon: Wilhelm Jensen.
(Blatter f.literar.Unterhaltung. Jahrg. 1897,
I. 4. S. 97— 100.)
Frisch, Franz: Asm us Christian Jessen.
(Biographien osterreich. Schulmanner. Hrsg.
v. F. Frisch. Wicn: A. Pichler's Wwe &
Sohn. 8. S. 187—195.)
•Brummer, Franz : Albert Ilg, Kunstschrift-
stellcr. (S. 417—418.)
Meyer, Richard M.: Karl Immermann.
(R. M. Meyer : Deutsche Charaktere. Ber-
lin: E. Hofmann & C. 8. S. 120—127.)
Minor, J.: Epilog zum Jubilaum Immer-
manns. (Das Magazin f. Literatur. 66.
Jahrg. 4. Sp. 7S9-76I.)
W. H. Jobelmann, geboren am 3. Oktober
1800, gestorben am 14. August 1878. (W.
H. Jobelmann u. W. Wittpenning: Ge-
schichte der Stadt Stade. Neubearb. v. M.
Bahrfeldt. Stade : Dr. v. A. Pockwitz. 8.
S. XI-XII.)
Kuhlmann: Jobstharde, der »Tersteegen
Ravensbergs*. (Ein Bauersmann nach dem
Herzen Gottes.) (Zeugen und Zeugnisse
aus d. christl.-kirchl. Leben von Minden-
Ravensberg im 18. u. 19. Jahrh. 2. Heft.
Gadderbaum b. Bielefeld: Anst. Bethel.
8. S. 5-17.)
Baumgarten, Hermann, u. Ludwig Jolly:
Staatsrainister (Julius) Jolly. Ein Lebens-
bild. Tubingen: H. Laupp. 8. VII,
294 S.
Brandes, Wilhelm: Aus den Aufzeichnungen
des Staatsministers Jolly. (Die Gegenwart.
52. Bd. 4. S. 38-41.)
Klages, Ludwig: Wilhelm Jordan. (Die
Gegenwart. 51. Bd. 4. S. 68— 71.)
Bright, J. Frank: Josef II. London:
Macmillan & C. 8. 222 S. [Foreign States-
men.]
Magnette, F.: Joseph II. et la liberte de
l'Escaut. La France et l'Europe. Brlissel:
Lebegue & C. II, 254 S. [Bd. 55 der
Schriften der kgl. belg. Akademie.J
Erinnerung an Gottfried Ischer, Pfarrer in
Mett 1832 — 1896. Der Kirchgemeinde Mett
gewidmet v. einigen Freunden. Biel: (E.
Kuhn). 8. 16 S. m. Bildn.
♦Schlenther, Paul: Marie Kahle geb.
Kessler. (S. 294 — 296.)
Ilwof, Frz.: Franz Freiherr v. Kalchberg
(1807—1890). Sein Leben und Wirken
im Standewesen der Steiermark und im
Dienste des Staates. Graz: U. Moser. 8.
72 S.
v. Danckelmann, Eberhard Frhr: Kant
als Mystiker?! Eine Studie. Leipzig: H.
Haacke. 8. 24 S.
Katzer: Kants Bedeutung f. d. Protestan-
tismus. Leipzig: J. C. B. Mohr. 8. 50 S.
[Hefte z. Christlichen Welt 30.]
Kronenberg, M. : Kant. Sein Leben und
seine Lehre. Mtinchen: C. H. Beck. 8. VII,
312 s.
Lamprecht, K.: Kant s. Herder.
•Wolkenhauer, W.: Dr. Ernst Kapp.
(S. 368.)
Wehrmann, M.: Kaiser Karl IV. in seinen
Beziehungen zu Pommern. (Monatsblatter.
Hrsg. v. d. Ges. f. Pommersche Gesch. u.
Alterthumskunde. 11. Jahrg. 8. S. 113—
121, 130-139, 152 — 157-)
Karl V. und die Fugger. (Die Grenzboten.
56. Jahrg. I. 8. S. 520—526.)
Fitte, Siegfried: Kaiser Karl VII. (Sonn-
tagsbeil. No. 32 z. Voss. Zeitung.)
Aus dem Leben Ktfnig Karls von Ru-
manien. Aufzeichnungen eines Augen-
zeugen. 3. Bd. Stuttgart: J. G. Cotta. 8.
IV, 502 S.
Los-erth, J.: Erzherzog Karl II. und die
Frage der Errichtung e. Klosterrathes f.
Innerttsterreich. Nach d. Acten d. steier-
mark. Landesarchivs. [Aus: Archiv fUr
osterr. Gesch.] Wien: C. Gerold's Sohn i.
K. 8. 97 S.
Wastler, Josef: Erzherzog Karl (II, Herzog
v. Steiermark). (J. Wastler: Das Kunst-
leben am Hofe zu Graz unter den Her-
zogen von Steiermark, den Erzherzogcn
Karl und Ferdinand. Graz: Selbstv.; Univ.-
Buchdr. »Styria*. 8. S. 15—90.)
Baurath Fr. Katz f. (Centralblatt d. Bau-
verwaltung. 17. Jahrg. 4. S. 272.)
♦Posner: August Kekule, Chemiker. (S.412
-414.)
Eine Selbstbiographie Gottfried Kellers aus
dem Jahre 1847. Mit einem Brief an
Staatsarchivar Gerold Meyer von Knonau.
Veroffentlicht von Baechtold. (Sonntags-
blatt des »Bund« No. 1.)
Baechtold, Jak.: Gottfried Keller's Leben.
Seine Briefe u. Tagebtlcher. 3. (Schluss-)
Bd.: 1861 — 1890. Berlin: W. Hertz. 8.
1 Bl., 671 S.
Fasslcr, Osc: Drei Essais. Gottfried Kel-
ler. — Nikolaus Lenau. — Der Stil. St.
Gallen: Fehr. 8. Ill, 66 S.
Huber, Hans H.: Gottfried Keller in seinen
\1
22*
Biographische Bibliographic
Briefen. (Die Gegen wart 51. Bd. 4. S. 150
-1 55-)
Kinzel, Karl: Gottfried Keller und seine
Novellen. (Die Grenzboten. 56. Jahrg. I.
8. S. 444— 451, 488—498, 526—542.)
Nccker, Moritz: Zur Beurtheilung Gottfried
Keller's. (Blatter fttr lite ran Unterhaltung.
Jahrg. 1897. n. 4. S. 513—516.)
Necker, Moritz: Gottfried Kellers Leben.
(Blatter ftir literar. Unterhaltung. Jahrg.
1897, I. 4. S. 241 — 243, 261—264.)
Schott, Sigmund: Aus Gottfried Kellers
Leben. (Beilage zur [Mflnchener] Allgem.
Zeitung No. 81—82.)
Lebensblatter. Erinnerungen aus der Schul-
welt v. Dr. L. Kellner, weiland Geh. Re-
gierungs- und Sen ul rath. M. d. Bilde d.
Vfs. 3. Aufl. (Unverand. Abdr. d. 2., er-
ganzten Aufl.) (Hrsg. v. Prof. Dr. K. A. H.
Kellner.) Freiburg i. B. : Herder. 8. VII S.,
2 Bl., 606 S., I Bildn.
Leineweber, H.f und A. Gdrgen: Dr.
Lorenz Kellner. Ein Gedenkbuch fUr seine
F reunde und Verehrer. Heiligenstadt (Eichs-
feld): F. W. Cordier. 8. VIII, 330 S.,
1 Bl., 2 Bildn., 2 Taf.
Kttmmel, Konrad: Eugen Keppler f. (Ar-
chiv ftir christliche Kunst. XV. Jahrg.
8. S. 45-49, 59-62.)
Krauss, Rudolf: Justinus Kerner. (Blatter
fUr literar. Unterhaltung. Jahrg. 1897, II.
4. s. 769-772.)
•Puschmann, Th.: Josef von Kerschen-
steiner. (S. 351—352.)
v. Hertling, GeorgFrhr: Bischof Ketteler
und diekatholische Socialpolitikin Deutsch-
land. Vortrag. (Histor.-polit. Blatter f. d.
kathol. Deutschland. 120. Bd. 8. S. 873—
900.)
Hans Adolph Kiehne, von 1871 bis 1883
Missionar in Indien. Hermanns burg: Mis-
sionshandlung. 8. 20 S. [Kleine Hermanns-
burger Missionsschriften. No 16.]
Johann Tobias Kiessling. [Aus der Er-
weckungszcit derbayerischen Landeskirche.
II.] (Allg. Evangel.-Lutherische Kirchen-
zeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 31— 35.)
Jahne, Heinrich: Ferdinand Kindermann
Ritter von Schulstein. (Biographicn oster-
reich. Schulmanner. Hrsg. v. Franz Frisch.
Wien: A. Pichler's Wwe & Sohn. 8. S. 30
-550
Mau: Rede zur Begrabnisfeier des Herrn
Johannes Kipp. Kiel: (Chr. Donath.) 8.
2 Bl.
Der Fall des Professors v. Kirchenheim in
seiner Bedeutung f. das badische Beamten-
tum u. die politischen Parteien Badens.
Pforzheim : E. Haug. 8. 32 S.
[Burger, Conrad:] Herrn Dr. Albrecht
Kirchhoff zur Feier des 70. Geburtstages
am 30. Januar 1897. Leipzig: Dr. v. Ramm
& Seemann. 8. 23 S., 1 Bildn. (SA. aus
dem Btirsenblatt f. d. Deutschen Buchhandel
1897, No. 24.)
M tt n z , Bernhard : Fried rich Kirchner. (Briefe
von und fiber Jakob Frohscharamer. Hrsg.
v. B. Munz. Leipzig: G. H. Meyer. 8.
S. 31— 41.)
•Pagel: Moritz Kirstein, Arzt u. Geh. Sa-
nitatsrath. (S. 154.)
♦Pagel: Philipp Jacob Johann Leo Klein,
Arzt u. Geh. Sanitatsrath. (S. 154 — 155.)
Franz Heinrich Kleinschmidt, Ein Missions-
leben aus Sttd-Afrika. 3. Aufl. Barmen:
Missionshaus. 8. 68 S. [Rheinische Mis-
sions-Schriften. No. 81.]
Minde-Pouet, Georg: Heinrich von Kleist.
Seine Sprache und sein Stil. Weimar:
Felber. 8. VIII, 302 S.
M i n d e -Pouet, Georg : Zu Heinrich von Kleist,
(Euphorion. 4. Bd. 8. S. 537 — 545-)
Sadger, J.: Heinrich von Kleist. Eine
pathologische Studie. (Die Gegen wart.
52. Bd. 4. S. 149-153, 169—173.)
Finanzrath Otto Klette in Dresden f. (Deut-
sche Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S. 571 —
572, 599—000.)
Horn, D. : Georg Klingenberg und seine
Schulgemeinde. Ein Bild aus d. niederrhein.
Schulleben. Vortrag. [Aus : Evang. SchulbL]
GUtersloh: C. Bertelsmann. 8. 24 S.
Aus Maximilian Klingers I^eben. (Die Grenz-
boten. 56. Jahrg. IV. 8. S. 29—36.)
Merian, Hans: Max Klinger. (Die Gesell-
schaft. Jahrg. 1897, I. 8. S. 84—99 m«
Bildn.)
Vogel, Jul.: Max Klinger. [Aus: Zeitschr.
f. bildende Kunst.]. Leipzig, Seemann & C.
4. 14 S. m. 2 Taf.
Schmidt, Gg.: Hans Kaspar von Klitzing
der erste Brandenburgische General. Nach
ungedruckten Quellen. M. 3 Abb. (Der
Bar. 23. Jahrg. 4. £• 558-5^0
Schmalenbach, Th.: Der alte Valentin
(d. i. Johann Heinrich Kldpper). (Zeugen
und Zeugnisse aus d. christl.-kirchl. Leben
von Minden-Ravensberg im 18. u. 19. Jahrh.
2. Heft. Gadderbaum b. Bielefeld: Anst.
Betheit 8. S. 95— 107.)
Schulz, W.: Die Wiege eines Geistesheros
(Fr. Gottl. Klopstock). (DerBar. 23. Jahrg.
4. S. 128-131.)
Werneke, Bernh.: F. G. Klopstock. (F.
G. Klopstock: Ausgewiihlte Oden und Ele-
gieen nebst einigen BruchstUcken aus d.
Messias. M. erkl. Anm. u. e. Biographie
des Dichters herausg. v. Dr. B. Werneke.
3. Aufl. Paderborn: F. Schoningh. 8.
[Schoninghs Ausgaben deutscher Klassiker.
Bd. 12.])
Verus, Just: Vater Kneipp, sein Leben u.
Biographiscbe Bibliographic.
23'
sein Wirken. M. e. Anh. Uber s. letzten
Lcbenstage, die Beisetzungsfeierlichkeiten
u. d. Zukunft Wtfrishofens. Kemp ten: J.
KoseL 8. Ausg. A. 2. Aufl. 76 S.m.Bildn.;
Ausg. B. 2. Aufl. 167 S. m. Bildn.
SagmUller: Prof. Dr. Franz Quirin von Ko-
ber, geb. 6. Marz 1821, gest. 25. Januar
1897. (Archiv f. kathol. Kirchenrecht.
67. Bd.; 3. Folge. Bd. 1. 8. S. 417—421.)
Sagmliller: Zur Erinnerung an Prof. Dr.
Franz Quirin von Kober. (Tbeologische
Quartalschrift. 79. Jahrg. 8. S. 569 — 579.)
Rudolf Kdgel. [Rudolf Ktfgel, Emil Frommel,
Wilhelm Baur. J.] (Allg. Evangel. -Lutheri-
sche Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 237
-239.)
Hoffmann, P.: Rudolf Kogel als Dichter.
(Die christl. Welt 11. Jahrg. 4. Sp. 258
— 262.)
•Kohlschmidt: Rudolph K5gel. (S. 285
-287.)
Mayer: Zum GedSchtnis von Rudolf Kftgel.
(»Halte was du hast«. XX. Jahrg. 8. S. 20
-35.)
Sellin: August Kdhler. Nekrolog. (Neue
Kirchl. Zeitschrift. 8. Jahrg. 8. S. 273
- 2970
•Poten, B.: Karl Heinrich Gustav Kdhler,
Kftnigl. Preuss. Generallieutenant z. D.
(S. 106—107.)
Edgar Koenig f. (Oesterreichisch-ungarische
Buchdrucker-Zeitung. XXV. Jahrg. 4. S.459
— 460.)
Hoffmann, Adalbert: Neues aus dem Le-
ben von (Theodor) Kdrner. (A. Hoffmann :
Deutsche Dichter im schlesischen Gebirge.
Warmbrunn: M. Leipelt. 8. S. 89 — 136
m. Bildn.)
Der Oberkirchenrat und Pfarrer K5tzschke.
Eine Darstellung des Disziplinarverfahrens
gegen Herrn Pastor KOtzschke zu Sanger-
hausen. Hrsg. unter Mitw. mehrerer Mit-
glieder eines bes. Ausschusses d. St. Ulrichs-
gemeinde zu Saogerhausen v. P. Scheven.
Erfurt: W. Wellendorf & Sohn. 8. 77 S.
Kornhuber, Andr. : Zur Erinnerung an
Josef Kolbe (n. Mai 1825 — 27. Februar
1897). (Zeitschrift f. d. Realschulwesen.
XXII. Jahrg. 8. S. 321—348 m. Bildn.)
(Auch bes. ersch.)
Bildhauer Prof. Karl Kopp f. (Deutsche
Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S. 128.)
Daun, Berthold: Adam Krafft und die
Ktlnstler seiner Zeit. Ein Beitrag zur
Kunstgeschichte Niirnbergs. M. 48 Licht-
druckbildern auf 10 Taf. Berlin: W. Hertz.
8. 1 Bl., X, 143 S., 10 Taf.
Daun, Berthold: Noch etwas Uber Adam
Krafft. (Repertorium f. Kunstwissenschaft.
20. Bd. 8. S. 366—3730
Geheimer Baurath Theodor Krancke f. (Cen-
tralblatt d. Bauverwaltung. 17. Jahrg. 4.
S. 67.)
Alfred Krasselt. (Musikal. Wochenblatt.
28. Jahrg. 4. S. 362—363 m. Bildn.)
Berling, K.: Der Kursachsische Hofbuch-
binder Jakob Krause. Mit Unterst. d.
Kttnigl. Ministeriums d. Innern. Dresden:
W. Hoffmann. 4. 18 S., 1 Bl., i4 Taf.
Ernst Kreidolf. (Der Kunstwart. 10. Jahrg.
4. S. 123— 124.)
Klinkhardt, Fr.: Gerhard Kremer gen.
M creator. Ein Beitrag zur Wttrdigung des
Reform a tors der Kartographie. (P&dagog.
Blotter f. Lehrerbildung u. Lehrerbildungs-
anstalten. XXVI. Bd. 8. S. 63—70.)
Gymnasialrektor Dr. Kreussler f. (Allg.
Evan gel. -Lutherische Kirchenzeitung. 30.
Jahrg. 4- Sp. 246—249.)
Noch eine Erinnerung an f Professor Dr*
Otto Kreussler. (Allg. Evangel.-Luthe-
rische Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 395
-396.)
Geh. Baurath Eduard Kreyssig f- (Central-
blatt d. Bauverwaltung. 17. Jahrg. 4.
5. 127.)
Grimm: Geheimer Baurath Kreyssig f.
(Deutsche Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S. 164,
174-17SO
P rest el, J.: Eduard Kreyssig, Stadtbau-
meister in Mainz. (Centralblatt d. Bau-
verwaltung. 17. Jahrg. 4. S. 187—188.)
Eitner, Rob.: Adam Krieger. (Monats-
hefte f. Musik-Gescb. 29. Jahrg. 8. S. 45
—49, 61—66, 78-83, 112- 114.)
Eitner, Rob.: Johann Philipp Krieger.
(Monatsbefte f. Musik-Gesch. 29. Jahrg.
8. S. 114— 117.)
•Meyer, Alexander: Adolph Krdber, demo-
kratischer Reichstagsabgeordneter. S. 197
— 199.)
Franz Krolop, Ktinigl. preuss. Kammer- u.
Hofopernsanger, Lehrer an d. K5nigl.
Hocbschule f. Musik. (Chronik d. Kttnigl.
Akad. d. Ktinste zu Berlin. 1896/97. 8. S.85.)
Bogle r, W.: Hartmuth von Kronberg.
Eine Charakterstudie aus der Refonnations-
zeit. M. Bildn. Halle : Ver. f. Reformations-
gesch. ; Commv. v. M. Niemeyer. 8. VI S.,
1 Bl., 96 S., 1 Bildn. [Schriften d. Vereins
f. Reformationsgesch. No 57.]
Adalbert Krueger. (Nekrolog.) (Deutsche
Rundschau f. Geographie u. Statistik.
19. Jahrg. Wien, Pest, Leipzig: A. Hart-
leben. 8. S. 134—135 m. Bildn.)
♦Dr. Daniel Friedricb Kriiger, ausserordentl.
Gesandter u. bevollmachtigter Minister
derFreien u. Hansestadte in Berlin. (S.216.)
Friedrich Adolf Krummacher. [Bilder aus
der Erweckungsgeschichte des religibs-
kirchlichen Lebens in Deutschland in
diesem Jahrhundert. 4.] (Allg. Evangel.-
24*
Biographische Bibliographic
Lutherische Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4.
Sp. 748-752. 775-778, 798—802, 820
-823.)
Bendixen, Rudolf#: Fried rich Adolf Krum-
macher. (R. Bendixen: Bilder aus der
letzten religi&sen Erweckung in Deutsch-
land. Leipzig: Dttrffling & Franke. 8.
S. 3*8—361.)
♦Ratzel, F.: Johann Stanislaus Kubary,
Reisender u. Ethnograph. (S. 324—325.)
(Carl Frhr) Kubeck (v. Kttbau) u. Metter-
nich. Denkschriften und Briefe. Hrsg.
v. Adolf Beer. [Denkschriften d. kaiserl.
Akademie d. Wissenschaften. Philos.-
histor. Classe. 45. Bd. 4. 157 S.]
Kiihne, Kathe, Miss.-Lehrerin : Tagebuch-
blatter, beschrieben wabrend der J. 1891
bis 1895 in Sttdafrika. 2. Aufl. Berlin:
Evang. Missionsges. 8. no S. m. Abb.
Zum Gedachtnis an den Heimgang des
Pfarrers Karl Kuhlmann, Hirten u. Seel-
so rgers der evang.-lutheriscben Gemeinde
zu Werther, gest. am 9. Januar 1897.
Gadderbaum b. Bielefeld : Schriften-Nieder-
lage d. Anstalt Bethel. 8. 40 S. einschl.
1 Bildn.
♦Poten, B.: Franz Freiherr Kuhn von
Kuhnenfeld, K. u. K. Feldzeugmeister.
(S. 104—106.)
Kuhlmann: Karl Ludwig Kunsemiiller
und die Erweckungszeit im Kreise Lub-
becke und besonders in der Gemeinde
Oldendorf. (Zeugen und Zeugnisse aus d.
christl.-kirchl. Leben von Minden-Ravens-
berg im 18. u. 19. Jahrh. 2. Heft. Gadder-
baum b. Bielefeld: Anst. Bethel. 8. S. 36
-490
Seraphim, Ernst: Der Feldoberst Klaus
Kursell und seine Zeit. Ein Bild Esth-
lands in der ersten Zeit schwedischer
Herrschaft. Reval: F. Kluge. 8. X S.,
2 BL, 168 S.t 3 Bl. [Bibliothek Liv-
landischer Geschichte. Bd. 1.]
Bienenstein, Karl: Isolde Kurz. (Die
Gegenwart. 51. Bd. 4. S. 328 — 331.)
Krauss, Rudolf: Isolde Kurz. (Deutsche
Rundschau. 92. Bd. 8. S. 300—303.)
•Friedjung, Heinrich: Josef Freiherr von
Kutschera - Eichlandt (S. 131.)
♦Kohlschmidt: Otto de la Croix, Dr.
thcol., Consistorialprasident u. Oberregie-
rungsrath. (S. 441.)
Web sky, Julius: Georg Langin f. (Pro-
testant. Monatshefte. I. Jahrg. 8. S. 419
—420.)
Web sky, J.: Georg Langin f. (Der Pro-
testant. 1. Jahrg. 4. Sp. 728—730.)
Meyer, Richard M.: Paul de Lagarde. (R.
M. Meyer: Deutsche Charaktere. Berlin:
E. Hofmann & C. 8. S. 197-212.)
* G o 1 1 h e r , W. : Ludwig Laistner. (S. 1 42.)
•Lamey, D.: August Lamey. (S. 266—268.)
* Ferdinand Freiherr von Lamezan, deut-
scher Generalkonsul in Antwcrpen. (S. 210
—211.)
Rudolf Lange und die Feier seines 80. Ge-
burtstages. (M.2Abb.) (Der Bar. 23. Jahrg.
4. S. 292 — 294.)
Aus dem Leben des Oberforstmeisters (Jo-
hann Georg) von Langen. (Deutsche
Forst-Zeitung. 12. Bd. 8. S. 650—652.)
•Holland, H.: Diedrich Langko, Land-
schaftsmaler. (S. 53—54.)
Seilliere, Ernest: Etudes sur Ferdinand
Lassalle, fondateur du parti socialiste
allemand. Paris: E. Plon, Naurrit & C
8. XVI, 398 S., 1 Bl.
Erinnerungen an Josef Freiherrn von Lass-
berg. (Monatsblatter f. deutsche Literatur-
gesch. I. Jahrg. 8. S. 258—266.)
* Hans Lassen, Gutsbesitzer, fruherer preuss.
Landtagsabgeordneter. (S. 218.)
Will, C: Paul Joseph Laux. (Nekrolog.)
(Verhandlungen d. histor. Vereines der Ober-
pfalz u. Regensburg. 49. Bd. 8. S. 285 —
287.)
Funck, Heinrich: Lavater und Cagliostro.
(Nord und Sttd. 83. Bd. 8. S. 41— 63.)
Haug, Eduard: Aus dem Lavater* schen
Kreise s. M it 1 1 e r , Joh. Georg.
MUller, Gust Adf: Aus Lavaters Brief-
tasche. Neues v. Johann Kaspar Lavater.
Ungedruckte Handschriften nebst anderen
Lavater -Erinnergn. m. Facsms. hrsg. Mttn-
chen: Seitz & Schauer. 8. 81 S.
Nord en, J.: Ein neuer Farbensymboliker
(Melchior Lechter). (Beilage z. Baltischen
Monatsschrift. Bd. 44. 8. S. 25—33.)
Schur, Ernst: Melchior Lechter. (Ausstel-
lung im Salon Gurlitt in Berlin.) (Die
Gesellschaft Jahrg. 1897, I. 8. S. 375—
390.)
V a h 1 e n : Leibnitz als Schriftsteller. (Sitzungs-
berichte der Kdnigl. Preuss. Akad. d. Wiss.
zu Berlin. Jahrg. 1897. II. 8. S. 687—701.)
Diakonissin Martha Leistert (1866— 1897).
(Der Armen- u. Kranken-Freund. 49. Jahrg.
8. S. 131 f.)
St ore k, Karl: Otto v. Leixner. Eine Stu-
die. Berlin: Schall & Grund. 8. 72 S.,
1 Bildn.
Fassler, Osc: Nikolaus Lenau s. Keller.
W ein rich, O. F.: Lenau' s Geburtsort. (Die
Gegenwart. 52. Bd. 4. S. 75—77.)
Franz von Lenbach als Erzieher. Zum 60. Ge-
burtstag. Von Ernst v. der Isar. (Die
Kunst-Halle. II. Jahrg. 4. S. 83—84.)
An wand, O.: Beitrage zum Studium der
Gedichte von J. M. R. Lenz. MUnchen:
(K. SchUler.) 8. 118 S.
Meyer, Richard M.: Jakob Michael Rein-
hold Lenz. (R. M. Meyer: Deutsche Cha-
Biographische Bibliographic
25'
raktere. Berlin: E. Hofmann. 8. S. 105—
"30
•BrUmmer, Franz: Ludwig Lenz. (S. 253.)
Tito: Reinhokl Lepsius. (Preussische Jahr-
bticher. 90. Bd. 8. S. 524—527.)
Braun, Jul. W. : Lessing im Urtheile seiner
Zeitgenossen. 3. Bd. Berlin: F. Stahn. 8.
XI, 178 S.
August Wilhelm Leu. (Chronik d. Kflnigl.
Akad. d. KUnste zu Berlin. 1S96/97. 8.
S. 85-87.)
Ernst, Adf Wilh. : Ncue Beitrage zu Hein-
rich Leuthold's Dichterportrait. M. 49 Orig.-
Uebersetzgn. u. m. literarhistor. Aufsatzen
Leutholds. Hamburg: C. Kloss. 8. Ill,
126 S.)
Klaus, B.: (Gottlob) Emanuel Leutze. (B.
Klaus: Gmtinder KUnstler. II. 16. in:
Wlirttembergische Vierteljahrshcfte f. Lan-
desgcschichte. N. F. V. Jahrg. 8. S. 323
-326.)
•Wolkenhauer, W.: Rudolf Leuzinger,
Schweizer Lithograph u. Kartograph. (S.
3690
•Meyer Levy, Justizrath, Rcchtsanwalt und
Notar. (S. 218-219.)
Lcwald, Fanny: Lebenscrinnerungen. I — IIL
(Westermanns Illustr. Deutsche Monats-
hefte. 82. Bd. 8. S. 440—454, 616 — 631,
702 — 726.)
•Pagel: Georg Richard Lewin, Arzt, Pro-
fessor d. Hautkrankheitcn. (S. 155 — 156.)
♦Dr. Otto Fr, Maximilian von Liebeherr,
Vizekanzler der Universitiit Rostock. (S.
217.)
Walle, Peter: Geheimrath Professor Wil-
helm Liebenow f. M. Portr. (Der Bar.
23. Jahrg. 4. S. 487.)
Norden, J.: Max Liebermann. (Beilage z.
Baltischen Monatsschrift. Bd. 44. 8. S. 291
—300.)
•Friedjung, Heinrich: Georg Lienbacher,
osterreich. Abgeordneter. (S. 347 — 350.)
Binder, Franz: Erinnerungen an Emilie
Linder (1 797— 1S67). Zum Saculargedacht-
niss ihrer Geburt. MUnchen: J. J. Lentner.
8. 2 BL, 96 S., 1 Bl.
Friscb, Franz: Dr. Gustav Adolf Lindner.
(Biographien osterreich. Schulmanner. Hrsg.
v. F. Frisch. Wien: A. Pichler's Wwe &
Sohn. 8. S. 240—248.)
Graf Ernst zur Lippe-Biesterfeld, der
gegenwartige Regent und demnachstige
Thronfolger im FUrstenthum Lippe. M.
3 Abb. (Der Bar. 23. Jahrg. 4. S. 519
-521.)
•Frieda Freifrau von Lipperheide. (S. 137
— 1 39-)
Lessing, J.: Frieda von Lipperheide. M.
Portr. (Der Bar. 23. Jahrg. 4. S. 499 —
502.) (Der »Modenwelt« entn.)
Zur Erinnerung an Friedrich List. (Archiv
ftir Post und Telegraphic. Beihefte zum
Amtsblatt des Reichs-Postamts. 25. Jahrg.
8. S. 28—30.)
So linger, Rudolf: Friedrich List, (f 30.
November 1846.) Sein Stil. (Zeitschr.
fUr deutsche Sprache. 10. Jahrg. 8. S.
383-388.)
Zum fUnfzigjahrigen Dienstjubilaum des Ge-
neraloberstcn der Kavallerie Frhrn. v. Loe.
fMilitSr-Wochenblatt. 82. Jahrg. 1. Bd.
4. Sp. 965-972, 983, 1015.)
Stenglcin: Reichsgerichtsrat a. D. Oskar
Loebell f. (Deutsche Juristcn-Zeitung.
II. Jahrg. 4. S. 99.)
Bauer: Elbstrombaudirector Geh. Baurath
Jakob Loenartz f. (Centralblatt der Bau-
verwaltung. 17. Jahrg. 4. S. 516.)
Niggli, A.: Karl Lowe, der Meister der
Ballade. Ein Gedenkblatt zur 100. Wieder-
kehr seines Geburtstages, 30. XI. 1896.
ZUrich: Fasi & Beer. 4. 31S. m. 1 Bildn.
[85. Ncujahrsblatt d. allg. Musik-Ges. in
ZUrich auf d. J. 1897.]
Zitelmann, K.: Karl L5we s. Schubert
Franz.
Beck, Fritz: Hartmann Samuel Hoffmann
von Lowenfeld s. Hoffmann.
Lang, W.: Rudolf Lohbauer. (WUrttem-
bergischc Vierteljahrshefte fUr Landes-
geschichte. N. F. V. Jahrg. 8. S. 149—
188.)
•Pag el: Emil Lommer, Generalarzt I. Kl.
u. Korpsarzt des IV. Armeekorps. (S. 156.)
•Otto Ferdinand Lorenz, Konigl. preuss.
Oberbaudircktor u. vortr. Rath im Mini-
sterium d. offend. Arbeitcn. (S. 217.)
Lorm, Hieronymus: Personliche Eindrticke.
(Die Gegenwart. 52. Bd. 4. S. 390 — 393.)
Hertling, Georg Frhr v.: Zur Erinnerung
an Karl August Lossen. Rede, gehalten
zur Erbffnung der 17. General versamm-
lung der Gorres - Gesellschaft in Fulda
am 2. October 1895. (G. Frhr. v. Hert-
ling: Kleine Schriften zur Zeitgeschichte
und Politik. Freiburg: B. Herder. 8. S.
550-561.)
Br an des, Wilhelm: Ein Professor und Jour-
nalist (FerdinandLotheissen). (Die Gegen-
wart. 51. Bd. 4. S. 75 — 76.)
Kir stein, A.: Hermann Rudolf Lotze, ein
Reprasentant der modcrnen deutschen
Philosophic (Der Katholik. 77. Jahrg. II.
8. S. 289—308.)
Kronenberg, Moritz: Zum Gedachtnisse
Lotzes. (Geborcn am 21. Mai 18 17.) (Sonn-
tagsbeil. No. 21 z. Voss. Zeitung.)
•Briimmer, Franz: Franz Ludorff. (S. 248.)
Hertling, Georg Frhr v.: Gediichtnissrede
auf Konig Ludwig L, gehalten bei der
Centenarfeier im Jahre 188S im katholi-
26*
Biographische Bibliographic
schen Casino zu Miinchen. (G. Frhr.
v. Hertling: Kleine Schriften zur Zeit-
geschichte und Politik. Freiburg i. B.:
Herder. 8. S. 492 — 520.)
Beyer, C: Ludwig II., Konig von Bayern.
Ein Charakterbild nach Mitteilungen hoch-
stehender und bekannter Persflnlicbkeiten
und nacb anderen authentischen Quellen.
Des Ktfnigs Aufenthalt am Vierwaldstatter-
see und sein Verkehr mit Josef Kainz.
Mit Portr. Ludwigs II. in Lichtdruck u.
29 weiteren Illustrationen. 3. Aufl. Leipzig:
G. Fock. 8. 176 S.t 1 Bildn.
Forster, J. M.: Prinz Ludwig von Bayern.
Biographie und Reden Sr. K&nigl. Hoheit
des Prinzen Ludwig von Bayern. 2. verm.
Aufl. Miinchen: E. Pohl. 8. 122 S., 1 BL,
1 Bildn.
Knillc, Otto: Zur Erinnerung an Heinrich
Ludwig. (Die Gegenwart. 52. Bd. 4. S. 185
-187.)
Prof. Dr. Karl von Lutzow f . (Deutsche
Bauzeitung. 31. Jabrg. 4. S. 216.)
Karl v. Lutzow, Prof. d. Kunstgesch. zu
Wien, f- (Centralblatt d. Bauverwaltung.
17. Jahrg. 4. S. 196.)
Schmid, M.: C. von Lutzow f. (Das Ma-
gazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4. Sp. 548
—549)
B a i 1 1 e u , Paul : Aus der Brautzeit der Konigin
Luise. (Hohenzollern-Jahrbuch. 1. Jahrg.
4. S. 187-195.)
Felseneck, Marie v., (Maria Mancke): K6-
nigin Luise. Ein Lebensbild, nach authent.
Quellen bearb. Berlin: A. Weichert. 8.
160 S. m. Bildern.
Geyer, Otto: Konigin Luise. Ein Lebens-
bild. Leipzig: P.Beyer. 8. 32 S.
Roc"hling, Carl, u. W. Friedrich: Die
Konigin Luise (v. Preussen) in 50 (farb.)
Bildern. 12. bis 18. Taus. Berlin: P. Kittel
Nachf. qu. 4.
Heidenstam, O. G.: Une soeur du Grand
Frederic. Louise-Ulrique Reine de Suede.
Avec une introduction de M. Rene Millet,
Ancien Ministre de France a Stockholm.
Portr. en heliogr. Paris: E. Plon, Nounrit
& C. 8. 3 BL, Vin, 472 S.f 1 Bildn.
Frisch, Franz: Dr. Josef Lukas. (Biogra-
phien bsterreich. Schulmanner. Hrsg. v.
F. Frisch. Wien: A. Pichler's Wwe & Sohn.
8. S. 281 — 287.)
Dr. Martin Luthers Freundschaft mit Ulrich
von Hut ten. (Der Katholik. 77. Jahrg.
II. 8. S. 325-3350
Bohtlingk, Arth.: Doctor Martin Luther
und Ignaz v. Loyola. Eine geschichti.
Parallele. Heidelberg: J. Horning. 8.
48 S.
Ehrecke, G.: Dr. Martin Luther und seine
Kathe. Ein Familienbild f. alleVolkskreise.
C6thcn: Schriftenniederl. d. evangel. Ver-
einshauses. 8. 30 S.
Ehwald, R.r Luther s. Melanchthon.
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70. Jahrg. 8. S. 641 — 667.)
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deutsche Manner. Festrede, geh. am 8. Nov.
1896 beim Lutherfest des Evang. Bfirger-
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(Pfanrer Lie. Everling: Vaterlandisches u.
Evangelisches aus Crefeld. Crefeld: Dr.
v. Kramer & Baum. 8. S. 5 — 16.)
Fauth, Franz: Dr. Martin Luthers Leben,
dem deutschen Volke erzahlt. Mit 25 Ori-
ginal-Abb. v. Eduard Kaerapffer. Leipzig:
G. Freytag. 8. 4 Bl., 228 S.
Hausrath, Adolf: Alexander und Luther
auf dem Reichstage zu Worms. E. Beitrag
zur Reformationsgeschichte. Berlin: G.
Grote. 8. 4 Bl., 392 S.
Kawerau, G.: Luther s. Melanchthon.
Kbstlin, J.: Zur Frage uber Luthers Grab.
(Theolog. Studien u. Kritiken. 70. Jahrg.
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Kuhn, F. : Les recentes polemiques sur la
mort de Luther (18. fevr. 1546). (Soc.
de Thist. du protestantisme frang. Bulle-
tin histor. et litter. 46. T. 8. S. 57—71.)
Kuhn, Felix: Luther s. Melanchthon.
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Stadt Berlin zum 10, November 1883. M.
e. Titelbilde. 3. verb. Aufl. Berlin: R.
Gaertner. 8. 2 BL, 224 S., 1 Bildn.
Lorrenz, L. B.: La fin de Luther d'apres
les dernieres recherches historiques. 3. ed.,
revue et considcrablement augmentee.
Paris: V. Retaux & f.; Bruxelles: Soc. beige
de librairie. 8. VII, 210 S., 1 Bildn.
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des religiOsen, geistigen, bUrgerlichen und
nationalen Lebens unseres Volkes. (Schul-
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62. 8. 61 (1896): S. 61—78, 244—260;
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Ruete, H.: Luther s. Melanchthon.
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M. Niemeyer i. Komm. 8. 27 S. [Schrif-
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Solle, R. W.: Reformation u. Revolution.
Der deutsche Bauernkrieg u. Luthers Stel-
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Biographische Bibliographic
27*
Komtn. 8. 82 S. [Schriften f, d. deutsche
Volk. H. 31/32.]
Tlirk, G.: Luthers Romfahrt in ihrer Be-
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Mich.-Progr. d. Filrsten- u. Landesschule
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E. Kinkicht & Sohn. 4. 39 S.
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blindung. 1. u. 2. Taus. Heidelberg: J.
Horning i. Komm. 8. II, 106 S.
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(Musikal.Wochenblatt. 28. Jahrg. 4. S.526
— 527, 544—545. S6*— 563 m. Bildn.)
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soph (Philipp Mainlander, recte Batz).
(Das Magazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4.
Sp. 818—820.)
Meyer, Justizrat: Justizrat Hermann Ma-
kower f. (Deutsche Juristen-Zeitung.
II. Jahrg, 4. S. 162.)
Theobert Maler. (ipeutsche Rundschau f.
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—88 m. Bildn.)
Hertling, Georg Frhr. v.: Hermann von
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ling: Kleine Schriften zur Zeitgeschichte
und Politik. Freiburg i. B.: Herder. 8.
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Gesch. u. Alterthtimer d. Grafschaft Mans-
feld zu Eisleben. 11. Jahrg. 8. S. 122 —
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Doniel, Henri: M. Thiers, le Comte de
St.-Vallier, le general de Manteuffel. La
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cuments in<5dits. Paris : Colin & C. 8. XVI,
452 S.
Tagebuch des Grafen Gotthard Manteuffel,
geftthrt wahrend seiner Reise aus Livland
nach Deutschland im Jahre 1783. Hrsg.
v. G. Wrangell. (Beilage zur Baltischen
Monatsschrift. Bd. 44. 8. 8.317 — 336.)
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Halle. n. Jahrg. 4. S. 68.)
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(Biographienttsterreich. Schulmanner. Hrsg.
v. Franz Frisch. Wien: A. Pichler's Wwe.
&Sohn. 8. S. 106 ff.)
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a. Main. Frankfurt a. M.: Gebr. Knauer.
8. S. CXLV— CXLVIII m. 1 BUdn.)
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Hofe zu Graz unter den Herzogen von
Steiermark, den Erzherzogen Karl und
Ferdinand. Graz : Selbstv. ; Univ.-Buchdr.
»Styria«. 8. S. 91 — ill.)
B r i g h t , J. Frank : Maria Theresia. London :
Macraillan & C. 8. 224 S. [Foreign Sta-
tesmen.]
Nasemann: Maria Theresia. (Deutsch-
evangel. Blatter. 22. Jahrg. 8. S. 391 —
404.)
Thamhayn, Willy: Zur Lebens- und Fa-
miliengeschichte Fr. Wilh. Marpurg's.
(Monatshefte f. Musikgesch. 29. Jahrg. 8.
S. 105 — 112.)
Heinrich von Marquardsen f. (Deutsche
Juristen-Zeitung. II. Jahrg. 4. S. 488.)
Brausewetter, Ernst: Emil Marriot s.
Mataja.
Wittmann, Max. Emil: Marschner. Leip-
zig: Ph. Reclam jun. 8. 119 S. [Musiker-
Biographien. 20. Bd, Universal-Bibliothek.
No. 3677.]
Brandt, L. O.: Karl Marx. (Blatter fiir
literar. Unterhaltung. Jahrg. 1897, II. 4.
S. 737-7390
Lange, Ernst: Karl Marx als volkswirt-
schaftlicher Theoretiker. (Jahrbilcher f.
Nationaldkonomie u. Statistik. Bd. 69.
3. Folge. Bd. 14. 8. S. 540—578.)
Walcker, Karl: Karl Marx. Gemeinver-
standliche, krit Darlegung seines Lebens
u. seiner Lehren. Leipzig: Rossberg. 8.
XVII, 43 S.
Euler, C. : Hans Ferdinand Massmann.
Zu seinem hundertsten Geburtstage. (Mo-
natsschrift f. d. Turnwesen. 16. Jahrg. 8.
S. 259—265.)
Euler, C, u. R. Hartstein: Hans Ferdi-
nand Massmann. Sein Leben, seine Turn-
u. Vaterlandslieder. Zur Erinnerung an d.
100. Geburtstag hrsg. M. 5 Abb. Char-
lottenburg: R. Heinrich. 8. IV, 176 S.
Hartstein, Rudolf: Hans Ferdinand Mass-
mann. Zu seinem hundertjahrigen Ge-
burtstage. M. Abb. (Der Bar. 23. Jahrg.
4. S. 402—403.)
Brausewetter, Ernst: Eine katholische
Romandichterin. Emilie Mataja (Emil
Marriot). (Das Magazin f. Litteratur.
66. Jahrg. 4- Sp. 952-958.)
Oberbaurath von Matheis in MQnchen.
(Deutsche Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S. in.)
Schanzenbach, Otto: Kbnigin Mathilde
von Wlirttemberg und die Ludwigsburger.
2 8*
Biographische Bibliographic.
Ludwigsburg: J. Aigner. 8. 47 s, [Schan-
zenbach, O.: Alt-Ludwigsburg. [No. 2]].
♦Schlenther, Paul: Cheri Maurice, Di-
rector des Thaliatheaters in Hamburg.
(S. 297—302.)
Lippmann, Edm. v.: Robert Mayer und
das Gesetz v, d. Erhaltung d. Kraft. Vortr.
[Aus: Zs. f. Naturwissensch.] Leipzig: C.
E. M. Pfeffer. 8. 36 S.
•Brtimmer, Franz: Richard von Meer-
heimb. (S. 258—259.)
Baumann, Franz Ludwig: Der bayerische
Geschichtsschreiber Karl Meichelbeck
1669— 1734. Festrede, geh. in d. flffentl.
Sitzung d. k. b. Akad. d. Wiss. zu MUnchen.
MUnchen : K. B. Akademie. 4. 53 S.
Oberhofprediger D. Meier. (Allg. evangel.-
lutherische Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4.
Sp. 1014—1018.)
♦Eitner, Rob,: Ludwig Siegfried Meinar-
dus. (S. 116— 117.)
Philipp Melanchthon. Zum i6.Februar 1897.
(Der Protestant. 1. Jahrg. 4. Sp. 107 —
109.)
Philipp Melanchthon. 16. Februar 1497.
(Beitrage v. Beyschlag, Harnack, Ben rath,
Haring, Drews, Herrmann, v. Schubert,
Troeltsch, Schultz, Wendt, Gottschick,
Lobstein, Kawerau, Brieger, Kttstlin, Link,
Ficker, Weizsacker, Loofs, Kattenbusch,
Sell, Ritschl.) (Die christl. Welt. 1 1. Jahrg.
4. Sp. 121— 147.)
Zum vierhundertj&hrigen Geburtstag Philipp
Melanchthons. (Der Bar. 23. Jahrg. 4.
5. 75—79 m. Bildn.)
Lc quatrieme centenaire de la naissance de
Melanchton. (Societe de Thistoire du pro-
testantism e fran^ais. Bulletin histor. et
litter. 46 T. 8. S. 113— 117 m. Bildn. u.
Facs.)
Bacher, G. W. : Philipp Melanchthon, der
Lehrer Deutschlands. Karlsruhe: Evang.
Schriftenverl. 8. 32 S. m. Abb.
Bernhardt: Philipp Melanchthon als Ma-
thematiker und Physiker. Wittenberg: P.
Wunschmann. 8. VI, 74 S.
Beyschlag, Willibald: Zum vierhundert-
jahr. Geburtstag Melanchthons. Festrede
zu Halle. (Deutsch-evang. Blatter. 22. Jahrg.
8. S. 145 — 160.)
Beyschlag, Willib.: Philipp Melanchthon
und sein Antheil an der deutschen Refor-
mation. 1. — 3. Aufl. Freiburg i. B.: P.
Waetzel. 8. Ill, 82 S. in. 1 Bildn.
B ibl , Victor: Melanchthon und (Caspar von)
Nidbruck. Aus d. Handschriften der
k. k. Hofbibliothek in Wien. (Jahrbuch
der Ges. f. d. Gesch. d. Protestantismus
in Oesterreich. 18. Jahrg. 8. 8.34-47.)
Blachny, Frdr.: Philipp Melanchthon, der
Lehrer Deutschlands. Sein Leben und
Wirken. 1. u. 2. Aufl. Dessau. P. Bau-
mann. 8. 48 S. m. Abb.
Blass, F.: Melanchthon als Humanist und
P&dagoge. (NeueKirchl. Zeitschr. 8. Jahrg.
8. S. 165—194.)
Bornemann, W.: Melanchthon als Schul-
mann. Rede. Magdeburg: Creutz. 8. 26 S.
Braun (Stuttgart): Melanchthon. Festrede.
(»Halte was du hast*. XX. Jahrg. 8. S. 350
-356.)
B r e ch e r , Ad. : Melanchthon in Berlin. (Der
Bar. 23. Jahrg. 4. S. 79 — 80 m. Bildn.)
Buchwald, Geo.: Philipp Melanchthon.
Eine Schilderung seines Lebens u. Wirkens
in Wort u. Bild. 7. — 14. Taus. Leipzig:
B. Richter. 8. 94 S.
Cohrs, Ferdinand: Philipp Melanchthon,
Deutschlands Lehrer. Halle: Ver. f. Re-
formationsgesch. 8. VI S., 1 Bl., 76 S.
[Schriften d. Ver. f. Reformationsgesch.
No 550
Correvon, Ch. : Philippe Melanchthon. A
propos du 400 e anniversaire de la naissance
du reform ate ur. (Le Chretien evangelique.
IV. Annee. 8. S. 93—102.)
Dorner, A.: Festrede zur 400Jahrigen Ge-
burtstagsfeier Melanchthons. Kttnigsberg :
Hartungsche Verlagsdr. 8. 35 S.
Eh w aid, R.: Philippus Melanchthon als
Gelehrter, Lehrer, Schulmann u. Genosse
Luthers. Rede. Gotha: F. A. Perthes. 8.
22 S.
Evers , Gcorg: Einige Kapitel aus dem Le-
ben Philipp Melanchthons. Regensburg:
Nationale Verlagsanst. 8. 86 S.
Fleischmann, Max: Zu Melanchthons
400. Geburtstag. (Die Gegenwart. 51. Bd.
4. S. 101 — 103.)
Formey, Alfr. : Philipp Melanchthon. Fest-
rede. Wien; (Leipzig: Literar. Anst, A.
Schulze.) 8. 26 S.
Gustav, G.: Melanchthon-Bttchlein ftlr die
Jugend. Zum 400jahr. Geburtstage Philipp
Melanchthons. Breslau: G. Sperber. 8.
48 S.
Gutmann, Karl A.: M. Philipp Melanch-
thons Leben u. Wirken. M. 111. v. Geo.
Kramer. Ansbach: C. Brtigel & Sohn. 8.
IV, 96 S.
Hakenberg, A.: Philipp Melanchthon.
Festrede. Duisburg: J. Ewich. 8. 20 S.
m. Bildn.
Haering, Theodor: Rede zum vierhundert-
jahrigen Geburtstag Philipp Melanchthons,
in d. Aula d. TUbinger Universitat. (Zeit-
schr. f. Theologie u. Kirche. VII. Jahrg.
8. S. 385-397O
Harnack, A.: Philipp Melanchthon. Rede,
geh. in d. Aula d. Konigl. Friedrich-Wil-
helms-Universitat in Berlin. Berlin: J.
Becker. 4. 22 S.
Biographische Bibliographic
29*
Harnack, Adolphe: Philippe Melanchthon.
(Discours prononce, le 16 fevrier 1897, a
1'Universite de Berlin, traduit de 1'allemand
p.RenePuaux.) (Revue chretiennc. 3. Serie.
6. T. 8. S. 161 — 177.)
Hausrath, Adolf: Philipp Melanchthon.
(Protestant. Monatshefte. I.Jahrg. 8. S.41
-52.)
KaweniUjG.: Melanchthon neben Luther.
Festrede, geh. in d. Aula d. Breslaucr
Universitat. (Theolog. Studien u. Kritiken.
70 Jahrg. 8. S. 668—686.)
Keferstein, Horst: Zur Erinnerung an
Philipp Melanchthon als Praeceptor Ger-
maniae. Langcnsalza: H. Beyer & Sonne.
8. IV, 51 S. [Padagogisches Magazin.
H. 91.
Kirn, Otto: Melanchthons Verdienst um
die Reformation. Rede, geh. in d. Pauliner-
kirche zu Leipzig. Leipzig: DOrffling &
Franke. 8. 31 S.
Klopp, Onno: Philipp Melanchthon 1497
— 1560. Erweit. Abdruck des gleichnami-
gen Aufsatzes in d. Wissenschaftl. Beil. d.
Germania. Berlin: Verlag der Germania.
8. 53 S.
Kostlin (Giessen): Zum Gedachtniss Me-
lanchthons. Festredc bei d. Universitats-
feier. (»Halte was du hast«. XX. Jahrg.
8. S. 293— 303.)
KUssner, Paul : Philipp Melanchthon. Ein
kurzes Lebensbild. Liegnitz: Christl. Schrif-
ten-Niederl. 8. 46 S.
Kuhn, Felix: Philippe Melanchthon, colla-
borateur de Luther. (Societe de l'histoirc
du protestantisme francais. Bulletin histori-
que et litteraire. 46. T. 8. S. 118— 136.)
Lang, A.: Melanchthon und Calvin. I—
IV. (Reformirte Kirchcn-Zeitung. 20. Jahrg.
4. S. 58 — 60, 67-68, 75—78. 81—85,
89—91. 97—99)
Ledderhose, Karl Friedr.: Philipp Me-
lanchthon. Barmen: WupperthalerTraktat-
Gcs. 8. 102 S., 5 Taf. [Banner Blicher-
schatz. Bd. I.]
Lchmann, Rudolf: Melanchthon. Geboren
den 16. Februar 1497. (Sonntagsbcil. No. 7
z. Voss. Zeitung.)
Lenz, Max: Philipp Melanchthon. (Als
Vortrag im Evangel. Bundc zu Berlin geh.)
(Preussische Jahrblichcr. 87. Bd. 8. S. 490
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Perthes, e. deutscher Buchhandler u. Pa-
triot. Stuttgart: J. F. Steinkopf. 8. 164 S.
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24 S.
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aus d. 15. bis 18. Jahrh. Hrsg. v. Chri-
stian Meyer. Leipzig: J. J. Weber. 8. S. 41
—94 m. Bildn. d. Felix PI.)
♦ E i t n e r , Rob. : Friedrich Plengroth.(S. 1 1 7.)
Hirschfeld, Hart wig: Salomon Plessner.
(Biblisches u. Rabbinisches aus Salomon
Plessner's Nachlass. Zu seinem hundertsten
Geburtst. hrsg. v. Rabbiner Dr. Elias Pless-
ner. M. Bildn. Frankfurt a. M.: J. Kauff-
mann. 8. S. 5—25.)
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Smolian, Arthur: Richard Pohl. Nekrolog.
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am 15. Juli 1897. 1— III. (Das Magazin f.
Litteratur. 66. Jahrgang. 4. Sp. 879— 882,
911-915, 943-9450
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Vincenz Priessnitz als BegrUnder des
Wasser- und Naturheilverfahrens. Einc
Studie. Berlin: W. M6ller. 8. 35 S.t
1 Bildn.
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-103.)
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4- S. 577-5790
Warn eke, Alb.: Wilhelm Raabe. (Monats-
blatter f. deutsche Litteraturgesch. I. Jabrg.
8. S. 13—27.)
In fremdem Dienst. Erlebnisse in der fran-
zosischen Fremdenlegion. Wahrheitsgetreu
geschildert v. Tbeodor Leopold Raif,
Sergeant im 2. bad. Feldartillerie-Regiment
Nr. 30. Karlsruhe: J. J. ReifT. 8. VIII,
312 s.
Farinelli, Arturo: Raimund s. Grill-
parzer.
Speier, Max: Raimund s. Grillparzer.
Ramsauer, Johannes: Kurze Skizze meines
padagogischen Lebens. M. bes. Berticks.
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salza: F. G. L. Gressler.) 8. VI S., 1 B).,
86 S., 1 Bl. [Padagog. Quellenschriften.
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Sybel, Heinrich v.: Gedachtnisrede auf
Leopold v. Ranke, geh. 1886. (H. v.
Sybel : Vortr&ge und Abhandlungen. Mtin-
chen und Leipzig: R. Oldenbourg. 8.
S. 290—308. [Historische Bibliothek.
Bd 3.])
•Wcltner, A. J.: Hugo Ranzenberg,
recte Ranzenberger, Schauspieler. (S. 342
-343-)
Klaus t B. : JergRatgeb. (Klaus, B. : Gmttnder
KQnstler. II. 1. in: WUrttembergische Vier-
teljahrshefte f. Landesgesch. N. F. V. Jahrg.
8. S. 30S-307O
Zum fUnfzigjahrigen Dienstjubil&um des Ge-
nerals der Infanterie und Chefs der Land-
gendarmerie Albert v. Rauch am 22. April
1897. (Militar-Wochenblatt. 82. Jahrg.Bd. 1.
4. Sp. 1057- 1058.)
Wolfs gruber: Ein Gedenktag an Car-
dinal Rauscher. (Hist.-polit. Blatter f.
d. kath. Deutschland. 120. Bd. 8. S. 477
—4970
♦Weltner, A. J.: Heinrich Thalboth,
Pseudonym fttr Heinrich Razga von Rasz-
toka, Schauspieler u. Btihnendichter. (S. 343
—344.)
♦Wustinann, G.: Anton Philipp Reclam,
Buchhandler in Leipzig. (S. 88—89.)
Rabenlechner, Michael Maria: Oscar von
Redwitz' religittser Entwicklungsgang.
Frankfurt a. M.: P. Kreuer. 8. 31 S.
[Frankfurter zeitgem. Broschtiren. Bd. 18.
H. 1.]
Andreas Rehberger in Nttrnberg. [Aus der
Erweckungszeit der bayerischen Landes-
kircbe I.] (Allg. Evangel.-Luth. Kirchen-
zeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 5—8.)
♦Eitoer, Rob.: Adolf Reichel. (S. ti8.)
Websky, Julius: Ernst Reimer f. (Pro-
testant. Monatshefte. 1. Jahrg. 8. S. 463.)
♦Magnus Anton Reindl, Geistlicher Rath u.
Stadtpfarrer in Gtinzburg, deutscher Reichs-
tags- u. bayerischer Landtagsabgeordneter.
(S. 219.)
Ein Deutsch-Franzos. (Graf Reinhard.) (Die
Gegenwart. 52. Bd. 4. S. 136—139.)
♦Kohlschmidt: Josef Hubert Reinkens.
(S. 287—292.)
Re in thaler, Paul: Karl Reinthaler, KtfnigL
Rektor des Marienstiftes in Erfurt, und
seine Familie. Aus dessen Aufzeichnungen
u. nach eigener Erinnerung. Nebst Portrat
Hamburg: Verlag d. Agentur des Rauhen
Hauses. 8. VIII, 122 S., 1 BL, 1 Bildn.
•Eitner, Rob.: Karl Martin Reinthaler.
(S. 118— 119.)
Reitzenstein , Hans Frhr v., Oberstlieut.
a. D.: Erinnerungen u. Aufzeichnungen
aus den Kriegsj. 1870/71 als Compagnie-
Chef im Brandenburg. Ftis.-Reg. Nr. 35,
jetzigen Ftis.-Reg. Prinz Heinrich v. Preussen
(Brandenburg.) Nr, 35. Rathenow: M. Ba-
benzien. 8. 2 BL, 180 S.
•Brllmmer, Franz: Franz i ska von Reizen-
stein. (S. 256—257.)
Jostes, Franz: Meister Johannes Rellach,
ein Bibeltibersetzer des 15. Jahrhunderts.
(Gttrres-Gesellschaft. Hist. Jahrbuch. l8.Bd.
8. S. 133-H5O
Tielo, A. K* T.: Gustav Renner. pie
Gegenwart. 51. Bd. 4. S. 359—362.)
Renouard, M. v., Oberst z. D.: Erinnerungen
eines alten Rossleber's aus den Jahren 1838
bis 1842. Berlin: Schall 8c Grund. 8.
98 S.
♦Krauss, Rudolf: Wilhelm Theodor Renz.
(S. 102).
Oberforstmeister Friedrich Gustav Rettstadt.
(Deutsche Forst-Zeitung. XII. Bd. Neu-
damm: J. Neumann. 8.' S. 446 — 448 m.
Bildn.)
Retzlaff, Herm., Oberstlieut. z. D.: Aus
meinem Tagebuche. Erlebnisse u. Erinne-
rungen aus d. deutsch-franzfls. Kriege
1870/71. Berlin: E. S. Mittler 8c Sohn.
8. VII, 79 S.
Antonius, Johs: Fritz Reuter. (Monats-
blatter f. deutsche Litteraturgesch. I. Jahrg.
8. S. 64-77O
G a e d e r t z , Karl Thdr. : Aus Fritz Reuters
jungen u. alten Tagen. Neues lib. des
Dichters Leben u. Werden, auf Grund
ungedruckter Briefe u. kleiner Dichtgn.
mitgetheilt. 2. Aufl. Wismar: HinstorfT. 8.
XVI, 162 S.
Gaedertz, Karl Thdr.: Aus Fritz Reuters
jungen u. alten Tagen. 2. Folge. Wismar:
HinstorfT. 8. XV, 170 S.
Wychgram, J.: Aus den Kreisen Fritz
36*
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Jahrg. 1897, I. 4. S. 226—228.)
B u c h w a 1 d , Georg : Der Wittenberger Buch-
drucker Georg Rhau als * »theologischer
Schriftsteller«. (Archiv f. Gesch. d. deut-
schen Buchhandels. XIX. 8. S. 38—44.)
Traeger, Albert: Eugen Richter. (Nord
und SUd. 83. Bd. 8. S. 32—40 m. Bildn.)
•Klarbach, Alfred Frhr. Mensi v.: Hein-
rich Richter, KBnigl. Professor, Hofschau-
spieler u. Regisseur am Kttnigl. Hoftheater
zu Mtinchen. (S. 279—284.)
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Richter's. Aus Otto Jahn's Nachlass. Ein-
geleitet u. mitgetheilt v. Ad. Mich a el is.
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Erler, Johs.: Ludwig Richter, der Maler
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Landgrebe, W.: Ludwig Richters haus-
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seine Schriften in vogtlandischer Mundart.
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8. 1 Bl., 71 S., 1 Bildn. [L. Riedel: Ge-
dichte u. Erz&hlungen in vogtl. Mundart.
35-LfeO
Wendt, F. M.: Karl Riedel. (Biographien
ftsterreich. SchulmSnner, Hrsg. v. Franz
Frisch. Wien: A. Pichler's Wwe & Sohn.
8. S. 272—276.)
Halm, Ph. M.: Geheimrath Dr. Wiihelm
Heinrich Ritter v. Riehl, Director d. bayer.
Nationalmuseums u. Generalconservator d.
Kunstdenkm. u. Alterthtimer Bayerns , f .
(Centralblatt d. Bauverwaltung. 17. Jahrg.
4. S. 546— S48.)
•Pagel: Karl Theodor Johannes Rigler,
Arzt. (S. 158—159.)
Rinck, Chrph. Frdr., Hof- u. Stadrvikar:
Studienreise 1783/84, unternommen i. A.
d. Markgrafen Karl Friedrich von Baden.
Nach dem Tagebuch d. Verf. hrsg. von
Gymn.-Prof. Dr. Mor. Geyer. Altenburg:
St. Geibel. 8. VIII, 257 S.
Lessmann, Otto: Eduard Risler. (Allg.
Musik-Zeitung. 24. Jahrg. 4. S. 333—334
m. Bildn.)
Ecke, Gustav: Albrecht Ritschl nach seiner
individucllen Eigenart als Dogmatikcr.
(G.Ecke: Die theologische Schule Albrecht
Ritschls u. d. evangel. Kirche d. Gegen-
wart 1. Bd. Berlin: Reuther & Reichard.
8. S. 13-41.)
Harnack, Adolf: Ritschl und seine Schule.
1—8. (Die christl. Welt 11. Jahrg. 4.
Sp. 869—873, 891—897.)
Scholz, H.: Albrecht Ritschl. 1—5. (Die
christl. Welt. 11. Jahrg. 4. Sp. 604 — 611.)
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Jacobowski, Ludwig: Emil Rittershaus.
(Das Magazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4.
Sp. 361-368.)
Stelter, Karl: Erinnerungen an Emil Rit-
tershaus. (Die Gegen wart 5i.Bd. 4. S.202
— 204.)
♦Lehmann, Alfred: Alexander Baron von
Roberts. (S. 263—266.)
Rodenberg, Julius: Erinnerungen aus der
Jugendzeit. I. II. (Deutsche Rundschau.
90.91. Bd. 8. Bd. 90: S. 391—414; Bd. 91 :
s. 52—72.)
Zimmermann, Paul: v. Rodenberg s. Frie-
drich Wiihelm v. Braunschweig.
Jacobowski, Ludwig: Der Lyriker Frie-
drich Roeber. (Das Magazin f. Litteratur.
66. Jahrg. 4. Sp. 11 46 — 1149.)
Engelbert Rontgen f. (Musikal.Wochenblatt.
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Krebs, Carl: Friedrich Rttsch als Erzieher.
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Baurath a. D. Adalbert Roesener in Neisse
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S. in.)
Delbrtlck, Hans: Constantin RSssler.
(Preuss. J ahrbticher. 90. Bd. 8. S. 189 —
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#Meyer, Alexander: Constantin Rdssler,
deutscher Publicist. (S. 200—203.)
♦Brummer, Franz : Rudolf R5ttger. (S. 249
—250.)
Aus sieben Jahrzehnten. Erinnerungen aus
meinem Leben von D. Bernhard Rogge,
Kttnigl. Hofprediger in Potsdam. Bd. I:
Von 1 83 1 bis 1862. Hannover, Berlin:
C Meyer. 8. VII, 308 S.
♦Ratzel, F.: Gerhard Friedrich Rohlfs.
(s. 325—332.)
Schweinfurth, Georg: Zur Erinnerung an
Gerhard Rohlfs. (Westermanns Hlustr.
Deutsche Monatsheftc. 82. Bd. 8. S. 565
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Meyer, Richard M.: Friedrich Rohmer.
(R. M. Meyer: Deutsche Charaktere. Ber-
lin: E. Hofmann & C 8. S. 1S2— 196.)
Redcn, geh. an den Sargen der teuren Toten
Albrecht Romann, weil. Diakonus a. U.
L. Frauen zu Liegnitz, u. seiner Tochter
Augusta-Gottfrieda Romann. Liegnitz: E.
Scholz. 8. 16 S.
Denkwilrdigkeiten aus dem Leben des Ge-
neral - Fcldmarschalls Kriegsministcrs (Al-
Biographische Bibliographic
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lau: E. Trewendt. 8. I : XVI, 530 S., I Bildn.,
1 Facs.; 2: VIII, 572 S., 1 Bildn.; 3: VIII,
544 S.
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Freiburg. (S. 398—399-)
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Bley, Fritz: Durch! Aus dem Leben des
Kdniglich Preussischen Generals der Ka-
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Gottschalk von Rosenberg. Berlin : F. Fon-
Une & C. 8. IX S., 1 BL, 258 S., 1 Bildn.
♦BrQmmer, Franz: Hermann Rosenthal.
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Brausewetter, Ernst: Ernst Rosmer (d. i.
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tur. 66. Jahrg. 4. Sp. 1268— 1273.)
•Wustmann, G.: Ludwig Adolf Herrmann
Rost, Buchhandler. (S. 89—90.)
Weise, O.: Der Orientalist Dr Reinhold
Rost, sein Leben u. sein Streben. Leipzig:
B. G. Teubner i. Komm. 8. 71 S.
So hie, Carl: Bertrand Roth. (Musikalisches
Wochenblatt 28. Jahrg. 4. S. 106 — 107 m.
Bildn.)
Cropp, Johannes: Zur Erinnerung an Richard
Rothe. (Protestant. Monatshefte. I. Jahrg.
8. S. 425—435, 481—488.)
Planitz, Ernst Edler v. der: Die voile Wahr-
heit tib. d. Tod des Kronprinzen Rudolf
von Oesterreich nach amtl. u. publicist.
Quellcn, sowie den hinterlasscnen Papieren.
23. Aufl. Berlin: A. Piehler & C. 8. 256 S.
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Zu Leopold Immaouel RUckert's Gedacht-
nis (Protestant. Monatshefte. I. Jahrg.
8. S. 82—83.)
Bdhme, Richard: Friedrich RUckert.
(Rtickert's Werke. Ausw. in 6 Bdn. M. e.
biogr. Einl. v. R. B5hme. Berlin: Bibliogr.
Anst. 8.)
Kuttner, Bernh.: Friedrich RUckert. (F.
Rttckert: Gedichte. Ausgew. u. erl. v. B.
Kuttner. M. e. Lebensabriss u. d. Bildn.
d. Dichters. Frankfurt a. M : J. D. Sauer-
lander. 8.)
de Lagarde, Paul: Erinnerungen an Frie-
drich RUckert. 'Ueber einige Berliner
Theologen, und was von ihnen zu lernen
ist. Zwei Aufsatze. In e. neuen Abdruck
tiberreicht v. Anna de Lagarde. Gtfttingen :
Dr.d. Dieterichschen Univ.-Buchdr. 8. S.3
—34. (Nicht ftir den Buchhandel be-
stimmt)
♦Puschmann, Th.: Nicolaus Riidinger,
Anatom. (S. 353—354-)
•Christian Mori tz RUhlmann. (S. 360—361.)
•Kohlschmidt: Louis Bernhard Ruling,
Oberconsistorialratb. (S. 445 — 446.)
Iselin, L. E.: Carl Ludwig Rutimeyer.
Basel : R. Reich. 8. 47 S. m. Bildn.
Frisch, Franz: Karl Russheim. (Biogra-
phien Osterreich. Schulmanner. Hrsg. v.
Frisch. Wien: A. Richter's Wwe & Sohn.
8. S. 94—105.)
Richter, E.: f Anton v. Ruthner. (Mit-
theilungen des deutschen u. osterreich.
Alpenver. 23. Bd. 4. S. 287—288.)
Kirchhoff, Albrecht: Aus Johann R)m-
mann's Geschaftsverkehr (1504). (Archiv
f. Gesch. d. deutschen Buchhandels. XIX.
8. S.4-7.)
Hofrath Franz Ritter von Rziha f- (Deutsche
Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S. 327—328,
368.)
Hofrath Franz Ritter v. Rziha, Prof. d. Eisen-
bahn- u. Tunnelbaues an d. Wiener techn.
Hochschule, f. (Centralblatt d. Bauverwal-
tung. 17. Jahrg. 4. S. 289 m. Bildn.)
Hammer, W. A.: Ferdinand v. Saar. (Lit-
teraturbilder fin de siccle. 2. Bdchn.
MUnchen: J. Schweitzer. 8.)
Minor, J.: F. von Saar als Lyriker. (Nord
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41 S., 1 Bildn. [Verhandlungen d. physik.-
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Frankfurt a. M.: J. Kauffmann. 8. S. IX
—XXIV ra. 2 Bildn.)
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(Centralblatt d. Bauverwaltung. 17. Jabrg.
4. S. 72.)
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31. Jahrgang. 4. S. 77.)
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Anna Segert - Stein. (M. biogr. Beitr. ▼.
Franz Arz u. Reinhold Ortmann.) Neu-
strelitz: Barnewitz. 8. 3 Bl., 68 S., 1 Bl.,
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Hrsg. v. Christian Meyer. Leipzig: J. J.
Weber. 8, S. 95—131.)
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(S. 446-4470
Eleonore FUrstin Reuss: Carl von Schach-
mann. Ein Bild aus dem geistigen Leben
des 18. Jahrhunderts. (Allg. Konservat.
Monatsschrift f. d. christl. Deutschland.
54. Jahrg., I. 8. S. 33—45. 17" — l8l0
General der Infanterie Hans v. Schacht-
meyer f. (Militar-Wochenblatt. 82. Jahrg.
2. Bd. 4. Sp. 2701 — 2708.)
•Blumentritt, F.: Dr. Alexander Schaden-
berg, der bertlhmte Philippinen-Forscher.
(S. 428—430.)
Eggert, Ed.: Oberamtmann Schaffer von
Sulz. Ein Zeit- und Lebensbild aus -dem
Ende des vor. Jahrhunderts. Stuttgart:
D. Gundert. 8. 95 S. m. 1 Bildn. [Wttrt-
temberg. Neujahrsblatter. N. F. Bl. 2.]
•Weltner, A. J.: Alois Berla, Pseudonym
fttr Alois Scheichl. (S. 336—337.)
Franz, Adolph: Die katholische Charitas
und Professor Dr. Schell in Wtirzburg.
(Hist-polit. Blatter f. d. kathol. Deutsch-
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1 87 1 bis 1885 Missionar in Indien. Her-
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[KleineHerrmannsburgerMissionsschriften.
No 15.]
M tiller, Karl: Luise Scheppler, e. Magd
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bund. 8. 16 S. m. Abb. [Fttr Feste u.
Freunde d. Inn. Mission. H. 8.]
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66. Jahrg. 4. Sp. 1308 — 131 1.)
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rath. (S. 365—366.)
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berger. (Elfter Jahresbericht d. histor. Ver-
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feld. 8. S. 123—125.)
Ehrlich, Mor.: Schiller s. Goethe.
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des Idealen. Vortrag. Charlottenburg :
Selbstv. 8. 19 S.
Weitbrecht, Carl: Schiller in seinen
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•Brttmmer, Franz: Anna Schimpff-Jahn.
(S. 251—252.)
Ziller, Hermann: Schinkel. Bielefeld u.
Leipzig: Velhagen & Klasing. 8. 2 BL,
114 S., 3 Taf. [Kfinster-Monographien.
28.]
Waterstraat,H.: Johann Christoph Schtn-
meyer. Ein Lebensb. aus d. Zeit d. Pietis-
mus. Gotha: E. F. Thienemann. 8. 4 Bl.,
66 S.
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Pet rich, Herm.: Ein vergessener Missions-
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8c Sohn. 8. S. 275—298.)
Thr&ndorf, E.: Schleiermacher in der
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f. wissenschaftl. P^dagogik. 29. Jahrg. 8.
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Schmelzkopf. (S. 405—406.)
Vetter, Ferdinand: Ferdinand Schmid
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60 S. m. Bildn.
•Pagel: Benno Gottlob Schmidt, Prof. d.
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•Brtimmer, Franz : Eke Schmieden. (S. 260
—261.)
♦Wolff, Wilhelm P.: Emil Schneider, Mit-
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Biographische Bibliographic
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Kassner, C: Friedrich Adolph Schneider,
alleiniger rechtmassiger Inhaber der Astro-
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Studie. (Die Gesellschaft. Jahrg. 1897,
11. 8. S. 22—33 m. Bildn.)
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(Zeitschr. d. histor. Ges. f. d. Prov. Posen.
12. Jahrg. 8. S. 386-387.)
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monienmeister. (S. 219.)
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Grimm- Carnap , Oscar : Franz Schubert.
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Lehrerinnen. 10. Jahrg. 8. S. 96—97.)
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81—83 m- Bildn. u. Abb.)
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(Jahrbttcher f. d. deutsche Armee u. Marine.
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Schultes, Carl: AllerleiTheater-Erinnerungen.
(Die Gegenwart. 52. Bd. 4. S. 357—358.)
Neues von Robert und Clara Schumann.
(Die Gegenwart. 51. Bd. 4. S. 136 — 139.)
Franz, Ludwig : Ernestine Schumann-Heink.
(Musikal. Wochenblatt. 28. Jahrg. 4. S. 2
— 3, 18 m. Bildn.)
•Eitner, Rob.: Klara Schumann. (S. 119
— 123.)
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(S. 12*— 16».)
*Kollmann, Paul: Matthias Schumann.
(S. 147-149O
♦Eitner, Rob. : Friedrich Gottlieb Schwen-
cke. (S. 123.)
Hoffmann, Frz: Caspar Schwenckfelds
Leben u. Lehren. 1. Th. Progr. Berlin:
R. Gaertner. 4. 29 S.
Marie Seebach. (Der Bar. 23. Jahrg. 4.
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8. II, 97 S. m. Abb. u. 1 farb. Kte.
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Eugen Sell f. (Naturwissenschaftl. Wochen-
schrift 12. Bd. 4. S. 177-178.)
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Klaus, B.: Egid Seybold. (B. Klaus: Gm un-
der KUnstler. II. 17. in: WUrttembergische
Vierteljahrshefte f. Landesgesch. N. F.
V. Jahrg. 8. S. 326-329.)
•Welti, Heinrich: Gustav Siehr. (S. 334
—3350
40*
Biographische Bibliographic
Lebenserinnerungen von Werner von Sie-
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Berlin: J, Springer. 2 BL, 298 S., 1 Bildn.
Amalie Sieveking. I. II. [Bilder aus d. Er-
weckungsgeschichte des rcligids-kirchlichen
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Bendixen, Rudolf: Amalie Sieveking. (R.
Bendixen : Bilder aus d. letzten religiosen
Erweckungin Deutschland. Leipzig: Dorff-
ling & Franke. 8. S. 404 — 444.)
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3340
Olshausen, R. : Ueber Marion Sims und
seine Verdienste um die Chirurgie. Rede.
Berlin: A. Hirschwald. 8. 30 S.
Hofrath Karl Sing. Nekrolog. (Kollektaneen-
Blatt f. d. Gesch. Bay ems. 61. Jahrg. 8.
S. 123 — 131 m. Bildn.)
Schreiner, Heinrich: Anton Martin Slom-
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Hrsg. v. Franz Frisch. Wicn: A. Pichler's
Wwe & Sohn. 8. S. 79—93-)
Baur, Joseph: Philipp (Christoph) von S6-
tern, geistlicher Kurfttrst zu Trier, und
seine Politik wahrend des 30JHhr. Krieges.
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Speyer: jSger. 8. 24*, 493 S., 1 BL, 1 Bildn.,
1 Kt.
*Niedermann,W.: Jacob Laurenz Sonder-
egger. (S. 166—176.)
Grossherzogin Sophie von Sachsen-Weimar.
(Der Kunstwart. 10. Jahrg. 4. S. 205.)
Grossherzogin Sophie von Sachsen-Weimar
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Sophie, Grossherzogin von Sachsen. (Eupho-
rion. 4. S. 441— 444.)
Rodenberg, Julius: Die Grossherzogin
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Steincr, Rudolf: Grossherzogin Sophie von
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Suphan, Bernhard: Grossherzogin Sophie
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schau. 93. Bd. 8. S. 301—305.)
♦Puschmann, Th.: Josef Spath, Gynako-
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120. Bd. 8. S. 732—751.)
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Oberbaudirektor. (S. 212.)
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S. 3"— 313)
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Herausgeber des Faust-Buches, und sein
Verlag. (1 883.) (F. Zarncke : Kleine Schrif-
ten. Bd. 1. Goetheschriften. Leipzig: E.
Avenarius. 8. S. 289 — 299.)
Bendixen, Rudolf: Philipp Spitta. (R. Ben-
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ling & Franke. 8. S. 254—281.)
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den's und seiner Sohne. (Monatshefte f.
Musik-Gesch. 29. Jahrg. S. 53 — 61.)
Buchrucker: Adolf von Stahlin. (Neue
Kirchl. Zeitschrift. 8. Jahrg. 8. S. 673 —
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President des bairischen Oberkonsistori-
umsf. I — VII. (Allg, evang.-luth. Kir-
chenzeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 916 — 921,
940-944, 963—968, 990—993, 1010—
1014, 1039—1044, 1062— 1065.)
B r a u s e , Alb. : Johann Gottfried Stallbaum.
Ein Beitr. z. Gesch. d. Thomasschule in
der ersten Halfte des 19. Jahrh. TL 1.
Progr. Leipzig: (J. C. Hinrich's Sort.)
4. 40. S.
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Jahrg. 4. Sp. 773-776, 796—799» 847
-852.)
•Bachmann, A.: Fritz Staub. (S. 235 —
242.)
H o f f m a n n - Krayer , Ed. : Fritz Staub f ,
geb. d. 30. Marz 1826, gest. d. 3. August
1896. (Schweizer Archiv f. Volkskunde.
I. Jahrg. 8. S. 88—90.)
Lauchert, F.: Franz Anton Staudenmaier
nach seiner schriftstellerischen Thatigkeit
dargest I.— IV. (Revue internat. de theo-
logie. V. Annee. 8. S. 370—398. 807 —
826.)
Schmid-Braunfels, Josef: Ottokar Stauf
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1897, II. 8. S. 243—246 m. Bildn.)
Heinrich Steffens. I— III. [Bilder aus d. Er-
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luth. Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 364
—369, 388-393> 413— 4I9-)
Bendixen, Rudolf: Heinrich Steffens. (R.
Bendixen: Bilder aus der letzten religibscn
Erweckung in Deutschland. Leipzig: Dtfrflf-
ling & Franke. 8. S. 81 — 125.)
Lamprccht, Karl: Friedrich Stehfen, ein
Biographische Bibliographic.
4i<
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von dcr roten Erdc. Haram, Westf.: C.
Dietrich. 8. S. 80 -86.)
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von Utzenstorf. Ein Lebensbild u. zugleich
eine WUrdigung seiner Leistungen. M. d.
Portr. u. d. Facs. eines Brief es Steiners.
Bern: K. J. Wyss. 8. 54 S., 1 Bildn.,
1 Facs.
Steingraber, Prof. Louis: Erinnerungen aus
meinem KUnstlerleben. Graz: Selbstv. 8.
155 s.
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Eduard von Steinle's. (E. v. Steinle's
Briefwechsel mit seinen Freunden. Hrsg.
u. durch e. Lebensbild eingeleitet v.
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burg i. B.: Herder. 8. S. 1— 166. m. Bildn.)
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Steinmann. (S. 406 — 407.)
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(S. 407 — 408.)
Stcnzcl, Karl Gust. Willi.: Gustav Adolf
Ha raid Stenzels Leben. Gotha: F. A.
Perthes. 8. XII, 491 S. m. Bildn.
Staatssccretair Hcinrich von Stephan f.
(Arch. f. Post u. Telegraphic Beihefte
z. Amtsblatt d. Reichs-Postamt. 25. Jahrg.
8. S. 205—207.)
Die Bcisctzung des Staatssecretairs Dr. von
Stephan. (Arch. f. Post u. Telegraphic
Beihefte 1. Amtsblatt d. Reichs-Postamts.
25. Jahrg. 8. S. 237-245.)
Erinnerungen an Dr. H. von Stephan. (Arch,
f. Post u. Telegraphic Beihefte z. Amts-
blatt d. Reichs-Postamts. 25. Jahrg. 8.
S. 474-484O
Staatssekret&r Dr. Heinrich von Stephan.
(Deutsche Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S. 189
— 190.)
Staatssekretair Dr. v. Stephan. (Monatsschrift
f. Deutsche Beamte. 21. Jahrg. 8. S. 241
-243.)
Heinrich von Stephan f. (Monatsschrift f.
Deutsche Beamte. 21. Jahrg. 8. S. 187
-189.)
Der deutsche Generalpostmeister Dr. Hein-
rich v. Stephan. (Nekrolog.) (Deutsche
Rundschau f. Geographic u. Statistik. 19.
Jahrg. 8. S. 422 — 424 m. Bildn.)
B i 1 1 i g , R. : Heinrich von Stephan. (Deutsche
Rundschau. 91. Bd. 8. S. 303—306.)
Bttcker, Friedrich: Aus dem Leben und
Wirken des Staatssekretars des Deutschen
Reichspostamts Dr. v. Stephan. (Der Bar.
23. Jahrg. 4. S. 221 — 224.)
Hartmann, Eug.: StaatssekretSr Dr. v.
Stephan, General-Postmeister des Deut-
schen Reiches. Rede. Frankfurt a. M.:
Gebr. Knaucr. 8. 32 S.
Krickebcrg, E.: Heinrich von Stephan.
Ein Lebensbild. Dresden & Leipzig: C
Reissncr. 8. 3 BI., 320 S., I Bildn. [Manner
der Zeit. I.]
Bart els, Adolf: Adolf Stern. Eine Studic
(Westermanns Ulustr. Deutsche Monats-
hefte. 81. Bd. 8. S. 589—603 m. Bildn.)
v. Oertzen, Friedr.: Joseph von Stichaner.
Ein Lebensbild aus dem Elsass. Mit e.
Bilde von Stichaner's. Freiburg i. B.t
Leipzig u. Tubingen: J. C B. Mohr. 8.
78 S., 1 Bildn.
♦Kohlschmidt: Johann Gustav Stickel.
(S. 292— 294O
♦Eitncr, Rob.: L. M. Adolf Stiehle.
(S. 123.)
Widmann, Hans: Adalbert Stifter. (Litte-
raturbilder findesiecle. 2.Bdchn. MUnchen:
J. Schweitzer. 8.)
Generallieutenant z. D. v. Stocken f- (Mili-
tUr-Wochenblatt. 82. Jahrg. 2. Bd. 4.
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W i 1 1 e , Carl : Prozess Witte-St6cker s. W i 1 1 e.
♦Posncr: Carl Stdlzel, Professor fUr tech-
nische Chemie in MUnchen. (S. 415.)
Schulz-Hasserode, W.: FUrst Otto zu Stol-
berg-Wernigerode f- (Der Bar. 23. Jahrg.
4. S. 44—46 m. Bildn.)
Der Wiedertftufer Nikolaus Storch und seine
Anhanger in Hof. Aus Enoch Widmanns
handschriftl. Chronik d. Stadt Hof mitget.
v. Christian Meyer. (Hohenzollerische For-
schungen. 5. Jahrg., S. 273—281.)
Berger, Karl: Theod or Storm. (Blatter fUr
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5. 593- S980
Remer, Paul: Theodor Storm als nord-
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Schuster & Loeffler. 8. 54 S.
•Granicr, Hermann: Albrecht von Stosch,
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Andreae, C.: K(arl) V(olkmar) Stoy. (PHda-
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bildungsanstalten. 26. Bd. 8. S. 343—355-)
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1—4. (Die christl. Welt. 11. Jahrg. 4.
Sp. 9-12, 34—39, 54—57, 74—79-)
Bis ch off, Hermann: Richard Strauss.
(Musikal. Wochenblatt. 28. Jahrg. 4. S. 194
— 195, 212—213, 226—228 m. Bildn.)
Wilhelm Streckfuss. (Chronik d. Kttnigl.
Akad. d. KUnste zu Berlin. 1896/97. 8.
S. 88.)
♦Pniower, Otto: Friedrich Strehlke. (S. 3 1 9
—322.)
•Zimmermann, P.: Friedr. Herm. Richard
Freiherr v. Strombeck. (S. 408—409.)
Maretich v. Rio-Alpon, Gedeon Frhr:
Josef Struber u. die Kampfe in der Ura-
gebung des Passes Lueg i. J. 1809. [Aus:
42'
Biographische Bibliographie.
Mittheilungcn d. Ges. f. Salzburger Landes-
kunde.] Salzburg; (Wien: W. Braumtlller.)
8. 138 S. m. Bildn.
B ussier, W.: General d. Inf. v. Stiilp-
nagel. Kurzgefasstes Lebensbild m. An-
schluss d. Gesch. des nach ihm genanntcn
5. Brandenburg. Inf. Reg. Nr. 48. Gotha:
G. Schloessmann. 8. 33 S. m. Bildn.
♦Briimmer, Franz: Julius Karl Reinhold
Sturm. (S. 255—256.)
Tielo, A.: Julius Sturm. (Die Gegenwart.
51. Bd. 4. S. 280—281.)
K 1 a u s , B. : Ulrich Sturm. (B. Klaus : GmUnder
KUnstler. II. 3. in : WUrttemberg. Viertel-
jahrshefte f. Landesgescb. N. F. V. Jahrg.
8. S. 313-3170
Geh. Regierungsrath Ludwig Suche f. (Cen-
tralblatt d. Bauverwaltung. 17. Jahrg. 4.
S. 428.)
Kawerau, Walderoar : Hermann Sudermann.
Eine kritische Studie. Magdeburg u. Leip-
zig: W. Niemann. 8. 3 BL, 199 S.
Willibald: Sudermann. (Monatsblatter f.
deutsche Litteraturgesch. I. Jahrg. 8. S.318
-3270
•Sulzer, Wirklicher Geheimer Kriegsrath.
(S. 213.)
Tschackert, Paul: Magister Johann Sutel,
(1504— 1575)» Reformator von Gottingen,
Schweinfurth und Northeim, erster evang.
Prediger an d. heut Universitatskirche u.
erster Superintendent zu Gottingen. Mit
Benutzung vieler , unbekannter Hand-
schriften. Nebst zwei Schriften u. zahl-
reichen Briefen Sutels. (Zeitschr. d. Ges.
f. niedersachs. Kirchengesch. 2. Jahrg. 8.
S. 1 — 140.) (Auch besonders ersch. Braun-
schweig: A. Limbach. 8. Ill, 134 S.)
Schmoller, Gustav: Gedachtnisrede auf
Heinrich von Sybel und Heinrich von
Treitschke. (Zuerst verbfTentl. in d. Bei-
lage z. Allg. Zeitung v. 2. — 4. Juli 1896.)
(Forschungen z. Brandenburg, u. Preuss.
Gesch. 9. Bd. 8. S. 357—394.)
Varrentrapp, Conrad : Heinrich von Sybel.
(H. v. Sybel: VortrSge und Abhandlungen.
M. e. biographischen Einleirung v. C.
Varrentrapp. Mlinchen u. Leipzig: R. Olden-
bourg. 8. S. 1 — 156. [Historische Biblio-
thek. Bd. 3.I)
Roth, F. W. E.: Jakob Theodor von Berg-
zabern (Tabernaemontanus), s. T h e o d o r.
Schoener, Reinhold: Konrad Telmann.
(Das Magazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4.
Sp. 151— 159.)
Gerhard Tersteegen. Ein Gedenkblatt zu
seinem 200. Geburtstage. Kaiserswerth :
Diakonissen-Anst. 8. 32 S. [Geschichten
u. Bilder fUrs deutsche Volk. No 31 ''33.]
Das Leben des Gerhard Tersteegen. Ding-
lingen (Frankfurta. M.: J.Schergens). 8. 32 S.
Zum Gedachtniss Gerhard Tersteegen's,
geb. 25. November 1697. (Allg. cvangel.-
luth. Kirchenzeitung. 30. Jahrg. 4. Sp. 1 130
-"34*)
Die religiSse Individualist Gerhard Ter-
steegens. (Der Protestant. 1. Jahrg. 4.
Sp. 910—913.)
Auge: Tersteegen als Seelsorger. (Nach
gedruckten und ungedruckten Briefen.)
(Refonnirte Kirchen- Zeitung. 20. Jahrg.
4. S. 372-373. 379-381.)
Auge, Fr.: Gerhard Tersteegen als Seel-
sorger. Erweit. Festansprache. Neukirchen:
Stursberg & C. 8. 39 S.
GrUnd ler, Ad.: Gerhard Tersteegen. Zu
seinem 20ojahr. Geburtstag am 25. Novbr
1897. Berlin: Buchhandlg d. Berliner
Stadtmission. 8. 49 S., 1 BL, 74 S., 1 Bl.
KUhn, E: Gerhard Tersteegen, der Ar-
men und Verlassenen Leibarzt Ein Le-
bensbild. Hamburg: Rauhes Haus. 8.
24 S.
Lang, A.: Gerhard Tersteegen, (Refor-
mirte Kirchen-Zeitung. 20. Jahrg. 4. S. 1 56
— 158, 162 — 164.)
Nelle, Wilh.: Gerh. Tersteegen. (G. Ter-
steegen: Geistliche Lieder. M. e. Lebens-
gesch. des Dichters u. s. Dichtung v. W.
Nelle. Gutersloh : C. Bertelsmann. 8.)
Offe: Gerhard Tersteegen. (Schulblatt f.
d. Prov. Brandenburg. 62. Jahrg. 8. S. 607
-617.)
Schimmelbusch, E. VV.: Zur WUrdigung
Gerh. Tersteegens als Dichters. Ein Vor-
trag mit besonderer Berticksichtigung der
Nclle'schen Schrift »G. Tersteegens Geist-
liche Lieder«. DUsseldorf: C. SchafTnit.
8. 32 S.
Werckshagen, C.: Gerhard Tersteegen.
Lebensbeschreibung. (G. Tersteegen's Lie-
der und Spriiche. Ausgew. u. hrsg. v. C
Werckshagen. Berlin: H. Friedrich. 8. S.
1-31)
•Krauss, Rudolf: Ludwig Thaden. (S. 93.)
Weltner, A. J.: Heinrich Thalboth s.Razga.
Roth, F. W. E.: Jakob Theodor von
Bergzabem (Tabernaemontanus). Bio-
bibliographisch geschildert. (Centralblatt f.
Bibliothekswesen. 14. Jahrg. 8. S. 84— 104.)
Meine Reise in den brasilianischen Tropen
v. Therese Prinzessin von Bayern (Th. von
Bayer*). Berlin: D. Reimer. 8. XVI,
544 S., 1 Bildn., 2 Ktn, 4 Taf.
Bendixen, Rudolf: August Tholuck. (R.
Bendixen: Bilder aus d. letzten religiosen
Erweckung in Deutschland. Leipzig: Dftrff-
ling & Franke. 8. S. 210—235.)
Rougemont, H. de: Tholuck. (Le Chre-
tien evangelique. IV. Annee. 8. S. 10 —
25, 68-83.)
Emil Thomas: 40 Jahre Schauspieler. Er-
Biographische Bibliographic
43'
innerungen aus meinem Leben. (Bd. 2.)
Berlin: C. Duncker. 8. 1 Bl., 286, III S.
(Bd. 1 ersch. 1895.)
H. J. Thommen. Geb. 28. Mai 1795. Gest.
3. Nov. 1897. Personalien u. Leichenrcden,
gespr. b. d. Beerdigung am Freitag, 5. Nov.
1897 zu Htflstein. Liestal: (Gebr. Lttdin).
8. 16 S. m. Bildn.
[Thtimmel, Mathilde:] Julius Sigismund
Thuramel. Ein Charakterbild. Halle a. S.:
Dr. v. E. Karras. 8. 50 S.
♦Scheuermann, W.: Victor Oscar Tilgner.
(s. 275—279.)
Bacchtold, J., u. Bachmann, A.: Lud-
wig Tobler. (L. Tobler: Kleinc Schrif-
ten z. Volks- und Sprachkunde. Hrsg. v.
J. Baechtold u. A. Bachmann. M. Portr.,
Lebensabriss u. Bibliographic Frauenfeld :
J. Huber. 8. S. VII-XVL)
Tobler, Ludwig: Salomon Tobler. (L. Tob-
ler: Kleine Schriften z. Volks- und Sprach-
kunde. Hrsg. v. J. Baechtold u. A, Bach-
mann. Frauenfeld: J. Huber. 8. S. 1 — 24.)
Umlauft, Friedrich: Dr. Franz Toula.
(Deutsche Rundschau f. Geographie u.
Statistik. 19. Jahrg. 8. S. 569 — 572 m.
Bildn.)
•Friedjung, Heinrich: Ferdinand Graf
TrauttmannsdortT, President d. tfsterreich.
Hcrrenhauses. (S. 132—133.)
Bussler, VV.: Generalmajor Hennigs v.
TretTenfeld. Kurzgefasstes Lebensbild m.
Anschluss d. Gesch. des nach ihm ge-
nannten Altmark. Ulanen-Reg. Nr. 16.
Got ha: G. Schloessmann. 8. 31 S. m.
1 Abb.
•Bail leu, P.: Heinrich von Treitschke.
(S. 377-389.)
Kohl, Horst: Heinrich von Treitschke.
(Blatter fur literar. Unterhaltung. Jahrg.
1897, I. II. 4. I: S. 3— 6; II: S. 468—
470.)
S c h m o 1 1 e r, Gust. : Heinrich von Treitschke
s. v. Sybel.
Stamper, Georg: Heinrich von Treitschke.
(Westermanns Illustr. Deutsche Monats-
hefte. 81. Bd. S. 271-283 m. Bildn.)
Obcrst v. Trotha: Meine Bereisung von
Deutsch - Ostafrika. Vortrag. Berlin: B.
Brigl. 8. 96 S.
Fcbler, A.: C. C Trott s. Friedrich
Wilhelm v. Braunschweig.
•Lier, H. A.: Heinrich August Triiben-
bach, Pfarrer. (S. 416 — 417.)
BUtler, Placid: Ulrich von Eppenstein, Abt
von St. Gallen und Patriarch von Aquileja.
(Jahrbuch f. Schweizer. Gesch. 22. Bd. 8.
S. 251—291.)
♦BrUmmer, Franz: Carl Ulrici. (S. 262
-263.)
Hartwig, Otto: Francois Sabatier und Caro-
line Sabatier — Unger. (Deutsche Rund-
schau. 91. Bd. S. 227 — 243.)
Johann August Urllperger. [Aus der Er-
weckungszeit d. bayerischen Landeskirche.
VI.] (Allg. Evangel.-luth. Kirchenzeitung.
80. Jahrg. 4. Sp. 127 — 131.)
Diisel, Friedr.: Johann Peter Uz. (Zeitschr.
f. deutsche Sprache. 10. Jahrg. 8. S. 281
—292.)
Vasen, Prof. Dr. : Aus zwei Kriegcn. Selbst-
erlebtes aus 1866 u. 1870/71. Berlin:
Liebel. 8. 2 BL, 100 S.
Geiger, Ludwig: Moritz Veit s. Sachs,
Michael.
Krosigk, Anna v.: Werner v. Veltheim.
E. Lebensgesch. zum Leben. Aus Tage-
buchern u. Briefen zusammengest. Bern-
burg: (O. DornblUth.) 8. 354 S.
♦Zimmermann, P.: Karl Friedrich Hilmar
von Veltheim. (S. 409-411.)
Branky, Franz: Theodor Vernaleken. (Bio-
graphien tfsterreicb. Schulmanner. Herausg.
von Franz Frisch. VVien: A. Pichler's VVwe
&Sohn. 8. S. 133 — 159.)
Dahlerup, Verner: Karl (Adolf) Verner.
(Arkiv for nordisk filologi. N. F. 9. Bd.
8. S. 270-281.)
Hartwig, O.: Karl Adolf Verner als Bi-
bliothekar. (Centralbl. f. Bibliothekswesen.
14. Jahrg. 8. S. 249—263.)
•Weltner, A. J.: Anna Versing - Haupt-
mann, Schauspielerin u. Schriftstellerin.
(S. 344—3450
Hermann v. Vicari, Erzbischof von Frei-
burg. Ein Vorkampfer f. d. Freiheit d.
Kirche. Berlin : German i a. 8. 62 S. [Kathol.
Flugschriftcn z. Wehr u. Lehr. No 118.]
Hober, Eduard: Clara Viebig. (Das Ma-
gazin f. Litteratur. 66. Jahrg. 4. Sp. 11 15
-1 118.)
Wendt, F. M.: Franz Michael Vierthaer.
(Biographien tisterreich. Schulmanner.Hrsg.
v. Franz Frisch. Wien: A. Pichler's Wwe
& Sohn. 8. S. 56-59.)
Zum Gedachtnis an D. Corn. Rudolf Vietor.
1. Rede am Sarge v. Past. Lahusen. 2. Ge-
bet am Grabe v. Past. prim. Thiktttter.
Bremen: J. Morgenbesser. 8. 15 S.
Virchow's goldenes Universitats-Jubiiaum.
(Wiener Medizin. Presse. 38. Jahrg. 4.
Sp. 1483— 1484.)
Seeger, Georg: Peter Vischer der Jlingere.
Ein Beitrag zur Geschichte der Frzgiesser-
familie Vischer. Mit 27 Abb. Leipzig:
E. A. Seemann VI S., 1 Bl., 168 S. [Bci-
trage z. Kunstgesch. Neue Folge 23.]
Moser, Joh. : Thomas Vocke, der crste evan-
gelische Pastor zu Dietcrsdorf. (Zeitschr. d.
Harz-Vereins f. Gesch. u. Altertumskunde.
30. Jahrg. 8. S. 501 — 505.)
Boise he, Wilhelm: Erinnerungen an Karl
44*
Biographische Bibliographic
Vogt. (Neue Deutsche Rundschau. VIII.
Jahrg. 8. S. 551-561.)
Kuhlraann: Johann Heinrich Volkening.
(Zeugcn u. Zeugnisse aus d. christl.-kirchl.
Leben von Minden-Ravensberg im 18. u.
19. Jahrh. 2. Heft Gadderbaum b. Biele-
feld: Anst. Bethd. 8. S. 63— 87.)
♦Friedjung, Heinrich. Maximilian Graf
Vrints, ttsterreich. Diplomat u. Herren-
hausmitgl. (S. 132^
Professor Fritz A. Wachtl. (Centralblatt
f. d. gesammte Forstwesen. 23. Jahrg. 8.
S. 1—3 m. Bildn.)
•Pagel: Guido Richard Wagener, Professor
d. Anatomic. (S. 161 — 162.)
Btlchner, Ludwig: Ein unmoderner Natur-
forscher (Adolf Wagner). (Die Gegen-
wart. 52. Bd. 4. S. 218—220.)
•Briiramer, Franz: Camillo Wagner von
Freinsheim. (S. 250—251.)
Frank el, Ludwig: Camillo Wagner von
Freynsheira, Dichter. (A. D. B. 42. Bd.
Leipzig: Duncker & Humblot. S. 741 —
7440
Geheimer Baurath Heinr. Wagner* (Deutsche
Bauzeitung. 31. Jahrg. 4. S. 164, 178—179.)
Geh. Baurath Prof. Dr. Heinrich Wagner in
Darmstadt f. (Centralblatt d. Bauverwal-
tung. 17. Jahrg. 4. S. 147— 148.)
Bulthaupt, Heinr.: Richard Wagner als
Klassiker. (Aug, Gttllerich: R. Wagners
Blihnenfestspiel Der Ring der Nibelungen.
Einleitung. Leipzig: C. Wild. 8.)
Drews, Arthur: (Richard) Wagner und
Feuerbach. (Die Gegenwart. 52. Bd.
4. s. 342-344, 358—362.)
Kaefferlein, Eduard: Ein Jubilaum. Zum
22. Mai. (Richard Wagner.) (Musikal.
Wochenblatt. 28. Jahrg. 4. 8.285-286,
297-298, 313—314, 325-326.)
Mayreder, Rosa: Richard Wagner, der
Christ. (DasMagazinf.Litteratur. 66. Jahrg.
4. sP. 1367-1373-)
Mayreder, Rosa: Richard Wagner, der
Heide. (DasMagazinf.Litteratur. 66. Jahrg.
4- Sp. 1333- 1338.)
M o n a 1 d i , Gino : Giuseppe Verdi und Richard
Wagner. (Allg. Musik-Zeitung. 24. Jahrg.
4. S. 669— 672.)
Schmieder, Jos.: Richard Wagner und
die Oper. (Akademische Monatsblatter.
IX. Jahrg. 4. S. 253-259.)
Z oiling, Theophil: Richard Wagner und
Georg Herwegh. Mit ungedruckten
Bricfcn von Wagner, Herwegh, Ktinig
Ludwig II. usw. (Die Gegenwart. 51. Bd.
4. S. 8-12, 26—29.)
MUnz, Bernhardt Rudolph Wagner. (Briefe
von und Uber Jakob Frohschammer. Hrsg.
von B. Mtinz. Leipzig: G. H. Meyer. 8.
5. 17-24.)
Dieter, Heinrich: Der salzburgische Dich-
ter Sylvester Wagner. Eine Skizze seines
Lebensganges m. Proben seiner Mundart-
dichtungen. Vortr. Salzburg: H. Dieter.
8. 29 S. m. Bildn.
Sybel, Heinrich v.: Georg Waitz. (H. v.
Sybel: Vortr&ge und Abhandlungen.
MUnchen u. Leipzig: R. Oldenbourg. 8.
S. 309— 314. [Histor. Bibliothek. Bd. 3.])
Forst, H.: Lebensgang und geschichtliche
Stellung Franz Wilhelms (Grafen v. War-
tenberg, Bischofs von Osnabrtick). Seine
Correspondenz. (Politische Correspondenz
des Grafen Franz Wilhelm von Warten-
berg, Bischofs von Osnabrtick, aus den
Jahren 1621 — 1631. Hrsg. v. H. Forst.
Leipzig: S. Hirzel. 8. S. IX— XVIII. [Pu-
blicationen aus den K. Preuss. Staats-
archiven. Bd. 68.])
Droysen, Joh. Gust.: Das Leben des Feld-
marscb. Grafen York v. Wartenburg.
10. Aufl. Neue Ausg. 2 Tie in 1 Bd. Leip-
zig: Veit&C 8. XIII, 462 S.; Ill, 467 S.
m. Bildn.
•Eitner, Rob.: Joseph Wilhelm von Wa-
sielewsky. (S. 123—124.)
Wasiliewski, Wilh. Jos. v.: Aus siebzig
Jahren. Lebenserinnerungen. Stuttgart:
Deutsche Verl.-Anstalt 8. VII, 278 S. m.
Bildn.
Der Maler Friedrich Wasmann. Ein deut-
sches Ktinstlerleben. (Hist-pol. Blatt f. d.
kath. Deutschl. 119. Bd. 8. 8.561 — 581.)
P f til f, Otto: Friedrich Wasmann, KUnstler
und Convertit. (Stimmen aus Maria-Laach.
Bd. 53. 8. S. 62—75, 140— 154-)
Steig, Reinhold: Friedr. Wasmann. (Deut-
sche Rundschau. 93. Bd. 8. S.471— 472.)
Ernst Wasmuth. (Nekrolog.) (Deutsche Bau-
zeitung. 31. Jahrg. 4. S. 527—528.)
Hampe, Theodor: Benedikt von Watt. (Eu-
phorion. 4. Bd. 8. S. 16—38.)
K e i t e r , Heinrich : Fr. W. Weber, der Dich-
ter von »Dreizehnlinden«. Eine Studie. 5.,
verm. u. verb. Aufl. M. d. Portr. d. Dich-
ters. Paderborn: F. SchOningh. 8. 68 S.,
1 Bildn.
Wilms, Wilhelm: Friedrich Wilhelm Weber,
Ein Lebensbild. (Monatsblatter f. deutsche
Litteraturgesch. I. Jahrg. 8. S.268— 282.)
*Frey,Ad.: Robert Weber. (S. 191 — 193.)
Aus dem Tagebuch weiland des Geheimrats
und Direktors des Ktfnigl. Sachsischcn
Hauptstaatsarchives Dr. Carl von Weber
in Dresden. (Allg. Konservat. Monats-
schrift f. d. christl. Deutschland. 54. Jahrg.,
I. 8. S. 239—262.)
Wolzogen, Hans v.: Karl Maria von We-
ber. (H. v. Wolzogen : Grossmeister deut-
scherMusik. Bd. 1. Hannover: Dunkmann.
4. S. 83 — no m. Bildn.)
Biographische Bibliographic
45*
Gcschichte eines Offlziers im Kriege gegen
Russland 1812, in russischer Gefangen-
schaft 1813 bis 1814, im Feldzuge gegen
Napoleon 181 5. Lebenserinnerungen v.
Carl Anton Wilhelm Grafen von Wedel.
(Herausgegeben v. Graf Ernst von Wedel.)
Berlin: A. Asher & C. 8. 1 Bl., II, 309 S.,
1 Fasc.
Larape, Emil : Karl Weierstrass. Gedacht-
nissrede. Leipzig: J. A. Barth. 8. 24 S.
Kaemmel, Otto: Christian Weise, ein
s&chsischer Gymnasialrektor aus der Re-
form zeit des 17. Jahrhunderts. Leipzig:
B. G. Teubner. 8. IV, 85 S.
Winttcrlin, A,: Der Bildhauer Georg Kon-
rad Weitbrecht. Ein Beitrag zur Ge-
schichte des wurttembergischen Kunstge-
werbes. 1796—1836. (Wtirttemberg. Vier-
teljahrshefte f. Landesgesch. N.F. V.Jahrg
*• S. 333-359.)
Sybel, Heinrich v.: Worte der Erinnerung
an Julius Weizsacker. (H. v. Sybel : Vor-
tr£ge und Abhandlungen. M line hen und
Leipzig: R. Oldenbourg. 8. S. 315—320,
[Historische Bibliothek. Bd. 3.]).
M e i n h o 1 d : Wellhausen. 1 — 5. (Die christl.
Welt. 11. Jahrg. 4. Sp. 461 — 465, 487—
492, 539-543, 555-557, 57&— 5*30
Me in hold, J.: Wellhausen. Leipzig: J.
C. B. Mohr. 8. 44 S. (Verbesserter SA.)
[Hefte zur 'Christl. Welt1. No 27.]
Meyer, Ed.: Julius Wellhausen u. meine
Schrift Die Entstehung des Judenthuros.
Eine Erwiderung. Halle : M, Niemeyer. 8.
26 S.
Hantzsch, Viktor: Justinian Ernst v. Welz,
Baron von Eberstein. (A. D. B. 42. Bd.
S. 744—746.)
Johann Andreas Wendel, Gymnasialdir. in
Coburg. (A. D. B. 42. Bd. S. 746—747.)
Heinze: Amadeus Wendt, Prof. d. Philo-
sophic. (A. D. B. 42. Bd. S. 747—74&)
•Pagel: Ernst Wenzel, Professor d. Ana-
tomic (S. 162.)
Varnhagen, Herm.: Werder gegen Bour-
baki. Der Kampf des 14. deutschen Korps
gegen die franztfs. Ostarmee im Jan. 1871.
Berlin: Schall & Grand. 8. VI, 104 S.
m. Abb., 1 Bildn. u. 1 eingedr. Kte.
Sal is, A. v.: Peter Werenfels, Dr. theol.,
Prof. a. d. Univ. zu Basel. (A. D. B. 42. Bd.
S. 1-4.)
Sal is, A. v.: Samuel Werenfels, Dr. u.
Prof. d. Theologie von Basel. (A. D. B.
42. Bd. S. 5—8.)
Beck, P.: Albert Werfer, kathol. Schrift-
steller u. Dichter. (A. D. B. 42. Bd. S. 8
-10.)
v. Schulte: Benedict Maria Leonhard von
Werkmeister, katholischer Theolog. (A.
D. B. 42. Bd. S. 11— 13.)
Pyl: Lambert von Werle, Abt des Klosters
Eldena. (A. D. B. 42. Bd. S. 13—14.)
Hartfelder, K.: Veit Werler, Humanist
u.Philologe. (A. D. B. 42. Bd. S. 14— 15.)
Eisenhart: Johann Werlh of, Rechtslehrer.
(A. D. B. 42. Bd. S. 15 — 16.)
Pagel: Paul Gottlieb Werlhof, berUhmter
Arzt des 18. Jahrh. (A. D. B. 42. Bd.
S. 16-17.)
Dickinger: Josef Werndl, Generaldirektor
der ttsterreich. Waffenfabriks-Ges. (A. D.
B. 42. Bd. S. 17 — 18.)
Knott, Robert: Johann Friedrich Christian
Werneburg, Prof. d. Mathematik. (A. D.
B. 42. Bd. S. 19.)
Hess, R.: Johann Wilhelm Adolf Werne-
burg, Forstmann. (A. D. B. 42. Bd. S. 19
-21.)
Pagel: Wilhelm Werneck, osterr. Militar-
u. Augenarzt. (A. D. B. 42. Bd. S. 21.)
Hess, W.: Franz Wernekink, Medicinal-
rath. (A. D. B. 42. Bd. S. 21— 22.)
Hess, W.: Friedr. Christ. Gregor Werne-
kink, Prof. d. Medicin. (A. D. B. 42. Bd.
S. 22.)
v. Gam b el: Abraham Gottlob Werner, Mi-
neralog. (A. D. B. 42. Bd. S. 33— 39.)
Hartfelder, Karl: Adam Werner von The-
mar, humanist. Dichter u. Jurist (A. D.
B. 42. Bd. S. 39—41.)
Bolte, J.: Adam Friedrich Werner, deut-
scher Hofpoet Kttnig Fried richs III. von
Danemark. (A. D. B. 42. Bd. S. 41— 42.)
Schott, Theodor: August Hermann Wer-
ner, Arzt u. Grilnder v. Kinderheilanstal-
ten. (A. D. B. 42. Bd. S. 42.)
S eiffert, Max: Christoph Werner, Musiker.
(A. D. B. 42. Bd. S. 43.)
Reusch: Franz Werner, katholischer Thco-
loge. (A. D. B. 42. Bd. S. 43—44-)
Siegfried, C: Friedrich Werner, Theo-
loge. (A. D. B. 42. Bd. S. 48.)
Hippe, Max: Friedrich Bernhard Werner,
schlesischer Zeichner. (A. D. B. 42. Bd.
S. 48—49.)
Sulger-Gebing: (Friedrich Ludwig) Za-
charias Werner. (A. D. B. 42. Bd. S. 66
-74.)
v. Hatzbach, Knoblauch: Georg Friedrich
Werner, Vorkampfer f. d.Lehre vomLicht-
ather. (A.D. B. 42. Bd. S.49— 50.)
Mandyczewski, E.: Gregor Joseph Wer-
ner, Componist (A. D. B. 42. Bd. S. 50.)
Schott, Theodor: Gustav Werner, evan-
gelischer Theologe. (A. D. B. 42. Bd.
S. 50—56.)
Gttnther: Johannes Werner, Astronom u.
Mathematiker. (A. D. B. 42. Bd. S. 56
-58.)
Pagel: Johannes Werner, Arzt. (A. D. B.
42. Bd. S. 58.)
46*
Biographische Bibliographic
Reusch: Karl Werner, katholischer Thco-
loge. (A. D. B. 42. Bd. S. 60— 61.)
Lier, H. A.: Karl Friedrich Heinrich Wer-
ner, Aquarcllmaler. (A. D. B. 42. Bd.
S. 61-63.)
Landsberg, Ernst: Michael Gottfried Wer-
ner, Jurist. (A. D. B. 42. Bd. S. 63.)
Schumann, Paul: Anton von Werner u.
Wilhelm Bode. (Der Kunstwart. io.Jahrg.
4. s. 332—334.)
Frankel, Ludwig: Franz von Werner, Di-
plomat u. Dichter unter d. Namen Murad
Efendi. (A. D. B. 42. Bd. S. 44—48.)
Poten, B.: Johann Paul von Werner, kgl.
preuss. Generallieutenant. (A. D. B. 42. Bd.
S. 63-66.)
v. Gyttry, Joseph Freiherr von Werner,
Diplomat. (A. D. B. 42. Bd. S. 58 -60.)
Gurlt, E.: Adolf Wernher, gelehrter Chi-
rurg. (A. D. B. 42. Bd. S. 80—81.)
v. Eisenhart: Johann Georg Wernher,
Jurist u. Landsyndikus. (A. D. B. 42. Bd.
S. 87.)
Wernher: Johann Wilhelm Wernher,
I grossherz. hess. Geh. Staatsrath. (A. D.
B. 42. Bd. S. 81—86.)
v. Eisenhart: Michael Gottlieb Wernher,
Rcchtsgclehrter. (A. D. B. 42. Bd. S. 86
-87.)
•Puschmann, Th. : Agathon Wernich.
(S. 355-356.)
Frankel, Ludwig: Fritz Wernick, Reise-
schriftsteller. (A. D. B. 42. Bd. S. 87-90.)
Schmidt, Erich: Christian Wernicke, Epi-
grammatiker. (A. D. B. 42. Bd. S. 90— 92.)
Bahlmann, P.: Christian Friedrich Werns-
dorf, Pfarrer. (A. D. B. 42. Bd. S. 95.)
Bahlmann, P.: Christian Gottlieb Werns-
dorf, Prof. d. Philosophic. (A. D. B.
42. Bd. S. 95—96.)
Bahlmann, P.: Ernst Friedrich Wernsdorf,
Prof. d. Philosophic u. Theologie. (A.
D. B. 42. Bd. S. 96.)
Bahlmann, P.: Gottlieb Wernsdorf, Prof.
der Theologie und Generalsuperint. dcr
Diocese Wittenberg. (A. D. B. 42. Bd.
S. 96.)
Bahlmann, P.: Gottlieb Wernsdorf, Prof.
d. oriental. Sprachen am akad. Gymn. zu
Danzig. (A. D. B. 42. Bd. S, 96— 97.)
Bahlmann, P.: Gottlieb Wernsdorf, Prof.
d. Jurisprudenz zu Wittenberg. (A. D. B.
42. Bd. S. 97.)
M u 1 1 e r , Georg : Gregor Gottlieb Wernsdorf,
angesehener sachsischer Schulmann. (A.
D. B. 42. Bd. S. 97—98.)
Koldewey, Friedrich: Johann Christian
Wernsdorf, Prof. d. Eloquenz u. Poesie
zu Helmstedt. (A. D. B. 42. Bd. S. 98
— 101.)
Frcnsdorff, F.: August von Wersebe,
Geschichtsforscher. (A. D. B. 42. Bd.
S. 101 — 102.)
Poten, B.: Johann Graf von Werth, kur-
flirstl. bair. u. k. k. bsterreich. General d.
Cavallerie. (A. D. B. 42. Bd. S. 103 — 111.)
Pa gel: Gustav Wertheim, Dermatolog. (A.
D. B. 42. Bd. S. in.)
Oppenheimer: Theodor Wertheim, Che-
miker. (A. D. B. 42. Bd. S. in.)
v. Petersdorff, H.: Heinrich August
Alexander Wilhelm Freiherr von Werthcr,
preussischer Diplomat. (A. D. B. 42. Bd.
S. in — 113.)
v. Petersdorff, H.: Karl (Anton Philipp)
Freiherr von Werther, preussischer Diplo-
mat. (A. D. B. 42. Bd. S. 113 — 116.)
Lippert, W.: Dietrich von Werthern,
Kanzler des deutschen Ordens u. Rath
Herzog Georgs v. Sachsen. (A. D. B.
42. Bd. S. 116 — 119.)
Lippert, W.: Ernst Friedrich Karl Aemi-
lius Freiherr von Werthern, k6nigl. sachsi-
scher Consistorialdirector, Kanzler u. Con-
ferenzminister. (A. D. B. 42. Bd. S. 122
-"SO
Lippert, W.: Georg von Werthern, kur-
sachsischer Staatsmann. (A. D. B. 42. Bd.
S. 125—127.)
Lippert, W.: Georg Graf von Werthern,
kursachsischer Gesandter, Cabinctsminister
u. Kanzler. (A. D. B. 42.Bd. S. 127 — 130.)
Georg Freiherr von Werthern, Jurist u. Di-
plomat. (A. D. B. 42. Bd. S. 130 — 132.)
Lippert, \V., Philipp von Werthern, Ju-
rist u. Diplomat. (A. D. B. 42. Bd. S. 121.)
Lippert, W. : Wolfgang von Werthern,
Diplomat und Sprachkenner. (A. D. B.
42. Bd. S. 119 — 121.)
Mendheim, Max: Friedrich August Cle-
mens Werthes, Dichter. (A. D. B. 42, Bd.
s. 132-133O
Boltc, J.: Heinrich Wescht. (A. D. B.
42. Bd. S. 134.)
Keussen: Gerhard von Wesel, K6lner
Rathsherr. (A. D. B. 42. Bd. S. 134.)
v. E i s e n h a r t : Mathaus Wesenbeck, Rechts-
gelehrter. (A. D. B. 42 Bd. S. 134-13S.)
Granier, Hermann: Matthaeus von Wesen-
beck, kurbrandenb. Staatsmann. (A. D. B.
42. Bd. S. 758-761.)
Otto Wesendonck f. (Allg. Musik-Zeitung.
24. Jahrg. 4. S. 7 — 8. m. Bildn.)
Arnold Wesenfeld, Prof, in Frankfurt a. O.
(A. D. B. 42. Bd. S. 138-139.)
Bahlmann , P.: Andreas Wesling (Wisling),
Prof. d. hebraischen Sprache in Rostock.
(A. D. B. 42. Bd. S. 139.)
Pyl: Franz Wessel, Blirgermeister von
Stralsund u. Forderer d. Reformation.
(A. D. B. 42. Bd. S. 139 — 141.)
Hach, Th.: Hans Wessel (Wechsel, Wesel),
Biographische Bibliographic
47*
Goldschmied in Lttbeck. (A. D. B. 42. Bd.
S. 141 — 142.)
Brecher: Johann Wessel, vorreformat.
Theolog u. Humanist. (A. D. B. 42. Bd.
S. 761-763.)
M tiller, Rudolf: Eduard Wessely, Bild-
hauer. (A. D. B. 42. Bd. S. 142 — 144.)
Lier, H. A.: Josefine Wessely, Schau-
spiclerin. (A. D. B. 42. Bd. S. 145 —
146.)
Zi mm erm ann , P. : Joseph Eduard Wessely,
Kunstschriftsteller. (A. D. B. 42. Bd. S. 144
- 1450
Pagel: Moritz August Wessely, Arzt. (A.
D. B. 42. Bd. S. 146.)
L6ffler, Alexander: Wolfgang Wessely,
Orientalist u. Rechtsgelehrter. (A. D. B.
42. Bd. S. 146—147.)
K tinner, Karl: Ignatz Heinr. von Wessen-
berg und seine Zeitgenossen, Lichtge-
stalten aus dem Katholizismus des 19. Jahr-
hunderts. M. 1 Abb. Heidelberg: J. Hdr-
ning. 8. 2 Bl., 51 S., 1 Bildn. [Bilder aus
der evang.-prot. Landeskirche des Gross-
herzogtums Baden. III.]
v. Schulte: Ignaz Heinrich Karl Freiherr
von Wessenberg. (A. D. B. 42. Bd. S. 147
-157.)
v. Arneth: Johann Freiherr von Wessen-
berg. (A. D. B. 42. Bd. S. 157—173.)
H e i g e 1 : Lorenz von Westenrieder, Histo-
riker. (A. D. B. 42. Bd. S. 173—181.)
Brecher: Gerhard Westerburg, Jurist.
(A. D. B. 42. Bd. S. 182-184.)
Zimmermann, P.: George Westermann,
Verlagsbuchhandler. (A. D. B. 42. Bd.
S. 184—186.)
Redlich: Johann Westermann, Theologe.
(A. D. B. 42. Bd. S. 186.)
Reusch: Anton Westermayer, katholischer
Geistlicher. (A. D. B. 42. Bd. S. 186—187.)
Grotefend.W.: Christiane Henri ette Doro-
thea Westermayr. (A. D. B. 42. Bd.
S. 187—188.)
Grotefend,W.: Daniel Jakob Westermayr
(Westermayer), Goldarbeiter. (A. D. B.
42. Bd. S. 188-189.)
Grotefend, W.: Konrad Westermayr
(Westermayer), Maler u. Kupferstecher.
(A. D. B. 42. Bd. S. 189— 191.)
Steiff, K.: Joachim Westfal, Buchdrucker.
(A. D. B. 42. Bd. S. 191.)
v. G Umbel: Christian Friedrich Gotthard
Westfeld, hannov. Obercommissar u. Klo-
steramtmann, Cameralist u. Mineralog.
(A. D. B. 42. Bd. S. 191 — 192.)
Kcussen: Dietrich Westhof, Chronist.
(A. D. B. 42. Bd. S. 192.)
Reusch: Elbert Wilhelm Westhoff, katho-
lischer Geistlicher. (A. D. B. 42. Bd. S. 192
— 1930
Bahlmano, P.: (Joseph) Ferdioand West-
hoff. (A. D. B. 42. Bd. S. 193.)
Py 1: Andreas Westphal, Historiker. (A. D. B.
42. Bd. S. 196 — 197.)
Landsberg, Ernst: Ernst Christian West-
phal, Jurist. (A. D. B. 42. Bd. S. 197 —
198.)
Joachim Westphal, lutherischer Theologe.
(A. D. B. 42. Bd. S. 198-201.)
G u n t h e r : Johann Heinrich Westphal, Astro-
nom. (A. D. B. 42. Bd. S. 202 — 203.)
Gtinther: Justus Georg Westphal, Astro-
nom. (A. D. B. 42. Bd. S. 203—204.)
Korn.G.: Karl (Friedrich Otto) Westphal,
Arzt. (A. D. B. 42. Bd. S. 204—205.)
Rossbach, A.: Rudolf (Georg Hermann)
Westphal. (A. D. B. 42. Bd. S. 205—216.)
Mendheim, Max: Engel Christine West-
phalen, Dichterin. (A. D. B. 42. Bd. S. 217
-218.)
v. Krogh: Heinrich Christian Westphalen,
Etatsrath. (A. D. B. 42. Bd. S. 226—227.)
Gtinther: Hermann Libert Westphalen,
Astronom. (A. D. B. 42. Bd. S. 227 — 228.)
Joachim, Hermann: Nicolaus Adolf West-
phalen, Jurist u. Historiker. (A. D. B.
42. Bd. S. 228.)
Zimmermann, P.: Christian Heinrich Phi-
lipp (Edler v.) Westphalen. (A. D. B.
42. Bd. S. 228—231,)
Cars tens: Ernst Joachim von Westphalen,
Gelchrter u. Staatsmann. (A. D. B. 42. Bd.
S. 218—221.)
Thimme, Friedrich: Ferdinand Otto Wil-
helm Henning von Westphalen, preussi-
scher Minister. (A. D. B. 42. Bd. S. 221
—226,)
Oppenheimer: Johann Friedr. Westrumb,
Apotheker. (A. D. B. 42. Bd. S. 231.)
Sillem, W.: Hermann Wetken, Bttrger-
meister von Hamburg. (A. D. B. 42. Bd.
S. 234-237.)
Sillem, W.: Johann Wetken, BUrgermeister
von Hamburg. (A. D. B. 42. Bd. S. 231
—234.)
L i p s i u s , Richard Adelbert : Zur Sakularfeier
(Wilhelm Martin Leberecht) de Wettes.
1880. (R. A. Lipsius : Glauben und Wis-
sen. Ausgewahlte Vortrage u. Aufs&tzc.
Berlin: C. A. Schwetschke & Sohn. 8.
S. 299-313.)
Dierauer, J.: Laurens Wetter, Landam-
mann von Appenzell-Ausserorden. (A. D. B.
42. Bd. S. 238—239.)
Salis, A. v.: Johann Jacob Wettstein.
Prof, der Theologie. (A. D. B. 42. Bd.
S. 251-254.)
Fah, Franz: Johann Rudolf Wettstein,
Burgermeister von Basel. (A. D. B. 42. Bd.
S. 240—248,)
Salis, A. v.: Johann Rudolf Wettstein L,
48*
Biographische Bibliographic
Prof. d. Theologie. ( A. D. B. 42. Bd.
S. 248 — 250.)
Salis, A. v.: Job arm Rudolf Wettstein II.,
Prof. d. Theologie. (A.. D B. 42. Bd.
2S°~ 25*0
Metz, L.: Hieronymus Wetzel, niederhess.
reformirter Theolog. (A.D.B. 42.B. S. 254
-256.)
J oh an n Caspar Wetzel, Theologe. (A. D. B.
42. Bd. S. 256—257.)
Haeberlin, C: Johann Christian Fried-
rich Wetzel, Rector des Lyceums zu
Prenzlau. (A. D. B. 42. Bd. S. 257—259.)
Metz: Thomas Wetzel, reformirter Geist-
licher Niederhessens. (A. D. B. 42. Bd.
S. 259—260.)
v. G y 5 r y : Heinrich Joseph Wetzer, Theo-
loge. (A. D. B. 42. Bd. S. 261 — 263.)
Pa gel: Johann Evangelist Wetzler, Arzt.
(A. D. B. 42. Bd. S. 263.)
Klenz, Heinrich: FriedrichKarlWex, Schul-
mann u. Philolog. (A. D. B. 42. Bd. S. 263
-265.) .
v. Schulte: Jakob Wex, Prof. d. Theolo-
gie u. Philosophic (A.B.B. 42. Bd. S. 265
—266.)
Holland, Hyac: Wilibald Wex, Land-
schaftsmaler. (A. D. B. 42. Bd. S. 266.)
Lier, H. A.: Julius Weyde, Genremaler.
(A. D. B. 42. Bd. S.266.)
Binz, C: Johann Weyer, Arzt. (A. D. B.
42. Bd. S. 266 — 270.)
Heyd, W.: Albrecht Weyermann, Theolog
u. Litterarhistoriker. (A. D. B. 42. Bd.
S. 270—271.)
Br ti miner, Franz: Friedrich Weyermuller,
Dichter geistlicher Lieder. (A. D.B. 42. Bd.
S. 271.)
Poten, B: Hermann Weygand, grossherzl.
hessischer Major u. Milittirschriftsteller.
(A.D.B. 42. Bd. S. 272—273.)
Katzenstein, Louis : Sebastian Weygandt,
Maler. (A. D. B. 42. Bd. S. 273 )
Redlich: Maximilian Friedrich Weyhe,
Botaniker u. Hofgartner. (A. D. B. 42. Bd.
S. 277—278.)
Lange, Wilhelm Christian: Eberhard von
Weyhe, Jurist u. Staatsmann. (A. D. B.
42. Bd. S. 273—277.)
Tschackert, P.: Johann Heinrich Wey-
henmayer, luth. Prediger u. Erbauungs-
schriftsteller. (A. D. B. 42. Bd. S. 278.)
Lier, H. A.: Georg Gottfried Weyhen-
meyer, Bildhauer. (A. D. B. 42. Bd.
S. 279.)
Frank el, Ludwig: Josef Weyl, Humorist
u. Uebersetzer. (A. D. B. 42. Bd. S. 280
—282.)
Sauer, W.: Joseph Weyland, papstlicher
Hauspralat. (A. D, B. 42. Bd. S. 282 —
283.)
Rati el, F.: Karl Weyprecht, Polarfahrer.
(A. D. B. 42. Bd. S. 763—774.)
Escherich, G. v.: Emil Weyr, Prof. d.
Geometric (A.D.B. 42. Bd. S. 283— 284-)
Mayer, Christian: Stephan Weyrer, Kir-
chenmeister zu Nordliugen.(A.D.B. 42. Bd.
S. 284—285.)
Stieda, L.: (Karl Rufus) Victor Weyrich,
Arzt. (A. D. B. 42. Bd. S. 285—286.)
Mtlller, Rud.: Clemens Ritter v. Wey-
rother, Schriftsteller. (A. D. B. 42. Bd.
S. 286—287.)
C r i s t e , Osk. : Franz v. Weyrother, General-
major. (A. D. B. 42. Bd. S. 287—289.)
Eitner, Rob.: Christoph Ernst Friedrich
Weyse, Componist u. Musiktheoretiker.
(A. D. B. 42. Bd. S. 289—290.)
Steiff, K.: Johannes Weyssenburger, Prie-
ster u. Drucker. (A. D. B. 42. Bd. S. 290
—291.)
Hantzsch, Viktor: Wolfgang Weyssen-
burger, reformirter Theolog u. Geograph.
(A. D. B. 42. Bd. S. 291—292.)
Anemllller: Johann Karl Wezel, Lust-
spieldichter. (A, D. B. 42. Bd. S. 292 —
2930
Wagner, P.: Tileman Dothias Wiarda.
(A. D. B. 42. Bd. S. 293—298.)
Gttnther, Rudolf: Johann Christian Wibel,
Hofprediger u. Kirchenhistoriker. (A. D. B.
42. Bd. S. 300 — 302.)
Wetzel: Peter Wiben. (A. D. B. 42. Bd.
S. 302-303O
Pagel: Karl August Wibmer, Arzt u. Me-
dicinalbeamter. (A. D. B. 42. Bd. S. 303
-304O
Cuno: Johannes Wichelhaus, reformirter
Theologe. (A.D.B. 42. Bd. S. 306—309.)
Hen nig, Mart: Johann Heinrich Wichern,
der Herold d. Inn. Mission. Berlin: Ost-
deutscher Jtinglingsbund. 8. 16 S. m. Abb.
[Ftlr Feste u. Freunde der Inn. Mission.
H. 1.]
Sander: Johann Hinrich Wichern, Begriin-
der des Rauhen Hauses. (A. D. B. 42. Bd.
S. 775-780.)
Hoi stein, H.: George Heinrich Robert
Wichert, Schulmann. (A.D.B. 42. Bd.
S. 3°9— 310)
Bolte, J.: Albert Wichgrevius, Dichter.
(A. D. B. 42. Bd. S. 310—312.)
Lier, H. A.: Adolf Wichmann, Maler.
(A. D. B. 42. Bd. S. 312—313.)
Pagel: Johann Ernst Wichmann, Arzt
(A. D. B. 42. Bd. S. 313.)
Wei s bach, Werner: Karl Friedrich Wich-
mann, Bildhauer. (A.D.B. 42. Bd. S. 313
-314O
W e i s b a c h , Werner : Ludwig Wilhelm Wich-
mann, Bildhauer. (A.D.B. 42. Bd. S. 314
-3i6.)
Biographische Bibliographic.
49"
Giinther: Moritz Ludwlg Georg Wich-
mannt Astronom. (A. D. B. 42. Bd.
S. 316.)
Siegfried, C: Johann (Christoph) Wich-
mannshausen. (A. D. B. 42. Bd. 8. 316.)
Wunschmann, E.: Max Ernst Wichura,
preussischer Regierungsrath. (A. D. B.
42. Bd. S. 316—318.)
•Brttmmer, Franz: Julius von Wickede.
(S. 261-262.)
Pot en, B.: Julius v. Wickede, Schrift-
steller. (A. D. B. 42. Bd. S. 318-319.)
S chafer, Dietrich: Thomas v. Wickede,
BUrgermeister von Liibek. (A.D.B. 42. Bd.
s. 319—320.)
Ilwof, Franz: Matthias Constantin Capello
Graf von Wickenburg. (A. D. B. 42. Bd.
S. 320-325O
Schlossar,A.: Wilhelmine Grafin Wicken-
burg-Almasy, deutsch-osterreichische Dich-
terin. (A. D. B. 42. Bd. S. 326—327.)
Kaindl, R. F.: Franz Adolf Wickenhauser,
Geschichtsforscher. (A. D. B. 42. Bd.
s. 327-328.)
Schmidt, Erich : jOrg Wickram. (A, D. B.
42. Bd. S. 328-336.)
Ney: Joh. Goswin Widder, pfalz. Histori-
ker. (A. D. B. 42. Bd. S. 338.)
Cuno: Friedrich Widebram, rcformirter
Schulmann und Dichter. (A. D. B. 42. Bd.
s. 338— 340.)
Steiff , K. : Johannes Widenast (Vydenast).
(A. D. B. 42. Bd. S. 340—341.)
Lauchert: Franz Xaver Widenhofer, katho-
lischer Theologe. (A. D. B. 42. Bd. S. 341
-342.)
?. Winckel, F.: Barbara Widenman(nin).
(A. D. B. 42. Bd. S. 342—343.)
Tschackert, Paul: Philipp Ehrenreich
Wider (Wieder), evang. Theologe. (A.D.B.
42. Bd. S. 343.)
Frankel, L.: Achilles Jason Widman(n).
(A. D. B. 42. Bd. S. 345-346.)
Lier, H. A.: Christian Adolf Friedrich
Widmann, Dichter u. Politiker. (A. D. B.
42. Bd. S. 352—3540
Meyer, Christian: Enoch Widmann, Ge-
schichtsschreiber. (A.D.B. 42. Bd. S. 354
-3550
Frankel, L.: Erasmus Widman(n), Mu-
siker u. musikal. Dichter. (A.D.B. 42. Bd.
s. 346-350)
v. Schulte: Franz Widmann, Kanonist.
(A. D. B. 42. Bd. S. 355.)
Frankel, L. Georg Widman(n), Chronist.
(A. D. B. 42. Bd. S. 345.)
Frankel, L.: Georg Rudolf Widman(n),
BeaTb. d. Faust - Volksbuchs. (A. D. B.
42. Bd. S. 350-352.)
Widmann, J. V.: Erinnerungen an Johannes
Brahms, s. Brahms.
Hiogr. Jahrb. u. Deutacher Nckrolog. 2. Bd.
Heyd: Johann Widmann (Salicetus). (A.
D. B. 42. Bd. S. 355-357.)
Cantor: Johannes Widmann von Egerf
Mathematiker. (A. D. B. 42. Bd. S. 355.)
v. Oefele: Leonhart Widmann, Regens-
burger Chronist. (A. D. B. 42. Bd. S. 357.)
Riezler: Johann Albrecht Widmans tetter,
Staatsmann u. Humanist. (A. D. B. 42. Bd.
s. 357-361.)
Lauchert: Joseph Widmer, katholischer
Theologe. (A. D. B. 42. Bd. S. 361—
362.)
Holland, Hyac: Max Ritter von Widn-
mann, Bildhauer und Akademieprofessor.
(A. D. B. 42. Bd. S. 362—364.)
v. Hoyer, E.: Friedr. Karl Hermann Wiebe,
Ingenieur. (A. D. B. 42. Bd. S. 370 — 372 )
Frolich, H.: Johann Wilhelm v. Wiebel,
deutschcr Militararzt. (A. D. B. 42. Bd.
s. 372.)
Eitner, Rob., Friedrich Wieck, Musiker
u. Musikpadagoge. (A, D. B. 42. Bd. S. 373
—3750
v. Hoyer, E.: Friedrich Georg Wieck, tech-
nologischer Schriftsteller u. Industrieller.
(A. D. B. 42. Bd. S. 372T3730
Gil n the r; Basilius Christian Bernhard
Wiedeburg, Astronom. (A. D. B. 42. Bd.
S. 3750
Wegele: Friedrich Wiedeburg, Historiker.
(A. D. B. 42. Bd. S. 375O
Stalmann, W.: Friedrich August Wiede-
burg, Universitatsprof. u. Schulmann. (A.
D. B. 42. Bd. S. 376—377.)
Giinther: Johann Bernhard Wiedeburg,
Theolog u. Astronom. (A. D. B. 42. Bd.
s. 379—380.)
Giinther: Johann Ernst Basilius Wiede-
burg, Physiker u. Astronom. (A. D. B.
42. Bd. S. 380.)
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(Der Bar. 23. Jahrg. 4. S. 18-21.)
E i t n e r , Rob. : Wilhelm Friedrich Wieprecht,
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Christianus Wierstraat. (A. D. B. 42. Bd.
S. 4270
v. Eiscnhart: Georg Stephan Wiesand,
Rechtslehrer. (A. D. B. 42. Bd. S. 427 —
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♦Weltner, A. J.: Wilhelm Wiesberg,
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M tiller, Albert: Friedrich (Julius August)
Wieseler. (A. D. B. 42. Bd. S. 430 —
4330
Tschackert, Paul : Karl Georg Wieseler,
evang. Theologe. (A. D. B. 42. Bd. S. 433-)
Hackermann: Christian Enoch Wiesener,
Theologe u. Dichter. (A. D. B. 42. Bd.
S- 433 — 434-)
Landsberg, Ernst: Just Karl Wiesen-
hauern, protestant. Kanonist. (A. D. B.
42. Bd. S. 434— 435-)
Lauchert: Georg Franz Wiesner, kathol.
Theologe. (A. D. B. 42. Bd. S. 435 —
436.)
MUller, Rudolf: Konrad Wiesner, Kupfer-
stecher. (A. D. B. 42. Bd. S. 436— 440.)
v. Schulte: Jakob Wiessner, Kanonist.
(A. D. B. 42. Bd. S. 440.)
Lauchert: Stephan Wiest, kathol. Theo-
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Wigand, Botaniker. (A. D. B. 42. Bd.
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berg, bairischer Chronist. (A.D.B. 42. Bd.
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Hippe, M.: Hieronymus GUrtler von Wil-
denberg. (A. D. B. 42. Bd. S. 499.)
Frank el, Ludwig: Karl August Wilden-
hahn, Erbauungsschriftsteller. (A. D. B.
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Hess, R.: Ludwig Karl Eberhard Heinrich
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eisenach. Geheimrath, Senior d. Jenenser
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Ambrosius Wilflingseder, Diakonus u. Mu-
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Krieger: Wilhelm, Markgraf von Baden
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Pot en, B: Wilhelm Ludwig August, Prinz
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Riezler: Wilhelm III., Herzog von Baiern-
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Riezler: Wilhelm V., der Fromme, Her-
zog von Baiern. (A. D. B. 42. Bd. S. 717
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F. Sturm & C. 8. 16 S. m. Abb.
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Zchlicke, Ad.: Kaiser Wilhelm d. Grosse,
Deutschlands Retter und Racher. Ge-
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ftthrten Nationalkriege bis zu seinem Tode
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54"
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M org en, A.: Emil von Wolff f- (Die
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obrigkeitlichen Erlassen. Zurich: Selbstv.
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Uel.Meiaehbarti RiHanh * Co
4*rWvm\ Geard Reimsr Herlin,
fr
DEUTSCHER NEKROLOG
VOM i. JANUAR BIS 3i. DECEMBER
i897.
Homo liber de nulla re minus, quam
de morte cogitat et ejus sapientia non
mortis, sed vitae meditatio est.
Spinoza. Ethices part IV. Propos.
LXV1I.
Biogr. Jabrb. u. DeuUchtr Nekrolog. 2. Bd
Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. December 1897.
Reimer, Ernst Heinrich, Buchhandler in Berlin, * in Berlin am 5. Juli
1833, f in Jena am 19. October 1897. — Nach einer sonnigen Kindheit, in
den weiten Raumen und Garten des heutigen Hausministeriums, wurde Ernst
Reimer, der al teste Sohn von Georg Reimer, zunachst nicht Buchhandler,
sondern Seemann. Neigung und Wesen leiteten den lebensfrohen und leibes-
gewandten Jtingling, als er 1850 das Friedrichs-Werdersche Gymnasium ver-
liess und mit erwirkter vaterlicher Zustimmung seine erste Seereise auf einem
Bremer Kauffahrteischiffe antrat. Es flihrte ihn — als Schiffsjungen, dann als
Matrosen — westwarts tiber Lima, Hongkong und Ceylon bis zum Cap der
Guten Hoffnung, wo es Havarie erlitt. Erst Februar 1854 kehrte er auf
fremdem Schiffe heim, war zweimal in Nordamerika und erwarb sich 1855
auf der Navigationsschule zu Danzig den Grad eines Obersteuermanns. Wieder
auf einer Reise nach Ostindien und China begriffen, starb ihm 1858 in der
Heimath der Bruder Max im Beginn der buchhandlerischen Ausbildung.
Das bedeutete fttr Ernst Reimer, dessen seelische Entwickelung die gei-
stigen Entbehrungen seines Berufes und die geselligen Harten seiner Um-
gebung mit wachsendem Unbehagen reflectirte, den freiwilligen Verzicht auf
Steuer und Compass, und es erfullte sich ihm und dem Vater ein Wunsch,
als i860 ftir den Siebenundzwanzigjahrigen im Frommann'schen Hause in Jena
nach den Wanderjahren die Lehrjahre begannen. 1861 wurde ihm Adolf
Marcus in Bonn zum Lehrherrn und vertrauten Freunde, ein Jahr darauf
arbeitete er in Leipzig bei Arthur Felix und 1863 offnete sich dem als jungen
Gatten Heimkehrenden die Handlung des Vaters. Von da an war die Firma
Georg Reimer, die Georg Andreas Reimer — der Freund Arndt's und Schleier-
macher's — 18 19 aus der Realschulbuchhandlung hatte erstehen lassen, ein
Menschenalter hindurch die Statte seines Wirkens. 1865 wurde er Procurist,
1876 Theilhaber der Firma, von 1884 an war er ihr Alleininhaber, bis er am
1. Januar 1897 das Erbe seiner Vater der Hand anvertraute, die diese Zeilen
schreibt und die unter seiner Leitung ftir ihren Beruf sich schulen durfte.
Im Sommer darauf Hess er sich auf der Helgolander Dtine von den fluthen-
1*
4 Reimer. Holsten.
den Wellen nochmals den Traum der Jugend erzahlen, betrieb dann heiter
und verlangend die Uebersiedelung nach Jena und erlag hier wenige Wochen
darauf einem Leiden, das schon Jahre an seiner Kraft und Spannung gezehrt
hatte.
Ernst Reimer war ein feinsinniger und hingebender Vertreter seines Be-
rufes, aus der Schule seiner Vorganger. Das Buch, das er verlegte, war ihm
Selbstzweck; bestand es vor der Kritik wie vor dem eigenen Gefallen, so
hatte er den besseren Theil seines Lohnes dahin. Zu dem Autor, fur den
er verlegte, suchte er gerne ein personlich vertieftes Verhaltniss. Seinen
Verlag als Pflegstatte der Wissenschaft, wie er ihm tiberkommen war, zu
verwalten, war ihm Pflicht und Genugthuung. So spannen sich unter ihm
auch die Faden verdichtend fort, die seine Handlung mit der Preussischen
Akademie der Wissenschaften und dem Deutschen Archaologischen Institut
verkniipften und bei den Vertretern jener Korperschaften stand das stille
Wirken des ttichtigen und bescheidenen Mannes in hoher Geltung.
Dem literarischen Sachverstandigenverein gehorte Ernst Reimer, als Nach-
folger des Vaters, bis zu seinem Todesjahre an. In der Stadtverordneten-
versammlung, in die man ihn 1875 an Stelle des Vaters wahlte, blieb er nur
fiinf Jahre.
Im offentlichen * Leben war er niemals heimisch. In sich geschlossen,
ein Mann der Ueberzeugung und des klaren freien Urtheils, machte ihn doch
Widerspruch schon im engen Kreise schweigsam. Nicht aus Zaghaftigkeit,
dass man ihm wehe thue, sondern aus Besorgniss, Anderen wehe zu thun.
Aber Zartsinn hat eine leise Stimme und wo er im lauten Streit des Lebens
die Fuhrung tibernimmt, da wird ihm leichtlich die Resignation zur Zuflucht.
So erzahlten wenigstens die seelenvollen Augen denen, die Ernst Reimer in
den letzten Jahren seines Lebens naher getreten. Als habe in dem harten
und treuen Kampf um sein Lebensideal die Entsagung die Oberhand be-
halten.
Conze im Archaol. Anzeiger 1897 S. 167; Diels in einer Beilage des Archivs fttr
Geschichte der Philosophic XI, 1 und des Archivs fttr system. Philosophic IV, 1 ; Laehr in
der Allgem. Zeitschrift ftir Psychiatric LIV S. 950; Virchow im Archiv ftlr pathol. Ana-
tomic und Physiologic CL S. 388; Websky in den Protest. Monatshcften I S. 463.
W. de Gruyter.
Holsten , Karl, Universitatsprofessor der Neutestamentlichen Exegese in
Heidelberg, * am 2. April 1825 in Glistrow, f am 26. Januar 1897 in Heidel-
berg. — Unter den Verlusten, die das Jahr 1897 der evangelischen Kirche
gebracht hat, ist einer der schmerzlichsten der des griindlichen neutestament-
lichen Forschers und hochbeliebten Universitatslehrers Karl Holsten. Mit ihm
ist einer der letzten Vertreter der kritischen Schule dahingegangen, der selbst
sich als Schtiler des Tlibinger Meisters, Chr. Ferdinand Baur, zu bezeichnen
pflegte.
Dieser letzte grosse Vertreter der TUbinger Schule stammte aus dem
Lande der norddeutschen Orthodoxie, aus Mecklenburg. H. wurde geboren
1825 zu Glistrow in Mecklenburg. Sein Vater hatte Jurisprudenz studiert,
war aber vor Beendigung seiner Studien als freiwilliger Jager in die Freiheits-
kriege gezogen und hatte sich dann als Notar in Glistrow niedergelassen. So
vererbten die patriotischen Erinnerungen des Vaters sich auf den Sohn, der
in den Schulen seiner Vaterstadt seine erste Bildung erhielt. Da die Mutter
mit dem grossen Hauswesen viel zu thun hatte, wurde der Kleine schon in
Holsten. q
seinem dritten Lebensjahre zur Schule geschickt. Traumerisch und in sich
gekehrt, entwickelte der Knabe sich langsam und hatte in den ersten Schul-
jahren viel unter der unverstandigen und rohen Padagogik einer wenig zu
lobenden Anstalt zu leiden. Der sehnliche Wunsch der frommen und ge-
miithstiefen Mutter war, ihren Karl als Pastor zu sehen und der Sohn, der
mit ganzer Seele an dieser Mutter hing, lebte sich durch seine Liebe zu ihr
gleichfalls in diesen Gedanken ein. Aus der Dumpfheit seiner ersten Schul-
zeit erwacht, fand er in den oberen Klassen Lehrer, die ihn verstanden und
an die er sich mit der vollen Begeisterung seines weichen Knabenherzens
anschloss. Von heilsamem Einfluss auf sein ganzes Leben wurde es, dass
einer der Apostel der edlen Turnkunst im Sinne des Turnvaters Jahn an der
Anstalt wirkte. Ihm verdankte es H., dass aus dem allzu runden und lang
verzartelten Kinde ein straffer, elastischer, zu alien Leibestibungen geschickter
Jiingling und Mann wurde, hart gewohnt, gentigsam und ausdauernd, wie
wenige. Das deutsche Turnerthum jener Jahre war aber mehr als blosse
Leibesiibung. Der Knabe las Jahn's Leben, Seume's Spaziergang nach Syracus
und urn diese Helden der Enthaltsamkeit zu erreichen, fing er an, alles Ent-
behrliche abzuwerfen und machte in der Bediirfnisslosigkeit solche Fortschritte,
dass kein Knecht, noch Taglohner ihn in der Harte des Lagers oder Einfach-
heit der Verpflegung erreichte. Dass er alle Bettstiicke ausser dem Strohsack
entfernte und zum Kopfkissen zwar nicht einen Stein, aber sein Brettspiel
erwahlte, nennt er selbst eine Thorheit, aber er verdankte diesem Sport seinen
stahlharten Korper. Die Gewohnheit mit Sonnenaufgang sich zu erheben und
den Tag mit einem gewaltigen Marsch zu beginnen, hat er bis in sein sieb-
zigstes Jahr beibehalten. Dabei nahm er alle jene Grundsatze der Jahn'schen
Schule in sich auf, die frisch, frei, fromm das Deutschthum pflegte und die
seiner Personlichkeit jenen Stempel der aufrichtigen und frohlichen Tapferkeit
aufpragten, durch die er iiberall die Herzen, zumal die der Jugend gewann.
Im Jahre 1843 verliess er Rostock, um in Leipzig Theologie und Philologie
zu studieren. Bei einem jungen Manne dieser Art gehorten die ersten Seme-
ster dem Studentenleben und der Fiihrung der Klinge und bis in sein Alter
freute er sich der schonen Erinnerungen, mit denen diese frohen Tage der
Jugendlust zu Leipzig, Berlin und Rostock sein Leben bereichert haben. Die
drei theologischen Fakultaten, an denen er studierte, zumal die der Heimath,
gehorten alle drei der theologischen Richtung an, der er selbst nachmals
nicht angehfirte. So scheint sein Beispiel die Erfahrung zu bestatigen, dass
sich die theologische Richtung des Mannes oft im Gegensatze zu der Schule
feststellt, die der Jiingling durchlaufen. In der That wusste H. selbst mit
Humor davon zu erzahlen, mit weichen Glossen er und seine Freunde so
manche Auslegung der Hengstenberg'schen Exegese begleiteten und wie wenig
Neander's wohlgemeinte Apologetik bei ihnen verfing. Dennoch hat auch er
seine entscheidenden Anregungen, wenn auch nicht im theologischen Horsaal,
so doch im akademischen Leben erhalten. Seine Studienjahre seit 1843 fielen
in die Zeitj in der die jiingere Hegel'sche Schule ihre gewaltige Wirkung auf
die heranwachsende Generation libte und eine stiirmische, mit Geist und Witz
gehandhabte Kritik gerade die begabten und lebendigen Naturen in ihre
Kreise verstrickte. Der Streit tiber das Leben Jesu und die christliche Glau-
benslehre von David Friedrich Strauss bewegte noch immer die theologische
Welt. Die Schriften von Ludwig Feuerbach, die Halle'schen Jahrblicher von
Arnold Ruge, die TUbinger JahrbUcher von Ferdinand Christian Baur, die
6 Holsten.
Paradoxieen und Quertreibereien des jungen Bruno Bauer hatten die philoso-
phischen und theologischen Studien zu einer Arena voll Kampfruf und Staub-
wirbeln gemacht und H. glich sein Leben lang einem edeln Streitross, das
die Ohren spitzt, wenn die Fanfare geblasen wird und gern dabei ist, wo
Schwert und Schild an einander klirren. Eifrig vertiefte sich schon der Ber-
liner Student in das Studium der Hegel'schen Philosophic Namentlich die
dreibandige Geschichte der Philosophic aus Hegel's Nachlass war eines seiner
Lieblingsblicher und ihrer Grundanschauung von der Selbstentfaltung der Idee
in der Geschichte und dem Hegel'schen Begriffe der Entwickelung ist er nie-
mals untreu geworden. Aber die eigendiche Leuchte, die seinem theologi-
schen Schifflein auf der wildbewegten See die Richtung wies, wurde schliess-
lich doch Schleiermacher. So wenig der tapfere Mann alle Vermittelungen
Schleiermacher's und dessen Neigung zu vorsichtig ausbeugenden Formeln
guthiess, die Grundprincipien seiner eigenen Religionsphilosophie stammen aus
Schleiermacher's Schule. Mit diesen Anregungen, die ihn mehr aufgeregt als
geklart hatten, kehrte er nach Rostock zurlick. Er selbst bekennt, das
eigentliche ernste Studium habe ftir ihn erst in diesen spateren Semestern
begonnen.
Einem jungen Theologen von seiner Richtung konnten die Wege in der
mecklenburgischen Heimath keine leichten Wege sein, aber sein offener, froh-
licher Sinn und eine gllickliche Gabe, alle Gegensatze von ihrer humoristi-
schen Seite zu nehmen, erleichterten ihm die Schwierigkeiten, an denen eine
schwerere und minder helle Natur gescheitert ware. Krabbe, Delitzsch, Hof-
mann, Kliefoth und wie die gestrengen Lehrer und Examinatoren alle hiessen,
seiner Liebenswurdigkeit widerstanden sie nicht. Sie wollten ihn sogar fest-
halten, wo er selbst bedenklich war. »Predigen Sie sich in's Christen thum
hinein!« sagte ihm Krabbe. Bereits aber war in ihm der forschende und
sondernde Geist erwacht, der ihn drangte, die einzelnen Vorstellungen und
Lehrbegriffe strenger in's Auge zu fassen und jeden neutestamentlichen Schrift-
steller als literarische Individuality zu studieren. So geht eine seiner epoche-
machenden Untersuchungen liber den Begriff der aotp£ im Neuen Testamente
in ihren Anfangen bis in die Studienzeit zurtick, denn H. hatte durch
eine Preisaufgabe der theologischen Fakultat zu ihr den ersten Anstoss er-
halten. Dann war es Delitzsch, der ihn anwies, das alte Testament mit der
Feder in der Hand zu lesen, um sich liber das Verhaltniss der Propheten
und Psalmisten zum Ritualgesetz eine selbstandige Meinung zu bilden und
ihn so darauf leitete, auch die neutestamentlichen Begriffe iiberall auf ihre
alttestamentliche Grundlage anzusehen. Er selbst bekennt, dass er damals
sich gewohnt habe, jedes Problem auf Grund der Sammlung und Verarbei-
tung des gesammten thatsachlichen Materials zu losen und nicht das Material
erst nachtraglich zur BegrUndung seiner Ideen, oder wie er gern sagte, seiner
Blaumontagseinfalle, beizuziehen. »Nach dem zweiten theologischen Examen«,
so schreibt H. in einer eigenen Aufzeichnung, die mir vorliegt, »stand nun
zur Frage, ob er um eine Pfarre sich bewerben solle. Nun hatte«, so heisst
es in dieser eigenhandigen Niederschrift, »seit einer Reihe von Jahren das
Kliefoth' sche Regiment in Mecklenburg ein starres Bekenntnisslutherthum zur
ausschliesslichen Herrschaft gebracht und jeden ^Viderstand dagegen mit der
Hilfe der Staatsregierung niedergeschlagen. In der Voraussicht, dass er mit
diesem Regimente sofort in Streit gerathen und in diesen Streit auch die
Gemeinde hineinziehen werde, entsagte er seinem ursprtinglichen Lebensideale
Holsten. y
und trat in den Schuldienst.* Auch als im Laufe der nachsten Jahre deni
bereits Verheiratheten eine der schonsten Pfarreien der Heimath von der
Gemeinde angeboten wurde, lehnte er ab, nicht, weil er an seinem Rechte
zweifelte oder den Kampf fur sich scheute, sondern weil er nicht Unfrieden
und Streit in eine Gemeinde tragen wollte, die sich bis dahin des Friedens
erfreut hatte. Siebzehn Jahre wirkte er so an dem Gymnasium zu Rostock,
von 1853 bis 1870, anfanglich hauptsachlich als Religionslehrer, spater auch
als vortrefflicher Lehrer der deutschen und griechischen Literatur in den
Oberklassen, Er dachte wohl auch an die Herausgabe einer deutschen Gram-
matik zum Schulgebrauche. »Aber die Theologie«, so schreibt er selbst,
»blieb Herrscherin in seinem Gemtithe«. Wie aber alle seine literarischen
Impulse immer zugleich moralische waren, so war seine erste grosse Publika-
tion, durch die er das Auge der gesammten theologischen Welt auf sich
lenkte, ein Ritterdienst, den er einem Todten zu schulden glaubte. Im Jahre
1 860. s tar b Christian Ferdinand Baur, der Theologe, den H. von alien leben-
den am hochsten stellte und dem er selbst flir seine wissenschaftliche Ent-
wickelung am meisten verdankte. Landerer aber sprach in seiner Rede am
Grabe des Collegen, Baur's ganze Lebensarbeit sei auf Beseitigung des Wun-
ders im Neuen Testamente gerichtet gewesen. Nun habe er aber erklart,
dass die Bekehrung des Paulus weder durch eine historische, noch logische,
noch psychologische Analyse zu begreifen sei. Und da er also ein Wunder
habe stehen lassen mlissen, so habe er damit alle Wunder stehen lassen.
Seine Lebensarbeit sei also vergeblich gewesen. Das war nach H.'s eigener
Niederschrift der Anlass zu seinem bertihmten Aufsatze: »Die Christusvision
des Paulus«. Er wollte Landerer zeigen, dass die nattirliche und psycholo-
gische Erklarung der Paulusvision keineswegs unmoglich sei, Gleich bei dieser
ersten grosseren Studie zeigte sich der Gewinn seines Grundsatzes, jede Frage
auf Grund des ganzen Materials zu entscheiden. Der Streit iiber eine Frage,
die von den Meisten auf Grund ihrer dogmatischen Principien und ihrer
ganzen Weltanschauung entschieden wird, wurde ftir ihn zu der Frage nach
der Christologie des Paulus iiberhaupt. Um festzustellen, wie hat Paulus den
Messias auf dem Wege nach Damaskus geschaut, fragte er, wie hat er ihn in
seinen Briefen beschrieben, denn er wird ihn nicht anders beschrieben haben,
als er ihn schaute. Dieses Christusbild des Apostels verglich er dann wieder
mit den Messiasbildern des alten Testaments, mit der Lehre vom himmlischen
und irdischen Menschen bei fhilo und so wurde der Streit Uber eine einzelne
Thatsache ftir ihn der Punkt, von dem aus er iiberhaupt in die paulinische
Theologie eindrang. Die Abhandlung erregte das grosste Aufsehen und wurde
zum Ausgangspunkt einer neuen Phase der kritischen Schule, die mit erneu-
tem Eifer begann, von den vier grossen Paulusbriefen her sich nicht nur tiber
die Anschauungen des Apostels, sondern liber das apostolische Zeitalter selbst
zu unterrichten. Die friiheren Lichter waren durch die Strauss'sche Kritik
ausgeloscht, hier aber waren Anhaltspunkte gegeben, an denen weiter tastend
man sich im Dunkeln orientirte. Was aber H.'s Auge gescharft und ihn die
Kunst gelehrt hatte, im Dunkeln zu sehen, das war sein unermtidlicher Fleiss,
der es nicht mtide wurde, jeden paulinischen Ausdruck immer und immer
wieder zu prtifen, was er enthalte und was er voraussetze. Zunachst machte
H. von den Ergebnissen seiner ersten Arbeit die Anwendung auf die Er-
forschung des Glaubensinhalts des Judenchristenthums. Aus den Aeusserungen
des Paulus, zumal im Galaterbrief, construirte er sich die Messiasvision des
g Holstcn.
Petrus, die ja gleichfalls durch Paulus bezeugt ist, und sodann das ganze
judenchristliche Dogma. Nicht aus der Apostelgeschichte, sondern aus den
paulinischen Briefen studierte er den Petrinismus. Die neue Arbeit konnte
erst 1867 erscheinen, da er eben nur die kurzen Schulferien flir seine theo-
logischen Forschungen zur Verfiigung hatte und das Aufriicken in den Unter-
richt der obersten Klassen vermehrte Schularbeit mit sich brachte. Bald
darauf wurde er zum Director des Gymnasiums vorgeschlagen, aber er unter-
Jag mit einer einzigen Stimme; die Majoritat wahlte einen ansassigen Lehrer,
der in alien Stilcken H.'s Widerpart war, so dass dieser sich um die Leitung
der Btirgerschule bewarb, um sich diesem misslichen Verhaltnisse zu ent-
ziehen. Gerade in diesem Augenblicke kam zu H.'s Freude ein Ruf nach
der Schweiz. Der Erziehungsrath der Universitat Bern, der die theologische
Fakultat lang in positivem Sinne besetzt hatte, nachdem Zeller's Berufung in
den vierziger Jahren mancherlei Schwierigkeiten bereitet hatte, war durch die
Bemtihungen des Sohnes von Jeremias Gotthelf, des einflussreichen Pfarrers
Bitzius, und der beiden Berner Prediger Langhans fiir die Berufung H.'s ge-
wonnen worden. Auch die ZUricher Theologen Hirzel, Lang, Furrer hatten
auf ihn hingewiesen, dessen Abhandlung tlber die Paulusvision sie als die
bedeutendste wissenschaftliche Arbeit der letzten Jahre bezeichneten. Da
zur Dotation einer neuen theologischen Stelle keine Mittel zur Verftigung
standen, wurde H. 1870 zunachst als Lehrer am Gymnasium und als Extra-
ordinarius an der Universitat angestellt, trat aber schon im folgenden Jahre
als Ordinarius ganz zur theologischen Fakultat tiber. Die sechs Jahre seines
Aufenthalts in der Schweiz hat H. stets als eine gliickliche und frohe Zeit
bezeichnet. Sein frisches und mannliches Wesen gefiel den Oberlandern. Er
hatte etwas Sieghaftes in seiner Erscheinung, dem sich alles von selbst unter-
ordnete. Ein schoner Mann, nicht im banalen Sinne des Wortes, sondern
von ernster Schonheit des feingeschnittenen Profils, des fesselnden Auges und
der durchgearbeiteten, streng mannlichen Ztige. Aber wahrend er frei und
frank mitten im Volksleben schwamm und mit seiner herzlichen und auf-
richtigen Liebenswtirdigkeit tiberall Freunde fand, hielt er sich doch streng
an seine Lehraufgaben und vermied so die Klippe, an der so viele Deutsche
scheiterten, er mischte sich nicht in die Fragen des Kantons. »Ihr habt stets
Zwecke«, pflegte er seinen neuen Freunden zu sagen, wahrend er, ein Idea-
list im edelsten Sinne, sich nur fiir die Ideen ipteressirte und ftir die Wahr-
heit. Wo aber in das Gebiet, das er zu vertreten hatte, die Gegner einen
Einbruch machten, da stellte er seinen Mann. So trat er schon im zweiten
Jahre seiner Berufung dem Kirchenvorstande der Miinstergemeinde, der dem
Reformvereine zu seinem Festgottesdienste die Kirche mit einer sehr unduld-
samen Motivirung verweigerte, in einer Reihe von schneidigen Aufsatzen in
den »Zeitstimmen« entgegen, indem er jeden Satz des Prasidenten von Wur-
stemberger-Steiger zum Thema einer eigenen Abhandlung nahm.
Hatten seine wissenschaftlichen Arbeiten sich bis dahin auf das ganze
Gebiet der paulinischen Theologie erstreckt, so brachte es seine Lehrpflicht
nun mit sich, Semester fiir Semester sich auch mit den Evangelien zu be-
schaftigen. Mit gewohntem Fleiss und grossem Scharfsinn griff er die viel-
behandelten Probleme der Evangelienkritik auf und trat auch hier den Auf-
stellungen Baur's bei, dass Matthaus das alteste Evangelium und Markus ein
Auszug aus Matthaus und Lukas sei. Das Ergebniss dieser Forschungen, die
wiederum zeigten, mit welcher geistigen Energie er jede Frage ergriff und
Holsten. g
mit welchem Fleisse er sie bis in's Minutiose verfolgte, war seine Schrift liber
die synoptischen Evangelien, die aber erst 1885 zu Heidelberg erschien. Derm
so wohl er sich auch in der Schweiz fiihlte, dem Rufe in die Heimath wider-
stand er dennoch nicht, nachdem .die neue Sonne des deutschen Reiches so
glanzend aufgegangen war. So tibemahm er 1876 den Lehrstuhl fur Neues
Testament an der Universitat Heidelberg. Wie er in treuer Arbeit half, diese
Fakultat von ihrem geringen Besuch zu einer erfreulichen Frequenz empor-
zuheben, mit welcher jugendlichen Begeisterung er sich seinem Lehrberufe
widmete, lebt noch in der Erinnerung der theologischen Welt. Literarisch
aber sind die Heidelberger Jahre fiir ihn die Jahre der Ernte, in denen er
die gereiften Halme als Garben unter Dach brachte. In dem gross angelegten
.Werke »Das Evangelium des Paulus« gab er seine Auslegung des Galater-
und ersten Korintherbriefes. In der Zeitschrift fur wissenschaftliche Theologie
begrtindete er eingehend seine Kritik der Aechtheit des Philipperbriefes. Die
synoptischen Studien zeitigten eine Reihe von Aufsatzen tiber die Grund-
begriffe der Bergrede, Reich Gottes, Menschensohn, Gottessohn, durch die er
in ahnlicher Weise ein Bild des Selbstbewusstseins Jesu zu zeichnen versuchte,
wie er zuvor das Selbstbewusstsein des Apostels genau beschrieben hatte.
Wohl konnte uns dabei zuweilen der Zweifel kommen, ob diese strikte Aus-
legung der griechischen Ausdriicke Geltung habe ftir den, der nicht griechisch,
sondern aramaisch geredet hat, doch verlor dieser Einwand viel an seiner
Scharfe bei der Gewissenhaftigkeit, mit der der Exeget der hebraischen Grund-
lage der griechischen Vorstellungen nachgegangen war und ftir das Verstand-
niss des griechischen Textes jedenfalls war seine gewissenhafte und tiefgehende
Untersuchung von bleibendem Werthe. Auch als einer der letzten Vertreter
der grossen spekulativen Epoche unserer Wissenschaft trat er jetzt unter uns
auf, indem er tiber Religionsphilosophie las und einzelne Abhandlungen aus
diesem Gebiete veroffentlichte. Erinnerte seine rein deduktive Methode an
die HegeFsche Schule, aus der auch einer seiner Vorganger, Daub, hervor-
gegangen war, so ist seine Definition der Religion als Geftihl der Abhangig-
keit von dem All, das dem Menschen lebenhemmend und lebenfordernd
gegentibersteht, im Wesentlichen die Schleiermachers.
So sahen wir ihn bis tiber sein siebzigstes Lebensjahr hinaus in reger
geistiger Arbeit, stets den Kopf voll neuer exegetischer Probleme, stets seinen
Paulus in der Hand, den er doch schliesslich vtillig im Gedachtniss hatte, so
dass er weder bei der Vorlesung, noch bei dem Examen eines Textes be-
durfte. Das ftihrt denn auf die andere Seite seiner Wirksamkeit, auf seine
Lehrthatigkeit. H. war das Ideal eines akademischen Lehrers. Nicht nur
dass er mit ztindender Beredsamkeit sprach und die Horer mit sich fortriss,
er wusste vor allem auch, wie man unterrichtet. In seiner langen Schul-
thatigkeit hatte er gelernt, wie man lehrt; er hielt nicht bloss Reden, sondern
gab Lektionen; er ging so vor, dass die Vorstellungen auch Zeit hatten,
Wurzel zu schlagen und dass er ein Fundament legte, auf dem er fortbauen
konnte. Dabei war in jedem Wort sein ganzes Herz, seine ganze liebevolle
Personlichkeit. Wenn die Studierenden sich ftir ihn begeisterten wie fiir
keinen anderen Lehrer, so war es, weil sie wussten, dass er ftir jeden Theil-
nahme hatte, der sich ihm anschloss. Er hatte eine seltene Gabe, die Jugend
zu verstehen und auch unausgesprochenes Interesse herauszufuhlen. So war er
auch als Lehrer ein gliicklicher Mensch; wo wir Anderen oft nur Mittel-
massigkeit und Schlafrigkeit zu sehen vermochten: da sah er eine Jtinglings-
io Holsten. Baechtold.
seele, die mit alien Keimen zum Lichte ringt und eben dadurch hob er die
jungen Leute, dass er sie von Seiten ihrer Ideale nahm und nicht von Seiten
ihrer Schwachen. Das macht, er war selbst ein Idealist, ein so reiner und
edler Idealist, wie es in unserer Zeit nur wenige gegeben hat. Dieses Sehen
des Guten war das grosse Gliick seines Lebens. Es war auch ein Theil seiner
Erfolge; er wirkte das Gute, weil er an das Gute und Edle in der Menschen-
natur geglaubt hat.
A. Hausrath.
Baechtold, Jakob, Professor der deutschen Literaturgeschichte an derUniver-
sitat Zurich, * am 2 7 . Januar 1 848 zu Schleitheim, f am 8. August 1 897 in Ztirich. —
Dem Manne, der unserem Gottfried Keller das grossartige biographische Denk-
mal errichtet, der uns so manchen Schriftsteller der Schweiz alter und neuerer
Zeit in richtigem Lichte gezeigt, der mit so scharfem Blicke und doch mit so
viel Liebenswiirdigkeit Wesen und Geist der Vergangenheit wie der Gegen-
wart unserer Literatur darzustellen vermocht hat, dem akademischen Lehrer
und dem fruchtbaren Gelehrten, der uns stets Vorbild sein wird, hier einen
Nachruf zu widmen, fiihle ich mich unter dem frischen Eindruck des erlit-
tenen Verlustes weder berechtigt noch berufen. Nur der ausdriickliche
Wunsch der Leiter der Neuen Zurcher Zeitung, die es als eine Pflicht betrach-
ten, vom Leben und Wirken des Dahingeschiedenen ihren Lesern ein Bild zu
geben, kann mich veranlassen, eine biographische Skizze zu wagen, doch einfach
und prunklos, lediglich Thatsachen bietend, wie es der verstorbene Freund
und Kollege gefordert haben wiirde.
An einem frischen Julimorgen des Jahres 1867 — es war der 6. — eilten
wir jlingeren Schaffhauser Gymnasiasten auf den Herrenacker, um das Schau-
spiel des Abzuges der eidgenossischen Schtitzenfahne uns anzusehen. Die
Spitze des Zuges war langst die »Tanne« hinunter und an der Frohnwaage
vorbeimarschiert, als die letzten den Sammelplatz verliessen, und wir in der
hintersten Reihe einen wohlbekannten alteren Mitschiiler erblickten, der sich,
mit einer kleinen schwarzen Reisetasche ausgerQstet, den abziehenden Schiitzen
angeschlossen hatte. Als er uns sah, rief er uns zu, wir soil ten nur brav in
die Schule gehen, er habe Ferien und reise mit an's eidgenossische Schtitzen-
fest nach Schwyz. Das weckte unseren Neid; und wenn wir auch ahnten,
dass die Festberichterstattung, zu der er sich verpflichtet hatte, nicht eitel
Freude sei, so waren verfriihte Ferien zu solchem Zwecke doch etwas Un-
erhortes. Und als wir gar im August beim Wiederbeginn der Schule ver-
nahmen, es sei dem jungen Journalisten der sonst in alien Klassen obligate
Ferienaufsatz erlassen worden, weil er dem Lehrer des Deutschen seine Fest-
berichte im Druck zugesandt, da fingen wir an, den Bevorzugten mit ganz
besonderen Augen anzusehen. Wir wussten auch noch anderes von dem
schwarzen Lockenkopf: schon zweimal hatte er einer Zeitschrift, die damals
in alle Familien kam, Novellen zugesandt, und staunend hatten wir seine
Werke gelesen; in unserer Phantasie sahen wir bereits den kiinftigen beriihm-
ten Romanschriftsteller: er hiess Jakob Baechtold.
B. war etwas alter als seine Klassengenossen ; denn ein regelmassiger
Gang durch die auf einander folgenden Schulstufen war ihm nicht beschieden
gewesen. Am 27. Januar 1848 hatte er zu Schleitheim im Kanton Schaff-
hausen das Licht der Welt erblickt. Man hatte sonst von den Bewohnern
jenes durch den Randen vom (ibrigen Kanton abgeschnittenen Thales die
Baechtold. 1 1
Vorstellung, dass sie nicht leicht den Weg in die Weite finden. Mit B. war
es ganz anders. Sein Vater, ein angesehener Arzt, starb schon im Oktober
des folgenden Jahres; seine Mutter, eine geborene Maurer aus Aarau, eine
treffliche Frau, verheirathete sich wieder, und der Wandertrieb des Stief-
vaters brachte dem heranwachsenden Knaben ein wechselndes Herumziehen
von Schule zu Schule. Im thurgauischen Affeltrangen genoss er den Unter-
richt der Volksschule, dann war er ein Jahr lang in Aarburg, dann in Muri,
wo er die Bezirksschule durchlief, und kam von dort an's Gymnasium in
Frauenfeld. Die strenge Zucht jener Schule behielt er, trotz dem nur ein-
jahrigen Aufenthalte, bleibend, aber dankbar im Gedachtniss. Schon stand
er reisefertig auf dem Bahnhofe Frauenfeld, um seiner Familie nach Schaff-
hausen zu folgen, als ihm ein Mitschtiler meldete, er hatte eigentlich wegen
irgend eines kleinen Streiches noch eine Strafe abzusitzen. Der angstliche
Schuler kehrt zuriick, btisst sein Verbrechen und macht sich mit erleichter-
tem Gewissen erst mit einem spateren Zuge auf die Reise.
In Schaffhausen wehte ein anderer Geist. Die kleinen Verhaltnisse ge-
wahrten dem Gymnasiasten merkwiirdiger Weise grosse Freiheit. An der
Spitze der Schule stand ein Mann, der durch seine Person wie durch sein
Wissen und Wirken imponirte und der die Handhabung einer angstlichen
Disciplin verschmahte. Der wiirdige Rektor Adolf Morstadt, ein gelehrter
Grieche, der als Kenner des Sophokles sich einen Namen erworben, Hess
manches geschehen, was anderswo geriigt worden ware; er schaute mehr
auf s Ganze als auf s Einzelne — und Viele wissen ihm heute daftir noch
Dank. Die Lehrerschaft war bunt zusammengesetzt, nicht lauter padagogische
Talente, aber unter ihnen geistreiche, tiichtige Manner, die vielleicht manch-
mal in ihren Voraussetzungen zu hoch gingen, fur den Augenblick wenig
greifbare Resultate erzielten, aber viel Anregung boten. Der hessische Fllicht-
ling Adam Pfaff, spater Professor in Karlsruhe, unterrichtete nicht, er trug
Geschichte vor, und zwar von der untersten Klasse an; ausser ein paar Zah-
len fur's Examen lernte man wenig und doch trugen seine Schuler Eindrlicke
davon, die fur's Leben wohl mehr werth sind, als das reiche Examenwissen,
das andere Lehrer vermitteln. Der Germanist Frauer, vor wenigen Jahren
als Professor in Stuttgart gestorben, weckte in Baechtold das Interesse fur die
altere deutsche Literatur, wahrend dessen Nachfolger Rlimelin ihn auf die
Schonheiten Goethe's hinwies. Antistes Mezger, ein Mann von reichem Wissen
und freiem Geiste, ertheilte den Religionsunterricht, der in den obersten
Klassen vielfach in Religions-, Kultur- und Kunstgeschichte, sowie in Re-
ligionsphilosophie liberging und reiche Anregung brachte. Im Gymnasialverein
war B. ein geschatztes und geliebtes Mitglied und die Annalen dieser Ver-
bindung wissen allerlei Lobenswerthes von ihm zu melden. Wer in jenen
Jahren das SchafThauser Gymnasium verliess, war zwar nicht mit einem gleich-
massig belasteten Schulsack beschwert, das mathematische Wissen namentlich
(sofern einer nicht Talent hiefiir von Hause mitbrachte) kam zu kurz; aber
er war doch gut ausgeriistet zum Studium, hatte Freude an der Wissenschaft
und Achtung vor ihr, hatte die Geselligkeit schatzen gelernt und hatte auch
Gelegenheit gehabt, den edeln Genuss der Natur wie der Kunst, zumal der
Musik wtirdigen zu lernen.
In Heidelberg, wohin B. im Wintersemester 1867/68 zog, wurde Adolf
Holtzmann sein Hauptlehrer. Er trieb germanische Philologie im weitesten
Umfang, ganz nach dem Vorbilde seines Meisters. Wie dankbar er ihm aber
12 Bacchtold.
auch war, so sprach er doch spater gelegentlich mit Bedauern davon, dass
Holtzmann's Auftreten gegen die Schule Lachmann's ihm eine Uebersiedelung
nach Berlin unmoglich gemacht habe, denn ein Uebergang von Holtzmann
in den Kreis MtillenhoflPs ware einem volligen Lossagen von dem beruhmten
und in seiner Art vorztiglichen Heidelberger Gelehrten gleichgekommen. Und
doch hatte B. gerne auch norddeutsches Wesen und Berliner Methode kennen
gelernt.
Munchen bot ihm seit Herbst 1868 einen Ersatz,- der seiner Art wahr-
scheinlich besser entsprach, als es die damaligen Berliner Verhaltnisse ver-
mocht hatten. In Konrad Hofmann fand er einen vielseitigen Gelehrten, dem
er bald naher trat; der feinsinnige Wilhelm Hertz zog ihn an, Kunstlerkreise
offneten sich ihm und damit eine Welt, die ihn zeitlebens mit ihrem Zauber
umfangen sollte. Aus jener Zeit datirt auch das Zusammentreffen mit Hein-
rich Leuthold, dem er ein Jahrzehnt spater den letzten und grSssten Liebes-
dienst, die Herausgabe seiner Gedichte, erwies. Sicher ist die Miinchener
Zeit ftir B. die an wichtigen und nachhaltigen Eindrlicken reichste gewesen;
gerne erinnerte er sich an sie und kehrte mit besonderer Vorliebe als Gast
in die Stadt zuriick, der er viel verdankte und die er auch in ihren Sehens-
wiirdigkeiten grlindlich kannte. Als wir vor einigen Jahren durch das alte
Mtinchen gingen, wusste er mich auf hundert Dinge aufmerksam zu machen
und selbst bei eingebrochener Dunkelheit fiihrte er mich noch durch einen
Thorweg, der ihm zu interessant schien, als dass man ihn hatte ttbergehen
dlirfen.
Den ausseren Abschluss seiner Studien bezeichnete B. mit dem Markstein
einer Dissertation, die er in Tubingen einreichte, von welcher Hochschule er
den Doktortitel erhielt. »Der Lanzelet des Ulrich von Zatzikhoven*,
Frauenfeld 1870, war damals schon eine bemerkenswerthe Schrift; heute, beim
Ueberblicken des Lebenswerkes des Verstorbenen, erhebt sie sich geradezu
zur Bedeutung eines Lebensprogrammes. Was an den sorgfaltigen Forschungen
B.'s uber den Thurgauer Epiker des ausgehenden zwolften Jahrhunderts (aus
Zezikon im Lauchthale) heute noch Gultigkeit hat, ist in die »Geschichte der
deutschen Literatur in der Schweiz« (S. 87 ff.) iibergegangen, wo der Ver-
fasser im Gegensatze zu seiner fruheren Ansicht annimmt, Ulrich sei das Vor-
bild fur den grossen Hartmann von Aue geworden; ftir uns aber ist jetzt
wichtiger zu vernehmen, wie der zweiundzwanzigjahrige Doktorand damals
schon seine Aufgabe darin sah, der Literatur seines Vaterlandes zur richtigen
Wlirdigung zu verhelfen:
»Es regen sich in unseren Tagen so viele Stimmen, um Klage zu fiihren
iiber den Mangel an asthetischer und literarischer Begabung bei den Schwei-
zern. Mit welchem Unrechte dies geschieht, davon kann uns ein Blick in
unsere heimischen sprachlichen Denkmaler uberzeugen. Leider ist die Zeit
ftir uns noch nicht da, da wir uns dessen bewusst sind, welch einen kost-
baren Schatz wir an unserer alteren vaterlandischen Literatur besitzen. Man
will sich oft nicht mehr daran erinnem, dass in der althochdeutschen Periode
St. Gallens Entwickelungsgang der Entwickelungsgang der deutschen Kultur-
und Literaturgeschichte tiberhaupt war; man denkt nicht an die frohliche Zeit
der Lyrik und Epik des 13. Jahrhunderts und der folgenden Jahrzehnte, nicht
an den machtigen Impuls, der im 16. Jahrhundert von der Schweiz aus dem
deutschen Drama gegeben wurde, nicht an unsere grossen Chronisten u. s. w\
Und dtirfen wir uns dariiber beschweren, dass die Fremde uns missachte,
Baechtold. I *
wenn wir uns selbst nicht achten? Unsere Literatur schlingt um das ganze
deutsch-schweizerische Vaterland und um all unsere zerrissenen Lander und
Landchen innig ihr altes Band; ihr Verstandniss lehrt uns die Heimath besser
kennen, treuer lieben und soil endlich der Nation ein Segen werden! Und
diesen herbeizuftihren, ist die grosse Aufgabe der deutschen Sprachforscher in
der Schweiz.*
Dann zahlt B. all die Manner auf, die sich um die Erforschung der
Literatur in der Schweiz Verdienste erworben: Theodor Bibliander, Melchior
Goldast, Christ. Heinrich Myller, J. J. Bodmer, Franz Joseph Stalder, Franz
Pfeiffer, Wilhelm Wackernagel, Morikofer, hebt hervor, wie viel noch zu thun
sei, bis der reiche Stoff geordnet vor uns liege — — und wer will heute
bestreiten, dass unter den zahlreichen Arbeitern auf dem Gebiete schweizeri-
scher Literaturkunde kein Name besseren Klang hat als der Jakob B.'s?
Die Wellen des grossen Kriegsjahres sollten auch an das Lebensschiff
des jungen Doktors schlagen. Ftir die »Neue Ziircher Zeitung« reiste er nach
dem Kriegsschauplatze und gab die gewaltigen Eindrticke, die er dort empfing,
in Schilderungen wieder, die mit besonderem Interesse gelesen wurden. Heute
noch erinnere ich mich, wie uns die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit seiner
Darstellungen ergriff. Bald aber kehrte der Kriegsberichterstatter zu wissen-
schaftlicher Arbeit zurtick. Er begab sich nach Paris, horte Vorlesungen an
der Sorbonne und an der Ecole des Hautes Etudes, erging sich in den
Schatzen der Biblioth£que Nationale, erwarb sich die Freundschaft von Gaston
Paris und die Vertrautheit mit der altfranzosischen Nationalepik, zu welcher
ihn schon sein Ulrich von Zatzikhoven hintibergeleitet hatte.
Ein nur kurzer Aufenthalt in England (im Frlihjahr 1872) gab B. Ver-
anlassung zu seiner zweiten wissenschaftlichen Publikation: » Deutsche Hand-
schriften aus dem Britischen Museum«, Schaffhausen 1873, *n welcher er
sehr sorgfaltige Nachrichten tiber Manuskripte der spateren mittelhochdeutschen
Zeit bietet und die Legende von Karl dem Grossen und den schottischen
Heiligen ausftihrlich behandelt.
So hatte der junge Gelehrte sich liber sein Konnen und Streben hinlang-
lich ausgewiesen, um bei der Besetzung einer Gymnasiallehrerstelle in Betracht
gezogen zu werden. Nachdem er kurze Zeit hindurch bei einer Familie
Buhler im Hard (Ermatingen) Hauslehrer gewesen, schied er von dort — unter
Aufrechterhaltung der freundlichsten Beziehungen auf Lebenszeit — , um im
Herbste 1872 einem Rufe an die solothurnische Kantonsschule zu folgen, wo
er als Ersatz ftir den trefflichen Rektor Schlatter den Unterricht in der deut-
schen Sprache und Literatur zu (ibernehmen hatte.
FUnfeinhalb gltickliche Jahre verbrachte B. in der alterthtimlichen Stadt.
Er hatte gefunden, was seiner Art zusagte: eine lohnende Unterrichtsthatig-
keit vor nicht allzu grossen Klassen, ttichtige Kollegen, wie Franz Misteli,
Dompropst Fiala u. A., freundliche, gesellige Leute, eine schone Umgebung,
kurz Verhaltnisse, die ihn zu ernster Arbeit und heiterem Lebensgenuss in
gleicher Weise aufforderten. Ftir ihn bedeutete die Kleinstadt nicht Ver-
bannung; reger brieflicher Verkehr verband ihn mit Freunden und Fach-
genossen, Besuche auswartiger Gelehrter — wie z. B. der Wilhelm Scherers
— brachten Anregung; mit dem ihm eigenthtimlichen Eifer, den Boden, auf
dem er stand, auch historisch und literarisch kennen zu lernen, versenkte er
sich in die Geschichte Solothurns. Schon im zweiten Jahre seines Aufent-
1 4 Baechtold.
haltes hatte er die wissenschaftliche Beilage zum Schulprogramm zu schreiben
und wahlte dazu den Minoriten »Georg Kdnig von Solothurn und seine Reise-
beschreibungen (1664 — 1736)«. Wichtiger als die Abhandlung selbst ist fur
uns heute die Einleitung »Ueberblick iiber den Antheil Solothurns an der
deutschen Literatur«, wo an bekannte Thatsachen eine Reihe von Einzel-
angaben gekntipft sind, hinter denen eine gewaltige Arbeit steckt. Er hat
sp&ter den wackeren Geistlichen »mit seiner herzgewinnenden Art, seiner oft
rlihrenden Naivitat und seinen Anekdoten« nicht aus den Augen verloren
und im »Urkundio« weitere werthvolle Abschnitte aus dessen Reiseschilde-
rungen veroffentlicht.
Inzwischen wandte er sich einem derberen Gesellen zu, dem Luzerner
Chronisten und Dichter Hans Salat, welcher — 1498 in Sursee geboren —
als Seiler, Wundarzt, Reislaufer, Gerichtsschreiber, katholischer Historiker,
Pamphletar und Schulmeister ein unstetes Leben gefiihrt hatte, dessen Spuren
sich im Jahre 1552 verlieren. Trotz verschiedener Vorarbeiten und der un-
schatzbaren Mithilfe des Luzerner Staatsarchivars, Herrn Theodor von Lie-
benau, hatte B. doch auch hier wieder Bahn zu brechen und dem interessan-
ten Abenteurer und Schriftsteller seinen richtigen Platz anzuweisen. (Hans
Salat, ein schweizerischer Chronist und Dichter aus der ersten Halfte des
16. Jahrhunderts. Sein Leben und seine Schriften. Hg. von Jakob Baechtold.
Basel 1876. Und spater: Hans Salat's Drama vom verlornen Sohn. Bd. 36
des Geschichtsfreundes. Einsiedeln 1881.) Es ist ein Iiberaus wichtiger Bei-
trag zur Sittengeschichte des Reformationszeitalters, wie zur Literaturgeschichte
jenes Abschnittes, den wir hier empfangeir, und der fleissige und gelehrte
Verfasser bereitete damals viel Freude durch eine Anktindigung im Vorworte,
dass er in nicht allzu ferner Zeit seinen Landsleuten eine Geschichte der
deutschen Literatur in der Schweiz »vorlaufig bis zum 18. JahrhunderU hoffe
vorlegen zu konnen. »Es scheint doch mehr als blosse Phrase zu sein« —
fahrt er fort — , »ein solches Werk wirklich ein Bedlirfniss zu nennen. Wenige
Lander werden sich rlihmen konnen, treulicher als die Schweiz ihre Ver-
gangenheit durchforscht zu haben. Seit neuerer Zeit freuen wir uns sogar
einer Schweizerischen Kunstgeschichte, Musikgeschichte etc. Wo aber bleibt
unsere iiberaus reiche deutsche Literatur? Hoffentlich mag der Leser bald
einen Gang durch die erschlossenen Hallen unseres vaterlandischen Schriften-
thums mit mir wagen.«
Aber es mussten noch gewaltige Bausteine herbeigeschafft werden, bevor
man zur Errichtung dieser »Hallen« schreiten konnte. Ein anderes Unter-
nehmen sollte hiezu dienen: die »Bibliothek alterer Schriftwerke der deutschen
Schweiz und ihres Grenzgebietes. Herausgegeben von Jakob Baechtold und
Ferdinand Vetter. Frauenfeld, Huber«. In Deutschland hatte der Stuttgarter
Literarische Verein langst Aehnliches zu Tage gefordert; neuerdings hatte der
ruhrige Verlag von Niemeyer in Halle unter Wilhelm Braune*s Auspicien in
billigerer Form, aber deswegen nicht weniger wissenschaftlich, das Gleiche
filr einen spateren Zeitabschnitt in Angriff genommen; warum sollte die
Schweiz nicht Schritt halten konnen? Herausgeber und Verleger waren guter
Hoffnungen voll und tiberschatzten in ihrer Begeisterung die Grosse der lite-
rarischen Interessen in der Schweiz und flir die Schweiz, wie sie auch die
Arbeit, die zu bewaltigen war, kaum hoch genug anschlugen. Auch hier war
B. wiederum mit dem grossten Einsatze an Energie und Fleiss bereit. Am
Sonntag Jubilate 1877 konnte er frohlichen Herzens das Vorwort zum ersten
Baechtold.
*5
Band, zur ^Stretlinger Chronik* unterzeichnen, die unverzuglich in tiber-
raschender Ausstattung auf dem Btichermarkte erschien.
Darf der fleissige Kirchherr von Einigen am Thunersee, Eulogius Kibur-
ger, den Rang eines Geschichtschreibers nicht beanspruchen, so hat er doch
in seinen zwolf Kapiteln der sogenannten Stretlinger Chronik einen reichen
Schatz von erbaulichen, fUr Kultur- und Sittengeschichte, Sage und Mythe
bedeutsamen Erzahlungen angehauft, der wohl verdiente gehoben zu werden.
Manches was Casarius von Heisterbach im Dialogus miraculorum, Jacobus
de Voragine in der Legenda aurea und andere anderswo in lateinischer
Sprache niedergelegt, das wird hier um die Mitte des 15. Jahrhunderts in
fliessendem Deutsch zug&nglich gemacht, und man wundert sich billig, dass
das merkwiirdige Buch nicht schon friiher zum Drucke beiordert worden.
Als Herold fur das neue Unternehmen der »Bibliothek alterer Schrift-
werke der deutschen Schweiz« eignete sich aber der Verfasser der Stretlinger
Chronik namentlich auch wegen seines zweiten Werkes, seiner Abhandlung
>Vom Herkommen der Schwyzer und Oberhasler«, einer Schrift, die l&ngst
bekannt war, jedoch erst von B. dem wahren Verfasser zugewiesen und kritisch
herausgegeben wurde.
An zweite Stelle sollte abermals ein Berner treten, Niklaus Manuel
(Frauenfeld 1878. CCXXHI und 467 SS.), der Freund unseres Zwingli, der
Maler, Dichter und Staatsmann, der mit Wort und Schrift so muthig fiir die
Sache der Reformation eingetreten war. Mit voller Begeisterung widmete sich
B. dem Studium dieses sympathischen Mannes, und imposant ist das Denkmal,
das er ihm gesetzt hat. Dankbar erkennt er an, was der geistvolle Karl
von Griineisen (f 1878) unserem Landsmann erwiesen; doch es war nach
vierzig Jahren wohl angezeigt, mit der Forschung auf's neue einzusetzen, und
freudig hob die Kritik damals hervor, welch grossen Dienst B. der Literatur
des Reformationszeitalters im Allgemeinen durch sein Buch geleistet. Mehr
als dreissig Bibliotheken des In- und Auslandes hatte er gewissenhaft durch-
forscht, eine ganze Reihe von Einzelheiten entdeckt, mit deren Hilfe er seinen
Helden in ein vollig neues Licht zu stellen vermochte.
Von Ztlrich aus ist die Vorrede zu Niklaus Manuel datirt, das Werk
selbst war noch in Solothurn entstanden. Dort hatte er schon im Jahre 1873
eine Ehe geschlossen, die das Gliick seines Lebens ausmachte, und was der
Verstorbene selbst in festlicher Stunde offentlich ausgesprochen, darf auch hier
ohne Indiskretion wiederholt werden: B. fand in seiner Lebensgefahrtin die
treueste Genossin und verstandnissvollste Helferin auch in seinen geistigen
Arbeiten, ohne die er das riesige Werk seines Lebens nie hatte bewaltigen konnen.
Der Uebersiedelung nach Ztlrich war ein Ruf an's Schaffhauser Gymna-
sium vorangegangen, den er ablehnte; eine Veranderung konnte fur ihn nur
von Werth sein, wenn sie ihn in eine grossere Umgebung, in einen weiteren
Wirkungskreis versetzte. Zurich bot ihm, was es eben damals zu vergeben
hatte: eine arbeitsvolle Stelle an der kurzlich reorganisirten und durch ein
Lehrerinnenseminar erweiterten Hoheren Tochterschule, und B. setzte seit
Ostern 1878 seine ganze Kraft fur die neue Aufgabe ein, wohl wissend, dass
das Feld, das er hier betreten hatte, seinem Streben auch noch weitere Ziele
bot. Es ist erstaunlich, was er neben seinen Unterrichtsstunden in Deutsch
und Geschichte, deren Zahl meist tiichtig in die Zwanzig hineinging, noch
alles zu leisten im Stande war, und nur in allgemeinen Zligen vermogen wir
von hier ab seiner Thatigkeit zu folgen.
1 6 Baechtold.
Als Lehrer erwarb sich B. in Zurich rasch die Beliebtheit, deren er sich
bei seinen Schiilern in Solothurn erfreut hatte; er verstand es meisterhaft,
ohne Pathos und Schonrednerei die Aufmerksamkeit zu fesseln, seine reichen
und vielseitigen Kenntnisse gestatteten ihm, aus dem Vollen zu schopfen, sein
feiner Geschmack wusste stets das Beste fur seine Schtiler auszuwahlen. Kein
Wunder, dass alle, die seinen Schulunterricht geniessen durften, ihn aufrichtig
verehrten und verehren. Auch ausserhalb der Lehrstunde trat er ftir die An-
stalt ein: im Winter 1882/83 bot er den Schtilerinnen und einem weiteren
Publikum von Damen einen Cyklus von sechs Vortragen tiber Zurichs Be-
ziehungen zur deutschen Literatur im 18. Jahrhundert, wobei er in Einzel-
bildern behandelte: Das Bodmer'sche Haus, Klopstock in Zttrich, Kleist, Wie-
land, Fichte in Ziirich, Goethe in Zurich. Auch das waren Vorarbeiten zu
seinem grossen Lebenswerke. Im Winter 1885/86 sprach er an zwolf Aben-
den uber Shakespeare's Dramen, welchen Gegenstand er spater auch unter
seine akademischen Vorlesungen einreihte. Zum Schulprogramm von 1888
fugte er eine feine Studie liber Schiller's Demetrius.
Das Grosste jedoch, was aus B.'s Schulthatigkeit hervorgegangen, ist sein
Lesebuch. Er fing aus guten Grtinden mit der obersten Stufe an; denn hier
war das Bedlirfhiss am dringendsten (Deutsches Lesebuch ftir hohere Lehr-
anstalten der Schweiz. Obere Stufe. Frauenfeld 1880). Neu sind an dieser
Sammlung besonders zwei Punkte: wahrend man bisher meist mit den Roman-
tikern schloss und im besten Falle noch einem Freiligrath und Geibel ein
Platzchen gewahrte, iiberschritt B. ktihn die alte Grenze und gab das Wort
auch den Neuern wie Morike, Storm, Hebbel, Schack, Herwegh, Jakob Burck-
hardt, Gottfried Keller, C. F. Meyer, Leuthold, Dranmor, Widmann, Lingg,
Heyse, Hertz u. A., und zweitens schuf er — wie schon die aufgezahlten
Namen zeigen — ein Lesebuch ftir die Schweiz. Nicht in ungebtihrlicher
Weise lasst er das einheimische Element in den Vordergrund treten, aber er
giebt ihm die Stelle, die ihm in einem schweizerischen Lehrbuch gebiihrte.
Kein ruhiger und sachverstandiger Beurtheiler wird B. des Chauvinismus
zeihen, sein warmer Patriotismus triibte das scharfe kritische Urtheil nicht.
Mit diesen beiden Haupteigenthiimlichkeiten vereinigt das Lesebuch eine ganze
Reihe anderer Vorztige : die frtiheren Jahrhunderte sind unendlich viel mannig*
fal tiger illustrirt als bisher, die so lehrreiche Brief literatur ist herbeigezogen,
Reiseschilderungen und naturwissenschaftliche Beschreibungen finden eine
Stelle, Reden werden in vollem Umfange geboten, klassische Darstellungen
der literarischen Zustande frtiherer Jahrhunderte (von Uhland, Wackernagel,
Strauss, Freytag, Wilhelm Scherer u. A.) sind passend eingeordnet, und in
der Poesie ist eine Vertretung der verschiedensten Gattungen und Formen
sorgfaltig beriicksichtigt. Ein Literaturunterricht, wie ihn B. im Vorworte
skizzirt, wird fur die Oberklassen unserer schweizerischen Mittelschulen auf
lange hinaus ein Ideal bleiben, und wer nach diesem strebt, der wird kein
besseres Lehrmittel den Schiilern in die Hand geben konnen, als B.'s Lese-
buch, eine Sammlung, die dem Lehrer die werthvollsten Winke giebt und
dem Schtiler Freude macht, »ein Buch, das nicht, sobald man den bekannten
Stuben entronnen ist, mit den verschiedenen Grammatiken und Leitfaden
ungesaumt zur Vertrodelung gelangen sollte<c.
Wahrend die obere Stufe des Lesebuches keine besonders weite Verbrei-
tung fand, wurde die nach denselben Grundsatzen bearbeitete untere und
mittlere Stufe (Frauenfeld 1881, seither wiederholt neu herausgegeben) freudig
BaechtolcL
*7
begriisst. Die neue Richtung war den Lehrern an Sekundar- und Bezirks-
schulen und an den Unterklassen des Gymnasiums offenbar willkommen, was
B. fiir die ungeniigende Theilnahme der Lehrer hoherer Klassen einigermaassen
entschadigte. Die zur Mode gewordene vornehme Ablehnung des Lesebuches
zu Gunsten der Lektiire ganzer Literaturdenkmaler trat ihm in den Weg, und
doch hatte er deutlich genug erklart, dass sein Lesebuch eben gleichzeitig
mit und neben jener Art der Lektiire eine Stelle fordere. Moglicherweise
hat ein anderer, der den B/schen Gedanken wieder aufnimmt, auf der Ober-
stufe mehr Gltick: unserer lernenden Jugend ware es von Herzen zu gonnen.
Schriftstellerisch reihte B. eine Gabe an die andere. Er hatte 1879 die
Leitung des Feuilletons der »Neuen Ziircher Zeitung* ubernommen und sorgte
fiinf Jahre lang mit feiner Auswahl dafiir, dass die Leser mit dem Gange der
neuesten deutschen und auslandischen Literatur bekannt wurden. Manchmal
mag diese Arbeit hart und miihselig gewesen sein, und er erinnerte sich spater
nicht mehr gerne daran (selbst als sein ihm sonst so lieber Freund, Professor
Viktor Meyer in Heidelberg, den das Todesschicksal nun fast in derselben
Stunde wie B. ereilt hat, ihm im Jahre 1893 die hiibschen »Marztage im
Canarischen Archipel* widmete und dabei auf seine Feuilletonistenthatigkeit
anspielte, verbitterte ihm das die schone Gabe), aber jene Stellung hat ihm
doch allerlei Forderung gebracht. Er begniigte sich nicht mit Anordnung des
Stoffes, er wollte selbst auch seinen Beitrag leisten. Und wie manch hiibsches
Kabinettsttick hat er in jenen Jahren den gahnenden Spalten, dem »Danaiden-
fasse«, anvertraut! Was fur eine feine Studie ist sein »Armer Mann in Toggen-
burg« (Februar 1882), wie prachtig schildert er uns (1884) Josua Maler (1529
bis 1599), den Lexikographen, als fahrenden Sch tiler, als Pfarrherm in Elgg,
Bischoffszell, Winterthur und Glattfelden! Das konnte nur ein Mann leisten,
der mit dem Geschick und Wissen des Forschers das gliicklichste Erzahler-
talent vereinigte.
Dabei brachte ihn diese Art der Journalistik in Verbindung. mit einer
Reihe von hervorragenden Schriftstellern und Literaten. Ueberallhin reichten
seine Faden, immer wusste er ftir eine bestimmte Aufgabe auch den richtigen
Mann zu finden. So gelang es ihm, unter Fernhaltung des bloden literarischen
Tagesklatsches, dem Feuilleton seines Blattes eine hohere geistige Stellung zu
erobern und dem dort ausgesprochenen Urtheile Gewicht zu verschaffen.
Und nun zur Schule und zur Redaktionsarbeit, zur Forschung und zur
Publikation erst noch die akademische Lehrthatigkeit! Am 19. Januar 1880
hielt B. seine Antrittsvorlesung liber »Die Verdienste der Ziircher um die
deutsche Philologie und Literaturgeschichte« (vergl. Neue Ziircher Zeitung,
Feuilleton vom Januar 1880). In feierlichem Zuge fiihrt er hier die ziirche-
rischen Gelehrten an uns voriiber: Konrad Gesner (15 16 — 1565) mit seinem
Mithridates, Caspar Waser, den Kenner des Gothischen und der alteren deut-
schen Literatur, die beiden Lexikographen Johannes Fries (f 1565) und den
schon genannten Josua Maler, den sonderbaren Kauz Jakob Redinger, Pfarrer
in Dietikon (f 1688), und sein »Latinish Tiitshes wortbuechlin«, den gelehr-
ten Theologen Heinrich Hottinger (f 1667), der die althochdeutsche »Exhor-
tatio« zuganglich machte, Johann Baptist Ott, den Kenner des Ulfilas, Tatian,
Otfried und Notker; dann kommen Bodmer und Breitinger mit ihren iiber-
reichen Schatzen, Leonhard Meister, der die »Beitriige zur Geschichte der
teutschen Sprache und National-Literatur« (1777) und anderes verfasst hat,
endlich Sulzer's Schiitzling Christoph Heinrich Myller, der etwa 140000 mittel-
Biogr. Jahrb. a. Deutscher Nekrolog. 2. Bd. 2
x8 Baechtold.
hochdeutsche Verse publicirte, Es ist eine durch geistreiche Bemerkungen
belebte Uebersicht, wie sie damals nur B. geben konnte.
Als Privatdocent begann er im Sommersemester 1880 seine Vorlesungen
mit einer Einleitung in das Nibelungenlied und Erklarung ausgewahlter Par-
tien, welcher er im folgenden Winter eine all gem eine Erklarung des Nibe-
lungenliedes anschloss. Auch Walther von der Vogelweide stand bald auf
dem Programm (Sommer 1881); aber die eigentliche Literaturgeschichte in
ihrem Gesammtzusammenhange war doch von Anfang an sein Ziel. Die Ge-
schichte der deutschen Literatur im Reformationszeitalter (Sommer 1880) er-
weiterte sich zu einer deutschen Literaturgeschichte des 16. Jahrhunderts
(Winter 1882/83), neben welcher er gleichzeitig liber die deutsche Literatur
des 18. Jahrhunderts las, dann kam die ausfiihrliche Geschichte der alt- und
mittelhochdeutschen Literatur, bis B. (im Sommer 1885 und im Winter 1885/86)
das ganze Gebiet von den ersten Anfangen bis zum Ende des 18. Jahrhun-
derts vorzutragen im Stande war. Goethe's Gotz und der Iphigenia auf Tauris,
die er beide in kritischen Ausgaben veroffentlicht hatte (Freiburg 1882 und
1883), widmete er eine Vorlesung im Sommersemester 1882.
B. musste an sich recht erfahren, dass der Erfolg in der akademischen
Laufbahn keineswegs vom eigenen Wissen und der personlichen Leistungs-
fahigkeit allein abhangig sei, sondern dass der Zufall, d. h. die Wegberufung,
der Rucktritt oder Tod von Vertretern des Faches, eine weit wichtigere Rolle
spiele. Nachdem er vierzehn Semester lang mit dem denkbar besten Erfolge
gelesen, wurde ihm 1887 ein besoldetes Extraordinariat zu theil, das es ihm
moglich machte, die Halfte seiner Schulstunden aufzugeben. Bald nachher
wurde in Basel eine Professur fiir Germanistik frei, und die dortige Fakultat
richtete ihre Augen auf B. Langere Unterhandlungen wurden geflihrt, welchen
durch die zlircherische Regierung, die dem Begehrten ein Ordinariat anbot,
ein plotzliches Ende bereitet wurde. Damit waren B.'s Wtinsche nach aussen
erfiillt, nach Ehre und Auszeichnung strebte er nicht; aber eine gesicherte
Stellung und eine abgerundete Aufgabe durfte er mit vollstem Rechte er-
warten. So lieb ihm der Unterricht an der Schule war, so hoch er sich dort
von Kollegen und Schlilerinnen geschatzt wusste, seine Ziele liessen sich nicht
langer mit einem Amte vereinigen, das seine Zeit allzu sehr in Anspruch
nahm. Wenige Monate nachher, an seinem 41. Geburtstage, verfasste er in
freudigster und getrostester Stimmung seine Vita fiir das Album der Universitat
und schloss mit den Worten: »Ich gedenke mich dieser Stelle noch recht
lange zu erfreuen.«
Der Ordinarius nahm es mit seinen Pflichten sehr ernst. Seine Kollegien-
hefte, die ein anderer vielleicht als auf Jahre hinaus geniigend erachtet hatte,
wurden umgearbeitet, und unbegreiflich erschien manchmal die Klage, er
konne seine bisherigen Entwurfe und Sammlungen nicht mehr brauchen. B.
wollte immer alles selbst nachgeprtift haben, und so erwuchs ihm auf dem
ungeheuern Gebiete, das er vertrat, taglich neue Arbeit. Scheinbar neben-
sachliche Bemerkungen waren bei ihm oft das Resultat gewissenhaftester,
langer Untersuchungen. Er taxirte seine Leistungen als Docent viel zu ge-
ring, liess sich durch alien Beifall, durch die sich rasch steigernde Zuhorer-
zahl nicht in Sicherheit wiegen, er setzte zu, verbesserte, goss um und schuf
neu, um nach vollendetem Werke wieder von vorne zu beginnen.
Das neugegrtindete deutsche Seminar an der Universitat hatte fur ihn
grossen Reiz; hier regte er zu einer Menge kleinerer literar-historischer Unter-
Baechtold.
19
suchungen an, hier verwerthete er in den sogenannten deutsch-padagogischen
Uebungen seine reichen Erfahrungen als Lehrer.
Indem er die Seminarmitglieder oft an seinen eigenen Arbeiten theil-
nehmen Hess, forderte er das Interesse an solchen Studien und zog — ohne
Schule machen zu wollen — einen Kreis junger Gelehrter heran, die dem
Meister zur Ehre gereichen. Eine Reihe von Dissertationen giebt hievon be-
redtes Zeugniss, ganz besonders aber das dreibandige Werk: »Schweizerische
Schauspiele des sechszehnten Jahrhunderts. Bearbeitet durch das deutsche
Seminar der Zlircher Hochschule unter Leitung von Jakob Baechtold. Zurich
1890— 93 «.
Seit 1889 las B. gewohnlich in vier Semestern einen Kursus tiber die
gesammte deutsche Literaturgeschichte ; zunachst behandelte er die alt- und
mittelhochdeutsche Zeit, dann die Literatur des 15. bis 17. Jahrhunderts, dann
des 18. Jahrhunderts und schliesslich die Romantik. Nebenher gingen aber
Vorlesungen von nicht geringerer Bedeutung: »Goethe's Leben und Werke«,
^Schiller's Leben und Werke«, »aus der neueren deutschen Literatur* und —
seit Winter 1894 — »die Dramatiker des 19. Jahrhunderts «. Von dem Zeit-
punkte an, da B. sich mit dem Nachlasse und der Biographie Gottfried Kel-
ler's besch&ftigte, widmete er diesem Dichter dreimal eine einsttindige Vor-
lesung, welche von alien Seiten derart besucht wurde, dass das grosste Audi-
torium die Zuhorer kaum zu fassen vermochte; grosser Frequenz erfreuten
sich auch die Kollegien liber Goethe's Faust und Shakespeare's Dramen,
wahrend die Vorlesung liber Johann Peter Hebel ftir einen intimeren Kreis
berechnet war. Da ich den Verstorbenen nur in offentlichen Vortragen habe
sprechen horen und als Gast eine Anzahl seiner Shakespeare- Vorlesungen be-
sucht habe, bin ich nicht im Stande diese Seite seiner Thatigkeit zu schildern.
Mir that die Warme wohl, mit der B. sprach, das sorgfaltige Vermeiden aller
Scheingelehrsamkeit und alles Pathos, die Klarheit seiner Beweisfuhrung, aus
der die durch gewissenhaftes Studium erlangte eigene Ueberzeugung hervor-
brach, ohne dass sie einer besonderen Betonung bedurft hatte.
Das rein Grammatische und das Formale liberhaupt waren nicht seine
Vorliebe. Von Zeit zu Zeit las er tiber Metrik und Poetik; den sprachlichen
Forschungen auf dem Gebiete des Alt- und Mittelhochdeutschen folgte er,
fiihlte sich jedoch meines Wissens nie berufen, ■ hier selber Hand anzulegen.
Das ttberliess er gerne anderen: fUr ihn waren die Denkmaler der Literatur
zunachst um ihres Inhaltes willen da.
Immer lebhafter wandte sich B.'s literar-historisches Interesse der Neu-
zeit, der Gegenwart zu. Die Herausgabe der Gedichte Leuthold's im Spat-
jahre 1878 (Frauenfeld 1879) war die erste Arbeit dieser Art, eine Frucht,
die ihm neben dem aufrichtigen Danke Vieler auch allerlei Bitterniss eintrug.
B. hat bei Anlass der dritten Auflage (Ostern 1884) eine Skizze des tragischen
Dichterlebens vorausgeschickt, in welcher er seine Ansichten tiber die Pflichten
eines Herausgebers unmissverstandlich aussert. Die Zukunft wird nun lehren,
ob er den richtigen Standpunkt eingenommen; wie aber auch der Entscheid
falle, niemand wird die grossen Verdienste, die sich B. um unseren ungltick-
seligen Landsmann erworben, leugnen konnen. Und wir Schweizer schulden
ihm besondere Anerkennung dafiir, dass er das lappische Geschrei von dem
»undankbaren Vaterlande« gebtihrend zurlickgewiesen.
Es war nicht ein blosser Zufall, der B. zum Herausgeber der Leuthold-
schen Gedichte machte; die personliche Bekanntschaft zusammen mit Gottfried
20 Baechtold.
Keller's Wunsch war lediglich die aussere Veranlassung, neben welcher die
innere Sympathie gewaltig mitwirkte. Der Dahingeschiedene stand mit seinem
Herzen kaum einer Dichtungsart naher als der Lyrik. Seine ganze Natur,
sein ganzes Empfinden schienen hiezu pr&destinirt. Bei aller Begeisterung fiir
andere Arten der Dichtkunst trat doch seine besondere Neigung hier offen zu
Tage. Das Nachempfinden — im besten Sinne des Wortes — war seine
Starke. Kein Wunder, dass er Morike und Storm hoch schatzte, dass er seine
Arbeit gelegentlich auch Holderlin zuwandte (vgl. Vierteljahrschrift ftlr Lite-
raturgeschichte 1888). Etwa funfzehn Jahre zuriick — wenn nicht mehr —
wird B.'s Plan zu datiren sein, ein Werk tiber Morike zu schreiben. An
Sammlungen und Vorbereitungen jeglicher Art fehlte es hiezu nicht. In der
Deutschen Rundschau (XI, 2 S. 269 — 284) hatte er 1884 die Feder schon
einmal angesetzt, dann folgten in Zwischenraumen, von kleineren Arbeiten
abgesehen, der »Briefwechsel zwischen Hermann Kurz und Eduard Morike*
(Stuttgart 1885), ftinf Jahre spater der »Briefwechsel zwischen Moritz v. Schwind
und Eduard Morike« (Leipzig 1890), in welchem die romantische Phantasie
des grossen osterreichischen Malers und des auf seinem Gebiete nicht minder
grossen schwabischen Dichters sich die Hand reichen; endlich der Morike-
Storm-Briefwechsel (Stuttgart 1891). Auch die personlichen Beziehungen des
Verstorbenen zu Morike's Wittwe gaben ihm Vieles in die Hand, was der
Morike-Biographie eigenthtimlichen Werth verliehen hatte. Dass uns dieses
Werk nicht noch geschenkt worden, haben wir wohl am meisten zu bedauern.
Aber es musste vor dringenderen Aufgaben »einstweilen« zuriick treten !
Nachdem kleinere Vorarbeiten wie »die ZUricher Minnesinger* (im Zlircher
Taschenbuch fiir 1883) und die Unterstiitzung von Karl Bartsch's prachtiger Aus-
gabe der »Schweizer Minnesanger« (Frauenfeld 1887) erledigt waren, schritt B.
zur Ausfuhrung seines grossen Planes. Den altesten Schatzen deutscher Literatur
in St. Gallen machte er einen letzten Besuch und schrieb von dort in heiter-
ster Laune an seinen Verleger nach Frauenfeld (Neujahr 1887), der Setzer
moge sich nun rlisten, das Opus riicke an. Und in der That konnten im
Laufe jenes Jahres die beiden ersten Lieferungen der »Geschichte der deut-
schen Literatur in der Schweiz von Jakob Baechtold« ausgegeben werden. Die
Aufgabe schien genau abgegrenzt: » Dieses Buch will die Schicksale der deut-
schen Literatur in der Schweiz von der alten Zeit bis zum Anfang des neun-
zehnten Jahrhunderts erzahlen«, hatte der Verfasser gleich zur Eroffhung ver-
kiindet, und nach allem, was er schon geleistet, durfte er hoffen, in abseh-
barer Zeit zum Ziele zu gelangen. Doch diesmal hatte sich B. getauscht.
Der Stoff, der anfanglich oft aus verborgenen Adern hergeleitet werden
musste, floss ihm nach und nach aus hundert Ritzen und Spalten entgegen,
kam als wilder Bergbach, als reissender Fluss herangestlirmt und drohte den
Lenker der Gewasser mit fortzutragen. Da hiess es durchschauen und priifen,
Rinnen graben und Damme bauen, bis endlich der gewaltige Strom geb&ndigt
und ruhig dahinfloss. Wie oft liessen ihn die Pioniere, die er in seinen ersten
Arbeiten rtihmend genannt, ganzlich im Stiche, wie manchmal musste er For-
schungen, die er abgeschlossen glaubte, wieder von vorne beginnenl Kein
Wunder, dass ihm etwa einmal der Muth sinken wollte, wenn in dem tollen
Gewirre kein Ausweg sich zeigte, oder wenn der Setzer die kaum getrockne-
ten Zeilen von ihm forderte. Ftinf Jahre lang verrichtete er die harte Arbeit,
und kein Leser wird in den prachtigen Kapiteln auch nur das leiseste Echo
der Seufzer verspliren, die sich gelegentlich der Brust des unermtidlichen
Baechtold. 2 1
Forschers entrangen. Am Tage des Sechselautens 1892 machte er das Punk-
turn und feierte dann frfihlichsten Herzens das ziircherische Frtihlingsfest,
nachdem er schalkhaft am Schlusse der Anmerkungen den Basler Hexameter
versteckt: Est bona vox schenk in, melior trink, optima gar us!
Einer ausflihrlichen Werthschatzung von B.'s Geschichte der deutschen
Literatur in der Schweiz bedarf es hier nicht; wer in dem stattlichen Bande
von nahezu tausend Seiten auch nur geblattert, hat sich dessen gefreut, wer
das Ganze gelesen, der hat dem Verfasser im Geiste aufrichtig gedankt ftir
seine Riesenarbeit, wer einzelne Abschnitte nachgepriift hat, der wird sich der
Bewunderung und des Staunens Uber diese Sorgfalt nicht enthalten konnen,
Keine Lobrednereil h6re ich den Dahingeschiedenen warnen. Doch
dass wir uns ehrlich freuen Uber sein Werk, kann und will er uns sicherlich
nicht verbieten. Dass die Behandlung nicht durch den ganzen Band hindurch
eine gleichmassige ist, hat er selbst hervorgehoben ; wo so Vieles noch vOllig
aus dem Rohen herausgearbeitet werden musste, war es unmoglich, harmoni-
sche Ausgestaltung zu erreichen. Das schadet dem Werke auch gar nicht;
es ist auch so weit mehr, als der Verfasser uns versprochen: »Ich wollte ein
lesbares, manchmal sogar ein kurzweiliges Buch schreiben*. Es ist ein Buch,
auf das jeder Schweizer mit Stolz hinweisen darf, eine Arbeit, der man, so
weit die deutsche Sprache verstanden wird, nur rtickhaltlose Anerkennung
gezollt hat.
Von einem Torso zu sprechen ist nicht billig. B. hat sich im Einver-
standniss mit seinem Verleger vom ersten Satze an die Grenze gesteckt, bis
zu der er gelangt ist, und es ist undankbar, dartiber mit ihm rechten zu
wollen. Eine Behandlung unserer Literatur im 19. Jahrhundert ware in die-
sem Stile gar nicht wtinschenswerth. Die mogliche Fortsetzung, von der er
in der Vorrede spricht, hatte ein ganz anderes Geprage erhalten, und B. hatte
sie uns erst nach einer volligen Umarbeitung des Hauptwerkes bieten wollen.
Bedauern konnen wir wohl, dass dieser Plan nicht mehr verwirklicht
worden, und gleichzeitig werden wir anerkennen, dass er zu Gunsten eines
Unternehmens hat zurticktreten miissen, dessen Ausftihrung ftir den Augen-
blick viel wich tiger war: Gottfried Keller's Leben. Das Verhaltniss B.'s zu
unserem Dichter wird vielleicht einmal ein anderer schildern; die ersten gei-
stigen Beziehungen gehen jedenfalls bis in's Jahr 1867 zuriick, als der Ver-
storbene seine zweite Novelle schrieb, die ganz von der Art Gottfried Keller's
durchdrungen ist. Was der Gelehrte herausgab, fand seinen Weg auf den
Schreibtisch des Dichters, der die Gaben mit ' Verstandniss und Dank ent-
gegennahm. Mit besonderer Freude erftillte ihn B.'s Manuel-Ausgabe, wortiber
er sich am 17. und 18. Februar 1879 *m Feuilleton der Neuen Ztircher Zei-
tung in warmen Worten ausserte. Jahre hindurch war der personliche Ver-
kehr zwischen beiden ein iiberaus reger, bis Keller in seiner herben und
derben Art einmal den Literarhistoriker in einer Weise angriff, die ein wei-
teres Zusammengehen unmoglich machte. Wer Keller gekannt, wird dies
begreifen. Am 70. Geburtstage des Dichters hielt B. eine prachtige Festrede
in der Aula der Universitat ; beim Tode Keller's ergriffen andere das Wort,
und geschaftige Biographen drangten sich herbei. Und doch war ftir jeden Ur-
theilsfahigen die Lage klar: nur in B.'s Hande konnte der Nachlass gelegt werden.
Zun&chst erschienen auf Weihnachten 1892 Gottfried Keller's nach-
gelassene Schriften und Dichtungen, und schon ein Jahr darauf konnte der
erste Band von ^Gottfried Keller's Leben. Seine Briefe und Tageblicher«
2 2 Baechtold,
(Berlin, Hertz 1894) herausgegeben werden. Im Spatjahr 1896 kara die Ar-
beit zu ihrem Abschlusse. Die drei stattlichen Bande sind in Aller Erinne-
rung und in Vieler Handen; B.'s Methode hat Kritiker gefunden, man glaubte
da und dort grossere Kiirze, mehr Zurlickhaltung fordern zu dtirfen. Das
alles wird nun in den Hintergrund treten gegentiber dem grossen und blei-
benden Verdienst des Verblichenen. Den »enthusiastischen Ton«, den Keller
verabscheute, hat B. gemieden, er hat uns den Dichter, wo immer moglich,
mit seinen eigenen Worten vorgefuhrt; er hat uns aber gleichzeitig — und
darin sehe ich das Unvergangliche in B.'s Schopfung — ein Bild des litera-
rischen Lebens in Zurich wahrend eines halben Jahrhunderts gegeben, wie wir
es feiner, origineller und zuverlassiger von keiner Seite hatten empfangen konnen.
Man sollte glauben, mit solchen Aufgaben sei die Zeit eines Menschen
voll und ganz in Anspruch genommen, und doch brachte es B. fertig, noch
mehr zu leisten. Er war unermtidlich darin, verborgene Schatze der Literatur
an's Tageslicht zu ziehen und sie der Mit- und Nachwelt in der feinsten Po-
litur und Fassung zu uberliefern. In Schaffhausen fand er unter den Papieren
Johann Georg Muller's (eines Bruders Joh. von Muller's) anmuthige Aufzeich-
nungen, die er 1881 mit der Ueberschrift »Aus dem Herder'schen Hause«
(Berlin, Weidmann) herausgab; in Zurich prtifte er den Nachlass von David
Hess (1770 — 1843), der uns alien als Verfasser der »Badenfahrt« und der
»Rose von Jericho «, wie nicht weniger als Herausgeber von Usteris Werken
lieb und theuer ist, und verdffentlichte dann die Hess'sche Biographie des
ungl tick lichen philanthropischen Sch warmers Joh. Caspar Schweizer (Berlin
1884). Seinem gelehrten Freunde Reinhold Kohler in Weimar brachte er
zum sechzigsten Geburtstage »Einen Mund voll kurzweiliger Schimpf- und Glimpf-
reden, observirt anno 1651 — 1652«, ein paar Blatter des kostlichsten Humors.
Von Deutschland her erging 1889 an B. durch seinen Freund Professor
Erich Schmidt in Berlin die ehrenvolle Aufforderung, sich an der kritischen
Ausgabe von Goethe's Werken, die unter der Protektion der Grossherzogin
von Sachsen-Weimar erscheinen sollte, zu betheiligen und er ubernahm zu-
nachst »Wahrheit und Dichtung«, spater auch die Tagebiicher, zu welchem
Zwecke ein Aufenthalt in Weimar nothig war. Damals wurde B. auch zu
Hofe geladen, und es gehorte zum Besten, was er einem Freundeskreise wid-
men konnte, wenn er sich als gewandten Hofmann schilderte.
Der Bitte um Vortrage, die an den Verstorbenen so haufig gerichtet
wurde, entsprach er in fruheren Jahren stets mit der grossten Bereitwilligkeit
und hat damit Vielen genusfc- und lehrreiche Abende bereitet. Wie fiillten
sich die Tische in der »Antiquarischen«, wenn es hiess: Jakob Baechtold wird
sprechen! Auch ftir kleinere Gelegenheitspublikationen war er immer zu
haben. Dem Zlircher Taschenbuche lieferte er neben der schon erwahnten
Arbeit liber die Zuricher Minnesinger (1 883) noch 1894 die Briefe von J. G.
Schulthess an Bodmer; der Stadtbibliothek verfasste er 1890 ein Neujahrsblatt
(Johannes Stumpfs Lobspriiche auf die dreizehn Orte, nebst einem Beitrag
zu seiner Biographie); den Antiquaren publicirte er eine »Liederchronik« und
gab ihnen 1880 fur die »Mittheilungen« Das gluckhafte Schiff von Zurich.
Nach den Quellen des Jahres 1576.
Fur die Zeitschriften, die ihn um seine Mitarbeiterschaft ersuchten, hatte
er immer etwas bereit, so z. B. in den letzten Jahren fur die Germania (Bd. 21
resp. 33) »Einundzwanzig Fabeln, Schwanke und Erzahlungen des 15. Jahr-
hunderts*; fur die »Romanischen Forschungen* Bd. V (1889) eine Studie
Bacchtold.
23
»Ueber die Anwendung der Bahrprobe in der Schweiz«; fiir die Alemannia
(Bd. 20, 1892) »Zwei Hochzeitsgedichte* (von Johannes Grob 1676 und von
Gotthard Heidegger 1710); und wie Vieles — von kleinerem und grosserem
Umfange — findet sich nicht in der Mtinchener »Allgemeinen Zeitung«, im An-
zeiger fiir Schweizergeschichte, in Nord und Slid, in der Zeitschrift flir deutsches
Alterthum, im Feuilleton der »Neuen Ziircher Zeitung«, in der Deutschen
Rundschau; und wie manchen schweizerischen Schriftsteller hat er in der All-
gemeinen deutschen Biographie nach Leben und Leistungen dargestellt *) !
Und soil ich hinzufligen, mit welchem Eifer er seinen werthvollen Rath
und seinen unermtidlichen Fleiss dem Vereine fiir Verbreitung guter Schriften
widmete, wie gewissenhaft er die Auswahl fur die Anschaffung deutscher
Bucher in der Museumsgesellschaft traf? Von alien Seiten werden wir nun
die Klage horen : » Ja, wenn wir nur Professor Baechtold dariiber fragen konn-
ten!« Ueberall wird man seine reiche Erfahrung, seine grosse Gefalligkeit
schmerzlich vermissen.
Schon einmal haben wir ja vor dem drohenden Verluste gestanden, im
Sommer 1895, ^s an B. der ehrenvolle Ruf nach Leipzig ergangen war. Es
war ein harter, schwerer Kampf, den er damals zu bestehen hatte. Mit alien
Wurzeln seiner Kraft ans Vaterland festgewachsen, Schweizer bis auf den
letzten Blutstropfen, musste er doch ergriffen sein von dem grossen Vertrauen,
das ihm eine der grossten deutschen Hochschulen, geistig vielleicht die reg-
samste, entgegenbrachte. Sollte er nicht dem Schweizernamen im Auslande
neue Ehre machen, war es nicht Pflicht gegen die Seinigen, die glanzende
Stellung anzunehmen? B. hat sich filrs Bleiben entschieden und heute wissen
wir ihm erst recht Dank daftir. Nun, da sein Leben — und Leiden abge-
schlossen vor uns liegen, zeigt sich sein damaliger Entscheid in anderm Lichte.
Aeusserlich dem Rufe seiner Freunde folgend: »Verpflanze nicht den schonen
Baum, Gartner 1 er jammert mich!« mag sich der Verstorbene innerlich ge-
sagt haben, dass der alte Stamm die Versetzung in neues Erdreich nicht
mehr ertragen wlirde. Schiiler, Freunde, Kollegen — die weitesten Kreise
haben ihm damals gesagt, wie lieb und theuer er alien war, und selbst an-
gesichts des bittersten Verlustes freuen wir uns, dass er uns wenigstens die
zwei kostbaren Jahre noch gegonnt. Anerkennenswerth ist, wie unsere Be-
horden sich damals bemuhten, der Universitat die vorztigliche Kraft zu er-
halten und wie nach dem Entscheide der Bundesrath dem Verstorbenen da-
durch seine Dankbarkeit bewies, dass er ihm unter den gtinstigsten Bedingungen
einen Lehrauftrag am Eidg. Polytechnikum ertheilte.
Aus B.'s Schriften, selbst aus der kleinsten Notiz spricht Uberall seine
Eigenart, seine Urwtichsigkeit, und die trat im Leben vielleicht noch starker
hervor. Das Wort, fiir Vortrag oder Publikation sorgsam abgewogen, entfloh
im Gesprache oft seinem Munde, ohne dass ihm die nothige Vorsicht zur
Seite ging. Und wie er mit seinen literarischen Leistungen gelegentlich
Gegner fand, so stiess er da und dort auch mit seinen mUndlichen Aeusse-
rungen auf Widerstand. Das ist das Loos der Leute, die nicht auf aus-
getretener Bahn wandeln. Aber B. war durch und durch versohnlich; er
vergass gern und durfte erwarten, dass andere — nicht minder grossmtithig —
') Dankbar sei hier neuerdings erwahnt, dass Baechtold fUr unseren Deutschen
Nekrolog das Schweizer Referat Ubernahm und im vorigen Jahrgang mit aller Sorgfalt
fdrderte. (VgK Biographisches Jahrbuch, 1897, S, V und Baechtold's Nachruf fUr Appell
ebenda S. 3.) D. H,
24 Baechtold.
auch ihm vergessen. Nie hat er die dargebotene Hand zuriickgewiesen und
war nie glticklicher, als wenn er mit jedermann im Frieden leben konnte.
Als schonstes Geleite hatte er einen unverwtistlichen Humor stets neben
sich, einen Genossen, der ihn von seinen ersten literarischen Versuchen bis
zum letzten Federstriche nicht verliess, der im Kreise der Familie und der
Freunde, wie in der Rede bei ihm stand. Was wtissten die Wande so manch
wackerer Trinkstube in Zlirich und anderswo nicht flir heitere Geschichten
zu erzahlen, die sie aus dem Munde Jakob B.'s vernommen! Und hinter
diesem Humor stand eben das wohlthuende Bewusstsein erflillter Pflicht, das
gute Gewissen, dass eine ttichtige Arbeit vollbracht sei. Als das zunehmende
Herzleiden ihm kategorisch verbot, selbst an unschuldigen Gelagen theil-
zunehmen, erfreute er sich an der Lektlire humoristischer Schriftsteller. Wie
oft sprach er mir im letzten Jahre von dem Vergntigen, das ihm Dickens
bereitet !
Die Musik hat ihm manche gliickliche und weihevolle Stunde geschenkt.
Als junger Mensch spricht er von der Wirkung, die der Trauermarsch aus
Handel's Saul, David's Klagegesang oder die prachtvolle Arie: »0 Herr, des
Gtite endlos ist !« auszuiiben im Stande seien — und wohl an ihm selbst aus-
gelibt hatten. In seinem Hause, wo es ihm wohl war wie nirgends, spiel te
die Musik eine wichtige Rolle; Concerte besuchte er mit Auswahl; fur Brahms,
mit dem ihn personliche Freundschaft verband, hatte er grosse Vorliebe. In
nachmitternachtiger Zeit phantasirte er wohl auch einmal im Freundeskreise
auf dem Klaviere — und wie konnte er weidlich bose werden, wenn das
Gebriill iibermlithiger Genossen ihn daran storte!
Seit dem Rufe nach Leipzig hatte B. ein Stiick seiner alten Frohlichkeit
und Kraft eingeblisst. Er war nicht mehr im Stande, eine so ungeheure Ar-
beitslast zu tragen wie friiher, sich dann wieder so ungebundener Freude
ganz hinzugeben wie ehemals. Der Anfang der Krankheit traf offenbar so
ziemlich mit jenem Kntscheide zusammen, der ihm so viel Muhe machte.
»Jetzt kann ich das Thor schliessen<f, meinte er muthlos kurz nachher, raffte
sich aber glticklicher Weise doch wieder auf. Ein letzter grosser Genuss war
flir ihn die Fahrt nach Neapel, die er von Nervi aus zu Ostern dieses Jahres
in Gesellschaft seines lieben Freundes Viktor Meyer unternahm. Anfangs Juli
schickte er mir die Gottfried Keller-Bibliographie (Berlin, Hertz 1897. 36 S.)
hinliber; als ich ihm dankte, betonte er nur immer, wie froh er sei, auch
diese Aufgabe noch abgeschlossen zu haben. Er ordnete seine Bibliothek,
sichtete seinen reichen, werthvollen Briefwechsel und bestellte sein Haus. Die
Redensarten, man konne bei einem Herzleiden alt werden, verfingen nicht
mehr, der unerbittliche Tod hatte zu deutlich angeklopft. Da erst, als er
sich nicht mehr nach der Universitat zu schleppen vermochte, gab er nach.
Eine Ruhepause von zehn bis vierzehn Tagen sollte es ihm moglich machen,
die Vorlesungen des Semesters noch zu einem ordentlichen Abschlusse zu
bringen. Mitte Juli versuchte er's noch einmal; aber ein furchtbarer Herz-
krampf war die Folge der Pflichttreue.
Das Semester ging seinem Ende entgegen, ohne dass B. die Vorlesungen
wieder hatte aufnehmen konnen. Da flackerte das Lebenslicht zum letzten
Male auf. Er durfte wieder seinen kleinen Abendspaziergang unternehmen;
am 31. Juli traf ich ihn auf der Fahrt zum See, am 4. August sass er ein
Sttindchen bei mir im Garten, Beide Male sprach er mit Warme von einer
neuen Arbeit; Die »Geschichte der deutschen Literatur in der Schweiz* sollte
Baechtold. Mai 2 5
umgegossen und dann fortgesetzt werden. Er freute sich so recht, dass er
den Stoff nun vollig beherrsche und iiberblicke; er hoffte offenbar, der Welt
ein abgerundetes, vollkommenes Kunstwerk darbieten zu kOnnen. Noch am
Sonntag Vormittag brachte mir mein Junge, den ich mit einem Zettelchen
hinilbergeschickt, die Kunde, wie frOhlich und freundlich »Papa Baechtold « sei.
Anderthalb Stunden spater standen wir erschttttert an seiner Leiche.
Vor dreissig Jahren hat der Gymnasiast Jakob B. das Ende eines geist-
Iichen Herrn geschildert, der seine letzte Predigt gehalten hatte. »Dann
schaute der Herr Pfarrer, als er draussen war, recht innig die blauen Wolken
und die weissen Schneeberge und sein bltlhendes Gartlein an, und in seinem
Sttiblein angekommen, unterhielt er sich noch einmal in liebevoller Weise mit
seiner Familie, nahm noch einmal das irdische Mittagsmahl inmitten der
Seinen ein und dann stieg er zum letzten Mai in sein Studirzimmer hinauf,
nahm sein Gesangbuch und las mit zitternder Stimme das Lied: »Wie wird
mir sein, wenn ich dich, Jesu, sehe«. Erschopft legte er sich hin zum Mit-
tagsschlafchen, von dem er nicht wieder erwachte.« — Und wie in jenem
Pfarrhause, so schauten auch hier die rankenden Reben zum Fenster hinein,
ob der alte Freund nicht wieder komme. —
Die Angehorigen, die Freunde, die Universitat, das Vaterland, die deut-
sche Wissenschaft — alle haben unendlich viel an Jakob B. verloren, und der
rasche Abschied war furchtbar; ihm aber blieben die Schrecken langen Siech-
thums erspart, und er geniesst — um sein eigenes Citat aus Goethe zu wieder-
holen — den Vortheil, »als ein ewig Tiichtiger und Kraftiger zu erscheinen;
denn in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verlasst, wandelt er unter den
Schatten*. Auf der Hohe des Zlirichberges, von wo er so oft die scheidende
Sonne geschaut, wird seine Asche unter einem bescheidenen Denksteine
ruhen; aber in seinen zahlreichen Schriften, zumal in seiner »Geschichte der
deutschen Literatur in der Schweiz« hat er sich selbst das unverganglichste
und schonste Monument errichtet.
Mit Zustimmung des Hrn. Verfassers wiederholt aus der Neuen ZUrcher Zeitung.
Theodor Vetter.
Mai, Emanuel, Antiquar, * 2. Februar 181 2 in Schmiegel bei Lissa,
f 27. December 1897 in Berlin, wo er seit seinem 13. Jahre gelebt hatte. —
M. besuchte das Gymnasium Zum grauen Kloster und erwarb sich eine ge-
diegene wissenschaftliche Bildung, die er spater in seinem praktischen Beruf
griindlich verwerthen konnte. Mehrere Jahre gehorte er als Lehrling und
Gehilfe der einst bertihmten antiquarischen Buchhandlung von Finke an, bis
er 1836 im Hause der Polnischen Apotheke, Mittelstrasse, selbst ein Geschaft
unter der Firma seines Namens errichtete. Er hatte drei grosse uralte Biblio-
theken, eine Btilow'sche und eine Wolkenstein'sche, und die aus dem ehe-
maligen Kloster Marsberg stammende, aufgekauft, und diese bildeten den
starken Grundstock seines Lagers, das sich von Jahr zu Jahr vergrosserte.
Er kaufte das Haus Unter den Linden, in dem sich jetzt das Aquarium
befindet, und siedelte von da spater nach der Mauerstrasse tiber, wo das
Geschaft, seit 1868 von seinem Sohne Max geleitet, noch bltiht. Es gab in
Deutschland keinen Liebhaber und Sammler alter oder seltener Drucke, der
nicht mit Emanuel Mai in Verbindung gestanden hatte; jeder wusste in ihm
nicht nur den Handler, sondern auch den Kenner und Rathgeber zu schatzen.
Wie sehr M. aus eigener Liebhaberei Sammler gewesen ist, hat er gerade
26 Mai. Schumann.
wahrend der letzten sechs Jahre als eifriger Mitarbeiter an den Sonntags-
beilagen zur Vossischen Zeitung bewiesen. Aus seiner reichen, nahezu voll-
standigen Sammlung von Flugblattern und anderen Schriftstlicken, die sich auf
die achtundvierziger Bewegung beziehen, hat er dort vieles seinen Zeitgenossen
in's Gedachtniss zurtickgerufen und spateren Generationen zur guten Lehre
gegeben. Was er unter den Ueberschriften »Die Berliner Strassenliteratur des
Jahres 1848*, »Welke Blatter des Marzsturms«, »Die Parlamente*, »Der Prinz
von Preussen«, »Gedenkblatter aus der Zeit Friedrich Wilhelm IV.«, ^Berliner
Momentbilder*, »Zum Jubilaum des Vereinigten Landtags*, »Polens Kampfe«
veroffentlichte, entspricht nicht der wissenschaftlichen, historisch-kritischen
Methode; er gab keine zusammenhangende Darstellung der Ereignisse, keine
Charakteristik der handelnden Personlichkeiten, sondern etwas willkiirlich legte
er Blatt an Blatt und suchte so den Eindruck jener von ihm leidenschaftlich
miterlebten Tage wieder lebendig zu machen. Wie sehr ihm das gelungen
ist, wie gerade dadurch, dass er die Dokumente reden Hess, alles frisch und
eben erst dagewesen schien, haben ihm zahllose Zuschriften, Anfragen, wohl
auch kleine Berichtigungen aus dem Leserkreise bewiesen. Der alte Herr
hatte seine Freude daran und trug sich zuletzt mit dem Plane, diese Auf-
satze, durch andere vermehrt, in einem Buch zu sammeln und es am funfzig-
sten Gedenktage des achtzehnten Marz zu veroffentlichen. Bereits war er mit
einer altangesehenen Berliner Verlagsbuchhandlung deswegen in Verbindung
getreten. Da befiel ihn, ihm selbst kaum merkbar, ein schweres unheilbares
Magentibel, und kurz vor Vollendung des halben Jahrhunderts gehorte auch
er nicht mehr zu den wenigen Ueberlebenden, sondern zu der grossen Heer-
schaar »alter Achtundvierziger« , die der Hiigel deckt. Noch wenige Wochen
vor seinem Tode konnte man ihn, auf seinen Stock gestlitzt, riistig durch
die Strassen Berlins schreiten sehen, den kurzen, stammigen Korper leicht
vorniiber zur rechten Seite gebeugt, das schone, klare, kluge Auge nachdenk-
lich vor sich hin gesenkt, und unter dem grossen, schwarzen Schlapphut, von
Haar und Bart lang und dunkel umwallt, ein prachtvolles Patriarchenhaupt,
das den Neid und die Freude Rembrandt's erregt hatte. Die Frage, was
aus M.'s nachgelassener Sammlung werden soil, ist ftir die Berliner Stadt-
verwaltung, die sich im Besitze der gleichwerthigen Friedlander'schen Samm-
lung befindet, wohl zu erwagen.
Paul Schlenther.
Schumann, Albert, Professor fur Geschichte und Geographic an der
Kantonsschule in Aarau, * 4. Februar 1835 *n Gotha, t 24. Februar 1897
in Aarau. — Sch. studirte in Jena, Bern und Gottingen Geschichte und
Germanistik und wurde Ende 1859 »wissenschaftlicher Privatsekretar« bei
Johann Martin Lappenberg. Vergeblich bewarb er sich um eine Stelle an
der Gottinger Bibliothek; allerhochste Protection verhalf einem Untauglichen
dazu, der bald darnach in's Irrenhaus kam. Das verdross Sch. dermassen,
dass er Deutschland verliess und ein Lehramt an der Bezirksschule in Zofin-
gen annahm, wo er beinahe 22 Jahre blieb. Hierauf wirkte er 10 Jahre an
der Kantonsschule in Aarau und trat 1892 in den Ruhestand. Er war ein
sehr gewissenhafter Lehrer, aber mit innerster Neigung war er es nicht. Viel-
mehr war er nach Fahigkeit und Beruf der geborene Bibliothekar, der durch
unablassige Studien seine Kenntnisse bereicherte. Mit verhaltnissmassig sehr
geringen Mitteln hat er die Stadtbibliothek Zofingen, der er 30 Jahre lang
Schumann. Rothpletz. 2 7
vorstand (von 1867 bis zu seinem Tode), zu einem wahren Schatzkastlein
gemacht. Er war in bibliographischen Dingen bewandert, wie Wenige in der
Schweiz, und besass eine ausgedehnte Bucher- und Literaturkenntniss, wie sie
nur derjenige erwirbt, dem ungezahlte Bande durch die Hande gehen und
der eine Unmenge antiquarischer Kataloge zu Rathe zieht. Uebrigens kannte
er nicht nur die Titel der Bucher und Zeitschriften, sondern wusste gar wohl,
was darin stand. Er schrieb iiber eine betrachtliche Reihe von Mannern in
die »Allgemeine deutsche Biographie«, und die noch unvollendete neue Auflage
von »Goedeke's Grundriss zur Geschichte der deutschen Literatur« verlor in ihm
einen Beistand und Nothhelfer, den der Herausgeber schwer im Stande sein wird
zu ersetzen. Er gehorte namlich zu den seltenen Naturen, die alle die kleinen,
unansehnlichen und mlihseligen Arbeiten auf sich nehmen, die eben gemacht
werden mtissen, urn die sich aber die Meisten gerne herumdrticken. Seine
Specialitat waren die ganz kleinen Schriftsteller und Poeten, denen Niemand
gerne nachfragt und nachgrabt; seine eigenste Domane jedoch bildete die
Geschichte und Literatur des Aargaus: fur jene leistete er Verschiedenes in
der »Zeitschrift aus dem Wiggerthale«, die ubrigens nicht lange existirte;
diese behandelte er in dem zu zwei Lieferungen herangediehenen Werk : » Aar-
gauische Schriftsteller, aus den Quellen dargestellt«. — Anderen mit seinem
reichen und wohlgeordneten Wissen beizuspringen, liess er sich keine Mtihe
verdriessen. Trug man ihm irgend ein Anliegen vor und begehrte Dieses
oder Jenes zu wissen, so notirte er sich die Sache in ein Notizblichelchen
oder brachte wohl auch nach alter Vater Weise einen Knoten im Taschen-
tuch an. »Ich werd' einmal nachsehen«, pflegte er dann in seinem gothaisch
gefarbten Deutsch gelassen zu sagen. Er vergass nie etwas. Den Kopf ein
wenig zur Seite geneigt, die braunen Augen noch etwas freundlicher als sonst,
kam er dann mit langen Schritten und etwas in die Knie fallend auf den
Bittsteller zugegangen und brachte gewohnlich mehr, als dieser erwartet hatte.
Haufig genug ubermittelte er das Gewunschte auf s sauberlichste aufgezeichnet.
Vielleicht hat er nicht tiberall den gebtihrenden Dank gefunden, wahrend ihn
selbst die kleinste Gefalligkeit ausserordentlich erfreute. Er hat wohl nie
Jemand etwas zu leide gethan und schwerlich einen Feind besessen.
Adolf Frey.
Rothpletz, Christian Emil, schweizerischer Oberstdivisionar und Professor
der Militarwissenschaften am eidgenossischen Polytechnicum, * 21. Februar
1824 in Aarau, f 13. Oktober 1897 in Zurich. — Die Familie R. wanderte
in der ersten Halfte des sechszehnten Jahrhunderts aus Villingen im Schwarz-
wald nach Aarau, wie denn damals eine Menge der heute in der Schweiz
bliihenden Geschlechter aus Siiddeutschland iiber den Rhein zogen und in
den Burgerschaften die Liicken fullten, welche die morderischen italienischen
Soldkriege gerissen hatten. R.'s Vater, Johann Heinrich, war Bezirksamtmann ;
die Mutter Sarah Isabella, geb. Schuster, stammte aus Neustadt an der Hardt
und Uberragte den Gatten an Bildung und geistiger Begabung. Als R. ein
Jahr alt war, wandte sich die Familie nach der Pfalz, wo die Verwandten
der Mutter beglitert waren. Der Vater Ubernahm die Leitung einer chemi-
schen Fabrik, starb aber schon nach einem halben Decennium. Mit schwar-
merischer Liebe an der Schweiz hangend, begab sich die Mutter mit den
Kindern nach Aarau zurlick. Hier absolvirte R. das Gymnasium und studirte
dann an verschiedenen Hochschulen Jurisprudenz, so in Heidelberg. Eine
28 Rothpletz.
ttickische Brustkrankheit, die von seinen drei Brtidero zwei friih dahingerafft
hatte, bedrohte auch ihn, sodass die Aerzte einen Aufenthalt in slidlichem
Klima anriethen. Er begab sich nach Madeira, fand dort die erhoffte Besse-
rung und suchte dann zu weiterer Kraftigung die Insel Helgoland auf. Hier
erreichte ihn (1847) die Nachricht vom bevorstehenden Ausbruch des schwei-
zerischen Sonderbundskrieges. Rasch der Heimath zugeeilt, meldete er sich
in Aarau als Freiwilliger einer Reservescharfschtitzenkompagnie und kam im
entscheidenden Gefecht bei Gislikon in's Feuer. Die Eindrticke, die ihm der
kurze Feldzug hinterliess, blieben unverl6schlich und waren ftir seine spatere
Laufbahn bestimmend, sodass er im Friihling 1848, zur militarischen Carriere
entschlossen, als Aspirant in die Vorbereitungsschule flir Infanterieoffiziere
trat und dann sofort einen zweiten Kurs flir Artillerieaspiranten mitmachte,
dessen Leitender der Hauptmann Hans Herzog war, der spatere General.
Noch im namlichen Sommer folgte ein Instructionskurs im Tessin. Nun aber
regte sich die noch immer nicht vollig gefestigte Gesundheit in unangenehmer
Weise wieder und nothigte ihn abermals zum Besuch des Seebades. Unter-
wegs dahin vom Waffenlarm im insurgirten Berlin angelockt, durchwanderte
er Stadt und Umgebung, knupfte mit dem Revolutionskomite Unterhandlungen
an und entrann schliesslich den einrtickenden Truppen und vielleicht dem
Standrecht mit knapper Noth. In der Heimath forderte er seine militarische
Ausbildung mit allem Nachdruck, absolvirte eine Kavallerierekrutenschule, trat
dann zur Artillerie iiber, avancirte zum Oberlieu tenant, 1855 zum eidgenossi-
schen Artilleriehauptmann und nahm an verschiedenen Centralschulen theil.
Als Artilleriehauptmann blieb er der bestandige Adjutant von Hans Herzog,
der als Waffenchef der Artillerie die Instructionsverhaltnisse dieser Waffe in
der Schweiz mit einem Schlag von Grund aus umwandelte, nicht zum minde-
sten untersttitzt von R. Dieser begleitete seinen Obern bei verschiedenen
Dienstanlassen, so 1856 beim Truppenzusammenzug im Thurgau und wahrend
der Grenzbesetzung (1856/57) infolge des sog. Neuenburger Handels. Zwei Jahre
spater fUhrte ihn die Grenzbesetzung in's Tessin, wo er schon 1855 wahrend der
Grenzoccupation fungirt hatte. i860 wurde er Major im eidgenfissischen Artil-
leriestab, 1863 eidgenossischer Oberstlieutenant, nachdem er wahrend mehrerer
Jahre als Lehrer und Kommandant von Militarkursen, namentlich artilleristischen,
gewirkt hatte. — Gleichzeitig mit der militarischen Laufbahn begann er auch
diejenige eines Beam ten, zuerst als Aarauer Stadtrath, dann als Gerichts-
prasident, seit 1854 als Oberrichter, d. h. als Mitglied des obersten kantonalen
Richterkollegiums. In dieser Stellung erhielt er, als es sich, in Vollziehung
der Staatsverfassung von 1852, um die Einfuhrung des Schwurgerichtes han-
delte, den Auftrag, eine neue Strafprocessordnung auszuarbeiten, und wurde
1858 Prasident des Kriminalgerichts und des Schwurgerichts. In schweren
Stunden, wo er seine hoffhungslos kranke Mutter pflegte, begann er zu malen
und legte dann nach ihrem Tode alle seine Aemter nieder, um ausschliesslich
der Kunst zu leben. Er wollte in aller Form Maler werden und ging nach
MUnchen, wo er namentlich unter Berthelli's Leitung zu arbeiten begann.
Wahrend er unverdrossen Pinsel und Palette handhabte, erhielt er 1864 vom
schweizerischen Militardepartement den Auftrag, sich sofort auf den danisch-
deutschen Kriegsschauplatz zu begeben. Er sah nur noch eine letzte Episode
des Krieges, da die DUppeler Schanzen schon genommen waren. Immerhin
bot sich Gelegenheit, mit Moltke und von Gablenz zusammenzutreffen. Eine
ahnliche offizielle Mission fiihrte ihn 1866 nach dem stiddeutschen Kriegs-
Rothpleti. 29
schauplatz. Nachdem er 1867 Oberst im eidgenossischen Generalstab ge-
worden, leitete er 1868 einen taktischen Kurs fUr Offiziere des Artilleriestabs ;
auch befasste er sich damals mehrfach mit Arbeiten liber die Landesbefesti-
gung. Er recognoscirte noch im namlichen Jahre mit einer Kommission die
Nordfront der Schweiz und die westliche bis in's Wallis. Als 1870 Hans
Herzog die Wahl zum schweizerischen General angenommen hatte, berief er
R., dessen Ernennung zum Generalstabschef oder Generaladjutanten sich
Schwierigkeiten entgegenstellten, zu seinem Adlatus; R. arbeitete namentlich in
der operativen Sektion, musste sich aber bald nach Jahresanfang legen und
drei Monate das Bett htiten. 1872 verheirathete er sich mit Fraul. El. Wydler
von Aarau, mit der er in glticklicher Ehe lebte. Bei der Durchflihrung der
neuen schweizerischen Militarorganisation nach dem Gesetze von 1874 wurde
R. als einer der drei Obersten dem Generalstab zugetheilt, erhielt dann aber
das Kommando der V. Armeedivision und zugleich den Auftrag, mit derselben
die erste sechszehntagige Divisionsiibung abzuhalten, welche Aufgabe er so
trefflich loste, dass seine Maassnahmen auf Jahre hinaus ftir die folgenden
Manovers von einschneidender Bedeutung blieben. Seit 1876 wurde er als
Lehrer der Centralschule IV fUr Oberstlieutenants verwendet, und am 7. Mai
1878 erfolgte seine Wahl zum Professor der Taktik, Strategie und Kriegs-
geschichte am schweizerischen Polytechnicum in Zurich, wohin er nun ttber-
siedelte. Die Schwierigkeiten und Aufgaben der neuen Stellung erwiesen sich
als so grosse, dass er sich vom praktischen Militardienst immer mehr zurtick-
zog; und Gesundheitsriicksichten veranlassten ihn 1883 seine Entlassung vom
Divisionscommando und bald darauf aus dem Armeeverband zu nehmen.
Neun Jahre spater wurde ihm auch die Leitung der Oberstlieutenantsschulen
zu viel, und seit seinem siebzigsten Jahre hinderte ihn ein immer starker wer-
dendes Herzleiden, seine Vorlesungen abzuhalten.
Der Widerstreit zwischen wissenschaftlichen und klinstlerischen Interessen,
den vielseitig angelegte Naturen so oft zu kampfen haben, wurde fur R. friih
complicirt durch die militarischen Neigungen und die Erfahrungen, die er im
Sonderbundsfeldzug machte. »Diese waren mir«, schreibt er, »fiir meine
spatere Laufbahn von hohem Werthe. Ich habe die Leiden und Freuden,
die Leistungsfahigkeit und die BedUrfnisse eines Soldaten kennen gelernt; ich
habe gesehen, wie der Soldat die Offiziere beurtheilt, was er von ihnen er-
wartet und welche Eigenschaften der Offizier haben muss, um das Vertrauen
der Mannschaft zu erwerben und um am Tage der Gefahr Gehorsam erwarten
zu diirfen.* Von seinem dreissigsten Jahre an publicirte er eine Reihe schrift-
stellerischer Arbeiten, die sich beinahe liber alle Gebiete milit&rischen Wissens
erstrecken: Taktik aller Waffen, Strategie, Terrainlehre, Befestigungslehre,
Organisation. Die bedeutendste von alien, das Handbuch »Felddienst und
Taktik der eidgenossischen Artilleries (1866) schrieb er, einer Aufforderung
seines Vorgesetzten Hans Herzog folgend, in der unglaublich kurzen Zeit von
acht Tagen und acht Nach ten, freilich nicht ohne diese Ueberanstrengung
gesundheitlich lange empfindlich zu sptiren. Es folgten: »Recognoscirungen«
1868. »Die schweizerische Armee im Feld« 1869. »Grundzlige der Organi-
sation des Sanitatsdienstes« 1873. »Die Ftihrung der Armeedivision* 1876.
»Feldinstruction liber den Sicherheitsdienst der Kavallerie und Infanterie« 1877.
»Eroffnungsrede zu den Vorlesungen am eidgenossischen Polytechnicum* 1878.
»Das System der Landesbefestigung, eine strategische Studie« 1880. »Das
Infanteriefeuer<, 1882. »Die Terrainkunde« 1885. »Die Gefechtsmethode der
jo Rothpletz.
drei Waffengattungen« (Geschichtliche Entwickelung 1886, Kavallerie 1886,
Infanterie 1887, Artillerie 1887). »Die strategische Theilung des schweizeri-
schen Heeres« 1891. »I)ie Schlacht bei Martigny« 1891. In der Schrift
»Die strategische Theilung des schweizerischen Heeres« bekampfte er die
damals vorgeschlagene Eintheilung des schweizerischen Heeres in vier Armee-
corps und trat fur die bisherige Eintheilung in acht Divisionen ein. Er unter-
lag mit seiner Ansicht, wie er auch in der Frage der Landesbefestigung nicht
durchdrang; er plaidirte fur das System der Verriegelung, wahrend man sich
maassgebenden Ortes ftir dasjenige einer Centralbefestigung entschied. Er war
librigens einer der Hauptforderer der Landesvertheidigung und Landesbefesti-
gung und ebenso (mit Welti, Herzog und Feiss) der schweizerischen Militar-
organisation von 1874. Er hat die Militarwissenschaften in operativem, wie
im technischen Sinne selbstandig durchgearbeitet und theoretisch wie prak-
tisch bemeistert und sich (iber die Grenze seines Landes hinaus einen geach-
teten Namen als Militarschriftsteller gemacht. Originelle und lichtvolle Be-
handlung des StofFes und schone Form zeichnen ihn aus, wie er denn aus
innerstem Bedtirfniss immer ein betrachtliches Gewicht auf die Form, ja auf
die Formel legte. Das hing eng mit seinen Klinstlergaben zusammen. Es
blieb ihm zwar als Maler versagt, iiber das Dilettantische hinauszukommen
und geschlossene Werke hervorzubringen, sei es, weil seinem Talente eine
gewisse Grenze gezogen war, sei es, weil er erst sehr spat, schon beinahe
ein Vierziger, sich an die Bewaltigung der technischen Schwierigkeiten wagte
und weil die Lehrzeit eine allzu kurze war. Aber diese Versuche scharften
seinen Blick und Geschmack, die ihn in Stand setzten, eine feine Gemalde-
sammlung anzulegen, deren Perlen weithin leuchteten. Es befand sich u. A.
darin die sog. bella Visconti, durch Weber's schonen Stich bekannt geworden,
und eine Madonna mit musicirenden Engeln von A. Feuerbach (jetzt in der
Dresdener Galerie). R. gnindete den aargauischen Kunstverein und setzte
die Erwerbung manches werthvollen Bildes zu Handen des Staates durch.
Ihm ist es zu verdanken, dass Aarau in den Besitz eines der herrlichsten
Bilder Arnold Bocklin's gelangte (Muse des Anakreon), und zwar zu einer
Zeit — es war in den siebziger Jahren — , wo, Basel ausgenommen, noch
keine andere offentliche Sammlung der Schweiz ein Werk des grossen Mei-
sters besass. Auch um die Erhaltung und Restauration der beriihmten Wet-
tinger Glasgemalde machte er sich verdient. Als President der schweizerischen
Kunstkommission veroffentlichte er 1890 »Betrachtungen iiber die Organisation
der Kunstpflege«, worin er auf manchen Schaden auf dem Gebiete des schwei-
zerischen Kunstlebens krftftig hinwies.
Das kunstlerische Bedtirfniss veranlasste ihn auch zu stilgemasser Aus-
schmlickung der Wohnraume im sog. Schlossle zum alten Thurm in Aarau,
einem in seinen altesten Theilen megalolithischen Bauwerk aus dem frtihsten
Mittelalter, dem spatere Jahrhunderte zwei Wohnbauten angeftlgt hatten. Das
Innere dieses Thurmbaus, den Gottfried Keller als einen rechten Ktinstler-
und Poetensitz bezeichnete, liess R. mit Getafel wieder herrichten und stellte
da seine Gemaldesammlung auf. Gerne sah er seine Freunde bei sich, und
sie erschienen gerne, denn er war ein liebenswlirdiger Wirth. Anselm Feuer-
bach, Ludwig Steub, Virchow, Hermann Grimm waren gelegentlich, der am
Aarauer Gymnasium wirkende Germanist E. L. Rochholz haufig hier; und als
sich J. V. v. Scheffel im nahen Seethal eingehaust hatte, leerten die beiden
manch frohliches Glas zusammen, denn sie verstanden sich vorztiglich; waren
Rothpletz. Nttscheler. 31
sie doch beide von Haus aus Juristen, malten und dichteten doch beide.
Auch R. namlich liebte die Poesie und warf manchen ernsten oder heiteren
Vers bin. Seine Gedichte Hess er auch drucken, aber nur fur die Seinigen
und die Freunde.
In Ziirich steigerte sich der Verkehr. R. sah Gottfried Keller nicht sel-
ten bei sich und noch ofter Bocklin, der sich manches Mai Sonntags zum
Abendbrod einfand und durch heitere, liebenswurdige Laune entztickte. R.
war ein trefflicher Gesellschafter, geistreich, lebhaft, gewandt und liebens-
wiirdig, dazu ein schongewachsener Mann mit bedeutendem Gesicht. Seine
gesellschaftliche Liebenswiirdigkeit entsprach tibrigens seiner inneren ; denn er
war wohlwollend und trug einen noblen Zug an sich, dem alles Pedantische
widerstrebte. Die specifische Beschaffenheit seines Wesens beruhte wohl auf
der Mischung zweier Stamme : in die gehaltene, mehr ernste Schweizerart, die
er vom Vater geerbt, brachte die pfalzische Mutter einen leichtfltissigeren,
heiteren Schuss.
(J. Hunziker): Oberst £. R. ZQrich 1897 (nach den zicmlich umfiinglichen unge-
druckten Mcmoiren R.'s) »AUgem. Schwcizer Zeitung« 17. Okt. 1897, »Der Bund« 18. Okt.
1897. »Schweiz. Militarische Blatter«, 10. Heft 1897. »Zum Andenken an Oberst E. R.«
(o. O. u. J.). Ad. Frey: »J. V. v. Scheffel's Briefe an Schweizer Freunde. « 1897.
Adolf Frey.
Nuscheler, Arnold, Historiker, * 18. August 181 1 in Zurich, f 30. Oktober
1897 ebendaselbst. — Ein Leben voller Arbeit hat am 30. Oktober 1897
seinen Lauf beschlossen. Mit dem »fierrn Rechenschreiber«, wie seine Mit-
biirger den Ehrendoctor nannten, ist der Nestor der Zurcherischen Historio-
graphen zur Ruhe gegangen; aber sein Bild, welches das eines lauter wohl-
woUenden, im Dienste der Wissenschaft unermiidlichen und allezeit opferwilligen
Mannes war, wird so lange leben, als es Zeugen seines Schaffens giebt. N.
ist als Sohn eines alten, geachteten Zurcher Hauses am 18. August 181 1 ge-
boren. Zum ktinftigen Juristenstande bestimmt, hatte er die Universitaten
Heidelberg und Berlin besucht; dann zog es ihn zu den Cameralia hin, aut
die er sich in Miinchen und wiederum in Heidelberg verlegte. Andere
Interessen drangten sich ebenfalls hervor, die Freude an Allem, was Kunst
und Cultur vergangener Jahrhunderte hinterlassen haben und ein lebhafter Zug
zu den Naturwissenschaften. Reisen, die ihn von Deutschland und Oester-
reich bis nach Danemark und Schweden und dann wieder zuriick nach Frank-
reich bis Havre und Toulon fuhrten, trugen dem aufmerksamen Beobachter
reiche Erfahrungen und Kenntnisse ein. Seine letzte Etappe war Paris ge-
wesen; dort wurde er von schwerer Krankheit befallen, die den kaum Ge-
nesenen 1835 zur Rtickkehr in die Heimath zwang.
Hier fing nun das Wirken an, welches er in gleichem Maasse flir Staat
und Vaterstadt, wie flir die "Wissenschaft entfaltet hat. Als griindlicher
Comptable wurde er schon bald nach der Heimkehr zum Rechenschreiber,
das will sagen, zum Sekretar des kantonalen Finanzwesens ernannt, welche
Stellung er fast drei Jahrzehnte lang mit der ihm eigenen Umsicht und Ge-
wissenhaftigkeit versah. An anderen Aemtern und Wurden gebrach es nicht
und seinen vielseitigen Anlagen entsprach die Zahl der Vereinigungen, in deren
meisten er ein rtihriges Mitglied war. Von all den Neigungen aber, zu deren
Pflege Amt und Pflicht ein Uebriges liessen, trat mehr und mehr die Eine
hervor, die zur Geschichte und Alterthumskunde, wrelche bis an's Lebensende
seine eigenste blieb.
j 2 Nttscheler.
Ein Biograph hat ausgeftihrt, wie bald das Amt diesen Zug auf feste
Bahnen lenkte. Zu N.'s Obliegenheiten hat in der Wende der Dreissiger und
Vierziger Jahre die Untersuchung iiber die Collaturverhaltnisse der zlircheri-
schen Kirchen gehort. Das forderte zum Studium der einschlagigen Docu-
mente heraus, womit sich der junge Gelehrte aber nicht beschied, sondern
noch weiter fuhr, indem er iiber den berufsmassigen Rahmen hinaus sich auf
das systematische Studium des gesammten ihm zuganglichen Urkundenmaterials
verlegte und so den Grund zu einer Arbeit schuf, auf die sich nachmals zu-
vorderst sein Ruf begrtindet hat.
Es war auch eine Zeit, die solchen Bestrebungen vollauf zu Gute kam.
1837 hatte sich die Antiquarische Gesellschaft in Zurich aufgethan, in welcher
N. von 1842 — 1856 das Amt des Actuars versah. Noch war der liebens-
wtirdige Vertreter Zurcherischer Alterthumskunde, der Pfarrer und Kirchenrath
Salomon Vogelin am Leben, Ferdinand Keller stund in vollster Kraft, Dr.
Meyer-Ochsner, die Briider Schulthess, Paul und Ludwig, hatten jeder nur
eine Lust, die nach dem Alten zu stobern. Die reichen Anregungen, welche
Fremde brachten und ein freundschaftlicher Ton, der jetzt noch bei den ztir-
cherischen »Antiquaren« herrscht, stimmten mit einem fast familiaren Leben
tiberein. Es war Spateren eine Freude, die letzten dieser Herren zu sehen,
wenn sie auf dem Helmhause beim taglichen Stelldichein in Ferdinand Kel-
ler's Sttiblein Funken schlugen.
In den Sitzungen dieser Gesellschaft hatte sich N. eingefunden, so lange
die korperlichen Krafte ihn dazu fahig machten, und wie sich Ferdinand Keller
als sein Freund benahm, hat eine Episode gezeigt, die zu den kostlichsten
an jenen Samstagabenden gehorte. In den Siebziger Jahren hatte N. eine
Abhandlung tiber die Zlircherischen Ausgemeinden vorgetragen, deren Griind-
lichkeit die Geduld eines gewichtigen Professors zu ausgiebig beansprucht
haben mochte. >Nun kann mir mein gelehrter Freund N. auch dieses oder
jenes sagen«, flocht er in sein Votum ein, worauf ihn Keller mit ebenso
spitziger Wendung frug: »Nun kann mir mein gelehrter Freund .... auch
sagen, was ein Absichtsdiinkel ist?« und dann den Auskunftslosen belehrte,
welches Form und Gebrauch dieser auf alien Hochwachten vorhandenen Ein-
richtung war.
N. hat am liebsten still und emsig liber Buchern und Schnften gesessen ;
er war ein Forscher frommen und schlichten Schlages, der keine hohere Genug-
thuung als die an der Arbeit und dem Dienst ftir Andere kannte. Einem
jtingeren Freunde, der ihm noch Abends am 14. November 1874 die Kunde
von dem eben gefassten Facultatsbeschluss tiberbrachte, erzahlt, wie dem
Ehrendoctor tiber seinem freudigen Schrecken beinahe die zum Empfang be-
reite Studirlampe entfallen sei. Oft habe ich ihn aus meinem Fenster durch
den Garten des angestammten Hauses zum »hinteren Magazinhofe^ wandeln
sehen mit Sammtkappchen und Schlafrock; er nahm sich wie ein Chorherr
in seinem Stiftshofchen aus. Es hat aber auch Zeiten eines riistigeren Daseins
gegeben, da er Seinesgleichen im Wandern suchte und unermiidlich von einem
Burgstall zum anderen und von Kirche zu Kirche gepilgert ist, Auf solchen
Gangen habe ich Anfangs der Sechsziger Jahre den Herrn Rechenschreiber
oft begleitet und manches Samlein heimgetragen, das nachher aufgegangen ist.
Damals fingen die Vorbereitungen zu seinem Hauptwerke an, dessen
erstes Heft unter dem Titel »Die Gotteshiiuser der Schweiz« im Jahre 1864
erschien, ein Verzeichniss der Kirchen, Stifter und Kapellen, nach Bisthiimern
Nttscheler.
33
und Dekanaten geordnet, das aus quellenmassiger Umschau deren Geschichte
zusammenfasst und eine knappe Beschreibung der Bauten, sowie der vornehm-
sten darin enthaltenen Kunst- und Alterthumsdenkmaler enthalt. Es ist, wie
alles Menschenwerk, nicht einwandsfrei, aber ein Wurf, mit dem die histori-
sche und antiquarische Forschung wohl bleibend rechnen wird. Warum es
in der begonnenen Form schon mit dem dritten Hefte schloss, ist eine Frage,
die sich aus den Betrachtungen liber das Verhaltniss des »Marktes« zu den
idealen Bestrebungen erhebt. Eine Fortsetzung hat N. aber doch erlebt; sie
ist fiir den Rest des Ziircherischen Theiles und der einschl&gigen Dekanate
in dem ftinffcrtigen »Geschichtsfreunde« und die den Aargau betreffende Sparte
in der »Argovia« erschienen und das Abendgold gewesen, an dem sich der treue
Forscher sonnen durfte.
Anderes hatte er schon frilher geschenkt, Abhandlungen liber die Lepro-
senhauser im Canton Ztirich und die schweizerischen Letzinen, welche die
♦Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Ztirich « brachten, reiche Bei-
trage zu der neuen Auflage von Vogelin's »altem Ztirich* und solche zur
Glockenkunde, die, je nach den Kantonen, aus welchen sie stammten, in den
betrefFenden Vereinspublikationen und dem »Bollettino storico della Svizzera
italiana* erschienen.
Und mit solchen Verftffentlichungen ging unausgesetzt der Ausbau seiner
Collectaneen Hand in Hand. So kam eine Quelle zu Stande, aus welcher
Bachlein auf Bachlein lief. Wer immer die Geschichte einer Gemeinde, einer
Burg, oder Kirche schrieb, der sprach zuerst bei N. vor, der seinerseits
gerne empfing, aber ebenso freigebig und neidlos schenkte. Seine Liberalitat
in wissenschaftlichen Spenden kannte keine Grenzen, wenn er nur Ernst und
braves Wollen sah. Und ganz in diesem Sinne hat er dann auch liber seinen
Nachlass verfiigt; einen offentlichen und zuganglichen Gewahrsam werden seine
Aufzeichnungen finden ; die Freude an dem Werden und Wachsen des Schwei-
zerischen Landesmuseums hat ihn bestimmt, dieser Anstalt seine reiche Samm-
lung von Zeichnungen, eine Auswahl von Blichern nach Belieben und kost-
bare Glasgemalde zu vermachen.
Wer m6chte zweifeln, dass ein solcher Hliter keine Feinde hatte und wo
er hinkam, zu den Willkommenen gehorte. Ganz besonders in dem »histori-
schen Verein der flinf Orte« hat sich N. daheim geftihlt. Hier traf er mit
denen zusammen, die seine stancligen Correspondenten waren, geistlichen
Herren zumeist, unter denen die seligen Chorherren Ltitolf, Aebi, Rohrer und
der edle Bischof Friedrich Fiala zu seinen Vertrauten zahlten. Und ebenso
Treffliche hat er unter den Vertretern seines Bekenntnisses gepflegt: Pupikofer,
Morikofer und Sulzberger sind Manner, deren Namen sich Blatt flir Blatt in
seinen Collectaneen finden und mit denen er auch personlich auf nahem Fusse
stand. Wer immer sein Haus am Thalacker besuchte, war freundlicher Auf-
nahme gewiss. Ich hore noch die helle Stimme und den Ausruf freudigen
Willkommens, womit er die jeweiligen Berichte liber meine Fahrten und ihre
Ergebnisse empfing.
Seit dem Jahre 1847 hatte er ein zweites Heim bezogen, das neue Land-
gut auf dem Homberge, das im »Amt« zwischen Rifferschwil und Mettmen-
stetten liegt, und wo er nun jeweilig seine Sommerfrische genoss. Hier hat
neben dem Antiquar der Naturfreund gehaust. So lange N. im Amte stand,
pflegte er jeweilig Samstag Abends nach dem wohl vier Stunden von Ztirich
entfernten Tusculum zu pilgern und wieder zu Fuss den Heimweg zu machen.
Biogr. Jabrb. a. DeuUcber Nekrolog. 9. Bd. 3
34
Ntischeler. Auerbach.
Erst als ihm das Alter den Ruhestand vergonnte, ist der Homberg sein blei-
bendes Sommerquartier geworden, von dem er aber unentwegt seine Marsche
unternahm. An die vierzig Mai ist er von hier auf den Rigi gewandert; kein
Pfad weitherum blieb unbegangen und als Botaniker kannte er sich uber alle
Specialitaten aus. Auf dem Homberg selber legte er eine Pflanzung auslan-
discher Seltenheiten an, auf die er sich ebenso stolz wie auf die unvergleich-
liche Fernsicht berief. Eine schonere Warte als sein Studierzimmer hatte es
auch nicht geben konnen, aus dem man vom Santis bis zum Stockhorn sieht,
und so recht dem Verfasser der »Gotteshauser« war es angethan, dass er von
hier auf 24 Kirch thlirme blicken konnte. Den Freunden ist der Homberg
ein offenes Haus gewesen und als sein Erbauer die Krafte wanken ftihlte, da
hat er, noch geraume Zeit vor seinem Lebensende, den traulichen Sitz seinen
Neffen und Nichten geschenkt.
Die letzten Jahre sind ihm eine Zeit des schweren Duldens gewesen,
Gehor und Auge versagten den Dienst; der bisher Unermiidliche war zum
Feiern gezwungen. Er hat aber standhaft die Prufung ertragen und, welche
Anstrengung die immer selteneren Besuche ihm machten, doch ab und zu
eine helle Theilnahme an dem gezeigt, was vordem sein Herz so warm und
tief bewegte. Im Juni 1888 hatte er, noch vollkraftig an Leib und Seele,
sein goldenes Hochzeitsfest begangen, und der Gattin, Katharina Usteri, blieb
es beschieden, seiner hingebend und tapfer bis zu dem Stundlein zu warten,
das unerbittlich einem treuen Herzensbunde schlug.
J. R. Rahn.
Auerbach, Leopold A., Universitatsprofessor der allgemeinen Biologie,
besonders der Gewebelehre, in Breslau, * am 27. April 1828 daselbst, f am
1. October 1897 ebenda. — A. studirte in seiner Vaterstadt, in Leipzig und
Berlin und erlangte 1849 die Doctorwiirde. Darauf liess er sich 1850 als Arzt
in Breslau nieder und widmete sich hier neben seiner praktischen Thatigkeit
dem Specialstudium der Histologic auf Anregung und unter Leitung seines
Lehrers Purkinje, sowie der Bearbeitung neuropathologischer Themata. 1863
habilitirte er sich als Privatdocent, 1872 wurde er zum Extraordinarius er-
nannt und war in dieser Stellung bis zu seinem Lebensende thatig. Seine
zahlreichen Arbeiten bewegen sich auf den Gebieten der Anatomie bezw.
Histologic, Physiologie, Embryologie und allgemeinen Biologie. Eine seiner
ersten Veroffentlichungen war eine Abhandlung »uber psychische Thatig-
keiten des Riickenmarks« (in Gunsburg's Zeitschr. f. Med. IV. 1853). 1855
folgte die grundlegende Untersuchung uber die Einzelligkeit der Amdben.
Weitere Arbeiten A.'s sind betitelt: »Ueber die Erscheinungen bei ortlicher
Muskelreizung* (Abhandl. d. schles. Ges. f. vaterl. Cultur 1861 S. 291 bis
326); »Ueber Percussion der Muskeln« (Zeitschr. f. rat. Med. 1862); »Bau der
Blut- und Lymphcapillaren<( (Centralbl. f. d. med. Wissensch. 1865); »Lymph-
gefasse des Darms« (Virchow's Archiv XXXIII. 1865); »Wahre Muskel-
hypertrophie« (ebenda 1871), ferner Studien zur Mechanik des Saugens
und der Inspiration und andere kleinere Abhandlungen in der Zeitschr. f. wiss.
Zool., in Reichert-Du Bois' Archiv, in den Verhandl. der Berl. Med. Gesellsch.,
in den »Beitragen zur Biologie der Pflanzen« herausg. von Ferd. Cohn u. A.
Dazu kommen die selbstandig erschienenen Schriften: »Ueber einen Plexus
myentericus« (Breslau 1862) und »Organologische Studien« (ebenda 1874 Heft 1
und 2); letztere enthalten Untersuchungen uber Bau, chemische Reactionen
Auerbach. AJbedyll. * 5
und Lebensgeschichte der Zellkerne und iiber die ersten Entwickelungsvor-
gange im befruchteten Ei.
Biogr. Lex. hervorr. Aerzte I, S. 226,
Pagel.
Albedyll, Emil von, Koniglich Preussischer General der Kavallerie, * am
1. April 1824 zu Liebenow, Kreis Arnswalde in der Neumark, f am i3.Juni
1897 zu Potsdam. — v. A. trat am 10. April 1841 beim 2. Ktirassier-Regimente
zu Pasewalk in den Dienst, wurde am 9. Mai 1843 Seconde-, am 11. November
1854 Premier-Lieutenant und am 25, Mai 1858 Rittmeister. Nachdem er im
Jahre 1848 Regiments-Adjutant geworden war, als solcher den Feldzug vom
Jahre 1848 gegen D&nemark mitgemacht und von 1856 — 1859 eine Landwehr-
Eskadron geflihrt hatte, alsdann Adjutant der 7. Division in Magdeburg ge-
wesen war, wurde er am 22. April 1862 zur Abtheilung fiir die persSnlichen
Angelegenheiten im Kriegsministerium kommandirt und gelangte damit in
einen Wirkungskreis, in welchem er langer als fiinfundzwanzig Jahre hindurch
in den verschiedensten Stellungen th&tig gewesen ist. Eine grosse Menschen-,
sowie eine ausgebreitete Personalkenntniss, ein vorzligliches Gedachtniss und
eine ungewfthnliche Arbeitskraft, ein lebhaftes Gefiihl fiir Recht und Unpartei-
lichkeit, gepaart mit Wohlwollen, einnehmenden Formen und einem vortheil-
haften Aeusseren, machten ihn ftir die Verwendung in diesem hochwicbtigen,
umfangreichen Geschaftsbetriebe ganz besonders geeignet. Schon in den
Jahren 1866 und 1867 war die Vertheilung des Zuwachses an Offizieren,
welcher auf der Gebietserweiterung Preussens, der Begrlindung des Nord-
deutschen Bundes und den abgeschlossenen Militarconventionen beruhte, vor-
wiegend sein Werk gewesen; nachdem er am 26. Februar 187 1 an die Spitze
der Abtheilung und ein Jahr darauf auch des bis dahin formell von jener
Abtheilung getrennt gewesenen Militarkabinets getreten war, nahmen die dem
Chef desselben obliegenden Arbeiten einen stets wachsenden Umfang an; die
Dienste, welche v. A, als solcher leistete, waren so werthvoll, dass Kaiser
Wilhelm I. seinen bewahrten Mitarbeiter nicht entbehren zu kOnnen glaubte,
Um A.'s Verbleiben in der Stellung zu ermoglichen, wurde, als im M&rz 1 883
General Bronsart von Schellendorf L, welcher jlinger war als v. A., an die
Spitze des Kriegsministeriums trat, das Militarkabinet von diesem ganz ge-
trennt. Als Kaiser Wilhelm II. die Regierung iibernommen hatte, wurde
v. A., welcher inzwischen zum General der Kavallerie aufgestiegen war, am
7. August 1888 zum kommandirenden General des VII. Armeekorps ernannt,
welches er im nachstfolgenden Jahre bei den alsdajin abgehaltenen Kaiser-
manovern seinem Kriegsherrn vorflihren durfte. Am 3. Juni 1893 wurde er
in Genehmigung seines Abschiedsgesuches mit Pension zur Disposition ge-
stellt. Im Frontdienste war General v. A., abgesehen von einer 1869 statt-
gehabten dreimonatlichen Kommandirung zur Fiihrung des 7. Klirassier-
Regiments, seit dem Jahre 1859 ™cht verwendet gewesen; die Feldzilge von
1866 und von 1870/71 hatte er im Grossen Hauptquartiere mitgemacht. —
Den Rest seiner Tage verlebte er zu Potsdam. — An &usseren Ehren hat es
dem General von A. nicht gefehlt. So war ihm gelegentlich der Feier seines
flinfzigjahrigen Dienstjubil&ums der Schwarze Adlerorden verliehen, zu wel-
chem er bei seinem Ausscheiden die Brillanten empfing. Auch war er im
Genusse einer Domherrenstelle zu Brandenburg.
B. Poten.
* 6 Althaus. Davidsohn.
Althaus, Friedrich, Schriftsteller, * am 14. Mai 1829 zu Detmold, f am
7. Juli 1897 zu London. — Sein Vater war Generalsuperintendent in Detmold.
Der Sohn machte seine Studien in Bonn und Berlin und erwarb sich in letzt-
genannter Stadt die DoktorwUrde und die Freundschaft Alexander von Hum-
boldt's. Mit Empfehlungen dieses grossen Gelehrten ging er 1853 nach Eng-
land, wo er seitdem als Lehrer und Schriftsteller gelebt und auch seine letzte
Ruhestatte gefunden hat. Als Lehrer bekleidete er eine Stelle an der konig-
lichen Militar-Akademie in Woolwich und seit 1874 eine Professur fur deut-
sche Sprache und Literatur am University College, examinirte auch in dem-
selben Fache viele Jahre an der » University of London*. Daneben war er als
Examinator thatig ftir den indischen Civil-Staatsdienst, ftir die Prttfungen des
Ministeriums der auswartigen Angelegenheiten, ftir die des Kriegsministeriums
und anderer Behorden. Als Schriftsteller arbeitete A. ausschliesslich in deut-
scher Sprache. Er schrieb eine Anzahl Artikel iiber englische Gegenstande
flir drei Auflagen de£ Brockhaus'schen Conversations-Lexikons, zahlreiche
Essays ilber politische, literarische und sociale Fragen in England filr die
besten deutschen Zeitschriften und Zeitungen und flir den »Neuen Plutarch*
(Brockhaus) die Biographien von Fox, Nelson, Lord Russel und Disraeli. Er
war einer der besten Kenner Englands, seiner Institutionen, seiner Staats-
manner und des Charakters des Volkes, und sein bestandiges Bestreben ging
dahin, eine rechte Schatzung Englands und englischer Dinge unter seinen
Landsleuten zu verbreiten. Zeuge dessen sind seine »Englischen Charakterbilderc
(II, 1869 — 1870). Ausserdem gab er heraus »Briefwechsel und Gesprache
Alexander von Humboldt's mit einem jungen Freunde« (1869); » Samuel
Hartlib, ein deutsch-englisches Charakterbild« (1883); e*ne Biographie seines
Bruders, »Theodor Althaus, ein Lebensbild« (1888), endlich die »R6mischen
Tagebticher« seines alten Freundes Ferdinand Gregorovius (1892). Unter
seinen Uebersetzungen ist hervorzuheben »Das Leben von Dickens von J.
Forster« (III, i872ff.). SchliessUch muss noch erwahnt werden, dass A. im
Auftrage des Prinzgemahls der KOnigin von England im Londoner Buckingham
Palaste wahrend der Jahre 1856 — 64 eine Sammlung von etwa 60000 Stichen
von historischen Portraits aller Zeiten und aller Nationen ordnete und den
Katalog liber die Ausstellung von National-Portraits in South Kensington 1868
zusammenstellte.
The illustrated London News v. 17. Juli 1897.
Franz Brtimmer.
Davidsohn, George, Redacteur, * am 19. December 1835 in Danzig, f am
6. Februar 1897 zu Berlin. — Ursprilnglich fti* den Beruf eines Kauftnanns
bestimmt, trat er nach Absolvirung der Petrischule seiner Vaterstadt in ein
dortiges Getreidegeschaft als Lehrling ein, war nach beendeter Lehrzeit bei
einer grossen Speditionsfirma in Konigsberg i. Pr. beschaftigt und ging 1856
nach Berlin, wo er zunachst sich als Berichterstatter tiber Vorgange im wirth-
schaftlichen Leben flir verschiedene Zeitungen bethatigte. Im Jahre i860 trat
er in die Redaction der »Berliner B6rsenzeitung« ; wenn auch vorwiegend ftir
den Handelstheil derselben verwendet, fand er doch auch bald Gelegenheit,
seine feuilletonistische Begabung in der von ihm begriindeten Wochenbeilage
zu dieser Zeitung, »Die Borse des Lebens« zur Geltung zu bringen. Im
Jahre 1868 schuf er den »Berliner B6rsen-Courier« und leitete denselben,
auch nachdem dieser 1884 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden,
Davidsohn. Schepss. 3 7
bis zu seinem Tode als Chefredacteur. Er war der erste, der in der Berliner
Presse ftir Richard Wagner und seine Werke eintrat, der auch zu den Be-
griindern des ersten Berliner Wagnervereins gehorte und spater lebhaft ftir das
Bayreuther Unternehmen agitirte.
Richard Wrede und Hans von Reinfels: Das geistige Berlin. I. Band. Berlin 1897,
Seite 64.
Franz Brtimmer.
Schepss, Georg, Gymnasialprofessor, * am 26. December 1852 zu Schwein-
furt, f am 4. September 1897 zu Speier. — Einer evangelischen Kaufmanns-
familie entstammend, besuchte der reich talentirte, nach dem frtihzeitigen Tode
des Vaters von der Mutter mit zartlicher Fiirsorge behtitete Knabe das Gym-
nasium seiner Vaterstadt, deren sammtliche Klassen er als Primus absolvirte.
Die schon frlihzeitig hervortretende Vorliebe des Knaben ftir das Studium des
klassischen Alterthums wurde wohl wesentlich vertieft durch den Einfluss des
als Lehrer und Philosoph gleich bedeutenden ehrwtirdigen Prof. Carl Bayer, der
damals am Schweinfurter Gymnasium wirkte, und dessen entziickender Enthu-
siasmus fiir die Antike auch seine Schliler mitfortriss. Der hochgestimmte
Idealismus jener Schweinfurter Jugendjahre und eine nicht geringe poetische
Begabung kam in einer reichen Ftille von lyrischen Dichtungen, die nur zum
kleinen Theile ihren Weg in die Oeffentlichkeit fanden, zum Ausdruck. Im
Herbst 1871 bezog Sch. die Universitat Erlangen, an der er sich historischen
und klassisch-philologischen Studien widmete, ohne dass er jedoch als be-
geisterter Burschenschafter, der er zeitlebens blieb, dem poetischen Reize des
studentischen Lebens sich verschloss. Zu Ostern 1873 siedelte er, einem
patriotischen Herzenszuge folgend, an die neugegrilndete Universitat Strassburg
tiber, wo er besonders eng an Studemund sich anschloss und im Winter 1875
promovirte. Im Sommer 1875 studirte er in Mllnchen, legte im Herbste
dieses Jahres dort sein philologisches Staatsexamen ab und fand seine erste
Anstellung als Assistent am Gymnasium zu Ansbach. Im October 1876 zum
Studienlehrer an der Lateinschule zu Dinkelsblihl in Mittelfranken ernannt,
fiihrte er dort die Jugendgeliebte heim. Die eifrigen handschriftlichen Stu-
dien an der benachbarten ftlrstlich Oettingen-Wallersteinischen Bibliothek in
Maihingen, denen er wahrend seines vierjahrigen Aufenthaltes in der kleinen
ehemaligen Reichsstadt nachging, sind von bestimmendem Einflusse auf Sch.'s
ganze spatere schriftstellerische Thatigkeit geworden. Auch um die Erhaltung
und Ordnung des bislang arg verwahrlosten stadtischen Archivs von Dinkels-
blihl hat Sch. sich bleibende Verdienste erworben. Seine im Jahre 1880 er-
folgte Versetzung nach Wtirzburg brachte neben einer vielseitigeren und an-
regenderen Berufsthatigkeit seinen wissenschaftlichen Studien durch die sich
ankniipfenden mannichfachen Beziehungen zum Universitatskreise, namentlich
aber durch die Gelegenheit, so manchen handschriftlichen Schatz der dortigen
Universitatsbibliothek zu heben, reiche FSrderung. Der ihm nahegelegte
Uebertritt in die akademische Laufbahn, fUr die Sch. ohne Frage so ganz
berufen war, ist von ihm leider nur vortibergehend erwogen worden. Das
Jahr 1890 brachte seine Ernennung zum Gymnasialprofessor in Speier, wo er
mit reichem Erfolge im Lehrberufe wie als Forscher sieben Jahre hindurch
gewirkt hat. Nachdem Sch. noch im Herbst 1896 durch seine Berufung als
Priifungskommissar ftir das philologische Specialexamen ausgezeichnet worden
war, wurde er mitten in weit aussehenden wissenschaftlichen Unternehmungen
38 Schepss.
durch ein bosartiges Leber- und Darmleiden, das wohl schon langer unbe-
achtet an seiner Lebenskraft gezehrt, und gegen das er in heldenhafter Er-
fullung seiner Berufspflichten bis zuletzt ankampfte, aus einem hochst gltick-
lichen Familienleben am 4. September 1897 dahingerafft.
In seiner ersten literarischen Arbeit, der 1876 erschienenen Strassburger
Inauguraldissertation *De so/oecismot, hatte Sch. ein seinen Neigungen wohl
nur wenig zusagendes Thema aus der Geschichte der Grammatik der klassi-
schen Sprachen behandelt. Durch die von Dinkelsbiihl aus mit rastlosem
Eifer betriebene Durchforschung der Maihinger Bibliothek wurde sein Inter-
esse auf die Denkmaler und die Geschichte der rfimischen, vorwiegend aber
der spatlateinischen, mittelalterlichen und humanistischen Literatur gelenkt,
die ihn fortan dauernd an sich gefesselt hat. Die ersten Frtichte seiner Mai-
hinger Handschriften-Studien legte er in den Jahrgangen 1878 — 80 des »An-
zeigers fur Kunde der Deutschen VorzeiU in einer reichen Ftille von Auf-
satzen und kleineren Mittheilungen zur Geschichte der neulateinischen Dich-
tung, zur Volkskunde, Gelehrten-, Kirchen- und Kultur-Geschichte des Mittel-
alters nieder. Werthvolle Beitrage zur Handschriften-Kunde der klassischen
Autoren, namentlich des Sallust, Cicero, Terenz, Juvenal, Seneca und ihrer
Commentatoren, aber auch zur Geschichte des Humanismus sind in Sch.'s
zwei Dinkelsbtihler Programmen (Zwei Maihinger Handschriften, 1878; Sechs
Maihinger Handschriften, 1879) enthalten. Von den in Fachzeitschriften er-
schienenen Abhandlungen aus dieser Zeit ist die wichtige Studie tiber den
Plautuscommentator Antonius von Palermo (Blatter f. bayer. Gymn.- u. Real-
Schulw. XVI, 1880, S. 97 — 105), sowie die Veroffentlichung eines dem 15. Jahr-
hundert angehorenden Traktates tiber die Pest (Deutsches Archiv f. Gesch. d.
Medicin, Bd. HI, 1880, S. 348 — 356) hervorzuheben. Den Schriften des
Boethius, dem fortan der beste Theil von Sch.'s literarischer Lebensarbeit ge-
widmet sein sollte, wandte er sich 1881 mit den » Handschriften-Studien zu
Boethius de consolation? philosophise 1 (Wtirzburger Gymnasialprogramm, 1881)
zu. Unter Heranziehung bisher (iberhaupt nicht oder ungentigend verwertheter
Handschriften wurde hier die Nothwendigkeit einer neuen Gestaltung des
Textes jener Schrift dargethan, wahrend zugleich auch die Literaturgeschichte
des frtihen Mittelalters durch eine Reihe scharfsinniger Beobachtungen und
Combinational reiche Forderung erfuhr. Eine neue Quelle ftir die allgemeine
und speciell die frankische Gelehrten- und Schulgeschichte des 15. Jahrhun-
derts erschloss Sch. in den von ihm mit wahrem Bienenfleiss commentirten
»Colloquia de scholis Herbipolensibus* des Magisters Petrus Popon (Wtirzburg,
1882), denen er eine Ausgabe der interessanten Gedichte jenes bisher unbe-
kannt gebliebenen Humanisten folgen Hess (Archiv des hist. Ver. von Unter-
franken und Aschaffenburg, Bd. 27, 1884, S. 277 — 305). Die in der Folge
in zahlreichen Zeitschriften-Artikeln fortgesetzten Boethius-Studien Sch.'s hatten
unterdessen der Kirchenvater-Commission der Wiener Akademie Veranlassung
gegeben, Sch. mit der Ausgabe der Schriften des Boethius fiir das » Corpus «
der lateinischen Kirchenvater zu betrauen; der Vorbereitung dieser Ausgabe
dienten Reisen nach Paris und Mtinchen, die Sch. in den Jahren 1884 und
1885 zum Studium der dortigen Handschriften unternahm. Der feurige Eifer,
mit dem sich Sch. seit seiner Uebersiedelung nach Wtirzburg der Durch-
forschung der dortigen Handschriften gewidmet hatte — u. A. fertigte er 1884
ftir die Wiener Kirchenvater-Commission einen Katalog der Wtirzburger pa-
tristischen Handschriften und arbeitete 1886 ftir den von der Bibliothek-
Schepss. Berlin. 30
verwaJtung vorbereiteten Handschriftenkatalog die sammtlichen dortigen Per-
gamenthandschriften durch — sollte durch eine von Sch. im Jahre 1885
gemachte Entdeckung glanzend gelohnt werden: in einer Handschrift des
5-/6. Jahrhunderts wurde von Sch. ein guter Theil der verloren geglaubten
literarischen Hinterlassenschaft des spanischen Bischofs Priscillianus entdeckt,
der 385 in Trier als Haupt einer ketzerischen Sekte hingerichtet wurde. Dem
ausserordentliches Aufsehen machenden ersten Berichte ilber seine Entdeckung
(Priscillian, ein neu aufgefundener lateinischer Schriftsteller des 4. Jahrhunderts.
Wiirzburg, 1886) liess Sch. im Jahre 1889 im 18. Bande des > Corpus scriptorum
ecclesiasticorum Latinorumt seine Ausgabe des Priscillianus folgen, die von
der Kritik einstimmig als ein Muster philologischer Akribie bezeichnet wurde
und der Ausgangspunkt ftir eine von Jahr zu Jahr sich mehrende Literatur tiber
die religiose Stellung des spanischen Ketzers und die kirchengeschichtliche
Bedeutung des Priscillianismus geworden ist. Von Sch.'s weiteren literarischen
Entdeckungen aus der WUrzburger Zeit erwahnen wir hier noch die Veroffent-
lichung von Ph. J. Hamerer's Heldengedicht tiber den Schmalkaldischen Krieg
(Neues Archiv f. Sachs. Gesch. Bd. V, S. 239 — 259), einen wrichtigen hand-
schriftlichen Fund zu Cicero's Briefen (Blatter f. bayer. Gymn.-Wesen XX,
1884, S. 7 — 15) und die erstmalige Herausgabe der, wie es scheint, altesten
mittelalterlichen Literaturgeschichte, des *Dialogus super auc tores sive dida-
scalom des Konrad von Hirschau (Wlirzb. Gymnas.-Progr. 1889). Um die
Textkritik der neutestamentlichen Schriften machte sich die Schrift tiber »die
altesten Evangelienhandschriften der "Wiirzburger Universitatsbibliothek« (Wtirz-
burg, 1887) sehr verdient, in der Sch. auf die in einer Reihe alter Wiirzburger
Handschriften vorliegenden Spuren einer vorhieronymianischen lateinischen
Uebersetzung der Evangelien erstmals hinwies. In den letzten Lebensjahren
wurde Sch. durch die Vorbereitung seiner Ausgabe des Boethius mehr und
mehr in Anspruch genommen, neben der er jedoch immer noch Zeit ftir eine
lange Reihe von gehaltvollen Beitragen, vorwiegend zur lateinischen Lexico-
graphic und zur Geschichte der spatlateinischen und patristischen Literatur
gefunden hat. Schon schwer krank, brachte er durch eine geradezu heroische
Arbeitsleistung noch vor dem volligen Zusammenbruch seiner Krafte im Som-
mer 1897 den ersten Band seiner Boethius -Ausgabe nahezu zum Abschluss,
so dass derselbe von Freundeshand in Kurzem wird fertig gestellt und ver-
offentlicht werden kfcnnen.
Die Wissenschaft verliert in Sch. einen Forscher, der ein seltenes Maass
von Scharfeinn und Combinationsgabe mit einem rastlosen und eisernen Fleisse
und umfassendster Gelehrsamkeit verband, die Schule einen pflichtgetreuen
und erfolgreich wirkenden Lehrer. Die Lauterkeit seines Charakters, seine
bei alien Erfolgen gleichbleibende Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, sein
wohlwollender, freundlicher Sinn und die ihn erflillende feurige Vaterlands-
liebe werden dem ehrenfesten Manne in alien Kreisen, zu denen er in Be-
ziehung trat, ein ehrendes Andenken sichern.
Vcrgl. den Nekrolog im Archiv fllr lateinische Lexicograpbie u. Grammatik, Bd. X
(1897/98), S. 570 f., sowie den von S. Brandt zu erwartenden Nekrolog in Bursians Bio-
graphiscbem Jabrbucb der Altertbumskunde, Jahrg. 1898, wo auch ein Verzeicbniss von
Scb/s zahlreichen, in Zeitschriften verstreuten, kleineren Arbeiten zu findcn sein wird.
Herman Haupt.
Berlin, Rudolf, Universitatsprofessor der Augenheilkunde in Rostock,
* 2. Mai 1833 zu Friedland in Mecklenburg-Strelitz, f 12. September 1897 in
4<> Berlin. Boer.
Rostock. — B. studirte in G6ttingen, Wlirzburg, Erlangen und Berlin. Nachdem
er am 8. August 1858 in Erlangen mit einer Arbeit zur Structurlehre der
Gehimoberfl&che die Doctorwlirde erworben und die Approbation als Arzt
erlangt hatte, trat er als Hilfsarzt in die Augenheilanstalt von Arnold Pagen-
stecher in Wiesbaden ein. Darauf war B. einige Zeit Assistent an der chirur-
gischen Universitatsklinik in Tubingen unter Paul Victor von Bruns. 1861
Hess er sich als Arzt in Stuttgart nieder und widmete sich hier neben der
allgemeinen Praxis noch besonders der Augenheilkunde, Er grtindete eine
Privat- Augenheilanstalt und erlangte 1875 die Stellung als Docent fiir ver-
gleichende Augenheilkunde an der thierarztlichen Hochschule in Stuttgart.
Von hier aus folgte er 1890 dem Ruf als ordentlicher Professor seines Spe-
zialfachs an Stelle des emeritirten Professors Zehender nach Rostock, wo er
bis zu seinem Lebensende wirkte. B. hat sich urn die Pflege und Ausbildung
der Augenheilkunde in wissenschaftlicher und praktischer Beziehung mannig-
fache Verdienste erworben. Vor aJlem kommt ihm an Bau und Einrichtung
der neuen Universitatsaugenklinik in Rostock ein erheblicher Antheil zu.
Ferner rllhrt von ihm eine neue Methode zur Operation des Entropium her.
Er publicirte ausserdem zahlreiche casuistische Beobachtungen tlber Erkran-
kungen der Orbita, liber Ver&nderungen am Sehorgan nach Schadeltraumen
(unter besonderer Berlicksichtigung der pathologisch-anatomischen Verh<nisse),
liber Erschlitterung der Netzhaut, liber Weg und Verhalten der Fremdkorper
im Glaskorper, ferner Aufsatze Uber Anatomie und Pathologic der Thrarien-
drlise, tiber den anatomischen Zusammenhang zwischen Entziindungen im
Augapfel und im Gehirn, liber Sinusthrombose, liber die Lehre vom Astigma-
tismus, experimen telle Untersuchungen liber die Folgen der Sehnervendurch-
schneidung. Bemerkenswerth ist noch eine Reihe von Arbeiten B.'s zur ver-
gleichenden Augenheilkunde, wie: liber die physikalisch-optischen Erschei-
nungen des Pferdeauges, den Augenhintergrund des Pferdes, Netzhautabldsung
beim Thier, Geschwlilste, Staar etc. am Thierauge, Schatzung von Entfernungen
bei Thieren; ausserdem verfasste B. Studien liber die Hygiene des Schreibens
und die Physiologie der Handschrift. — B. war librigens mit dem bekannten
Afrikaforscher und Reisenden Gustav Nachtigal innig befreundet, tiber welchen
B.'s Gattin Dorothea B. »Erinnerungen« verttffentlicht hat.
Biogr. Lex. hervorr. Aerzte I, S. 414; Voss. Ztg. 15. September 1897,
Pagel.
Boer, Oscar, Arzt und Hofarzt in Berlin, * 1847 daselbst, f am 11. Juli
1897 ebenda. — B. besuchte das Friedrich-Werdersche Gymnasium seiner
Vaterstadt und machte von 1868 bis 1873 in Berlin und Wlirzburg die me-
dicinischen Studien, die durch seine Theilnahme am Feldzuge von 1870/71
unterbrochen wurden. Nach Beendigung derselben Hess er sich in Berlin als
Arzt nieder, erlangte 1874 die Stellung als »Hofarzt«, die er bis zu seinem
Lebensende bekleidete. B., der durch den Sanitatsraths- und Professortitel
ausgezeichnet wurde, hat sich besonders in seinen letzten Lebensjahren der
wissenschaftlichen Arbeit gewidmet und durch seinen Antheil an den For-
schungen im Koch'schen Institut verdient gemacht. Namentlich die Behring'-
schen Studien liber Immunitat und Serumtherapie half er nach Kraften im
Verein mit Ehrlich, Brieger und Wassermann ausbauen und durch kleine,
nicht unwichtige Einzelheiten erweitem. Unter anderem publicirte er eine
Experimentaluntersuchung Uber die Fahigkeit verschiedener chemischer Mittel,
Boer. Prinz Wilhelm von Baden. 41
die Bacillen von Typhus, Diphtherie, Erysipelas, Milzbrand und Cholera zu
beeinflussen, Studien iiber die quantitative Bestimmung des Diphtherie- Anti-
toxins, im Verein mit Behring tiber die Jodtrichloridanwendung bei ktinstlich
hervorgerufener Diphtherie, ferner iiber die Reindarstellung der Toxine der
Diphtherie und des Tetanus (zusammen mit Brieger). — Die meisten dieser
Abhandlungen erschienen als Aufsatze in der »Zeitschrift fiir Hygiene« und
in der » Deutschen medicinischen Wochenschrift*.
Voss. Ztg. 13. Juli 1897. Pag el.
Baden, Ludwig Wilhelm August, Prinz von, * am 18. December 1829
zu Karlsruhe, f am 27. April 1897 ebenda. — B. war der nachstalteste Bruder
des regierenden Grossherzogs Friedrich, ist besonders militarisch hervorgetreten,
aber auch dem politischen Leben nicht fern geblieben. Seine soldatischen
Lehrjahre verlebte er im preussischen Dienste, in welchem er Ende 1849 seine
Laufbahn beim 1. Garde-Regiment zu Fuss in Potsdam begann, aber schon
1853 zur Gardeartillerie in Berlin tiberging. Nach verschiedenartiger Ver-
wendung innerhalb dieser Truppe schied er zehn Jahre spater vorlaufig aus
demselben, indem er am 12. Mai 1863 von seinem Verhaltnisse als Oberst
und Kommandeur der Gardeartilleriebrigade entbunden und als Generalmajor
k la suite der Armee gestellt wurde. Am 11. Februar d. J. hatte er sich zu
St. Petersburg mit Maria Maximilianowna Prinzessin Romanowskaja, einer
Tochter des Herzogs Maximilian von Leuchtenberg und dessen Gemahlin,
einer Tochter Czar Nikolaus* I., vermahlt. — Das Jahr 1866 machte den
Namen des Prinzen Wilhelm in weiten Kreisen bekannt. Im November 1865
mit dem Oberbefehle tiber das Badische Bundescontingent bekleidet, hatte er
dieses im Sommer des nachsten Jahres als die 2. Division des Vffi. Bundes-
Armeekorps unter. Prinz Alexander von Hessen gegen Preussen in das Feld
zu fiihren. Es waren n 000 Mann mit 3200 Pferden, welche sich am unteren
Main sammelten, anfangs die linke Flankendeckung der durch den Vogels--
berg gegen Fulda rtlckenden siiddeutschen Streitmacht bildeten, dann mit
jenem Armeekorps auf Frankfurt zuriickgingen und erst bei Ausfiihrung des
zur Vereinigung mit den Bayern unternommenen Marsches durch den Oden-
wald am 23. Juli bei Hundheim, am 24. bei Werbach, am 25. bei Gerchs-
heim zu unbedeutenden Gefechten kamen. Schon am 31. erklarte der Gross-
herzog seinen Austritt aus dem Deutschen Bunde, rief seine Truppen zurtick,
machte am 17. August Frieden mit Preussen und schloss sich letzterem eng
an. Diese Schritte sowohl, wie das gesammte Verhalten der Badischen Divi-
sion und ihres Fiihrers wahrend des Feldzuges, gaben der ihnen verbtindet
gewesenen Partei Veranlassung zu heftigen Vorwtirfen und Anklagen, denen
eine in Stuttgart erschienene Schrift »Aktenmassige und interessante Enthiil-
lungen iiber den badischen Verrath an den Deutschen Bundestruppen« scharfen
Ausdruck gab; Prinz Wilhelm antwortete darauf durch die Veroffentlichung
einer Gegenschrift unter dem Titel »Zur Beurtheilung des Verhaltens der
Badischen Felddivision im Kriege i866« (Darmstadt 1866). — Am 31. Decem-
ber 1 866 wurde dem Prinzen der Charakter als preussischer Generallieutenant
verliehen; er schied aber aus seiner Stellung als Oberbefehlshaber der badi-
schen Truppen, als an ihre Spitze der preussische General von Beyer trat,
welcher berufen wurde bei der Division alle diejenigen Einrichtungen zu
trefFen, welche ihr noch fehlten, um eine vollstandige Gleichstellung mit dem
zum Muster genommenen preussischen Vorbilde herbeizufuhren.
42
Prinz Wilhelm von Baden, des B aires.
Als der Krieg des Jahres 1870 gegen Frankreich ausbrach, war Prinz
Wilhelm ohne Kommando. Erst Mitte October wurde ein solches filr ihn frei.
Es war das der 1. Infanterie-Brigade. Am 22. d. M. konnte er an der Spitze
derselben sich an den Gefechten betheiligen, welche zum Gewinne der Linie
des Ognon fiihrten, am 27, hatte er beim Vorgehen gegen die Sadne ein
weiteres Gefecht zu bestehen, am 30. nahm er wesentlichen Antheil an dem
freilich erst am nachsten Tage ohne Anwendung von Waffengewalt zum Ziele
fuhrenden Angriffe auf Dijon, spaterhin an den die Zeit bis zur Mitte des
December ausfiillenden Unternehmungen des kleinen Krieges, dann aber wurde
er am 18. d. M, im Gefechte von Nuits, noch bevor dieses zu Gunsten der
deutschen Waffen entschieden war, so schwer verwundet, dass er den ferneren
Ereignissen auf dem Kriegsschauplatze fern bleiben musste. Er brachte aber
beide Klassen des Eisernen Kreuzes in die Heimath zurtick. — Als am 1 . Juli
1 87 1 die Badische Division und mit ihr Prinz Wilhelm in den Verband der
preussischen Armee traten, ward der letztere zum Chef des 4. Badischen In-
fanterie-Regiments Nr. 112 ernannt und am 22. Marz 1873 zum General der
Infanterie befordert, auch andere militarische Ehren wurden ihm noch zu
Theil, eine Verwendung im ausiibenden Truppendienste aber hat er nicht
mehr gefunden.
Dagegen hat er sich mehrfach am politischen Leben betheiligt, indem er
sowohl in seinem engeren Vaterlande wie im deutschen Reiche parlamentarisch
thatig war. In der Heimath, wo er durch seine Geburt der Ersten Kammer
angehorte, trat er schon i860 eifrig dem Abschlusse eines Konkordates ent-
gegen und nahm mehrfach den Vorsitz in der Kammer ein; im Deutschen
Reichstage, dessen Mitglied er von 1871 — 1873 als Vertreter des Wahlkreises
Karlsruhe-Bruchsal war, schloss er sich der deutschen Reichspartei an.
Seiner Ehe entstammen zwei Kinder; die Erbprinzessin Maria von Anhalt,
* 1865, und der Prinz Maximilian, Rittmeister im Garde-Ktirassier-Regiment
zu Berlin, * 1867.
B. Poten. j
Barres, Julius von Vallet des, Koniglich Preussischer General der In-
fanterie z. D., * am 5. August 1820 zu Mainz, f am 17. December 1897 zu
Wiesbaden. — des B., ein um das Militar-Erziehungs- und Bildungswesen des
Preussischen und demnachst des Deutschen Heeres hochverdienter Offizier,
entstammte einer nach Aufhebung des Ediktes von Nantes aus Frankreich
ausgewanderten Familie, welche sich »des Barres« nannte, bis im November
1893 mehreren Angehorigen derselben gestattet wurde diesem Namen den
frtiher gefuhrten Zusatz »ValleU beizufugen. Julius des B. ward, nachdem
sein Vater, welcher als Kapitan im 36. Infanterie-Regimente stand, schon im
Jahre 1828 gestorben war, und er zunachst das Gymnasium in Mainz besucht
hatte, in den Kadettenhausern zu Potsdam und Berlin erzogen. Aus dem
letzteren kam er am 15. August 1838 als Secondlieutenant zu dem in Mainz
garnisonirenden 35. Infanterie-Regimente, kehrte aber, nachdem er 1841/42 ein
Jahr lang zur dortigen Reserve-Pionierkompagnie kommandirt gewesen war,
im Mai 1844 in das Kadettenkorps zurtick, welchem er alsdann mit einer
verhaltnissmassig kurzen Unterbrechung dreissig Jahre lang angehort hat. Zu-
erst als Erzieher, darauf als Lehrer beim Kadettenhause zu Culm in West-
preussen, dann seit dem 10. Februar 1851 als Abtheilungs-Vorsteher, wie die
jetzigen Kompagniechefs damals hiessen, in Bensberg bei Coin. Nachdem er
des Barres. Ehrlich. 43
1850 zum Premierlieutenant, 1854 zum Hauptmann aufgeriickt war, libernahm
er im Juni 1859, als Krieg gegen Frankreich in Aussicht stand, das Kom-
mando einer Kompagnie bei seinem jetzt in Luxemburg stehenden Regimente.
Damals kam es nicht zum Kampfe, dagegen war dem Hauptmann des B. im
Jahre 1864 vergonnt, an der Spitze seiner Kompagnie am Feldzuge gegen
Danemark theilzunehmen. Er wohnte dem Treffen von Missunde und der
Belagerung der Dtippeler Schanzen bei und erhielt fiir sein tapferes Verhalten
im Vorpostengefechte von Wiebhoi den Rothen Adlerorden 4. Klasse mit
Schwertern. Am 5. April jenes Jahres, also vor Erstiirmung der Befestigungen
von Diippel, wurde er als Major zu dem damals auf der Insel Fehmam be-
findlichen 5. Brandenburgischen Infanterie-Regimente Nr. 48 versetzt, aber schon
am Weihnachtstage jenes Jahres erfolgte seine Rtickberufung in das Kadetten-
korps, indem er zum Kommandeur des schon genannten Kadettenhauses Bens-
berg ernannt wurde. Seine Thatigkeit als solcher ging bereits 1866 zu Ende,
indem er, als der Krieg Preussens gegen Oesterreich und dessen Verbiindete
bevorstand, ftir die Dauer des mobilen Verhaltnisses zum Kommandeur des
zu jenem Ende aufgestellten 4. Bataillons des 4. Garde -Grenadier-Regiments
Konigin Augusta ernannt wurde und mit diesem im Verbande des II. Reserve-
Armeekorps unter dem Grossherzoge Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin
an dem von Leipzig aus erfolgenden Einmarsche in das nordliche Bayern
theilnahm ohne zu erheblicher Thatigkeit im Felde zu kommen. Nach Frie-
densschlusse ward er zum Kommando des Kadettenhauses zu Berlin komman-
dirt, um bei den Anordnungen verwendet zu werden, welche die Erweiterung
des Kadettenkorps infolge der Gebietsvermehrung des Staates erheischte, und
im Sommer 1867 erhielt er selbst das Kommando des Berliner Hauses. An
der Spitze desselben blieb er, seit 1868 Oberstlieutenant, seit 1870 Oberst,
bis er am 7. April 1874 dem alternden Prases der Ober-Militar-Examinations-
Kommission zu Berlin, General von Holleben, welchem die Reisen zu den
Kriegsschulprufungen in der Provinz erspart werden sollten, als Direktor
dieser Behorde beigegeben wurde; am 27. September 1877, nachdem Hol-
leben pensionirt war, ward des B. Prases. Es war eine Stellung, ftir welche
er seiner ganzen Personlichkeit nach vorzliglich geeignet war. Kenntnisse
und Arbeitskraft, Gerechtigkeit gepaart mit Wohlwollen, Takt und Weltklug-
heit, alle diese dem Inhaber der Stellung zu deren voller Ausflillung unent-
behrlichen Eigenschaften, besass er in hohem Maasse. Sie machten den kleinen
wohlbeleibten Herrn mit den freundlichen listigen Augen bei Lehrern und
Schtilern und dartlber hinaus in den weiten von den Ergebnissen der Prii-
fungen zum Portepeefahnrich und zum Offizier bertihrten Kreisen zu einer
vielgekannten und allgemein beliebten Erscheinung. Nachdem er 1874 zum
Generalmajor, 1880 zum Generallieutenant befordert war und 1888 den Cha-
rakter als General der Infanterie erhalten hatte, wurde er am 21. August 1889
in Genehmigung seines Abschiedsgesuches und unter Stellung k la suite des
Kadettenkorps mit Pension in den Ruhestand versetzt. Den Rest seiner Tage
hat er zu Wiesbaden verlebt.
B. Poten.
Ehrlich, H. Wilhelm, Dr., Schulmann, * 1826 in Eisleben, f am 25. Juli
1897 zu Newcastle upon Tyne in England. — E. war nach Absolvirung des
Gymnasiums zu Erfurt auf die Universitat Halle gegangen und befand sich noch
mitten in seinen Studien, als die politische Bewegung des Jahres 1848 herein-
aa Ehrlich. Goegg. Bezzola.
brach, der er sich mit ganzer Seele anschloss unci die er durch Redaction eines
revolutionaren Blattes zu fordern bestrebt war. Nach Eintritt der Reaction
fliichtete er 1849 und war ftinf Jahre in Frankreich als Lehrer thatig, bis er 1854
nach England ging. Im Royal College of Preceptors bestand er 1855 das
Examen fur Deutsch und Fran?6sisch ; erhielt ein Befahigungsdiplom hochster
Klasse und 1856 fiir Lateinisch einen Preis. 1870 grUndete er in Newcastle
upon Tyne eine sogenannte Modern School, die er mit grossem Erfolge bis
zu seinem Tode leitete. 1895 veranstalteten zahlreiche ehemalige Schuler
eine grosse Jubelfeier gelegentlich des 2 5Jahrigen Bestehens der Schule. Auch
als Schriftsteller hat E. das anerkannt beste Lehrbuch der franzosischen Sprache
fur Englander, »French Method. Theoretical and practicaU (1871) ver-
offentlicht.
Nach Mittheilungen des Professors K. H. Schaible in Offenburg.
Franz Brlimmer.
Goegg, Amand, Politiker, * am 7. April 1820 zu Renchen in Baden,
f am 21. Juli 1897 daselbst. — G. flihrte den Ursprung seiner Familie auf
den Schultheissen von Renchen Christoph von Grimmelshausen zurlick, den
Verfasser von »Simplicius Simplicissimus«. Nachdem G. seit 1840 in Heidel-
berg Finanzwissenschaften studirt hatte und schon einige Jahre im badischen
Staatsdienste thatig gewesen war, betheiligte er sich in hervorragender Weise
1849 an der politischen Bewegung in seinem Heimathlande, prasidirte am
13. Mai d, J. der Offenburger Volksversammlung, wurde bald darauf Mitglied
der revolutionaren Regierung und zuletzt einer der drei Dictatoren. Nach
Niederwerfung der Bewegung fliichtete G. in die Schweiz, wo er seine kleine
Schrift »Geschichte der badischen Erhebung von 1848 — 49« schrieb (1850),
die er spater in erweiterter Gestalt unter dem Titel »Aufschllisse liber die
badische Revolution von 1849 « (1876) erscheinen Hess. Von der Schweiz aus
begab er sich nach Paris und, 185 1 hier ausgewiesen, nach London, wo er
mehrere Jahre weilte und sich an industriellen Unternehmungen betheiligte.
Dann grlindete er in Genf eine Spiegelfabrik und leitete nach der allgemeinen
badischen Amnestie (1861) eine Glasfabrik in Offenburg (Baden). Sein un-
ruhiger Geist trieb ihn aber bald wieder fort in die Schweiz, wo er ein Ar-
beiterblatt »Das Felleisen« redigirte, sich mehr und mehr den socialistischen
Bestrebungen anschloss und schliesslich ein eifriger Anhanger und Agent von
Karl Marx wurde. Im Jahre 1867 betheiligte er sich an der »Friedens- und
Freiheits-Liga« in der Schweiz, vertrat 1869 auf dem internationalen Socialisten-
Congress in Basel 52 deutsch-schweizerische Arbeitervereine und ging dann
als socialistischer Wanderprediger in die Welt, nach Deutschland, England,
Nord- und Slidamerika und Australien. Endlich wandermlide, kehrte er zu
Anfang der achtziger Jahre in seine kleine Vaterstadt zurlick, wo er bis zu
seinem Tode lebte und auch die letzte Ruhe fand. Die Musse des Alters
benutzte er zur Beschreibung seiner »Ueberseeischen Reisen« (1888) und zur
Darlegung seiner Stellung »Zur religiosen und socialen Frage« (1890).
Nach Mittheilungen des Prof. K. H. Schaible in Offenburg.
Franz Brlimmer.
Bezzola, Andreas, schweizerischer Bundesrichter, * am 1. April 1840 in
Zernetz, f am 10. Januar 1897. — B. entstammte den Bergen »alt fry Rha-
tiens«. Er wurde in Zernetz geboren, dem westlichen Grenzdorfe des Unter-
Bezzola.
45
engadins, von wo die sanft ansteigende Strasse in wenigen Stunden nach
dem weltberiihmten Kurort St. Moritz flihrt und nach dem Stiden die prach-
tige Strasse tiber den Ofenberg ins Mtinsterthal abzweigt mit Fortsetzung nach
Bormio. An den Ufern des mit griinen Wiesen umsaumten Inns, umgeben
von hohen, zu einem grossen Theil von machtigen Waldungen bedeckten
Bergen (Zernetz liegt 1497 m iiber Meer), ist seine Wiege gestanden. Hierher,
in das herrliche Hochthal, hat es ihn immer und immer wieder gezogen, wo
er seine Jugend zugebracht und in dessen Umgebung er als eifriger Jager
jeden Schritt und Tritt auf s genaueste kannte. Die Muttersprache B.'s war
diejenige des Ladins; sie wurde in seiner Familie immer gesprochen. Im
Kanton Graubiinden betragt die Zahl der Einwohner, die sich der rhato-
romanischen Sprache bedienen, etwa 40000 (Gesammtbevdlkerung 1888:
94810); sie zerfallt nach den zwei Stromgebieten in die zwei Hauptdialekte
des Rheins und des Inns, welche gewtthnlich Romansch und Ladin genannt
werden, beide wesentlich vom Lateinischen abstammend, aber in den Dialek-
ten doch so verschieden, dass der Unterengadiner- und der Oberlanderbauer
sich kaum verstehen. Eine allgemeine rhatoromanische Schriftsprache existirt
bekanntlich nicht, nicht einmal eine gemeinsame bundnerisch-rhatische, wohl
aber eine unterengadinische, deren sich auch B. mit grossem Geschick bedient
hat. In Zernetz besuchte B. die Gemeindeschule, bis er in die Kantonschule
(Gymnasium) in Chur tibertrat, wo er nun erst die deutsche Sprache kennen
lernte, die er spater freilich mit der gleichen Fertigkeit handhabte wie das
Ladin und die von den etwa 45 000 deutschsprechenden Bundnern auch am
dialektfreisten gesprochen wird. Im Jahr i860 verliess B. nach Ablegung des
Maturitatsexamens die Heimath und besuchte zum Studium der Jurisprudenz die
Universitaten Jena, Berlin, Heidelberg und Zurich. Das eigentliche Studenten-
leben genoss er in vollen Ztigen in Jena, das ihm unvergesslich geblieben ist
und wo er mit einigen anderen Schweizern wahrend mehreren Semestern
Mitglied und auch Sprecher der Burschenschaft Arminia war. Im Friihling
1864 kehrte B., der auf der Universitat neben dem Fachstudium namentlich
auch Vorlesungen tiber Geschichte und Nationalokonomie gehort hatte, in
die Heimath zuriick und liess sich in Zernetz als Rechtsanwalt nieder, ein
Beruf, der ihm jedoch nicht recht behagte und der immer mehr durch die
mannichfaltige Inanspruchnahme ftir das offentliche Leben verdrangt wurde.
Diesem wandte B. sich mit innerer Neigung und angeborenem Talent zu und
diente von der Pike auf als Mitglied und President der Gemeindebehorde
von Zernetz bis zum Mitglied des obersten schweizerischen Gerichtshofes.
Schon an der ersten Landesgemeinde nach seiner Riickkehr wahlte ihn der
Kreis Obtasna, zu dem Zernetz gehort, 1865 zum Kreisprasidenten (Land-
ammann) und zum Mitglied des grossen Rathes (gesetzgebende Behorde des
Kantons); spater kam dazu das Amt eines Bezirksrichters und Bezirksprasiden-
ten. Im grossen Rath gewann B. rasch durch seine Ttichtigkeit, Beredsam-
keit und Noblesse des Charakters Ansehen und Einfluss und prasidirte dem-
selben mehrere Male. Aber auch der Volksgunst Launen blieben ihm nicht
erspart. Anfangs der siebziger Jahre handelte es sich um eine Revision der
schweizerischen Bundesverfassung im Sinne einer grosseren Centralisation.
Scharf schieden sich in den Kantonen die Centralisten und Foderalisten aus.
B. gehorte zu den ersten, wahrend die Mehrheit des Blindnervolkes von einer
strammern, eidgenossischen Centralisation nichts wissen wollte. Der vorgelegte
Verfassungsentwurf wurde im Friihling 1872 von einer kleinen Mehrheit des
46
Bezzola.
Schweizervolkes verworfen und an der Landsgemeinde von 1873 wurde B.
wegen seiner centralistischen Gesinnung nicht mehr in den grossen Rath ge-
wahlt. Dieser wahlte ihn aber sofort zum Mitglied der Regierung, nach Ab-
lauf der gesetzlichen Amtsdauer in die Standeskommission, das Kantons-
gericht, den Erziehungsrath und 1881 in den schweizerischen Standerath.
Und nochmals musste B. den Kelch der veranderlichen Volksgunst leeren;
die neue Kantonsverfassung von 1880 tiberwies die Wahl der St&nder&the
kUnftighin an das Volk, das in einem einzigen Wahlkreis zu w&hlen hatte
und in seiner Mehrheit 1881 die beiden Candidaten der freisinnigen Partei
im Stiche liess. Aber schon im Herbst 1881 wahlte der Engadiner Wahl-
kreis B. in den schweizerischen Nationalrath, dessen Prasidentenstuhl er 1885
bestieg und dessen Mitglied er blieb bis zu seiner Wahl in das schweizerische
Bundesgericht, in das er mit dem 1. October 1893 eintrat. Hier wurde er
der Kammer ftir staatsrechtliche Streitigkeiten zugetheilt und er arbeitete sich
mit einem Feuereifer und Geschick in seine neue Stellung hinein, verbunden
mit einer Liebenswtirdigkeit im Umgang, dass seine Collegen sich zu ihrem
neuen Mitarbeiter nur Gltick wiinschen konnten. Sehr zu Statten kam ihm
dabei die vortreffliche Schule, die er in Biinden in alien Zweigen des dffent-
lichen Lebens durchgemacht hatte. B. selbst ltihlte sich bei der neuen Tha-
tigkeit und im Kreise seiner Collegen ausserordentlich befriedigt und beant-
wortete eine Anfrage, ob er nicht Lust hatte, den vacant gewordenen Posten
eines schweizerischen Gesandten in Rom zu libernehmen, sofort in verneinen-
dem Sinn. Fataler Weise schien aber die neue Stellung nicht in gleicher
Weise auf seine Gesundheit einzuwirken. Im Frtihling 1896 befiel ihn ein
Nervenleiden; die kraftige Gestalt, ausserlich der Typus eines gesunden, in
der Bergluft gest&hlten Korpers, fiel nach und naqh zusammen. Er nahm
Urlaub, um in der Heimath Genesung zu suchen. Allein umsonst. Nur auf
das Drangen des Arztes und seiner Angehorigen entschloss er sich schweren
Herzens, sich in eine Privatklinik nach Zurich zu begeben. Und wirklich
trat nach und nach Besserung ein; das Interesse an der Aussenwelt und an
seinen Geschaften kehrte wieder; in kurzer Zeit hoffte der Patient nach
Lausanne zurttckkehren zu konnen. Da packte den seit langen Monaten
geschwachten Korper eine ttickische Lungenentztindung, der er am 10. Januar
1897 erlag. Tags vorher hatte der Todtkranke telegraphisch seinen Col-
legen noch einen Abschiedsgruss geschickt. —
Die Hauptwirksamkeit B.'s gehfirte seinem Heimathskanton an, dem er
in alien moglichen Stellungen diente. Wir konnen hier auf die Details nicht
eintreten; es genuge, dass nach seinem Tode Freund und Gegner einig waren,
dass B. einer der popularsten und hervorragendsten bttndnerischen Staats-
manner war. Nur eine Schopfung wollen wir anfilhren, die er seit langen
Jahren anstrebte und die endlich 1892 realisirt wurde: eine neue Zusammen-
setzung und Organisation der obersten vollziehenden Behorde des Kantons.
Die Tragweite dieser Aenderung kann nur aus der Geschichte des Kantons
erfasst werden. Dieser war entstanden aus den drei Biinden: Gotteshausbund
(gegrlindet 1367 von der Stadt und den Thalschaften des Bisthum Chur mit
dem Domkapitel); Oberer oder Grauer Bund (1395, erneuert 1424, abge-
schlossen zwischen dem Kloster Dissentis, Volk und Adel des Vorderrhein-
thales); der Zehngerichtenbund (1436 eingegangen von den Gerichtsgemeinden
der librigen Landestheile: Prattigau, Davos, Schanfigg und Churwalden).
Ober- und Unterengadin gehorten zum Gotteshausbund und es war in Zer-
Bezzola. 47
netz, wo derselbe 1367 gegrlindet worden war. Jeder dieser drei Btinde
hielt zur Vorberathung seiner Angelegenheiten Versammlungen ab (Bundestage,
Landtage), bestehend aus Abgeordneten der Gerichtsgemeinden; ebenso hatte
jeder Bund ein »Haupt« zur Leitung der Landtage und Vertretung des Bun-
des nach aussen; verbindliche, definitive Beschltisse konnten aber allein die
Gemeinden fassen, wobei die Mehrheit der Gemeinden, nicht der Kopfe, ent-
schied. Diese drei BUnde, thatsachlich schon mit einander in Verbindung
stehend, schlossen 1524 einen Bund unter sich ab, an dessen Spitze ein aus
Gemeindeabgeordneten aller BUnde bestehender Bundestag stand, geleitet je-
weilen vom Haupt desjenigen Bundes, in welchem er seine Sitzung hatte.
Auch hier stand die definitive Entscheidung den Gemeinden zu und es
stimmten daher die Abgeordneten nach Instructionen. In der Zwischenzeit
(der Bundestag versammelte sich gewOhnlich nur einmal im Jahr) wurden die
Geschafte von den drei Hauptern besorgt und wichtige Sachen unter Zuzug
von 3 — 5 Beisitzern aus jedem Bund. Diese »Haupter mit Zuzug « wurden
auch »Beitag«, spater »Congress« geheissen. Damit war vertraglich der erste,
auf demokratischer Grundlage beruhende Bundesstaat errichtet worden und
dessen Organisation blieb sich gleich bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts.
Durch die Mediationsverfassung von i8o£ kam Biinden als Kanton zur
schweizerischen Eidgenossenschaft und die wahrend der Helvetik unterbrochene
alte Verfassung kam in etwas anderer Form wieder zur Geltung. Der Kanton
bestand aus den drei Biinden mit den Gerichtsgemeinden; der Bundestag
verwandelte sich in den grossen Rath, die drei Haupter bildeten den kleinen
Rath und aus den Hauptern mit Zuzug (Congress) wurde die Standeskom-
mission. Spater Hess man die Ausscheidung in drei BUnde fallen : der Kanton
zerfiel nur in Bezirke, Kreise und Gemeinden; im tibrigen blieb sich die Or-
ganisation, namentlich diejenige des aus drei Mitgliedern bestehenden, auf
dem Collegialsystem beruhenden kleinen Rathes nebst Standeskommission
gleich. Nach und nach machte sich aber die Schwerfalligkeit dieser compli-
cirten Regierungsmaschine in einem verhaltnissmassig kleinen Staat sehr ftihl-
bar. B. drang schon' frtih auf deren Beseitigung. Aber ein Volk verzichtet
nicht so leicht auf seit Jahrhunderten ererbte Sitten und Gewohnheiten und
so ging es bis 1892, dass Wandel geschaffen wurde. Die Standeskommission
fiel weg, der kleine Rath wurde aus ftinf, von dem Volke gewahlten Mit-
gliedern bestellt, die keinen anderen Beruf oder Gewerbe austiben dUr-
fen, und die Organisation beruht auf dem Departementssystem. Die tief
in das alte Herkommen der drei BUnde eingreifende Neuerung hat sich
seither bewahrt; vor deren Ausfiihrung konnte B. sich nicht entschliessen,
den Kanton zu verlassen und er trat daher erst 1893 in das Bundesgericht
tiber.
Noch miissen wir eine ausserhalb der offentlichen Thatigkeit liegende
Seite unseres Collegen bertihren. B. besass eine stark ausgepragte poetische
Ader, aus der eine Reihe von Gedichten hervorging, in ladinischer Mundart.
Anfangs der neunziger Jahre gab er 31 soldier Lieder heraus, meistens
Vaterlandslieder, die zum Theil sich auf das Engadin beziehen und die B.
den ladinischen Sangern als »Chantunz ladins« widmete. Einige derselben
sind eigentliche Volkslieder geworden, deren Dichter vom Volke kurzweg
»Mastral Andrea« genannt wird (Landamman Andreas.) Mag irgendwo im
Engadin ein Fest gefeiert werden, mogen die jungen Burschen mit den Mad-
chen an Sonntagen auf s Land hinausziehen oder die Dorfbewohner sich nach
48 Bezzola. Brand.
des Tages Arbeit Abends zusammenfinden , tiberall hort man das popularste
dieser Lieder singen, beginnend mit den Worten:
Mia bella Val, mia Engiadina,
A Diouf sta bain etc.
Am 13. Januar 1897 fand in Chur unter ungewohnlicher Betheiligung der
Bevolkerung die Beerdigung statt. Winter war's und hoher Schnee auf den
Bergen; aber das hinderte eine Schaar Zernetzer Manner nicht, darunter
solche mit grauen Haaren und verwitterten Gesichtern, unter Fiihrung ihres
Pfarrers liber den Fltielapass zu reisen, um ihrem frtiheren Landammann die
letzte Ehre zu erweisen. Angekommen am Abend vor der Beerdigung, bat en
sie sich die Ehre aus, die ganze Nacht an der Todtenbahre Wache halten zu
dlirfen. Und Tags darauf sangen diese Wackern am offenen Grabe ein ein-
faches ladinisches, von B. herrtthrendes Lied zum Abschied. Es machte einen
ergreifenden Eindruck, einen tiefern und machtigeren, als je ein im Concert-
saal mit noch so grosser Meisterschaft vorgetragener Gesang erreichen konnte.
Lausanne, Februar 1898. Dr. Hans Weber.
Brand, Ernst, Arzt und Hydro therapeut in Stettin, * 2. Januar 1827 zu
Feuchtwangen in Franken, f 7. Marz 1897 in Stettin. — B. studirte von 1845
bis 1 85 1 in Erlangen, wo er 1849 klinischer Assistent von Canstatt war und
schon in dieser Eigenschaft eine kleine Abhandlung liber Diabetes (Deutsche
Klinik 1849) publicirte. Spater assistirte er bei Canstatt's Nachfolger Dittrich
und erlangte 1851 mit der Inauguralabhandlung: »Die Stenose des Pylorus
vom pathologisch-anatomischen Standpunkte aus geschildert* die Doctorwiirde.
Darauf machte er eine grossere wissenschaftliche Reise tiber Wien, Paris und
London, absolvirte das preussische Staatsexamen und habilitirte sich als Arzt
in Stettin, wo er als Geheimer Sanitatsrath verstarb. 1861 veroffentlichte er
die Aufsehen erregende Schrift »Die Hydro therapie des Typhus «, worin er
nach langer Zeit wiederum die Aufmerksamkeit der arztlichen Welt auf den
Werth einer rationellen Kaltwasserbehandlung, speciell zur Herabsetzung des
Fiebers beim Unterleibstyphus, lenkte. Diese Schrift hatte zur Folge, dass
die von B. angegebene Methode von hervorragenden Klinikern, wie Bartels,
Jtirgensen u. A., ebenso von vielen praktischen Aerzten geprlift und mit ge-
wissen Aenderungen adoptirt wurde. Erst in der neueren Zeit ist die Kalt-
wasserbehandlung bei dem tibrigens viel seltener gewordenen Abdominaltyphus
eingeschrankt bezw. ganz fallen gelassen worden. Zur Vertheidigung seines
Verfahrens gab B. noch mehrere Schriften heraus, so: »Zur Hydro therapie
des Typhus, Bericht tiber die in St. Petersburg, Stettin und Luxemburg hy-
driatrisch behandelten Falle (Stettin 1863); »Die Heilung des Typhus« (Ber-
lin 1868) nebst einem Anhange »Anweisung ftir die Krankenw&rter bei der
Behandlung des Typhus mit Badern«; »Was versteht man unter Wasser-
behandlung des Typhus?« (Wiener medicinische Wochenschr. 1872); »Salicyl-
oder Wasserbehandlung?« (Deutsche militararztl. Zeitschr. 1876); »Die Wasser-
behandlung der typhosen Fieber« (Ttibingen 1877). — Dazu kommen noch
einige Arbeiten epidemiologischen Inhaltes, wie »Verhaltungsmassregeln wfth-
rend der Anwesenheit der Cholera-Epidemie« (Stettin 1866); >Die Meningitis
cerebro-spinalis complicirt mit Febris recurrens« (Berliner klin. Wochenschrift
1866) u. a.
Biogr. Lex. hervorr. Aerxtc VI, S. 540.
Pagel.
Buchner. Bernhardt. 49
Buchner, Ludwig Andreas, Ober-Medicihalfath und Universitatsprofessor
der Pharmacie in MUnchen, * am 23. Juli 18 13 in Mtinchen, f am 23. Octo-
ber 1897 daselbst. — B. studirte in seiner Geburtsstadt, besonders unter
Leitung seines Vaters, des gleich falls hervorragenden Pharmakologen Johann
Andreas B. (1783 — 1852), sowie in Paris und Giessen, wo v. Fuchs, v. Mar-
this, Dollinger, v. Walther, Bussy und v. Liebig seine Lehrer waren. Mit
besonderer Vorliebe trieb er schon wahrend der Studienzeit die medicinische
Chemie. 1839 eriangte er die philosophische, 1842 die medicinische Doctor-
wiirde. Im letztgenannten Jahre habilitirte er sich als Privatdocent in Mtin-
chen, riickte bereits 1847 zum ausserordentlichen Professor der physiologischen
und pathologischen Chemie auf und erlangte ebendaselbst 1852 die ordent-
liche Professur der Pharmacie und Toxikologie, die er bis zu seiner mehrere
Jahre vor seinem Tode erfolgten Emeritirung inne hatte. 1846 wurde B.
ausserordentliches, 1869 ordentliches Mitglied der k. Bayerischen Akademie
der Wissenschaften in Mtinchen. Ferner war er Mitglied des Obermedicinal-
ausschusses, insbesondere hatte er das Decernat fiir das Apothekenwesen.
Von schriftstellerischen Arbeiten B/s ist besonders erwahnenswerth die Fort-
fiihrung des von seinem Vater herausgegebenen »Repertorium fttr die Phar-
macie* (Mtinchen 1852 — 1876, 25 Jahrgange), sowie ein «Commentar zur
Pharmacopoea Germanica« (Mtinchen 1872, 2 Bde. mit verdeutschtem Text),
Auch veroffentlichte B. noch eine Reihe kleinerer Abhandlungen : »Betrach-
tungen liber die isomeren K6rper«, »Versuche tiber das Verhalten der Auf-
losungen chemischer Stoffe zu Reagentien bei verschiedenen Graden der Ver-
diinnung«, tiber die Angelicawurzel, tiber die Zusammensetzung von Heil-
brunnenwassern, tiber die Beziehungen der Chemie zur Rechtspflege (Gelegen-
heitsrede) und lieferte einige Beitrage zur »Allgem. Deutsch. Biographie*.
Biogr. Lex. hervorr, Aerzte I, p. 607; Voss. Ztg. 25. October 1897.
Pagel.
Bernhardt Otto von, K6niglich preussischer General der Kavallerie z. D.,
* am 6. December 1818 zu Saalfeld in Ostpreussen, f am 2. September 1897
zu Wiesbaden. — B. trat am 6. Juni 1835 bei dem in kleinen Stadten Nieder-
schlesiens garnisonirenden 5. Ktirassier-Regimente in den Dienst, wurde am
15. Februar 1838 Sekond-, am 13. November 1849 Premierlieutenant und,
nachdem er von April 1850 bis Februar 1854 Adjutant der 7. Division zu
Magdeburg gewesen war, Rittmeister und Eskadronchef, im Januar 1858 aber
Hauptmann im Generalstabe, in welchem er, alsbald zum Major befordert, ver-
blieb, bis er im September 1862 zum Kommandeur des Litthauischen Dragoner-
Regiments Nr. 1 (Prinz Albrecht von Preussen) zu Tilsit ernannt wurde. Am
i7.Marz 1863 zum Oberstlieutenant, am 8. Juni 1866 zum Oberst aufgertickt,
befehligte er das Regiment im bohmischen Feldzuge, in welchem er naroent-
lich den Reiterkampf vom 27. Juni bei Trautenau gegen das Dragonerregiment
Ftirst zu Windisch-Graetz bestand, ward im Marz 1868 zum Kommandeur der
10. Kavallerie-Brigade zu Posen ernannt, erhielt bei Ausbruch des Krieges
im Jahre 1870, gleichzeitig zum Generalmajor befordert, das Kommando der
aus den Ulanenregimentern Nr. 1 imd Nr. 6 gebildeten, zu der dem Prinzen
Albrecht (Vater) unterstellten 4. Kavallerie-Division gehorenden 9. Kavallerie-
Brigade und ftihrte diese, stets am Feinde bleibend, zunSchst bei den Vor-
marschen gegen Sedan und von da auf Paris, dann gegen Orleans, und in
den Kampfen an der Loire sowie vor Le Mans; wahrend des Monats Januar
Bk>gr. Jahrb. a. Deutsche r Nekrolog. 2. Bd. 4
eo Bernhardt Boltenstenu
vertrat er den erkrankten Divisionskommandeur. Nach Friedensschlusse tiber-
nahm er wiederum das Kommando der 10. Kavallerie- Brigade, ward am
18. Januar 1875 zum Generallieutenant, am 12. Mai d. J. zum Kommandeur
der 2. Division in Danzig ernannt, am 12. April 1879 in Genehmigung seines
Abschiedsgesuches zur Disposition gestellt und erhielt am 12. Januar 1896 den
Charakter als General der Kavallerie.
B. Poten.
Boltenstern, Konstantin von, Koniglich preussischer Generallieutenant,
* am 5. Febraar 1823 zu Pasewalk, f am 31. Januar 1897 zu Gorlitz. —
B. wurde im Kadettenkorps erzogen und aus diesem am 9. August 1840 als
Portepeef&hnrich bei dem in Magdeburg garnisonirenden 26. Infanterie-Regi-
mente entlassen, am 14. Juni 1842 zum Sekondlieutenant ernannt, riickte,
nachdem er inzwischen mehrfach ausserhalb der Front Verwendung gefunden,
im Jahre 1866 als Hauptmann und Kompagniechef in das Feld. In der
Koniggratzer Schlacht, in welcher sein zur Brigade Fransecky gehftrendes
Regiment hervorragenden Antheil an der Vertheidigung des Swipwaldes hatte,
musste B. das Kommando des Fllsilierbataillons iibernehmen und fand schon
damals Gelegenheit sich als ein umsich tiger und ttich tiger Offizier zu bewahren.
Noch mehr trat er als solcher im Kriege von 1870/71 gegen Frankreich hervor.
Bei der im Herbst 1 866 vorgenommenen Vermehrung des Heeres als Major in
das neugebildete 79. Infanterie-Regiment zu Hildesheim versetzt, filhrte er 1870
ziinachst als Oberstlieutenant ein Ba tail Ion des letzteren, focht an der Spitze des-
selben, im Verbande der Brigade Woyna und der Division Kraatz zum X. Armee-
korps unter Voigts-Rhetz und zur II. Armee unter Prinz Friedrich Karl von
Preussen gehorend, am 16. August bei Vionville-Mars la Tour und in sp&ter
Abendstunde des 18. auch noch bei Saint-Privat, nahm an der Einschliessung
von Metz theil und ftihrte sodann an Stelle des anderweit verwendeten Komman-
deurs das Regiment. Im Kampfe bei Maizteres am 24. November leicht verwundet,
bestand er am 26. mit einer aus alien Waffengattungen zusammengesetzten Ab-
theilung gelegentlich eines ihm gewordenen Sonderauftrages ein selbst&ndiges
Gefecht bei Lorcy, befehligte eine Zeit lang die Brigade, libernahm dann wieder
das Kommando seines Bataillons und stand mit diesem am Loir, als er am
26. December von Venddme flussabwarts entsandt wurde, um Ansammlungen
von Franctireurs zu zerstreuen, welche sich bei Soug£ gezeigt hatten. Nach-
dem er in Montoire Ubernachtet hatte, setzte er am 27. den Marsch fort und
erflillte seinen Auftrag. Auf der RUckkehr fand er den Weg bei Montoire
durch inzwischen dort eingetroffene Truppen verlegt, schlug sich aber glttck-
lich, freilich nicht ohne Verluste, durch und brachte noch Gefangene zurtick
(Kriegsgeschichtliche Einzelschriften des Grossen Generalstabes, 1. Heft, Berlin
1883). Bei dem im Januar 1871 unternommenen Vormarsche auf le Mans
filhrte er von neuem das Regiment. Mit dem Eisernen Kreuze 1. Klasse
geschmiickt, kehrte er in die Heimath zurtick, ward im November d. J. als
Oberst an die Spitze des Colbergischen Grenadier-Regiments Nr. 9 gestellt,
am 22. September 1877 zum Generalmajor und zum Kommandeur der
15. Infanterie-Brigade befSrdert und am 16. November 1880 in Genehmigung
seines Abschiedsgesuches mit Pension zur Disposition gestellt. Am ftinfund-
zwanzigsten Ged&chtnisstage des Kampfes von Montoire erhielt er den Cha-
rakter als Generallieutenant.
B. Poten.
Happe. Krez. c i
Happe, Franz Engelbert, Geistlicher und Dichter, * am n. Juni 1863
zu Sendenhorst (Westfalen), f am 11. September 1897 in Siidkirchen (West-
falen). — Er besuchte die Volks- und Rektoratschulen in Sendenhorst und
Borkum, von 1877 bis 1881 das Gymnasium zu Warendorf und studirte dar-
auf an der Akademie zu Mtinster Philologie und Theologie. Wahrend seiner
Studienzeit war er liber ein Jahr lang Vorleser bei dem blinden Professor
Chr. B. Schlliter, nach dessen Tode (1884) er sich ein Jahr lang als Erzieher
theils in Briissel, theils im Sauerlande aufhielt. Im Herbst 1886 trat er in
das Priesterseminar zu Mtinster ein, erhielt im December 1887 die Priester-
weihe und kam im Marz 1888 als Kaplan nach Ftichtorf bei Warendorf.
Hier blieb er mit Ausnahme eines halben Jahres, das er in Mtinster als Soldat
verbrachte, bis zum Herbste 1895, um dann als Vikar nach SUdkirchen (Kreis
Ltidinghausen) zu gehen, wo er nach zwei Jahren in der Bltithe seines Lebens
starb. — Seine Gedichte »Stimmungen und Gestalten* (1888) erschienen 1897
in einer vermehrten und verbesserten Auflage.
Persflnliche Mittheilungen,
Franz Brtimmer.
Krez, Konrad, General, Advokat und Dichter, * am 27. April 1828 zu
Landau in der Rheinpfalz, f am 9. Marz 1897 zu Milwaukee in Amerika. —
Nachdem er die Schule seiner Vaterstadt und das Gymnasium in Speyer be-
sucht hatte, ging er auf die Universitat Heidelberg, um die Rechte zu stu-
diren. Aus jener Zeit stammen seine ersten Gedichtsammlungen »Dornen und
Rosen von den Vogesen* (1846) und »Gesangbuch« (1848). Im Frtihjahr
1848 betheiligte er sich im Freicorps des Generals von der Tann an dem
Kriege gegen Danemark und 1849 an der badisch-pf&lzischen Erhebung fllr
die Reichsverfassung, wurde deshalb »in contumaciam* zum Tode verurtheilt
und musste nach der Schweiz fllichten. Von hier ging er nach Frankreich
und kam im Winter 1850 nach New York, wo er sich der Advokatur zu-
wandte. Im Hause des Advokaten Stemmler fand er bald freundliche Auf-
nahme, und zwei Jahre spater heirathete er dessen einzige Tochter. Im Jahre
1854 siedelte K. nach Sheboygan, Wisconsin, tiber, wo er zunachst als Ad-
vokat prakticirte. Da er sich sehr rege im demokratischen Sinne an dem
politischen Leben jener Zeit betheiligte, so beriefen ihn seine Mitbttrger bald
zu verschiedenen Aemtern. Als der Btirgerkrieg ausbrach, bekleidete er das
Amt eines Staatsanwalts. Im Sommer 1862 warb er das 27. Wisconsiner
Freiwilligen-Regiment an, zu dessen Obersten er durch Gouverneur Salomon
ernannt wurde, machte mit seinem Regimen te unter Kimball die Belagerung
von Vicksburg mit, kampfte unter Steele in Arkansas und befehligte die
3. Brigade der 3. Division des 13. Armeecorps unter Cauby gegen Mobile.
Wegen der dort geleisteten Dienste wurde er vom Prasidenten Lincoln zum
Brigadegeneral ernannt; dann ward er an den Rio Grande nach Texas be-
ordert und hier nach Beendigung des Krieges ausgemustert. Er nahm seine
Th&tigkeit als Advokat in Sheboygan wieder auf und entfaltete eine eifrige
politische Thatigkeit. Im Jahre 1888 wurde er zur Praxis am obersten Ge-
richtshof der Vereinigten Staaten zugelassen. Der President Cleveland betraute
K. mit dem wichtigen und eintraglichen Amte als Zollkollektor im Hafen von
Milwaukee, worauf K. auch seine Advokatur dorthin verlegte. Inmitten eines
so bewegten Lebens hatte K. immer noch Musse und Stimmung zu bemerkens-
werthen Dichtungen gefunden, die er 1875 gesammelt unter dem Titel »Aus
4*
52
Krez. Prinz von Thurn und Taxis. Burchardt.
Wisconsin* herausgab. »Keiner unter den hervorragenden deutsch-amerikani-
schen Dichtern hat dem Heimweh und der Liebe zum alten Vaterlande einen
so rtihrenden Ausdruck gegeben, wie K. in seinem Gedichte »An mein Vater-
land«, das wohl als das schonste aller auf amerikanischem Boden entstandenen
deutschen Gedichte bezeichnet werden kann.«
Dr. G. A. Zim [nermann: Deutsch in Amerika. Beitr&ge zur Geschichte der deutsch-
amerikanischen Literatur. 2. Auf). Chicago 1894, S. 64. — Berliner Tageblatt tora
20. Marz 1897.
Franz Brtimmer.
Thurn und Taxis, Prinz von, Franz Maximilian Lamoral, Diplomat in
koniglich preussischen und deutschen Reichsdiensten ; * am 2. Marz 1852 in
Regensburg; f am 5. Mai 1897 in Luxemburg; vermahlt mit der Grafin
Theresia Grimaud von Orsay. ^— Seine diplomatische Laufbahn begann er als
Sekretar bei der kaiserlich deutschen Botschaft zu Rom im Jahre 1884; dann
wurde er Sekretar bei der kaiserlich deutschen Gesandtschaft in Athen; spater
bei der koniglich preussischen Gesandtschaft in Dresden; hierauf koniglich
preussischer Legationsrath in Constantinopel , und dann kaiserlich deutscher
Botschaftsrath in Madrid. Bald darauf wurde er Legationsrath bei der kaiser-
lich deutschen Gesandtschaft in Bnissel und endlich wurde er zum kaiserlich
deutschen Legationsrath und Minister-Residenten in Luxemburg ernannt.
C. Will.
Burchardt, Max, Augenarzt, Privatdocent und Universitatsprofessor, sowie
General -Arzt in Berlin, * am 15. Januar 1831 zu Naugard in Pommern, f am
25. September 1897 in Berlin. — B. war der Sohn eines Strafanstaltsdirectors,
besuchte die Gymnasien in Guben und Schulpforta und bezog 1851 das
ehemalige militairarztliche Friedrich-Wilhelms-Institut, die jetzige Kaiser-Wil-
helm-Akademie, von wo aus er in tiblicher Weise nach Absolvirung der
Studien als Unterarzt an die Konigliche Charity abkommandirt wurde. 1855
erlangte er mit einer Inaugural-Abhandlung fiber die Bauchwassersucht die
Doctorwiirde, 1857 bestand er die Staatspriifung. Nachdem er dann an
verschiedenen auswartigen Garnisonsorten Dienst als Stabsarzt geleistet hatte,
wurde er wieder in gleicher Eigenschaft nach Berlin zuriickversetzt und habi-
litirte sich hier 1864 als Privatdocent an der Universitat. 1866 nahm er
an dem preussisch-osterreichischen Feldzuge theil und wurde darauf nach
KOnigsberg in Ostpreussen versetzt, wo er 1867 gleichfalls an der Universitat
docirte. Am Feldzuge von 1870/71 nahm er als Regimentsarzt theil. 1874
gelangte B. wieder nach Berlin zurtick und blieb hier seitdem dauernd, suc-
cessive die Stellungen als Regimentsarzt, Oberstabsarzt bei der Militarturn-
anstalt, Chefarzt des ersten grossen Garnisonlazareths und zuletzt als erster
Garnisonarzt bekleidend, um 1896 mit dem Rang als Generalarzt aus dem
Sanitatskorps auszuscheiden. Ausserdem erhielt B. 1881 die Leitung der in
der Koniglichen Charity eingerichteten Specialabtheilung fiir Augenkranke und
lehrte voriibergehend neben der Ophthalmologic auch noch nach dem Tode
von Georg Lewin bis zur Berufung von dessen Nachfolger iiber Haut- und
syphilitische Krankheiten. 1890 wurde B. durch den Professortitel ausge-
zeichnet. Die schriftstellerischen Arbeiten B.'s sind ebenso mannichfaltig wie
bedeutend ; sie bewegen sich hauptsachlich auf den Gebieten der Augen- und
Hautkrankheiten. Lange Jahre erstattete er den Bericht ftir die grossen
Virchow-Hirsch'schen Jahresberichte tiber acute Exantheme, ferner schrieb er:
Burchardt von Billow.
53
»Ueber eine bei Chloasma vorkommende Pilzform« (Med. Ztg. d. Vereins fur
Heilkunde, 1859); »Ueber Soor und den dieser Krankheit eigenthiimlichen
Pilz« (Charite-Annalen, 1863); »Ueber Kr&tze und deren Behandlung mit
Perubalsam* (ebenda 1864, Berl. klin. Wochenschr. 1865, Arch. f. Dermat. u.
Syphilis 1869); »Ueber Sehproben« (Berl. klin. Wochenschr. 1869); »Neues
Verfahren zur Bestimmung der Refraction im aufrechten Bilde« (Centralbl. f.
prakt. Augenheilk. 1883) und eine Reihe von Aufsatzen tiber Schutzpocken-
impfung, Sehscharfe beziiglich des Militardienstes, Keuchhusten, venerische
Krankheiten beim Manne. Selbstandig erschienen »Internationale Sehproben*
(Berlin 1869; 3. Aufl. 1882) und »Praktische Diagnostik der Simulationen«
(mit lithographischen Vorlagen und Stereoscop, Berlin 1875; 2. Aufl. 1878).
B. ist ansserdem noch der Erfinder eines Doppelplessimeters, eines neuen
Refractions-Augenspiegels, sowie eines Sprachapparats zur Behandlung der
Athmungs- und verwandter Organe.
Biogr. Lex. hervorr. Aerate etc. I, S. 621.
Pagel.
Biilow, Hans Julius Adolf von, Koniglich preussischer General der
Artillerie, * am 27. Februar 1816 zu Ossecken im Kreise Lauenburg in Hinter-
pommern, f 9. December 1897 zu Berlin. — v. B., ein im Frieden wie im
Kriege sehr bewahrter Offizier, wurde im Kadettenkorps erzogen und aus
diesem am 5. August 1833 als Sekondlieu tenant der Garde -Artillerie -Brigade
tiberwiesen, war nach mannichfacher Verwendung in und ausserhalb der Front
Oberst und Kommandeur des zu Mtinster garnisonirenden Westfalischen Feld-
artillerie-Regiments Nr. 7, als der Krieg gegen Oesterreich ausbrach. Bei der
Mobilmachung erhielt er das Kommando der Korpsartillerie des VH. Armee-
korps bei der Elbarmee, erwies sich durch die Fiihrung derselben im Bohmischen
Feldzuge und namentlich in der Schlacht bei Koniggratz als besonders ttichtig,
ward am 14. Januar 1868 Kommandeur der 3. (Brandenburgischen) Artillerie-
Brigade, am 18. Juni 1869 Generalmajor und riickte an der Spitze jener
Brigade im Jahre 1870 gegen Frankreich in den Krieg, aus welchem er mit
der ihm allgemein gezollten Anerkennung zurtickkehrte, dass er Hervorragen-
des geleistet habe und dass die Erfolge, welche das Korps errungen, nicht
zum geringen Theile auf Rechnung der von ihm gefUhrten Waffe zu setzen
seien. So war es schon am 6. August gewesen, wo er an der Seite des
Korpskommandeurs, General Konstantin von Alvensleben, auf das Schlachtfeld
von Spicheren eilte und durch die Entsendung von zwei Batterien auf den
steilen Rothenberg zur Entscheidung des Tages erfolgreich mitwirkte. Am
blutigen Tage von Vionville-Mars la Tour, dem 16. August, waren seine Ge-
schUtze der Fels im Meere, um welchen die Wogen brandeten und an dem sie
sich brachen; Alvensleben gegentiber sprach er, unerschtittert durch die er-
littenen Verluste und die Massen des Feindes, als das Ziinglein der Wage
bedenklich schwankte, die feste Zuversicht aus, seine Stellung behaupten zu
konnen. Und er hatte sich nicht getauscht. Nicht minder wesentlich waren
seine Leistungen und die der ihm unterstellten Truppen am 18. in der Schlacht
von Gravelotte-Saint Privat, wo er rechtzeitig in den Kampf der Artillerie des
IX. Armeekorps am Bois de la Cusse eingriff und sich bis zur entscheidenden
Abendstunde behauptete. Glanzend war ferner seine Verwendung der Waffe
in den Kampfen um Orleans, wo er sich namentlich am 3. December bei
Chilleurs aux Bois als ein Meister erwies, und endlich bei dem Schlussakte
54 von Bttlow. Burckhardt.
des ganzen Krieges, als bei dem Vorgehen gegen le Mans nochmals schwere
Anforderungen an den Ftlhrer wie an die Truppe gestellt wurden. Die Ver-
leihung beider Klassen des Eisemen Kreuzes, sowie des Ordens pour le m^rite
waren aussere Zeichen der Anerkennung, welche seine Leistungen erfahren
hatten. — Nach der Heimkehr erhielt er an Stelle seines bisherigen Kommandos
das der Garde -Artillerie -Brigade, aus welcher er geschieden war, als er im
November 1859 die Stellung als Artillerieoffizier vom Platz in Koblenz mit der
des Kommandeurs der Festungsabtheilung des VL Armeekorps vertauschte hatte.
Aber schon im Februar 1872 wurde er zu clen Offizieren von der Armee
verse tzt, urn dem aus der Kavallerie hervorgegangenen General von Podbielski,
welcher, als es sich um die Scheidung von Feld- und Fussartillerie handelte,
zum General-Inspekteur der Artillerie ernannt worden war, in der ersten Zeit
von dessen DienstfUhrung bei der Entscheidung technischer Fragen rathend
zur Seite zu stehen. Alsdann wurde er, in Berlin verbleibend, Inspekteur der
2. Artillerie -Inspektion und am 6. November 1879, a"s Podbielski gestorben
war, dessen Nachfolger. Meinungsverschiedenheiten mit den in Sachen der
Heeresverwaltung massgebenden Behorden aber veranlassten, dass er schon
am 12. December 1882 unter Ernennung zum General der Infanterie und
zum Chef des Pommerschen Feldartillerie- Regiments Nr. 2 in Genehmigung
seines Abschiedsgesuches mit Pension zur Disposition gestellt wurde; am
16. August 1895, dem Jahrestage von Vionville-Mars la Tour verlieh ihm
Kaiser Wilhelm II. statt jenes Titels den eines Generals der Artillerie.
Aber er war mehr ads der Name sagt. Er war ein Artilleriegeneral, ein
Kenner seiner Waffe, ebenso vertraut mit der Technik derselben wie mit ihrer
Taktik. Dabei einfach und anspruchslos, mit dem Herzen an der richtigen
Stelle, dem treffenden Worte auf der Zunge und in der Feder, ein Mann,
welcher schon durch seine Personlichkeit auf die Kreise wirkte, mit denen
er in Bertihrung trat. Als General-Inspekteur war er in der Lage, seine her-
vorragenden Eigenschaften nach alien Richtungen hin zu entfalten. Sein
Streben beruhte auf dem Glaubenssatze , zu dem er sich schon in einer Zeit
bekannte, welche die Artillerie nur als Hilfswaffe gelten lassen wollte: »Es
liegt nur an uns der Waffe Geltung zu verschaffen«.
Eine eingehende Wttrdigung des Generals findet sich in F. Hoenig, Der Volkskrieg
an der Loire, 6. Band, Seite 295: Die entscheidenden Tage von Orleans (Berlin 1897).
B. Poten.
Burckhardt, Jacob Christoph, Universitatsprofessor der Geschichte und
Kunstgeschichte, * am 25. Mai 1818 in Basel, f am 8. August 1897 ebenda.
— Ein Sohn des Pfarrers am Mtinster, eines gebildeten, vielseitigen, energi-
schen Mannes, der spater als oberster Geistlicher der Basler Kirche bis zu
seinem Tode 1858 functionirte, sich daneben auf historischem Gebiete schrift-
stellerisch bethatigte und der Kunst reges Interesse und emsige Pflege wid-
mete, wandte sich der junge B. zunachst in Basel nach vaterlichem Wunsche
dem Studium der Theologie zu; allein die Facher der philosophischen Facul-
tat (ibten bald eine machtigere Anziehungskraft auf ihn aus, und so wurde
mit Einwilligung des Vaters der Abgang an eine deutsche Universitat zugleich
zum Bruche mit dem Theologiestudium und zum entschiedenen Uebergang zur
Geschichtsforschung. B. betrachtete diese ersten Basler Semester nie als einen
Verlust, sondern als eine werthvolle Vorbereitung zum geschichtlichen Stu-
dium. In wie hohem Grade schon damals die Denkmaler der Kunst den
Burckhardt
55
jungen B. beschaftigten, beweisen eine Reihe von »Bemerkungen iiber schwei-
zerische Kathedralen«, die der Zwanzigjahrige in einer Bauzeitung erscheinen
Hess; sie betreffen neben dem Basler Mtinster sammt Kreuzgang das ZUrcher
Grossmlinster und die Kathedralen von Genf und Lausanne. Neben Jugend-
lichem findet sich in diesen kurzen Aufsatzen manch klarer Einblick in die
Welt der mittelalterlichen Baukunst und der Trieb, die einzelnen Bauwerke
moglichst in grossere Zusammenhange des architektonischen Schaffens hin-
einzurflcken ; dann trifft man etwa auf einen Passus, in dem neben dem Hin-
weis auf die Bedeutsamkeit einer kiinstlerischen Schopfung auch der Schon-
heit der Natur ihr Recht wird: »ais besonderer Vorzug der Lausanner Kathe-
drale gilt mit Recht die herrliche Lage und Aussicht vom Thurme herab,
die allein schon der Reise werth ist. Man frage Jeden, der den Genfer See
gesehen.* Wer denkt da nicht schon an den Preis des Luganersees im » Ci-
cerone*: bei Anlass von Luinis Fresken in S. Maria degli Angeli? Herbst 1839
bezog B. die Universitat Berlin; mit Ausnahme des Sommersemesters 1841,
das er in Bonn zubrachte, blieb der Basler der Berliner Hochschule bis Friih-
ling 1843 treu; hier hat er seine lateinische seminarmassige Doctordissertation
Uber einige Streitfragen aus der Geschichte Karl MarteH's ausgearbeitet; sie
wurde in Basel gedruckt und trug ihm die Doctorwiirde der philosophischen
Facultat seiner vaterstadtischen Universitat ein (19. Mai 1843), In der Vita
zur Dissertation schatzt sich B. gliicklich, dass ihm Leopold Ranke als Lehrer
beschieden war, der nicht nur durch seine Vorlesungen, sondern auch durch
seinen kostbaren Rath seine Studien gefordert habe. Zwei Seminararbeiten
hatte B. seinem bertihmten Lehrer zu Dank gemacht. Neben dem grossen
Historiker ist es ein ausgezeichneter Kunsthistoriker, dem B. sich tief ver-
pflichtet fiihlte, ja man kann wohl sagen, in mancher Beziehung noch tiefer
als Ranke: Franz Kugler. Er wirkte damals noch als Professor der Kunst-
geschichte an der Akademie der Kiinste; eine edle PersSnlichkeit, habe er
Horizonte weit liber die Kunstgeschichte hinaus eroffhet: so hat B. seinen
Lehrer charakterisirt, dem er schon damals persOnlich naher trat und der
spater sein theurer Freund wurde. In Ranke wie in Kugler lebte ein mach-
tiger Trieb zum Universalhistorischen, beide hielten sich bei allem Detail-
studium den Ueberblick fiber ihren machtigen Wissensbereich offen, sie ord-
neten das Specialwissen unter grosse Gesichtspunkte, sie gingen im Einzelnen
nicht unter. B. ist dieser Betrachtungsweise zeitlebens treu geblieben: die
Geschichte wie die Kunstgeschichte war und blieb ftir ihn ein Ganzes;
das Bewusstsein der Continuit&t, der geschichtlichen Zusammenhange erschien
ihm stets als etwas ungemein Werthvolles, ja als ein hochstes Ziel menschlicher
Erkenntniss, als ein Gradmesser unserer Geistescultur. Und es ist ausser-
ordentlich lehrreich zu sehen, wie schon in dieser Berliner und Bonner Stu-
dienzeit Historie und Kunstgeschichte neben einander den jungen Gelehrten
fesseln, beschaftigen und zu selbstandigen Arbeiten anregen. Die deutsche
Universitatsstadt am herrlichen Rhein wurde fur B. der Ausgangspunkt ftir
Studien verschiedenster Art; der enge Verkehr mit dem geistreichen und viel-
seitigen Gottfried Kinkel, der damals schon neben der Theologie die Kunst-
geschichte eifrig pflegte, bot manche Anregung: was lag naher, als dass sich
das Interesse den Denkmalern der Rheinlande zuwandte? und bei dem regen
historischen Sinne B/s war es fast etwas Selbstverstandliches, dass er Uber
der Kunst auch die Geschichte nicht vergass, deren Kenntniss erst jene Zeiten
vergangener Grosse verstehen liess, in denen die Kunst, voran die Architektur
56
Burckhardt.
Gewaltiges und Unvergangliches erstrebt und zum Theil auch erreicht hat.
— Im September 1842 war der Grundstein zum Ausbau des Kfilner Domes
feierlich gelegt worden; die machtige Ruine beschaftigte die Phantasie der
damaligen Menschen und weckte, um ein Wort B.'s in der gleich zu erwah-
nenden Schrift zu gebrauchen, »eine laute nationale Begeisterung* . Er hat
sich dieser selbst nicht entzogen. Sein Blick wandte sich hin auf jenen
machtigen Kdlner Erzbischof, der im Sommer 1248 den Grund zum Dombau
gelegt hat: 1843 erschien in Bonn die erste historische Schrift B.'s »Conrad
von Hochstaden, Erzbischof von Kolln 1238 — i26i«; sie war Gottfried Kinkel
gewidmet. Noch heute wird man das Biichlein von 157 Seiten gerne lesen,
vor Allem wegen der Partien, in denen des Verfassers culturhistorische Nei-
gungen zu Tage treten: wo er die deutsche Kunst jener Zeit in alien ihren
Aeusserungen charakterisirt, wo er die Mirabilien des Casarius von Heister-
bach fur bezeichnende Ztige damaligen Lebens verwerthet, wo er den Dom-
bau schildert und im Anschluss daran von Albertus Magnus spricht, dem
»Manne der Wissenschaft im grossten Sinne«. Reiche Belesenheit in den
gedruckten Quellen — auf archivalische Nachforschungen hatte sich B. nicht
eingelassen — macht sich iiberall bemerkbar; der Autor beherrscht sein
Material, und es gewinnt Leben und Farbe unter seiner Hand. Es war ein
schoner Ersding historischer Forschung und Darstellung.
Ein Aufsatz im niederrheinischen Jahrbuch zum Besten der Bonner
Miinsterkirche (1843) unterzog dann »Die vorgothischen Kirchen am Nieder-
rhein« einer stilistischen Untersuchung und suchte deren Charakteristik fest-
zustellen; auch hier spielen naturgemass die Kolnischen Denkmaler dieser
Gruppe eine bevorzugte Rolle: den Preis erhalt der Kuppelbau von St. Gereon,
»das Kleinod der vorgothischen KunsU — bezeichnend genug flir B., der
dann spater im Centralbau und in der Kuppel die hOchste Leistung der
kirchlichen Baukunst der Renaissance erblickt und verehrt hat. Bemerkens-
werth bleibt an dieser kleinen wenige Seiten umfassenden Arbeit der Zug des
Verfassers, das specielle Thema in den grossen Zusammenhang der Entwicke-
lung der Bauformensprache hineinzustellen, und ein acht B.'scher Wunsch ist
es, »es mochte, als ein grosser Gewinn flir die Culturgeschichte, eine um-
fassende Gesammtbehandlung der vorgothischen Bauten am Rhein auch diese
Uebergangsperiode mit der Zeitgeschichte in Zusammenhang bringen«. Zwolt
Jahre spater bezeichnete B. im »Cicerone« das Mitleben der italienischen
Culturgeschichte als einen noch hdheren Genuss flir den Italienfahrer, denn
das blosse Anschauen vollkommener Formen.
Noch bevor diese beiden genannten Arbeiten, die historische und die
kunsthistorische, geschrieben wurden, hatte der eifrige Studiosus von Bonn
aus im Herbst 1841 eine Studienreise ausserhalb Deutschlands unternommen;
sie ging nach Belgien. Ihr Niederschlag war das 170 Seiten starke Biichlein
»Die Kunstwerke der belgischen Stadte«; es war Franz Kugler dedicirt. B.
zeigt hier zum ersten Male seine wundervolle Cicerone-Begabung: er will dem
in Belgien Reisenden einen »kurzen Abriss« bieten von den wichtigsten kunst-
historischen Sehenswtirdigkeiten der sieben grossten belgischen Stadte: Liittich,
Lowen, Mecheln, Antwerpen, Brtissel, Gent und Brugge; und er denkt dabei
sogar an »sehr eilig Reisende«, zu deren Handen er im Register den beson-
ders beachtenswerthen Kunstwerken Sternchen beigiebt. Mit feinstem Ver-
standniss ist er der Architektur nachgegangen, die klarste Schilderung mit der
eindringendsten Kritik verbindend; und einen Satz wie den, dass der floren-
Burckhardt. 57
tinische Renaissancebaumeister nach bestem Wissen und Gewissen die Antike
zu reproduciren glaubt, w&hrend er etwas unendlich schoneres Neues schafft,
dtirfen wir als iiberaus charakteristisch ftir B. wohl ad acta nehmen. Der
Malerei gegeniiber fiihlt sich der Verfasser noch nicht so sicher; doch darf
hier vor Allem auf die umfangreiche Stelle tiber Rubens hingewiesen werden,
dem B. recht eigentlich eine centrale Stellung in seinen Schilderungen an-
gewiesen hat: »Eins hat er vor alien Malern voraus: die intensivste Bezeich-
nung des kraftigsten Lebens im Einzelnen und die des darzustellenden Mo-
mentes im Ganzen.« »Man vergesse nicht, dass er ein Zeitgenosse Shake-
speare's war.* Dieser Verehrung flir Rubens ist B. zeitlebens treu geblieben,
und er hat ihr noch im Greisenalter ein literarisches Denkmal gesetzt, von
dem spater in Klirze die Rede sein wird. Stilistisch ist dieser belgische
Cicerone von einer merkwtirdigen Reife des Ausdrucks, dessen Treffsicherheit
und Pracision oft wahrhaft liberraschen ; auch dem Humor lasst er an einigen
Stellen frohlich die Zligel schiessen. Das BUchlein ist aus einem selbstandigen
feinfuhligen Geiste und aus einer achten Kunstbegeisterung heraus geschrieben.
— Einer im selben Jahre wie diese Schrift in Basel anonym erschienenen
»Beschreibung der Mtinsterkirche und ihrer Merkwttrdigkeiten in Basal « sei
hier bios der Vollstandigkeit wegen gedacht. Gegentiber den friiher erwahn-
ten, jugendlichen Aufsatzen B.'s tiber das Basler Mtinster zeigt diese Arbeit
deutlich den Fortschritt kunstgeschichtlicher Erkenntniss.
Die Zeit des Universitatsstudiums war ftir B. vortiber, seine vollgiltigen
Reifeproben hatte er abgelegt. Aus dem Lernenden — im gewohnlichen
Sinn des Wortes — wurde ein Lehrender: der junge Doctor habilitirte sich
im Frtihjahr 1844 in Basel. Ein mehrmonatlicher Aufenthalt in Paris, wo B.
u. a. wie s. Z. auch in Berlin Manuskripte der Bibliothek auf werthvolles Ma-
terial ftir die Schweizergeschichte durchgestobert und excerpirt hat, war dieser
Docentenlaufbahn vorausgegangen. Neben den Universitatsvorlesungen, die
gleich Anfangs neben der Geschichte auch kunsthistorische Themata in ihren
Rahmen zogen, trat der 26jahrige Gelehrte in tfffentlichen Vortragscyklen vor
ein gemischtes Publikum; daneben entstanden einige kleinere Publicationen,
so, um nur diese zu nennen, ftir die »Mittheilungen der Antiquarischen Gesell-
schafu die inhaltreiche, wenn auch nur wenige Seiten umfassende Monographic
tiber »Die Kirche zu Ottmarsheim im Elsass«, der B. auf Grund genauer
stilistischer Analyse ihre richtige Stelle anwies als einem im n. Jahrhundert
nach dem Vorbild der Aachener Palastkapelle entstandenen Centralbau. Schon
im Frtihjahr 1845 rtickte B. zum ausserordentlichen Professor vor, freilich
ohne alles pecuniare Entgelt. So kam es, dass er im folgenden Jahre einen
literarischen Auftrag Franz Kugler's, der 1843 in's Cultusministerium berufen
worden war, annahm: die Neubearbeitungen von Kugler's Geschichte der Malerei
und Handbuch der Kunstgeschichte. Eine l&ngere Studienreise nach Italien,
die ihn zum ersten Male nach Rom flihrte, nachdem er auf frtiheren Reisen
nach dem Siiden nur bis Florenz vorgedrungen war, diente der Vorbereitung
auf diese Arbeit. Von Italien ging es nach Berlin, wo die Bearbeitungen der
genannten Werke gefordert und vollendet wurden. Aber Kugler's Absichten
mit B. beschrankten sich nicht auf eine vortibergehende Beschaftigung des
Basler Freundes, er suchte ihn dauernd nach Berlin zu ziehen, indem er ihm
eine Anstellung an der Akademie als Lehrer der Kunstgeschichte verschaffen
und seine wissenschaftlichen Fahigkeiten zu weiteren schriftstellerischen Arbeiten
verwerthen wollte. Die Vaterstadt schien ihres hochbegabten Mitbtirgers auf
58
Burckhardt.
lange hinaus, wenn nicht fiir immer verlustig gehen zu sollen. Allein die
maassgebenden Manner des wissenschaftlichen Basels hatten B. nicht aus
dem Auge verloren: ein Schulpensum an oberen Klassen des Gymnasiums
war frei geworden; man konnte endlich B. ein gesichertes Einkommen garan-
tiren. Und so klein dieser Gehalt war, die Liebe zur Vaterstadt wog fur B.
alle die Vortheile und Annehmlichkeiten des taglichen Verkehrs mit Kugler
und seinem Hause, einem Centrum feinen geistigen Lebens, auf. Der 3ijahrige
kehrte nach Basel zurtick und nahm neben der Schulthatigkeit seine Vor-
lesungen an der Universitat wieder auf. Das dauerte einige Jahre; da verlor
B. bei Anlass einer Schulreorganisation seine Stunden und damit sein be-
scheidenes Auskommen, eine Unbilligkeit, die er bis an sein Lebensende nicht
vollig hat verwinden konnen. »Da nahm ich die Kunstgeschichte wieder vor«,
fligte er einmal der Erzahlung dieses kleinlichen, gehassigen Geschehnisses bei.
Ein 1 5 monatlicher Aufenthalt in Italien liess den »Cicerone« entstehen, und
dessen Erscheinen verschaffte B. den Ruf als Ordinarius der Kunstgeschichte
an das neu geschaffene Eidg. Polytechnikum in Ztirich.
Vor dem »Cicerone« waren aber zwei historische Arbeiten B.'s erschienen,
deren eine zu den Glanztiteln seiner Gelehrtenlaufbahn gehort: 1850 die
Schrift »Erzbischof Andreas von Krain und der letzte Concilsversuch in Basel
1482 — 1484«, Ende 1852 »Die Zeit Constantins des Grossen«. Die erst-
genannte Studie, die das Aktenmaterial des Basler Staatsarchivs benutzt, mag
uns weniger interessiren in Bezug auf den speciellen Gegenstand, obwohl auch
dieser fiir die damaligen kirchlichen Zustande recht bezeichnend ist, als in
Bezug auf den glanzenden Rahmen, den B. um diese Episode herum gelegt
hat: in das Italien der Renaissance wird die abenteuerliche Gestalt des aus
Rom in die Schweiz kommenden unruhigen Concilforderers hineingestellt.
Und das Interesse B.'s gehort im Grunde jenem; und schon nimmt er an eini-
gen Stellen die grosse Verrechnung vor zwischen den Licht- und den Schatten-
seiten jener Zeit: die Papste und ihre Umgebung mogen unsittlich, ja un-
glaubig sein; »aber das damalige Rom ist eine der Geburtsstatten der soge-
nannten Renaissance, der neueren, durch das Alterthum befruchteten An-
schauungs- und Darstellungsweise in Kunst, Literatur und Leben; und diese
Renaissance ist eine der bedeutendsten Erinnerungen der heutigen Nationen.«
Und weiterhin heisst es: »dass hier unter ganz ausnahmsweisen Bedingungen
der Boden sich vorbereitete fiir einen Rafael und Michelangelo, konnte uns,
historisch erwogen, allein schon mit gar manchem versohnen.« Und von der
Schweiz des 15. Jahrhunderts liest man: »Das 15. Jahrhundert erzog Menschen
mit andren Nerven, als die unsrigen sind. Wenn ein Volk unaufhorlich
die Hand am Schwert halten, sich seines Lebens wehren muss, so bildet sich
unter dem ewigen Belagerungszustand eine andere Werthschatzung alles Thuns
und Lassens aus, als in der laulichen Temperatur eines von ausseri garan-
tirten Weltfriedens.« Aehnlichen Gedankengangen tiber die Wechselbeziehung
von bestandiger Lebensgefahr und gesteigertem Lebensgefiihl und dem ent-
sprechender Genussfahigkeit wird man spater in der »Cultur der Renaissance
in Italien« wieder begegnen. So hatte sich schon damals B. in die Ge-
dankenwelt und Sinnesweise derjenigen Zeit hineinzudenken vermocht, mit
deren Darstellung und Charakteristik sein Name stets wird verbunden bleiben.
Darin vor Allem liegt fiir uns heute der Werth der Schrift liber Andreas von
Krain, wobei ubrigens nicht vergessen werden soil, dass die Schrift als Dar-
stellung dieser Concilsepisode auch heute noch nicht veraltet ist; sie wird
Burckhardt
59
wiederholt und meist mit Zustimmung von Pastor im 2. Band seiner Papst-
geschichte citirt.
Bevor jedoch B. an die gewaltige Aufgabe herantrat, die Renaissancewelt
in ihrer ganzen Tiefe und Breite zu durchforschen und zu erfassen, war es
ein anderes unendlich wichtiges Phanomen der Weltgeschichte, das seinen
Geist zu ergrtinden lockte: jene Epoche, da in die antike Welt das Christen-
thum als eine junge und frische Macht eindrang und sie sich unterwarf. Als
geborener Culturhistoriker hatte B. eingesehen, dass dieser welthistorische
Process nicht durch ein einfaches politisches Machtgebot Constantins des
Grossen erfolgt ist, dass vielmehr diese Proklamirung des Christenthums als
Staatsreligion nur nach Aussen das Facit zog aus der vom Christenthum be-
reits errungenen innerlichen Macht liber die Geister. Diesen geistigen Sieg
der neuen Lehre zu erklaren aus der ganzen Cultur der antiken Welt: das
war das grosse Problem, das sich B. stellte. Darum schrieb er auch nicht
ein Leben Constantins, sondern er schilderte »Die Zeit Constantins des
Grossen«. Ende 1852 ist dieses Buch von tiber 500 Seiten (in der ersten
Auflage; in der zweiten von 1880: 450 Seiten) in Basel erschienen. Es zer-
fallt in drei fast genau gleich grosse Theile. Der erste gehtfrt der Schilde-
rung der Reichsgewalt im 3. Jahrhundert, einer glanzenden Uebersicht tiber die
romische Kaisergeschichte von Commodus an bis auf Diocletian; dann der
Darstellung von Diocletians Regierung und Adoptionensystem , wobei B.'s
Sympathie fiir diesen letzten grossen heidnischen Kaiser deudich zu Tage
tritt; und schliesslich in zwei Abschnitten der im klaren, kraftigen Freskostil
gehaltenen Charakteristik der Provinzen und Nachbarlande des romischen
Reiches im Westen und Osten. Nun folgt, als das Herz gleichsam des
Buches, die culturhistorische Schilderung der antiken Welt: hier lernen wir
kennen jene Processe der Gottermischung, der EinfUhrung immer neuer Culte,
der Vermehrung der Mysterien, des erhohten Damonenglaubens u. s. w., die
alle zeigen, wie die tibersinnliche Welt, namentlich die Frage nach Jenseits
und Unsterblichkeit, die damalige Welt auf's tiefste beschaftigt, auf s schwerste
angstigt. Und diese geistige Befangenheit und Bedrtickung ist schliesslich
auch nur ein Symptom von dem durchgehenden Factum der »Alterung des
antiken Lebens und seiner Culture, der »Abenddammerung des Heidenthums«.
Ueberall giebt sie sich kund : im Physischen wie im Geistigen, in der Tracht wie
in der Kunst, und die Menschen sind liberzeugt, dass sie in einer besonders
schlimmen Zeit leben. Erst nachdem der Leser in dieser Weise tiber die
politische Gestaltung des Weltreichs und tiber die geistige Stimmung, die
diesen ungeheuren Korper beseelt und beherrscht, orientirt ist, geht die Dar-
stellung in ihrem dritten Theil tiber zu den letzten Regierungsjahren Diocle-
tians, oder besser zu der Gewaltsmaassregel, die den Rest der sonst so ehren-
vollen Herrschaft Diocletians verdunkelt, der grossen Christenverfolgung : es
ist der letzte Kampf, den die neue Lehre um ihre Existenz gegentiber der
numerischen Uebermacht zu bestehen gehabt hat. Sie ist nicht untergegangen,
und derjenige, der ihr dann nicht nur Duldung gewahrte, sondern sie zur
Staatsreligion erhob, war Constantin, der gltickliche Sieger im Kampfe um
die Weltherrschaft. Die Gestalt dieses »politischen Rechners«, »der alle vor-
handenen physischen Krafte und geistigen Machte mit Besonnenheit zu dem
einen Zwecke bentitzt, sich und seine Herrschaft zu behaupten, ohne sich
irgendwo ganz hinzugeben«, »dem der Ehrgeiz und die Herrschsucht keine
ruhige Stunde gonnen«, bei dem daher auch »von Christenthum und Heiden-
60 Burckhardt.
thum, bewusster Religiositat und Irreligiositat gar nicht die Rede sein kann« :
diesen Mann lehrt uns B. kennen, in seiner Beziehung zu der nunmehr etablir-
ten christlichen Kirche, in seiner Stellungnahme zu den dogmatischen Streitig-
keiten, denen er innerlich vOllig neutral gegenlibersteht, so dass er die Par-
teien abwechselnd siegen lasst, und wobei es ihm die Hauptsache ist, »dass
man ihn und seine Macht nicht vergass*. Wir blicken in die rasche Ver-
weltlichung und Ausartung der Kirche hinein ; diesen Auswtichsen und Sch&den
aber schafft die Askese und ihre praktische Ausgestaltung im Einsiedlerleben
ein ideales Gegengewicht, zugleich erwachst hier der Kirche diejenige sittliche
Kraft, ohne welche der geisdiche Stand und die Kirche der folgenden Jahr-
hunderte vollig verweldicht ware und der »rohen materiellen Gewalt hatte
unterliegen miissen«. Den Schluss des Buches bildet die Betrachtung des
neuen Hofwesens unter Constantin, der inneren Reichsverwaltung, der Griin-
dung Constantinopels, worauf eine Schilderung Roms und Athens, der beiden
klassischen Statten, und ein Ausblick auf Palastina als das Land der frommen
Sehnsucht und andachtigen Verehrung das machtige und weihevoile Finale
bildet.
Es ist ein grossartiges geschichtliches Gem aide, das B. hier vor unseren
Augen aufrollt, erstaunlich in der vdlligen Lebendigmachung und psychologi-
schen Durchdringung eines vielfach sterilen und stark tendenzios gefarbten
Quellenmaterials, erstaunlich durch die geistige Freiheit, mit der hier an Pro-
bleme und Charaktere herangetreten wird, die bisher einer einseitigen rationa-
lisirenden oder, was noch schlimmer war, einer wesenUich erbaulichen Be-
handlung ausgesetzt gewesen waren. Von beiden Tendenzen weiss sich B.
frei: er will die damalige Zeit und die damaligen Menschen verstehen; er
giebt sich ruhig und besonnen Rechenschaft von der Schwachung der antiken
Welt und von der siegreichen Kraft des Christenthums, die wesentlich darin
bestand, dass es alle die angsdichen Fragen nach Jenseits und Unsterblichkeit,
die die weitesten Kreise des Imperiums beschaftigten und qualten, einfach
und einleuchtend beantwortete. Er erkennt in Constantin durch alle Erbau-
lichkeit und Andachtigkeit hindurch, in die ihn sein Biograph und Lobredner,
der Bischof Euseb von Casarea eingewickelt hat, den kalten genialen Politi-
ker, der diese ganze religiose Frage als Machtfrage behandelt; aus seinem
Hass gegen Euseb, diesen »ersten durch und durch unredlichen Geschicht-
schreiber des Alterthums« macht B. kein Hehl, und unbarmherzig entkleidet
er seinen Helden air des mystischen Schimmers, den die Legende um das
Haupt des ersten christlichen Kaisers gewoben hat. Er scheut auch nicht
davor zurtick, eine ftlr die Christen nichts weniger als schmeichelhafte Er-
klarung der Diocletianischen Verfolgung hypothetisch vorzubringen. Er nimmt
die Dinge und Personen durchgehends sehr menschlich und weiss von Ver-
tuschungen und Schonfarberei nirgends etwas. Und doch darf man nicht
behaupten, dass B/s Sinnesweise eine eigentlich profane sei: wie schon und
tief spricht er vom Zug des Menschen nach der Einsamkeit und seiner
Aeusserung nach der religiosen Seite hin in der Askese der Einsiedler; wie
weiss er auch den dogmatischen Streitigkeiten, in welche die »kaum aus den
Verfolgungen gerettete Kirche « hineingeriet, und die — bei Anlass des Con-
cils von Nicaa — an sich als » eines der unleidlichsten Schauspiele in der
ganzen Geschichte* bezeichnet werden, ihre bedeutsame Seite abzugewinnen,
indem er in der Orthodoxie »die Seele« des nicht zukunftlosen Byzantinismus
erkennt, die Kraft, wodurch die Kirche, die starker war als Cultur und Staat,
Burckhardt. 6 1
»noch anderthalb Jahrtausende hindurch unter dem Druck fremder Barbaren
die Nationalitaten zusammenhielt«. Und den grossen Kirchenlehrern , einem
Athanasius, Hieronymus, Gregor von Nazianz u. s. w., gesteht er bei all ihrer
kirchlich bedingten Einseitigkeit »ein hoheres incommensurables Lebens-
princip* zu, als dies »die grossen, ganzen, harmonischen Menschen des Alter-
thums« zeigen.
Zu alien Vorziigen des Inhaltes kommen noch die der Form hinzu, in
die B. seine Ergebnisse gekleidet hat. Sie ist durchgehend von klarster
Schonheit, voll Leben und Farbe. Dem Stoff ist alle Schwere genommen.
Die Lektiire ist lauter Genuss. Wie Mommsen, dessen Romische Geschichte
1854 zu erscheinen begann, scheut auch B. — freilich weit seltener — vor
Parallelen aus uns naher liegenden und bekannteren Zeiten nicht zuriick: der
Name Cagliostros meldet sich einmal bei Anlass des antiken Aberglaubens ;
Napoleon wird mehrere Male als Vergleichsobjekt beigezogen, seine Person-
lichkeit musste gerade bei der Schilderung eines Constantin sich fast von
selbst aufdrangen. In einer ersten Besprechung des Buches in einer Basler
Zeitung war auf die fast franzosische Eleganz der durchweg anziehenden,
lebhaften und geistreichen Darstellung hingewiesen worden. Die Bemerkung
ist thatsachlich begrundet: B. hatte franzosische Historiker sich zum Vorbild
genommen, als er den Riesenstoff seines Werkes zu verarbeiten sich an-
schickte; bei Guizot und den Thierry habe man gesehen, wie man solche
Dinge angreifen mlisse, um sie noch einigermaassen den Leuten interessant
zu machen — so hat er sich selbst mlindlich geaussert. Den franzosischen
Schriftstellern als stilistischen Kiinstlern hat B. zeitlebens seine Bewunderung
gegonnt; selber ein Meister der Darstellung, flihlte er sich zu ihnen hingezogen.
Dass ein Buch wie »die Zeit Constantins des Grossen« fast dreissig Jahre
brauchte, um zum zweiten Male verlegt zu werden, darf billig in Erstaunen
setzen; um so dankbarer wollen wir sein, dass sein Verfasser sich dadurch
nicht hat abschrecken lassen, die zweite Auflage (von 1880 bei Seemann)
ohne fremde Zuhilfenahme zu bearbeiten. Das Buch muss ihm offenbar am
Herzen gelegen haben, und er freute sich auch, wenn er vernahm, dass
Manner von der kritischen Scharfe und dem ungeheuren Wissen v. Gut-
schmid's dem »Constantin« voiles Lob spendeten. Nichts spricht deutlicher
fiir die Soliditat von B.'s Arbeit als die Thatsache, dass er in den wesent-
lichen Punkten, namentlich in allem, was das Culturhistorische bedarf, sein
Buch unverandert lassen konnte; er selbst hat die gesammten Aenderungen
auf 30 bis 50 Zeilen beziffert! Offenbare Irrthiimer hat er willig corrigirt:
von seiner friiheren Ansicht z. B., dass die Schrift des Lactanz von den Todes-
arten der Verfolger diesem Autor nicht gehore, ist B. vollig zurlickgekommen.
Bei seiner Hypothese von den Ursachen der Diocletianischen Christenverfolgung
aber verblieb er trotz mannichfacher Angriffe, zum Theil von solider Theologen-
grobheit; ebenso liess er sich auf ein diplomatisirendes Markten iiber die
grossere oder geringere Verlogenheit des Euseb nicht ein: sein Constantin-
portrat behielt die realistische Zeichnung und die lebensvollen, wenn auch
nichts weniger als anmuthenden Ziige. Fiir neuere Versuche, den kaiserlichen
Morder fiir den christlichen Glauben zu retten, hatte B. nur ein Lacheln: er
hatte zu tief in Constantins Seele gelesen.
Es muss immer aufs neue in Erstaunen setzen, wie rasch nach dem
Constantin-Buche der »Cicerone« entstanden ist. Verschiedenere Welten lassen
sich doch wohl nicht leicht denken; die eine schcint die andere fast aus-
62 Burckhardt.
zuschliessen : dort die stupende Kenntniss der spateren heidnischen Autoren,
wie dfer Kirchenschriftsteller, und dazu einer grossen gelehrten Literatur, im
Dienste politischer und culturgeschichtlicher Ergrtindung einer an Rathseln
und Problemen reichen, dem Errathen mehr als einmal Spielraum lassenden,
die hfcchsten Ansprtiche an den psychologischen Scharfblick stellenden Ueber-
gangszeit; hier eine trotz einzelner — offen und ehrlich eingestandener —
Lticken geradezu imposante Kunde der Denkmaler des italischen Kunstschaf-
fens in Architektur, Skulptur und Malerei, von den Tempeln in P&stum an
bis auf die Landschaftsmalerei der Poussin und Claude Lorrain, im Dienste
der feinsten &sthetischen Bildung, eines ktinstlerischen Blickes von erstaunlicher
Sicherheit, einer oft wahrhaft divinatorischen Kraft des Nachempfindens und
Verstehens. Dem culturhistorischen Meisterwerk folgt das kunsthistorische. Man
zeige uns den Gelehrten, der die geistige Ausrilstung fiir diese beiden Ge-
biete der Geschichte und der Kunst in solcher Vollstandigkeit sein eigen ge-
nannt hat.
Aus innerster Ueberzeugung heraus, wie ein Bekenntniss hat B. seinem
1855 in Basel erschienenen »Cicerone« das Pliniuswort als Motto vorgesetzt:
Haec est Italia Diis sacra. Ftir ihn war das Land jenseits der Alpen
heiliger Boden: mit wahrer Andacht hat er sich in seine Kunst versetzt, und
sie hat ihm ihr Innerstes offenbart; darum liegt es auch wie ein lichter
Schimmer von eigenem inneren Gliick fiber dem ganzen Buche, darum darf
es auch ausklingen in die hochst personlichen Worte vom Heimweh, » welches
nur zeitweise schlummert, nie stirbt, nach dem unvergesslichen Rom«: »Der
dieses schreibt, hat die Erfahrung gemacht.« per Stoff zerfallt naturgemass
in die drei Theile der Baukunst (mit Einschluss der Decoration), der Bild-
hauerei und der Malerei; innerhalb jedes einzelnen geht die Betrachtung
jeweilen vom Alterthum bis zum Ende des 17. Jahrhunderts als einer fort-
laufenden Kundgebung des italischen Kunstgeistes, der selbst die als etwas
Fremdartiges, fast Feindliches von vornherein empfundene Gothik in ganz
bestimmtem und originellem Sinne umzuwandeln vermocht hat. Die Antike
bleibt schliesslich doch immer die grosse Tradition, wenn sie nicht geradezu
die erlauchte Lehrmeisterin wird. Nicht umsonst entfallt denn auch von den
rund 1050 Seiten des »kleinen dicken Buches«, wie der Verfasser seinen
»Cicerone« charakterisirt hat, fast die Halfte auf die Kunst der Renaissance
(Friihrenaissance bis Barockstil); in ihr erblickte B. die grosste ktinstlerische
Leistung Italiens seit den Zeiten antiker Kunsttibung. Hier hat aber auch an
unz£hligen Stellen B. recht eigendich als Entdecker der klinftigen Forschung
die Bahn frei gemacht. Bei aller Vorliebe jedoch, die er dieser Periode, vor
allem der eigendichen Hochrenaissance, der kurzen Periode, welche die Le-
benszeit Rafaels umschliesst, entgegenbringt, hat B. auch der Zeit des Verfalls
seinen ganzen Forschereifer und die voile Kraft seines fisthetischen Verstand-
nisses nicht vorenthalten. Wie er der italienischen Gothik ihre ganz bestimmte
Eigenart und Bedeutung endgiltig zuerkannt hat, so wusste er der Barock-
baukunst ihren ganz specifischen Werth abzugewinnen: »sie spricht dieselbe
Sprache, wie die Renaissance, aber einen verwilderten Dialekt davon«. Das
hohe Lob der Gerechtigkeit darf dem » Cicerone « nicht vorenthalten bleiben,
mit einer Ausnahme allerdings: Michelangelo kommt bei B. nicht gut weg.
Das Gewaltsame, an keine Tradition sich bindende, immer neuen Formproble-
men nachjagende Naturell dieses Kiinstlertitans war ihm fast unheimlich, er
sptirte etwas »damonisches« in ihm, und das sagte B. nicht zu. Unter dieser
Burckhardt. 63
Antipathie hat namentlich der Skulptor Michelangelo zu leiden gehabt. In
seinen »aus der Traumwelt der Moglichkeiten gegriffenen Gestalten« glaubte
B. nur »das Motiv als solches, nicht als passendsten Ausdruck eines gegebenen
Inhaltes« — wie dies flir die antike Skulptur der »Cicerone« statuirt — zu
erblicken, und diese Absichtlichkeit war ihm antipathisch, und er flihrte gegen
sie in's Feld den Liebling seines Herzens, Rafael, »der den Sinn mit dem
hochsten Interesse an der Sache und das Auge mit innigstem Wohlgefallen
erfullt, lange ehe man nur an die Mittel denkt, durch welche er sein Ziel
erreicht hat«. Von Rafael heisst es feierlich: »die Seele des modernen
Menschen hat im Gebiet des Form-Schonen keinen hoheren Herrn und Htiter
als ihn«.
Es ist hier nicht die Stelle, um ausfiihrlicher von diesem Buche zu spre-
chen, das sich ohnehin bei alien Italienfreunden des Heimathrechts erfreut.
Nur einige Randbemerkungen wollen wir uns gestatten. In dem Widmungs-
brief der ersten Auflage »An Franz Kugler in Berlin« schreibt B.: »Du siehest,
wie ich mit unserer schon etwas bejahrten asthetischen Sprache gekampft
habe, um ihr ein eigenthiimliches Leben abzugewinnen.« In diesen beschei-
denen Worten deutet der Verfasser auf eine Seite seines Buches hin, die nie
genug bewundert werden kann: die ganz einzigartige Pragnanz und Treff-
sicherheit des Ausdrucks. Jedes Adjektiv ist mit feinster Ueberlegung ge-
wahlt und steckt voll bezeichnender Charakteristik ; jeder Satz ist knapp und
doch nirgends armlich formulirt und deckt sich in seiner klaren Fassung vollig
mit dem Gedanken, dem Urtheil, das er vermitteln will. So ist der » Cice-
rone* eine unerschopfliche Fundgrube gesunder asthetischer Terminologie ge-
worden und ein stets neues Entziicken Aller, die sich ein Gefiihl flir Schon-
heit, Kraft und Biindigkeit des sprachlichen Ausdrucks bewahrt haben. Das
personliche Moment in dem Buche haben wir schon oben kurz berlihrt; an
wie manchen Stellen tiberrascht uns B. mit einer Bemerkung, die wir gerade
hier nicht gesucht hatten: da lesen wir ein sehr ausfiihrliches und ftir B.
hochst bezeichnendes Urtheil liber Dante's Gottliche Komodie; da stossen wir
auf den schon friiher erwahnten warmen Preis des Luganersees, dem vor dem
»brillanten« Comersee der Vorzug gegeben wird; da treffen wir bei Anlass
Berninis eine feine Parallele oder wol besser Contrastirung der allegorischen Ge-
stalten dieses Kiinstlers zu denen in Calderon's Dramenwelt, und anschliessend
daran die Bemerkung, dass man auch bei Rubens bisweilen eine ahnliche,
zum Glauben zwingende Gewalt der Allegorie wie bei Calderon empfinde.
Diese wenigen Proben rnussen hier genilgen. An Reich thum der Gesichts-
punkte, asthetischem Feingehalt, sprachlicher Vollendung steht der »Cicerone«
in der Kunstgeschichte unseres Jahrhunderts wohl einzig da. Von Winckel-
mann riihmt huldigend der »Cicerone«, dass »die Kunstgeschichte ihm vor
alien anderen den Schliissel zur vergleichenden Betrachtung, ja ihr Dasein
verdankU ; vom »Cicerone« selbst, der sich mit vollstem Recht »eine
Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens« nennen durfte, konnen
wir sagen, dass wir ihm in erster Linie unsere Kenntniss der italienischen
Kunst und damit vielleicht eines der hochsten Gliicksgiiter unseres Lebens
verdanken.
Der « Cicerone* brachte, wie schon erwTahnt, B. den Ruf als Lehrer der
Kunstgeschichte an's Polytechnikum nach Zurich. Gottfried Semper war
gleichzeitig mit ihm dahin berufen worden ; naher sind sich die beiden Manner
bei aller gegenseitigen Hochachtung nicht gekommen. Zu Gottfried Keller
64 Burckhardt.
trat der Basler in ein gutes Verhaltniss, und er freute und rtihmte sich dessen
noch in seinen alten Tagen. Er hat ihn als Dichter warm verehrt und ihm
gewisse kraftige Ausfalle wie im »Verlornen Lachen* ganz besonders hoch
angerechnet. Bei allem Lehrerfolg und aller Anerkennung, die sich B. durch
Vortrage auch in weiteren Kreisen erwarb, behagte es ihm aber auf die Lange
in Zurich doch nicht, und er Hess sich im Friihjahr 1858 mit Freuden nach
Basel zurtickberufen ; endlich fand er in der Vaterstadt die Stellung, die seiner
Fahigkeiten wiirdig war: das Ordinariat der Geschichte in Verbindung mit
einem Geschichtspensum an den obersten Klassen des Gymnasiums. Im
Sommer 1858 nahm er seine Vorlesungen in Basel wieder auf. Eine Frucht
des Ziircher Aufenthalts ist eine Monographic liber den Dom von Chur, er-
schienen in den Mittheilungen der Ziircher Antiquarischen Gesellschaft, leider
anonym, so dass sie, obwohl B.'s Autorschaft erwiesen ist, in dem Publica-
tionenverzeichniss der Gesellschaft fort und fort unter der unrichtigen Flagge
Ferd. Keller's segelt. Es ist eine sorgfaltige und feinsinnige Beschreibung des
baulich und um seiner Kirchenschatze willen sehenswerthen Doms in der alten
rhatischen Hauptstadt. Wichtig sind die Ziircher Jahre fiir B. dadurch ge-
worden, dass er dort auf der Bibliothek reichstes Material fand fiir seine
Renaissance-Studien. Auf Grund dieser entstand zunachst die Universitats-
vorlesung liber die Culturgeschichte Italiens vom 13. bis in's 16. Jahrhundert,
die B. im Winter 1858/59 in Basel hielt; dann erschien i860 in Basel sein
zweites culturhistorisches Hauptwerk »Die Cultur der Renaissance in Italien«.
Das Buch erfreut sich, wie man heute, da eine franzosische, englische, italie-
nische, ungarische und polnische Uebersetzung desselben vorliegt, wohl sagen
darf, eines Weltruhms; flinf Auflagen sind bis 1896 von ihm erschienen;
neben ihm ist, man darf mit Recht sagen » leider «, »Die Zeit Constantins des
Grossen«, in den Schatten gerlickt worden, weshalb wir oben auch absicht-
lich ausfuhrlicher auf dieses Werk eingegangen sind, das so reichen Stoff zu
historischem Nachdenken bietet. Begreiflich ist diese Bevorzugung des Buches
liber die Renaissancecultur allerdings, denn zum Italien jener Zeiten fiihlen
wir Nordlander uns schon durch die hohe Kunst, die uns von Jugend auf in
Reproductionen berlihmter Schopfungen als etwas besonders Verehrungs-
wlirdiges empfohlen ist, wie durch einen geheimen Zauber hingezogen; und
von vornherein muss es uns locken, Naheres zu erfahren von einer Periode,
deren reiches Kunstschaffen nur in der Antike ihres Gleichen besitzt. Und
welchen Blick hat uns da B. eroffnet, wie ist er auch hier, wie einst schon
im »Cicerone«, der grosse Entdecker geworden! Heute sehen wir recht
eigentlich die Renaissance durch das Medium von B.'s Geist; und was sich
an seiner AufTassung als correcturbedurftig erwiesen hat, beriihrt doch nirgends
die grossen bleibenden Hauptresultate seines Culturbildes. Mag auch da und
dort im Mittelalter, etwa im Slid-Frankreich der provengalischen Cultur, ein
individuelles Streben zum Durchbruch gekommen sein, im letzten Grunde
bleibt es eben doch fiir das geistige Gesammtbild des Mittelalters bei dem
berlihmten Satze B.'s: »Im Mittelalter lagen die beiden Seiten des Bewusst-
seins — nach der Welt hin und nach dem Innern des Menschen selbst —
wie unter einem gemeinsamen Schleier traumend oder halbwach. Der Schleier
war gewoben aus Glauben, Kindesbefangenheit und Wahn; durch ihn hin-
durchgesehen erschienen Welt und Geschichte wundersam gefarbt. Der Mensch
aber erkannte sich nur als Rage, Volk, Partei, Corporation, Familie oder sonst
in irgend einer Form des Allgemeinen.« Ware das nicht so gcwesen, so
Burckhardt. 65
wttrde sich eben doch nie verstehen lassen, warum nur Italien die Renaissance
geschaffen hat; hier muss wirklich, wie B. es ausfiihrt, der Volksgeist ein
anderer gewesen sein als in den anderen Landern, hier mlissen Krafte ge-
schlummert haben, die trotz aller mittelalterlicher Bande auf das Konigsrecht
des Individuums, sich seiner Subjectivitat bewusst zu werden und die Dinge
dieser Welt objectiv zu betrachten und zu behandeln, sich zu besinnen die
Fahigkeit und den Muth besassen. Denn daran halt B. fest: nicht das Alter-
thum allein ist es gewesen, das, wieder erwacht, die Menschen zwang, sich
wieder auf sich selbst zu besinnen, sondern sein Biindniss mit dem bestehen-
den italienischen Volksgeist. In seinen Condottieren und Staatsktinsdern sah
Italien zum ersten Male die Macht des Individuums wieder zur Geltung ge-
langen; daneben sind es die beiden grossen Stadte-Republiken Florenz und
Venedig, vor allem das erstere, in denen der Geist der antiken Polis, der
selbstbewussten Stadtgemeinde, sich neue Formen schafft und ein neues indi-
viduelles Leben weckt. Und wie den Menschen, so entdeckt diese Renaissance
im B.'schen Sinne auch die Welt; Michelet hatte einst diese Formel fllr die
Renaissance geschaffen, B. aber giebt ihr als Erster den wahren, vollen In-
halt: der Blick offnet sich flir die weite Welt, flir die landschaftliche Schon-
heit, wie er sich nach innen das Seelenleben des Menschen erschliesst und
diesen zum Mittelpunkt der Schilderung in Poesie und Prosa werden lasst. Und
das alles wird nun »von der Einwirkung der antiken Welt mannichfach ge-
farbU; und »nur mit ihr und durch sie«c ist » die Aeusserungsweise im Leben
verstandlich und vorhanden«. Diesem neuen machtigen Fluidum ist B. nach-
gegangen im dritten Abschnitt seines Buches, der von der Wiedererweckung
des Alterthums handelt, Wie sich nun diese italienische Renaissancemensch-
heit — B. denkt dabei freilich ausschliesslich an die Gebildeten des damaligen
Italiens — in concreter Weise auslebt, das schildert wunderwtirdig der Ab-
schnitt liber die Geselligkeit und die Feste. Wie ein Hauch von Sehnsucht
nach diesem gl&nzenden und geistvollen Treiben liegt es iiber diesem farben-
prachtigen Kapitel, das denn auch nicht vergebens ausgeht in den resignirt-
wehmtithigen Refrain aus dem bertihmten Bacchus und Ariadne-Trionfo Lo-
renzo Medicis, den man auf Deutsch etwa so wiedergeben konnte: »Golden
ist der Jugend Schimmer, — Doch gar bald der Zeiten Beutel — Willst Du
froh sein, sei's drum heute, — Wer weiss, morgen bist Du nimmer.« Den
Schluss des Buches bildet eine Betrachtung von Sitte und Religion: neben
reinem Licht auch tiefer Schatten, neben geistiger Freiheit finsterer Aber-
glaube, Frevelsinn zeitweise abwechselnd mit »Bussepidemien«, neben der
Weltlichkeit im ernsten Sinne des Wortes, von der es bei B. heisst: »Es ist
eine erhabene Nothwendigkeit des modernen Geistes, dass er dieselbe gar
nicht mehr abschtitteln kann, dass er zur Erforschung der Menschen und der
Dinge unwiderstehlich getrieben wird und dies ftir seine Bestimmung halU,
neben dieser der machtige Glaubenseifer Savonarola's, des Mannes mit der
gewaltigen Seele und dem engen Geiste. Aber bei allem mannichfachen
Triiben warnt B. doch durchgehend vor einer einseitigen Verurtheilung des
damaligen Italieners in sittlicher Beziehung: »Die grosse Verrechnung von
Nationalcharakter, Schuld und Gewissen bleibt eine geheime, schon weil die
Mangel eine zweite Seite haben; wo sie dann als nationale Eigenschaften , ja
als Tugenden erscheinen.« Und weiter: »Eine grosse Nation, die durch
Cultur, Thaten und Erlebnisse mit dem Leben der ganzen neueren Welt ver-
flochten ist, tiberhort es, ob man sie anklage oder entschuldige ; sie lebt
Blogr. Jahrb. a. DeuUcher Nekrolog. 2. Bd. C
66 Burckhardt.
weiter mit oder ohne Gutheissen der Theoretiker.c So will B. denn auch
alle seine Aeusserungen iiber Sitte und Religion der Renaissancemenschen nur
als eine Reihe von Randbemerkungen aufgefasst wissen. Er l&sst bis auf einen
gewissen Grad den Einwand gegen die Renaissance gelten, dass sie zu keiner
eigentlichen Reformation gelangt sei, aber er giebt dem gegeniiber auch zu
erwagen, dass seit dem 13. Jahrhundert bis auf Savonarola »sehr viel posi-
tiver GlaubensinhalU vorhanden war, »dem zur Reife nichts als das Gltick
fehlte«. Auch an anderen Stellen, z. B. in Bezug auf die Unsittlichkeit der
damaligen Novellisten, auf das Brechen der Ehe, auf das sogenannte moderne
Heidenthum der Renaissance, weiss B. die Gegenrechnung geistreich und
liberzeugend aufzustellen, ohne doch je in den Ton eines banalen Plai-
doyers zu verfallen. Davor bewahren ihn sein Geschmack und sein psycho-
logischer Scharfblick. Dass er (ibrigens ohne Vorbehalt und ohne mildernde
Instanzen Verwerfliches beim Namen nannte, konnte schon einzig die
Charakteristik Pietro Aretino's zeigen; so hat etwa Dante seine Verdammten
behandelt.
Der Ruhm der *Cultur der Renaissance* lSsst sich gar nicht erschopfen;
das Buch verlangt gebildete Leser und ruhige und wiederholte Lektttre: dann
erst wird man seines ungeheuren Reichthums inne. Einen Stoff, der fur
mehrere Bande ausgereicht h&tte, und fiir den vielleicht auch urspriinglich
eine breitere Darstellung vorausgesehen war, hat B. hier auf 560 Seiten zu-
sammengedr&ngt : jeder Satz ist mit Inhalt gesattigt, das Ganze in einer Weise
durchdacht und verarbeitet, dass das Buch wie ein grosser herrlicher Organis-
mus vor uns steht. Lhre admirable, le plus complet et le plus philosophique
qu'on ait icrit sur la Renaissance italienne: mit diesen Worten hat H. Taine,
auch ein Gewaltiger im Reiche des Geistes, das Buch B.'s in einer Anmer-
kung seiner Philosophie de FArt charakterisirt; und wer in Deutschland jemals
liber Renaissance das Wort ergriffen, hat in lauten Worten das Verdienst
dieses Werkes gepriesen, das den Begriff der Renaissance im Grossen und
Ganzen endgiltig fixirt hat. Nur ein wahrhaft philosophischer Kopf konnte
dieses Buch schreiben und so schreiben; wir wollen damit B. nicht zu einem
Philosophen machen in der iiblichen Bedeutung dieses Wortes: die philoso-
phische Speculation war seine Sache nie, und schon der Student hatte in
Berlin nur ein skeptisches Lacheln fiir den Hegel'schen Formelkram und hielt
spottend seinen Hegelianer-Freunden den »tiberwundenen Standpunkt« der
positiven Kenntnisse vor. Ein Philosoph aber ist B. in der Kunst, aus dem
massenhaften Stoff das Werthvolle, Bleibende, Bezeichnende herauszusch&len,
es innerlich in Beziehung zu setzen, in einen grossen Zusammenhang zu brin-
gen und so das tiefste Wesen geschichtlicher Erscheinungen zu ergriinden
und zu formuliren. Halt man so von dem Begriff des philosophischen Den-
kens alles Abstrakte, Begriffsmassige, Ntichterne und Kahle fern, so wird man
dem Ausspruch Taine's in vollem Umfange zustimmen mtissen, Nur feinste
Geistesbildung hat das Renaissancebuch schaffen konnen und nur ein jener
Epoche in manchem congenialer Mann konnte sich so in sie hineinversetzen,
nur ein Psycholog von so intuitivem Scharfblick vermochte mit dieser Sicher-
heit in den Seelen der damaligen Menschen, in und zwischen den Zeilen der
damaligen Literatur zu lesen. Alle Erudition ware ohne diese Eigenschaften
unfruchtbar geblieben; unter B.'s Handen wurde sie lebendig und gab ihr
Feinstes und Werthvollstes willig her. Das macht das unvergangliche Ver-
dienst der »Cultur der Renaissance in Italien« aus.
Burckhardt. 67
B. ist, nachdem er einmal sein Werk veroffentlicht hatte, nie mehr in
seinen Vorlesungen im Zusammenhang auf diese Culturperiode zuriickgekom-
men; in dem Geschichtscolleg, das die Zeit von 1450 bis 1598 umfasste, lag
der Accent fast ausschliesslich auf der politischen Geschichte, und nur sehr
sporadisch flocht er einzelne Bemerkungen tiber die culturgeschichtliche Seite
dieser Epoche und ihre Hauptvertreter ein. Es hatte ihm widerstrebt,
einen Stoff immer und immer wieder zu behandeln, den er in eigenen Biichern
fixirt hatte, oder gar seine Arbeiten citiren zu miissen. Das ist nie geschehen.
Nicht alle Hochschullehrer sind so feinfuhlig. Ftir B. war das Problem, das
er sich gestellt hatte, erledigt; er wandte sich sofort der Erforschung einer
anderen Culturwelt zu: der griechischen. Sie wurde fortan in den Rahmen
seiner Universit&tsvorlesungen aufgenommen und ersetzte mit der Zeit das
Colleg ttber alte Geschichte, dessen Vorbereitung bei der Fiille der neuen
Forschungen auf dem Gebiete der orientalischen Geschichte B. besondere
Mtihe machte. Ein grosses Werk schuldete er freilich der Wissenschaft noch ;
die kurze Einleitung zur »Cultur der Renaissance « hatte er mit dem Satz
abgeschlossen : »Der grossten Liicke dieses Buches gedenken wir in einiger
Zeit durch ein besonderes Werk flber »Die Kunst der Renaissance* abzu-
helfen.* Er konnte sich getrauen, ein solches Versprechen zu geben, hatte
er doch im » Cicerone*, den er hier wie nicht vorhanden behandelt, die voll-
giltige Probe seiner Befahigung zu dieser Arbeit abgelegt. Leider hat B.
dieses Versprechen nicht im vollen Umfange eingelost; aus dem Kunstschaffen
der Renaissance griff er ein einziges Gebiet, das ihm freilich stets besonders
am Herzen lag, heraus: die Architektur sammt der Decoration. So entstand
»Die Geschichte der Renaissance in Italien«, als 4. Band der von Kugler be-
gonnenen, von W. Llibke, B.'s Freunde, fortgesetzten »Geschichte der Bau-
kunsU. 1867 erschien das Buch, 1878 wurde eine zweite Auflage nothig,
die dritte kam 1891 zur Ausgabe. Die »Geschichte der Renaissance* ist
dasjenige Buch B/s, welches die grossten Ansprliche an den Leser stellt und
deshalb auch immer nur von Wenigen in seiner ganzen unvergleichlichen
Feinheit und Eigenart wird gewurdigt werden konnen. Indem der Verfasser
auf den Reiz der fortlaufenden Schilderung absichtlich verzichtete, den Stoff
in kurze, knappe Paragraphen und diese erlauternde und belegende Anmer-
kungen zusammendr&ngte , liberdies die Denkmaler nach Sachen und Gat-
tungen systematisch gliederte, stellte er an den Leser die Forderung, ein ge-
naues, anhaltendes und eindringendes Studium der Darstellung zu widmen.
Dieses Studium aber wird herrlich belohnt. Die scharfe Precision des sprach-
lichen Ausdrucks, der in wenigen Worten immer das Wesentliche und Cha-
rakteristische zu sagen weiss; die Feinheit des formalen Empfindens; die
vftllige Durchdringung und Beherrschung des Stoffes feiern hier wahre Triumphe.
Das Buch konnte von einem hochgebildeten Architekten geschrieben sein, und
doch gewinnt man den Eindruck, dass selbst ein solcher kaum Besseres und
TrefTenderes zu sagen vermochte, als dieser Laie in Bausachen, der aber die
Sprache des architektonischen Schaffens in der Anwendung der Einzelformen
wie in der Composition des Einzelnen zu einem baulichen Organismus ge-
radezu wunderbar verstand. In Fachkreisen ist deshalb auch B. um dieses
Werkes willen willig und neidlos der Ruhm einer Autoritat fur die Renais-
sancebaukunst zugestanden worden. Der Hohepriester der Renaissance, wie
Waagen einst B. genannt, hatte nochmals in herrlicher Weise seines Amtes
gewaltet.
5*
68 Burckhardt.
Mit der »Geschichte der Renaissance in Italieru schloss B. seine wissen-
schaftlichen Publicationen ab. Der literarische Ehrgeiz hat ihn nicht geplagt,
so wenig als der specielle Gelehrtenruhm. Er empfand es tiberdies als eine
grosse Wohlthat, nicht »in der Knechtschaft buchhandlerischer Geschafte
leben zu mussen«. Und so haben wir denn das merkwUrdige Schauspiel, dass
ein Mann von B.'s Bedeutung vom Jahre 1867 an bis zu seinem 1897 er-
folgten Tode, also 30 Jahre lang, mit keinem neuen Werke mehr vor die
Oeffentlichkeit trat, ja, dass er die alten mit Ausnahme der »Zeit Constantins
des Grossen* und der »Geschichte der Renaissance* flir die Neuauflagen so-
zusagen v6llig aus seinen Handen gab; und auch bei letztgenanntem Buche
vertraute er die dritte Auflage von 1891 Professor Holtzinger an, ohne frei-
lich auf die Mitarbeit ganz zu verzichten. Die »Cultur der Renaissance «
hatte er 1869 in nahezu unveranderter Ausgabe zum zweiten Male er-
scheinen lassen; weiterhin nahm er sich dieses Werkes nicht mehr an; Prof.
Ludwig Geiger in Berlin besorgte die weiteren Auflagen, leider nicht ohne
mannichfache tiberflfissige HinzufUgungen und ausserliche VerSLnderungen, ab-
gesehen von gewissen Auslassungen, die, angeblich von dem neuen Stand der
Wissenschaften gefordert, gar nicht immer auf die Lange sich gerechtfertigt
haben. Nur der italienischen Uebersetzung des Buches durch Prof. Valbusa
in Mantua (Florenz 1876) lieh B. seine Mithilfe durch einige HinzufUgungen
und Correcturen; doch blieb das Werk in allem Wesentlichen vollig unver-
&ndert. Unter diesen Umst&nden haben die beiden ersten deutschen Auflagen
der Renaissancecultur ihren ganz besonderen Werth. Auch dem » Cicerone «
ist es nicht iiberall gut bekommen, dass die moderne Forschung sich seiner
angenommen hat. Nachdem zuerst Alb. von Zahn die neuen Auflagen be-
sorgt und Mtindler Zusatzbandchen dazu herausgegeben hatte, iibernahm
Wilh. Bode, der hochverdiente Berliner Museumsdirector, die fernere Heraus-
gabe, und Anfangs des Jahres 1898 ist nunmehr die siebente »vermehrte und
verbesserte« Auflage erschienen. Es lag ja auf der Hand, dass ein Buch, das
wie der » Cicerone « den Italienfahrer zum Genuss der dortigen Kunstwerke
anleiten sollte, sich nicht vollig von den Resultaten der rastlos thatigen kunst-
geschichtlichen Forschung emancipiren konnte. Nur hatte man eben diesen
Zweck des Buches, den asthetischen Genuss zu vermitteln, nicht allzu sehr
dem bloss wissenschaftlichen Forscher- und Sammelfleiss opfern sollen. Das
ist aber vielfach im Uebereifer des Genauigkeits- und Vollstandigkeitsdranges
geschehen. Und durch diese Vermehrung in der Aufzahlung von Kunst-
werken, die der Forscher aufsuchen muss, die aber der kunstfreundliche
Italienfahrer schpn aus Mangel an Zeit unmoglich alle berticksichtigen kann,
da sie vielfach in entlegenen Orten zerstreut sind, hat das Buch eine Ver~
grosserung erfahren, die schon aus praktischen Grtlnden kaum zu begriissen
ist. Auch die Eintheilung musste sich starke Veranderungen gefallen lassen:
flir B. war, wie schon hervorgehoben wurde, die italienische Kunst ein grosses
Ganzes: die Antike und die Renaissance bilden die beiden gewaltigen ent-
scheidenden Phanomene des italischen Kunstschaflens ; auf ihnen liegen die
Hauptaccente. Diesen wohlerwogenen Organismus haben die neuesten Auf-
lagen zerstort, indem sie die antike Architektur, Skulptur und Malerei in ein
gesondertes erstes Bandchen vereinigt haben; ein zweiter Band bringt dann
die Architektur und Skulptur (in der neuesten erhielt sogar die Skulptur den
Vortritt), ein dritter die Malerei der »neueren Kunst «. Ein viertes Bandchen
enthalt das sorgfaltige und reichhaltige Register. Die gewaltige Summe von
Burckhardt. 6o
Forschung, die namentlich dem heute in der Werthschatzung so enorm gegen-
liber frliher gestiegenen Quattrocento gegonnt worden ist, ist audi ftir den
»Cicerone« bedeutungsvoll geworden: hier ist vielfach, namentlich in der
Skulptur, das alte B.'sche Buch ein neues geworden, imd einzelne aus der
ersten Auflage herubergenommene Partien oder nur Satze nehmen sich neben
dieser dem B. des »Cicerone« von 1855 fremden Begeisterung ftir das Kunst-
schaffen des 15, Jahrhunderts, namentlich das realistische, manchmal recht
sonderbar aus. Aehnlich verhalt es sich bei der Malerei. Den originalen B.
findet man daher nur in der ersten Auflage, und sein Urtheil wird vielleicht
neben dem historischen Werth, den es ftir sich beanspruchen darf, eines Tages
wieder einen actuellen gewinnen, wenn, was gar nicht unmoglich ist, der
Schwerpunkt der asthetischen Bewunderung wieder mehr auf die eigentliche
Hochrenaissance und die von ihren Idealen inspirirten Nachzligler gelegt wird.
Dass den sog. Eklektikern z. B. heutzutage vielfach Unrecht geschehe, blieb
B.'s feste Ueberzeugung.
Hatte sich auf diese Weise der grosse Gelehrte in den letzten drei De-
cennien seines Lebens vom Blichermarkt vollig fern gehalten und sich damit
freiwillig der Gefahr des Vergessenwerdens in unserer literarisch so ungeheuer
productiven Zeit ausgesetzt, so gewann er daftir, was ihm als das Kostlichste
und Werthvollste erschien, die Musse ftir seine Uber alles geliebte Lehrthatig-
keit. Sie trat nunmehr beherrschend in die Mitte seiner ganzen Lebens-
aufgabe. Neben der Schule, der er von 1858 an bis 1883 als Geschichts-
lehrer an den obersten Klassen des Gymnasiums auf s treueste und mit aus-
gesprochener Sympathie seine Kraft zur Verftigung gestellt hat, war es nattir-
lich in erster Linie die Universitat, der sein Wirken gait Neben der Ge-
schichte, die B. im ganzen Umfang von der alten Geschichte bis in den An-
fang des 19. Jahrhunderts — von Adam bis auf Napoleon, pflegte er scher-
zend zu sagen — in den Rahmen seiner Vorlesungen einbezogen, war es die
Kunstgeschichte, die ebenfalls von der Antike an bis in's 18. Jahrhundert
anfangs in drei, spater in ftinf Wochenstunden das Thema seiner Vortrage
abgab. Und in den letzten Jahren seiner akademischen Thatigkeit, als B.,
der die Last des Alters zu sptiren begann, einen Theil seiner Collegien auf-
gegeben hatte (1886), war es die Kunstgeschichte, die er bis in den Frtihling
1893 beibehielt. Da zwang ein asthmatisches Leiden, zusammenhangend mit
einer langsam, aber stetig fortschreitenden Herzverknocherung, den fast 75-
jahrigen auf sein teures Lehramt zu verzichten. In der Stille der Studirstube
flossen B.'s letzte Lebensjahre dahin, ein otium cum dignitate im hftchsten
Sinne des Wortes; denn auch jetzt gab sich dieser reiche Geist nicht dem
volligen Ausruhen hin. Die Feder, die in den verflossenen Decennien einzig
der unablassigen Arbeit des Excerpirens der Quellenschriften und wissenschaft-
licher Bticher und der rastlosen Preparation auf die Vorlesungen gedient hatte,
setzte sich jetzt in Bewegung, um B. vor allem am Herzen liegende Themata
schrifdich zu fixiren. Die Lust am endgiltigen Redigiren seiner unzahligen
Notizen und Aufzeichnungen lag ihm im Blut. So nahm er die griechische
Culturgeschichte, eine seiner glanzendsten Vorlesungen, wieder vor und arbei-
tete sie in einem betrachtlichen Umfange aus, leider nicht vollst&ndig; immer-
hin ermfiglicht das ziemlich druckfertig vorhandene Manuskript die Heraus-
gabe von zunachst zwei Banden, die im Laufe des Jahres 1 898, herausgegeben
von einem Neffen des Verstorbenen, dem Philologen Dr. Jak. Oeri, erscheinen
werden; die (lberaus umfanglichen Collectaneen und Dispositionen B.'s fllr
7o
Burckhardt.
sein Colleg ermoglichen es, dass diesen zwei Banden spater noch weitere,
voraussichtlich zwei, folgen werden. Alle diejenigen, welche diese wunder-
volle Verrechnung griechischen Lebens und Geistes im Colleg B.'s zu horen
nicht das GlUck hatten, werden dann wohl begreifen, wie ein Friedrich Nietz-
sche, der als Philologieprofessor in Basel und Freund B.'s die Vorlesung be-
sucht hat, dazu kam, in einer seiner Schriften B. als den ersten Kenner der
Griechen in unserer Zeit zu preisen.
Im Uebrigen gait das Interesse des alten B. der Kunstgeschichte. Und
da ist es nun fast rtihrend zu sehen, wie er hier in der einen Schrift zurtick-
gegriffen hat auf denjenigen Meister, welcher einst in den Studienjahren schon
machtig zu seiner Seele gesprochen: auf Peter Paul Rubens. So entstanden
die »Erinnerungen aus Rubens*, die nach des Verfassers Tode — denn zu
Lebzeiten wollte er von einer Publication nichts wissen — in Basel erschienen
sind (Weihnachten 1897, bei Lendorff), ein Buch von 300 Seiten, getragen
von der aufrichtigsten Bewunderung filr den Genius des grossen Malers, der
zugleich ein grosser Mensch gewesen ist. Von den verschiedensten Seiten
und Gesichtspunkten aus suchte sich B. das Kunstvermftgen des Rubens in
all seiner ungeheuren Vielseitigkeit klar zu machen. Die Liebe zu diesem in
seinem Wesen und Schaffen innerlich begliickten Meister geht wie ein Feuer-
strom durch diese Schrift hindurch, die man nach manchen Seiten hin als
ein asthetisches Bekenntniss B.'s bezeichnen konnte. Mag auch die exacte
Wissenschaft bei diesem Buche nicht allzu viel Neues einzuheimsen haben,
der Kunstfreund geniesst es als eine in ihrer Frische und Begeisterung wahr-
haft herrliche Gabe. Wenn nach Goethe der Mensch als der gliicklichste zu
preisen ist, der das Ende seines Lebens mit dem An fang in Verbindung zu
setzen vermag, so kann man B. aufrichtig darum beneiden, dass er mit unge-
schwachten Geisteskraften des reifen Alters auf ein kiinstlerisches Jugendideal
zurtickgreifen durfte; dass er als Greis unter der Ftihrung des gewaltigen
Peter Paul wieder in jene goldenen Zeiten der Jugendbegeisterung sich zuriick-
zuversetzen vermocht hat.
Die anderen kunsthistorischen Arbeiten flihrten B. in die recht eigentlich
von ihm entdeckten herrlichen Gefilde der Renaissancekunst. »Das Altarbild«
behandelt die Entwickelung dieses hochwichtigen Kirchenschmuckes nach Form
und Inhalt auf Grand einer gewaltigen FUlle des B. zu Gebote stehenden
Anschauungsmaterials in geistvollster Durchdringung des riesigen Stoffes und
lichtvollster Anordnung, das Ganze durchstrahlt und erwarmt von dem Feuer
der Bewunderung fUr die unvergleichliche italienische Kunst. »Das PortraU
sodann geht nach eingehendster Behandlung des Bildnisses im Italien des
Quattrocento dem grossen Problem der Stilwandelung in der Bildnisskunst
des 16. Jahrhunderts nach; die dritte Abhandlung endlich bespricht in zu-
sammenhangender Darstellung »die Sammler« der Renaissance. Diese drei
Studien werden, in einen Band vereinigt, im Sommer 1898 (ebenfalls in
Basel bei Lendorff) zur Ausgabe kommen.
Wir haben diese literarischen Friichte von B.'s letzten Lebensjahren hier
vorweggenommen, um die Bahn frei zu haben ftir eine zusammenfassende
Schilderung des Lehrers B. Wer den Verstorbenen nur aus seinen Btlchera
kennt, wird sich nie ein vollig zutreffendes Bild von ihm zu machen ver-
mogen. B. besass eine Lehrbegabung ersten Ranges; er wusste dies selbst
sehr wohl, freute sich ihrer, fand seine hochste Befriedigung in ihr. Die
gliicklichste Redegabe stand ihm zu Gebote: nicht im Sinne des Pathos, das
Burckhardt * X
oft mehr tiberredet, als tiberzeugt, sondern im Sinne der geistvollsten Cau-
serie; er meisteute das Wort wie der Bildner den Thon, der Stilkiinstler war
auch ein Wortktinstler. Ein Erzahler vollendeter Art, verstand er die Kunst
der feinen Ntiancirung, die oft nur mit den delicatesten Mitteln einer star-
keren Betonung, einer ironischen Farbung, einer Steigerung der Stimme die
feinsten und starksten Wirkungen hervorzubringen vermag; und dann zitterte
hie und da in den Worten die tiefe Ergriffenheit des Redners nach, und der
Humor streute seine goldenen Lichter hinein. Diesem Zauber des Wortes
verband sich der Gehalt der Rede: nirgends die Phrase der Verlegenheit,
tiberall der von der volligen Stoffbeherrschung gesattigte plastische und tref-
fendste Ausdruck. Gestalten und Ereignisse gewannen in B.'s Munde runde
LebensfUUe und dramatische Anschaulichkeit. Das gait von den rein histori-
schen Vorlesungen so gut wie von den culturhistorischen — der herrlichen
griechischen, der, wenigstens stellenweise, ebenso glanzvollen Culturgeschichte
des friihen Mittelalters — ; in den kunsthistorischen Collegien aber, wo die
Ftille der Abbildungen das Wort untersttitzte, feierte das Vermogen B.'s, in
seinen Zuhorern die Freude an der Kunst zu wecken, die schonsten Siege*
Und dieser ganze ungeheure Wissensstoff wurde vollig frei, ohne alle und
jede Zuhilfenahme eines Manuskriptes oder hilfreicher Notizen vorgetragen.
Das erstaunliche Gedachtniss B.'s ermoglichte ihm diese Kraftleistung, Frei-
lich auch dieses wurde nicht geniigt [haben, ware nicht jeder einzelnen Stunde
die sorgfaltigste Praparation und theilweise die genaueste Memorirarbeit vor-
ausgegangen. Die Pflichttreue B.'s in dieser Beziehung war seiner Begabung
ebenbtlrtig; sie war recht eigentlich der ethische Centralpunkt seiner Person-
lichkeit.
Neben diesen Lehrstunden an Schule und Universitat einher floss der
Strom der dffentlichen Vortrage vor gemischten Auditorien, in der historisch-
antiquarischen Gesellschaft und bei anderen Gelegenheiten. Hier sah man
noch einmal hinein in das unerschopfliche Wissen des Mannes. Geschichte,
Kunst, Literatur stellten ihm immer neuen StofF zur VerfUgung: er konnte
sprechen tiber Pythagoras und die Kochkunst der spateren Griechen, tiber
Talleyrand \md Uber Shakespeare's Macbeth, tiber Byzanz im 10. Jahrhundert
und tiber landschaftliche Schonheit, tiber die Briefe der Madame de Sdvignd
und tiber die Weihgeschenke der Alten, tiber hollandische Genremalerei und
tiber Gltick und Ungltick in der Weltgeschichte. Diese beliebig gewahlten
Beispiele aus der fast fabelhaften Menge von B.'s Vortragen mogen einiger-
maassen ein Bild von der Ausdehnung dieses Wissens vermitteln. Kein Wun-
der denn auch, dass alles, was in Basel Anspruch auf Bildung erhob, zu diesen
kostlichen Abendstunden herbeistromte, kein Wunder, dass der stets dienst-
bereite Redner sich in frtiheren Jahren Sfters zu Wiederholungen genothigt
sah, weil das erste Mai der Saal die Menge der Zuhorer nicht zu fassen ver-
mocht hatte. Von diesen Vortragen her rtihrte in erster Linie B.'s Popu-
laritat; er war eine stadtbekannte Personlichkeit, und tiber alien Bticherruhm
hat er die herzlichen Sympathien geschatzt, die ihm sein Lehrberuf eintrug.
So wenig als in seinen Vorlesungen an der Universitat hielt B. in diesen
Vortragen mit seinem subjectiven Urtheil hinter dem Berg. Er nannte die
Dinge bei ihrem wahren Namen und machte aus seinen Antipathien gegen
gewisse historische oder ktinsderische Personlichkeiten kein Hehl. Er konnte
dabei recht deutlich, ja derb werden. So bekam Napoleon I. seinen Wider-
willen vielfach sehr drastisch zu sptiren, und mit Rembrandt ist er nicht
72
Burckbardt.
sauberlich umgegangen. Wie auch in seinen BUchern etwa ein Euseb, ein
Pietro Aretino, ein Michelangelo seine scharfe Kritik und sein unverhulltes
Missfallen zu kosten bekamen, ist schon frtiher hervorgehoben worden. Hier
trennt sich B. scharf von der viel gertihmten Objectivitat Ranke's, die freilich
manchmal mehr einer diplomatisirenden Sinnesweise als einem besonders aus-
gebildeten Gerechtigkeitsdrange entspringt und gar nicht (iberall die hfihere
innere Wahrheit ftir sich in Anspruch nehmen darf. B. hat sich denn auch
gelegentlich Correcturen Ranke'scher Urtheile oder Interpretationen in seinen
Vorlesungen gestattet, bei aller Bewunderung, die er ftlr den grossen Ge-
schichtschreiber und namentlich ftlr dessen »R6mische Papste« empfand, das
Werk, das Ranke niemals wieder (ibertroffen habe. Ohne je trivial zu werden,
hat B. als Redner in der Oeffentlichkeit eine edle Popularitat gepflegt; er
hatte diese Gabe, auch den einfacher Gebildeten sich verstandlich zu machen,
ohne doch der Wissenschaftlichkeit etwas zu vergeben, schon in jilngeren
Jahren erwiesen, als er in einem »Neujahrsblatt« Basels Jugend die Bekehrung
der Alemannen zum Christenthum in wahrhaft reizender Weise erzahlte. Das
Gesagte mag geniigen, urn die Bedeutung B.'s als Lehrers wenigstens ahnen
zu lassen. Hier gab er seiner Vaterstadt vom kostlichsten, was er besass, hier
hat er in seiner Weise geradezu eine Culturaufgabe erflillt. Und das Glttck
dieser Lehrthatigkeit war ftir B. ein so grosses und dauerndes, dass ihn auch
die ehrenvollsten Berufungen nicht aus Basel, der heissgeliebten Vaterstadt,
wegzulocken vermochten. U. a. hat ihn die Universitat Tubingen ftlr sich zu
gewinnen gesucht, und als Ranke Anfang der i87oer Jahre seine Professur
niederlegte, trat an B. unter den schmeichelhaftesten Bedingungen der Ruf
heran, dessen Lehrstuhl der Geschichte, zusammen mit G. Waitz, an der
Universitat der deutschen Reichshauptstadt zu tibernehmen. Aber B. blieb
auch diesmal fest; er hat es aber stets als einen hohen Beweis der Objectivitat
der preussischen Regierung in wissenschaftlichen Fragen betrachtet, dass diese
vielbegehrte Stelle ihm gegeben worden ware, wenn er nur gewollt hatte.
Irgend einen materiellen Vortheil ftir seine Basler Professur hat B. aus diesen
Berufungen niemals gezogen. Dazu war er zu vornehm.
Im Uebrigen verlief sein Dasein still, fast unbemerkt. In die active Po-
litik hat er nie eingegriffen ; alles Hervortreten in offentlichen Fragen war ihm
lastig, es hatte seine ruhige Gelehrtenarbeit nur stSren konnen. In der Kunst,
sich alles Unangenehme, alles was nach zeitraubenden Verpflichtungen und
unter UmstSnden lastenden Verantwortlichkeiten ausserhalb seines eigendichen
Berufs schmeckte, vom Leibe zu halten, war B. ein Meister, Ein gewisser
Mangel an Muth lasst sich hier nicht verkennen; es war eine Art feinster
Egoismus, dem B. huldigte. Goethe wtirde das verstanden und gebilligt
haben. Die Selbstandigkeit ging B. tiber alles. Er hielt darum gerne zu den
Minoritaten; alles Majorisiren war ihm ein Greuel. Nicht umsonst hat er im
»Constantin« die zwei einzigen Bischofe, die dem Nicaenum nicht beitraten,
mit Namen genannt; sie mochten ja halsstarrig sein, aber sie hatten sich
nicht von der Majoritat brutalisiren lassen. Darum war auch B. alles Gewalt-
thatige, Nivellirende in Politik und Cultur widerwartig; ein stark conservatives
Element lebte in ihm, und jeder rohe, scharfe Bruch mit der Vergangenheit
war ihm unangenehm. Man darf sich deshalb nicht wundern, dass z. B. die
Reformationsbewegung bei ihm nicht gut weg kam ; er fand allzu viel Mensch-
liches, Egoistisches und Materielles in ihren Motiven, als dass er der ideellen
Seite derselben vollig gerecht hatte werden konnen. Es hing dies zusammen
Burckhardt.
73
mit seiner pessimistischen Stimmung der Welt und den Menschen gegenliber.
Schon im » Constantino liest man, bei Anlass des Christenthums, die Worte:
»Die idealen Menschen voll geistiger Tiefe und praktischer Hingebung waren
gewiss die kleine Minderzahl, wie in alien irdischen Dingen.« Bei dieser Auf-
fassung blieb er;* sie befahigte ihn dann aber auch, eben solche Ausnahme-
naturen in ihrer ganzen Grosse und Eigenart zu verstehen und zu wlirdigen.
Und wo dann bei solchen noch das Moment des heroischen Entsagens auf
alle Freude und Lust der Welt, der Selbstverleugnung und der Aufopferung
im Dienste Anderer hinzukam, da fanden sie in B. einen An wait der beredte-
sten und ergreifendsten Art. Ein solcher Mann, der in B.'s Darstellung einen
wahren Glorienschein erhielt, war der heil. Severinus, dessen Lebensbeschrei-
bung er zu den grOssten und aufregendsten Lektiiren des ganzen Mittelalters
rechnete. Das Christenthum solcher Manner, die von der Welt nichts mehr
verlangen, die nur den Anderen leben und darin ihr Gllick finden, das war
das Christenthum, welchem B. die grftsste Hochachtung entgegenbrachte. Die
Lehre vom Leiden dieser Welt erschien ihm als der grosse ewige Grund-
gedanke des Christenthums; es war ihm die Religion derer, die diese Welt
nicht lieb haben. Man lese nur den Schluss des Capitels liber die Askese
im »Constantin«, und man wird sehen, wie von diesem Standpunkt aus B.
auch die Berechtigung der Askese betont hat. Wie er der etablirten und
staatlich garantirten Kirche im genannten Werke wenig sympathisch gegen-
liber steht, so hat er auch zum concreten kirchlichen Leben Basels sich ab-
lehnend verhalten; er wollte auch hier vollig unabhangig sein; wie er aber
bei aller raschen Verknocherung und Ausartung des Staatskirchenthums im
4. Jahrhundert in der Orthodoxie doch einen wichtigen nationalen Halt glaubte
erkennen zu dlirfen, so erblickte er auch in unseren Tagen in dem Bestand
einer Orthodoxie gegenliber den freien kirchlichen Richtungen etwas Werth-
volles, und er fand gegen alles Heterodoxe scharfe Worte des Widerwillens.
Seine Stellung zum Katholicismus war dieselbe; dem Alt- oder Christkatholi-
cismus vermochte er keine gute Seite abzugewinnen.
B.'s Lebensweise war die denkbar einfachste, in frtlheren Jahren eine fast
spartanische : kein Luxus irgend welcher Art in Wohnung oder Kleidung; er
behalf sich mit dem dringend Nfithigsten; er wollte auch hier kein Sklave
irgend welcher Bedttrfnisse sein. Sein Junggesellenthum leistete diesem Trieb
nach Einfachheit und Frugalitat kraftigen Vorschub. Der Tag verging mit
Vorbereitungen zu den Vorlesungen, mit unablassiger Quellen- und Blicher-
lektiire, mit den Collegien und Vortragen; am Abend spielte der Einsame in
seinem Zimmer Klavier: Compositionen seiner alten Lieblinge, der Italiener,
Mozarts, Schuberts; in friiheren Jahren war er auch ein eifriger Sanger —
freilich nie in Vereinen — gewesen. Dann begab er sich gerne zu einem
Glase Wein, wobei B. nicht vorzugsweise die Gesellschaft von geistig beson-
ders bedeutenden Mannern suchte; er wollte sich auch hier ungenirt gehen lassen,
und vor allem, er liebte es, selber die Kosten der Unterhaltung zu tragen.
Als eifrigem Zeitungsleser, der sich stets auf dem Laufenden der Tagesereig-
nisse hielt, war ihm das Politisiren, und zwar oft ein sehr pessimistisches, ein
eigentliches Bedlirfniss. In der Wahl seines naheren Umgangs spielte die
Sympathie und Antipathie eine maassgebende Rolle; Ansprliche erkannte er
keine an; ihm nicht behagende Menschen wusste er sich unmissverstandlich
vom Leibe zu halten. B. konnte nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch
im Leben kraftig hassen. Die aber, die ihm naher treten durften, werden
74
Burckhardt.
seine Freundlichkeit und Herzlichkeit nie vergessen. Solche konnte er unter
Umstanden auch mit Proben seiner poetischen Begabung erfreuen. In B.
lebte ein Dichter. Man konnte dies leicht schon aus dieser und jener
Stelle in seinen Werken schliessen, wo das machtige poetische Empfinden sich
Bahn bricht; wir wissen es aber auch aus zwei kleinen, anonym erschienenen
Gedichtsammlungen aus dem Ende der 40 er und Anfang der 5oer Jahre; sie
sind aus dem Buchhandel verschwunden, und B. hat selbst fur dieses Ver-
schwinden gesorgt. Es ist eine weiche, seelenvolle, zartgetonte Poesie in
formal tadellosem Gewand. Das eine dieser Gedichte »Serenade« betitelt,
eine Schopfung reinsten Wohllautes, findet sich mitgetheilt in Baechtold's
Vorrede zu Leuthold's Gedichten; andere findet der Liebhaber B.'scher Poesie
in der Basilea poetica (Basel, Geering) abgedruckt; sie sind theils dem hoch-
deutschen Bandchen »Ferien«, theils dem in baseldeutscher Mundart ver-
fassten »E Hampfeli Lieder« (eine Handvoll Lieder) entnommen und unter
diesen Titeln aufgefuhrt.
B. war von eiserner Gesundheit, sein Korper gegen Hitze und Kalte gleich
abgehartet; ein riistiger Fussganger, kannte er Basels Umgebung genau. Er-
holung im gewfihnlichen Sinne des Wortes existirte flir ihn bis in seine letzten
Jahre hinein nicht; seine Reisen, die jahrlich die Ferien ausftillten, nach Eng-
land, Frankreich, den Niederlanden, Deutschland, Oesterreich und vor allem
nach Italien, waren Studienreisen im vollsten Sinne des Wortes: das Notiz-
buch war B.'s treuer Begleiter, und was er im Laufe des Tages sich auf-
gezeichnet hatte, wurde am Abend so fort endgiltig redigirt. So bedeuteten
die Reisen flir B.'s kunsthistorische Arbeiten und Vorlesungen, was die Quellen-
lekttire, die nie rastende und von B. immer aufs neue seinen Horern ein-
gescharfte und empfohlene, fiir die geschichdichen Vorlesungen. Auf den
ersten Blick imponirte an dem iiberaus einfach, ja altmodisch gekleideten
Manne der prachtige Kopf: das in spateren Jahren immer kurz geschorene
Haar war schon frtih vollig weiss geworden ; auf der hohen freien Stirn thronte
die Intelligenz; das grosse glanzende Auge verrieth das Feuer dieses immer
regen Geistes; die scharf geschwungene Nase und das kraftig entwickelte,
glatt rasirte Kinn verliehen dem Gesicht etwas Energisches, fast Ktihnes. Die
unablassige Denkarbeit hatte dieses machtige Antlitz vollig verklart. Der Tod
ist B. leise genaht; an einem still en Sonntagnachmittag ist er zu ihm heran-
getreten und hat das bis an's Ende hell brennende Licht dieses gewaltigen
Geistes ausgelOscht. B. hat ihm mit philosophischer Ruhe und*im Bewusst-
sein, ein reiches und innerlich begliicktes Leben gelebt zu haben, entgegen-
gesehen,
Bei der Leichenfeier kamen, von einem Gebet des Geistlichen begleitet, bloss die von
B. selbst verfassten kurzen biographischen Aufzeicbnungen zur Verlesung; diese sind im
Druck erschienen (bei LendorfF in Basel) und werden ilberdies der zweiten Aufiage des
Rubens-Buches , die im Mai 1898 erscheinen wird, beigegeben werden. Von weiteren
Quellen dieser Arbeit darf der Verfasser dieser biographischen Schilderung wohl zunachst
auf seine bei R, Reich in Basel erschienene 172 Seiten starke Arbeit hinweisen. Diese
en t halt auch zwei Portrats B.'s: das eine von Franz Kugler gezeichnete zeigt den etwa
30jahrigen BM das andere, von einem Verwandten des Verstorbenen, Maler Hans LendorfT,
gezeichnete den B. des Greisenalters. Ein weiteres Portrat nach einer photographischen
Aufnahme des genannten Malers ist dem Rubens-Buch beigegeben. Von den zahlreichen
Nekrologen iiber B. seien hier bios einige der wichtigsten aufgeflihrt: Dr. Otto Markwart,
Frankfurter Zeitung No. 238, 244, 245 (jeweilen 1. Morgenblatt) vom 28. Aug. bis 4. Sept.
1897; Prof. H. Walfflin, Repert. ftir Kunstwissenschaft XX. Bd. 5. Heft. 1897; Professor
K. Breysig, Zukunft vom 21. August 1897; Prof. AcL Philippi, Grenzboten vom 2. Sept
Burckhardt. Gtiterbock. Heidenhain.
75
1897; Prof. Eberhard Gothein, Preuss. Jahrb., Octobcr-Heft 1897; Professor K. Neumann,
Deutsche Rundschau, Marzheft 1898.
April 1898. H. Trog-Basel.
Guterbock, Paul, Geheimer Medicinalrath und Universitats-Professor der
Chirurgie in Berlin, * am 2. Juni 1844 daselbst, f am 17. October 1897
ebenda. — G. war der Sohn des Geheimen Sanitatsraths Ludwig G. (18 14
bis 1895), studirte in Berlin und Wtirzburg und erlangte 1865 die Doctor-
wiirde. Im folgenden Jahre absolvirte er die Staatspriifung und unternahm
dann eine langere Studienreise tiber Wien, Paris, London und Edinburg.
Nach der Rtickkehr liess er sich in Berlin nieder, trat als Assistent von Ro-
bert Wilms in Bethanien ein und widmete sich fortab der Chirurgie. Er
eroffnete eine chirurgische Privatklinik und habilitirte sich 1873 als Docent
fur sein Specialfach. Daneben beschaftigte er sich mit Studien zur Staats-
arzneikunde und bekleidete successive die Stellungen als Hilfsarbeiter, Medi-
cinalassessor und seit 1885 als Medicinalrath beim Medicinalcollegium der
Provinz Brandenburg. 1894 wurde er durch den Professortitel ausgezeichnet,
1896 zum Geheimen Medicinalrath ernannt. Seine schriftstellerischen Lei-
stungen liegen auf den Gebieten der Chirurgie und der offentlichen Gesund-
heitspflege. Specieller beschaftigte sich G. mit der Chirurgie der Harnorgane,
iiber die er ein grosseres, dreibandiges Werk, das Werk seines Lebens, schrieb,
dessen dritter Theil erst nach seinem Tode herauskam. Auch erstattete er
eine lange Reihe von Jahren die betreffenden Referate in Virchow-Hirsch's
grossen Jahresberichten liber die Leistungen und Fortschritte in der gesammten
Medicin. Kleinere Aufsatze beziehen sich auf die Tracheotomie bei Diphtherie,
auf Hautemphysem bei Diphtherie, spontane Gelenkserkrankung bei Unterleibs-
typhus, auf die chirurgische Antisepsis, Verletzungen des Halses in gerichts-
arztlicher Beziehung, Nekrose der langen Rohrenknochen, lupose Erkrankung
der Finger, ausseren Harnrohrenschnitt etc. Dazu kommen Berichte iiber die
grbsseren Amputationen im Krankenhause Bethanien und als weitere selb-
standig erschienene Monographieen : »Die neueren Methoden der Wund-
behandlung auf statistischer Grundlage« (Berlin 1876); »Die englischen Kran-
kenhauser* (ebenda 1881); »I)ie offentliche Reconvalescentenpflege« (Leipzig
1882), sowie eine Reihe von Artikeln fur die Eulenburg'sche Realencyclopadie.
G. war mit der Literatur und Geschichte der Medicin und Chirurgie und
namentlich auch mit den publicistischen Erscheinungen in England und Frank-
reich ausserordentlich vertraut. Sein Specialgebiet hat er noch durch die
Construction eines Cystoscops bereichert.
Biogr. Lex. hervorr. Aerzte II, S. 691.
Pagel.
Heidenhain, Rudolf Peter Heinrich, ordentlicher Universitats-Professor der
Physiologie in Breslau, * am 29. Januar 1834 zu Marienwerder, f am 13. October
1897. — H. warder alteste Sohn des Arztes Heinrich Jacob H. (1808— 1868),
machte seine medicinischen Studien in Konigsberg, Halle und Berlin (unter
Heintz, A. W. Volkmann und du Bois-Reymond) und erlangte an letztgenannter
UniversitatdieDoctorwurdemit derlnaugural-Abhandlung: »De nervis organisque
centralibus cordis cordiumque ranae lymphaticorum«. Nach Absolvirung des
Staatsexamens widmete er sich ausschliesslich der Physiologie und arbeitete
fortgesetzt im physiologischen Laboratorium zu Berlin unter Leitung von
7 6 Heidenhain. von Dannenberg.
du Bois-Reymond. 1857 habilitirte er sich mit der Schrift: »Disquisitiones
criticae et experimentales de quantitate sanguinis in corpore mammalium
exstantis* als Docent in Halle, von wo aus er bereits 1859 dem Rufe als
ordentlicher Professor der Physiologie und Histologic, sowie als Director des
physiologischen Laboratoriums nach Breslau folgte. In dieser Stellung blieb
er bis an sein Lebensende thatig, doch machte ihm ein schweres Carcinom-
leiden die Austibung seiner Thatigkeit in den letzten Lebensmonaten unmog-
lich. H. gehSrt zu den grossten und verdientesten Forschern det Neuzeit auf
dem Gebiet der Physiologie. Ein genialer Experimentator, streng kritischer
Denker, nuchterner Beobachter, dabei ebrlich, aller Phraseologie abhold, mit
philosophischem Sinn ausgestattet hat H. durch eine grosse Reihe bahn-
brechender Leistungen zum Ausbau seiner Specialdisciplin im Geiste der
modern-exacten Naturwissenschaft ganz erheblich beigetragen. Eine seiner
Hauptarbeiten gait dem Studium der Drtisensecretion und der Widerlegung
resp. Nachpriifung der mechanischen Absonderungstheorie von Karl Ludwig
in Leipzig. H. zeigte, dass der wesentlichste Antheil an den betreffenden
Vorgangen den Zellen zukommt, und dass dabei zugleich der Einfluss der
Nerven und Gefasse von Bedeutung ist. Mit diesen Studien, die in der Schrift
» Physiologie der Absonderungsvorgange* (erschienen als 5. Band von Her-
mann's grossem Handbuch der Physiologie, Leipzig 1880) zusammengefasst
sind, hat H. eine Vermittelung zwischen der physiologischen Betrachtung und
der Erforschung der Zellen und damit eine Methode angebahnt, die sich von
ergebnissreichster Tragweite erwies. Sehr wichtig sind ferner H.'s Arbeiten
iiber »Mechanische Leistung, Warmeentwickelung und Stoffumsatz bei der
MuskelthatigkeiU (Leipzig 1864), ftir die H. den mechanischen Tetanomotor,
der zuerst im Berliner physiologischen Laboratorium angewandt war, benutzte.
Dazu kommen noch eine Reihe kleinerer Abhandlungen iiber die Herzthatig-
keit, iiber die Korperwarme, iiber den N. vagus. Einen Theil seiner ersten
Forschungsergebnisse bezw. derer seiner Schiller legte er in den »Studien des
physiologischen Instituts zu Breslau« (4 Bde., Leipzig 1861 — 1868) nieder;
die spateren Schriften erschienen in Pfliiger's Archiv und im Archiv fttr mikro-
skopische Anatomic Sehr verdient machte sich H. durch sein warmes Ein-
treten ftir die, besonders von englischer Seite aus Laienkreisen angegrifFene
Vivisection, deren Nothwendigkeit und Nutzen er in der Abhandlung »Die
Vivisection im Dienste der Heilkunde« (Leipzig 1879), sowie in einer im
Auftrage des preussischen Cultusministeriums 1884 verfassten Denkschrift in
ebenso gediegen-sachlicher, wie erfolgreicher Weise darlegte. Eine seiner
letzten grosseren Arbeiten hatte die wissenschafdiche Priifiing der durch Han-
sen's Versuche wieder angeregten Hypnotismusfrage zum Gegenstande. Er
publicirte dariiber: »Der sogenannte thierische Magnetismus« (Leipzig 1880),
worin er die Resultate der gemeinsam mit Griitzner und Berger angestellten
Experimente iiber den Hypnotismus mittheilte und diesem eine wissenschaft-
liche Erklarung und Begriindung zu schafFen sich bemiihte.
Biogr. Lex. hervorr. Aerzte III, S. 145; Voss. Ztg. 13. Oct. 1897.
Pagel.
Dannenberg, Clemens, Freiherr von, Koniglich preussischer Generalmajor,
* am 5. December 1819 zu Koln, f am 23724. Juni 1897 zu Schloss Lebenhan
bei Neustadt an der Saale. — v. D. trat am n. October 1836 als Dreijahrig-
freiwilliger bei der zu Wetzlar garnisonirenden 3. Schiitzen-Abtheilung in den
von Dannenberg. von Fabrice. 77
Dienst, wurde am 10. December 1838 Sekondlieutenant und gehOrte der
Jagerwaffe an, bis er ami. Juni als Hauptmann und Kompagniechef, wozu er
1852 ernannt worden war, in das 2. Thliringische Infanterie-Regiment Nr. 32
versetzt wurde. Vorher hatte er mehrfach an den mit allgemeiner Einfiihrung
des Zundnadelgewehres abschliessenden Vorarbeiten zur Ausrttstung mit einer
besseren Handfeuerwaffe theil genommen, von 1855 — 1857 war er Vorstand
der Gewehr-Umanderungs-Kommission zu Potsdam gewesen. Den kriegerischen
Ereignissen des Jahres 1866 hatte er fern bleiben mtissen, weil er mit der Fuh-
rung des 4. Feldbataillons des 5. Rheinischen Infanterie-Regiments Nr. 65 beauf-
tragt gewesen war, welchem nicht vergonnt ward an solchen Theil zu nehmen.
Um so vielsei tiger war seine Thatigkeit im Kriege von 1870/71. Bevor derselbe
ausbrach, war Oberstlieutenant v. D. Bataillonskommandeur im 3. Hannover-
schen Infanterie-Regimente Nr. 79, dessen Stab in Hildesheim stand; bei der
Mobilmachung wurde er an die Spitze des 7. Brandenburgischen Infanterie-
Regiments Nr. 60 gestellt, welches zur 29. Infanterie-Brigade und zur 15. In-
fanterie-Division, zum VTIL Armeekorps und zur 1. Armee unter General
von Steinmetz gehorte. An der Spitze desselben wurde er am 18. August
bei Gravelotte, wo das Regiment 33 Offiziere und 685 Mann an Todten und
Verwundeten verlor, selbst verwundet, war aber in der letzten Zeit der Ein-
schliessung von Metz wieder zur Stelle, wurde nach dem Falle der Festung
mit seinem Regimente, dem 8. Jagerbataillone und zwei Pionierbataillonen zur
Verstarkung des Belagerungskorps vor Verdun entsendet und dort, nachdem
am 8. November die Kapitulation abgeschlossen war, Kommandant, am 22. d. M.
aber mit zwei Bataillonen seines Regiments und zwei Batterien nach Chaumont
zur Beobachtung der Festung Langres abgesandt. Anfang Januar 1871 erhielt
er den Auftrag, mit seinem eigenen und dem Infanterie-Regimente Nr. 72, drei
Schwadronen und zwei Batterien die Eisenbahn Chaumont — Nuits — Tonnere
gegen Angriffe aus der Gegend von Dijon, Autun und Langres zu sichern;
dann wurde aus jenen beiden Regimentern eine Infanterie-Brigade gebildet
und ihm unterstellt, welche zum VII. Armeekorps unter General von Zastrow
stiess und mit diesem am Kampfe gegen das unter General Bourbaki von
Siiden her nahende Heer theilnahm, welcher zum Uebertritte des letzteren auf
schweizerisches Gebiet flihrte. — v. D.'s vielseitige und erfolgreiche Thatigkeit
hatte ihm beide Klassen des Eisemen Kreuzes eingetragen. Nach der RUck-
kehr in die Heimath wurde er am 11. Februar 1873 zum Kommandanten von
Wesel ernannt, am 15. August 1874 aber, nachdem er vorher den Charakter
als Generalmajor erhalten hatte, in Genehmigung seines Abschiedsgesuches mit
Pension zur Disposition gestellt.
B. Poten.
Fabrice, Friedrich von, Koniglich bayerischer Generalmajor, * am 9. Mai
1836 zu Nlirnberg, f am 9. Juni 1897 zu Mttnchen. — Am 1. December
1858 zum Unterlieutenant im 7. Infanterie-Regimente ernannt, in welchem er
die Kriege von 1866 und von 1870/71, den letzteren als Regimentsadjutant
mitmachte, am 15. Mai 1893 als Generalmajor und Kommandeur der 5. In-
fanterie-Brigade zu Regensburg aus dem Dienste geschieden, war ein ver-
dienstvoller Forscher auf dem Gebiete der bayerischen und insonderheit der
kurpfalzischen Heeres- und Kriegsgeschichte. Den Hauptinhalt seiner Arbeiten
hat er in einer Geschichte des 6. Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm I., Konig
von Preussen, verwerthet, welchem er als Stabsoffizier angehorte. Von den
7 8 von Fabrice. dc Marees. Mttder.
beiden erschienenen Theilen reicht der erste (Mlinchen 1886) von 1725 bis
1804, der zweite (Mtinchen 1896) von 1805 — 1835. Nach seiner Verabschie-
dung war General v. F. im Kriegsarchive bei den Vorarbeiten fur eine bayeri-
sche Heeresgeschichte thatig.
B. Poten.
Marees, Wilhelm Ludwig de, * am 14. Februar 1820 zu Dessau (An-
halt), f am 9. Juli 1897 zu Bernburg. — Er war der Sohn des Schuldirectors
und Seminarinspectors Heinrich Ludwig de M., der bereits 1825 starb, und
erhielt seine Gymnasialbildung in Dessau, Erlangen, Niirnberg und Zerbst und
studirte 1840 — 44 in Halle und Erlangen Theologie und Philologie. Im Jahre
1 85 1 wurde er Prediger an der Hof- und Stiftskirche zu Bartholomai in Zerbst
und riickte 1857 zum Archidiakonus an derselben auf. Seit dem Herbst 1872
Prediger zu Osmarsleben bei Bernburg, verwaltete er dieses Amt bte zum
1. November 1890, wo er in den Ruhestand trat. Den Abend seines Lebens
verbrachte er in Bernburg. — de M. hat als Dichter nur wenig Eigenes ge-
boten, und dies Wenige sind fast ohne Ausnahme geistliche Dichtungen und
freie Nachdichtungen (»Lieder nach Heinrich Mtiller's geistlichen Erquickstun-
den«, 1893); dagegen hat er mehrere Sammlungen geistlicher Lieder aus dem
Lateinischen und Italienischen (»Geistliche Dichtungen*, 1867) und aus dem
Franzosischen (»Kreuz- und Trosdieder*, 1870 — »Geistliche Lieder«, 1890
— »Hundert geistliche Lieder«, 1895) llbersetzt.
Perstinliche Mittheilungen. — Karl Leixnbach: Die deutschen Dichter der Neuzeit and
Gegenwart, Bd. VI, S. 87 ff.
Franz Brtimmer.
M5der> Auguste, Erzieherin und Dichterin, * am 2. Marz 1830 in Eise-
nach, f am 15. October 1897 daselbst. — M. war die Tochter eines Bau-
inspectors. Als altestes von sechs Kindern hatte sie nach Absolvirung einer
Privattochterschule zunachst der Mutter im Haushalt zu helfen und musste
daher lange auf die Erflillung ihres lebhaften Wunsches, ihr Lehrerinnen-
examen zu machen und sich der Jugenderziehung zu widmen, verzichten. Ihre
Begabung wies sie aber auf s entschiedenste nach dieser Richtung hin, und
so erlaubten ihr schliesslich die Eltern, zu ihrer weiteren Ausbildung nach
Dresden gehen zu diirfen. Dort besuchte sie das Marquardt'sche Institut,
legte 1854 ihr Examen ab und ging 1855, um s*ch den Gebrauch der eng-
lischen Sprache anzueignen, nach London, wo sie als Lehrerin an einer Privat-
schule wirkte und auch vielfach mit den deutschen Emigrantenfamilien in
Verbindung kam. Nachdem sie seit 1857 noch ein Jahr in Paris geweilt,
kehrte sie 1858 nach Eisenach zuruck, machte vor einer eigens fiir sie zu-
sammen berufenen Priifungskommission ihr Staatsexamen als Schulvorsteherin
und eroffhete noch in demselben Jahre ihre Tochterschule mit Pensionat, der
sie bis an ihr Lebensende mit Untersttltzung zweier Partnerinnen vorgestan-
den hat. Ihr Unternehmen gedieh unter ihrer Leitung zu hoher Bltithe, und
die Leiterin erfreute sich der allgemeinsten Verehrung, die besonders 1883
beim 25Jahrigen Bestehen der Anstalt und 1894 beim 4oj&hrigen Amtsjubi-
laum der Vorsteherin zum Ausdruck kam. Auch war A. M. schon 1864 von
England aus zum Member of the College of Preceptors ernannt worden, eine
Auszeichnung, die sie ihrer hervorragenden Ttichtigkeit verdankte. In den
letzten Jahren vielfach krankelnd und von schweren Schicksalsschlagen durch
M6der. Hoffory. 79
den Verlust teurer Menschen heimgesucht, erlag sie im Alter von 67 Jahren
einer Lungenentzlindung. — Trotz der umfassenden und schweren Berufs-
arbeit fand A. M. dennoch Zeit, eine Reihe von Marchendichtungen und Fest-
spielen zu verfasseti, die, von der Jugend aufgefiihrt, sich zur Verherrlichung
von Schulfesten eignen. Es sind: »Die Verwunschene. Das Rosen wunder der
heiligen Elisabeth« (1879); »Grete« (1888); »Dornroschen« (1890); »Des Friih-
lings Streit mit dem Winter* (1896).
Nach Mitthcilungen aus bcfreundeten Kreisen.
Franz Brtimmer.
Hoffory, Johan Peter Julius, ausserordentlicher Professor fur nordische
Philologie und allgemeine Phonetik an der Universitat Berlin, * am 9. Februar
1855 *n Aarhus, f am 12. April 1897 in Westend bei Berlin. — H. war von
Geburt Dane; sein Vater war aus Ungarn eingewandert, die Familie soil ur-
spriinglich in Deutschland ihren Wohnsitz gehabt haben. Er machte das
Gymnasium in Aarhus durch und empfing hier wichtige Anregungen ftir seine
spatere Laufbahn. Was ftir die asthetische und ethische Ausbildung der
deutschen Jugend unsere Klassiker sind, war fiir den danischen Gymnasiasten
der Komodiendichter Holberg. Die wohlgetroffenen Bilder, die dieser feine
Beobachter von den Mannern und Frauen seiner Zeit entworfen hatte, be-
grtindeten die Menschenkenntniss des Schiilers und flossten ihm eine dauernde
Vorliebe ftir die realistische Richtung in der Dichtkunst ein. Gleichzeitig
weckte ein Lehrer sein Interesse und entdeckte sein Geschick fur sprachliche
Untersuchungen. Im Jahre 1873 ging er nach Kopenhagen, um Sprachwissen-
schaft zu studiren. Nachdem er sich einige Zeit mit den indischen Sprachen
beschaftigt hatte, trat er zur nordischen Philologie tiber, die damals in Kopen-
hagen durch K. Gislason, Grundtvig und Wimmer nach alien Seiten hin glan-
zend vertreten war. Am meisten glaubte er spater L. Wimmer schuldig zu
sein; daneben aber wurde er durch mtindlichen und brieflichen Verkehr von
seinem alteren Freunde K. Verner beeinflusst, einem der genialsten Entdecker
auf sprachlichem Gebiet; dieser mag ihn nachdriicklich auf die Sprachphysio-
logie und deren Verwerthung fur grammatische Untersuchungen hingewiesen
haben. H.'s sprachliche Arbeiten erschienen — vor und nach seinem Ma-
gisterexamen im Jahre 1878 — in deutschen und danischen Fachzeitschriften.
Als Sprachphysiolog baute er Brtlcke's System der Sprachlaute durch werth-
volle Beobachtungen weiter aus und nahm es gegen einen gleichzeitigen For-
scher in Schutz in seiner schneidigen Streitschrift : Professor Sievers und die
Principien der Sprachphysiologie (1884). Fiir die Erforschung der altnordi-
schen Grammatik sind seine Arbeiten mit grundlegend geworden und ihre
Verdienste werden von alien Richtungen freudig anerkannt. Seine Haupt-
schrift auf diesem Gebiet sind die »01dnordiske Consonantstudier«, die ihm
als Doctordissertation in Kopenhagen und zugleich — in deutscher Ueber-
setzung — als Berliner Habilitationsschrift dienten.
Die Abfassung dieser Arbeit fallt in die Jahre, in denen H. seine Stu-
dien in Berlin und Strassburg fortsetzte. Es waren damals gltickliche Zeiten
fiir die Berliner Germanistik. Karl Miillenhoff, aufgeschreckt durch Bang's und
Bugge's Behauptung von der Unechtheit der eddischen Mythologie, rtlstete sich
zum Feldzug gegen die Leugner der nordischen Gotter; durch scharfe Kritik
und eine glanzende Interpretation der angegriffenen Eddalieder hoffte er die
Gegner vom Kampfplatz zu treiben. Wilhelm Scherer arbeitete die deutsche
So Hoffory.
Literaturgeschichte aus, und seine Goethestudien reiften. Die Arbeitsfreudig-
keit der Lehrer riss auch die Schtiler mit sich fort. H., der sich gern einem
Grdsseren verehrend unterordnete, schloss sich voll Begeisterung an die Ber-
liner Lehrer an. Mlillenhoflf konnte er bei der Abfassung des 5. Bandes der
Alterthumskunde mannichfach hilfreiche Hand reichen; bei Scherer, dessen
Leistungen er noch hoher sch&tzte als die MtillenhofTs, lernte er Methode
der literarhistorischen Forschung. Aus dem Studenten wurde allmahlich der
Docent. Im Juni 1883 erwarb H. den Doctorgrad in Kopenhagen und da-
mit das Recht, Vorlesungen zu halten. Da ihm jedoch eine Stellung in der
Hauptstadt des deutschen Reichs verlockender schien, habilitirte er sich schon
im Juli desselben Jahres in Berlin. Im Januar 1887 wurde eine ausserordent-
liche Professur der nordischen Philologie und allgemeinen Phonetik flir ihn
geschaffen. Leider sollte er sie nicht lange verwalten: Gegen Ende 1889
hatte er einen heftigen Influenzaanfall , der in einen bosartigen Typhus ttber-
ging. Seine ohnehin nicht bedeutende Korperkraft, die er durch eine un-
gleichmassige Lebensweise und durch wunderliche Kuren noch geschwacht
hatte, konnte die Krankheit nie ganz liberwinden. Eine geistige Schwache
blieb zuriick, die es schliesslich nbthig machte, den noch jugendlichen Mann
in einer Heilanstalt zu Westend unterzubringen. Ohne sich zu geistiger Thatig-
keit aufraffen zu konnen, hat er dort still den Rest seiner Tage dahingelebt.
H.'s Lehrthatigkeit war trotz ihrer Ktirze reich an Erfolgen. Sein Vor-
trag war freilich meist matt, fesselte aber dennoch die Zuhorer durch seine
Klarheit und Uebersichtlichkeit. Trug er Ergebnisse eigner Forschungen vor,
so wurde auch seine Sprechweise belebter und erreichte nahezu die Eleganz
seiner Schriften. In den wenigen Jahren seiner Wirksamkeit hat eine verhalt-
nissm&ssig grosse Zahl junger Germanisten sich seiner besonderen Leitung an-
vertraut; er ist ihnen alien ein hilfreicher Berather und treuer Freund ge-
wesen.
Die wissenschaftlichen Arbeiten H.'s nach seiner Habilitation gingen
grosstentheils aus von Anregungen MtillenhofTs und Scherer's. Die Edda-
erklarung des Ersteren fUhrte er weiter in einer Reihe von Aufsatzen, die er
spater als Eddastudien in einem kleinen Bande vereinigte. Manche schwierige
Eddastelle hat er darin gedeutet; er hat Beitrage zur Chronologic auf Grund
der Metrik geliefert; Lieder und Liedbruchstticke hat er darin richtig ge-
wiirdigt und ihnen ihre Stelle in der eddischen Literatur angewiesen. Die
schone Entdeckung, dass in zwei dunklen Strophen der Voluspa eine mytho-
logische Schilderung der Mitternachtssonne erhalten sei, fiihrte H. zur Mytho-
logie. Er suchte das Bild, das einst Mtillenhoff im 8. Bande von Schmidt's
Zeitschrift fiir Geschichte vom Entwickelungsgang der germanischen Mytho-
logie entworfen hatte, zu vervollstandigen in seinem geistvollen Aufsatz fiber
den germanischen Himmelsgott. Die Ftille der eddischen Mythen hoffle er —
hierin Uhland am ahnlichsten — aus der Natur Norwegens deuten zu konnen,
und er unternahm eine Nordlandreise, um mythologische Eindrticke zu em-
pfangen. Ueber die Ergebnisse dieser Reise hat er sich nur andeutungsweise
im Gesprach geaussert. Bald nach seiner Rtickkehr brach seine Production
jah ab. — Was er von Scherer an literarischer Methode gelernt hatte, wandte
er in seiner Abhandlung liber Holberg's Komodiendichtung an, die er der in
Gemeinschaft mit P. Schlenther unternommenen deutschen Holbergausgabe
einverleibte. Hier handelte er liber die Technik des Lieblingsdichters seiner
Jugend, er zeigte seine Entlehnungen auf und charakterisirte sein selbstandiges
Hoffory. von Hofmann. gi
Schaffen. Jetzt stand ihm freilich ein anderer nordischer Dichter naher als
Holberg — Henrik Ibsen. In ihm bewunderte er den Meister der dramati-
schen Technik, in ihm verehrte er den realistischen Schopfergeist, der mit
unerbittlicher Wahrheitsliebe alle Eigenheiten der menschlichen Natur auf-
gedeckt habe, der den modernen Menschen bekannt mache mit der Welt,
wie sie ist, und der daher wohl geeignet sei, ihn als warnender Fiihrer durchs
Leben zu geleiten. In seiner Nordischen Bibliothek hat H. einen verdeutsch-
ten Ibsen erscheinen lassen, worin die Uebersetzung der »Frau vom Meer« aus
seiner Feder stammt. Ftir die Anerkennung seines Dichters ist er in der
Berliner Gelehrten- und Kiinstlerwelt mit seiner ganzen eindrucksvollen Person-
lichkeit eingetreten.
Kein in jeder Hinsicht vollendeter Mensch ist mit H. aus dem Leben
geschieden, wohl aber ein edler Mann, ein ideenreicher Gelehrter, ein fein-
sinniger Kunstfreund.
Nekrologe H.'s sind erschienen von A, Heusler im Archiv for nordisk filologi Bd. XIV,
von O. Pniower im Magazin far Literatur (1897).
Osnabriick. Wilhelm Ranisch.
Hofmann, Eduard von, Gerichtsarzt und Universitats- Professor der ge-
richtlichen Medicin in Wien, * am 27. Januar 1837 *n Pra& f am 27. August
1897 in Abbazia. — H. studirte in seiner Vaterstadt unter Purkinje, Jaksch,
Treitz, Halla, Hasner, Bochdalek und Seyfert und erlangte 1861 die Doctor-
wiirde. Hierauf fungirte er bis 1865 als Assistent an der Lehrkanzel ftir ge-
richtliche Medicin, habilitirte sich danach als Privatdocent fur gerichtliche
Medicin und erhielt den Auftrag, sein Fach in czechischer Sprache zu lehren.
Doch folgte er bereits 1869 einem Rufe als ordentlicher Professor der.gericht-
lichen Medicin und Staatsarzneikunde nach Innsbruck, von wo er 1875 nach
Wien in gleicher Eigenschaft (ibersiedelte. H. gehort zu den hervorragendsten
Vertretern der gerichtlichen Medicin in der zweiten Halfte des 19. Jahrhun-
derts. Sein Hauptwerk bildet das 1878 erschienene und seitdem ofters neu
aufgelegte (3. Aufl. 1884) und in mehrere fremde Sprachen tibersetzte »Lehr-
buch der gerichtlichen Medicin «, welches den bekannten Werken von Casper-
Liman und v. Maschka durchaus ebenbiirtig sowohl in wissenschaftlicher wie
didaktischer Beziehung sich an die Seite stellen lasst. Ausserdem bereicherte
H. die gerichtliche Medicin mit zahlreichen, werthvollen neuen Einzelheiten,
welche meist als Journalabhandlungen erschienen sind. Er lieferte Unter-
suchungen Uber Verbrennungen (Prager Vierteljahrsschr. CV, Wiener medicin.
Wochenschr. 1875, 1876), Uber den Strangulationstod (Mittheilungen des Ver-
eins der Aerzte Niederosterreichs 1876, Wiener medicin. Wochenschr. 1876,
Wiener med. Presse 1879 — 1881), Uber vorzeitige Athembewegungen (Eulen-
burg's Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Med. XIX, XXII), forensische Untersuchung
von Blutspuren und Haaren, Uber die nattirlichen Spalten und Ossifications-
defekte am Schadel des Neugeborenen, Uber Leichenerscheinungen, Uber Ver-
blutung aus der Nabelschnur, Uber Fettwachsbildung, Uber Stichwunden, Uber
die Sicherstellung der Identitat von Leichen, Uber den Effekt kUnstlicher
Respiration, insbesondere der Schwingungen der Neugeborenen u. v. A. Be-
sonders bemerkenswerth sind mehrere aus Anlass von Aufsehen erregenden
Criminalfallen abgegebene Gutachten H.'s, so in dem bekannten, sensationellen
Prozess zu Tisza-Eszlar wegen eines angeblich zu rituellen Zwecken ge-
Blogr. Jthrb. u, DeuUcher Nekrolog. 2. Bd. 6
82 von Hofmann. Hollander. H titer. Kovdcs.
schlachteten Kindes. — 1884 wurde H. durch Verleihung des Ordens der
eisernen Krone in den Ritterstand erhoben.
Biogr. Lexicon henrorr. Aerzte III, S. 250.
Pagel.
Hollander, Ludwig Heinrich, Privatdocent und Universitats-Professor
der Zahnheilkunde in Halle, * am 4. Februar 1833 in Leobschiitz, f am
14. Marz. — H. studirte in Breslau, Wtirzburg und Berlin. 1856 erlangte er
in Breslau mit der Inauguralabhandlung »De corneae et scleroticae conjunctione*
die Doctorwtirde, absolvirte 1857 die Staatsprtifung und widmete sich dann
speciell auf Anregung von v. Frerichs der Zahnheilkunde. Er habilitirte sich
fUr dieses Fach in Halle 1872 und richtete dort ein zahnarztliches Institut
ein. 1878 erhielt er den Professortitel und die Leitung der Universitatsklinik
fiir Zahn- und Mundkrankheiten. Bevor H. nach Halle ging, hatte er etwa
8 Jahre lang in Slidafrika practicirt. Als Ergebniss des dortigen Aufenthaltes
verdffentlichte er 1866 und 1867 in der Zeitschrift »Globus« eine Reihe von
Aufsatzen zur Landerkunde und Anthropologic Slidafrikas. Auf sein eigent-
liches Fach bezieht sich ein im Verein mit mehreren Mitarbeitern heraus-
gegebenes »Handbuch der Zahnheilkunde «, ferner kleinere Monographieen,
wie: »Die Zahnheilkunde und ihre Bedeutung fur die innere Medicin« (1872);
»Beitrage zur Zahnheilkunde « (1881); »Die Extraction der Zahne« (1882) u. A.
Ausserdem gab er eine deutsche Uebersetzung von Tomes' » Manual of dental
anatomy « und von Kingsley »Anomalien der Zahnstellung«.
Biogr. Lex. hervorr. Aerzte III, S. 258.
Pagel.
HUter, Victor, Privatdocent der Gynakologie und Titular -Universitats-
Professor in Marburg, * am 16. October 1832, f am 12. November 1897 in
Gottingen. — H. studirte und promovirte 1855 in Marburg und habilitirte sich
daselbst 1858. Ausser seiner Doctordissertation tiber wahrend der Geburt ent-
standene Schadelveranderungen riihren von ihm noch her die Habilitations-
schrift tiber die Ablosung der Epidermis bei Neugeborenen, eine Studie liber
Fluxionen des Uterus (1870) und ein Compendium der geburtshilflichen Opera-
tionen fur den Gebrauch in der Praxis (1874).
Voss. Ztg. 16. Nov. 1897.
Pagel.
Kov&cs, Josef, ordentlicher Universitats-Professor der Chirurgie in Buda-
pest, * 1832 zu Tengelicz in Ungarn, f am 6. August 1897. — K. machte
seine Studien in Wien und Pest, promovirte an erstgenanntem Orte 1858 als
Dr. med. und Magister der Geburtshilfe und an letztgenanntem als Dr. chir.
In Budapest widmete er sich speciell der Chirurgie seit 1859, wo er als
Operationszogling in Balfassa's Klinik eintrat; 1861 rtickte er zum Assistenten
auf, 1862 habilitirte er sich als Privatdocent fur chirurgische Operationslehre,
1867 fur chirurgische Pathologie und Therapie der Beckenorgane, wirkte 1866
im Budapester Militarhospital Ludoviceum als Primararzt der 1. chirurgischen
Abtheilung, wurde 1869 supplirender, 1870 ordentlicher Professor der chirur-
gischen Klinik und war 1874/75 Rector der Budapester Universitat. Um die
Ausgestaltung des klinischen Unterrichts in der Chirurgie hat sich K., der zu
Kovacs. von der Goltz. 83
den bedeutendsten Chirurgen Ungarns zahlt, dadurch vornehmlich verdient
gemacht, dass er den Neubau und die Einrichtung einer chirurgischen Klinik in
Budapest veranlasste. K. ist ferner Verfasser zahlreicher Journalaufsatze liber
die verschiedensten Gebiete der Chirurgie; die betreffenden Arbeiten erschienen
zum Theil in ungarischen, zum Theil in deutschen Zeitschriften. Ein bis 1889
reichendes Verzeichniss der wichtigsten findet sich in der unten genannten
Quelle.
Biogr. Lex. hervorr. Aerrte VI, S. 887.
Pagel.
Goltz, Cuno Freiherr von der, Koniglich preussischer General der In-
fanterie z. D., * am 2. Februar 181 7 zu Wilhelmsthal im Kreise Ortelsburg
in Ostpreussen, f am 29. October 1897 zu Ftilme an der Weser im Kreise
Minden. — v. d. G. kam aus dem Kadettenkorps zu Berlin am 14. August
1834 in das dort garnisonirende Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment
und machte, nachdem er zur Schulabtheilung (jetzt Unteroffizierschule) zu
Potsdam und zur Handwerkersektion in Sommerda, wo damals das Zlind-
nadelgewehr versucht und hergestellt wurde, kommandirt gewesen war, im
Jahre 1848 seinen ersten Feldzug mit. Es war der gegen Danemark, in
welchem v. d. G. als Premierlieu tenant am 23. April in der Schlacht bei
Schleswig focht. Im nachstfolgenden Jahre kampfte er an der Spitze einer
Garde-Landwehr-Kompagnie gegen die Aufstandischen in der Pfalz und in
Baden; seine dortigen Leistungen wurden durch die Verleihung des Rothen
Adlerordens 4. Klasse mit Schwertern anerkannt. Im October 1851 ward er
zum Hauptmann befordert, im April 1857 als solcher in das Garde-Schutzen-
Bataillon, die sogenannten Neufchateller Jager, zu Berlin und im Mai 1858
als Major in den Generalstab versetzt, in welchem er verblieb, bis er, in-
zwischen Oberstlieutenant geworden, im Mai 1862 Bataillonskommandeur beim
2. Westfalischen Infanterie-Regimente Nr. 15 wurde. Der Stab des Regiments
stand in Minden und v. d. G. kam damit in eine Provinz, welche so recht
seine Heimath werden sollte. Dreimal war ihm vergonnt, mit jenem Regi-
mente in das Feld zu ziehen. Zum ersten Male geschah es im Jahre 1864,
wo er den Kampf um Diippel, sowie den Uebergang nach Alsen mitmachte
und den Orden pour le mdrite erwarb; zum zweiten Male 1866, jetzt als
Oberst und Kommandeur des Regiments. Beide Male stand er unter General
von Goeben, welcher 1864 sein Brigade-, 1866 sein Divisionskommandeur war.
Die von letzterem befehligten Truppen gehorten zur Mainarmee und mit diesen
focht v. d. G., zur Brigade Wrangel gehorend, mit grosser Auszeichnung, welche
durch die Verleihung des Eichenlaubes zum Verdienstorden Anerkennung fand,
bei Dermbach, Kissingen, Laufach, Aschaffenburg und Gerchsheim. Als so-
dann der Krieg gegen Frankreich ausbrach, war v. d. G. seit Jahresfrist General
und Kommandeur der aus seinem frtiheren und dem 55. Regimente gebildeten
26. Infanterie-Brigade, welche zur 13. Division des VII. Armeekorps gehorte und
der I. Armee unter General von Steinmetz zugetheilt wurde. Schon der Nach-
mittag des 6. August gab dem General v. d. G. Gelegenheit zum Eingreifen
in den Kampf von Spicheren; eine ihm besonders giinstig erscheinende aber
bot sich, als er, um die namliche Tageszeit am 14. vor Metz auf Vorposten
befindlich, Bewegungen beim Feinde wahrnahm, welche dessen Absicht, auf
die Festung zurtickzugehen, erkennen liessen. G. schritt sofort zum Angriffe
und fiihrte dadurch den Beginn der von der oberen Heeresleitung nicht beabr
6*
84 von dcr Golte.
sichtigten Schlacht von Colombey-Nouilly herbei. Sein Verfahren ist haufiger
gelobt als getadelt : fur seine Brigade bedeutete es eine Einbusse von 40 Offi-
zieren und 988 Mann an Todten und Verwundeten, es war ein schoner aber
theuer erkaufter Erfolg. G. trug er das Eiserne Kreuz 1. Klasse ein, nach-
dem ihm die 2. schon fiir Spicheren verliehen war. Auch am 18. bei Gra-
velotte kam seine Brigade zu verlustreichem Gefechte. Dann nahm sie an
der Einschliessung von Metz und den dabei vorfallenden Gefechten theil.
Nach der Uebergabe der Festung verblieb das VII. Armeekorps zunachst in
der dortigen Gegend, G. aber wurde mit einer aus dem 30. und dem 34. In-
fanterie-Regimente, dem 2. Reserve-Dragoner- und dem 2. Reserve -Husaren-
Regimente nebst 18 Geschtitzen zusammengesetzten »Detachement Goltz« gen
Sliden entsendet, wo £r fortan unter dem Oberbefehle des Generals v. Werder
am Kriege theil nahm. Am 17. November dort eingetroffen , zuerst mit der
Beobachtung von Langres beauftragt, aber bald abberufen, um im freien
Felde verwendet zu werden, hatte er zuerst am 27. November lebhaften An-
theil an dem Gefechte bei Piques gegen Garibaldi's Vogesenarmee, schlug
dann, von einem beschwerlichen Marsche durch die Cdte d'Or zuriickgekehrt
und beauftragt in der Richtung auf Langres fiir die Sicherheit in den von
den deutschen Truppen besetzten Gebieten zu sorgen, einen Theil der durch
Franctireurs verstarkten Besatzung der Festung am 16. December bei Lon-
geau, wurde, als Anfang Januar Bourbaki's Angriffsbewegungen den General
von Werder bestimmten seine Krafte zu sammeln, nach Vesoul herangezogen,
focht am 9. d. M. bei Villersexel, vom 15. — 17. in der dreitagigen Schlacht
an der Lisaine und sollte schliesslich nochmals gegen Langres verwendet
werden, als der Waffenstillstand den Feindseligkeiten ein Ende machte. Nach
Friedensschluss wurde er zum Inspekteur der Jager und Schiitzen, im April
1873 aber zum Kommandeur der 1. Division in Konigsberg ernannt, ver-
tauschte die letztere Stellung, nachdem er im September d. J. zum General-
lieutenant befordert worden war, mit der namlichen an der Spitze der 13. Di-
vision zu Mlinster, trat im Marz 1880 mit dem Charakter als General der
Infanterie in den Ruhestand und nahm nun, in Westfalen verbleibend, seinen
Wohnsitz, in dem Dorfe, welches sein Sterbeort werden sollte. Im September
1889 stellte ihn Kaiser Wilhelm II. gelegentlich der in der Provinz Westfalen
abgehaJtenen Kaisermanover k la suite des einst von ihm gefuhrten 15. Re-
giments.
Auch am politischen Leben hat General v. d. G. sich betheiligt. Als im
Jahre 1867 der konstituirende Reichstag des Norddeutschen Bundes in Berlin
zusammentrat, entsandte ihn der Wahlkreis Minden-Ltibbecke als seinen Ver-
treter dorthin, als darauf der ordentliche Reichstag gebildet wurde, fiel die
Wahl wiederum auf den Oberst v. d. G. und als dieser im Jahre 1869, weil
er zum General und zum Brigadekommandeur befordert worden war, sein
Mandat niederlegen musste, wurde ihm dasselbe von neuem ubertragen.
Seiner ejgenen Ueberzeugung folgend und im Einklange mit der Mehrheit
seiner Wahler sass er dort auf der aussersten Rechten. Die Verehrung und
die Liebe, deren er sich im Mindenschen und im Ravensbergischen erfreut hatte,
kamen auch bei seinem am 1. November zu Eisbergen, dem Pfarrdorfe fiir
Flilme, erfolgten Begrabnisse zum Ausdrucke; sein Freund und Kriegsgefahrte
von 1870, Pastor Friedrich von Bodelschwingh, hielt dabei die Trauerrede.
B. Poten.
von Kottwitz. von Holleben. 85
Kottwitz, Hugo von, Freiherr, Koniglich Preussischer General der In-
fanterie, * am 6. Januar 181 5 zu Wahlstatt in Schlesien, f am 13. Mai 1897
zu Stuttgart. — v. K. trat am 6. Januar 1832 beim 11. Infanterie-Regimente,
dem jetzigen Grenadier- Regimen te Kronprinz Friedrich Wilhelm (2. Schlesi-
sches) No. 11, als Dreijahrigfreiwilliger in den Dienst und gehorte diesem
Regimente an, bis er am 3. April 1866 zum Oberst und zum Kommandeur
des 4. Westfalischen Infanterie-Regiments No. 17 ernannt wurde, an dessen
Spitze er am 3. Juli in der Schlacht bei Koniggratz durch die Wegnahme
des Waldes von Bor nicht unwesentlich zur Entscheidung beitrug. Bei Aus-
bruch des Krieges gegen Frankreich zum Generalmajor und Kommandeur der
aus den Hanseatischen Regimentern No. 75 und No. 76 bestehenden 35. In-
fanterie-Brigade befordert, musste er zunachst des Ktistenschutzes wegen dem
Kriegsschauplatze fern bleiben; als aber die BefUrchtungen, welche die fran-
zosische Flotte wachgerufen hatte, sich als grundlos erwiesen hatte, riickte die
Brigade im Verbande der 17. Division, spater zu dem dem Grossherzoge Friedrich
Franz II. von Mecklenburg-Schwerin unterstellten XIII. Armeekorps gehorend,
ebenfalls nach Frankreich ab, nahm vom 4. bis zum 10. September an der
Einschliessung vonMetz, alsdann bis zum 20. an der Belagerung von Toul
und schliesslich an der Cernirung von Paris theil, bis der Grossherzog am
10. November mit einer ihm unterstellten Armeeabtheilung gen Stiden ent-
sandt wurde, um einem nach dem Treffen von Coulmiers etwa von Orleans
gegen Paris gerichteten Angriffe zu begegnen. Nachdem dieser ausgeblieben
war und die Brigade Kottwitz inzwischen bei dem vom Grossherzoge in der
Richtung auf le Mans gemachten Luftstosse mitgewirkt hatte, bot sich ihrem
Ftihrer am 2. December in der Schlacht bei Loigny-Poupry die geschickt
ergriffene und mit hingebender Tapferkeit benutzte Gelegenheit durch den in
einem kritischen Augenblicke unternommenen erfolgreichen, von ihm person-
lich geleiteten Angriff auf Loigny und die standhafte Behauptung der gewon-
nenen Oertlichkeiten zur Entscheidung des Tages wesentlich beizutragen. Seine
Brigade hatte an Todten und Verwundeten 21 Offiziere und 423 Mann ver-
loren. An den schweren Kampfen vom 7, bis zum 11. December, welche
mit dem Gesammtnamen der Schlacht von Beaugency-Cravant bezeichnet wer-
den, und an der durch sie herbeigeftihrten Abwehr von Chanzy's Versuchen,
die auf dem Kriegsschauplatze an der Loire bis dahin erlittenen Niederlagen
in Sieg zu verwandeln, hatten General v. K. und seine Hanseaten vollen An-
theil, nicht minder an dem schliesslichen Zurtickwerfen dieses gefahrlichen
Gegners auf le Mans und an der volligen Zertriimmerung seines Heeres. Mit
dem Eisernen Kreuze 1. Klasse in die Heimath zurtickgekehrt, wurde der
General am 14. Juli 1874 nach Wlirttemberg kommandirt, um das Kommando
der 26. Division zu tibernehmen und am 18. Januar 1875 zum Generallieute-
nant befbrdert. Am 22. December 1877 von dort abberufen und an die Spitze
der 1. Division in Konigsberg gestellt, erbat er seine Pensionirung, welche
am 5. Februar 1878 bewilligt wurde; gleichzeitig erfolgte seine Stellung zur
Disposition und am ftinfundzwanzigsten Jahrestage von Loigny seine Charakte-
risirung als General der Infanterie durch Kaiser Wilhelm II.
B. Poten.
Holleben, Bernhard von, genannt von Normann, Koniglich Sachsischer
General der Infanterie z. D., * am 30. Juli 1824 zu Unter-Koditz bei Konig-
see im Flirstenthume Scbwarzburg-Rudolstadt, f 11. October 1897 zu Dresden,
86 von Holleben. von Kraatz-Koschlau.
— v. H. beabsichtigte in den btirgerlichen Staatsdienst seines Heimathlandes
zu treten und hatte zu diesem Ende fast vier Jahre lang zu Jena studirt, als
die im Winter 1848/49 gemachte Bekanntschaft mit den zum Zwecke der
Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in Rudolstadt befindlichen Offizieren
des Koniglich Sachsischen 1. Schlitzen-Bataillons ihn veranlasste im Juni 1849,
als Portepeejunker in die Sachsische Armee zu treten. Er hatte damit in eine
Laufbahn eingelenkt, flir welche seine geistigen und korperlichen Eigenschaften
ihn vorzliglich befahigten. Sie war daher eine besonders glanzende. Noch
im namlichen Jahre zum Unter-, am 1. Juni 1854 zum Oberlieutenant be-
fordert, 1856 bis 1858 zur Fortbildungsschule des Generalstabes, 1863/64 als
Adjutant zu dem Kommandeur der Bundes-Executionstruppen in Holstein,
General -Lieutenant von Hake, kommandirt, seit 1865 zuerst als Brigade-
adjutant, dann im Generalstabe verwendet, wurde er am 29. Marz 1866
in letzterem zum Hauptmann ernannt und bewahrte sich im Bohmischen
Feldzuge dieses Jahres im Stabe der 2. Division unter General von Stieglitz
ganz vorzliglich durch Umsicht und Entschlossenheit, wie durch seine Fiirsorge
fur die Truppen und durch seine Gabe mit Menschen aller Art zu verkehren.
Die ihm gewordenen Ordensauszeichnungen erkannten die von ihm geleisteten
Dienste an. Bereits am 26. Marz 1867, also nachdem er ein Jahr lang Haupt-
mann gewesen, zum Major ernannt, wurde er alsbald zum Grossen General-
stabe nach Berlin kommandirt und kurz vor Ausbruch des Krieges gegen
Frankreich dort zum Militarbevollmachtigten, sowie zum Bevollmachtigten
beim Bundesrathe und zum Mitgliede der Bundes-Rayonkommission ernannt;
bei der Mobilmachung wurde er dem Generalstabe des Grossen Hauptquar-
tiers zugetheilt. In dieser Stellung trat er in den Augusttagen bei Metz durch
werthvolle Leistungen hervor, erwies sich hervorragend tlichtig, als er, bei
Ausscheidung der Maasarmee unter Kronprinz Albert von Sachsen, zum Ober-
kommando der letzteren abkommandirt war (auf dem Zuge nach Sedan und
in der Schlacht vom 1 . September), trat vor Paris zum Grossen Hauptquartiere
zuriick und gehorte zum Schlusse dem Oberkommando der Sudarmee unter
dem General Freiherm von Manteuffel an, welche die letzte feindliche Feld-
armee liber die Schweizerische Grenze drangte. Das Eiserne Kreuz 1 . Klasse
war die werthvollste unter den ihm verliehenen Ordensauszeichnungen. Nach
Friedensschluss blieb er bis zum 1. Juli 1873 in seiner friiheren Stellung,
jetzt beim Deutschen Reiche statt beim Norddeutschen Bunde, in Berlin und
war darauf bis zum 6. Juli 1883 Chef des Generalstabes des XII. (Koniglich
Sachsischen) Armeekorps. Inzwischen zum Generalmajor aufgerlickt, ubernahm
er alsdann das Kommando der 2. Infanterie-Brigade Nr. 46 zu Dresden, ver-
tauschte dieses am 1. April 1887, zum Generallieutenant befordert, mit dem
der dortigen 3. Division No. 32, letzteres, nach Leipzig ubersiedelnd, im Ja-
nuar 1889 mit dem der 2. Division No. 24 und trat am 22. Januar 1892
durch gichtische Leiden bewogen in den Ruhestand. Gleichzeitig zum General
der Infanterie ernannt, wahlte er Dresden zu seinem Wohnsitze.
Militar. Wochenblatt No. 96, Berlin 27. October 1897.
B. Poten.
Kraatz-Koschlau, Alexander von, Koniglich Preussischer General der
Infanterie z. D., * am 12. Februar 181 7 zu Wenneschin im hinterpommer-
schen Kreise Lauenburg, f am 12. September 1897 zu Friedenau bei Berlin.
— K. trat an dem Tage, an welchem er sein 17. Lebensjahr vollendete,
von Kraatz-Koschlau. Lobstein. 87
als Dreijahrigfreiwilliger beim 4. Infanterie- Regimen te in den Heeresdienst,
wurde am 13. Februar 1836 Sekond-, am 12. April 1849 Premier-Lieutenant
und am 12, November 1852, nachdem er die Allgemeine Kriegsschule besucht
hatte und zum Topographischen BuTeau, wie zur Gewehrfabrik in Sommerda,
in welcher damals am Zlindnadelgewehre gearbeitet wurde, kommandirt ge-
wesen war, als Hauptmann in den Generalstab versetzt. Diesem hat er, mit
einer vierjahrigen, von 1853 bis 1857 dauernden, durch die Verwendung als
Kompagniechef bei dem zu Trier und Luxemburg garnisonirenden 30. In-
fanterie-Regimente ausgefiillten Unterbrechung, bis 1867 angehort. Im Jahre
1866 nahm er wahrend des Krieges gegen Oesterreichs Verbiindete als
Chef des Stabes der Mainarmee eine hervorragende Stellung ein, deren
Bedeutung im ersten Theil des Feldzuges, in welchem der Oberbefehlshaber,
General Vogel von Falkenstein, thatsachlich sein eigener Generalstabschef
war, nicht in gleichem Maasse zur Geltung kam wie unter dessen Nach-
folger, dem Generallieutenant Freiherrn von Manteuflfel. Die Leistungen des
Obersten v. K. in diesem Kriege wurden durch die Verleihung des Ordens
pour le mdrite anerkannt. Nach Friedensschluss trat er in die von ihm schon
seit 1863 bekleidete Stellung als Chef des Generalstabes des VH. Armeekorps
zurtick, verblieb in derselben noch ein Jahr, erhielt dann das Kommando der
42. Infanterie-Brigade zu Frankfurt a. M., welches er 1869 mit dem eine be-
sondere dienstliche Befahigung erfordernden der n. zu Berlin vertauschte,
und erhielt, inzwischen Generalmajor geworden, bei Ausbruch des Krieges
vom Jahre 1870 gegen Frankreich das Kommando der zum X. Armeekorps
unter General von Voigts-Rhetz und zur II. Armee des Prinzen Friedrich Karl
von Preussen gehorenden 20. Infanterie-Division. In der Frlihe des 16. Au-
gust von Pont k Mousson aufgebrochen und nach zwolfstundigem Marsche
bei Tronville auf dem Schlachtfelde von Vionville-Mars la Tour eingetroffen,
nahm die Division unter seiner Filhrung an den Schlusskampfen des Tages und
demnachst an der Einschliessung von Metz Theil. Nach dem Falle der Festung
wurde General v. K. zunachst auf dem aussersten linken FlUgel der nach der
Loire abruckenden II. Armee gegen Langres entsendet, aber schon so frtih
an die letztere wieder herangezogen, dass er den Kampfen von Ende Novem-
ber und Anfang December beiwohnen konnte, welche am 4. des letzteren
Monats zur Besitznahme von Orleans fllhrten. Um die Jahreswende stand er
Chanzy gegeniiber bei Venddme am Loir. Bei dem alsdann erfolgenden Vor-
rtlcken gegen le Mans hatte die 20. Division wiederum den linken Fliigel der
Armee. Unter nicht allzu schweren Kampfen, aber mittelst anstrengender
Marsche langte sie am 12. Januar vor le Mans an und drang am Nachmittage
zuerst in die Stadt ein. Mit dem Eisernen Kreuze 1. Klasse geschmlickt,
kehrte General v. K. nach Friedensschlusse in die Heimath zurtick, erhielt
zunachst das Kommando der 12. Division in Neisse, vertauschte dieses schon
im Sommer 1871 mit dem der 16. in Trier, rlickte am 18. August d. J. zum
Generallieutenant auf und wurde am 4. Marz 1879 in Genehmigung seines
Abschiedsgesuches und unter Verleihung des Characters als General der In-
fanterie mit Pension zur Disposition gestellt. Nachdem sein Vater im Jahre
1857 geadelt worden, hiess er »von Kraatz-Koschlau«, bis dahin »Kraatz«.
B. Poten.
Lobstein, Friedrich Eduard, Arzt und Dichter, * am 3. December 1826
zu Strassburg im Elsass, f am 2. October 1897 zu Heidelberg. — Er ent-
88 Lobstein. Romann.
stammte einer alt-elsassischen Familie, war von Geburt zwar Franzose, aber
im Herzen ein guter Deutscher, der sich der Wiedervereinigung seiner Hei-
math mit dem deutschen Mutterlande (1871) aufrichtig freute. Sein Vater
war der als pathologischer Anatom und Griinder des anatomisch-pathologischen
Museums in Strassburg in der medicinischen Welt rtihmlichst bekannte Pro-
fessor Johann Friedrich L., nach dessen fruhem Tode (1835) er mit der
Mutter in deren Heimath und Elternhaus nach Landau in der bayrischen
Pfalz tibersiedelte. Hier empfing er im Hause seines Grossvaters, des Medi-
cinalraths Dr. Pauli, den ersten Unterricht, besuchte darauf die dortige Latein-
schule, absolvirte spater das Gymnasium zu Speyer und bezog dann die Uni-
versitat Heidelberg, um Medicin zu studiren. In Wttrzburg, wo er seine
Studien fortsetzte, promo virte er 1852 und bestand zwei Jahre spater die
Staatsprtifung. Inzwischen hatte er zu weiterer Ausbildung Berlin, Prag, Wien
und Paris besucht und auch das bayrische Indigenat erworben, und so Hess
er sich denn 1854 in Landau als praktischer Arzt nieder. Lobstein's dich-
terische Productivity, die bis zum Jahre 1840 zuriickreicht, gewann durch
die Schillerfeier (1859) hohere Weihe und reinere Form. Mit angeborener
Vorliebe fiir historische, archaologische und Kunststudien widmete er sich in
berufsfreien Stunden hauptsachlich den klassischen Dichtformen hellenischer
und rOmischer Vorbilder. Aus der Zeit einer italienischen Reise stammen
seine »Bilder aus NeapeU (1866). Nach dem Tode seiner Mutter gab L. im
Jahre 1872 seinen arztlichen Beruf auf und zog nach Heidelberg, wo er sich
in seiner Villa am Schlossberge ein trauliches Heim schuf. Seine Musse wid-
mete er in der Folge theils dem stadtischen Gemeinwesen, theils schriftstelle-
rischer Production. Als Denkmale der Pietat veroffentlichte er zur Sacular-
feier der Geburt seines Vaters, dessen Marmorbtiste bei dieser Gelegenheit
von der medicinischen Facultat zu Strassburg in dem Neubau des Museums
gestiftet wurde, die Biographie »Johann Friedrich Lobstein. Sein Leben und
Wirken« (1878), sowie jene seines Grossoheims »Joh, Friedr. Lobstein sen.,
ein Lehrer Goethe's in Strassburg. Nebst Anhang: Zur Geschichte des Biir-
gerhospitals in Strassburg* (1880). Seine patriotische und dichterische Be-
geisterung hatte durch die grossen Ereignisse von 1870 und 187 1 und ihre
Folgen, sowie durch den unvergleichlichen Reiz seiner neuen Heimath einen
machtigen Impuls erhalten. So gab er denn unter dem Titel »In Musse-
stunden« (1880) eine Bliithenlese elegischer und lyrjscher Dichtungen heraus.
PersGnliche Mittheilungen.
Franz Brtimmer.
Romann, Albrecht, Geistlicher und Dichter, * am 27. Marz 1850 in
Ziegenhals (Schlesien), f am 11. September 1897 in Liegnitz. — Sein Vater
stand im Dienste der Judenmission in Oberschlesien, starb aber friih mit
Hinterlassung zweier Sohne, von denen Albrecht der altere war, ein unge-
stiimer Geist, aber sehr begabt. Nach dem Besuche des Magdalenengymna-
siums in Breslau, studirte er in Tubingen und Berlin Theologie und gab noch
als Student zwei Bandchen lyrischer Gedichte, »Poetische Aphorismen« (1872)
und ein Drama »Attila« (1872) heraus. Im Jahre 1875 als Geistlicher ordi-
nirt, wurde er zunachst Pfarrvikar in Borsigwerk und 1876 Diakonus an der
Liebfrauenkirche in Liegnitz, wo er 21 Jahre in grossem Segen wirkte. Er
richtete u. a. eine Sonntagsschule ein, grlindete einen Arbeiter-, einen Lehr-
lings- und Jungfrauenverein, veranstaltete ofFentliche Vortrage und lieferte ftir
Romann. Semmig. 89
die Vereine manche poetische Gabe, von denen namentlich das kleine vater-
landische Festspiel »Bei Sedan« (1894), das er unter dem Pseudonym Albrecht
von Gaisenberg herausgab, in weitere Kreise gedrungen ist. Auch auf theo-
logischem Gebiet hat er verschiedene Fragen in selbstandigen Broschtiren be-
handelt. Er erlag einem Lungenleiden.
Nach Mittbeilungen des P. prim. SeyfFarth in Liegnitx.
Franz Brtimmer.
Semmig, Friedrich Herman, Schriftsteller und Schulmann, * am 23. Juni
1820 zu Dobeln im KOnigreich Sachsen, f am 22. Juni 1897 in Leipzig. — Sein
Vater betrieb neben einem burgerlichen Gewerbe etwas Landwirthschaft. Nach-
dem der Sohn den vorbereitenden Unterricht in der Ortsschule und privatim
durch einen Kandidaten der Theologie erhalten hatte, kam er 1833 auf die
Ftirstenschule in Grimma und bezog Ostern 1839 die Universitat Leipzig, an
welcher er drei Jahre Theologie studirte. Dann wandte er sich dem Studium
der Geschichte zu, um spater die akademische Laufbahn einzuschlagen, und trat
deshalb in das historische Seminar des Prof. Wachsmuth. Sein Eintritt in die
Burschenschaft (1842) wurde ftir sein ganzes spateres Leben bedeutungsvoll,
indem ihn von nun an die politische Bewegung in ihre Kreise zog; von jetzt
ab erschienen auch viele seiner, die politisch-philosophische Bewegung ab-
spiegelnden Gedichte im »Komet« (Herlosssohn), in den »Rosen« (Rob. Hel-
ler) und den Hamburger »Jahreszeiten«. Im Jahre 1843 ward S. in die letzte
sogenannte Demagogenverfolgung verwickelt und musste eine dreimonatliche
strenge Haft erdulden. An der deutschkatholischen Bewegung betheiligte er
sich durch seine Broschlire »Schlesiens Reformirung und Katholisirung« (1845).
Nach seiner Promotion zum Dr. phil. warf er sich auf das Studium der socia-
len Frage; er war der erste in Sachsen, der die Verhaltnisse vom socialisti-
schen Standpunkte aus, besonders in der »Trierschen Zeitung«, besprach, und
in seiner Broschlire »Sachsische Zustande nebst Randglossen und Leucht-
kugelnoc (1846) seine socialistischen Anschauungen auf den Humanismus be-
grlindete. In diesem Sinne war er auch als Redacteur politischer Blatter in
Dobeln, Leipzig und Rochlitz thatig. In Leipzig grtindete er 1848 den »De-
mokratischen Verein« und vertrat denselben als Deputirter auf dem Congress
der demokratischen Vereine zu Pfingsten in Frankfurt a. M., auch war er
gleichzeitig Mitglied des von Robert Blum gegriindeten »Vaterlandsvereins«.
Nach der Hinrichtung dieses Freiheitskampfers veroffentlichte er » Robert Blum.
Episches Gedicht in 4 Gesangen« (1848). Im Mai 1849 betheiligte sich S.
an dem Volksaufstande in Sachsen, floh nach Unterdriickung desselben nach
Strassburg und gab noch in demselben Jahre die Broschlire »Handwerk bringt
keinen goldenen Boden. Erlebnisse eines Handwerkers« (1849) heraus. Im
Frtihjahr 1850 von der Regierung des Prinz-Prasidenten nach Nancy und Ende
des Jahres nach Nantes verwiesen, durchzog er von hier aus Frankreich zu
Fuss von Ost nach West, Sitten und Gebrauche des Landes genau studirend,
und legte dann von 1851 an seine Beobachtungen und Ansichten in den
angesehensten deutschen Blattern nieder. Auch zwei dramatische Arbeiten
»Das Lied an die Freude« (1850) und »Freitag« (1850) Hess er von Nantes
aus unter dem Namen Fr. Schmidt in Deutschland erscheinen. Im Sommer
1854 wurde S. Studienaufseher am stadtischen Gymnasium zu Quimper, war
1855 — 56 Sekretar eines jungen Gelehrten in Paris und Hauslehrer einer
adeligen Familie in der Vendue, hielt sich seit dem Herbst 1856 als Privat-
go Semmig. Brahms.
lehrer in Nantes auf und erhielt 1858 auf Verwendung des Historikers Michelet
die Stelle eines Lehrers der deutschen Sprache am Staatsgymnasium zu Le
Puy in den Sevennen. Nachdem er dann im Herbst i860 zu Paris das Exa-
men als Oberlehrer ftir lebende Sprachen bestanden hatte, wurde er als solcher
am Gymnasium zu Chambdry in dem eben annectirten Savoyen angestellt,
von wo aus er seine »Geschichte der franzosischen Literatur im Mittelalter*
(1862) verOffentlichte. Im Herbst 1862 an das Lyceum in Orleans berufen,
grundete er sich hier 1866 den gllicklichsten Familienheerd, wurde aber,
trotzdem er das Civilbiirgerrecht in Frankreich besass, wie alle Deutschen
1870 ausgewiesen. Ueber die Bretagne, England und Belgien kehrte er nach
Leipzig zurlick und erhielt hier bald darauf eine Stelle als Lehrer an der neu
begrtindeten hoheren Btirgerschule ftir Madchen, die er bis zu seiner Pen-
sionirung (1882) verwaltete. Seitdem widmete er seine Musse literarischen
Arbeiten. Von seinen spateren Schriften sind noch zu erwahnen: »Das Kind.
Tagebuch eines Vaters« (1876) — »Das Frauenherz. Lebensbilder und Dich-
tungen« (1879) — »Cultur- und Literaturgeschichte der franzosischen Schweiz
und Savoyens« (1882) — »Franzosisches Frauenleben« (1883) — »Evas Tochter
bis auf Luther's Kathe« (1883) — »Fern von Paris. Erzahlungen und No-
vellen« (1884) — »Ein Genzianenstrauss. Novellen und Reisebilder« (1885)
— »Die Jungfrau von Orleans und ihre Zeitgenossen« (1885) — »Rhein,
Rhone und Loire. Cultur- und Landschaftsbilder« (1886).
Perstaliche Mittheilungen.
Franz Brtimmer.
Brahms, Johannes, Componist und Pianist, * am 7. Mai 1833 zu Ham-
burg, Speckstrasse 60 (friiher No. 24; das Taufjournal der St. Michaelskirche
in Hamburg nennt das Haus »Specksgang — Schltitershof«), f am 3. April 1897
zu Wien. — Die Familie war friiher im Holstein'schen, noch friiher im Han-
nover1 schen ansassig und schrieb sich abwechselnd Brahmst, Brahms, Brams,
Bramst. Der Vater Brahms', Johann Jakob Brahms (geb. 1. Juni 1806 in
Heide im Holsteinischen), bevorzugte die erste Schreibung und hatte seinen
Namen in dieser Form auf seiner Stadtmusikerfirmatafel stehen, trotzdem in
seinem »Meisterbriefe« Brahms zu lesen war. Der junge Brahms kratzte das
t von der Tafel ab, auch wenn es der alte Herr wieder herstellen Hess. End-
lich gab der Vater nach und acceptirte auch seinerseits die Lesart » Brahms «.
Vater Brahms war Contrabassist (zuerst am Carl-Schultze-Theater, spater am
Stadttheater), spielte aber auch Cello und Horn. In dieser Eigenschaft war
er Mitglied eines Sextetts, das im Sommer im Alster-Pavillon musicirte und
flir das der junge Johannes Marsche und Tanze arrangirte, einmal sogar eine
Original - Composition geliefert haben soil. Die Mutter (Johanna Henrika
Christiana) war eine geborene Nissen aus Hamburg (geb. 1789, gest. 2. Febr.
1865) eine herzensgute, einfache Frau, an der Brahms zeitlebens mit grfisster
Verehrung hing. Sie betrieb im Hause Fuhlentwiel 74, wohin die Familie
tibersiedelt war, eine kleine Handlung mit hollandischen Waaren. Die Ehe
der El tern war, wie es scheint, keine sehr gluckliche; die Eheleute gingen
Anfangs der 60 er Jahre auseinander. Der alte Brahms heirathete nach dem
Tode seiner ersten Frau noch einmal, und zwar die Wittwe Caroline Schnack
(geb. Paasch, geb. 25. October 1824), die derzeit noch in Pinneberg im Hoi-
steinischen bei ihrem Sohne Fritz aus erster Ehe lebt. An vollblutigen Ge-
schwistern besass B. eine Schwester Elisabeth (geb. n. Februar 1831, gest.
Brahms,
91
11. Juni 1892) und einen Bruder Friedrich (geb. 26. Marz 1835, 8^st- 5- No-
vember 1 886), der gleich ihm Musiker wurde, langere Zeit in Amerika, spater
aber in Hamburg lebte. — Vater Brahms unterrichtete seinen Sohn im Cello-
und Hornspiele. Spater iibernahm ein Schtiler F. Marxsen's, Cossel, den
Unterricht im Clavierspiele, welchen dann Marxsen selbst fortsetzte, der tlber-
diess dem jungen Manne auch die vollstandige theoretische Ausbildung an-
gedeihen Hess. HOhere Schulbildung genoss B. nicht; sein spaterhin viel-
bewundertes allgemeines Wissen hat er sich durch Selbststudium angeeignet.
— Um zu dem schmalen Haushalte der Eltern etwas beisteuern zu kttnnen,
spiel te B. in Hamburg, Bergedorf u. s. w. in Wirthshausern, Matrosenkneipen
u. dgl. Am 21. September 1848 gab Johannes sein erstes Concert, dem
am 14. April 1849 e*n erfolgreiches zweites folgte. Der im Mai 1898 ver-
storbene ungarische Geiger Ed. Remdnyi soil ihn um diese Zeit gehtirt haben,
engagirte ihn aber jedenfalls erst 1853 zu einer mehrwdchentlichen Concert-
reise durch Norddeutschland. 1850 machte B. einen Versuch, dem zufallig
in Hamburg weilenden Rob. Schumann einige Compositionen vorzulegen. Der
Meister fand aber keine Zeit, was Brahms veranlasste, sich spater etwas zu
besinnen, ehe er Schumann — wie er glaubte — lastig fallen wollte. In
Weimar machte B. (1853) die Bekanntschaft Liszt's, der ihn mit Begeisterung
aufnahm und bei dem er mehrere Wochen dieses und des nachstfolgenden
Jahres zubrachte, in Gottingen diejenige Joachim's, der nun in ihn drang sich
Schumann vorzustellen. Dies geschah aber erst, nachdem Brahms (von Juni
1853 an) eine Zeit lang mit Joachim an der Gottinger Universitat Vorlesungen
gehort, und in dessen Gesellschaft eine Reise in die Schweiz und an den
Rhein unternommen hatte. Ende September oder Anfang October 1853 er-
schien B. bei Schumann in Dtisseldorf und erregte das grftsste Interesse des
Meisters und dessen Frau. Am 23. October dieses Jahres veroffentlichte
Schumann seinen bertihmt gewordenen Aufsatz »Neue Bahnen*, in welchem
er die musikalische Welt auf den genialen, jungen Kunstler aufmerksam
machte. Die Wirkung war nur zum Theile die beabsichtigte. Viele sprachen
von Ueberschatzung und namentlich in der »SUddeutschen Musikzeitung«
(1854 No, 11 u. s. w.) erschien eine, man kann sagen, vernichtende Kritik der
durch Schumann's Beftirwortung bei Breitkopf & Hartel in Leipzig erschienenen
ersten Compositionen, den zwei ersten Claviersonaten des Es-moll-Scherzos
und des Liederheftes op. 3. Um mit Verlegern in FUhlung zu kommen, war
B. nach Leipzig gereist, und trat daselbst am 17. December 1853 zum ersten
Male als Pianist und Componist auf. Kurze Zeit darauf (4. Januar 1854)
lernte B. in Hannover BUlow kennen, mit dem ihn lebenslange Freundschaft
verband. Auch Gade, Spohr, Marschner, Lowe und Anderen trat er person-
lich mehr oder minder nahe. Der innigste Verkehr entwickelte sich aber
zwischen B., dem Ehepaar Schumann und Joachim. Nur zu bald sollte aber
das so verheissungsvoll begonnene Verhaltniss getrllbt werden. Am 6. Fe-
bmar 1854 sttirzte sich Schumann in den Rhein und der zwar wieder ge-
rettete, aber geistesgest6rte Meister musste am 4. Marz der Endenicher Anstalt
(ibergeben werden. B. stand nun der Familie in Allem und Jedem bei; auch
besuchte er Schumann Cfter in der Heilanstalt und machte mit ihm Spazier-
gange; seine Besuche wirkten wohlthatig auf Schumann ein und er stellte
dieselben erst ein, als das Ende herannahte. — Inzwischen war B. als Diri-
gent eines kleinen Chores und als Musiklehrer an den Hof von Detmold be-
mfen, woselbst er eifrig an seiner eigenen Ausbildung arbeitete und eine
92
Brahms.
Reihe seiner, nach 1859 edirten Compositionen (von op. 10 an) schuf. Er
gab die Stellung nach einiger Zeit auf und lebte in Hamburg, ebenfalls
Unterricht ertheilend und dirigirend; er und sein Bruder Friedrich hatten
jeder seinen Chor und B. benutzte diese Gelegenheit, um recht viel alter Chor-
musik kennen zu lernen. In der Sommerszeit weilte er entweder in der
Schweiz, wo er mit Gottfried Keller, Kirchner u. A. verkehrte, in Baden-
Baden, wo sich Klara Schumann — in Lichtenthal — angekauft hatte und
wo er mit A. Feuerbach, Turgeniew u. A. in Beziehung trat, in Bonn und
anderen Orten.
Es war fast still von B. geworden; da trat er am 27. Januar 1859 *n
einem Gewandhaus-Concerte mit seinem gewaltigen D -moll -Concerte hervor,
das er urspriinglich als Sonate flir 2 Claviere gedacht hatte. Das Stuck
wurde ausgezischt. B. war aber nicht der Mann, sich nur einen Augenblick
irre machen zu lassen. In rascher Folge erschienen (i860 — 61) die beiden
Serenaden, der »Begrabnissgesang«, die Frauenchore mit Harfe und Horn.
Simrock, mit dem B. von da an in lebenslanglicher Verlagsbeziehung und
Freundschaft beharrte, erscheint da zum ersten Male als Verleger B.'scher
Werke. — Bald verOffentlichte B. das Sextett, das ihn zunachst unter den
Kammermusikspielern popular machte. 1862 folgte B.'s erste-Reise nach
Wien, jenem Orte, der von jeher auf Musiker eine magische Anziehungskrait
ausgellbt hatte und bestimmt erschien, auch B.'s zweite Heimath zu werden.
Er hatte sowohl als schafTender, wie als ausubender Kiinstler grossen Erfolg
und sah sich von alien Seiten geehrt. Da die » Wiener Singakademie« ihm
das Amt eines Chormeisters (ibertrug, Ubersiedelte er in die Kaiserstadt, wo
er an Hanslick einen Freund und beredten Anwalt, an Hellmesberger einen
begeisterten Interpreten gefunden hatte. Bis 1864 leitete er die Concerte
der »Singakademie« im grossten Style und brachte, mehr als je einer seiner
Vorganger in Wien, die Bedeutung Seb. Bach's flir die Chorcomposition zur
Geltung. Aus dieser Zeit datirt seine personliche Bekanntschaft mit R. Wag-
ner, seine Freundschaft mit Taussig und Cornelius. Nachdem er seine Be-
ziehung zur Akademie gelost, brachte er ein paar Jahre auf — meist mit
Joachim ausgeftlhrten — Concertreisen zu, sich zeitweilig auch auf langere
Zeit an einem Orte (so 1865 in Karlsruhe) niederlassend. Ueberall stand er
im Mittelpunkte des Musiklebens. In Karlsruhe regte er die WiederauffUhrung
von Mehul's »Uthal« an, betheiligte sich an der, von seinen Freunden Levi
und Devrient geplanten Don-Juan-Bearbeitung, in Gottingen veranlasste er
Ph. Spitta, damals ein blutjunger Student, sich der Musikwissenschaft zu ^id-
men. Nach Wien zuriickgekehrt, dirigirte er von 1872 an die Concerte der
»Gesellschaft der Musikfreunde*, legte 1875 die Stelle wieder nieder, blieb
aber — bis an sein Lebensende — als Directionsrath an dem Institute thadg.
— In Wien hatte sich inzwischen der Kreis von Verehrem und Freunden
des Meisters immer mehr erweitert, der anfangs mit norddeutscher Schroffheit
Auftretende hatte allgemach gar Manches vom gemtithlichen Wesen des
Oesterreichers angenommen und sich an Familien und Einzelne angeschlossen.
Zunehmende Anerkennung auf kiinstlerischem Gebiete hatte ihm ausserdem
manche bittere Erfahrung seiner freudlosen Jugend, seiner durch zahlreiche
Umst&nde getrtibten Jiinglingsjahre vergessen lassen. Sein immer mehr wach-
sender Ruhm war hauptsachlich durch das »deutsche Requiem « begrttndet
worden, das 1865 — 67 nach Worten der heiligen Schrift componirt (in dieser
Hinsicht besitzt das B.'sche Werk einen Vorganger in Heinr. Schiitz* um 1636
Brahms.
93
auf den Tod Heinr. Postumus in deutscher Sprache componirten »Musikali-
schen Exequien«) zum ersten Male am 10. April 1868 im Dom zu Bremen
unter Rheinthaler's Leitung eine von durchschlagendem Erfolge begleitete
Auffiihrung erlebt und zur Folge hatte, dass sich das Werk rasch Uber ganz
Deutschland und Oesterreich, liber die ganze musikalische Welt verbreitete.
Diese denkwiirdige Auffiihrung war iibrigens nicht die erste. Herbeck hatte
in Wien im zweiten Gesellschaftsconcert der Saison 1867/68 (am 1. December
1867) die drei ersten Satze des Requiems gebracht, deren zwei erste tiefen
Eindruck machten, wahrend der dritte (mit dem grossen Orgelpunkte) auf die
Opposition verbissener »Z6pfe« stiess. — Bei der oben erwahnten Bremer
Auffiihrung fehlte noch der Satz: »Ich will Euch trosten«, der erst etwas
spater componirt und dem Werke eingefiigt wurde. — Wie mit einem Schlage
beleuchtete nun das Verst&ndniss, welches das deutsche Requiem gefunden
hatte, so manches anscheinend Dunkle in den anderen Werken des Meisters,
die sich nun langsam Bahn brachen. Die beiden ersten Streichquartette, das
F-moll-Clavierquintett (componirt 1863, ursprlinglich Streichquintett, spater
auch als Sonate ftir zwei Claviere veroffentlicht), die beiden Clavierquartette,
die Orchester-Variationen uber ein Haydn'sches Thema (eines der tiefsinnig-
sten contrapunktischen Werke der ganzen Orchesterliteratur), die Alt-Rhapsodie
(Text aus Goethe's »Harzreise im Winter«, componirt 1869), namentlich aber
die Lieder erfreuten sich immer steigernder Bewunderung. Das Kriegsjahr
1870 begeisterte B. — der mit Leidenschaft an Deutschland hing — zu seinem
»Triumphlied«, das zahllose AuffUhrungen erlebte und einen fast dem Sieges-
zug des »Requiem«c ahnlichen Erfolg hatte.
Gewaltiges Aufsehen erregte die Nachricht, B. werde mit einer Symphonie
hervortreten. Nur nahere Freunde wussten, dass er sich schon in den ftinf-
ziger Jahren mit einem derartigen Werke beschaftigt hatte (im Sommer 1854
schrieb er eine Symphonie in D-moll), dass er mehr als einmal im Laufe der
Jahre immer wieder darauf zurtickkam. Schon 1862 hatte B. (ungefahr um
die Zeit, als er mit seinen wundervollen »Magelone-Liedern« beschaftigt war)
seine C-moll-Symphonie begonnen, die endlich, nachdem sie mancherlei Um-
gestaltung erlebt hatte, 1876 an die Oeffentlichkeit kam. Die erste Auffiihrung
leitete B. am 17, December in Wien. Wie so oftmals bei B.'schen Werken
war die Aufnahme keine solche, die auf auch nur ann&herndes Verstandniss
hatte schliessen lassen. — Als B. am Pulte erschien, umbrauste ihn tausend-
stimmiger Jubel; nach den einzelnen Satzen war weit mehr Befremden als
Begeisterung aus den Mienen der Zuhorer zu lesen. Um so unmittelbarer
wirkten die zweite und dritte Symphonie, die ihre Erstaufflihrungen in Wien
unter H. Richter am 10. Januar 1878 und am 2. December 1883 erlebten. —
Das Violin -Concert, 1877 oder 1878 componirt, von Joachim in die Welt
eingeftihrt, wurde bald als hochbedeutendes Werk erkannt und ziert dermalen
die Programme der ersten Violinspieler. Es ist das dritte der grossen Con-
certe neben dem Beethoven'schen und Mendelssohn'schen. —
1 88 1 (26. December) spielte B. bei den Wiener Philharmonikern zum
ersten Male sein zweites Clavierconcert, das jubelnd aufgenommen wurde und
vielleicht das vollendetste ist, was B. in symphonischer Form geschrieben hat.
Im selben Jahre schrieb er die »Nanie« zum Gedenken des Todes Anselm
Feuerbach's. Am 25. October 1885 dirigirte B. seine vierte Symphonie
zum ersten Male in Meiningen, woselbst er durch Btilow's Intervention zu
dem kunstsinnigen Hofe in Beziehung getreten war und hoch geehrt wurde.
94
Brahms.
Zu Anfang der neunziger Jahre glaubte B. ein Schwinden seiner Schaffens-
kraft zu beobachten. Er entwarf Verschiedenes, Symphonien, Kammermusik-
werke u. dgl. und kam damit nicht so zu Ende, wie er wollte. Da entschloss
er sich, Nichts mehr zu schreiben, lebte stillvergntigt weiter, machte Parthien,
endlich schrieb er in dieser sorglosen Stimmung in kurzer Zeit das herrliche
Clarinette-Quintett und das kaum weniger schone Clarinette-Trio, zu dem ihn
der Meininger Clarinettist R. MUhlfeld, einer der bedeutendsten ausilbenden
Kiinsder unserer Zeit, mittelbar angeregt hatte. Kurz darauf veroffentlichte er
in sieben Heften zu je sieben Stuck — er liebte derlei »heilige« Zahlen —
seine rasch beriihmt gewordenen »Deutschen Volkslieder«, in denen er seine
Meisterschaft in Bearbeitung fremden, schwierigen Stoffes aufs Bewunderungs-
wlirdigste bewahrte.
Am 20. Mai 1896 starb KJara Schumann, die B. wie eine Mutter geliebt
hatte. Das lange Siechthum der Hochverehrten hatte ihn oft des Todes ge-
denken lassen. Er schrieb seine »Ernsten Gesange« fur eine Bassstimme,
wahre Unica in der lyrischen Literatur. Im Sommer desselben Jahres schuf
er noch seine ebenso herrlichen, als kunstvollen (bisher unedirten) Choral-
vorspiele, seine letzte Arbeit.
Im Juni 1896 begann das Aussehen B.'s sich zu verandern. Die Gesichts-
farbe wurde immer fahler, gelber, der m&chtige Korper verfiel; ein Aufenthalt
in Karlsbad (September) schuf keine Besserung des Leidens. Am 24. Marz
1897 speiste er zum letzten Male bei seinem Freunde V. Miller v. Aichholz;
tags darauf vermochte er nicht mehr das Lager zu verlassen, am 3. April kurz
vor 9 Uhr frfih war er entschlafen. Ein Leberkrebs hatte seinem Leben ein
Ende gemacht.
B. war unverheirathet; um das bedeutende Vermogen und die kostbaren
Sammlungen, die er hinterliess, wird processirt, da B. keine vollkommen deut-
lichen Verfligungen hinterliess und sich eine Reihe — von B. kaum am Leben
vermutheten — Blutsverwandten meldeten.
Obwohl B. von 1862 an eigentlich haupts&chlich in Wien ansassig war,
befriedigte er sein lebhaftes Bediirfniss nach Abwechselung durch oftmals
wechselnde Sommeraufenthalte und Reisen. Die Sommer 1875 — 1877 brachte
er in Ziegenhausen bei Heidelberg zu, 1878 — 1880 in Portschach am Wor-
thersee in Karnten, 1881 in Pressbaum bei Wien, 1884/85 in Mtirzzuschlag,
1886 — 1888 in Thun in der Schweiz, wo ihm in dem Dichter J. V. Widmann
ein lieber Freund lebte; von 1889 an bis 1896 hauste er in Ischl in einem
etwas abgelegenen Hauschen an der Salzburger Strasse. Italien bereiste er
1878, 1881, 1882, 1887, 1888, 1890 und 1893, abwechselnd mit Billroth,
Freund, Hanslick, Hegar, Kirchner und Widmann. Nach dem Tode seiner
Mutter hatte er mit seinem alten Vater und Gansbacher (1867 und 1868)
Steiermark und das Salzkammergut bereist; in den achtziger Jahren Sieben-
btirgen.
An ^usseren Ehren fehlte es ihm nicht. Im Januar 1874 erhielt er —
gleichzeitig mit R. Wagner — vom Konig Ludwig II. von Bayern den Maximi-
lians-Ord en, die Universitat Cambridge ernannte ihn 1877, die Universitat
Breslau am n.Marz 1879 zum Ehrendoctor. Zur feierlichen Promotion in
Breslau (4. Januar 1881) schrieb er seine glanzende prunkvolle »Academische
Fest-Ouvert(ire«. 1886 ernannte ihn die preussische Regierung zum stimm-
fahigen Ritter des Ordens pour le m^rite, 1889 verlieh ihm seine Vaterstadt
Hamburg das Ehrenburgerrecht (wofiir er mit der Widmung seiner Fest- und
Brahms.
95
Gedenksprtiche op. 109 dankte), der Kaiser von Oesterreich 1893 den Leo-
poldsorden und spater das Ehrenzeichen fur Kunst und Wissenschaft ; die
Geseilschaft der Musikfreunde in Wien Hess zu seinem 60. Geburtstage eine
vom Medailleur Scharff geschnittene Denkmlinze pragen. — Nach seinem Tode
wurden an seinen Wohnhausern in Isch] und Carlsbad Gedenktafeln ange-
bracht, das letztere Haus, das bisher »Stadt Brtissel« hiess in »Johannes
Brahms* umgetauft; an dem Hause Carlsgasse 4 in Wien, wo er etwa von 1875
an bis zu seinem Tode gewohnt hatte, will die Gemeinde Wien desgleichen
eine Tafel errichten. (Friihere Wohnungen von Brahms waren: 1862 II. No-
varagasse 55, 1864 I. Singerstrasse, deutsches Haus, 1867 I. Postgasse 6, spater
III. Ungargasse 2.)
B. hat mit Ausnahme der Oper und des eigentlichen geistlichen Ora-
toriums alle Gattungen der Musik gepflegt. — Aus der FUlle des Neuen, mit
dem B. die moderne Tonkunst bereicherte, muss zuerst seine ganz personliche
Art der Melodiebildung hervorgehoben werden, mit der er einen ihm allein
zukommenden Typus geschaffen hat. Dabei ist der Zug nach freierer Rhyt-
misirung der Melodie bei B. kaum minder stark als bei R. Wagner. In har-
monischer Richtung danken wir B. eine Menge eigenartiger Anregungen. Er
cultivirte nicht wie Wagner das Feld der Enharmonik und Chromatik, son-
dern blieb mehr im Bereiche des Tonalen, dasselbe aber z. B. nach Seite der
alten Octavengattungen (Kirchentonarten) hin in genialster, freiester Weise
erweiternd. — Die B.'sche Satzweise ist durch moglichste Auflosung des
homophonen Massivs in integrirende Stimmen charakterisirt. B. dachte poly-
phon. Daher kommt es, dass er bei solcher Schreibweise nicht, — wie es so
vielen ergeht — in den Ton anderer Meister der Polyphonie verfallt, sondern
auch in den schwierigsten Formen keinen Augenblick aufhi>rt, seine voile Per-
sonlichkeit zu wahren. — In instrumentaler Hinsicht ist B. hervorragend neu
in der Structur seiner Blasersatze und in der Verwendung des pizzicato der
Streichinstrumente. Er hat als Erster di£ Seele dieser Spielart vollig entdeckt
und davon in seinen Violoncello-Sonaten und in der ersten Symphonie gross-
artigen Gebrauch gemacht. Das seit Beethoven in Vergessenheit gerathene
Contrafagott fuhrte er wieder in das moderne Orchester ein. — In seinen
vier Concerten filr Solo-Instrumente hat er zum ersten Male tiefernste Tone
angeschlagen und sich dadurch in Gegensatz zur ganzen bisherigen, das Ge-
fellige nicht verschmahenden Concertliteratur gebracht. — Im lyrischen Fache,
in dem er neben dem Grossten, neben Schubert, genannt werden muss, schuf
er eine neue Welt, eroberte der Musik ganz neue Ausdrucksgebiete und hob
namentlich die zu den Liedern gesetzten Begleitungen auf eine vor ihm kaum
geahnte Stufe der Vollkommenheit. — Durch eine Menge meisterhafter Be-
arbeitungen, vor allem deutscher und ungarischer Volksweisen hat er aufs
Eindringlichste und mit grosstem Erfolge auf diesen Urquell all$r gesunden
Erfindung verwiesen. — Die Clavierliteratur verdankt B. einige ihrer grossten,
bedeutendsten, und eine Menge kleinerer Werke, die nicht nur im Composi-
torischen, sondern auch im specifisch Clavierspielerischen, dem Claviersatze,
eine FUlle von Neuem, bisher nicht Dagewesenen aufweisen. —
Neben seiner eigentlichen Thatigkeit als Componist hatte sich B. zu einem
Musikgelehrten von tiefstem Wissen ausgebildet und in dieser Eigenschaft sich
an der Neuherausgabe alterer Meister, so Couperin und Gluck, sowie an den
grossen Gesammtausgaben der Werke von Mozart, Schubert und Chopin be-
theiligt. — Als Pianist zahlte er zu den Ersten seiner Zeit; namentlich wusste
o6 Brahms. Marine.
er im grossen Style vorzutragen und — wenn er gut bei Stimmung war —
elementar hinzureissen. Diiftelei und Feinarbeit waren seine Sache nicht.
Als Mensch war B. einfach, treu und von unwandelbarer Charakterfestig-
keit, bei anscheinender ausserer Rauhheit eine weiche, innige Natur, von
grosster Herzensgiite. Zahlreiche Menschen hatten sich seiner werkthatigen
Hilfe zu erfreuen; Wohlthaten erwies er immer in der Stille und nie in klei-
nem Maassstabe. Er sah sich seine Leute an, gab aber dann reichlich. — In
friiheren Jahren wortkarg, wurde er spaterhin mittheilsam und konnte fur einen
cbenso geistreichen als liebenswtirdigen Gesellschafter gel ten. Er sprach vor-
trefflich und wlirzte seine Rede mit iiberraschenden, oft ziemlich sarkastischen
Einf alien. In Gesprachen iiber Kunst vermied er es imrner, seiner selbst zu
erwahnen.
Als Quellen zur Biographie B.'s sind zu nennen: H. Deiters, Joh. B. (Sammlung
musikalischer Vortrage No. 23, 24 und 63); H. Reimann, Joh. B. (Harm6nie, Verlags-
gesellschaft fUr Literatur und Kunst, Berlin W. 8); A. Morin, Joh. B. (Bechhold, Frank-
furt a. M.); L. Ehlert, B. (Deutsche Rundschau 1880, Heft 9); Ph. Spitta, J. Br. (»Zur
Musik« S. 387, das Erschopfendste und Grttndlichste , was Uber B. geschrieben wurde);
J. V. Widmann, Sicilien (Huber in Frauenfeld) und desselben Autors »J. B. in Erinne-
rungen« (Gebr. Paetel); Alb. Dietrich, »Erinnerungen an B.« (O. Wigand); Ed. Hans-
lick, »Aus meinem Lebenc (Paetel) und zahlreiche Aufsatze in desselben Autors »Ge-
schichte des Concertwesens«, »Aus dem Concertsaal* und den verschiedenen Sammel-
werken; J. B. (Neujahrsblatt der All gem. Musikgesellschaft in Zurich 1898); M. Kalbeck,
•Neues Uber Brahms* u. s. w. —
Einen Catalog sammtlicher Werke ver&ffentlichte N. Simrock in Berlin; alle von B.
componirten Dichtungen erschienen von Dr. G. OphUls gesammelt unter dem Titel
>Brahms-Texte« bei Simrock.
Portrats. Ausser zahlreichen Photographien aus den verschiedensten Lebensaltern
(die besten aus der letzten Zeit von Brasch in Berlin und Skrivanek in Wien) existiren eine
von Laurent (1853) gefertigte Silberstiftzeichnung, Radirungen von Michalek (Heck,
Wien), Unger (H. 6. Miethke, Wien), Moriz v. Eyken (Rieter-Biedermann), Biisten von
Kundmann, Tilgner, Conrat und Fellinger, eine Medaille von Scharff.
Monumente sollen in Wien, Hamburg und Meiningen errichtet werden.
Werke und Schriften s. BOrsenbl. f. d. dtsch. Buchh. 1897. No. 95.
R. Heuberger.
Marme, Wilhelm, ordentlicher Universitats-Professor der Pharmakologie und
Geheimer Medicinalrath in Gottingen, * 19. Februar 1832 zu Dierdorf (Rhein-
prov.), f am 27. Juni 1897. — M. studirte in Bonn, Heidelberg, Berlin und
Breslau und erlangte 1857 an letztgenannter Universitat mit einer unter Jacob
Moleschot^s, damaligen Privatdocenten in Heidelberg, Leitung verfertigten
Experimental -Untersuchung Uber die Wirkung des Lichtes auf den Verlauf
biologischer Vorgange die Doctorwlirde. Nach Ablegung der Staatsprtifung
1858 widmete sich M. speciell der Pharmakologie und habilitirte sich 1865 fur
dieses Fach in Gottingen. Ausserdem las er noch iiber medicinische Elektri-
citatslehre und iiber Geschichte der Medicin. 1872 wurde er ausserordent-
licher, 1875 ordendicher Professor, 1892 erhielt er den Titel als Geheimer
Medicinalrath. Seit 1875 war er gleichzeitig Director des Gottinger pharma-
kologischen Instituts. Seine zum Theil im Verein mit Theodor Husemann
und G. Meissner verfertigten literarischen Arbeiten haben besonders pharma-
cologische, physiologische bezw. physiologisch-chemische Untersuchungen zum
Gegenstande. Unter anderem verofFentlichte er Studien iiber die Digitalis,
iiber die physiologische Wirkung des gechlorten Schwefelathers, iiber das
Verhalten des Salicins im Organismus. Die meisten dieser Detailstudien sind
Marine. Michael. Oertel*
97
in den Commentarien der Gdttinger Societat der Wissenschaften publicirt.
Selbstandig erschienen ein kleiner Grundriss, sowie ein grosseres Lehrbuch
der Pharmakognosie.
Pagel.
Michael, J., Laryngolog in Hamburg, * 1841 daselbst als Sohn eines
Arztes, f am 6. Januar 1897. — M. studirte anfangs die Rechtswissenschaften
und erst spater die Heilkunde, mit besonderer Voriiebe Ohren- und Kehl-
kopfkrankheiten nach bestandenem Staatsexamen in Wien unter A. Politzer,
Urbantschitsch, Stoerk und Joh. Schnitzler. Bei letzterem war er lange Zeit
als Assistent thatig. Darauf Hess er sich in seiner Vaterstadt als ausiibender
Specialist nieder und gewann allmahlich eine stattliche Clientel. Zugleich
widmete er sich auch der wissenschaftlichen Thatigkeit und publicirte eine
Reihe von schonen Arbeiten, die besonders der therapeutischen Technik zu
Gute kamen. Er gab fur die Operation der adenoiden Wucherungen eine
Doppelmeisselzange an, die sich lange Zeit grosser Verbreitung erfreute, ferner
empfahl er zuerst die permanente Tamponade der Trachea, ein Instrument
zur Pharynxerweiterung u. v. a. Mehrere Arbeiten M.'s beziehen sich auf die
Physiologie der Sprache und des Gesanges, unter anderem lieferte er auch
eine deutsche Uebersetzung von Mackenzie's bekannter Abhandlung aus dem
Englischen. 1881 empfahl M. zuerst die Benutzung der Kathodenstrahlen zu
medicinischen Zwecken. Uebrigens hat er auch auf ausserhalb seines Special-
faches liegendem Gebiete gearbeitet, so tiber die Behandlung der Gebar-
muttervorfalle oder das Anasarka, ttber die Therapie der Cholera, ftir die er
die Infusion empfahl. Auch schrieb er ftir das achtzigjahrige Stiftungsfest des
Hamburger arztlichen Vereins eine ausgezeichnete Geschichte desselben. Seine
letzte grossere Publication hatte die Behandlung der Mittelohreiterungen zum
Gegenstande. M.'s Tod erfolgte ganz plotzlich an Herzlahmung mitten in
seiner Thatigkeit in der Poliklinik des judischen Krankenhauses zu Hamburg.
Vergl. P. Heymann in Berl. klin. Wochenschr. 1897, Nr. 12.
Pagel.
Oertel, Max Josef, Laryngolog in MUnchen und bekannter Urheber
einer besonderen diatetischen Curmethode, * am 20. Marz 1835 zu Dillingen
in Bayern, f am 19. Juli 1897 als ausserordentlicher Universitats-Professor der
Kehlkopfheilkunde. — O. studirte die Heilkunde und Naturwissenschaften in
MUnchen, war schon wahrend der Studienzeit Assistent bei Karl v. Pfeufer
(seit 1 860) und erlangte 1863 die Doctorwiirde, in demselben Jahre die
Approbation als Arzt. Schon vorher hatte er begonnen sich unter Czermak's
Leitung mit der damals eben inaugurirten laryngoskopischen Untersuchungs-
methode vertraut zu machen. Diese Bemtihungen setzte er auch nach seiner
Niederlassung als Arzt mit solchem Erfolge fort, dass er sich bereits 1867 ftir
das Fach der Kehlkopfheilkunde an der Miinchener Universitat als Privat-
docent habilitiren konnte, und zwar war O. der Erste, der in Sttddeutschland
akademischen Unterricht in diesem Sonderzweig ertheilte. Schon 1876 er-
langte er das Extraordinariat, das er bis zu seinem Lebensende bekleidete.
O. war ein ausserordentlich fruchtbarer Schriftsteller und hat zur Pflege und
zum Ausbau seines Specialfaches nicht unwesentlich sowohl als Lehrer wie
durch zahlreiche literarische Publicationen beigetragen. Doch liegt seine
eigentliche Bedeutung nicht auf diesem Felde, vielmehr hat er sich ein ge-
Biogr. Jahrb. u. Di'iithcher Nokmlo^. 2. Bd. 7
o8 Oertel. Senfft von Pilsach. von Schachtmeyer.
schichtliches Andenken durch die Empfehlung und Ausbildung einer beson-
deren Curmethode bei gewissen Stoffwechselerkrankungen gesichert, mit der
sein Name fttr ewig verknupft bleiben wird. Es handelt sich urn die bekannte
Entziehungscur, speciell bei Verfettungszustanden, Herzbeschwerden etc., nie-
dergelegt und rationell begriindet in der Aufsehen erregenden Schrift » Therapie
der Kreislaufstorungen* (1884), sowie in dem popular geschriebenen Buch
»Terraincurorte«. Sehr bemerkenswerth ist ferner O.'s Abhandlung liber
Diphtherie (als Theil von Bd. II des grossen v. Ziemssen'schen Handbuchs
der speciell en Pathologie erschienen), worm er bereits die parasitare Aetio-
logie dieser Krankheit mit grosser Entschiedenheit vertritt, wesentlich in An-
lehnung an die Theorie von Ferdinand Cohn. — Fur das v. Ziemssen'-
sche Handbuch der allgemeinen Therapie bearbeitete er die respiratorische
Therapie.
Vergl. Biogr. Lex. bervorr. Aerzte IV, S. 409; Voss. Ztg. vom 19. Juli 1897.
Werke u. Schriften s. Bttrsenbl. f. d. Deutschen Buchhandel 1897, No. 176.
Pagel.
Senfft von Pilsach, Friedrich Moritz Adolf, Koniglich Sachsischer
General der Kavallerie z. D,, * am 4. October 18 16 zu Coburg, f am 15. De-
cember 1897 zu Dresden. — Seit 1829 im dortigen Kadettenkorps erzogen
und aus diesem am 1. Juli 1832 dem 1. leichten Reiterregimente Prinz Ernst
in Marienberg als Port6p6ejunker uberwiesen, 1833 zum Unter-, 1839 zum
Ober-Lieutenant befordert, ward er 1847 unter Ernennung zum Rittmeister dem
noch jetzt lebenden Prinzen Georg als militarischer Fiihrer beigegeben, ein Jahr
darauf als Adjutant zum Prinzen Albert, dem nunmehrigen Konige, komman-
dirt, welchen er im Jahre 1849 auf den Schauplatz des Krieges gegen Dane-
mark begleitete, 1853 aber zum Major und zum Koniglichen Fltigeladjutanten
emannt. Nachdem er sodann die Brautwerbung seines ftirstlichen Herrn urn
die Prinzessin Carola von Wasa vermittelt und bis zum Jahre 1857 dem Hof-
staate des jungen Ehepaares angehort hatte, kehrte er als Stabsoffizier beim
3. Reiterregimente in den Frontdienst zuriick, wurde 1863 Oberst und Kom-
mandeur des 2. Reiterregiments und 1865 Kommandeur der 2. Reiterbrigade,
trat nach kurzer Zeit, aus Gesundheitsriicksichten, vortibergehend auf Warte-
geld, aber schon bei Ausbruch des Krieges vom Jahre 1866 von neuem in
den aktiven Dienst, war w&hrend des bohmischen Feldzuges dem Oberkom-
mando der osterreichischen Nordarmee beigegeben, ward bei Neugestaltung des
Sachsischen Heeres im Jahre 1867 an die Spitze der Kavalleriedivision berufen
und leitete deren Ueberftihrung in die veranderten Verhaltnisse, wurde 1868
Generallieutenant und im December 1869 in Genehmigung seines Abschieds-
gesuches mit Pension zur Disposition gestellt. Als Konig Albert 1893 sein
flinfzigjahriges militarisches Dienstjubilaum feierte, verlieh er S. den Charakter
als General der Kavallerie. Dem Verstorbenen widmete sein friiherer Zogling
Prinz Georg einen warm empfundenen Nachruf. Nach A. v. S. war sein noch
lebender Bruder Wilhelm Hugo gleichfalls Kommandeur der Koniglich Sach-
sischen Kavalleriedivision.
B. Poten.
Schachtmeyer, Hans von, Koniglich Preussischer General der Infanterie,
* am 6. November 181 6 zu Berlin, f am 8. November 1897 zu Celle. —
Am 5. August 1833 aus dem Kadettenkorps dem 2. Garde-Regimente zu Fuss,
von Schachtmeyer. gg
in welchem auch sein Vater gestanden hatte, tiberwiesen, wurde er seiner tech-
nischen Befahigung wegen schon friih bei den Anstalten und Vorarbeiten ver-
wendet, welche sich mit der Einfiihrung einer verbesserten Handfeuerwaffe zu
besch&ftigen hatten und aus deren Arbeiten darnach das Ziindnadelgewehr
hervorging. Von 1841 bis 1846 war er zur Gewehrfabrik zu Sommerda, ein
Jahr darauf zu den mit jener Waffe — im Vergleich mit dem Thouvenin-
gewehre beim Garde -Reserve- (jetzt Garde -Ftisilier-) Regimente angestellten
Versuchen kommandirt; sodann zur Artillerie-Abtheilung des Kriegsministe-
riums, wo er die Anweisung zum Schulschiessen mit dem Zundnadelgewehre
bearbeitete. Und von 1855 bis i8sg stand er an der Spitze der damals zu
Spandau errichteten Gewehr-Priifungskommission. In dieser Stellung war er der
Berather des Prinzen von Preussen, der technische Vertraute desselben, und
wenn Jenem, dem nachmaligen Kaiser Wilhelm I., das Verdienst gebtihrt, durch
entschiedenes Eintreten fiir das ZQndnadelgewehr der preussischen Armee die
Waffe verschafft zu haben, welcher sie in den nicht lange nachher beginnenden
Kriegen einen grossen Theil ihrer Erfolge dankte, so darf dabei des Prinzen
treuer Mitarbeiter nicht vergessen werden, dessen Kaiser Wilhelm selbst bis
an sein Lebensende mit grosster Anerkennung und nie erloschendem Wohl-
wollen gedacht hat. Nachdem die Ausriistung mit der Waffe durchgefuhrt
war, wurde Sch., welcher 1852 zum Hauptmann im 1. Garde -Regiment zu
Fuss befordert worden war, in diesem alsdann drei Jahre lang eine Kompagnie
gefiihrt hatte, 1856 zum Major, i860 zum Oberstlieutenant aufgeriickt, bei der
Mobilmachung von i8sg Bataillons-Kommandeur im 1. Garde -Regimente zu
Fuss und darauf Kommandeur des Lehr-Infanterie-Bataillons gewesen war, im
Jahre 1861 zum Oberst und zum Kommandeur des in Trier garnisonirenden
Hohenzollernschen Fiisilier-Regiments No. 40 ernannt, dessen kriegsm&ssige
Ausbildung und innerliche Ttichtigkeit nun die stetig verfolgten und gllicklich
erreichten Endziele seines dienstlichen Strebens wurden. Es war ihm jedoch
nicht vergCnnt das Regiment in das Feld zu fiihren. Vielmehr wurde er bei
Ausbruch des Krieges vom Jahre 1866 unter Beforderung zum Generalmajor
zum Kommandeur der aus den Rheinischen Regimentern No. 30 und No. 70
bestehenden, zur Division Beyer gehorenden 32. Infanterie- Brigade ernannt,
an deren Spitze er den Mainfeldzug mitmachte; aber schon am 10. Juli im
Gefechte von Hammelburg wurde er, nachdem ihm ein Pferd unter dem Leibe
erschossen und er selbst durch mehrere Kugeln kontusionirt worden war,
durch einen Schuss in die rechte Hand kampfunfahig gemacht.
Nach Friedensschluss erhielt er das Kommando der' neu aufgestellten
41. Infanterie-Brigade zu Frankfurt am Main, wo er unter schwierigen Verhalt-
nissen sich bald grosse Beliebtheit und Vertrauen in weiten Kreisen erwarb, und
bei Ausbruch des Krieges gegen Frankreich, gleichzeitig zum Generallieutenant
befordert, das Kommando der 2 1 . Infanterie-Division, deren Stabsquartier eben-
falls Frankfurt gewesen war. Schon am 4. August nahm die ihm unterstellte
41. Infanterie-Brigade am Treffen von Weissenburg namhaften Antheil und
am 6. d. M. kampfte die ganze Division bei Worth an einem der Brenn-
punkte der Schlacht, ohne dass jedoch ihr Kommandeur, wie vielfach im
Verlaufe des Feldzuges vorkam, zu einheitlicher Verwendung der ihm unter-
steilten Truppen gelangt ware. Aehnlich war es bei Sedan, wo General v. Sch.,
nachdem General von Gersdorff todtlich verwundet war, das Kommando des
XI. Armeekorps libernahm. Dieses Korps ftihrte er sodann in die Einschlies-
sungslinie von Paris, von wo aber die zweite der zu demselben gehorigen
7*
loo von Schachtmeyer. von Stocken.
Divisionen, die 22. unter General von Wittich, sehr bald behufs anderweiter
Verwendung. abberufen wurde. Zu besonderem Hervortreten gab ihm der
Aufenthalt vor Paris keine Veranlassung, da keiner der Ausfalle der Besatzung
sich gegen die ihm bei Versailles angewiesene Stellung richtete.
Nach der Heimkehr vertauschte er das Kommando der 21. mit dem der
8. Division zu Erfurt, wurde am 25. Mai 1875 zum Gouverneur von Strass-
burg, wo die Verh<nisse viel Geschick und Arbeit erforderten, am 22. Marz
1876 zum General der Infanterie und am 26. Januar 1878, als man vielfach
seine Laufbahn im Hinblick auf seine Harthorigkeit flir abgeschlossen hielt,
zum kommandirenden General des XIII. (Koniglich Wiirttembergischen) Armee-
korps ernannt, eine Wahl, welche sich als eine in jeder Richtung gliickliche
erwiesen hat. Als er am 15. Mai 1886 in Genehmigung seines Abschieds-
gesuches zur Disposition gestellt worden war, nahm er seinen Wohnsitz zu
Celle, wo er eine verwittwete Schwester hatte; seine Leiche wurde zu Gotha
verbrannt. An ausseren Ehren wurden ihm, nachdem er aus dem Kriege von
1870/71 beide Klassen des Eisernen Kreuzes und den Orden pour le mtfrite
zurlickgebracht hatte, u. a. der Schwarze Adlerorden und aus Anlass des im
Jahre 1885 abgehaltenen Kaisermanovers die Emennung zum Chef des Pom-
merschen Fiisilier-Regiments No. 34 zu theil.
Militar. Wochenblatt No. 102, Berlin 17. November 1897.
B. Poten.
Stocken, Eduard von, Koniglich Preussischer Generallieutenant z. D.,
* am 27. October 1824 zu Halberstadt, f am 24. October 1897 zu Hannover.
— St. war ftir den Beruf seines Vaters, das Postfach, bestimmt, als die Zeit-
verh<nisse ihn zum Soldaten machten. Am 1. April 1847 als Einjahrig-
Freiwilliger beim 10. Infanterie-Regimente zu Breslau in den Dienst getreten,
nahm er, als Sekondlieutenant beim 3. Bataillone (Sorau) des 12. Landwehr-
Regiments, im Jahre 1 849 an der Bekampfung der Aufst&ndischen in der Pfalz
und in Baden theil, ward, zu den Berufsoffizieren tibertretend, mit einem Pa-
tente vom 15. August 1850 in das 14. Infanterie-Regiment eingereiht und ge-
langte schon am 1. October 1851, durch seine Kommandirung als »Militareleve«
zur Central-Turnanstalt in Berlin, zur Verwendung in einem Ausbildungszweige,
zu dessen Entwickelung und Vervollkommnung er demnachst in verschiedenen
Stellungen in so hohem Grade beigetragen hat, dass er mit Recht als der
Hauptbegriinder (Jer Militargymnastik im preussischen Heere bezeichnet wor-
den ist. Nach einander Hilfs- und Militarlehrer, seit dem Herbst 1863
Unterrichtsdirigent der genannten Anstalt, hat er derselben bis zum Jahre
1869 mit einigen Unterbrechungen — Kommandirung von 1854 bis 1858 zur
Divisionsschule in Erfurt und Theilnahme am Feldzuge des Jahres 1866 in
Bohmen, wo er eine Kompagnie seines oben genannten Regimentes ftihrte —
fortwahrend angehort. Zum Major aufgerUckt, trat er am 18. Juni 1869 als
Bataillonskommandeur beim 3. Brandenburgischen Infanterie-Regimente No. 20
in die Front zuriick und befehligte dieses sowie zeitweise auch das Regiment
im Feldzuge gegen Frankreich mit solcher Auszeichnung, dass ihm das Eiseme
Kreuz 1. Klasse und der Adelstand verliehen wurden. Namentlich am
16. August 1870 ist er hervorgetreten. An der von Vionville nach Rezon-
ville flihrenden Strasse hat er sich mit den Resten seiner Mannschaft bis zum
Abend behauptet und dann erkl&rte er sich »mit Freuden bereiU, bei dem
auf Befehl des Prinzen Friedrich Karl unternommenen n&chtlichen Vorstosse
von Stocken. Sievert, Simiginowicz-Staufe. 101
mitzuwirken. Gleich vortrefflich waren seine Haltung und seine Leistungen
im ferneren Verlaufe des Krieges. Namentlich bei dem Schlussakte vom
Januar 1871, welcher zur Einnahme von le Mans ftihrte. Am 6. Januar hatte
er im Gefechte von Azay eine leichte Wunde davongetragen. Nachdem er
sodann bis 1873 der Besatzungsarmee angehort hatte, ward ihm 1876 zunachst
die Fiihrung, bald darauf das Kommando des Grenadier-Regiments Kronprinz
(r. Ostpreussisches) No. 1 zu Konigsberg iibertragen, welche Stellung er am
12. Marz 1878 mit der an der Spitze des 3. Garde -Grenadier-Regiments
Konigin Elisabeth zu Spandau vertauschte; im August 1882 wurde er Kom-
mandeur der 22. Infanterie-Brigade zu Breslau, am 12. Juni 1886 trat er in
den Ruhestand. Seit 1868 Major, seit 1873 Oberstlieutenant, seit 1876 Oberst,
seit 1882 Generalmajor, erhielt er bei dieser Gelegenheit den Charakter als
Generallieutenant. Er nahm nun seinen Wohnsitz zu Hannover. — »Die
Konigliche Central-Turnanstalt zu Berlin « hat St. im vierten Beihefte zum
Militar-Wochenblatte vom Jahre 1869 geschildert; ausserdem sind vielfach
aufgelegt die von ihm verfassten »Uebungstabellen ftir den systematischen Be-
trieb der Milit&r-Gymnastik«.
MilitUr. Wochenblatt No. 1 12, Berlin 18. December 1897.
f B. Poten.
Sievert, Auguste, Schriftstellerin und Malerin, * am 31. October 1824 in
Siegen (Westfalen), f am 4. Januar 1897 in Wettin a. d. Saale. Sie war die
Tochter eines Bergbeamten aus dessen zweiter Ehe und verlor ihren Vater
schon in ihrem siebenten Lebensjahre. Die Mutter siedelte nun mit ihren
vier Kindern nach ihrem Geburtsorte Wettin uber, wo sie und auch ihre
Tochter Auguste bis an ihr Lebensende verblieben. Auguste betrieb mit
vielem Talent die Malerei und war langere Zeit Schlilerin von Prof. Schirmer
in Dresden; namentlich in der Kleinmalerei von Blumen (Streumuster) offen-
barte sie viel Verstandniss und grosses Geschick, doch kamen ihre Arbeiten
nicht uber den Kreis ihrer Freunde hinaus. Auguste S. war verlobt mit dem
Prediger Wilhelm Ewerth in Wettin, doch starb der Brautigam 1850 kurz vor
der Hochzeit; eine weitere Werbung hat sie abgelehnt und ist unverheirathet
geblieben. Bald nach diesem schweren Verluste griff sie zur Feder und
schrieb ihre ersten Erzahlungen ftir das Nathusius'sche »Volksblatt ftir Stadt
und Land*. Ihre seiner Zeit viel gelesenen Schriften sind: »Ein Waisenkind.
Eine Erzahlung« (1854); » Deutsche Heldensage* (1856); »Licht und Schatten
in eines Malers Leben« (1858); »Bilder aus dem Alltagsleben« (i860); »Ger-
trud. Eine Erzahlung« (i860); »Der grtine Winkel. Eine Erzahlung« (1862);
»Drei Erzahlungen fur Kinder« (1864).
Nach Mittheilungen aus der Familie.
Franz Brtimmer.
Simiginowicz-Staufe, Ludwig Adolf, der erste deutsche Poet der Buko-
wina, * am 28. Mai 1832 in Suczawa in der Bukowina, f am 19. Mai 1897
in Czernowitz. — Er war vaterlicherseits rutenischer, mtitterlicherseits deutscher
Abkunft, erhielt seine Bildung in der Volksschule seiner Vaterstadt und in der
Unterrealschule zu Czernowitz, wo ihn der Ausbruch der Wiener Revolution
zu seinem ersten Gedicht begeisterte, das er unter dem Namen Adolf Sand
drucken Hess, und ging dann nach Wien, wo er als ausserordentlicher Horer
Vorlesungen an der Universitat besuchte. Als Lehramtskandidat kehrte er
I o 2 Simiginowicz-Staufe. Zlindt
1850 an die Unterrealschule in Czernowitz zuriick, wurde 1851 Zeichenadjunkt
an derselben Anstalt und 1852 Lehramtskandidat an der Schottenfelder Real-
schule in Wien. Hier setzte er seine Studien an der Universitat fort, war
auch fiir die verschiedensten Blatter journalistisch th&tig. 1856 kehrte er in
die Heimat zuriick, wurde Supplent am Gymnasium zu Czernowitz und gab
hier von 1856 bis Ende 1858 die »Familienblatter« heraus. Dann wurde er
Lehrer am romisch-katholischen Gymnasium in Kronstadt (Siebenbiirgen) und,
nachdem er sich 1876 an der Universitat Klausenburg die Lehrbef&higung fiir
Geschichte, Geographie und Deutsch fiir ungarische Mittelschulen erworben,
noch in demselbeh Jahre Hauptlehrer an der k. k. Lehrer- und Lehrerinnen-
bildungsanstalt in Czernowitz. Bald darnach zum Professor ernannt, verblieb
er in dieser Stellung bis an seinen, nach lingerer schwerer Krankheit erfolgten
Tod. — Als Dichter tritt uns S. entgegen in seinen »Hymnen« (1850), in dem
» Album neuester Dichtungen« (1852), in den »Heimatgrttssen aus Nieder-
osterreich« (1855) und in dem mit Moritz Amster herausgegebenen »Poeti-
schen Gedenkbuch« (1875); a*s Uebersetzer lernen wir ihn kennen durch seine
»Romanische1?oeten in ihren originalen Formen und metrisch tibersetzU (1864)
und durch seine »Kleinrussischen Volkslieder« (1888), als Sammler durch seine
»Volkssagen aus der Bukowina« (1885).
Persttnliche Mittheilungen. — Bukowinaer Pfidagogische Blatter. 25. Jahrgang. Cxer-
nowitz 1897, S. 154.
Franz Brlimmer.
ZQndt, Ernst Anton, Publicist und Dichter, * am 12. Januar 1819 zu
Georgenberg bei Mindelheim im Algau, dem zu Bayern gehorigen Theile
Schwabens, f am 2. Mai 1897 zu Jefferson City in Nordamerika. — Seinen
Vater, der die Feldztlge der bayerischen Armee unter Napoleon mitgemacht,
hatte er frtih verloren, und so war er denn nach Mtinchen in ein Seminar
gekommen, wo er seine Erziehung erhielt und daneben das Gymnasium be-
suchte. Auch seine Studien in Philosophic und Jurisprudenz machte er an der
Universitat in Mtinchen. Unmittelbar darauf liess er ein Bandchen Gedichte
unter dem Titel »Einsame Stunden* (1842) ausfliegen, die den Autornamen
»Ernst Ztlndt, Freiherr von Kenzingen« tragen. Ueber die folgenden Jahre
seines Lebens schweigen die Biographen; sie berichten nur, dass sich die
Umstande fiir Z. in Deutschland ungtinstig gestalteten, und dass er deshalb
1857 mit Frau und zwei Knaben nach den Vereinigten Staaten auswanderte.
In Greenbay, Wisconsin, grtindete er zunachst eine Zeitung, die »Greenbay
Post« , gab dieselbe aber schon nach zehn Monaten wieder auf und siedelte
nach Milwaukee fiber, wo er Privatunterricht ertheilte und w&hrend eines
Winters die Stelle als Regisseur beim dortigen Stadttheater bekleidete. Spater
redigirte er daselbst neun Monate den »Gradaus«, arbeitete eine Zeit lang am
»Herold« und »Banner« und nahm dann eine Stelle als Lehrer an den dffent-
lichen Schulen an, die er drei Jahre lang bekleidete. Da indessen alle diese
Stellungen ihm keine dauernde, feste Position boten, so begab er sich nach
St. Louis, wo er drei Jahre lang als Mitarbeiter an der »WestIichen Post*
thatig war, und 1868 nach Jefferson City, der Staatshauptstadt von Missouri,
wo er bis 1876 deutschen Unterricht an den offentlichen Schulen ertheilte.
Dann ging er wieder nach St. Louis zuriick. Schwere Jahre der Heimsuchung
infolge von Krankheiten und anderen Unglticksfallen warteten hier seiner, und
schliesslich war er froh, einige kleine Beamtenstellen verwalten zu konnen.
Ztlndt. Bender.
103
Von 1886 bis 1888 lebte er als Redacteur der »Freien Presses in Minnea-
polis; dann zog er sich nach Jefferson City zurtick, um in der Familie seines
Sohnes seinen Lebensabend zu beschliessen. — »Sein bestes Konnen tritt uns
in seinen episch-didaktischen Dichtungen entgegen, die alle in grossem Stile
abgefasst sind. Viele seiner Gedichte sind politischen Inhalts. Sonst erinnern
seine lyrischen Gedichte vielfach an Brentano und Heine; dieselbe Ironie und
Gracie auf der einen, und der volksthtimliche Ton, sowie der geheimnissvolle
Hauch auf der anderen Seite.« Die Dichtungen Zundt's liegen in zwei Samm-
lungen vor, »Lyrische und dramatische Dichtungen « (1873), worin u. a. das
Originaldrama »Jugurtha« enthalten ist, und »Dramatische und lyrische Dich-
tungen* (1879), welche Sammlung u. a. die Marchendichtungen »Aschen-
br6del«, Dornroschen«, »Eisfee« enthalt.
Dr. G. A. Zimmermann: Deutsch in Amerika. Beitrage zur Geschichte der deutsch-
amerikanischen Literatim 2. Aufl. Chicago 1894, S. 121. — New Orleans, Deutsche Zei-
tnng vom 10. Mai 1S97.
Franz Brtimmer.
Bender, Hermann, Dr., Gymnasialrector, * am 13. Juni 1835 *n Esfeld
(im wlirttembergischen Oberamt Besigheim), f am 21. April 1897 in Kirch-
heim unter Teck, vermahlt am 10. October 1865 in Urach mit Clotilde von
Schramm. — Der Bietigheimer Lateinschule, dem niederen Seminare Blau-
beuren und dem Ttibinger Stifte verdankte er seine Ausbildung. Das philo-
logische Studium in Wlirttemberg schmachtete damals noch vollig in den Banden
der Theologie. So sah sich B. trotz entschiedener Hinneigung zu jenem ge-
nothigt, sich gleichzeitig. dieser zu widmen und die erste theologische Dienst-
prufung zu erstehen. Dann aber wandte er sich ganz dem humanistischen
Lehrfache zu. Nachdem er kurze Zeit als Hauslehrer in Konigsberg gewirkt
hatte, wurde er 1859 Repetent am Uracher Seminar, 1865 Praceptor in Geis-
lingen, 1868 Professor am Ttibinger Gymnasium und 1881 Rector des Ulmer
Gymnasiums. Dieser letzte Wirkungskreis befriedigte ihn in so hohem Grade,
dass er damit nicht einmal die Leitung eines hauptstadtischen Gymnasiums
vertauschen wollte. Seine Verdienste wurden durch die Ertheilung des Titels
eines Oberstudienrathes anerkannt. Am 25. October 1895 setzte ein Schlag-
anfall seiner Thatigkeit unvermuthet ein vorzeitiges Zieh Da sich die erhoffte
Besserung nicht einstellte, musste er sich in den bleibenden Ruhestand ver-
setzen lassen und siedelte, als ein vollig gebrochener Mann, im September
1896 nach dem freundlichen Stadtchen Kirchheim am Fuss der schwabischen
Alb tlber. Hier kam ihm schon nach einem halben Jahre der Tod als Er-
loser. — B. war unter den wlirttembergischen humanistischen Schulmannern
der Gegenwart einer der bedeutendsten, gleich vorzuglich als Padagoge wie
als Philologe. Mit seinem Ttibinger Schulamte hatte er seit 1877 einen er-
folgreich durchgeftihrten Lehrauftrag fur Gymnasialpadagogik an der Univer-
sitat vereinigt. 1885 bis 1895 gehorte er der Prtiftingskommission ftir huma-
nistische Lehramter an und zeigte dabei gleichermassen ein seltenes examina-
torisches Geschick, Scharfe des Blickes, Milde des Urtheils. In durchaus
humanem und liberalem Geiste leitete er auch die ihm unterstellte Anstalt.
Er gab Lehrern und Schtilern ein Vorbild treuer, aber nicht pedantischer
Pflichterftillung, wusste die Autoritat ohne strenge Massregeln aufrecht zu er-
halten und erwarb sich die Achtung aller, die zu ihm in irgend welche Be-
ziehungen traten. Im Unterrichte wirkte der vielseitig gebildete und geistig
bewegliche Mann stets anregend; sogar ein trockener Humor war ihm eigen,
104 Bender. Beyttenmiller.
den man ihm auf den ersten Blick nicht zutraute. Fur sein humanistisches
Ideal trat er mit grosser Entschiedenheit in Wort und Schrift ein: bei Ver-
sammlungen von Fachgenossen, in Schulreden, in Aufsatzen. Von seinen
Gymnasialreden veranstaltete er 1887 eine Buchausgabe; seine padagogischen
Aufsatze legte er hauptsachlich im Correspondenzblatt fur die Gelehrten- und
Realschulen Wiirttembergs nieder, an dessen Redaction er Jahre lang betheiligt
war. Als klassischer Philologe umspannte er das ganze weite Gebiet dieser
Wissenschaft; doch that er sich namentlich als Latinist hervor, bezogen sich
seine schriftstellerischen Arbeiten vorzugsweise auf romisches Alterthum. Sein
anziehendes Hauptwerk »Rom und romisches Leben im Alterthum* erschien
1880. Ausserdem verfasste er: »Der jtingere Plinius nach seinen Briefen«
1872, »Grundriss der romischen Literatur-Geschichte* 1876, zweite Auflage
1889, »Anthologie aus romischen Dichtercu 1884, »Romische Geschichte im
Abriss« 1891.
Schwabische Kronik vom 22. April 1897 (Mittagsblatt), Staatsanzeiger fttr Wtirttem-
bcrg vom 23. April 1897, Neues Correspondenzblatt ftir die Gclehrten- und Realschulen
Wiirttembergs 1897, Heft 5, S. 177 k
Rudolf Krauss.
Beyttenmiller, Theodor, Dichter, * am 2. Februar 1820 im wtirttem-
bergischen Oberamtsstadtchen Weinsberg, f am 27. December 1897 in Stutt-
gart. — B. wurde von Justinus Kerner, einem Freunde seines Vaters, der in
Weinsberg Praceptor war, aus der Taufe gehoben, und seine Mutter rtthmte
sich, eine Grossnichte von Schiller's Mutter zu sein. So fehlte es an gliick
lichen Vorbedeutungen fur eine ktinftige Poetenlaufbahn nicht. Zunachst
fasste den Knaben das Leben hart an. Er verlor friihzeitig seine Eltern und
musste 1828 in das Stuttgarter Waisenhaus verbracht werden. Seit 1835
wurde er in dem damit verbundenen Seminar zum Volksschullehrer heran-
gebildet, wirkte sechs Jahre als Lehrgehilfe an verschiedenen wtirttembergi-
schen Schulen und begab sich 1845 auf das Stuttgarter Polytechnikum, um
sich auf das Reallehrerexamen vorzubereiten, dessen zwei Theile er 1848 und
1849 erstand. Daneben war er von 1846 — 1850 Erzieher der beiden Sohne
des FUrsten Gortschakoff, russischen Gesandten in Stuttgart, des nachmaligen
Kanzlers. Die folgenden Jahre (1850 — 1856) verlebte er als Hofmeister im
Hause seines Gonners, des Oberststallmeisters Grafen Taubenheim. Dann trat
er in den ofFentlichen Schuldienst ein und wurde nach einigen klirzeren pro-
visorischen Verwendungen 1857 in Stuttgart definitiver Elementarlehrer, spater
Reallehrer an unteren Klassen, zuletzt mit dem Titel eines Oberreallehrers.
1894 in den Ruhestand versetzt, verbrachte er seinen Lebensabend in Stutt-
gart, bis eine Herzlahmung sein plotzliches Ende herbeifuhrte.
Als Poet trat B. in jtingeren Jahren mit zwei lyrischen Sammlungen her-
vor: »Gedichte« (Stuttgart, bei C. F. Arnold, 1846) und »Maiglockchen«
(Cannstatt, bei L. Bosheuyer, 1854). Er verfiigt liber betrachtliche Gewandt-
heit im Versemachen und weiss die Worte gut zu setzen, die poetischen Rede-
blumen geschickt zu verwenden. Wahrend das erste Buch noch durch die
vielen unreinen Reime entstellt wird, haftet dem zweiten auch dieses formelle
Gebrechen nicht mehr an. In beiden finden sich unleugbar zahlreiche schone
und gute GedicTite. Aber man wird nicht recht warm dabei. Des Dichters
Klagen und sein Jubeln, sein Liebesschmerz und seine Liebeslust vermogen
die Seele des Lesers nicht in sympathetische Schwingung zu versetzen. Der
ganze Ton dieser Poesie ist zu weichlich schmachtend, die ganze Stimmung
BeyttenmUler. MUller. Preyer. 1 05
zu feierlich ernst; vergebens sehnt man sich nach einem Tropfen schwabischen
Humors. Vor allem aber vermisst man die Urspriinglichkeit der Begabung.
Goethe'sche, Kerner'sche Reminiscenzen sind nicht selten, und auch da, wo
sich keine direkten fremden Einfliisse nachweisen lassen, kann man sich des
Eindrucks nicht erwehren, dass der Dichter Ureigenes nicht zu bieten habe.
Die spateren, nicht mehr gesammelten Erzeugnisse B.'s waren hauptsachlich
patriotische Gelegenheitsgedichte, die er zu nationalen Fest- und Gedenktagen
fur Journale oder militarische Vereine verfertigte. Ausserdem gab er 1861
das Lehr- und Handbuch »Unsere alt- und mittelhochdeutschen Dichter«,
sowie mehrere lyrische Anthologien heraus. Auch sonst entfaltete er mannich-
fache literarische Thatigkeit, so als Mitarbeiter und eine Zeit lang als Theater-
referent des Stuttgarter Neuen Tagblattes und sechs Jahre als Redakteur der
Stuttgarter Frauenblatter. -Im Uebrigen lebte der einfache Mann ziemlich
still und zuriickgezogen dahm. Seine letzte offentliche That war die keines-
wegs nothwendige Begriindung eines Kernervereins in Stuttgart.
Franz Brttmmer, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des neunzehnten Jahr*
hunderts, 4. Ausgabe, I, S. 119 k, Nekrologe, namentlich im Stuttgarter Neuen Tagblatt vom
28. December 1897.
Rudolf Krauss.
Muller, Wilhelm, ein jtingeres Mitglied des einst beriihmten Gebriider
MUller-Quartetts, * am 1. Juni 1834 zu Braunschweig, f in der zweiten Halite
des Jahres 1897 in New York. — Er war der Sohn von Karl Friedrich M.,
des ersten Violinisten des einst beriihmten Gebrtfder Mtiller-Quartetts, welches
in den Jahren 1831 bis 1855 Europa in Erstaunen durch seine Leistungen
setzte. Das jtingere Gebriider Miiller-Quartett trat 1855 an Stelle des alteren,
als der Bratschist Theodor Heinrich Gustav mit Tode abging. Der Herzog
von Meiningen nahm es in seine Dienste und von hier aus unternahmen sie
alljahrlich ihre Concertreisen. Als Karl, der erste Violinist, 1866 nach Wies-
baden ging, folgten ihm seine Brtider, sowie spater nach Rostock; als aber
Wilhelm eine Anstellung als Solo -Violoncellist und Lehrer an der Hoch-
schule fur Musik in Berlin erhielt, loste sich das Quartett auf. Wilhelm ver-
einigte sich mit Joachim, De Ahna und Schiver zu dem beriihmten Quartette
in Berlin, trat auch ofter in Concerten auf und bewies sich nicht nur als
Virtuose, fiir den es keine technischen Schwierigkeiten giebt, sondern auch
als Kiinstler, der in den geistigen Gehalt der Werke eindringt und ihnen den
entsprechenden Ausdruck verleiht. Im Jahre 1879 g*ng er nach Amerika.
Anfanglich machte er sein Gliick im neuen Welttheil, doch bald verschwand
sein Name aus den Zeitungen und jetzt melden sie nur ganz kurz seinen
Tod. An Compositionen ist von ihm nichts bekannt geworden, doch gab
er 187 1 eine Reihe Transcriptionen heraus fiir Violoncell und Pianoforte, die
sich durch eine geschmackvolle Auswahl als geschickte Bearbeitung erweisen.
Quellen: Hugo Riemann's Lexikon, Lessmann's Musikzeitung 1897, S. 64 x.
Rob. Eitner.
Preyer, Thierry William, Physiolog in Jena und Berlin, * am 4. Juli
1841 zu Moss-Side (bei Manchester), f am 15. Juli 1897 in Wiesbaden. —
P. erhielt seine wissenschaftliche Vorbildung in London, Duisburg und Bonn,
studirte dann die Heilkunde und Naturwissenschaften in Bonn, Berlin, Wien,
Heidelberg und Paris (unter Max Schultze, Helmholtz, Carl Ludwig, Briicke,
106 Preyer. Schleis von Lowenfeld.
du Bois-Reymond, Virchow und Claude Bernard), erlangte 1862 die philoso-
phische, mit der Abhandlung (iber Plautus impennis, 1866 die medicinische
Doctorwtlrde und 1867 in Bonn die Approbation als Arzt, nachdem er hier
schon seit 1865 als Privatdocent habilitirt war. 1869 erhielt er die Berufung
auf den ordentlichen Lehrstuhl der Physiologie in Jena, den er bis 1888 be-
hielt, urn dann aus Gesundheitsriicksichten Jena mit Berlin zu vertauschen.
Hier gehorte er bis zu seinem Lebensende dem Lehrkorper der Universitat
an; doch hatte er in Folge schweren Nieren- und Leberleidens die letzte Zeit
in Wiesbaden zubringen und sich von jeder wissenschaftlichen Thatigkeit zu-
riickziehen mttssen. P. gehort zu den bedeutenderen Physiologen bezw. Bio-
logen der Gegenwart und hat sich besonders dadurch ein grosses Verdienst
erworben, dass er die ihm im hohen Masse eigene Gabe der popul&ren Dar-
stellung wissenschaftlicher Probleme verwerthete, die denn auch in seinen ebenso
zahlreichen als gediegenen Schriften zum treffenden Ausdruck kommt. Er gehorte
vor Allem zu den eifrigsten Vertretern des Darwinismus und hat durch Wort
und Schrift fur dessen Popularisirung und Verbreitung ebenso kraftig wie er-
folgreich gesorgt. Ebenso hat P. das Verdienst, das Problem des Hypnotismus
in wissenschaftlich rationeller Weise begrtindet und aufgeklart zu haben. P.
nahm sich ferner gewisser, die allgemeine Bildung, das Unterrichts-, Schul-
wesen, die Padagogik etc. betreffenden Angelegenheiten an und forderte diese
durch popular-wissenschaftliche Veroffentlichungen im reformatorischen Sinne,
indem er besonders die Wichtigkeit der Pflege des deutschen Sprach- und
eines naturwissenschaftlichen Unterrichts gegentiber der sogenannten humani-
stischen Bildung in den Vordergrund zu rticken suchte. Diese Arbeiten lenk-
ten seine Aufmerksamkeit zugleich auf die Psycho-physiologie des Kindes, die
er in einer gro?seren Monographic unter dem Titel »Die Seele des Kindes*
(1882) darlegte. Weitere Schriften P.'s betreffen Untersuchungsresultate tiber
die Wirkungen der Blausaure, tiber Blutfarbstoff, Blutkrystalle, die Ursache
des Schlafes (die er bekanntlich von der Anhaufung gewisser Ermtidungsstoffe
im Gehirn herleiten wollte, sodass die Milchsaure nach P. ein gutes Schlaf-
mittel sein sollte), tiber Farben- und Temperatursinn, akustische Unter-
suchungen (tiber die Lehre von der Konsonanz und die untere Grenze der
Tonempfindung), graphologische Studien, Elemente der reinen Empfindungs-
lehre, Elemente der allgemeinen Physiologie (mit einer kurzen geschichtlichen
Einleitung) u. v. A.
Vergl, Biogr. Lexion hervorr. Aerzte IV, S. 625; Voss. Ztg. vom 15. Juli 1897.
Werke u. Schriften s. Btfrsenbl. f. d. Deutschen Buchhandel 1897, No. 174.
Pagel.
Schleis von LQwenfeld, Max Josef, Geheimer Ober-Medicinalrath in
Munchen, vormaliger Leib-Wundarzt des Konigs Maximilian, * am 7. Juni
zu Sulzbach als Sohn von Christoph Raphael S. (1772 bis 1852), f am
10. Februar 1897. — Sch. studirte an der Ludwig-Maximilians-Universitat zu
Munchen und erlangte daselbst 1832 die Doctorwtirde mit der von der medicini-
schen Facultat vorher preisgekronten Dissertation: »De viis proximis ad organa
intus posita, quae in eorum passionibus inflammatoriis vel similibus patent me-
dico in usum sanguinis evacuationis«, wurde als Privatassistent von Philipp von
Walther in die Praxis eingefiihrt und war von 1833 — 1836 Assistent desselben
in der Klinik am stiidtischen allgemeinen Krankenhause (links der Isar) in Mun-
chen, Mit Hilfe eines Staatsstipendiums machte er darauf eine grossere wissen-
Schleis von LdwenfekL Stark, von Wachholtz. 107
schaftliche Reise, wobei er die bedeutenderen Stadte Deutschlands, ferner Paris,
England, Holland und Belgien besuchte. Nach der Rtickkehr liess er sich in
Mtinchen als Arzt nieder, verwaltete kurze Zeit eine Bezirksarmenarztstelle
daselbst und spater nach dem Abgange Stromeyer's von Mtinchen nach Frei-
burg interimistisch die Stelle alle Chefarzt der chirurgischen Klinik und der
Abtheilung filr Augenkranke an dem oben genannten Krankenhause. 1840
wurde er zum K6nigl. Hofstabschirurgen, 1848 zum Konigl. Hofstabsarzt er-
nannt, 1851 als Nachfolger des verstorbenen von Walther zum Leibchirurgen
von Ktfnig Max II., nach dessen Tode er von Ludwig II. 1864 mit dem
Titel und Rang eines Kdnigl. Ober-Medicinalraths und 1882 am sojahrigen
Doctorjubilaumstage mit dem Titel eines KSnigl. Geheimraths ausgezeichnet
wurde. Sch. war ein fruchtbarer Schriftsteller. Von seinen Schriften, deren
Verzeichniss in der unten angegebenen Quelle nahezu vollstandig zu fmden
ist, nennen wir: »Die Lithotripsie in Bezug auf Geschichte, Theorie und Praxis
derselben u. s. w. (Mtinchen 1838); »Die Lethalitatszustande der Verletzungen
in gerichtsarztlicher Beziehung« (ebenda 1844); »Skizze zu einem Lehrbuch flir
eine allgemeine pathologische Anatomies (ebenda 1847); *Zur Symptomato-
logie und Therapie der Prostatakrankheiten« (ebenda 1858).
Vcrgl. Biogr. Lexicon hervorr. Aerzte V, S. 233.
Pagel.
Stark, Karl, Irrenarzt, * 1837, f als Director der vereinigten Irren-
anstalten Stephansfeld-Hoerdt und Kaiserl. Sanitatsrath. — St. studirte und
promovirte in Jena, erhielt 1862 die Approbation als Arzt, war eine Zeit lang
in der Heilanstalt Kenneburg, seit 1873 als zweiter Arzt, seit 1876 als Director
der erstgenannten Anstalten thatig, ftir deren Ausbau und Reformation er
mit Energie eintrat. Auch publicirte er u. A. 1871 die Monographic: »Die
psychische Degeneration des franzosischen Volks, ein irrenarztlicher Beitrag
zur Volkerpathologie«.
Pagel.
Wachholtz, Robert von, Herzoglich Braunschweigischer Generallieutenant
z. D., * am 16. November 181 6 zu Braunschweig, f am 28. December 1897
ebenda, ein Sohn des 1841 verstorbenen, als Verfasser interessanter Aufzeich-
nungen tiber seine Erlebnisse in der altpreussischen Armee und in dem Korps
des Herzogs Friedrich Wilhelm von Braunschweig bekannt gewordenen Gene-
rals von Wachholtz, kam im April 1836 aus dem Kadettenkorps als Sekond-
lieutenant in das Leibbataillon und wurde 1840 zum Premierlieutenant be-
fordert. Nachdem er von 1841 bis 1846 als Lehrer an seiner Bildungsstatte
thatig gewesen war, besuchte er 1846/47 die Generalstabsakademie zu Han-
nover, nahm im Jahre 1848 als Generalstabsoffizier am Feldzuge des X. Deut-
schen Bundesarmeekorps in Schleswig theil und ward nach Beendigung des
Krieges als Hauptmann und Kompagniechef in das Infanterie-Regiment versetzt.
Wahrend der Jahre 1849 ^s x^l wurde er theilweise im Frontdienste, theil-
weise im Generalstabe verwendet und war zum Oberstlieutenant aufgestiegen,
als die in Gemassheit des Eintrittes Braunschweigs in den Norddeutschen
Bund erfolgende Umgestaltung des Braunschweigischen Feldkorps seine Er-
nennung zum Kommandeur des Landwehrbezirkes Braunschweig II, unter
gleichzeitiger Stellung zur Disposition, veranlasste. Aus diesem Verhaltnisse
berief ihn im April 1872 Herzog Wilhelm als Fltigeladjutanten in seine nachste
108 v°n Wachholti. Weiss.
Umgebung, gleichzeitig wurden ihm die Geschafte des Generaladjutanten und
die Inspektion des Gendarmeriekorps iibertragen, 1873 riickte er zum Oberst,
1 881 zum Generalmajor auf. Nach des Herzogs am 13. October 1884 erfolg-
ten Tode blieb er in gleicher Verwendung bei dem Regenten des Herzogthums,
Prinzen Albrecht von Preussen, fiihrte die Verhandlungen auf Grund deren
eine Militarkonvention mit Preussen abgeschlossen wurde und die Braun-
schweigischen Truppen im Jahre 1886 in den Verband des Preussischen
Heeres traten, und ward am 8. Mai 1889, unter Verleihung des Charakters
als Generallieutenant, zum Generaladjutanten des Prinzregenten ernannt. General
v. W., der letzte Trager der alten schwarzen Uniform, war eine in Stadt und
Land wohlbekannte Personlichkeit; das Vertrauen und die Werthschatzung, deren
er sich in alien Kreisen der Bevolkerung erfreute, kamen unter Anderem in
seiner Ernennung zum Ehrenvorsitzenden des Braunschweigischen Landes-
verbandes und zum Ehrenmitgliede des Burgervereins der Stadt Braunschweig
zum Ausdrucke.
B. Poten.
Weiss, Hermann, Koniglich Preussischer Geheimer Regierungsrath und
Professor, * am 2. April 1822 zu Hamburg, f am 21. April 1897 zu Berlin. —
W., ein hervorragender Kenner der Kostiimkunde aller Zeiten und Lander,
war der Sohn eines hochangesehenen Schauspielers, mit welchem er, als dieser
an das Konigliche Theater berufen wurde, schon im Jahre 1827 nach Berlin
kam. Der Vater bestimmte den Sohn fur das Maschinenfach und dieser trat
daher, nachdem er die Schule verlassen hatte, 1839 zu Berlin bei einem
Mechaniker in die Lehre. Aber die Arbeit am Schraubstocke genligte dem
von Wissensdurst und von Enthusiasmus fur die Kunst erfullten Jlinglinge
nicht lange, er vertauschte die Werkstatt bald mit dem Atelier und wurde
Maler. Fur seinen neuen Beruf bildete er sich zunachst bei dem Geschichts-
und Bildnissmaler J. F. Otto, einem Freunde seines elterlichen Hauses, aus;
im Jahre 1843 bezog er die Akademie zu Dusseldorf. Neben der Ausiibung
seiner Kunst betrieb er wissenschaftliche Studien; der Verkehr mit Mannern
wie Kugler, Schnaase, Waagen u. A. wirkte leitend und fordernd auf seine
Bestrebungen. Eine grossere Reise, welche W. durch die Niederlande, Belgien,
Frankreich nach Italien und iiber Mlinchen in die Heimat zurlickfuhrte, er-
weiterte seinen Gesichtskreis und bewog ihn nach der Heimkehr den Pinsel
mit der Feder zu vertauschen und sich ganz wissenschaftlicher Arbeit hinzu-
geben. Auf Kugler's Anregung hatte er das damals noch wenig angebaute
Gebiet der Trachten und Gerathe gewahlt; ein Ergebniss seiner Forschungen
war seine »Geschichte der Kosttimkunde«, von welcher 1853 der erste Band
erschien. Er verdankte ihr seine 1854 erfolgte Berufung als Lehrer des Kosttims
an die Akademie zu Berlin, 1855 folgte die Ernennung zum Professor. Darin
wurde er 1858 Direktorial-Assistent des dortigen Koniglichen Kupferstich-
kabinets und 1873 Direktor desselben, legte dieses Amt jedoch, da es ihm
verleidet wurde, 1877 nieder. Daftir eroffnete sich ihm zwei Jahre spater ein
Wirkungskreis, welcher seinen Neigungen und Fahigkeiten in hohem Grade
entsprach: er wurde als technischer Direktor an das Berliner Zeughaus be-
rufen, welches aus einem Aufbewahrungsorte fiir Waffen zu einer Ruhmeshalle
fur das Heer umgeschaffen werden sollte, Bei der 1883 erfolgten Eroffnung
desselben wurde W. von Kaiser Wilhelm I., der dem Fortgange der Arbeit
— wie sein Sohn, der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm — mit grossem
Weiss, von Werder. Mitterwurzer. 109
Interesse gefolgt war und dieselbe eifrig gefordert hatte, zum Direktor des
Zeughauses, neben welchem ein General als Kommandant thatig war, und zum
Geheimen Regierungsrathe ernannt. Bis zum Jahre 1895 hat er sich mit
roller Hingabe seinem Amte gewidmet, dann trat er in den Ruhestand. Bis
an sein Ende hatte er sich korperliche und geistige Frische bewahrt.
Jenes Hauptwerk seines Lebens, die »Geschichte der Kost(imkunde«, ist
in 2. Auflage nicht zum Abschlusse gekommen. Die 1 881/1883 zu Stuttgart
erschienene 2. Auflage enthalt im 1. Bande das Alterthum, im 2. das Mittel-
alter.
B. Poten.
Werder, Hans von, Koniglich Preussischer General der Infanterie z. D.,
* am 29. Juli 1834 zu Beuthen an der Oder, f am 6. November 1897 zu
Gorlitz. — v. W., im Kadettenkorps erzogen und aus diesem am 27. April
1852 als Sekondlieutenant dem 19. Infanterie-Regimente tiberwiesen, besuchte
von 1858 bis 1 86 1 die Allgemeine Kriegsschule, bezw. Kriegsakademie, ward
sodann, inzwischen Premierlieutenant geworden und im Februar 1861 zum
59. Infanterie-Regimente versetzt, zum Topographischen Bureau und zum
Generalstabe kommandirt, in welchen er, am 11. Februar 1865 zum Haupt-
mann befordert, im Mai 1866 einrangirt wurde. Den Feldzug dieses Jahres
machte er als Generalstabsoffizier bei dem zur Elbarmee gehorenden VIII. Ar-
meekorps in Bohmen mit, wo er an den Gefechten bei Hiinerwasser und bei
Miinchengratz, sowie an der Schlacht bei Koniggratz theil nahm. Im October
1869 erhielt er eine Kompagnie im Mecklenburgischen Fiisilier-Regimente
No. 90, kam aber nach Jahresfrist als Major in den Generalstab zuriick, riickte
1870 mit der zuerst vom General von Gliimer, dann vom General von Both-
mer befehligten 13. Division, welche zunachst bei Metz und dann im SUden
focht, von neuem in das Feld, kehrte mit dem Eisernen Kreuze 1. Klasse
geschmtickt heim und verblieb nun, abgesehen von einer Verwendung im
Kriegsministerium wahrend der Jahre 1872 bis 1875, bis zum Februar 1880
im Generalstabe, zuletzt als Chef des Generalstabes des XV, Armeekorps zu
Strassburg. Schon 1877 zum Oberst aufgeriickt, erhielt er alsdann das Kom-
mando des 7. Thtiringischen Infanterie-Regiments No. 96 zu Altenburg, im
December 1883 als Generalmajor das der 50. Infanterie-Brigade zu Darmstadt,
im Juli 1888 als Generallieutenant das der 1. Division zu Konigsberg, ver-
tauschte die letztere Stellung im Juni 1891 mit der des kommandirenden
Generals des I. Armeekorps am namlichen Orte, ward am 2. September 1892
zum General der Infanterie befordert und am 10. Januar 1895 *n Genehmigung
seines Abschiedsgesuches mit Pension zur Disposition gestellt, worauf er seinen
Wohnsitz zu Gorlitz nahm.
B. Poten.
Mitterwurzer, Anton Fried rich, Schauspieler; * am 16. October 1844
zu Dresden, f am 13. Februar 1897 zu Wien. — Er stammte aus einer
tirolischen Familie, der Grossvater lebte in den ersten Decennien des Jahr-
hunderts als Kanzlist zu Sterzing am Brenner, ein Bruder der Grossmutter,
Johann B. Gansbacher, that sich als Student im Kriege von 1797 rlihmlich
hervor, ward Kapellmeister zu St. Stephan in Wien und ein geachteter Kom-
ponist. Die Grossmutter selbst, eine tief religiose Frau, war zweimal wahn-
sinnig, einmal im Jahre 1809 unc* am Ende ihres Lebens, als achtzigjahrige
HO Mitterwurzer.
Greisin. Von ihren Kindern, die sie in harter Armuth auferzog, verfiel eine
Tochter Ursula in spateren Jahren gleichfalls in Wahnsinn, sie glaubte sich
zu ewiger Verdammniss vorherbestimmt; ein Sohn wurde Geistlicher, zwei
andere Schullehrer, von diesen war der eine, Anton, Vater unseres M.; er
verliess bald den Lehrstand und widmete sich, wohl vom Oheim bestimmt,
der Musik, wurde ein berlihmter Sanger und in den vierziger, fiinfziger und
sechziger Jahren war er eine Zierde des Dresdener Hoftheaters. Im Alter
wurde auch er geisteskrank, starb 1876 im Irrenhaus zu Dobling bei Wien.
Er war verheirathet mit der Schauspielerin Anna Herold aus Basel, gleichfalls
am Dresdener Theater thatig, eine Schtilerin Tieck's unji selbst als dramatische
Lehrerin geriihmt, den schauspielerischen Theil der grossen Partien ihres
Mannes studirte sie mit ihm ein. Der Sohn Anton Friedrich zeigte als Knabe
kein anderes Interesse als ftir religiose Dinge, die erste Communion er-
schiitterte ihn so tief, dass er in einen Weinkrampf fiel, er ministrirte oft
beim Gottesdienst in der Dresdener Hofkirche. Erst spat erwachte die Nei-
gung fiir*s Theater in ihm, vom Vater nicht gem gesehen, von der Mutter
doch begiinstigt — sie studirte die ersten Rollen mit ihm ein. Von den
Schauspielern , die er in Dresden sah, machte nach seiner eigenen Erzahlung
Emil Devrient den grossten Eindruck auf ihn, unbewusst wird er vielleicht
eine tiefere Wirkung von Dawison empfangen haben, wenigstens wollten spater
solche, die sie beide kannten, eine grosse Aehnlichkeit zwischen beiden wahr-
nehmen. Nach seiner Angabe mit 18 Jahren — also 1862 — nach anderer
erst 1864, ging er zum Theater. Zuerst trat er zu Meissen in den Ungltick-
lichen des Kotzebue in einer kleinen Liebhaber- und Naturburschenrolle auf
(Gustav Falk). In raschem Wechsel gehorte er dann verschiedenen Biihnen
an, bisweilen waren es Schmieren : in einer kleinen Stadt im Riesengebirge hatte
er 1 7 Thlr. preussisch Monatsgage, spater setzte ihn der Director auf 1 2 Thlr.
herab. Unter anderem war er in Liegnitz, in Plauen, in Breslau. In Hamburg,
unter Maurice, durfte er zum erstenmal eine ernste Charakterrolle, den Schul-
meister in der »Deborah« MosenthaTs spielen. Doch hatte er in solchen
Rollen meist keinen Erfolg, eher in komischen. Erst in Graz, wohin er 1866
kam, gefiel er auch in jenen, hier erhielt er nach und nach alle grossen
Helden- und Charakterliebhaberrollen. 1867 durfte er ein Gastspiel in Wien
geben, er trat — es war in der letzten Zeit der Direction Laube's — als
Hamlet, als Tellheim, als Petrucchio in der »Widerspenstigen Zahmung« und
als Hauptmann Posert im Iffland'schen »Spieler« auf. Als Tellheim fiel er
durch, liber die andern Darstellungen gehen die Recensionen auseinander,
interessirt scheint er darin zum mindesten zu haben. Zu einem Engagement,
das er sehnlichst wiinschte, kam es damals noch nicht, er kehrte nach Graz
zurlick. Als aber Laube die Direction des Leipziger Stadttheaters tibernahm,
rief er M. zu sich, er spielte nun auch in Leipzig grossere Helden- und
Charakterrollen, so den Posa, den Uriel Acosta, den Waffenmeister im Wild-
feuer, die Titelrolle in GottschalPs Herzog von Weimar, die er creirte, den
Bastard im K6nig Lear. 1871 engagirte ihn Dingelstedt fur's Burgtheater.
Seine Antrittsrollen waren: Moltere in Gutzkow's Urbild des Tartuffe, Be-
nedict in Viel Larm um Nichts und Alba im Egmont. Mit einer Unter-
brechung von 8 Monaten (1. Janner bis 31. August 1875) gehbrte er nun
dem Burgtheater bis zum Juni 1880 an. Dann war er am Wiener Stadt-
theater, am Ringtheater (das am 8. December 1881 abbrannte) und wieder
am Wiener Stadttheater engagirt. Im Herbst 1884 tibernahm er mit einem
Mitterwurzer. 1 1 1
gewissen Tatarczy die Direction des Carltheaters in Wien. Von 1886 bis
1894 reiste er als Virtuose in Deutschland, Holland und Amerika. 1894
wurde er zum drittenmal am Burgtheater engagirt, seine Antrittsrollen waren
diesmal Mephistopheles, Wallenstein und der Derblay im Huttenbesitzer. Er
starb nach kurzer Krankheit, die Todesursache wurde auch durch die Section
nicht mit voller Gewissheit bestimmt, wahrscheinlich (unfreiwillige) Vergiftung
mit chlorsaurem Kali, das er, anstatt es bloss als Gurgelwasser zu benutzen,
als Medicament genommen haben mochte. Zum letzten Mai trat er am
4. Februar 1897 als Musikdirector Bergmann in dem »Lustspiel« von Bene-
dix auf.
Wahrend seiner ersten beiden Burgtheaterengagements spielte er haupt-
sachlich Episodenrollen: alte Vater wie den Attinghausen, den Borotin in der
Ahnfrau, den hundertjahrigen Laroque im Verarmten Edelmann, Lebemanner
und Wustlinge wie den Gianettino Doria, den Rosen in Mosenthars Deutschen
Komodianten, ernste und heitere Liebhaber wie den Grafen Appiani, den
Heinrich Frank in Bauernfeld's Leichtsinn aus Liebe, den Fabrice in den
Geschwistern, den Professor Oldendorf in den Journalisten, den Gustav Theo-
dor und den Fritz in Topfer's Rosenmiiller und Finke, Tyrannen wie den
Gessler, Intriganten und Bosewichter aller Art, so den Zawisch in Konig
Ottokar's Gliick und Ende, den Leonhard in Hebbel's Maria Magdalena, den
Konig im Hamlet, den Cardinal von Winchester im Heinrich VI., den Don
Juan in Viel Larm um Nichts, den Jacob in Sheridan's Lasterschule, den
Livius Drusus in Wilbrandt's Gracchus, Fanatiker wie den De Santo im Uriel
Acosta oder den Erzherzog Ferdinand im Bruderzwist, Kraftmenschen wie den
Caesar, den Etzel in den Nibelungen, den Gunar in Ibsen's Nordischer Heer-
fahrt, komische Chargen wie den Malvolio in »Was ihr wollt«, den Prinzen
von Mauretanien im Kaufmann von Venedig, den Baron Flichting in Topfer's
reichem Mann, verlotterte Gesellen und verlorene Existenzen wie den Buch-
jager im Erbforster, den Ramsdorf im Gefangnen von Benedict, eiferslichtige
Ehemanner, die ihre Ehre rachen wie den Herzog in Mosenthal's Parisina
oder den Grafen Angerolles in dem franzosischen Schauspiel Umkehr, feine
Diplomaten wie den Macchiavell im Egmont, schwankende Charaktere wie
den Konig Eduard im Richard III., den Leicester in der Maria Stuart,
Menschen von einer tief verhaltenen Empfindung, die nur einmal iibermachtig
hervorbricht wie den Kammerdiener in Kabale und Liebe, den Lieutenant
Stahl in den beiden Klingsberg, efnfache edle Menschen wie den Sultan im
Nathan, den Burgund in der Jungfrau, reine Representations- und Sprecher-
rollen wie den Questenberg im Wallenstein, den Fiirsten in Romeo und Julia,
den Bischof im Demetrius. Von ersten Partien wurde ihm ausser dem Molifere
im Urbild des Tartuffe, den er beibehielt, anfangs nur der Fiesko zu Theil,
den Faust spielte er einmal als Aushilfe; in seinem zweiten Engagement durfte
er auch in grossen Zwischenraumen den Shylock, den Franz Moor, den Jago,
den Richard III., den Marinelli, den Wurm, den Carlos im Clavigo, den Konig
Philipp im Don Carlos, den Macbeth, den Mephistopheles, den Narciss, den
Lord Rochester in der Waise von Lowood spielen, den Caliban im Sturm
creirte er. Im Episodenfach von Publikum und Kritik fast durchaus als aus-
gezeichnet anerkannt (bisweilen ward ihm in solchen Partien der Haupterfolg
der ganzen Vorstellung zu Theil, so als Buchjager im Erbforster), fand er
in Darstellungen des grossen Charakterfachs damals nur etwa als Jago und
als Caliban ungetheilten Beifall, in einigen wurde er geradezu zurtickgewiesen,
H2 Mitterwurzer.
am entschiedensten sein Mephisto, den Speidel einen »grasslichen Hans-
wursU nannte. Doch auch die, die ihn verurtheilten, gestanden zu, dass
er immer interessant sei und die junge Generation schwarmte fur ihn.
Am Stadttheater spiel te er meist Bonvivants und heitere Liebhaber, so den
Conrad Bolz in den Journalisten mit grossem Erfolg, von Charakterrollen den
Pfarrer von Kirchfeld und den Coupeau in der dramatischen Bearbeitung von
Zola's Assommoir. Am Carltheater zeigte er sich als tiichtiger Regisseur. Auf
seinen Wanderungen spielte er wieder alle grossen Rollen wie einst in Graz;
die Wildenbruch'schen Dramen und Ibsen, der erst in den achtziger Jahren
in das Repertoire der deutschen Buhnen kam, lieferte ihm neue, haufig mehr
interessante als dankbare Aufgaben. Der materielle Erfolg seiner Fahrten
war wechselnd und im Ganzen nicht sehr gross, er erzahlt selbst, dass er
manchen Abend ioo, 50, 12 Mark, ja gar nichts eingenommen hat, in Amster-
dam, wo er den Hamlet spiel en wollte, kam gar niemand. In den Jahren
1 89 1 und 1892 spielte er als Gast im Wiener deutschen Volkstheater den
Eugen Janikow in Sudermann's Sodoms Ende, den Theaterdirector Striese in
Schonthans Raub der Sabinerinnen, den Consul Bernik in Ibsens Stiitzen der
Gesellschaft, den Hjalmar in dessen Wildente, den Ramseth in Heiberg's
Konig Midas, diesmal liessen ihn Publikum und Kritik mit wenigen Ausnahmen
als grossen Ktinstler gel ten. In seiner letzten Periode, am Burgtheater,
1894 — 1897, spielte er neu den Giboyer in der offentlichen Meinung und
im Pelikan von Augier, den Derwisch im Nathan, den Fox in Gottschall's
Pitt und Fox, den Bolingbroke in Scribe's Glas Wasser, den Prasidenten im
Urbild des Tartuffe, den alten Moor, den Miiller in Raupach's Miiller und
sein Kind, den Holofernes in Hebbel's Judith, komische Rollen in alten
Benedixstiicken, wie den Doctor Wespe, den Doctor Hagen, den Musikdirector
Bergmann, er creirte den Reisenden Kessler in Sudermann's Schmetterlings-
schlacht, den Allmers in Ibsen's Klein Eyolf, den Tabarin von Catulle Mend£s,
den Rocknitz in Sudermann's Gliick im Winkel, die Titelrolle in der franzo-
sischen Posse der Ministerialdirector, zuletzt den Fechtmeister in Rostand's
Roman tischen. Auch die Episode verschmahte er nicht ganz, sein »Herr«
in Schnitzler's Liebelei war wie aus dem Repertoire seiner Friihzeit. Rollen,
die er schon friiher am Burgtheater gespielt hatte, schuf er ganz oder theil-
weise um, so den Richard III., den Franz Moor, am meisten den Konig
Philipp, am wenigsten den Mephistopheles. Auf einer Gastspielreise im Winter
1896 spielte er zum erstenmal (in Koln) den Konig Lear. In den heiteren
Rollen, wie als Conrad Bolz gait er nun ganz unbestritten als Meister, aber
auch die ernsten Charakterrollen spielte er nun selbst so strengen Kritikern
wie Speidel zum Dank: seinen Konig Philipp bezeichnete dieser einroal als
das Ereigniss des Abends, er Uberragte — so urtheilte er — alle anderen
Mitspielenden um Haupteslange. Auch seinem Giboyer, seinem Tabarin und
Rocknitz spendete er hohes Lob. Als Rocknitz entztickte er noch als
Ftinfzigjahriger alle Frauen. Nur eine kleine Gruppe von Kritikern wider-
sprach, sie warfen ihm gewaltsames Missverstehen des Dichters, Auflosung der
Rollen in eine Masse oft unvermittelter Details, ja geradezu Haschen nach
groben Effekten vor, verwiesen ihn immer wieder auf die Episode und das
Genre der Benedix'schen Lustspielhelden.
Er war ein grosser stattlicher Mann, die linke Schulter etwas in die
Hohe gezogen, der Gang haufig etwas vorwarts geneigt, wie zum Sprung aus-
holend, doch konnte er auch kerzengerade und steif sein. Der Mimiker war
Mitterwurzer.
"3
in ihm dem Redner entschieden iiberlegen, sein machtvollstes mimisches
Mittel war das Auge, es war » nicht bloss auf kiinstliche Vergrosserung ange-
wiesen, sondern auch halbgeoffhet wirksam, nicht von ruhigem Feuer leuch-
tend, sondern von zuckenden Blicken belebU, es vermochte »in weltab ge-
wandter Ruhe feme Tiefen und Hohen zu schauen«. Das Organ, in der
Mittellage nicht ganz voll und unrein, war doch vortrefflich fur scharfe Aus-
einandersetzung, eindringliche Rede, Spott und Sarkasmus, er konnte durch
Dehnen und Zerren der Worte, durch plotzliche Uebergange aus einer Hohen-
lage in die andere die mannichfachsten Effecte hervorbringen, am ergreifendsten
aber driickte er halb unterdrlickte Bewegungen aus: durch Stammeln und
fallen, ein unheimliches Fliistern, ein zitterndes Hervorpressen , ja Heraus-
wiirgen der Worte. Aber es wohnte ihm auch die Kraft inne, fur einen Augen-
blick wenigstens auch das Furchtbarste und Aeusserste zu bezeichnen, die
Stimme konnte zum Donner anschwellen, das Wort sich. wie ein Blitz in
einem wilden Aufschrei entladen. Nur rein rhetorische und lyrische Wirkung
war ihr versagt.
Namentlich in der ersten Halfte seiner Laufbahn erregte er durch seine
Verwandlungsfahigkeit Aufsehen, es bedurfte einer langen aufmerksamen Be-
obachtung, ehe man sicher sein konnte, ihn in jeder Rolle wieder zu erkennen.
In seinen letzten Jahren legte er auf die Maske scheinbar nicht mehr so viel
Werth: er liess fast immer sein wirkliches Gesicht sehen, nur mit ganz leisen,
feinen Pinselstrichen deutete er die Verschiedenheiten an. Gemeinsam war
alien seinen grosseren Partien ein gewisser Grundton, wenigstens in einem
Moment trat er hervor, man empfing dann den Eindruck einer hochgradigen
Nervenerregung, die bisweilen die Grenzen des Wahnsinns streifte, ihre phy-
siologischen Symptome waren ein grelles Funkeln des Auges, ein eigenthtim-
liches Dehnen aller Korpermuskeln, die Gestalt schien iiber ihr gewohnliches
Maass hinauszuwachsen, die Arme und Hande geriethen in fast chiragrische
Bewegungen, um zuletzt mit krampfhaft geschlossenen Fausten in die senk-
rechte Lage liberzugehen, convulsivische Schauer durchzitterten den Leib, die
Stimme wurde oft erstickt von einem nervosen Lachen: alles dies dauerte
bisweilen nur einen Moment, war aber nie blosse Nachahmung, immer elemen-
tare Offenbarung innerer Exaltation.
Mit dem Schlagwort »realistisch« konnte seine Darstellungsweise nicht
charakterisirt werden. Eine natiirliche, ungezwungene Sprechweise war im
Burgtheater im Lustspiel, im Schauspiel, in Prosa seit langem iiblich, wahr-
scheinlich hat sie M. dort erst gelernt. Neu war er nur darin, dass er diese
natiirliche Sprechweise auch in die Jambentragodie libertrug. Dabei zerpfluckte
er freilich oft die Verse, aber weder im Ton noch in der Geberde verfiel er
in einen gemeinen Naturalismus, wie Speidel ihm nachriihmte: eine feinge-
zogene Linie trennte ihn stets von der gewohnlichen Wirklichkeit,
Er war auch durchaus nicht etwa der Schauspieler der Moderne. Die
Ibsenstlicke gaben ihm interessante Aufgaben, Sudermann ein paar wirksame
Rollen, von Hauptmann'schen Schopfungen lag nur der College Crampton
innerhalb seines Gestaltungskreises. Im Ganzen war ihm, wie ein geistreicher
Beobachter einmal sagte, die Literatur nur Vorwand zur Vorftihrung seiner
Personlichkeit, Benedix und Kotzebue waren ihm da eben so sympathised
wie Shakespeare oder Ibsen. Die letzte Rolle, die er studirte, war der Svengali
in dem Effectsttick Trilby.
Im Leben hatte er manche Seltsamkeiten. Auch seine kirchliche
Biogr. Jahrb. u. Deutscher Nekrulog. 2. Bd. 3
1 1 4 Mitterwurzer. Wasserfuhr.
Frfimmigkeit rechnete man zu diesen, in jungeren Jahren trug er sie wohl
mit etwas Exaltation zur Schau, spater aber nicht. Haufig hatte er Anfalle
von tiefer Melancholie, wie von Verzweiflung, hielt sich fttr erblich belastet
und furchtete auch wahnsinnig zu werden, wie Grossmutter, Tante und Vater.
Auch war er in seinen letzten Jahren immer in Angst, dass er im Alter in
Noth gerathen konnte, er lebte sehr zuriickgezogen und sparsam.
Auch als dramatischer Schriftsteller hat er sich versucht und eine Reihe
von possenhaften Einactern geschrieben, von denen mehrere aufgefUhrt worden
sind (Ein Sieg der Geschichte, Strohfeuer, Ein Hausmittel, Der liebe Cousin);
er legte selbst keinen Werth auf die Producte. Dagegen hat er als Vorleser,
besonders von Kindermarchen, in den letzten Jahren seines Lebens sehr grosse
unbestrittene Erfolge. Als er starb, bezeichneten ihn viele als den grossten
deutschen Schauspieler der Gegenwart, Speidel schrieb: »M. ist nicht zu er-
setzen, grosse Schauspieler sind so selten wie grosse Dichter*.
Zur Familiengeschichte M/s siehe Domanig, Von der Grossmutter Fried rich Mitter-
wurzer's. Reichswehr vom 27. Februar 1897. — Ueber seine Jugendzeit in Dresden siehe
einen Aufsatz im Wiener Tagblatt vom 14. Februar 1897. Eine Episode erzahlt er selbst
in einem Beitrag des Decamerone des Burgtheaters (1880). Ueber die Grazer Zeit finden
sich einige Mittheilungen seines damaligen Directors Kreibig im Neuen Wiener Tagblatt
vom gleichen Datum, Ueber die Leipziger Zeit einiges in Laube's Norddeutschem Thea-
ter. Ueber seine Wirksamkeit im Wiener Stadtt heater R. Tyrolt, Chronik des Wiener
Stadttheaters a. v. O. Siehe ferner Wl as sack, Chronik des Hofburgtheaters (1876). —
Die Monographic E. Guglia's, Friedrich Mitterwurzer (1896) giebt viele biographische
Einzelheiten, die der Verf. von M. selbst hatte, doch sind sie trotzdem nicht verlasslich,
wie denn z. B. das Geburtsdatum nicht rich tig gegeben ist; der Werth des Buches besteht
vielmehr darin, dass darin mehr als 50 Darstellungen Mitterwurzer's aus den Jahren 1874
bis 1895 ausfuhrlich geschildert werden. Zur Erganzung dient die Recension J. Minor's
in den Biographischen Blattern II, 2, und von Weil en's in den Dramaturg. Blattern 1896,
der Nekrolog L. Speidel' s in der Neuen freien Presse vom 21. Februar 1897, der Auf-
satz von F. Gross liber M. als Vorleser im Fremdenblatt vom 2. Februar 1895, die Er-
innerungen an Fr. Mitterwurzer von E. Guglia ebenda am 12. Februar 1898 und desselben
Verfassers, Mitterwurzer Redivivus in der Wiener Rundschau vom 1. Mai 1898. — Nach
M.'s Tode sind auch mehrere Gedichte erschienen, die als Beit rage zu seiner Charakteristik
dienen kttnnen, so von F. Dfirmann in der Neuen freien Presse vom 14. Februar 1897,
von Guglia in der Wiener Rundschau vom 1. Marz 1897 un<* von Hofmannsthal ebenda
am 1. Mai 1898. Ein gutes Bild aus seinen letzten Jahren ist der Monographic E. Guglia's
beigegeben.
E. Guglia.
Wasserfuhr, Hermann, Hygieniker, zuletzt in Berlin, * am 14. Juli 1823
zu Stettin als altester Sohn des verdienten Militararztes (1787 — 1867), f am
16. Juli 1897. — W. studirte in Halle, Bonn und Berlin und erlangte am
letztgenannten Orte 1845 die Doctorwlirde. Darauf machte er eine wissen-
schaftliche Reise mit langerem Aufenthalt in Prag und Wien, wo er die Kli-
niken von Oppolzer, Pitha, Arlt und Hamernjk besuchte. 1846 liess er sich
als Arzt in Stettin nieder, war wahrend der Cholera-Epidemien von 1856 bis
1857 stadtischer Leichenschauarzt, seit 1858 Kreiswundarzt des Stettiner Stadt-
und des Randow'schen Kreises, 1 866 wahrend der Cholera-Epidemie dirigirender
Arzt des stadtischen Cholera-Lazareths in Petrihof. Wahrend des Krieges von
1870/71 wirkte er hauptsachlich als Flihrer und dirigirender Arzt eines Eisen-
bahn-Lazarethzuges bei der Evacuation der Verwundeten und Kranken aus
Frankreich nach Deutschland mit. 1871 erhielt W. den Auftrag. zur Reorgani-
sation des Medicinalwesens in Elsass-Lothringen, siedelte nach Strassburg tiber
und wurde 1872 zum Regierungs- und Medicinalrath , 1879 zum Ministerial-
Wasserfuhr. Welcker. ne
rath in dem fteugebildeten Ministerium fur Elsass-Lothringen ernannt, schied
aber 1885 aus und siedelte nach Berlin liber, wo er seit 1886 mehrere Jahre
lang das Amt eines Stadtraths bekleidete. W., der librigens auch in seinen
militararztlichen Stellungen bis zum Rang eines Generalarztes (1886) empor-
geriickt war, hat sich urn die wissenschaftliche, schriftstellerische und prakti-
sche Pflege der offentlichen Hygiene grosse Verdienste erworben. Er gehorte
1868 zu den Mitbegrtindern der deutschen Vierteljahrsschrift fur offentliche
Gesundheitspflege, fUr die er eine grosse Zahl von Abhandlungen und kriti-
schen Beitragen lieferte. Ferner gab er selbst ein »Archiv fttr offentliche
Gesundheitspflege in Elsass-Lothringen « (9 Bde., Strassburg 1876 — 1884) her-
aus und schilderte in 4 Banden den Gesundheitszustand in Elsass-Lothringen
wahrend der Jahre 1879 — 1882. Dazu kommen zahlreiche Publicationen in
anderen Zeitschriften, wie Berliner klinische Wochenschrift, Deutsche medici-
nische Wochenschrift, Deutsche Medicinal-Zeitung u. A. Ein Verzeichniss findet
sich in der unten angegebenen Quelle.
Biogr. Lex. hervorr. Aerzte VI, S. 200. « .
6 Pagel.
Welcker, Hermann, Anatom und Anthropolog in Halle, ordentlicher
Universitats- Professor, Director des anatomischen Instituts daselbst, * am
8. April 1822 in Giessen, f am 12. September 1897 zu Winterstein im Herzog-
thum Gotha, wohin er sich zuletzt zuruckgezogen hatte. — W. entstammte
einer ansehnlichen Gelehrtenfamilie; er war Neffe des Alterthumsforschers
Gottlieb Welcker, des Mitbegriinders der alten Bonner Philologenschule, und
des freisinnigen Politikers und Publicisten Karl Theodor Welcker, Mitheraus-
gebers des »Staatslexicons«. Seine Studien begann W. in Bonn 1841 und
beendigte sie in seiner Vaterstadt, wo er 1851 die Doctorwlirde erlangte, von
1850 — 1853 Assistent an der medicinischen Klinik war, 1853 sich flir Ana-
tomie habilitirte und 1855 Prosector wurde. 1859 folgte er einem Ruf als
Prosector und Extraordinarius nach Halle, erlangte hier 1866 die ordentliche
Professur der Anatomie und war seit 1876 als Nachfolger von A. W. Volk-
mann auch Director des anatomischen Instituts, eine Stellung, die er bis zu
dem kurze Zeit vor seinem Tode aus Gesundheitsrlicksichten erfolgten RUck-
tritt verwaltete. W. gehorte zu den verdientesten und vielseitigsten medicinisch-
naturwissenschaftlichen Forschern der Neuzeit. Das weit liber 50 Nummern
betragende Verzeichniss von W/s schriftstellerischen Arbeiten in der unten
genannten Quelle lehrt, dass W.'s Productivitat den verschiedensten Gebieten
zu Gute gekommen ist: Optik, Mikroskopie, Histologic, Biologie, Anatomie,
Anthropologic und Ethnologic und dazu noch verschiedenen anderen Zweigen
des menschlichen Wissens. Wir heben vor Allem die schonen Arbeiten Uber
»Schiller*s Schadel und Todtenmaske nebst Mittheilungen liber Schadel und
Todtenmaske Kant's* (Braunschweig 1883), liber den »Schadel Raphael's und
die Raphaelportrats« (Archiv flir Anthropol. XV), liber den » Schadel Dante's «
(Anthrop. Review 1867) hervor. Die Mikroskopie forderte W. durch Angabe
von Methoden zur Ausmessung des senkrechten Durchmessers mikroskopischer
Objecte und zur Unterscheidung der ErhOhungen und Vertiefungen in mikro-
skopischen Praparaten, durch Construction eines Zahlenmikrometers. Die Phy-
siologic verdankt W. wesentliche Bereicherungen in der Blutlehre; so ver-
besserte er u. A.: die Vierordt'sche Methode der Blutktirperchenzahlung,
lieferte Modelle der Blutkorperchen, deren Grosse, Zahl, Oberflache und Farbe
beim Menschen er bestimmen lehrte, untersuchte systematisch und im grfisseren
8*
xifi Welcker. Rflntgen. Bargiel.
Massstabe die Blutmenge bei Menschen und Thieren, wobei eine Reihe von
friiheren Irrthtimern berichtigt wurden, und lehrte ein besonderes Farbeverfahren
zur Feststellung des Gehaltes des Blutes an gef&rbten Korperchen. Zur makro-
skopischen Anatomie bezw. Anthropologic brachte W. noch Beitr&ge iiber
Hirnventrikel, ijber Bau und Entwickelung der Wirbelsaule, liber Gelenke,
Untersuchungen (iber Bau und Wachsthum des menschlichen Sch&dels nebst
einem besonderen Messungssystem, mit welchem er die deutschen und hol-
l&ndischen Sammlungen von i860— 1865 durchforschte, und verschiedene an-
dere craniologische Studien.
VergL Biogr. Lex. VI, 231. Pagel.
RSntgen, Engelbert, ein bis in hohes Alter thatiger und vortrefflicher
Violinist in Leipzig; * am 30. September 1829 zu Deventer in Holland, fam
12. December 1897 zu Leipzig im 69. Lebensjahre. — Schon in friiher Jugend
begann er sich als Violinist auszuzeichnen, dennoch kam eine Zeit, in der er
sich so entschieden als talentvoller Zeichner bekundete, dass ihn die Eltern
auf die Deventer Malerschule schickten, wo er bei einer Prttfung sogar einen
Preis erwarb. Ebenso plotzlich wandte er sich aber wieder der Musik zu,
ging 1848 nach Leipzig aufs Conservatorium und wurde ein Schiller David's.
Am 1. October 1853 trat er in's Theater- und Gewandhaus-Orchester als
Violinist ein, nachdem er schon seit 1850 als Uberschtissiger Violinist in den
Gewandhaus-Concerten im Orchester mitwirkte und mehrfach als Sologeiger
aufgetreten war. Eine gewisse Scheu vor der Oeffentlichkeit, verbunden mit
peinlicher Aengstlichkeit, bewog ihn sich sehr bald als Solist zurtickzuziehen
und wie A. Dorffel sagt: nicht mit Recht, da ihm eine ebenso geklarte
Technik, als ein edler und empfindungsvoller Ausdruck zu Gebote standen.
Am 8. Januar 1869 wurde er zum Concertmeister des Stad torch esters ernannt
und beim hundertjahrigen Jubelfeste der Gewandhaus-Concerte im Jahre 1881
trat er nach vielem Zureden zum letzten Male als Solist auf. Am 1 . October
1875 wurde sein 2 5Jahriges Jubilaum von dem Orchester mit Bekranzung
seines Pultes, einem Tusch bei seinem Eintritt in den Saal und Ueberreichung
einer Uhr in Marmorgehause gefeiert, sowie 1888 sein 30J£hriges Jubilaum
durch Festreden und einem Festprogramm begangen. Auch am Conserva-
torium ftir Musik wirkte er als Lehrer in segensreicher Weise. Nach David's
Tode nahm er dessen Stelle ein. Das Leipziger Tageblatt vom 13. Decem-
ber schreibt: Er war der unaufhaltsam weiterstrebende, immer fortstudirende,
fur die Interessen der Kunst begeisterte, in seinem Berufe als leuchtendes
Beispiel hervorragende Kttnstler, dem Leipzig ftir immer ein dankbares An-
denken bewahren wird. Noch im letzten Lebensjahre spiel te er bei der Auf-
flihrung der Beethoven'schen Missa solemnis das Violinsolo im Benedictus;
diese ward seine Todtenmesse, in der That eine Fiigung des Schicksals, wie
sie einem Ktinstler, dessen Leben ganz der Musik geweiht war, nicht schoner
bescheert sein kann.
Quellen: Dtfrffel, Geschichte der Gewandhaus-Concerte 1884. Leipziger Tageblatt vom
13. December.
Rob. Eitner.
Bargiel, Woldemar, Stiefbruder der Klara Schumann, geb. Wieck, ein
tlich tiger Musiker und Componist, * am 3. October 1828 zu Berlin, f am
23. Februar 1897 ebendort. — Sein Vater, August Adolph B., hatte sich in
Bargiel. Behr. n*j
Berlin als Musiklehrer niedergelassen und die von Wieck geschiedene Frau
geheirathet. Von Kind an in die Musik eingeweiht, wurde er in seinen
Knabenjahren Diskantist am neu errichteten Berliner Domchore, der zuerst
unter Grell's und Mendelssohn's Leitung stand, und brachte es bis zum Solo-
sanger. Im vaterlichen Hause erlernte er Klavier, Orgel und Violine, und in
spateren Jahren erhielt er von S. Dehn Unterricht im Contrapunkt und der
Composition. Seine Schulwissenschaften erledigte er auf dem Joachimsthal-
schen Gymnasium. Auf den Rath seines Sch wagers, Robert Schumann, be-
suchte er 1846 das Leipziger Conservatorium, wo er durch die Protection
und Vermittelung Mendelssohn's unter gtinstigen Bedingungen Aufnahme fand
und in einer offentlichen Prlifung durch ein Octett ftir Streichinstrumente
eigener Arbeit bereits die Aufmerksamkeit der Fachkenner in hdchst vortheil-
hafter Weise auf sich lenkte. 1849 kehrte er mit einem glanzenden Abgangs-
zeugnisse in seine Vaterstadt zuriick und Hess sich als Musiklehrer nieder, wo
er ein gerauschloses, aber thatiges und fleissiges Leben fiihrte. Jede freie
Zeit benlitzte er zum Componiren und seine edlen und hohen Ziele, die er
anstrebte, blieben nicht unbeachtet. Gegen 1850 erschien bereits sein opus 1,
Charakterstticke ftir Pianoforte, bei Whistling in Leipzig, denen in kurzer Zeit
bis zum Jahre 1859 die opus 2 — 5, 8, 9, 11 — 13 Klavierpiecen, opus 6 ein
Trio fur Pianoforte, Violine und Violoncelle, opus io eine Sonate ftir Piano-
forte und Violine, opus 17 eine Suite ftir dieselben Instrumente und opus 18
eine Ouvertiire im vierhandigen Arrangement sich anschlossen. In der ausseren
Form war Mozart und Beethoven sein Vorbild, wie auch sein Lehrer Mendels-
sohn sich streng in ihnen bewegte. Im Ausdruck lehnten sie sich an Rob.
Schumann an, nur fehlte ihnen eine lebendige, originelle und stets fltissige
Erfindungsgabe. Seine Bestrebungen waren anerkennenswerth und wurden
von Musikern und Kennern wohl geschatzt, aber einen bleibenden Werth
konnten sie sich nicht erringen. Die Nachbildung erreicht selten das Original.
Als trefflicher Musiker wurde er liberall geehrt und 1859 zog ihn Ferdinand
Hiller, eine verwandte Natur, an seine in K6ln errichtete Musikschule als
Lehrer der Composition und des Contrapunkts. 1865 erhielt er einen Ruf
nach Rotterdam als Direktor des Gesangvereins und der Musikschule, die von
der Vereinigung der Gesellschaft zur Beforderung der Tonkunst in Holland
errichtet war. Die Stellung im fremden Lande schien ihn aber nicht zu be-
friedigen, denn als man ihm von Berlin aus den Antrag machte, eine Lehrer-
stelle an der Hochschule fiir Musik zu tibemehmen, ging er mit Freuden
darauf ein und kehrte in den siebziger Jahren in seine Vaterstadt zuriick,
wurde Vorsteher der Compositions-Abtheilung und spater als Mitglied in den
Senat der Akademie der Kiinste aufgenommen. In alien Fachern der Musik
versuchte er sich mit Ausnahme der Oper und erreichte stets durch sein
ideales Streben die Anerkennung seiner Kunstgenossen, wenn auch das Publi-
kum wenig Antheil daran nahm. Hin und wieder fand auch eins seiner
Orchesterwerke Aufnahme in die Programme der grossen Concertinstitute,
doch auch hier war ihm ein durchschlagender Erfolg versagt.
Quellen: Mendel-Reissmann's Tonktinstler-Lexikon, Todesanzcigen und Selbstcrlebtes.
Rob. Eitner.
Behr, Heinrich, ehemaliger Opernsanger und Theaterdirektor, * am
2. Juni 1 82 1 zu Rostock, f am 13. Marz 1897 zu Leipzig. — Nach vollende-
ter Schulbildung wurde er Bildhauer, jedoch seine scheme ausgiebigc Bariton-
Il8 Behr. Grammann. Glinther.
stimme und das Zureden von Sachverstandigen bewog ihn bei Eduard Man-
tius, dem bekannten einstigen Opernsanger an der Berliner Hofoper, und bei
G. W. Teschner in Berlin Gesangstudien zu machen. Im Jahre 1843 trat er
im Berliner Opernhause auf, worauf er auf drei Jahre ein Engagement an-
nahm. Nach Ablauf dieser Zeit wurde er 1846 in Leipzig angestefit und trat
dort bis 1858 auf. In komischen Rollen war er untibertrefflich. Die jtingere
Generation kennt nur den alteren rtistigen Herrn, der einstmals Opernsanger
war, die altere dagegen verehrte ihn als Kiinstler und Darsteller komischer
Rollen, der ihnen manchen vergnligten Abend bereitet hat. Nachdem er sich
mit der Schwester des Lustspieldichters Roderich Benedix verheirathet hatte,
trat er als Sanger von der Btthne zurtick und wurde an verschiedenen Btthnen
als Theaterdirektor angestellt, wie zu Bremen, Koln und Rotterdam. Erst
spater kehrte er nach Leipzig zurilck, als Laube Theater-Intendant war und
derselbe ihn auflforderte, die Opern- und Oekonomie-Direktion zu Ubernehmen.
Als er dann bei herannahendem Alter vom offentlichen Schauplatze zuruck-
trat, wurde er zum Mitgliede der Direktion des Conservatoriums ftir Musik
gewahlt. Nur eine kurze Zeit kehrte er Leipzig den Rticken und bemiihte sich,
sich in die Berliner Verhaltnisse einzuleben, doch es zog ihn machtig in seine
zweite Vaterstadt zurtick, in der er auch bis zu seinem Tode verblieb. Seine
Freunde schildern ihn als eine biedere, echt deutsche Kraftnatur, als treuen
Freund und prachtigen Gesellschafter.
Quellen: Signale von B. Senff S. 305. Vossischc Zeitung 1897 No. 127.
Rob. Eitner.
Grammann, Karl, ein beliebter Componist, * am 3. Juni 1842 zu Llibeck,
f am 30. Januar 1897 in Dresden. — Er pflegte in der Jugend Musik nur als
Bildungsmittel, da der Vater, Kaufmann und Consul in Liibeck, ihn zur Land-
wirthschaft bestimmt hatte, und studirte vorher in Bonn und Halle. Hier
brach sich aber sein Talent Bahn und er betrieb mehr Musik als seine Fach-
studien, trat auch bereits als Componist mit den Singspielen »Der Schatz-
graber« und »Die Eisjungfrau« auf, zu denen er auch den Text schrieb. Von
1866 bis 1 87 1 besuchte er das Leipziger Conservatorium fur Musik und hatte
Papperitz, Reinecke, David, Hauptmann, Moscheles u. A. zu Lehrern. Nach
Vollendung der Kurse ging er nach Wien und widmete sich ganz der Com-
position, schrieb zwei Sinfonien, Streichquartette , Trios, Violin - Sonaten,
Klavierpiecen und zahlreiche Lieder. Spater siedelte er nach Dresden uber
und hier entstanden die Opern: Melusine, Andreasfest, Thusnelda, Ingrid und
das Irrlicht, die mit wechselndem Erfolge in Wiesbaden, Dresden, Konigsberg,
Frankfurt a. M., Hamburg und anderen Stadten zur Auffiihrung gelangten.
Ingrid und das Irrlicht erschienen beide im Klavier-Auszuge bei J. Schuberth
& Co. Seine Gesangswerke und Instrumentalpiecen, welche die Opuszahl 53
erreichen, veroffentlichte er vom Jahre 1876 bis 1888; dann verschwindet sein
Name aus den Verlagskatalogen. In wohlhabenden Verhaltnissen lebend, hat
er sich nie um die Kritik geklimmert und so umgekehrt: die Kritiker selten
um ihn. Wahrend andere begierig darauf lauern, ihren Namen und ihre
Werke offentlich besprochen zu sehen, zeigte sich G. als echter Ktinsder, der
nicht nach ausserem Ruhme fragte und nur in der Ausiibung seiner Kunst
sich selbst genug that.
Quelle: Opernbericht No. 4 des Musikverlags J. Schuberth & Co. in Leipzig, mit
Portr&t. Neue Musikzeitung, Stuttgart 1897, 62 mit falschem Geburtsdatum.
Rob. Eitner.
GOnther. Goldschmidt. no
Giinther, Otto Ferdinand, Dr. juris, * am 4. November 1822 zu Leipzig,
f am 11. September 1897 ebendort. — Ein in vieler Hinsicht fur die Stadt
Leipzig hervorragender Biirger, begann seine Laufbahn als Jurist, erlangte den
Doktorgrad, wurde Rechtsanwalt, dann Gerichtsdirektor, dabei ein tlichtig ge-
bildeter Musikdilettant, der sich bei offentlichen Musikauftuhrungen stets als
thatiger Organisator auszeichnete. Die Biirger wahlten ihn in die Stadtver-
ordneten-Versammlung und auch hier bethatigte er sein organisatorisches
Talent, so dass man ihn zum Stadtverordneten-Vorsteher wahlte, ein Amt,
das er viele Jahre hindurch bekleidete. Der fleissige Besucher der Gewand-
haus-Concerte wurde auch zum Mitgliede der Concertdirektion ernannt, und
als Schleinitz im Jahre 1881 in's Jenseits abberufen wurde, wahlte man ihn
zum Direktor des einst von Mendelssohn errichteten Conservatoriums fur
Musik. Hier wirkte er lange Jahre, vermehrte die Anstalt durch eine Or-
chester- und eine Opernschule und hob das Conservatorium durch um-
sichtige Leitung zu einem weltberiihmten Kunstinstitute. Auch ftlr monu-
mentale Bauten und menschenfreundliche Institute wirkte er, und so entstan-
den die Augenheilanstalt, das neue Stadttheater, das Concerthaus, das Con-
servatoriums -Gebaude, sowie das Standbild Mendelssohn's. Das Leipziger
Tageblatt schreibt am 13. September: »Der liebenswiirdige, wohlwollende,
freundlich gewinnende Direktor war ein Mann von ganz besonderer Herzens-
gtite. Schmerzlich wird der Heimgang dieses trefflichen Mannes alle Kreise
unserer Stadt und der gesammten Musikwelt, ja darliber hinaus, beriihren,
denn eine nach vielen Hunderten zahlende musikstudirende Jugend hat langst
iiber beide Hemispharen den Ruf und den Ruhm des ausgezeichneten Leiters
unsers Musikinstitutes getragen.«
Quelle: Leipziger Tageblatt, 13. Sept. 1897 und Jahresberichte des Conservatoriums.
Rob. Eitner.
Goldschmidt, Levin, Universitatsprofessor des Handelsrechtes, Geheimer
Justizrath, * am 30. Mai 1829 in Danzig, f am 16. Juli 1897 in Wilhelms-
hohe. — Mit G. ist in Deutschland die letzte der grossen Leuchten erloschen,
welche die deutsche Rechtswissenschaft der zweiten Halfte dieses Jahrhunderts
zu einer Epoche unverganglichen Ruhmes gemacht haben. Unter den Namen,
auf welchen der Glanz dieser Epoche beruht, gehftren zwei der Wissenschaft
des Handelsrechtes an, Thol und Goldschmidt; die anderen: Brinz, Ihering
und Windscheid der Civilistik. In der Meinung der Zeitgenossen tiberstrahlt
unter den Genannten der Name Ihering's den aller Anderen. An geschicht-
licher Bedeutung werden aber alle von G. iiberragt. Wenn, wie vorauszu-
sehen, sich das Urtheil der Geschichte von dem der Zeitgenossen zu Gunsten
G.'s entfernen wird, so ist daran nicht in letzter Linie der Umstand schuld,
dass dessen reifstes und grosstes Werk, die Universalgeschichte des Handels-
rechtes (Stuttgart 1892) zugleich sein letztes war, so dass die Zeit seit dessen
Erscheinen noch immer zu kurz ist, als dass seine ganze Grosse und Tiefe
sich dem Urtheile weiterer Kreise schon hatte erschliessen konnen.
G. war urspriinglich zum Arzte bestimmt und hat, gleich merkwtirdig
vielen anderen Heroen der Wissenschaft, seinen wahren Beruf im Kampfe
mit practischen Erwagungen als Ueberlaufer gefunden. Er studirte 1847 bis
1 85 1 in Berlin, Bonn und Heidelberg. 1851 erlangte er in Halle die Doctor-
wilrde auf Grund einer Dissertation: de societate en commandite. Schon in
dieser Jugendarbeit betrat er mit einer tieferen historischen Grundlegung
120 Goldschxnidt
einen flir das Gebiet des Handelsrechts neuen Weg. 1855 habilitirte sich
G. auf Grund von Untersuchungen zu 1. 122 § I D de v. o. (45, I). Es kam
eine fur die deutsche Rechtsentwickelung entscheidungsvolle Zeit. Die Ent-
stehung des allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches begleitete G. mit zwei
vielbemerkten und einflussreichen Arbeiten: »Kritik des Entwurfs eines Handels-
gesetzbuches fur die preussischen Staaten« 1857 — 1858, »Gutachten (iber den
Entwurf eines deutschen Handelsgesetzbuchs« i860. Ich habe den Eindruck,
dass G. wichtige Theile dieser vielgertihmten Arbeiten spater als Uberholt er-
kannte und sie nicht zu seinen Ruhmestiteln rechnete. Er citirt sie nicht in
seinem Grundriss und ausserte mir gegeniiber als private Erwiderung auf eine
literarische Bekampfung, er wisse wohl, dass er damals »die Selbstandigkeit
des Gesellschaftsvermogens iibersehen habe«.
In die Zeit, welche zwischen den letztgenannten Arbeiten liegt, fiel die
Griindung der Zeitschrift flir das gesammte Handelsrecht und das beriihmte
Gutachten tiber den Lucca-Pistojaactienstreit (Frankfurt 1859, Nachtrag 1861).
Erstere wurde das ausgezeichnete Muster fur ahnliche auslandische Unter-
nehmungen, welchem jedoch in der guten, d. h. G.'schen Aera nur Thaller's
Annales de droit commercial annahernd gleichkamen. Die peinliche
Sorgfalt, mit welcher G. den Arbeiten der Redaction oblag, diirfte nicht
wieder erreicht worden sein. Fast jeder, der mit einer Zeile in dieser Zeit-
schrift vertreten ist, wird davon Erfahrung haben. Grtinhut, der berufene
Erbe des Schiedsrichteramtes, welches G. in dieser Zeitschrift auslibte, schreibt
in der N. Fr. Presse vom 20. Juli 1897: »Die meisten Bande der Zeitschrift
wurden von ihm selbst geleitet und von seinem Geiste erftillt; in den letzten
Jahren, wo G. dem Werke nicht mehr selbst vorstand, machte sich der
Mangel seiner leitenden Hand empfindlich ftihlbar.«
i860 wurde G. ausserordentlicher, 1866 ordentlicher Professor in Heidel-
berg, wo er bis zu seiner Berufung in das Bundes-, spater Reichsoberhandels-
gericht wirkte. 1862 erschien die »Encyklopadie der Rechtswissenschaft im
Grundriss « (Heidelberg). Hier zeigt sich schon jene fast hypertrophische
Fiille der Gelehrsamkeit — insbesondere der Literaturkenntniss — , welche flir
ihren Trager zu einer kaum mehr zu bewaltigenden Last wurde. 1864 — 1868
erschien die erste Auflage des »Handbuchs des Handelsrechts* (Erlangen).
Das Werk ist Torso geblieben. Es ist in einem Stile angelegt, welcher nicht
mit den Schranken der menschlichen Natur und der Klirze des Lebens rechnet.
Mit besonderer Freude erwahnen wir femer aus dieser Periode den Ent-
wurf eines Reglements fiir internationale Schiedsgerichte, welchen G. in Grtin-
hut's Zeitschrift (II, 714) verbffentlichte. Diese kleine Arbeit beweist, dass
G. seiner Zeit weit voran — nicht wie die Mehrzahl der Fachgenossen ge-
willt war, die wissenschaftliche Pflege dieser guten Sache einer Schaar von
ungelehrten Schwarmern und Enthusiasten zu iiberlassen.
In den Jahren 1875 — 1877 war G. Mitglied des deutschen Reichstags.
Im Jahre 1875 erhielt er die erste und bis heute einzige reichsdeutsche Lehr-
kanzel des Handelsrechts, die er ungefahr 20 Jahre, wie Riesser in einem
kurzen in der Nationalzeitung veroffentlichten Nachruf ergreifend sagt, »bis
zum ganzlichen Versagen seiner Krafte«, bekleidet hat. »Bis zum ganzlichen
Versagen seiner Krafte.« Ein tiefer Jammer und fiir so manchen sogar ein
Vorwurf liegt in diesen Worten. Denn nicht der ungeheuren Arbeitslast ist
G. nach meiner Ueberzeugung erlegen, sondern in erster Linie nutzlosen
Quengeleien und Qualereien, welche — meistens gar nicht hose gemeint
Goldschmidt. 121
— im Verein mit theilweise unhehaglichen collegialen Verhaltnissen seine
selten verstandene, ausserst sensitive Natur auf eine allzu harte Probe
stellten. Als ich im Studienjahre 1890/91 in Berlin — ich weiss nicht,
ob Handelsrecht oder Goldschmidt — studirte, schien er mir nie grosser und
ehrwiirdiger, als wenn er seiner zahlreichen, aber nicht durchaus musterhaften
Horerschaft die ersten Anfangsgrtinde seiner Wissenschaft vortrug. Ich habe
nie etwas in einem tiefen Sinne tragischer gesehen, als die schmerzhafte Ver-
zerrung seiner ZUge, wenn muthwilliges, auf seine Empfindlichkeit berechnetes
Scharren den Vortrag unterbrach. Dieses Verhaltniss zu einem Theile seiner
sonst aufmerksamen und lernbegierigen Horerschaft bot mir einen Schliissel
zu seiner Personlichkeit mit ihren grossen Vorzugen und kleinen Schwachen.
Er war ein hochst milder und giitiger, aber ein — trotz aller grossen An-
erkennung — gequalter und gehetzter Merisch. Ungerechtigkeiten und Un-
dank, denen keiner entgeht, verstand er nicht zu ertragen. So bildete sich
urn sein Gemuth scheinbar eine Kruste von Schroffheit und Misstrauen, stets
bereit dem Einzelnen gegeniiber wegzuschmelzen und das edelste und gerech-
teste Herz zu offenbaren.
Von seiner Fiirsorge fiir die nachwachsende Juristengeneration zeugt
nichts so sehr, wie sein grosses Werk tiber »Rechtsstudium und Prtifungs-
ordnung« Berlin 1887, welches unter dem bescheidenen Titel bedeutende
historische Ausfiihrungen verbirgt: nach dem Urtheil eines geistreichen Eng-
enders geschrieben, with that fine thoroughness of German authors, which
is the despair of their foreign rivals and not seldom of their readers too.
Seine beiden letzten Werke waren das System des Handelsrechts im
Grundriss (Vierte Aufl. 1895) und die Universalgeschichte des Handelsrechts
(1891) als erste Lieferung der dritten Auflage seines Handbuchs. Die erste
dieser Schriften ist ein Auszug aus dem in seiner Art einzigen Collegien-
hefte G.'s. Es enthalt im ersten Theile die Paragraphen-Ueberschriften
eines ausserst feindurchdachten und umfassenden Systems des Handelsrechts
mit Einschluss des Versicherungs-, See- und Wechselrechts nebst einer ausser-
ordentlich werthvollen kritischen Bibliographic Hie und da liberrascht uns
ein Ausrufungszeichen nach dem Titel eines Buches, ein Zeichen, class er eine
Schrift ftir unter jeder Kritik stehend erklarte. Wir finden dieses Zeichen
u. A. bei Schriften von unter Unkundigen und Halbkundigen wohl accredi-
tirten Autoren. So im § 21 bei Professor v. VoeldemdorfTs bekanntem Bei-
trage in Endemann's Handbuch des Handelsrechts. Der zweite Theil enthalt
Ausfiihrungen, die G. zum Theile nur urn den Vortrag zu entlasten, aus seinem
Collegienhefte abdrucken liess, mit welchen er aber auch zum Theile Richtung
gebend in die wichtigsten schwebenden Controversen eingriff.
Sein grosster Ruhmestitel ist die Universalgeschichte. Selten hat ein
Schriftsteller ein neues Riesenmaterial in solcher Concentration auf bios 468
Seiten geboten. In einzelnen Anmerkungen ist durch Citate und Fingerzeige
der Stoff ftir ganze Bande eingeschlossen und harrt der Entwickelung durch
nachwachsende Krafte. Mit unvergleichlicher Sachkenntniss wird das Handels-
recht des Alterthums, insbesondere der Romer erortert. Sodann folgt die
Darstellung des mittelalterlichen Handelsrechts, welche fiir die italienischen
Staaten bis zum 16. Jahrhundert reicht. Sie griindet sich auf eine hochst
umfassende Kenntniss der allgemeinen Cultur- und Wirthschaftsgeschichte und
auf eine tiefgehende Untersuchung aller bedeutenderen siideuropaischen Stadt-
rechte. Fiir diese Untersuchung sincl nicht bloss die Handels- und Seeordnun-
122 Goldschmidt. Heiser.
gen und unzahligen Innungsstatuten von Barcelona, Valencia, Sevilla, Marseille,
Avignon, Toulouse, Lyon, Oleron, Florenz, Genua, Pisa, Venedig, Verona,
Rom und viele andere, sondern auch unzahlige, grosstentheils aus Notariats-
Archiven stammende Privaturkunden verwerthet worden. Ein Rechtshistoriker
vom Range G.'s, der zugleich als practischer Jurist und Kenner des geltenden
Rechts hervorragt, ist gegeniiber dem politischen Historiker, der nicht, wie
Thiers und Lamartine zugleich practischer Staatsmann ist, sehr im Vortheile.
Er kennt den Gegenstand seiner historischen Betrachtung, die menschliche
Natur, wie sie sich in Verkehr und Wirthschaft offenbart, nicht bloss vom
Horensagen, sondern aus lebendigster Anschauung.
»Das Leichenbegangniss G.'s war recht feierlich, wenn auch die Bethei-
ligung ausserst schwach war*, schreibt mir ein Augenzeuge. »Aus dem Kreise
der Studenten, denen er freilich kaum noch bekannt war, war ausser einer
Deputation von 3 Mann niemand erschienen*.
Aus der biographischen Literatur jlber Goldschmidt hcben wir die am 13. November
1897 gehaltene Gedachtnissrcde Riesser's (Berlin 1897, Verlag von Otto Liebmann) und
den Nachruf Pappenheim's, seines Nachfolgers in der Redaction der Zeitschrift fiir
Handelsrecht im 47. Bandc dieser Zeitschrift hervor, beide mit vortrefflichen Portraits ge-
schmlickt. Die erste dieser Arbeiten beleuchtet in meisterhafter Weise die historische Be-
deutung Goldschmidt' s far die Rechtswissenschaft und darf mit Goldschmidt's ausgezeich-
netem Essay liber Savigny (Bluntschli und Brater's deutschem Staatsworterbuch) verglichen
werden. Sie enthalt eine sehr vollstandige Zusammcnstellung der G.'schen Schriften. —
Lab and, Deutsche Juristenzeitung, II. Jahrgang No. 15.
Bibliographische Zusammenstellungen des Bttrsenblatts ftir den Deutschen Buchhandel
i897, No. ,74 u. 179. Dr. K. Adler.
Heiser, Wilhelm, ein popular gewordener Liedercomponist, * am 15. April
181 6 zu Berlin, f Anfang September 1897 in Friedenau bei Berlin, begraben
am 12., 81 Jahre alt. — Ein Schtiler Zelter's, dann Grell's. Da er sich als
zwolfjahriger Knabe durch eine sehr schone Sopranstimme auszeichnete und
dabei eine iiberraschende Trefffertigkeit der schwierigsten Intervalle besass, so
wurde er als Chorknabe in die Konigliche Oper, sowie in den kleinen Ka-
pellenchor des Konigs Friedrich Wilhelm III., bestehend aus sechs Knaben
und sechs Mannern, unter Leitung Zelter's aufgenommen; noch im Jahre 1830
sang er in der Zauberflote von Mozart eine Parthie der drei Genien. H.
widmete sich spater ganz der Btihne und trat in Schwerin und Sondershausen
auf, verliess aber sehr bald die Carrtere, ging nach Stralsund als Gesanglehrer,
1840 nach Berlin und wurde 1852 nach Rostock als Direktor der Akademie
fur Gesang berufen, kehrte jedoch schon 1853 nach Berlin zurlick, um eine
ihm von Wieprecht angebotene Musikmeisterstelle beim Garde-FUsilier-Regiment
zu iibernehmen, auch erhielt er die Direktion des Garnison-Kirchenchores.
Nach dem Feldzuge von 1866 nahm er seinen Abschied und widmete sich
wieder dem Gesangsunterrichte und der Composition. Ausser einigen Tanzen
und Marschen schrieb er zahlreiche Lieder, von denen einige durch ganz
Deutschland wanderten und sogar in Uebersetzungen bis nach Frankreich,
England und Schweden gelangten. Die Verlagsverzeichnisse zeigen weit tiber
200 Opuszahlen an. Beliebt waren besonders »Das Grab auf der Haide«,
»Die Thrane«, »Zieht im Herbst die Lerche forU und »Die beiden Grena-
diere«. Auch ein Liederspiel wurde in Berlin von ihm aufgefiihrt.
Quellen: von Ledebur, Berliner Tonktinstler-Lexikon und Mendel-Reissmann's Con-
versation s-Lexikon. *d *u T7W«^^
Kod. .bitner.
Hess. Kahnt. Kothe.
123
Hess, Karl, Kammervirtuose an der Dresdener Hofkapelle, * am 7. Juli
1840 in Heddesheim, zwischen Mannheim und Heidelberg, der Sohn eines
badischen Schullehrers, f am 2. (?) September 1897 zu Dresden. — Schon
frtih zeigte sich seine Veranlagung zur Musik und mit sechs Jahren spielte
er vom Blatt und componirte. Um 1854 schickte ihn sein Vater in die
Musikschule des Hofraths Schilling nach Stuttgart, und als Schilling, der Ver-
fasser des Conversations -Lexikon ftir Musik, wegen Wechselfalschung nach
Amerika entwich, besuchte er das Stuttgarter KSnigliche Conservatorium unter
Faifst, Pruckner und Speidel. 1861 stand er auf eigenen Ftissen und Hess
sich in Dresden als Musiklehrer nieder. Er war ein tlichtiger Klaviervirtuose,
der nicht nur technisch grosse Vollkommenheit zeigte, sondern auch geistig
tiefes Eindringen in die Composition verrieth. Zu nennen sind besonders
$eine Trios fur Pianoforte, Violine und Violoncello, eine Sonate ftir Piano-
forte und Violine, Piecen ftir's Violoncell, Klavierstticke, ein- und mehrstim-
mige Lieder, die im Druck erschienen und einen tlichligen durchgebildeten
Musiker zeigen. In seinem Nachlasse finden sich zahlreiche grossere Werke
ftir Orchester und Chor, die keinen Verleger fanden, darunter eine Sinfonie,
OuvertUren zu Romeo und Julia und zum Wintermarchen, sowie »Elfrieda«
ftir Soli, Chor und Orchester. Auch als thatiges Mitglied in Vereinen war er
ein eifriger Heifer, wie im Verlage der freien musikalischen Vereinigung, im
Dresdener Tonkiinstler-Vereine, im Wagner-Vereine. In den letzten Jahren
war er auch Lehrer an der Rollfus'schen Musik-Akademie.
Quelle: Berliner Signale 1897, 273 mit Portrftt.
Rob. Eitner.
Kahnt, Christian Friedrich, ein bedeu tender Musik verleger und Redak-
teur der Neuen Zeitschrift ftir Musik, * am 10. Mai 1823 in Leipzig, f am
5. Juni 1897 ebendaselbst. — K. errichtete am 2. October 1851 in Leipzig
eine Musikalien-Verlagshandlung unter der Firma C. F. Kahnt, die sich neben
gangbaren Artikeln besonders durch den Verlag Franz Liszt'scher Com-
positionen auszeichnete. Als Robert Friese den Verlag der von Robert Schu-
mann gegriindeten Neuen Zeitschrift fur Musik abgab, deren Redaktion nach
Schumann Franz Brendel iibernahm, ging die Zeitung in Kahnt's Verlag liber,
der auch nach Brendel's Tode im November 1868 die Redaktion selbst leitete.
Von 1863 bis 1868 gab er noch eine zweite Musikzeitung »Symphonia,
Fliegende Blatter ftir Musiker und Musikfreunde* heraus. Seit Grtindung des
Allgemeinen deutschen Musikvereins war er Direktorial-Mitglied und Kassirer
desselben. Am 1. Juli 1886 verkaufte |er an Oskar Schwalm sein Geschaft
nebst der Neuen Zeitschrift ftir Musik, die nun unter des letzteren Redaktion
erschien, doch schon 1888 ging das Geschaft an Dr. Paul Simon tiber. K.
war eine liebenswtirdige und geachtete Personlichkeit und hatte sich zur Auf-
gabe gestellt, besonders junge talentvolle Componisten zu unterstlitzen. Auch
fiirstliche Ehrenbezeugungen blieben nicht aus: als Verleger Liszt'scher Com-
positionen ernannte ihn der Grossherzog von Weimar zum Commissionsrath
und der Fiirst von Schwarzburg-Sondershausen zum Hof-Musikalienhandler.
Quellen: Riemann's, Schuberth's und Mendel-Reissmann's Lexika.
Rob. Eitner.
Kothe, Bernhardt, ein praktisch und theoretisch gebildeter Musiker, der
sich durch seine zahlreichen Werke einen geachteten Namen erwarb, * am
124
Kotbe. Hartmann.
12. Mai 1821 zu Grobing, Kreis Leobschiitz in Schlesien, jam 25. Juli 1897
zu Breslau. — K. kam mit 16 Jahren in's Seminar zu Oberglogau, um sich
als Schullehrer auszubilden und verliess dasselbe 1840. Zuerst erhielt er eine
Hilfslehrerstelle in Czarnovanz, Kreis Oppeln und wurde darauf am 1. Juni
1842 als stadtischer Lehrer in Oppeln angestellt; doch die Lust zur Musik
drangte ihn zu griindlicheren Studien und mit einem kleinen Stipendium be-
suchte er in den Jahren 1843 — 44 das Konigliche Kircheninstitut zu Berlin,
sah sich aber doch gezwungen wieder eine Lehrerstelle anzunehmen, bis er
eine geeignete Musikerstellung erlangen konnte. Endlich im Jahre 1850 er-
hielt er die Chordirigentenstelle an der Pfarrkirche zu Oppeln und wurde
zugleich Gesanglehrer am Gymnasium. Bald darauf griindete er einen Zweig-
verein des Regensburger Cacilien-Vereins fur Schlesien und schrieb das Werk
»Die Musik in der katholischen Kirche«. Obiger Regensburger Cacilienverein,
unter Franz Witt's Leitung, hatte sich zur Aufgabe gestellt, die sehr verwelt-
lichte Musik in der katholischen Kirche in bessere Bahnen zu leiten. Zum
Behufe dessen bildete er den Cacilienverein, der sich nach und nach tiber
Europa ausbreitete, und alle tiichtigen Elemente wirkten durch Grlindung von
Zeitschriften, miindliche Vortrage, Auffuhrungen von Musterwerken und An-
fertigung von Verzeichnissen derselben in anspruchsloser Weise. Auch der
Mannergesangverein in Oppeln wahlte K. zum Dirigenten, und diese viel-
seitige Beschaftigung beniitzte er, seinen idealen Grundsatzen im Publikum
Eingang zu verschaffen. Am 7. November 1863 ernannte ihn das Ministerium
zum Koniglichen Musikdirektor und am 20. Januar 1869 berief es ihn zum
Seminarlehrer fiir Musik nach Breslau. Hier wirkte er 28 Jahre und hat
redlich gestrebt, seine Grundsatze seinen Schlilern und der Welt durch viel-
fache Schriften und Compositionen einzuimpfen. Wie sehr dieselben in der
Achtung aller Fachgenossen standen, beweisen die zahlreichen Auflagen seiner
Werke. Eine Gesanglehre fiir Gymnasien erreichte zehn Auflagen, das Vade-
mecum fiir Gesanglehrer drei, die Liedersammlung »Kinderstrauss« neun, die
Orgelschule zwei, das Handbuch fiir Organisten sechs, der Abriss der Musik-
geschichte fiinf, die kleine Orgelbaulehre fiinf, und die Musica sacra vier
Auflagen. Ausserdem erschienen noch zahlreiche geistliche Compositionen
von ihm.
Quelle: Privatnachrichten und Zeitungsreferate.
Rob. Eitner.
Hartmann, Karl Alfred Emanuel, schweizerischer Schriftsteller, * am
1. Januar 1814 in Thunstetten (Kanton Bern), f am 10. December 1897 in Solo-
thurn. — Sein einem Berner Patriziergeschlecht entstammender Vater, Sieg-
mund Emanuel H., bewohnte als Landvogt, spater als Oberamtmann von
Aarwangen, das Schloss Thunstetten in der Nahe von Langenthal; seine
Mutter, in erster Ehe mit einem Herrn von Graffenried verheirathet, war
eine geborne Tscharner, ebenfalls aus Bern. Nachdem Alfred seine Jugend-
zeit im reizend gelegenen Thunstetten verlebt und dann zwei Jahre in einem
Erziehungsinstitut in Gottstatt bei Biel zugebracht hatte, besuchte er von
1827 bis 1 83 1 die hoheren Klassen des Gymnasiums von Solothurn, wohin
seine Eltern zu bleibendem Aufenthalt iibergesieclelt waren, und widmete sich
hierauf von 1831 bis 1834 auf den Universitaten von Miinchen, Heidelberg
und Berlin rechtswissenschaftlichen, im folgenden Jahre in Paris litterarischen
Studien. Nachdem er 1835 nach Solothurn zuriickgekehrt war, griindete er
Hartmann.
"5
sich bald einen eigenen Hausstand, und, da er an der praktischen Austibung
des juristischen Berufes kein Gefallen fand, ihm seine Verhaltnisse auch ge-
statteten, ganz seinen Neigungen zu leben, fing er bald an, sich mit schrift-
stellerischen Arbeiten zu beschaftigen , denen er bis in sein hohes Alter treu
blieb. Solothurn, das ihm auch durch seine Vermahlung mit einer Tochter
aus angesehener Familie zur zweiten Heimath geworden war, verliess er nur
noch vonibergehend, um auf grosseren und kleineren Reisen neue Eindrticke
zu sammeln und seinen geistigen Gesichtskreis zu erweitern. — H/s erste
litterarische Unternehmung war »Der Morgensternc, eine »Zeitschrift fiir Lit-
teratur und Kritik, herausgegeben von einer litterarischen GesellschafU, die
es freilich nicht liber den ersten Jahrgang (1836, Solothurn) hinausbrachte.
Neben Beitragen von G. Schlatter, Franz Knitter, J. J. Reithard, F. PfeiflFer u. a.,
zu denen Martin Disteli sechs Originalzeichnungen lieferte, enthalt der »Mor-
genstern* mehrere Novellen von H., darunter die historische Erzahlung »Die
Kronenfresser«, ferner einen dramatischen Versuch »Der Burgerlarm in Bern«
und mehrere Gedichte. Eine zweite Publication, die es ebenfalls nur auf
einen Jahrgang brachte, war die »Alpina, schweizerisches Jahrbuch ftir schone
Litteratur<c , die im Jahre 1841 von H., F. Kr utter und G.Schlatter heraus-
gegeben wurde (Solothurn, Jent und Gassmann) und mit Radierungen von
M. Disteli und H. Hess geschmlickt war. Neben den drei Herausgebern,
unter denen H. mit zwei Novellen vertreten ist, hatten auch andere Schrift-
steller, die sich zum Theil bereits einen bekannten Namen gemacht hatten,
wie Rochholz, Ettmuller, A. L. Follen und Jeremias Gotthelf Beitrage ge-
steuert. Von langerem Bestande als diese beiden sollte die dritte Publication
sein, zu der sich die drei Freunde H., Krutter und Schlatter von neuem ver-
einigten, das Witzblatt »Der Postheiri«, » Blatter fiir Gegenwart, Oeffentlich-
keit und Gefiihl*, dessen erste Nummer im Juli 1845 erschien und der von
grosser Bedeutung fiir das offentliche Leben nicht nur im Kanton Solothurn,
sondern in der ganzen Schweiz geworden ist. Alles was von Wichtigkeit fiir
die schweizerische Politik war, spiegelt sich in humoristischer Weise im »Post-
heiru wieder, zu dem spater Heinrich Jenni die Illustrationen lieferte und der
auch ausserhalb der Schweiz bekannt geworden ist. Dreissig Jahre lang blieb
H. dem »Postheiri«, dessen Hauptredaktor er von Anfang an war, treu, und
es mag ihm oft schwer geworden sein, besonders nachdem die treuen Ge-
nossen Krutter und Schlatter aus dem Leben geschieden waren und er selbst
das sechzigste Altersjahr tiberschritten hatte, die Spalten des Blattes zu fiillen.
Am 25. December 1875 erschien die letzte Nummer, in der H. in einem seiner
schonsten Gedichte von seinen Lesern Abschied nahm.
Auch an dem »Wochenblatt fiir Freunde der schftnen Litteratur und
vaterlandischen Geschichte«, das in drei Jahrgangen von 1845 — 1847 in Solo-
thurn erschien und in dem das durch historische Arbeiten und durch zahl-
reiche zum ersten Male abgedruckte Urkunden bekannte » Solothurnische
WochenblatU (1810 — 1834) wieder aufleben sollte, betheiligte sich H. mit
novellistischen Beitragen. Daneben redigierte er von 1847 — 1850 den vom
Landwirthschaftlichen Verein des Kan tons Solothurn herausgegebenen »Neuen
Bauernkalender« und korrespondirte ziemlich fleissig in die »Allgemeine Zei-
tung« und in das Stuttgarter »Morgenblatt fiir gebildete Leser«, in das er
neben politischen Berichten aus der Schweiz auch Reiseschilderungen und
Novellen lieferte.
Eine erste Sammlung seiner Erzahlungen erschien in zwei Biinden in den
126 Hartmann.
Jahren 1852 und 1854 bei Jent und Reinert in Bern unter dem Titel »Kilt-
abendgeschichten«. Wie schon dieser Titel und dann auch die Ueberschriften
der einzelnen Erzahlungen (Karlidtirsen Joggi's Liseli, Dursli der Auswan-
derer, Peterli der verlorene Sohn etc.) errathen lassen, sind es Dorfgeschichten
aus der Schweiz, in welchen zum Theil auch der Dialekt zur Anwendung
kommt und die beweisen, dass der Verfasser ein offenes Auge ftir das Leben
des Volkes hat, das er mit humorvollem Ernst schildert. »Der Boden, auf
welchem diese Dorfgeschichten gewachsen sind, sagt H. selbst in seinem
Vorwort, ist der sonnige Stidabhang des Juragebirges. Diese Seppli und
Dursli, diese Liseli und Babeli, gehoren aile der Flora des Jura an. Sie
wurzeln in warmem, lockerem Kalkgrund, wahrend Jeremias Gotthelf's Hans-
joggeli, Annebabi, Madi und Uli nur auf jenem zahen aber fruchtbaren Letten-
boden vorkommen, der sich urn die Molassenhiigel des »Bernbiets« abgelagert
hat und welcher das Lebenselement des Bernerbauern ist.« Die »Kiltabend-
geschichten«, denen sich zehn Jahre spater eine zweite Folge unter dem Titel
»Erzahlungen aus der Schweiz* (Solothurn 1863) anreihte, enthalten jeden-
falls einige der besten Schopfungen H.'s und sichern ihm einen bleibenden
ehrenvollen Rang unter den schweizerischen Volkschriftstellern.
Dazwischen veroffendichte er im Jahre 1858 den helvetischen Roman
»Meister Putsch und seine Gesellen« (Solothurn, Jent und Gassmann) und
1861 »Junker Hans Jakob vom Staal«, ein Lebensbild aus dem siebzehnten
Jahrhundert (Solothurn, Scherer'sche Buchhandlung). Wahrend im erstge-
nannten grossern Werke, das in Bezug auf die {Composition nicht zu den besten
Schopfungen H.'s gehort, aber durch die Schilderung der politischen Ereignisse
der vierziger Jahre stets sein grosses Interesse bewahren wird, der Verfasser
Dinge erzahlt, die er aus eigener Anschauung kannte und miterlebt hatte,
berichtet er im zweiten in behaglichem Chronistenton, gestlitzt auf schriftliche
Aufzeichnungen seines Helden, die Erlebnisse des spatern solothumischen
Schultheissen Hans Jakob vom Staal d. J. — Dass H.'s Name auch in Deutsch-
land bekannt geworden war, beweist der Umstand, dass er in Otto Janke in
Berlin, dem Herausgeber der »Deutschen Romanzeitung« einen Verleger fand,
bei dem mehrere seiner Werke erschienen sind, so 1865 der historische Ro-
man » Junker und Blirger oder die letzten Tage der alten EidgenossenschafU,
in dem er in anschaulicher Weise und gestlitzt auf eingehende historische
Forschungen den Kampf zwischen den alten Anschauungen und den durch
die franzosische Revolution verbreiteten Ideen schildert. H. war tiberhaupt
ein eifriger Freund der Geschichte, und als schonste Frucht seiner Studien
auf diesem Gebiete erschienen in den Jahren 1868 und 1871 die beiden
stattlichen Foliobande seiner »Gallerie bertihmter Schweizer der Neuzeit«,
mit Bildern von F. und H. Hasler (Baden, bei Fr. Hasler) mit 100 Biographien
hervorragender Schweizer meist des 19. Jahrhunderts, auf die er zum Schluss
in einem ordnenden Riickblick eine kurze Geschichte der Schweiz seit der
Helvetik folgen liess. Die »Gallerie bertihmter Schweizer* ist ein Werk von
bleibendem Werthe, auf das spatere Historiker gerne zurtickgreifen werden.
Unter den Biographien befindet sich auch diejenige des Malers Martin Disteli,
dem er schon 1861 das Neujahrsblatt des Solothurner Kunstvereins gewidmet
hatte. Die Arbeit, welche diese Biographien ihm auferlegten, liess H. wenig
Musse zu dichterischem Schaifen, und ausser dem Schauspiel »Die Limmat-
schaferc, das er unter der Bezeichnung >ein dramatischer Versuch* zuerst im
»Berner Taschenbuch« ftir 1870 erscheinen liess, dann aber unter dem Titel
Hartmsmn.
127
»Ein Pamphlet vor hundert Jahren oder Lavater und seine Freunde« separat
herausgab, hat er in dieser Zeit nichts anderes veroffentlicht Um so rascher
folgten sich einige Jahre spater neue Erzeugnisse seiner Erz£hlungskunst. »Die
Denkwtirdigkeiten des Kanzlers Hory« (Berlin 1876), die er in der Erinnerung
an die Sommerfrische von Combe- Varin seinem Freunde Professor E. Dessor
in Neuenburg widmete, erzahlen in schlichter aber ergreifender Weise das
tragische Schicksal des im 17. Jahrhundert machtigen und einflussreichen
Kanzlers des Flirstenthums Neuenburg, zur Zeit als dasselbe noch unter der
Herrschaft der Prinzen von Longueville stand. Wie mehrere seiner Dorf-
geschichten wurde auch dieser Roman von Gustave Revilliod ins franzosische
tibersetzt und fand in dieser Gestalt viele Leser in der Westschweiz. Schon
ein Jahr spater erschienen die »Schweizer-Novellen« (Berlin 1877), von denen
ich die am meisten bekannt gewordene Dorfgeschichte »Die Erbvettern aut
dem Aspihofe« erwahne und welchen 1879 »Neue Schweizer Novellen« (Berlin)
folgten, unter denen sich die seither wiederholt gedruckte Kiltabendgeschichte
»Tanrtenbaum und Dattelpalme* findet, die auch ins hollandische tibersetzt
worden ist. Nachdem H. im namlichen Jahre noch seinen dreibandigen
Roman »Fortunat« (Berlin 1879) hatte erscheinen lassen, welcher das Leben
an einem deutschen Fiirstenhofe schildert und den kr&ftigen Erdgeruch ver-
missen lasst, der seine auf heimathlichem Boden spielenden Geschichten aus-
zeichnet, veroffentlichte er 1881 seinen Volksroman »Der gerechte Brannt-
weinbrenner* (Bern), in welchem er in drastischer Weise die »mit der Fusel-
fabrikation im engsten ursachlichen Zusammenhang stehende ethische und
physische Verkiimmerung des Volkes« schildert und den er, sich unter ihre
Fahne stellend, der schweizerischen gemeinnlitzigen Gesellschaft widmete. Dass
mit dem zunehmenden Alter die poetische Gestaltungskraft H.'s nicht erlahmt
war, bewies die dreibandige Novellensammlung »Auf Schweizererde«, welche
in den Jahren 1883 und 1885 in Bern erschien und in der sich einige vor-
treffliche Erzahlungen, wie der »Wunderdoktor« und die »Aufzeichnungen des
Bruders Arsenius« finden, die ihres Lokalkolorits wegen allerdings hauptsach-
lich flir schweizerische und speciell fiir solothurnische Leser ein besonderes
Interesse bieten. Mit der 1887 erschienenen Kiltabendgeschichte »Der Linden-
hofer«, die er zuerst in der von Robert Weber herausgegebenen Zeitschrift
» Helvetia* (10. Jahrgang) veroffentlichte, hatte das dichterische Schaffen H.'s
sein Ende erreicht und er durfte sich um so mehr der wohlverdienten Ruhe
hingeben, als sein mlide gewordener Leib von schweren Erkrankungen heim-
gesucht wurde, die allmahlich auch seine geistige Kraft erschlaffen liessen. Ef
flihlte das selbst und schloss im Herbst 1887 seine schriftstellerische Thatigkeit
mit einem Bandchen »Reime« ab, mit dem er seine Freunde beschenkte und
das nicht in den Buchhandel gekommen ist. Er stellte darin seine zu ver-
schiedenen Zeiten und zum grossten Theil im »Postheiri« erschienenen Ge-
dichte zusammen, die er des Aufbewahrens werth hielt, und indem er das
Btichlein seinen acht Enkelkindern zueignete, hinterliess er ihnen ein von
seiner treuen Liebe zeugendes Verm£chtniss. H. hatte sich eines glticklichen
Familienlebens erfreut, das allerdings 1876 durch den Tod seines einzigen
Sohnes Otto und 1887 durch den Hinscheid des mit der einzigen Tochter
vermahlten Schwiegersohnes Ludwig Glutz getrtlbt worden war; seine Gattin
ging ihm nur wenige Jahre im Tode voraus. — Wenn H. im dffentlichen
politischen Leben auch wenig hervortrat, betheiligte er sich um so lebhafter
an den geistigen Bestrebungen seiner engeren Heimath. Ein besonderes Ver-
128 Hartmann. Krolop.
dienst erwarb er sich durch die Leitiing der hauptsachlich auf seine An-
regung hin gegrtindeten sog. »T6pfergesellschafU in Solothurn, die sich zur
Aufgabe gemacht hat, regelmassig jeden Winter Hterarische und wissenschaft-
liche Vortrage in der kleinen Hauptstadt des Kan tons zu veranstalten. Er
war auch stets bereit, sein Talent in den Dienst der Oeffentlichkeit zu stellen
und festliche Anlasse durch seine immer willkommenen poetischen Gaben zu
verschonern. Wenn er auch durch seine Familientraditionen mehr der con-
servativen Richtung anzugehoren schien, war er doch ein Mann von ausge-
sprochen freisinnigem Geiste, der seine Zeit verstand und an alten Einrich-
tungen, wenn sie berechtigten modernen Anschauungen weichen mussten, nicht
starr festhielt. Davon geben sowohl seine Novellen und Romane, als beson-
ders auch seine im »Postheiri« erschienenen Gedichte Zeugniss, die er zum
Theil in seine »Reime« aufgenommen hat. Als Schrifsteller nimmt H. eine
ehrenvolle Stellung in der Geschichte der deutschen Literatur in der Schweiz
ein. Seine Bedeutung beruht weniger auf seinen grosseren Romanen, denen
es an consequenter Durchftihrung des Planes und scharfer Charakteristik der
Hauptfiguren fehlt, als vielmehr auf seinen Dorfgeschichten, in weichen er
sich als vortrefflichen Schilderer des schweizerischen Volkslebens bewiesen
hat, der die realistische Darstellung durch einen gesunden Humor und durch
die sittliche Tendenz, die ihr zu Grunde liegt, in glticklicher Weise zu mil-
dern verstand.
Weber, Die poetische National! iterator der deutschen Schweiz, 3. Band (Glarus 1867).
— Solothurner Tagblatt 1897, No. 288 — 290. — Oltner Tagblatt 1897, No. 289. — Lu-
zerner »Vaterland« 1897, No. 283— 285. w *-•• •
J D M. Gisi.
Krolop, Franz, ein ausgezeichneter Biihnensanger (Bassist) an der Konig-
lichen Oper zu Berlin, * im September 1839 2U TroJa *n Bohmen, f am
30. Mai 1897 zu Berlin, 58 Jahre alt. — K. studirte in Prag Jura und be-
gann seine Carriere als Armeeauditor. Seine prachtige Bassstimme bestimmte
ihn dieselbe auszubilden; er ging 1861 zum Behufe dessen nach Wien, um
unter Richard Levy Gesangsstudien zu machen. 1863 trat er zu Troppau
als Ernani auf und entwickelte sich seitdem zu einem der angesehensten
Bassisten. Seine erste Anstellung erfolgte in Troppau, er ging dann nach
Linz, Bremen und Leipzig, bis er im Jahre 1872 eine Zierde der Berliner
Hofoper wurde. Hier war er im ernsten, wie komischen Fache gleich vor-
trefflich. Er sang im Don Juan den Gouverneur, im Figaro den Leporello
und Masetto, in der Zauberflote den Papageno, im Postilion den Bijou und
den Bombardon im Goldenen Kreuz. Den grossten Erfolg erreichte er in
Bizet's Carmen, in dem er den Escamillo sang und sein Verdienst war es zum
Theil, dass die Oper so zugkraftig wurde und unzahlige Wiederholungen er-
lebte. Verdient gemacht hat er sich besonders auch um die Genossenschaft
deutscher Buhnenangehdriger, sowohl als Vorstandsmitglied, wie als praktischer
Forderer der damit verbundenen Pensionsanstalt. 1868 verheirathete er sich
mit der bekannten Sangerin von Voggenhuber, die ihm aber 1888 durch den
Tod entrissen wurde, worauf er sich zum zweiten Male verheirathete. Eine
Darmfistel, die ihm grosse Schmerzen bereitete, musste durch einen operativen
Eingriff entfernt werden. Standhaft und heiteren Muthes tiberstand er die
Operation, starb aber nach zwei Tagen an den Folgen derselben.
Quelle: Deutsche Btihnen-Genossenschaft, Theater-Almanach derselben Genossenschaft
und Riemann's Lexikon.
Rob. Eitner.
Fischer. 129
Fischer, Johann Georg, Dichter, * am 25. October 181 6 im Marktflecken
Grosssussen a. d. Fils (wtirttembergisches Oberamt Geislingen), f am 4. Mai
1897 zu Stuttgart. — F. entstammte einer landlichen Handwerkerfamilie : sein
Grossvater war Weber, sein Vater Zimmermann. Von letzterem, den ein
sinniges Wesen, Streberi nach Htfherem und grosse Freude an der Natur aus-
zeichneten, scheint die poetische Begabung des Sohnes eher herzurtihren, als
von der Mutter, Katharina Cramer, die tibrigens als wackere Frau geschildert
wird. F. wuchs in den bescheidensten Verhaltnissen auf, mit ihm ein um
drei Jahre jttngerer Bruder, Jakob, der in den sechziger Jahren zu Paris ver-
storben ist. Friihzeitig verlor der Knabe den Vater. Da er in der Dorf-
schule sich hervorthat, wurde er zum Schullehrer bestimmt und trat 1831 in
das Esslinger Seminar ein. Nach absolvirtem Provisorsexamen amtete er als
Schulgehilfe in Neckarhausen (Oberamt Nlirtingen) vom December 1833 bis
Juli 1836, in Ettlenschiess (Oberamt Ulm) bis November 1837, in Mehrstetten
(Oberamt Miinsingen) bis December 1838, in Eningen (Oberamt Reutlingen)
bis November 1840. Dann erstand er die Schulpriifung und erhielt alsbald
die Stelle eines Unterlehrers in Bernstadt (Oberamt Ulm). Hier verlobte er
sich mit der 181 1 geborenen Auguste Neubert, einer der vielen Tochter des
Ortspfarrers, Diese Verbindung, die ihn in eine andere Gesellschaftssphare
hob, brachte den Entschluss in ihm zur Reife, zum hoheren Schulfach tiber-
zugehen. Er besuchte vom Herbst 1841 bis zum Frtihjahr 1843 das Real-
lehrerseminar in Tiibingen. Trotz ausdauerndem Fleiss, trotz den beschrank-
testen Mitteln ermoglichte er es dennoch, am Studentenleben einigen Antheil
zu nehmen. Unter seinen Lehrern befanden sich Friedrich Theodor Vischer
und Adelbert Keller; mit beiden blieb er auch spater in Verkehr. December
1843 unterzog er sich der Reallehrerprtifung mit Erfolg. Er wurde nun der
Reihe nach als Unterlehrer an der Mittelschule in Langenau bei Ulm, als
Vikar an der Ulmer Realschule und als Elementarlehrer in Stuttgart verwendet.
Anfang 1848 erhielt er die zweite Klasse der hauptstadtischen Elementarschule
definitiv ttbertragen. Am 25. April desselben Jahres konnte endlich nach
siebenjahriger Verlobung Hochzeit in Bernstadt gefeiert werden. Da seine
okonomische Lage ihn nothigte, auf Nebeneinkiinfte bedacht zu sein, ertheilte
er von 1847 bis 1857 Singstunden an dem Gymnasium und der Realschule,
sowie seit 1853 Unterricht in deutscher Sprache und Literatur an der kauf-
mannischen Fortbildungsschule. 1857 erwarb er sich den Doktorgrad bei der
philosophischen Fakultat in Tubingen. Im folgenden Jahre wurde er zum
Vorstand der Elementarschule mit dem Titel eines Schulinspektors ernannt;
sein Avancement hatte sich ungebiihrlich lange verzogert, weil er infolge seiner
politischen Haltung bei Konig Wilhelm I. von Wlirttemberg missliebig ge-
worden war. 1859 erhielt er zugleich die Leitung der Fortbildungsschule,
die er bis 1872 beibehielt. 1861 tibernahm er einen Lehrauftrag fiir deutsche
Sprache, Geschichte und Geographie an der oberen Stuttgarter Realschule
und trat Jahrs darauf als Professor in diesen seinen Fahigkeiten und Neigungen
zusagenden Wirkungskreis definitiv ein, noch bis 1866 die Vorstandschaft der
Elementarschule damit vereinigend. Am 15. Juni 1867 wurde F.'s gltickliche
Ehe, der ein einziges Kind, der gegenwartig als Professor an der Tlibinger
Hochschule wirkende Germanist und Literarhistoriker Hermann Fischer, ent-
sprossen ist, durch den Tod der Gattin getrennt. Die Einsamkeit und Oede
des Hauses war fiir F. vollends unertraglich, seitdem der Sohn im Seminar
untergebracht worden war, und so entschloss er sich zu einem neuen Bunde.
Biogr. Jabrb. u. Deatscber Nekrolog, 2. Eld. q
I *0 Fischer.
Seine Wahl fiel auf die fiinfundzwanzigjahrige Bertha Feucht, WirthstSchterlein
aus Marbach, wohin ihn damals die Bemiihungen flir das dortige Schiller-
denkmal ofters fiihrten. Am 15. Februar 1870 fand die Hochzeit in Marbach
statt. Die junge Frau brachte wieder Sonnenschein in das Haus, das sich
bald mit froher Jugend belebte: zwei Knaben, von denen der al teste freilich
schon siebenjahrig starb, und einer Tochter. 1885 trat F. in den Ruhestand,
als ein rustiger und ungebeugter Greis, der nach redlich vollbrachter Lebens-
arbeit sich noch manchen schonen Tages freuen durfte. Einen schweren
Schlag versetzte ihm der Verlust der zweiten Gattin am 14. August 1890; in
der Sammlung »Auf dem Heimweg* hat er »der Rose von Marbach « einen
wtirdigen »Todtenkranz<c gewunden. Die Tochter pflegte fortan den Vater,
bis sie sich 1894 in Stuttgart verheirathete. 1893 hatte F. eine gefahrliche
Lungenentziindung durchzumachen, von der er sich jedoch vollstandig erholte.
Ende April 1897 befiel ihn infolge einer Erkaltung abermals eine leichte Ent-
zundung der Lungen, die ganz unerwartet zu einem sanften und schmerzlosen
Ende fiihrte. Am Abend des 6. Mai fand auf dem Pragfriedhofe das Be-
grabniss unter grossartiger Betheiligung der hoheren Gesellschaftskreise sowie
der Btirgerschaft Stuttgarts statt, und schon sind Vorbereitungen ftir ein Denk-
mal im Gange, das dem Dichter in der wtirttembergischen Hauptstadt gesetzt
werden soil.
F. gehorte zu den M&nnern, welchen offentliche Wirksamkeit, Qffentliche
Anerkennung ein Bediirfniss ist. Beides fand er wahrend seines fiinfzigjahrigen
Stuttgarter Aufenthaltes in reichstem Maasse. Weiteren Kreisen wurde er
namentlich durch seine Beziehungen zum Liederkranze bekannt, dem er lange
Jahre als Sanger, seit 1865 als Ehrenmitglied angehorte und auf's bereit-
willigste seine poetischen und oratorischen Talente zur Verfiigung stellte. Bei
dem vom Liederkranz alljahrlich an Schiller's Todestag veranstalteten Maien-
Volksfest hielt er zwischen 1849 un4 ^93 nicht weniger als einundzwanzig
Mal die Festrede, den von ihm vergotterten Dichter in alien Tonarten mit
sich gleich bleibender Begeisterung preisend. Auch sonst machte er sich
die Verherrlichung Schiller's, mit dessen Werken er aufs innigste vertraut
war, zur Aufgabe. Zum grossen Schillerfest im Jahre 1859 verfasste er eine
von Kticken componirte Cantate und trat als Festredner im Reithause sowie
zur Emweihung des Marbacher Schillerhauses auf. Ebenso weihte er am
9. Mai 1876 das Marbacher Denkmal durch Rede und Cantate ein. Eifrig
wirkte er ftir die Grtindung der allgemeinen Schillerstiftung, in deren Ver-
waltungsrath er eine Zeit lang sass, und noch in seinen letzten Lebensjahren
gehorte er dem Ausschusse des neu gestifteten Schwabischen Schillervereines
an. Er betheiligte sich ferner an der Redaktion von Auswahlen aus Schiller's
Gedichten und Prosa' ftir die Jugend und besorgte 1877 die illustrirte Hall-
bergersche Schillerausgabe. Desgleichen nahm er sich anderer schwabischer
Dichter mit sorgender Liebe an. So bemiihte er sich um ein Grabmal flir
den frtih in Rom verstorbenen Wilhelm Waiblinger, bereitete Holderlin, den
er wahrend seines Ttibinger Aufenthaltes mit inniger Theilnahme gesehen
hatte, dem von ihm aufs hochste verehrten Uhland, Justinus Kerner, dessen
Gast er hin und wider in Weinsberg war, Morike, zu dem er sich besonders
hingezogen ftihlte, als Redner und Poet Huldigungen, feierte zahlreiche Freunde
und Manner offentlichen Wirkens bei festlichen Anlassen oder an ihrem Grabe.
Das Jahr 1848 brachte ihn mit der Politik in Verbindung. Er betheiligte
sich am Volksverein, trat bei der Stuttgarter Btirgerwehr ein und brachte es
Fischer. Iji
zum Lieutenant, trug da und dort patriotische Gedichte vor. Uebrigens war
er zu sehr Geftihlsmensch, um zum aktiven Politiker geschaffen zu sein. Ohne
fernerhin in die Zeitbewegungen mithandelnd einzugreifen, verfolgte er doch
alle Ereignisse mit gespannter Aufmerksamkeit und begleitete sie vielfach mit
poetischen Aeusserungen. Als echter Stiddeutscher sympathisirte er urspriing-
lich mehr mit Oesterreich als mit Preussen und blieb bis 1 866 in der Haupt-
sache Grossdeutscher. Dann wandelte er sich zum begeisterten Verehrer Bis-
marck's, zum warmen Anhanger des neuen Reiches um. Im geistigen Leben
Stuttgarts spielte F. eine bedeutende Rolle. Er war in gelehrten und litera-
rischen, ktinstlerischen und Theaterkreisen zuhause. Zahlreichen Vereinen und
Gesellschaften gehorte er als Mitglied oder als Ehrenmitglied an. Doch nicht
in solchen lag fiir ihn der Schwerpunkt der Geselligkeit, vielmehr im zwang-
losen Verkehre mit geistig angeregten und anregenden Mannern. Er pflegte
regelmassig Abends eine Weinstube zu besuchen, gehfirte lange Jahre einem
kleinen literarischen Kranzchen an, das sich Sonntag Nachmittags von 14 zu
14 Tagen versammelte. In erster Linie standen natiirlich seine Dichterfreund-
schaften, besonders die mit Morike, Notter, Gustav Pfizer, Schonhardt, Frei-
ligrath u. s. w. Auch manches jtingere Talent hat er bereitwillig gefordert
und durch freundliche Zuvorkommenheit an sich gekntipft. Sein 60., 70. und
80. Geburtstag wurde mit steigenden Ehren gefeiert, der letzte nicht bloss
von Seiten seiner engeren Heimat, sondern von der literarischen Welt des
gesammten deutschen Vaterlands. Es gereichte ihm zur besonderen Genug-
thuung, dass sich allmahlich sein Dichterruhm auch tiber den deutschen Nor-
den ausbreitete. An ausserer Anerkennung fehlte es ihm uberhaupt nicht: er
besass mehrere Orden und war unter anderem Ehrendoktor der naturwissen-
schaftlichen Fakult&t in Tubingen, Meister des freien deutschen Hochstiftes in
Frankfurt, Mitglied des Pegnesischen Blumenordens, Ehrenbiirger von Marbach
und Grosssiissen. Seine Ansprtiche an Lebensgenuss beschrankten sich auf
ein bescheidenes Maass. Er war ein riistiger Fussganger, reiste gern im
Schwabenlande herum, besuchte wohl auch dann und wann fremde Lender
und Grossst&dte. Eine innige Liebe zur Natur durchzog sein ganzes Leben.
Auf dem Lande war er ja aufgewachsen, hatte von Jugend an mit der Natur
vertrauten Verkehr gepflogen und sich mit alien Vorgangen im Naturleben
aufs genaueste bekannt gemacht, wobei ihn eine seltene Scharfe der Sinnes-
organe unterstiitzte. Blumen und Pflanzen und Singvogel waren seine haupt-
sachliche Liebhaberei. Sein ganzes Haus war mit blUhenden und griinenden
Gew&chsen ausgeschmtickt, in deren Pflege es ihm kein gelernter Gartner zu-
vorthat. Ebenso kamen ihm in der Kenntniss der einheimischen Singvogel
nur wenige gleich.
Als Dichter ist F. erstmals im 22. Lebensjahre mit einer ziemlich un-
selbstandigen, noch wenig asthetische Bildung und Geschmack verrathenden
Sammlung »Gedichte« (MUnsingen, bei Johannes Hohloch, 1838) hervor-
getreten. Auf einer nicht viel hoheren Stufe stehen die drei Jahre spater
gedruckten »Dichtungen« (Stuttgart, bei Griesinger & Comp., 1841), worin
die Form, namentlich der Reim, noch immer ausserst mangelhaft gehandhabt
ist. F. selbst hat spater an diesen beiden vorzeitigen VerOfTentlichungen
wenig Freude gehabt. Geraume Zeit schwieg nun seine Muse: es kamen die
Jahre der inneren Sammlung, der hoheren Ausbildung. 1851 trat er wieder
als ein anderer, Gereifterer auf den Plan, zunachst mit einzelnen Gedichten
im Morgenblatte, dessen eifriger Mitarbeiter er fortan blieb, bald auch in
9*
Ij2 Fischer.
Prutz' Deutschem Museum und anderen Zeitschriften. 1854 erschien (Stutt-
gart und Tubingen, bei J. G. Cotta) eine neue Sammlung »Gedichte«, die F.
bereits auf der Hohe seines Konnens zeigt und seinen Ruf begrlindet hat.
Sie wurde, jedesmal stark vermehrt, 1858 und 1883 neu aufgelegt. Da die
letzte Ausgabe auch aus anderen Sammlungen des Dichters vervollstandigt
ist, gewahrt sie einen guten Ueberblick liber sein gesammtes poetisches
Schaffen. Ausserdem verdffentlichte er folgende Gedichtbticher: »Neue Ge-
dichte* (Stuttgart, bei J. G. Cotta, 1865), »Den deutschen Frauen« (ebenda
1869), »Drei Kameraderu (Stuttgart, bei A. Kroner, 1870) in Gemeinschaft
mit F. Lowe und K. Schonhardt, »Aus frischer Luft« (Stuttgart, bei Karl
Gruninger, 1872), »Neue Lieder* (Stuttgart, bei J. B. Metzler, 1876), » Merlin*
(Stuttgart und Leipzig, bei Eduard Hallberger, 1877), ein der Universitat
Tubingen zu ihrem vierhundertjahrigen Stiftungsfeste gewidmeter Liedercyklus,
»Der Gliickliche Knecht« (Stuttgart, bei Adolf Bonz & Comp., 1881), ein Idyll
in neun Gesangen, »Auf dem Heimweg« (Stuttgart, bei J. G. Cotta, 1891),
»Mit achtzig Jahren« (ebenda, 1896). In die sechziger Jahre fallt F.'s kurze
dramatische Thatigkeit. In rascher Folge erschienen vier Trauerspiele im
Buchhandel: 1862 »Saul«, 1863 » Friedrich der Zweite von Hohenstaufen«,
1866 »Florian Geyer der Volksheld im deutschen Bauernkrieg«, 1868 » Kaiser
Maximilian von Mexiko* (die drei ersten bei J. G. Cotta, das vierte bei
Franckh in Stuttgart). Nur Saul und Friedrich II. gingen iiber die Bretter.
Ersteres Drama wurde 1862/63 dreimal, letzteres 1864 zweimal und 1867/69
dreimal in Stuttgart dargestellt, Friedrich II. ausserdem noch 1862/63 drei-
mal am Weimarer Hoftheater. F. setzte seine ganze Kraft, seinen ganzen
Ehrgeiz daran, auch auf diesem Gebiete Grosses zu leisten. Er selbst wie
seine beiden Freunde, der Dichter und Heldenspieler Feodor L6we und der
beriihmte Charakterdars teller Karl Grunert, gaben sich bei der Einstudirung
auf der Stuttgarter Hofbuhne alle Miihe. Es fehlte bei den Aufluhrungen
auch nicht an ausserem Erfolg, aber die nachhaltige Wirkung blieb aus, und
tief schmerzte den Dichter diese getauschte Hoffnung. Noch bis in das
hochste Alter hinein that es ihm wohl, wenn man seiner dramatischen Schd-
pfungen rtihmend gedachte. F.'s Prosaschriftstellerei beschrankte sich auf ein
feines naturpsychologisches Schriftchen »Aus dem Leben der V6gel« (Leipzig,
bei Friedrich Brandstetter, 1863) und auf Aufsatze und Kritiken meist litera-
rischen Inhalts ftlr Journale, wie das Morgenblatt, die Allgemeine Zeitung, den
Schwabischen Merkur, den Staats-Anzeiger ftir Wiirttemberg. Was er vor-
brachte, hatte stets Gehalt und Charakter, aber ein Meister im Prosastile war
er keineswegs.
F. gilt mit Recht als der letzte bedeutende Vertreter der guten schwa-
bischen Dichtertradition. Wie ein gewal tiger Fels ragte er als Wahrzeichen
der grossen klassisch-romantischen Vergangenheit in die vom Naturalismus
iiberfluthete Gegenwart herein. Die modernsten Bestrebungen waxen ihm in
der Seele zuwider, und es krankte ihn tief, dass sie den Geschmack des
Publikums beherrschten, dass die idealistischen Poeten durch jene Helden der
Mode zuriickgedrangt wurden. Ueber seinem eigenen Dichterrufe wachte er
eifersiichtig, und (iber Tadel oder mehr noch liber Zurticksetzung wurde er
leicht empfindlich. Man konnte ihn wohl klagen horen, dass die Alten tiber
den Jungen vernachlassigt werden; gelegentlich hat er auch der Meinung
Ausdruck verliehen, dass das Schwabenthum fur Ausbreitung des Ruhms ein
Hinderniss bilde (vergl. »Hermann Kurz« in »Auf dem Heimweg« S. 180),
Fischer, j 33
Aber zu Concessioner! Hess er sich, so sehr es ihm um Anerkennung zu thun
war, nicht herbei, und Rticksicht auf den Beifall der Menge bestimmte sein
Dichten niemals. Sein Ziel war die Verkorperung von Ideen, und der Flug,
den sein Geist nahm, ftihrte empor zu den reinsten Hohen des Lichtes. Nicht
umsonst hatte sein Abgott von Jugend auf Schiller geheissen. Die ganze
Denkart und Lebensauffassung F.'s steht unter dem Zeichen dieses grossen
idealistischen Dichters. Doch es handelt sich dabei nur um eine allgemeine
geistige Beeinflussung: in seiner reifen Lyrik hat sich F. von Schiller sehr
weit entfernt. Da berilhrt er sich naher mit Goethe, Holderlin, Morike. Aber
es kann immer nur von Beriihrungspunkten die Rede isein. Denn was seiner
Lyrik eben ihren besonderen Werth verleiht, ist ihr durchaus eigenartiges
Geprage. Schon langst hat man erkannt, dass nichts ftir ihn bezeichnender
sei, als die inbiiinstige Liebe zur Natur und zum Weib und das geheimniss-
volle, fast mystische Ineinanderfliessen dieser beiden Gefuhle. Seit seiner
Kindheit hat er die Natur beobachtet, belauscht, sich in sie versenkt, und
zum Danke dafiir hat sie ihm ihr Vertrauen geschenkt, wie wenigen, ihm die
tiefsten Blicke in ihr geheimstes Walten gestattet. Alles erscheint ihm wichtig
an ihr, das Kleine so gut wie das Grosse. Er preist nicht bloss die Herr-
lichkeiten der Sonne, die schauerliche Schonheit von Sturm und Wetter, er
gewinnt auch den Lebensausserungen jeder Pflanze, jedes Vogels Bedeutung
ab, findet zum Murmeln des Baches, zum Wehen des Windes, zum Rauschen
des Baumes in seinem Inneren die richtige Melodie. Nicht minder innig
ist sein Verhaltniss zum Weibe. Schon als DorfschUler hatte er sich, wie sein
Sohn, also gewiss ein glaubwiirdiger Zeuge, berichtet, in eine Mitschulerin
verliebt, und bis zuletzt blieb er diesem unwiderstehlichen Zuge zum anderen
Geschlechte treu: hat er doch noch »mit achtzig Jahren« erotische »Herzens-
gesprache* gehalten. In endlosen Variationen malt er stufenweise alle Wonnen
des Liebeslebens von dem ersten siissen Ahnen bis zum vOlligen Ineinander-
fliessen der Seelen. Doch weder der Natur noch der Liebe gegentiber ver-
halt er sich nur ktihl beobachtend, leidenschaftslos schildernd. Er giebt sich
vielmehr seinen Empfindungen und Stimmungen mit der raschen Begeisterung
eines erregbaren Temperaments und mit der nachhaltigen Kraft einer starken
Seele hin. Frische, gesunde Lebenslust ist ein Grundzug seines Wesens. Wohl
sind auch ftir ihn die Zeiten gekommen, da er sich in dtisteres Grtlbeln ver-
loren hat, wohl haben auch ihm schwere Verluste, wie die seiner beiden
Auserkorenen, elegische Klange entlockt: aber das warenKrisen, die vorliber-
gingen, die Freude am Dasein kehrte ihm, der vom Pessimismus nichts wusste
und nichts wissen wollte, immer wieder. Der vorherrschende Ton seiner
Poesie ist darum ein dithyrambisch jauchzender, ihm ist die Zwiesprache mit
der Muse ein Zustand der Ekstase, der gottlichen Trunkenheit. Dennoch hat
die Begeisterung ihn niemals vergessen lassen, dass das Dichten zugleich ein
kiinstlerischer Vorgang ist. Nach seinen verungliickten Jugendversuchen ist
ihm diese Erkenntniss aufgegangen, hat er gelernt, alle Formen zu beherr-
schen. Besonders neigt er zu antiken Maassen, die er mit Sicherheit und
Feinheit handhabt, und nicht minder gut gelingen ihm freie reimlose Rhyth-
men. So gewahrt F.'s Muse einen weihevollen Genuss. Muhelos lassen sich
freilich die Frtichte von seinem poetischen Baume nur selten pfllicken. Das
bloss Oberflachliche, Aeusserliche hasst er, was er bietet, ist vorher durch
das Medium seines eigenen Geistes gegangen. Um ihn ganz zu verstehen,
muss man sehen und hiiren, denken und fuhlen konnen, wie er. Es liegt
134 Fischer.
etwas energisch Subjektives, etwas herb Charaktervolles in seiner Art, das
von dem Leser vollige Hingabe verlangt. In friiheren Jahren glUckte ihm
wohl auch manches im naiven Tone des Volksliedes, aber mehr und mehr
kam ihm dann die einfache populare Haltung abhanden. Je defer er sich in
die Rathsel des Weltalls und der Frauenseele verbohrt, desto schwerer fallt
es ihm, ftir das, was ihm ahnend vorschwebt, den deutlichen Ausdruck zu
finden. Es ist oft ein Ringen mit dem Stoff, ttber den er nicht ganz Herr
wird, und der deshalb nicht zu vollkommener Plastik ausgepragt ist. Darum
erscheint an seinen Erzeugnissen manches geschraubt und gektinstelt, hat man
bei einzelnen seiner Gedichte die Empfindung, dass in seiner Seele noch Keime
herrlicherer Poesie geschlummert haben, als seine Worte auszudrttcken ver-
mogen. Namentlich mit dem beginnenden Alter macht sich der Ueberschuss
an Gedankenreichthum und damit an Reflexion geltend: in seinem ganz von
dunkler Naturmystik durchtrankten Liedercyklus »Merlin« hat diese Neigung
ihren Gipfel erreicht. Aber wunderbar ist es, wie sich F. dann wieder zur
volligen Klarheit durchgekampft und schliesslich in der Sammlung »Mit achtzig
Jahren « seine ganze Kraft zu den reifsten und siissesten Gaben zusammen-
gefasst hat. Neben der geschilderten Lyrik, die den Kern der Poesie F.'s
bildet, hat er zeitlebens das Epigramm gepflegt, und zwar mit entschiedenem
Gliick. Ob nun seine Sprliche mehr allgemein beschaulicher und lehrhafter
Natur sind, oder ob sie eine gescharfte Spitze aufweisen: immer sind sie
selbstandig im Gedanken, entschieden in der Gesinnung, edel in der Form.
Aus seinen Zeitgedichten flammt ein heissbllitiges Temperament, spriiht ein
feuriger Geist. Er riittelt die Deutschen aus ihrer Tragheit und Stumpfheit
auf, er mahnt sie an die unverganglichen Menschheitsideale. Kraftvoll liebt
er sein Vaterland, hasst dessen Feinde. Und wie versteht er zu jubeln, wie
zu zlirnen! Bismarck vor alien ist, wie schon erwahnt, sein Held. Ihn hat
er bereits im Jahr 1849 herbeigesehnt, vorausgeahnt, als er in einem seiner
berlihmtesten Gedichte »Nur einen Mann aus Millionen« (erst 1865 in den
Neuen Gedichten S. 132 f. gedruckt) fur sein Volk begehrte. Ihn zu bewun-
dern und zu preisen, wird er nicht mtide, und mit Ingrimm erfiillt es ihn,
dass man den Einzigen vor der Zeit bei Seite geschoben hat. Ueberhaupt
verschmaht es F. nicht, seine Leier zur Feier von lokalen Begebenheiten oder
von Personlichkeiten zu stimmen; besonders gern weiht er sein Lied dem
Andenken bertihmter Manner. Doch auch in seinen Gelegenheitsgedichten
meidet er die breite Heerstrasse des Alltaglichen und Gewohnlichen , bindet
sich durchweg an den hoheren poetischen Stil und bewahrt so gerade auf
diesem gefahrlichen Gebiete seine voile Meisterschaft. In der lyrischen Kunst-
poesie, in der hoheren Gelegenheitsdichtung und im Epigramme liegt die
Starke F.'s. Von den epischen Gattungen sagt nur eine seiner Begabung
vollig zu: das Idyll. Die Naturbetrachtung ftihrt ihn zur Schilderung des
bauerlichen Lebens. Mit grosser Anschaulichkeit zeichnet er das hoher stre-
bende Landvolk, dem er ja selbst entstammt ist, mit wohlthuender Warme
frischt er Jugenderinnerungen an das Elternhaus und den Vater, das Heimat-
dorf und dessen Bewohner auf. Ein anmuthiges Landpfarridyll lasst er auch
in dem seinem ersten Schwiegervater gewidmeten »Beim alten Hernu (in
Neue Gedichte S. 83 ff.) an uns vorliberziehen. Einige dieser Idyllen gehoren
zu den eigenthumlichsten und schonsten Bliithen, die F.'s Dichtergeist ge-
trieben hat. Dartiber hinaus reicht sein episches Vermogen nicht. Dass er
spater die kostliche Dichtung »Beim Kirchenbauer« zu dem langeren selb-
Fischer. Ramaniu
135
standigen Werke »Der Gltickliche Knecht* gesteckt hat, ist kaum zu ihrem
Vortheil ausgeschlagen. Eigentliche Balladen und Romanzen gelingen ihm
nicht. Er giebt weniger Handlungen als Situationen, liefert nicht sowohl
fortschreitende Erzahlungen als durch Monologe oder Dialoge festgehaltene
Momentbilder, darunter allerdings solche von ausgesuchter Schonheit.
An dem langst feststehenden Urtheil tiber F.'s Dramen ist nicht zu riit-
teln. Sie sind reich an poetischen Vorzligen, selbst an scenisch wirksamen
Momenten im einzelnen (z. B. der Ausgang des vierten Akts in Friedrich II.),
aber der eigentliche dramatische Nerv, die sichere Gestaltungskraft fehlt, die
Mangel der Composition und Technik sind zu auffallend, um das Geftihl
vollst&ndiger Befriedigung aufkommen zu lassen. Der Dichter hat sich grosse
und oft behandelte historische StofTe aus den verschiedensten Weltepochen
vom orientalischen Alterthume bis zur Gegenwart ausgewahlt. Dabei durch-
zieht sein dramatisches Schaffen ein gemeinsamer Grundgedanke: der Gegen-
satz zwischen den staatlichen Gewalten und dem Priesterthume. Diese Ten-
denz, hervorgerufen durch die damals Deutschland bewegenden kirchlichen
Kulturkampfe, beherrscht sowohl im Saul als im Kaiser Maximilian (Ubrigens
seiner schwachsten Leistung) die ganze Handlung, wirkt im Friedrich II. mehr
latent, um im Florian Geyer hinter dem social-politischen Motive vollig zu-
rtickzutreten. Die Sprache ist in dem zuletzt genannten Trauerspiel wuchtige
Prosa, deren Periodenbau freilich nicht immer durchsichtig genug ist, in den
(ibrigen StUcken waltet der Jambus, den F. mehr mit der Kraft und Wlirde
Uhland's als mit dem hinreissenden Schwunge Schiller's handhabt. Seine
klassischen Vorbilder sind im Allgemeinen, stellenweise sogar im Einzelnen
deutlich erkennbar (die Scene zwischen Karl V. und Florian Geyer erinnert
z. B. an die zwischen Konig Philipp und Marquis Posa, die Urbilder des
Obersten Lopez und der Prinzessin Salm im Kaiser Maximilian sind Buttler
und Grafin Terzky im Wallenstein). Immerhin hat sich F. auch in diesem
Fache, das jenseits der Grenzen seines natlirlichen Talentes liegt, als einen
Dichter von hochstem Streben und reinstem Wollen angeklindigt.
Hermann Fischer, Erinnerungen an Johann Georg Fischer von seinem Sohne (Tu-
bingen, 1897, H. Laupp'sche Buchhandlung ; mit Portrat). Aus den zahlreichen Widmungs-
artikeln bei Gelegenheit von Fischer's 80. Geburtstag und seinem Tode seien hervorgehoben :
pie Nekrologe in der Schwab ischen Chronik vom 8. Mai 1897 (Sonntagsbeilage), im Stutt-
garter Neuen Tagblatt vom 5. Mai 1897 (Adolf Palm), im Neuen Correspondenzblatt fiir
die Gelehrten- und Realschulen Wttrttembergs V (1898) S. 52—58 (Otto Gttntter), die
Aufsatze von Karl Busse in Die Gegenwart, 1896, No. 44, Blatter fttr literarische Unter-
haltung, 1896, No. 43, die Nation 15. Jahrgang (1898) No. 14/15, von Ludwig Jacobowski
in Nord und Slid, Novemberheft 1896; Alfred Biese, Lyrische Dichtung und neuere deut-
sche Lyriker, S. 82—93. Ueber Fischer als Dramatiker handelt ausftthrlich Heinrich Kurz,
Geschichte der deutschen Literatur, IV (1872), S. 639 — 643.
Werke u. Schriften s. Bflrsenbl. f. d. Deutschen Buchhandel 1897, No. 107.
Rudolf Krauss.
Ramann, Bruno (eigentlich Adolf August Moritz), * am 17. April 1832
zu Erfurt, f am 13. Marz 1897 in Dresden. — Ein vielseitig gebildeter Mu-
siker, der sich auch als Dichter auszeichnete. In Leipzig unter Moritz Haupt-
mann machte er seine Musikstudien ; 1871 Hess er sich in Dresden nieder.
Von Natur schiichtern und zurtickhaltend, die Verdienste anderer mit Freuden
anerkennend, trat er mit seinen eigenen Leistungen nur ungern hervor. Im
Umgange liebenswiirdig und bescheiden, in seinen Arbeiten tlichtig und ge-
diegen, genoss er in Dresden, wo er als Gesanglehrer und Musikkritiker wirkte,
einen wohlverdienten Ruf und wurde von seinen Schttlern in seltener Weise
1 3 6 Ramann. Ritter von Arneth.
verehrt. Auch als Musikkritiker erwarb er sich durch seine Unparteilichkeitr
sein mildes und schonendes Urtheil, ohne in eine allgemeine Lobhudelei zu
verfallen, die Liebe und Freundschaft aller Kunstgenossen. Als Componist
trat er mit weniger Erfolg auf und nur in den Kreisen seiner Schuler wurden
seine Lieder fleissig gesungen. Im Jahre 1891 erschien bereits das 74. Werk:
2 Klavierpiecen.
Quelle: Rabich's Blatter ftir Haus- und Kirchenmusik 1897, S. 71.
Rob. Eitner.
Arneth, Alfred, Ritter von, Historiker und Politiker, * am 10. Juli 1819
zu Wien, f am 30. Juli 1897 ebenda. — In ihren Aufzeichnungen schildert
A.'s Mutter, Toni Adamberger, ihre erste Begegnung mit Korner, als sie an
einem kalten, aber herrlichen Jannertage des Jahres 181 2 zur Probe in das
Burgtheater abgeholt wurde: »Die helle Sonne schien so warm und goldig,
dass ich, frohlich in's Leben hineinblickend, Gott dankte, dass er mir er-
laubte, nach langerer Zeit wieder die kUhle Luft in langen Ztigen einzuathmen.
Im Theater angekommen, wurde ich mit heiterem Jubel empfangen, denn
man hatte mich wirklich lieb, und »Toni, griiss Gott, Toni«! schallte mir von
alien Seifen lustig entgegen. Alle umringten mich, und die Herzlichkeit, mit
der sie mich begriissten, war wirklich riihrend, weil sie so wahr und aufrichtig
empfunden war. — Ein junger Mann stand im Halbdunkel des Zimmers und
hatte der Scene mit lebhaftem Erstaunen zugesehen. Die grossen, ausdrucks-
vollen, tiefblauen Augen ruhten auf mir mit dem Ausdrucke hochster Ver-
wunderung. Er hatte so oft und so viel von dem Neide und der Missgunst
reden gehort, welche unter dem so reizbaren Volke der Schauspieler leben
sollten, dass ihm diese ungeheuchelte Freundschaft ftir mich ein gtinstiges
Urtheil fur sie wie ftir mich abnothigte. Ich sah ihn ebenso verwundert an,
und so standen wir einen Augenblick einander stumm gegentiber. Es war
Theodor Korner. «
Es ist bekannt, dass Toni Adamberger, die nicht nur blendend schone,
sondern auch sittenstrenge Heroine des Burgtheaters, dem jungen Dichter und
Helden sich verlobte und ebenso bekannt ist das tragische Ende dieses kurzen
Gliickes. »Als Theodor zu Tode getroffen fiel — erzahlt uns Toni in ihren
Aufzeichnungen — hatte er mein Bild, von Lieder gemalt, auf der Brust,
einen Ring mit einem kleinen Herzen von mir am Finger, meine Briefe in
der Tasche.* Ueber ihren Brautstand selbst beobachtete sie Zeidebens ein
ehrftirchtiges Schweigen.
Im Jahre 1817 verlobte sie sich mit dem Kustoden des Mtinz- und An-
tikenkabinets, Josef Arneth, den sie in dem Salon der Schriftstellerin Karoline
Pichler kennen gelernt hatte, und trat aus dem Verbande des Burgtheaters.
Am 17. Juni dieses Jahres erschien sie als Jertha in der »Schuld« das letzte-
mal vor dem Publikum, von dem sie in der ruhrendsten Weise Abschied
nahm. In dem zu Weidlingau befindlichen Schlosse des FUrsten Dietrichstein,
des wohlwollendsten Protektors des jungen, aufstrebenden Gelehrten, dem er
auch die Erziehung seines einzigen Sohnes Josef anvertraut hatte, wurde der
neue Ehebund geschlossen. Am 16. Marz 1818 wurde den glticklichen Gatten
ein Sohn geschenkt, der jetzt noch lebende, angesehene Arzt Franz Hektor
von A. Das Jahr darauf, am 10. Juli erblickte Alfred von A. zu Wien das
Licht der Welt. Fast schien es, als sei er nicht zur Erreichung einer hdheren
Stufe im Staatsdienst geboren ; denn der italienische Geistliche, der ihn taufte,
Ritter von Arneth.
137
sprach die in dem Rituale vorgeschriebenen Worte fehlerhaft aus und fragte:
»Widersagst du dem b6sen Feinde und seinem Hofrath?«, wahrend es »seiner
HoffarU hatte heissen sollen. In glucklicher Kindheit wurden die ersten
Jahre des Lebens verbracht und im Konvikt von Kremsmlinster die Gymnasial-
studien vollendet. Als es sich um die Wahl des Brodstudiums handelte,
kam es nach langerem Schwanken schliesslich dazu, dass der altere Sohn
den medicinischen, der jUngere aber den juristischen Studien obliegen sollte.
Nach deren Vollendung trat A. bei der Kameralgefallenverwaltung, der heutigen
Finanz-Landesdirection, ein. Die Geschafte jedoch, denen sich (ibrigens A.
mit unermtidlichem Fleiss hingab, konnte den nach edleren Zielen strebenden
Jtingling nicht befriedigen. War von seiner schonen Mutter ausser der Wohl-
gestalt des Kfirpers auch der klinsderische Sinn auf ihn vererbt worden, so
war von seinem Vater das heisse Verlangen nach einer wissenschaftlichen
Thatigkeit auf ihn tibergegangen. Als er nun von seinem im Staatsarchive
angestellten Freunde Chmel erfuhr, dass bei diesem Institut eine neue Orga-
nisation in der Durchfiihrung begriffen sei, trachtete er eifrigst, dort angestellt
zu werden. Seine Bemiihungen waren von Erfolg begleitet und A. war einer
der drei Glticklichen, die je eine Praktikantenstelle mit einem Adjutum von
jahrlich vierhundert Gulden erhielten.
Aber nicht lange sollte A. im Archive verbleiben. Die ausgedehnten
Sprachkenntnisse und die schone Schrift des jungen Praktikanten bewogen
seinen obersten Chef, Flirsten Metternich, ihm eine freigewordene Offizial-
stelle in der Staatskanzlei zu verleihen. Dies geschah im Oktober 1841.
Diese neue Wendung seines Geschicks versetzte A. in einen wahren Taumel
der Freude: denn jetzt schien ihm die Moglichkeit gewahrt, das Madchen, dem
seine erste Liebe gait, heimzuftihren als sein Weib. Es war dies eine der
Tochter des vielgesuchten Wiener Arztes Dr. von Schaffer, der Grillparzer
folgende Verse widmete:
Einst auf denselben Banken
Sassen Dein Vater und ich;
Des Guten und Schttnen zu denken,
Der Vorsatz uns nimmer entwich.
Und dass wir's nicht g&nzlich verfehlten,
Das zeigte die Zeit, die verstrich,
All was wir schufen und wahlten;
Und jeder lSsst sterbend nach sich
Die Kinder voll Anmuth und Sitten —
Neid, weisst Du es anders, so sprichl
Ich Sapphon und Melitten,
Dein Vater, o Liebliche, Dich.
A/s Vater wollte aus finanziellen Grtlnden von einer so friihen Ehe
seines Sohnes nichts wissen. Um den Widerstand des Vaters zu brechen,
hatte sich A. entschlossen, dessen bereits etwas veraltete Geschichte Oester-
reichs einer grtindlichen, den neuen Anschauungen entsprechenden Umarbeitung
zu unterziehen. Nun gab auch der Vater nach. Indessen war dem Sohn zu-
gleich die Lust zu grosseren historischen Werken erwacht. Machtig zog ihn
die romantische, ritterliche Gestalt des Feldmarschalls Grafen Guido Starhem-
berg an, und ihr gait sein erstes historisches Werk, das im April 1852 voll-
endet wurde und den Beifall der hervorragendsten Geschichtsschreiber fand.
A. sah jedoch sein Werk liber Starhemberg nur als eine Vorarbeit zu einem
ahnlichen, wenngleich weit grosseren liber Eugen von Savoyen an. »Uner*
138 Ritter von Arneth.
mlidlich — so erzahlt er uns in seiner Selbstbiographie — kopirte und
excerpirte ich darauf los, ja wahrend ich desMorgens in den Archiven noch
dasjenige sammelte, was sich auf die spateren Lebensjahre des Prinzen bezog,
ging ich in den Abendstunden schon an die Verarbeitung dessen, was seine
friiheren Schicksale betraf.« In der Zwischenzeit veroffentlichte A. noch kleinere
Publikationen. Eine solche war der interessante Briefwechsel, den Konig
Karl III. von Spanien, nachmals Kaiser Karl VI., wahrend seines Aufenthaltes
in Barcelona in den Jahren 1705 bis 1711 mit dem obersten Kanzler von
Bohmen, Grafen Johann Wenzel Wratislau, gepflogen hatte. Im December des
Jahres 1857 erschien der erste Band von A.'s »Prinz Eugen« , ihm folgten
schnell der zweite und endlich, noch im Jahre 1858, der dritte und letzte
Band. Seine schOnen Leistungen auf historischem Gebiete erschlossen A. gar
bald die Pforte des ersten wissenschaf tlichen Instituts der Monarchic : im Mai
1858 wurde er zum korrespondirenden Mitglied der kaiserlichen Akademie
der Wissenschaften gewahlt. Am 20. November desselben Jahres starb Josef
Chmel, Vicedirektor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, ein Ereigniss, das in
seiner Nachwirkung einen entscheidenden, Uberaus giinstigen Einfluss auf das
Schicksal A.'s ausiibte. Allmahlich war in diesem die Sehnsucht starker ge-
worden, sich von der eigentlichen Laufbahn eines Beamten vollstandig loszu-
losen und einzig und all ein der historischen Wissenschaft zu leben. Im
Staatsarchiv winkte ihm die Gelegenheit, seinen lebhaften Wunsch erfiillt zu
sehen, und eifrig trachtete er, die durch dimel's Ableben erledigte Stelle
eines Vicedirektors zu erlangen. Aber man zogerte lange mit dem Entschlusse,
das Staatsarchiv, das bisher sowohl vom Ministerium selbst, als von der Archiv-
verwaltung als ein Sammelpunkt angstlich zu htitender Staatsgeheimnisse be-
trachtet und deshalb, wenigstens insofern es die neuere Zeit anging, vor jedem
profanen Auge sorgfaltig verschlossen worden war, nun plotzlich einem Manne
unbedingt zuganglich zu machen, der ganz offen als seinen Hauptzweck be-
zeichnete, die dort aufgehauften handschriftlichen Schatze literarisch zu ver-
werthen. Noch vor Erfiillung seines Wunsches trug sich A. mit dem Plane
zu einer historischen Arbeit, die an Umfang und an Bedeutung fiir Oesterreich
sein Buch liber den Prinzen Eugen noch weit tibertreflfen sollte. Es war dies
eine pragmatische Geschichte der Kaiserin Maria Theresia. Endlich nach
zweijahriger Bewerbung, am 8. November i860, erhielt A. die Vice-Direktor-
stelle im Staatsarchiv und somit war dieser Zielpunkt seiner Sehnsucht gltick-
lich erreicht. Nun konnte er sich ungestort und sogar unter den Auspizien
des auswartigen Amtes mit seiner »Herzensdame« beschaftigen , wie sein
Bruder Maria Theresia scherzweise nannte. Durch fast zwanzig Jahre that er
dies mit rastlosem Bemiihen, bis endlich Ende April 1879 die Biographie der
Kaiserin in zehn Banden abgeschlossen vor ihm lag, ein Werk, von dem
Dollinger schrieb, es sei ein Denkmal »dauernder als Erz«. Aber A. konnte
sich der wehmlithigen Empfindung nicht entschlagen, dass die beste Arbeit
seines Lebens gethan sei und er eine ahnliche nicht mehr zu Stande bringen
werde.
Die eifrige Thatigkeit A.'s auf historischem Gebiete brachte es mit sich,
dass er der unversiegbaren Quelle, aus welcher er schopfte, dem Staatsarchiv,
die grosste Sorgfalt widmete. Noch als Vicedirektor erwies er diesem Institut
einen uberaus wichtigen Dienst, indem er ihm den rechtlichen Besitz der fiir
die osterreichische Geschichtsforschung so bedeutenden Dispacci di Germania
zu gewinnen sich bemtlhte, die durch den Benediktiner P. Beda Dudik im
Ritter von Arneth.
139
Juli 1866 nach Oesterreich gebracht worden waren. Aber erst im Jahre 1868
konnte A., damals bereits Direktor des Staatsarchivs, dieses in den endgiltigen
Besitz der Dispacci bringen, die, von den Tagen Karls V. bis in das letzte
Decennium des vergangenen Jahrhunderts reichend, nicht weniger als 323
Original-Depeschenbande zahlen.
Mit der Krnennung A.'s zum Direktor des k. und k. Haus-, Hof- und
Staatsarchivs begann eine neue glanzende Epoche nicht nur dieses Instituts,
sondern auch der osterreichischen und deutschen Geschichtsforschung (iber-
haupt. Denn die Quelle, aus der diese schopfte, war nicht mehr in ihrem
Laufe gehemmt und spendete von nun an jedem ernsten Forscher von ihrem
Reichthum. Infolge seines liberalen Systems ahmten bald die auswartigen
Archive das Beispiel A.'s nach und oflheten ihre Schatze in freigebigerer
Weise als bisher der Wissenschaft. Angesichts solcher Leistungen war es
begreiflich, dass A. in das Presidium der Akademie der Wissenschaften be-
rufen wurde. 1872 ging er im Auftrage der Akademie als der Reprasentant
nach Brlissel, urn dem hundertjahrigen Jubilaum der Stiftung der belgischen
Akademie durch die Kaiserin Maria Theresia beizuwohnen. Ihm wurde die
Aufgabe gestellt, in franzosischer Sprache die Rede zu halten, die man von
einem der fremden Delegirten bei dem festlichen Bankette erwartete und die
in einen Trinkspruch auf die belgische Akademie ausklingen sollte. A. ent-
sprach diesem Wunsche in einer Weise, die ihm selbst und der von ihm re-
prasentirten Wiener Akademie zu wahrer Ehre gereichte. »Die ersten Satze
meiner Rede — sagt er selbst dariiber — waren in tiefstem Stillschweigen
angehort worden. Aber je langer ich sprach, desto lebhafter wurde der Bei-
fall; schliesslich war er so stiirmisch und so betaubend, dass er meine letzten
Worte vollstandig unhorbar machte. Nun aber drang Alles auf mich ein,
Alles drlickte mir die Hand, Alles stellte sich mir vor, alle moglichen und
unmoglichen Namen wurden mir genannt, jeder wollte mit mir anstossen, und
meine Hande waren formlich tiberfluthet von dem Champagner, den man
hierbei vergoss. Als ich mich aber bei Einigen, die mich besonders lebhaft
begl tick wtinsch ten, wegen eines hie und da unterlaufenen Fehlers der Sprache
oder einer allzu deutsch gedachten Wendung der Rede entschuldigen wollte,
da antwortete mir Einer: Ach was, das ist nichts! Sie redeten zu uns in der
Sprache des Herzens, die versteht Jedermann und Jeden reisst sie hin!«
Und wirklich kam gleich darauf sein Herz in einer ihn innig riihrenden
Weise in's Spiel. Kaum hatte er geendet, so naherte sich ihm der ehrwurdige
President, der ihm in bewegten Worten mittheilte, nicht nur sein Name,
sondern mehr noch sein Auftreten und seine Sprechweise habe ihn an eine
Frau erinnert, mit der er vor ftinfunddreissig Jahren eine Reise von Mtinchen
nach Salzburg zurUcklegte, und deren Andenken ihm um ihrer seltenen Liebens-
wiirdigkeit willen unvergesslich geblieben sei. »Diese Wiederbelebung des
Bildes meiner Mutter in jener Stunde der Aufregung und des Erfolges —
lesen wir in A.'s Aufzeichnungen — hatte wirklich etwas Ueberwaltigendes
flir mich, und mit uberstromendem Gefuhl gedachte ich ihrer, der ich ja
auch den grossten Theil dessen, was mir soeben zu so vielstimmiger Aner-
kennung verholfen hatte, das bischen Redegewandtheit und die Fahigkeit
verdankte, es auch in einer fremden, der franzosischen Sprache, zu einiger
Geltung zu bringen. «
Als am 23. Juli 1878 Rokitansky starb, trat A. als Viceprasident, nach den
Satzungen der Akademie einstweilen provisorisch an die Spitze dieser Kor-
140
Ritter von Arneth.
poration, zu deren Prasidenten er spater, am 27. Mai 1879 einstimmig gewahlt
wurde. Seither hatte die Akademie seine Wahl zu ihrem Prasidenten nach
je drei Jahren sechsmal erneuert, so dass er sich bis zu seinem Hinscheiden
in dieser ehrenvollen Stellung befand. Im Juni 1880 aber erfolgte aus Anlass
der bevorstehenden Vollendung seines vierzigjahrigen Dienstjahres seine Er-
nennung zum wirklichen geheimen Rath.
Auch ausserhalb der Monarchic drang sein Name in die wissenschaftliche
"Welt und da erfiillte es A. mit grosster Freude, als die bayerische Akademie
der Wissenschaften ihn, den Oesterreicher, zum Prasidenten der historischen
Commission ernannte — eine Stelle, die vor ihm Ranke und Sybel bekleidet
hatten.
Die gesunde Weltanschauung A.'s brachte es mit sich, dass er Wider-
willen gegen diejenigen empfand, die man als Menschen der Katastrophen
bezeichnen darf. Stiirmer und Dranger stiessen ihn ab, nur Vernunft, ge-
paart mit zielbewusstem , rechtschaffenem Handeln, konnte ihm Achtung
einflftssen, die er in diesem Falle auch dem Gegner nicht versagte. Mit Vor-
liebe ruhte daher sein Blick auf jenen Gestalten vaterlandischer Geschichte,
die nicht allein durch Staatskunst, sondern auch durch Rechtschaffenheit des
Charakters gleich ausgezeichnet waren. Sie, die nicht in den Winkelziigen
des Machiavellismus, sondern auf der geraden Bahn einer offenen und ehr-
lichen Politik die naturgemasse Ausgestaltung des Reiches anstrebten, fesselten
ihn zumeist und regten ihn an, ihre Geschichte niederzuschreiben.
Scharfer als bei Ranke tritt bei A. die Personlichkeit in den Vorder-
grund; sie ist es, welche das Ganze beherrscht und das biographische
Moment ist es, worin A.'s eigentliche Grosse liegt. Immer wieder zog es
ihn dahin und diesem Drange verdanken wir seine Monographic Bartenstein's
(187 1), seine eigene Lebensbeschreibung (1893), sein Buch iiber Schmerling
(1896) und sein letztes iiber den Minister Wessenberg (1898).
Die Korrespondenzen, die A. theils allein, theils mit Geffroy und
Flammermont herausgab, sind Quellenwerke, die nicht bios einen tiefen Ein-
blick in die Politik der Monarchic, sondern auch in das Innerste der Per-
sonlichkeiten gewahren, die sie leiteten. Maria Theresia, Joseph und Kaunitz
sind uns menschlich naher gertickt, wir erkennen ihre Grosse, aber auch ihre
Schwachen, Ueberdies waren diese Publikationen auch sachlich sehr er-
giebig. Sie entkrafteten vielfach irrige Anschauungen. So brachte der Brief-
wechsel mit Marie Antoinette in iiberzeugender Weise die Unechtheit der
Briefe an den Tag, die Hunolstein und Feuillet de Conches herausgegeben
hatten, und die geheime Korrespondenz zwischen Joseph II, Kaunitz und dem
Grafen Mercy machte endgiltig den Glauben zu nichte, dass die Konigin Ein-
fluss auf die Geschafte gehabt und sie recht eigentlich geleitet habe.
Wie A. in dem geistigen Leben seines Vaterlandes und iiber dieses hinaus
eine hervorragende Stellung einnahm, so hatte er auch verstanden, sich eine
gleich angesehene auf politischem Gebiet zu erringen. Die Ausschreibung der
Wahlen fur das Frankfurter Parlament bot ihm 1848 zum ersten Male Ge-
legenheit, oflfentlich zu sprechen und in schon durchdachter Rede sein poli-
tisches Glaubensbekenntniss zu enthiillen. Nicht so sehr der Beifall, der ihm
hierbei gezollt wurde, als vielmehr die Ueberzeugung, »dass es fur einen
einzelnen Mann schon ein verdienstliches Unternehmen sei, das Seinige bei-
zutragen, dass wenigstens eine Stimme in einem der gesetzgebenden Korper
nicht wieder der radikalen Partei anheimfalle, sondern dass sie in gemassigtem
Ritter von Arneth. 141
Sinne abgegeben werde« best&rkte A. in dem Vorsatze, die politische Btihne
zu betreten und werkthatig an dem Aufbau eines neuen Oesterreich mitzu-
helfen. Er bewarb sich in Neunkirchen um das Abgeordnetenmandat zum
Frankfurter Parlament und trug ttber nicht weniger als zehn Kandidaten,
darunter Perthaler, den Sieg davon. Als A. in Frankfurt eintraf, befand sich
diese Stadt in grosser Aufreguijg. Die preussische Regierung hatte den Krieg,
den sie im Auftrage Deutschlands wegen Schleswig-Holstein gegen Danemark
fiihrte, durch den von ihr zu Malmo abgeschlossenen Waffenstillstand eigen-
machtig abgebrochen und an das Frankfurter Parlament die Zumuthung ge-
stellt, diesen Vertrag zu ratificiren. Als das Ministerium Schmerling nothge-
drungen nachgab und den Malmoer Vertrag dem Parlament zur Gutheissung
vorlegte, blieb es mit seinem Antrag in der Minderheit und resignirte. Der
Erzherzog-Reichsverweser beauftragte nun Schmerling, dem Parlament neuer-
dings den Waffenstillstand zur Ratification vorzulegen. Zwei Gesichtspunkte
waren es, von denen A. sich nun leiten Hess; er hielt es fiir seine Pflicht,
alles zu thun, um seinen Landsmann Schmerling im Amte zu erhalten und
weiter alles zu vermeiden, was der radikalen Partei die Oberhand verschaffen
konnte. Am 16. September erfolgte die entscheidende Abstimmung, die eine
Majoritat von 21 Stimmen fiir den Waffenstillstand ergab. A. schloss sich
dem jungsten Club an, gebildet aus den Abgeordneten, die bisher dem
Wurttemberger Hof angehort hatten und aus diesem wegen ihrer Abstimmung
zu Gunsten des Waffenstillstandes ausgeschieden waren. Die Clubs als solche
besassen jedoch nicht die geringste Einflussnahme auf die Geschaftsfiihrung
des Parlaments. Dieser gemass wurden die einzusetzenden Commissionen
nicht von der Versammlung selbst, sondern von den fiinfzehn Abtheilungen
gewahlt, in die sie zerfiel. Aus deren Zusammensetzung konnte A. mit grosser
Befriedigung erkennen, dass die entschiedene Majoritat dem Wiener Aufstande
unglinstig gesinnt sei. Nichts destoweniger musste er sich gestehen, dass so-
wohl die deutsche Centralgewalt, als auch die National versammlung den in
Oesterreich vor sich gehenden Ereignissen ohnmachtig gegeniiberstanden. In
lebhafter Weise betheiligte sich A. nunmehr an der Diskussion liber die
Paragraphen 2 und 3 der Reichsverfassung, wobei er sich einzig und allein
von der Ansicht leiten Hess, »dass eine Unterordnung Oesterreichs unter diese
Bestimmung eine Unmoglichkeit sei«. Hierzu kam noch das von Miihlfeld
eingebrachte Minoritatsgutachten, das von einem volkerrechtlichen Bunde
Oesterreichs mit Deutschland sprach. »Wer es gut meine mit Deutschland —
Hess er sich vernehmen — mtisse alles daran setzen, um ihm das schonste,
das herrlichste seiner Lander, um ihm Oesterreich zu erhalten. « Eine Losung
der deutschen Frage wurde aber nicht erzielt. Die Parteiunterschiede im
Parlament waren zu weitgehende, als dass eine fiir alle Theile gleich zufrie-
denstellende Einigung herbeigefuhrt worden ware. Ein einziges Mai verschwand
jeder Parteiunterschied — dies war anlasslich der Abstimmung der Fall, die
liber den Antrag erfolgte, das Reichsministerium aufzufordern , mit allem
Nachdruck Massregeln zu treffen, um die an der Verhaftung und Todtung
des Abgeordneten Blum unmittelbar und mittelbar Schuldtragenden zur Ver-
antwortung zu ziehen und zu bestrafen. Die Verlegenheiten der Oesterreicher
mehrten sich von Tag zu Tag und wurden ganz besonders bedenklich, als
das Ministerium Schwarzenberg-Stadion vor den Kremsierer Reichstag mit
einem Programm hintrat, aus dem unschwer zu erkennen war, dass man in
Oesterreich aufrichtig und wahr den Einheitsstaat wolle und diesem ver-
142
Ritter von Arneth.
lockenden Ziele energisch zustreben werde. An die Oesterreicher trat nun-
mehr die Frage heran, ob sie angesichts der sich immer deutlicher heraus-
stellenden Gewissheit, dass sich Oesterreich in den neu zu griindenden
deutschen Bundesstaat nicht einfugen konne und werde, liberhaupt noch be-
rechtigt seien, an der Gesetzgebung liber diesen einen thatigen Antheil zu
nehmen. Aber erst die Octroyirung der Verfass^ng vom 4. Marz 1849 n^usste
sie erkennen lassen, dass ihre Mission als osterreichische Abgeordnete als be-
endet zu betrachten sei. »Als Oesterreicher* — so erzahlt uns A. — »freute
ich mich aufrichtig des entschiedenen Schrittes, welchen die Regierung gethan,
um einerseits den Volkern Oesterreichs den Fortgenuss der constitutionellen
Freiheiten zu sichern und anderseits wieder ein gesetzmassiges Geftige in das
arg zerrlittete Staatswesen zu bringen.« A. legte sein Mandat nieder, indem
er von der Voraussetzung ausging, »dass es vielmehr im Interesse dieser Re-
gierung liege, einer Situation freiwillig ein Ende zu machen, welche ihrem
Einflusse in Deutschland nicht das Mindeste ntitze, ihr Ansehen aber empfind-
lich benachtheilige«. In bescheidener , jedoch entschiedener Weise trat A.
ftir diese seine Anschauung ein, als er sich im Ministerium des Aeussern
seinem neuen Chef, dem Fttrsten Schwarzenberg, vorstellte.
Zwolf Jahre spater ergab sich ftir A. abermals die Gelegenheit, als Po-
litiker thatig zu sein, indem er im Marz 1861 das Neunkirchner Mandat ftir
den Landtag, um das er sich beworben hatte, erhielt. Dass er kurz vorher,
im Jahre i860, beauftragt worden war, den Sitzungen des verstarkten Reichs-
rathes beizuwohnen und die gehaltenen Reden zu ihrer Veroffentlichung zu
redigiren, hatte nicht wenig beigetragen, sein Urtheil nach mancher Richtung
hin zu scharfen. Auch jetzt betrachtete er als seine hauptsachlichste Aufgabe,
»das Ministerium Schmerling in seinen auf Einftihrung des Verfassungslebens
in Oesterreich gerichteten Bestrebungen zu unterstutzen und ihm keine wie
immer gearteten Schwierigkeiten zu bereiten«. Deshalb schloss er sich mit
Pillersdorf, Pratobevera, Heinrich Perger und Schindler der Partei an, deren
Kern der Grossgrundbesitz unter Ftihrung des Freiherrn Karl von Tinti
bildete. Die zweite Partei stand unter dem uberwiegenden Einfluss von
Miihlfeld und Berger. Bereits in der ersten Sitzung wurde A. das Amt eines
Berichterstatters des Ausschusses ftir Ausarbeitung einer Geschaftsordnung
ubertragen. Bald trat an ihn die Frage heran, ob er vom Landtag in den
Reichsrath oder in den niederosterreichischen Landesausschuss gewahlt werden
wolle. Umstande der verschiedensten Art bewogen ihn, eine Wahl in den
Reichsrath nicht anzunehmen, wogegen er hoffte, im Landesausschuss eine
vielleicht nicht glanzende aber erspriessliche Thatigkeit entwickeln zu konnen.
Am 20. April 1861 mit 42 gegen 24 Stimmen gewahlt, erhielt A. am folgenden
Tage das Referat iiber Unterrichtsfragen.
Wenn sich auch A. durch seinen Verzicht auf eine Wahl in den Reichs-
rat von jeder grosseren Thatigkeit auf politischem Gebiete freiwillig ausge-
schlossen hatte, so hinderte ihn dies nicht, alle Vorkommnisse mit regem
Interesse zu verfolgen. Leider waren sie nicht derart, dass sie einen in alt-
dsterreichischen Traditionen aufgewachsenen Mann, wie A., mit grossen HofF-
nungen ftir die Zukunft erftillen konnten. Mit wachsender Besorgniss sah A.
wie sich die Kluft zwischen dem Ministerium Schmerling und der deutsch-
liberalen Partei erweiterte. Seine eigene Parteistellung charakterisirt A. selbst
in folgenden Worten: »Von dem ersten Augenblick angefangen, in welchem
ich durch meine Wahl in das Frankfurter Parlament zur Entfaltung einer po-
Ritter von Arneth.
143
litischen Thatigkeit berufen wurde, bis auf den heutigen Tag, also fast schon
ein halbes Jahrhundert hindurch, betrachtete ich mich albeit als ein Mitglied
und einen treuen Anhanger der deutschliberalen Verfassungspartei und bin
gewiss, dies auch bis zum Ende meiner Tage unver&ndert zu bleiben. Ich
habe mich zu dieser Fahne vereidigt, weil ich durch Geburt und Abstam-
mung ein Deutschosterreicher bin, und mir jede Verleugnung meiner Natio-
nalist, jede Hintansetzung ihrer berechtigten Interessen oder gar ein Btlndniss
mit ihren Gegnern als eine so verwerfliche Handlung erscheint, dass ich mich
ihrer niemals schuldig machen werde. Den Reihen der gemassigten Liberalen,
der aufrichtig constitutionell gesinnten aber gesellte ich mich zu und werde
immerdar in ihnen verbleiben, weil ich der Meinung bin, der gleichzeitig
ernste und redliche Politiker mtisse sich allezeit zu dem System bekennen,
welches er nach bestem Wissen und Gewissen als das heilbringendste flir
den Staat und dessen Bevolkerung betrachtet.* Als nach dem Sturze
Schmerling's Graf Richard Belcredi zu dessen Nachfolger ernannt wurde und
seine Thatigkeit mit dem Patent vom 20. September 1865 erOflhete, trat an
A. die Pflicht heran, in dem bevorstehenden Konflict zwischen Regierung und
Landesvertretung Partei zu ergreifen und Farbe zu bekennen. Viele Jahre
damach konnte sich A. nicht von dem Vorwurf freisprechen , dass die Art
und Weise, in der er den an und flir sich gewiss nur zu billigenden Ent-
schluss ausfiihrte, sich gegen das September-Patent zu erklaren und mit ein-
zustimmen in das Begehren um Zuriicknahme dieses, » nicht gerade Lob,
sondern eher Tad el verdiente*. »Ich verfiel hierbei in den Fehler* — gesteht
er uns — »welchen wir Deutsche so oft begehen, und der vielleicht unserer
Gewissenhaftigkeit und unserem personlichen Charakter, nicht aber auch unserer
politischen Einsicht zur Ehre gereicht. Nichts fallt uns schwerer, nichts kostet
uns ein grosseres Opfer, als die blinde Unterordnung unter die strenge Partei-
disciplin, und doch ist sie die unerlassliche Vorbedingung zur Erreichung von
Erfolgen auf polirischem Gebiete. Auch mir ging es nicht anders.*
Unmittelbar nach Schluss der zweiten Landtagssession von 1866, am
2. Janner 1867, wurde das kaiserliche Patent erlassen, welches die Auflttsung
der Landtage und die unverziigliche Veranstaltung von Neuwahlen anordnete.
Unter solchen Verhaltnissen erachtete A. es »als ein Gebot der Ehre und
der Pflicht«, sich neuerdings um das Landtagsmandat zu bewerben, das er
fiir den Bezirk Neunkirchen abermals erhielt. Da enthob der Kaiser am
7. Februar den Grafen Belcredi seiner Functionen und ernannte den Minister
des Aeusseren, Freiherrn von Beust, zum Prasidenten des Ministerrathes. Es sei
uns gestattet, hier anknlipfend zu erwahnen, dass bereits im October 1864
Graf Rechberg auf seinem Posten eines Ministers der auswartigen Angel egen-
heiten durch den Grafen Alexander MensdorfT ersetzt worden war. Dieser
war, versichert uns A. mit voller Bestimmtheit, ein Gegner der Sistirungs-
politik, des Doppelkrieges gegen Preussen und Italien, sowie der Abtretung
Venedigs an Nappleon III. In Betreff Beust's bedauerte A. auf das leb-
hafteste, »dass ein Mann in das Ministerium berufen wurde, der nach seinem
eigenen Gestandnisse den inneren Verhaltnissen Oesterreichs vollkommen
fremd gegenilberstand«. Mit der ihm eigenen Offenheit erklarte A. seinem
neuen Chef, und zwar von ihm selbst hierzu aufgefordert, zwei Punkte seien
es vor Allem, an welche ohne Zeitverlust Hand angelegt werden mttsse: »der
erste bestand in der entschiedenen und aufrichtigen Beseitigung der Sistirungs-
politik, in der Wiedereinftihrung verfassungsmassiger Zustande und in treuem
144
Ritter von Araeth.
Festhalten an denselben. Der zweite aber, in dem ernsten und unausgesetzten
Bestreben, mit Ungarn einen dauernden Ausgleich auf der Grundlage von
Bestimmungen zu Stande zu bringen, welche dem Gesammtstaate Oesterreich
wesentlich giinstiger waren als diejenigen, die in den verschiedenen, grossten-
theils von dort herriihrenden Staatsschriften enthalten seien.« Hinsichtlich
des ersten Punktes erklarte sich Beust mit A. einverstanden. Was den zweiten
betrifft, wobei sich A. auf Seite derer stellte, » welche auch ftlr die Zukunft
einen Gesammtstaat Oesterreich erhalten wissen wollten , innerhalb dessen
Ungarn eine abgesonderte Stellung einnehmen konne«, konnte A. in Balde
zur Ueberzeugung gelangen, dass seine Auseinandersetzungen Beust keines-
wegs zusagten. Aber dieser unterbrach in seiner echt sachsischen Hoftichkeit
A. nicht, der erst dann das Gesprach abbrach, als er merkte, er dlirfe Beust's
Geduld nicht langer in Anspruch nehmen.
Als die Landtage zusammentraten, legte ihnen die Regierung ein Rescript
vor, kraft dessen die Sistirungspolitik und mit ihr die Einberufung eines
aussergewohnlichen Reichsrathes vollstandig fallen gelassen wurde. Bios die
Wahlen fur den legalen Reichsrath sol ken vorgenommen werden. Im nieder-
osterreichischen Landtag selbst besassen in Folge der wahrend der Periode
Belcredi stattgehabten Neuwahlen nach beiden Seiten hin die extremen Rich-
tungen eine starkere Vertretung als friiher. Trotz dieser Aenderung wurde
A. abermals in den Landesausschuss entsendet. In seiner Selbstbiographie
geht A. auf die Agenden dieser sehr kurzen Landtagssession ebensowenig ein,
wie auf die Verhandlungen des Reichsrathes. Er hatte zwar gewtinscht, dass
Regierung und Reichsrath etwas weniger nachgiebig gegen die Forderungen
der Ungarn gewesen waren. »Nachdem aber einmal* — lesen wir dort —
»der Ausgleich auf der Basis des Dualismus und der staatlichen Selbstandig-
keit Ungarns auf gesetzlichem Wege zu Stande kam, darf man auf beiden
Seiten nichts anderes thun, als gewissenhaft an ihm festhalten. «
So wie A.'s Stellung im wissenschaftlichen Leben durch die Ernennung
zum Director des Staatsarchivs und spater durch die Wahl zum Prasidenten
der Akademie der Wissenschaften die rechte Weihe erhielt, so wurde ihm
auch als Politiker die glanzendste Auszeichnung zu Theil, als ihn der Kaiser
1869 in das osterreichische Herrenhaus berief. »Wer sich das Ansehen,
welches zu jener Zeit das Herrenhaus in Anbetracht seiner maassvoll frei-
sinnigen, echt staatsmannischen Haltung besass, wer sich die Summe von
Talenten nicht allein, sondern von Charakteren vergegenwartigt , liber die es
in so reichem Maasse verftigte, der wird wohl begreifen, dass es mich ebenso
mit Stolz wie mit Freude erflillte, von nun an dieser glanzvollen Versammlung
anzugehoren und im Schoosse derselben an den Berathungen liber die wich-
tigsten Angelegenheiten meines Vaterlandes regen Antheil nehmen zu dlirfen.
Aber nicht nur die achtunggebietende Stellung des Herrenhauses und die
HofFnung, dort eine nicht ganz unfruchtbare Thatigkeit entwickeln zu konnen,
gereichten mir zur Freude; in kaum geringerem Masse trug hierzu auch die
Genugthuung bei, einer Kftrperschaft anzugehoren, welche, wie dies auch
jetzt noch geschieht, ihre Verhandlungen in jener urbanen, riicksichtsvollen
und leidenschaftslosen Form zu flihren gewohnt ist, die der Wurde der ersten
politischen Corporation des Reiches allein entspricht.« Im Herrenhause sah
ihn die Linke stets auf seinem Platze und stets bereit, mit den Wortftihrern
der feudal-klerikalen Partei die Waffen zu kreuzen. So trat er ganz entschieden
ftir die Aufhebung des Concordates ein, wogegen der Cardinal-Fiirsterzbischof
Ritter von Arneth.
M5
Rauscher — am 10. April 1874 — erklarte, dass es noch giltig und rechts-
kraftig sei. A. widerlegte dies in einer Rede, in der er der Hierarchie das
Recht bestritt, sich selbst immer als die Kirche zu betrachten. Er erinnerte
den Kirchenfiirsten an dessen eigenen Ausspruch , der Clerus habe sich fern
zu halten von politischen Agitationen. Als es sich um die Errichtung der
tschechischen Universit&t handelte und ein Mitglied des Hauses in tschechischem
Sinne sprach und den Gedanken einer Versohnung laut werden Hess, da er-
hob sich A., um ihm die bedeutungsvollen Worte zuzurufen: »Wenn fort-
wahrend von Versohnung gesprochen wird, so ist das nicht zutreffend. Die
Versohnung setzt Feindschaft voraus und wir sind keine Feinde, sondern
politische Gegner. Wenn es da zu einer Versohnung kame, dann miissten
die mannhaften politischen Ueberzeugungen abdiciren.« Nicht bios bei diesem
Anlass gelangten die mannliche Gesinnung und der unerschutterliche Charakter
A.'s so recht zum Ausdruck. Ein Jahr spater hatte sich das Herrenhaus
mit dem Liechtenstein'schen Schulantrag und mit der Schulnovelle zu be-
fassen. A. war Berichterstatter , welches Amt er jedoch niederlegte, als es
Hess, die Regierung wolle Neuwahlen fur die Schulcommission erzwingen,
um die Vorlage in irgend einer Form durchzubringen.
Selten erhob A. im Herrenhaus seine Stimme; wenn es aber der Fall
war, dann geschah es um einer guten Sache willen. So trat er am 20. Mai
1890 Jaworski entgegen, der im Abgeordnetenhaus behauptet und sich dabei
auf ihn selbst berufen hatte, Galizien sei unter Maria Theresia und Joseph II.
von den osterreichischen Beamten ausgesaugt worden. »Man war in Wien
bestrebt* — so Hess sich A. vernehmen — »das beste BeamtenmateriaJ, sowohl
in seinen unteren wie oberen Instanzen, nach Galizien zu entsenden. Schon
die Auswahl des ersten Gouverneurs, des Grafen Johann Anton Perger, wurde
auf die Goldwaage gelegt. Ich will aber recht gern zugestehen, dass er nicht
energisch genug war, um den Augiasstall, den fiirchterlichen Zustand, in
welchem er das Land traf, in welchem es seit der Republik und nicht allein
durch das Verschulden der Republik, sondern auch durch das Verschulden
der polnischen Confederation gerathen war, zu saubern.«
So zeichneten A. als Historiker und als Politiker die gleiche patriotische
Gesinnung, das gleiche treue Festhalten an glorreichen Ueberlieferungen aus,
und jederzeit trat er, in Wort und Schrift, fur Oesterreichs Ehre und Macht-
stellung auf den Kampfplatz, fiir die Starkung der Einheitsidee auf constitu-
rioneller Grundlage, fur die Forderung von Unterricht und Bildung in Hberalem
Sinne und fiir die Vertheidigung des Staates gegen die Bevormundung durch
die Kirche. Aber blutenden Herzens sah A. am Abend seines Lebens, dass
auch die Sonne seiner Ideale unterging. Der Einfluss des Clerus drang in
ein Gebiet, das ausserhalb des Machtbereichs der Kirche lag, die Fluthen
des Antisemitismus ergossen sich (iber die Gefilde josephinischer Aufklarung,
und an der festesten Saule des Reiches wurde gerllttelt — das deutsche
Volk in seinem Besitzstand bedroht. Da suchte er Trost in der Erftillung
einer edlen Sendung, indem er an die Spitze eines Vereins trat, der es sich
zur Aufgabe gemacht hatte, das geistige Niveau der untersten Klassen zu
heben. So wie A. als Direktor des Staatsarchivs, als President der kaiser-
lichen Akademie der Wissenschaften die Gelehrtenwelt zu fordern suchte, so
wollte er als President des Volksbildungsvereins, dass mit der gesteigerten
Erkenntniss auch die politische Reife vorbereitet und das Volk in seiner Ge-
sammtheit zu einer hdheren Auffassung der Dinge befahigt werde. In einem
Blogr. Jabrb. a. Deatecber Nekrolog. 2. Bd. I O
146 Ritter von Arneth. Fraas.
Alter, das ihn wohl berechtigt h&tte, sich von alien Geschaften zuriickzuziehen,
stellte er den Glanz seines Namens in den Dienst der wissensdurstigen Menge.
Er war ein Christ im wahrsten Sinne des Wortes; nie fehlte er Sonntags in
der Kirche, wo er, nicht um den ausseren Schein zu wahren, sondern fromtn
und vertrauensvoll zu Gott betete; aber mit Abscheu wendete er sich von
solchen Priestern ab, die ihr heiliges Amt missbrauchten, um aus Parteiruck-
sichten das Volk in seiner Unwissenheit zu erhalten und es darin zu be-
starken. Ungezahlt sind die stillen Wohlthaten, die er im Leben seinen
Nachsten erwies und noch tiber das Grab hinaus tiber seine Schutzlinge aus-
streute. Kein Makel haftete an seiner Seele, die so treu und giitig aus
blauen Augen blickte, aus dem Wohlklang seiner Stimme tonte, dass keiner,
ob Hoch, ob Nieder, einmal in seine Nahe gertickt, dem Zauber zu wider-
stehen vermochte, der in seinem Wesen lag. Ftir die Herzensgtite des Ver-
blichenen und ftir seine Sanftmuth moge auch folgendes sprechen. Trotz den
unsaglichen Schmerzen, von denen er in den letzten Tagen seines Lebens
heimgesucht war, zeigte er sich nie mtirrisch, sondern gottergeben ertrug er
seine Qualen. Und als eines Morgens seine treue Pflegerin Therese Gschwandtner
in Thranen ausbrach und schluchzend rief: »Wie war* es mir leichter urn's
Herz, thaten mich Excellenz so recht ausschelten, sobald die Schmerzen
kommen«, da lachelte der edle Greis und sprach: »Was konnen denn die
Anderen dafiir, dass ich leide? Soil ich es sie entgelten lassen?« Wohl kann
von ihm gesagt werden, was Goethe den Manen Schiller's nachrief:
Und hinter ihm im wesenlosen Scheme
Lag, was uns alle bandigt, das Gemeine.
Quellen: Arneth, Aus meinem Leben. 2 Bde. 1893. — Nekrologe: A* Dove,
Beilage zur Allgetn. Ztg. August 1897. — Alfred Stern, Die Nation No. 50, zi. September
1897. — Eduard Wertheimer, Revue historique 1897. — Franz Zweybrttck, Monatsblatter
des wissenschaftlichen Club in Wien. XIX* Jahrgang, No. a. — Hans von Zwiedineck,
Deutsche Zeitschrift fttr Geschichtswissenschaft N. F. 1897. — Von Port rats seien
genannt: Canon (Eigenthum des Staatsarchivs). L'Allemand (Eigenthum der Baronin
von Eiselsberg, geb. Arneth). Schmidt Michalek. Biiste von Pessl. Medaille von Anton
Scharff).
Dr. Hanns Schlitter.
Fraas, Oskar (von), Dr., Naturforscher, * am 17. Januar 1824 zu Lorch
in Wiirttemberg (Oberamt Welzheim), f am 22. November 1897 zu Stuttgart,
in erster, am 27. August 1850 zu Balingen geschlossener Ehe mit Fanny
Sayle, in zweiter (Leonberg 4. August 1866) mit Anna Theurer vermahlt. —
Die Familie F. wanderte Ende des 17. Jahrhunderts aus Tirol nach Wiirttem-
berg ein; die Neigung zu den Naturwissenschaften soil von alters her in ihr
heimisch gewesen sein. Auch bei dem jungen Oskar trat sie frlihzeitig her-
vor. Trotzdem wurde er ftir den theologischen Stand, dem Grossvater und
Vater angehorten, bestimmt. Nachdem er auf der Goppinger Lateinschulc
fUr das Landexamen vorbereitet worden war, besuchte er das niedere Seminar
Blaubeuren und dann das Ttibinger Stift. Ohne sein Berufsstudium zu ver-
nachlassigen, ertibrigte er doch Zeit, um seinen naturhistorischen Liebhabereien
nachzugehen. Schon als Seminarist beschaftigte er sich eingehend mit der
Flora von Blaubeuren und ftihrte manchen schonen, selbst gefundenen Am-
moniten der bedeutenden S am m lung seines Vaters zu. Als Ttibinger Student
horte er bei dem damals noch jugendlichen Quenstedt Geologic und wurde
ganz ftir diese Wisscnschaft begcistert. Mit einer geognostischen Aufhahme
der Umgebung von Tubingen trug er einen akademischen Preis davon. Bald
Fraaa. I47
verband innige Freundschaft Lehrer und Schtller, sie untemahmen zusammen
grosse, originell ausgeflihrte Exkursionen weit iiber die Grenzen WUrttembergs
hinaus, in die Alpenwelt, nach Oberitalien und Stidfrankreich. Nachdem F.
sein Examen bestanden hatte, that er bei seinem Vater, damals Dekan in
Balingen, Vikarsdienste, nahm jedoch dazwischen hinein 1847 einjahrigen Auf-
enthalt in Paris, urn die Ecole des mines zu besuchen und seine geologischen
Studien fortzusetzen , und bereiste auch die Normandie und England. 1850
bis 1854 wirkte er als Pfarrer in Laufen a. d. Eyach (Oberamt Balingen), wo
er sich einen eigenen, bald durch zahlreiche Nachkommenschaft belebten
Hausstand grlindete. Das Sammeln von Versteinerungen, wozu die noch
wenig ausgebeutete Balinger Gegend besonders gtinstige Gelegenheit bot,
wurde eifrig fortgesetzt; F. zog die Mitglieder seiner Gemeinde dazu heran,
die sich auf diese Weise in den damaligen Hungerjahren manches Stlick Geld
verdienten. Das Laufener Pfarrhaus aber wurde fiir Sammler und Forscher
aus Nah und Fern ein viel besuchter Anziehungspunkt. Der wachsende geo-
logische Ruf des Pfarrherrn lenkte die Blicke der maassgebenden Kreise auf
ihn. Er wurde 1854 als Konservator fiir die geologischen und mineraJogi-
schen Abtheilungen an das Stuttgarter Natural ienkabinet berufen, zunachst in
der bescheidenen Stellung eines Hilfsarbeiters, aber allmahlich von Stufe zu
Stufe bis zum Vorstand der Anstalt emporsteigend. Nachdem noch sein
70. Geburtstag festlich begangen worden war, trat er April 1894 in den blei-
benden Ruhestand. Nicht mehr im Vollbesitze seiner geistigen und kOrper-
lichen Krafte, verbrachte er den Rest seines Lebens still, aber heiteren Ge-
mtiths, bis ihn ein sanfter Tod abrief. — F. hat seine besten Krafte der
Einrichtung des Stuttgarter Naturalienkabinets gewidmet. Er hat die geo-
logischen und mineral ogisch en Sammlungen dieser Anstalt auf eine bedeutende
Hohe gebracht und durch die seltensten und werthvollsten palaontologischen
und sonstigen Fundstticke bereichert. Zumal den vaterlandischen Saal stattete
er in gl&nzender Weise aus. Wie unermtidlich durchpilgerte und durchforschte
er aber auch das ganze Land! Seine Erfolge beschrankten sich nicht auf
das geologische Gebiet. Es gelang ihm, zahlreiche Hohlen zu erschliessen,
eine prahistorische Niederlassung an der Schussenquelle auszugraben. Durch
seine fortgesetzten Exkursionen wurde der »Steiner-Fraas« oder »Hohlen-
Fraas«, wie ihn der Volksmund nannte, zu einer der popularsten PersOnlich-
keiten in Schwaben. Auch seine grossen Studienreisen kamen ebenso den
ihm anvertrauten Sammlungen als der Wissenschaft im Allgemeinen zu gut.
1865/66 besuchte er Egypten, die Sinai-Hal binsel und Palastina, 1875 Ubcr-
nahm er im Auftrage des Generalgouverneurs von Syrien, Rustem Pascha, die
geologische Untersuchung des Libanon, 1882 bereiste er Stidfrankreich und
Spanien. F. betrachtete es nicht bloss als seine Aufgabe, das Naturalien-
kabinet zu vergrossern und zu ordnen, sondern er bemtihte sich auch, es fiir
die weitesten Kreise nutzbar zu machen, auf das Volk belehrend wirken zu
lassen. Trefflich verstand er es, in allgemein fasslicher Weise seine Museen
in Wort und Schrift dem grossen Publikum vorzuftihren. Neben seiner haupt-
sachlichen Wirksamkeit entwickelte der vielseitige Mann sonst noch auf zahl-
reichen wissenschaftlichen und praktischen Gebieten rege Thatigkeit, Uberall
einen klaren Blick und ein sicheres Urtheil zeigend. Er war seit 1859 Mit-
glied der Kommission zur Herstellung eines geognostischen Atlas von Wlirttem-
berg, Begrtinder und langjahriger Vorstand des wtirttembergischen anthro-
pologischen Vereines, seit 1872 Vorstandsmitglied der deutschen Anthropolo-
10*
148 Fraas. von Haldenwang.
gengesellschaft, Mitvorstand und Redaktionsmitglied des Vereins fiir vater-
landische Naturkunde, Mitglied der weiteren Kommission fiir die Verwaltung
der Staatssammlungen vaterlandischer Kunst- und Alterthumsdenkmale. Viele
Jahre lehrte er ferner den Weinbau an der benachbarten Akademie Hohen-
heim, wie er auch als langjahriger Vorstand des Wiirttembergischen Weinbau-
vereins diesen Erwerbszweig f6rderte. Ebenso erwarb er sich urn den wiirt-
tembergischen Eisenbahnbau als geognostischer Konsulent der Baukommission
Verdienste. 1865 bis 1869 stand er an der Spitze des Stuttgarter Gewerbe-
Vereins. Die deutsche Partei zahlte ihn zu den Ihrigen, und 187 1 wurde er
in den hauptstadtischen Gerneinderath gew&hlt. Ueberhaupt fehlte es ihm an
vielfacher Anerkennung und Auszeichnung nicht, denn sein Ruf war weit Uber
die Grenzen seiner engeren Heimat, sogar tiber die Deutschlands hinaus-
gedrungen. Orden schmiickten ihn, viele gelehrte Gesellschaften machten ihn
zu ihrem Mitglied oder Ehrenmitglied ; noch acht Tage nach seinem Tode
traf die Ernennung zum correspondirenden Mitglied der Geological Society of
London ein. 1894 iiberreichte ihm die Ttibinger naturwissenschafdiche Fa-
kultat ihr Ehrendoktordiplom. Seine literarischen Werke wurden viel gelesen,
denn er verband mit Gediegenheit und Grtindlichkeit die Gabe lebendiger
Darstellung und wusste die Ergebnisse seiner Studien und Reisen auch einem
nicht fachmannisch gebildeten Publikum in angenehmer Form zuganglich zu
machen. Die bedeutendsten Schriften F.'s sind: »Die nutzbaren Mineralien
Wiirttembergs« i860, »Vor der Siindfluth, eine Geschichte der Urwelt« 1864,
»Die geognostische Sammlung Wtirttembergs« 1869, »Die Nftrdlinger SchlachU
1869, »Drei Monate im Libanon« 1876, »Wiirttembergs Eisenbahnen mit Land
und Leu ten an der Bahn« 1880, »Geognostische Beschreibung von Wtirttem-
berg, Baden und Hohenzollern« 1882, »Reisebriefe aus dem Stiden« 1883.
Schwabische Chronik vom 22. November 1897 (Abendblatt) und 1. December 1897
(Mittwochsbeilage), Neues Tagblatt vom 23. November 1897, Schwabenland 1898, No. I,
Leopoldina XXXIV (1898) Heft 1 (mit einem ausftlhrlichen Verzeichniss der Publikationen
Fraas'). Illustrirte Zeitung vom 9. December 1897, S. 8iof. (mit Portr&t).
Rudolf Krauss.
Haldenwang, Otto von, wtirttembergischer General, * am 18. August
1828 zu Buttenhausen (Oberamt Mtinsingen), f am 18. April 1897 zu Stutt-
gart. — Einem Pfarrhaus entstammt, wurde H. in der Ludwigsburger Kriegs-
schule zum Offizier herangebildet, gehorte seit 1848 als Lieutenant dem drit-
ten, dann dem ersten wiirttembergischen Infanterie-Regiment an und machte,
1864 zum Hauptmann befordert, in letzterem den Feldzug des Jahres 1866
mit. Am deutsch-franzosischen Kriege nahm er als Major und Kommandeur
des 1. Infanterie- (Grenadier-) Regiments Konigin Olga theil, war in den
Schlachten von Worth und Sedan und griff in die Kampfe bei Champigny
und Villiers am 30. November und 2. December 1870 in einer Weise ein,
die seinem Namen ein bleibendes Andenken in der Geschichte jenes Krieges
gesichert hat. Nachdem am 30. .November beim Angriffe des 1, Regimentes
auf die Hohe des Jagerhauses Oberst von Berger gefallen war, Ubernahm H.
das Kommando. Ueberzeugt von der Unmoglichkeit, bei der starken Ueber-
zahl des Feindes den Vorstoss durchzuftihren, ordnete er den Riickzug nach
dem Parke von Coeuilly an. Die Parkmauer wurde besetzt, und von hier
aus (iberschtittete ein verheerendes Schnellfeuer den in dichten Haufen nach-
drangenden Feind, dessen Vormarsch bald zum Stehen gebracht und in Flucht
verwandelt wurde. Auch am 2. December wirkte H. durch seine Gefechts-
von Haldenwang. Hecker. 140
leitung im Parke von Villiers zum Erfolge des Tages mit. Seine entschlossene
und umsichtige Haltung wurde durch Verleihung des Militarvcrdienstordens
und eisernen Kreuzes erster Klassc belohnt. Nach Beendigung des Feldzuges
riickte er der Reihe nach zum Oberstlieutenant, Regimentsfuhrer des 3. In-
fanterie- Regiments No. 121, Kommandeur des 8. Regiments No. 126 in
Strassburg und Obersten vor. 1883 wurde er als Generalmajor zum Kom-
mandeur der 24. Infanteriebrigade in Neisse, 1887 ^s Generallieutenant zum
Kommandeur der 27. Division in Ulm befiBrdert. 1890 nahm er seinen Ab-
schied, den er unter Anerkennung seiner treuen und vorzUglichen Dienste mit
dem Titel eines Generals der Infanterie erhielt. 1892 fiel ihm der Posten
eines Vorstandes des Verwaltungsrathes der wllrttenibergischen Invalidenstiftung
zu. Am 30. November 1895 wurde H., der sich natiirlich im Besitze zahl-
loser Orden und Ehrenzeichen befand, zur ftinfundzwanzigjahrigen Gedenkfeier
des Ruhmestages von Coeuilly in den erblichen Adelstand des Konigreiches
erhoben. Er starb an einem Herzschlage nach langerer Krankheit. Der ein-
fache, gerade und wohlwollende Mann, der an schwabischer Art zeitlebens
festhielt, durfte sich grosser Beliebtheit bei Vorgesetzten, Kameraden und
Untergebenen und auch in Civilkreisen erfreuen. Er war mit Pauline Eschen-
mayer vermahlt; funf dieser Ehe entsprossene Sfihne bekleiden Stellungen in
der wurttembergischen Armee.
Nekrologe in Schwabischer Chronik vom 20. April 1897 (Mittagsblatt), Staatsanzeiger
fUr Wttrttemberg und Stuttgarter Neuen Tagblatt vom selben Tag. Auf dem grossen Ge-
malde von Otto Faber du Faur, das den Kampf um den Park von Coeuilly darstellt (Kgl.
Staatsgalerie Stuttgart), ist H. mit voller Portrattreue verewigt.
Rudolf Krauss.
Hecker, Karl, Novellist, * am 23. November 1845 in Ulm (nicht Ess-
lingen), f am 18. November 1897 in Stuttgart. — Der Vater H.'s war Rechts-
konsulent in Ulm, spater in Esslingen und Stuttgart. Den humanistischen
Lehranstalten der beiden zuletzt genannten Stadte verdankte der aufgeweckte
und heiter veranlagte Knabe seine erste Ausbildung. Da ihn die militarische
Laufbahn verlockte, trat er 1861 in die damals noch bestehende Koniglich
wtirttembergische Kriegsschule zu Ludwigsburg ein. H.'s martialischen Nei-
gungen liefen bald poetische den Rang ab: seine Mussestunden benutzte er
dazu, »Des Trompeters von Sakkingen letztes Stuck «, eine zwolf Gesange lange
Fortsetzung zu Scheffers berilhmtem Werke, zu dichten; ja der Kadett fand
sogar den Muth, seine ErstlingsschSpfung durch einen Mittelsmann dem Mei-
ster vorzulegen, der sich in einem langeren Schreiben anerkennend und auf-
munternd darUber ausserte (vergl. Vom Fels zum Meer, 15. Jahrgang, 5. Heft,
S. 208—211). Doch blieb H. vorerst noch dem Soldatenstande treu und
wurde 1865 Lieutenant in dem zu Ludwigsburg garnisonirenden 1. Reiter-
Regiment Konig Karl, spater ebendaselbst im 1 . wtirttembergischen Dragoner-
Regiment (Konigin Olga) No. 25, dem er ftir den Rest seiner Dienstzeit an-
gehorte. Er machte die Feldztige von 1866 und 1870/71 mit. In Frankreich
verfasste er eine stattliche Reihe Kriegsbilder, die namentlich im Schwabischen
Merkur erschienen und ihrer frischen, charakteristischen Art wegen gerne ge-
lesen wurden. Auch nach der Beendigung des Krieges setzte H. seine litera-
rische Thatigkeit fort. Seine humoristischen Skizzen und Erzahlungen aus
dem Offiziersleben wurden in den bedeutendsten Blattern abgedruckt und
machten ihn bald zu einem beliebten Autor, sollen ihm jedoch von Seiten
seiner Vorgesetzten mancherlei Verdriesslichkeiten zugezogen haben. Nach-
*$°
Hecker.
dem er schon 1878 zum Rittmeister befordert worden war, erhielt er 1888
mit dem Charakter eines Majors und dem Rechte, Uniform zu tragen, seinen
ehrenvollen Abschied. Jetzt konnte er ganz seinem schriftstellerischen Talente
leben. Er nahm zun&chst einj&hrigen Aufenthalt in Berlin und trat dann in
die Dienste der Stuttgarter Verlagsgesellschaft Union als Redakteur der Zeit-
schrift Vom Fels zum Meer. Diese Thatigkeit nahm ihn so stark in Anspruch,
dass er fllr grossere selbstandige Schopfungen nur noch wenig Musse erlibrigte.
Die Ausarbeitung von mancherlei Entwtlrfen, die seinen Geist beschaftigten,
sparte er sich flir spatere ruhigere Zeiten auf. Es sollte ihm nicht mehr so
gut werden. Von einem Herbstausfluge nach den Ufern der Mosel war er
mit einer Magenverstimmung heimgekehrt, der man um so weniger ernsthafte
Folgen beimaass, als seine Gesundheit unverwtistlich schien. Das Uebel ver-
schlimmerte sich jedoch und zog sich auf das Herz. H. sah sich genttthigt,
ein Spital zu beziehen, eine schwere Magenblutung kam hinzu, und fiihrte ein
rasches Ende herbei. H. war eine in Stuttgart bekannte und in der guten Ge-
sellschaft wohl gelittene Personlichkeit. Ein flotter Junggeselle, der, soweit
es mit der Erftillung seiner Pflichten sich vereinigen liess, sein Leben genoss,
hatte er selbst etwas von dem militarischen Schwerenfither an sich, den er so
kflstlich zu schildern verstand. Er war ein geistreicher, witziger Kopf, und
knauserte mit seinen Talenten nicht. Gesellige Kreise hiessen stets den lebens-
frohen Mann willkommen, der sich so sicher zu bewegen wusste, der so treff-
lich plauderte und erzahlte, scherzte und spottete. Von den naheren Freunden
und Kollegen wurde er noch besonders seiner guten Herzenseigenschaften
wegen geschatzt. Den schriftstellerischen Ruf H.'s hat das 1887 erstmals er-
schienene, in vielen Tausenden verbreitete Buch »Aus den Memoiren eines
Lieutenants* begriindet. Hacklander war sein unverkennbares Vorbild, und
bei Karl Krabbe, dem Verleger jenes, erschienen auch alle seine Schriften,
die H. Albrecht, H. Schlittgen und andere reizend illustrirt haben. H. bewahrt
sich schon in seinem Erstlingswerk als Meister auf dem freilich eng begrenz-
ten Gebiete, das er sich zur Behandlung auserkoren hat. Er schildert in
humoristischen Novellen und Skizzen das deutsche Offiziersleben der Gegen-
wart mit seinen Vorzligen und Schatten, seinen ernsthaften und lacherlichen
Seiten auf ebenso unterhaltende als zuverlassige und darum kulturhistorisch
werthvolle Weise. Alles beruht auf eigener Beobachtung. Das Recht der
Uebertreibung, das der satirische Sittenschilderer von jeher gehabt hat, nimmt
natiirlich auch H. flir sich in Anspruch, ohne dass dadurch die Treue seiner
Portrats im Allgemeinen noth leidet. Er ist ein gewandter, flotter, frischer,
von Witz spriihender Erzahler, der nur mitunter das Niveau seiner Darstellung
dadurch herabdrtickt, dass er auch jencr niedersten Sorte von Witzen, die
man als Kalauer zu bezeichnen pflegt, nicht aus dem Wege geht. 1888 folgte
die mehr sentimental gehaltene Erz^hlung »I)as Kasernenbltimchen«, 1889 die
Novellensammlung »Casino-Geschichten« sowie die beiden Erzahlungen »Blaue
Husaren« und »Spiele nicht mit Schiessgewehren!« (in einem Bande zusammen),
1893 »Im alten Schloss und andere Erzahlungen «. Einen eigentlichen Fort-
schritt bedeuten alle diese Erzeugnisse den Memoiren eines Lieutenants gegen-
iiber kaum. H. bewegt sich uberall in der gleichen Sphare, nur zieht er jetzt
auch mitunter die Tragik des Offizierlebens in den Kreis seiner Schilderungen,
die dann mit Duell oder Selbstmord zu enden pflegen. Nicht durch Erfin-
dungsgabe, die sich in seinen Novellen seiten Uber das Durchschnittsmaass
erhebt, sondern durch hubsche Einkleidung und Ausfiihrung erzielt er seine
Hecker. Zimmermann. 151
Erfolge. Gerade wenn er sich bemtiht, etwas Ausserordentliches zu bieten,
besonders poetisch oder gar symbolisch zu werden, scheitert seine Kunst am
leichtesten. Doch nimmt in seinem letzten Buche seine Phantasie ein paar-
mal mit GlUck einen hoheren Schwung, so in der artigen Marchennovelle
»Im alten Schloss« und in der »Geschichte eines Briefest, wo ein eigenartiger
Einfall kunstvoll durchgefUhrt ist. Auch unter den niemals gesammelten Ge-
dichten H.'s findet sich manches ansprechende Sttick.
Schwabische Kronik vom 18. November 1897 (Abendblatt) und sonstige Zeitungs-
notizen, Vom Fels zum Meer 17. Jabrgang, 9. Heft, S. 386 f. (mit Bildniss), Leichenrede
(mit Nachrufen), Franz Brtiraroer, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des neun-
zehnten Jabrhunderts , 4. Ausgabe, II, S. 115. In dem Lieutenant Rosen in »Spiele nicbt
mit ScbiessgewebrenU bat sicb H. offenbar selbst gezeicbnet (vergl. namentlicb die Charak-
teristik auf S. 136).
Rudolf Krauss.
Zimmermann, Josef Andreas, Prasident des evangel. Oberkirchenrathes
in Wien, * am 2. Dezember 1810 in Schassburg in Siebenbiirgen, f am
18. Mai 1897 in Hermannstadt. — Z. war ein Siebenbiirger Sachse, geboren
am 2. Dezember 18 10 in Schassburg im Sachsenland in Siebenbiirgen. Nach
Absolvirung des Schassburger Gymnasiums, das unter (dem spatern Bischof)
G. P. Binder eine scheme Bltithe erreichte, dem insbesonders auch Z. die
tiefsten Anregungen verdankte, besuchte er in Klausenburg die Vorlesungen
am kgl. Lyceum, dann am ref. Collegium, wo er die juridisch-politischen
Studien 1832 mit Auszeichnung absolvirte. Von 1832 — 35 beim Gubernium
in Klausenburg im Dienst, wurde er beim Magistrat in Schassburg angestellt,
ging 1838 nach Vasarhely, um bei der Gerichtstafel die Gerichtspraxis zu
erlernen. Dort arbeitete er auch eifrig in der Telekischen Bibliothek und
vermehrte seine schon reichen Kenntnisse der vaterlandischen Geschichte.
Im Jahre 1839 wurde er als Lehrer des Rechts an das Hermannstadter Gym-
nasium berufen, von wo er 1844 an die neugegrtindete juridische Facult&t
in Hermannstadt liberging.
Die Griindung dieser Facultat war ein Zeichen des neuerwachten politischen
und geistigen Lebens unter den Siebenbiirger Sachsen. Im Zusammenhang mit
den Vorgangen in Ungam empfand man auch in Siebenbiirgen das Bedtirfniss,
den Kampf um die von der Regierung allseitig verletzte Verfassung aufzu-
nehmen, insbesonders auch unter den Sachsen die Nothigung, angesichts der
steigenden Forderungen der Magyaren und der Vorsorge fiir ihre Nationalitat
ftir die Entwickelung des eigenen deutschen nationalen Lebens zu sorgen.
Eine grosse Regenerationsarbeit begann, die jene Starkung ins Auge fasste.
Vereine auf alien Gebieten nahmen die Krafte zusammen und die Facultat
sollte dazu dienen, der Nation geschulte Juristen zu erziehen, die das Herz
auf dem rechten Fleck geeignet waren, im politischen Kampf die nationalen
Rechte zu vertheidigen. Denn im Grunde stand die ganze Bewegung und
die ganze Arbeit jener Jahre unter dem politischen Zeichen.
Z. ist ein Haupttrager dieser Gedanken gewesen. Er war es, der das alte
siebenbiirgische Staatsrecht aus den verstaubten Gesetzbiichern wieder ans Licht
des Tages zog, der das sachsische Volk lehrte, das alte Recht auch als einen
Schutzwall fiir die eigene nationale Entwickelung anzusehn. In der Hermann-
stadter Stadtvertretung und auf dem siebenbiirgischen Landtag trat er fiir die
freiheitliche Entwickelung gegen die verzopfte Bureaukratie des herrschenden
Beamtenthums auf, stellte in der Publizistik seinen Mann und war einer der
152
Zimmermann.
Vordersten, die der Nation das alte Recht zuriickeroberten, sich den Comes
(Nationsgrafen) frei zu wahlen. Als 1848 die Revolution ausbrach, die in
Ungarn und Siebenbtirgen von Seiten der Magyaren als eine Fordemng die
Union Siebenblirgens mit Ungarn aufstellte, da gehtirte Z. zu Jenen, die in
dieser Absicht eine schwere Gefahrdung des nationalen Lebens und der selbst-
standigen Entwickelung des sachs. Volkes sahen und die Union daher ent-
schieden bekampften. Die Nation sandte ihn als Mitglied einer Deputation
an den kaiserlicher Hof nach Wien und Innsbruck, um die Union als gefahr-
lich ftir die Sachsen darzustellen und wenn moglich zu verhindern. Was der
Deputation nicht moglich gewesen war, that der Burgerkrieg; die Union wurde
nicht durchgefiihrt, der Absolutismus hob jede Verfassung auf.
Z. erkannte nun mit scharfem Blick, dass in den veranderten Zeitver-
haltnissen neue Bollwerke ftir die nationale Entwickelung des sachsischen
Volkes geschaffen werden miissten. Schule und Kirche und die geistigen und
sittlichen Gtiter, die sie in sich schliessen, miissten gestarkt werden. So half
er zunachst mit, dass der osterreichische Organisationsentwurf auch fur die
sachsischen Gymnasien eingefuhrt wurde, wodurch Einheit in diesen Anstalten
und ein neuer schoner Aufschwung ermoglicht wurde. Die Neuorganisation aber
war ohne neue grosse Mittel nicht mdglich. Und da war Z. der Schopfer der
sog. »Nationaldotation«, d. h. der Widmung der sachsischen Nationsuniversitat
(der politischen Vertretung des Sachsenlandes) vor allem zur Unterstutzung der
evangelischen Gymnasien der Sachsen. Sie bestand in jahrlichen 52 500 fl. 6. W.
Im November 1850 wurde Z. in das Kultusministerium nach Wien berufen
und 1852 verlegte er seinen Wohnsitz dorthin. Da wurde er am 9. April 1852
Minis terialsecretar, am 1. Marz 1855 Sectionsrath, am 20. November 1858
Ministerialrath, am 1. September 1859 Leiter des evangelischen Konsistoriums,
am 13. Juni 1861 Vorsitzender des Oberkirchenraths beider evangelischer Be-
kenntnisse, am 31. Juli 1867 President des Oberkirchenraths mit dem Rang
eines Sectionschefs. Auf sein eigenes Ansuchen erfolgte 1874 die Versetzung
in den Ruhestand, wobei ihm das Comthurkreuz des Franz-Josefs-Ordens mit
dem Stern »in Anerkennung seines vieljahrigen vorzliglichen Wirkens* ver-
liehen wurde.
Auf seiner Arbeit hat in jenen Jahren ein gut Theil des evangelischen
Lebens in Oesterreich und Siebenbtirgen beruht, im letzteren langere Zeit auch
ein Theil des politischen Lebens.
Die evangelische Larideskirche A. B. in Siebenbiirgen musste sich eine
neue Verfassung geben, da die Grundlage der alten durch die Revolution und
den Absolutismus, der darauf folgte, zusammengebrochen war. Zur Fdrderung
dieses Werkes wurde Z. i860 nach Hermannstadt geschickt, um Vertrauens-
manner zu hdren, wie die Sache am besten zu fordern sei. Die Arbeit dieser
Vertrauensmanner bildete die Grundlage ftir die neue presbyterial-synodale
Verfassung, die nach mannigfachen Verhandlungen mit der Regierung von
der 1. Landeskirchenversammlung 1861 angenommen wurde. Z.'s Verdienst
bestand vor allem darin, dass er die Regierung, dabei in erster Reihe den
Cultusminister Grafen Leo Thun, uberzeugte, dass die Landeskirche das
Recht der Autonomic besitze und der Staat darum ihr es wiedergeben musse.
Auch auf den Inhalt der freien Verfassung hat Z. Einfluss genommen. Sie
legte die Zusammensetzung sammtlicher Behdrden in die freie Wahl der
Kirche, gab den Laien in den Behorden des Bezirks und den obersten Vertre-
tungen gleiche Vertretung wie den Geistlichen, selbst der Bischof wurde gewahlt.
Zimmerroann.
*53
Diese neue Kirchenverfassung aber bildete ein neues Band auch der
nationalen Einheit fur die Sachsen, als die politische Einheit im Sturm der
nachsten Jahre zusammenbrach.
Z. ist in jenen Jahren eine anerkannt fllhrende Personlichkeit im sachsischen
Volk gewesen. Litterarisch ungewohnlich erfahren, der Besitzer der grossten
Privatbibliothek, die er unablassig und umsichtig vermehrte, der beste Kenner
der Rechtsentwickelung des Landes, klug und verschwiegen, mit unendlicher
Ausdauer im geheimen ftir die Ziele arbeitend, die er als richtig erkannt
hatte, ein Mann mit eigenen festen Anschauungen, von riesiger Gedachtniss-
kraft, eine geschlossene Personlichkeit, die nicht die ausgetretenen Wege ging,
gait er als Autoritat auch im politischen Kampf.
Als das Oktoberdiplom i860 und dann das Februarpatent 1861 das neu-
constitutionelle einheitliche Gross-Oesterreich zu schaffen versuchte, da war Z.
ein Hauptvertreter dieser in Schmerling verkorperten Idee. Seinem Einfluss
ist es mit zu verdanken, dass . die Sachsen diesen Zielen sich geneigt zeigten.
Die Durchfiihrung dieser Plane verbtirgte, was die Union mit Ungarn eben in
Frage gestellt hatte, die nationale Entwickelung des sachsischen Volkes. Auf
dem Landtag in Hermannstadt 1863/65 war er als Regalist (Kronberufener)
anwesend und seiner Klugheit war es mit zu danken, dass das Ziel erreicht
wurde, Siebenbtlrgen in den Reichsrath nach Wien zu ftihren. Auch Z. war
unter den Abgeordneten, die Siebenbtlrgen vertraten.
Aber dort im Wiener Reichsrath erkannte er sehr bald, was dem neuen
Staate fehlte, sah vor allem, wie das Verhaltniss Oesterreichs zu Deutschland
immer mehr der Losung zudrangte, merkte wie die Regierung unter consti-
tutionellen Formen das freiheitliche Leben zu unterbinden versuchte und sah
sich zum Schluss in die Opposition gedrangt. Schmerlings Sturz iiberraschte
ihn nicht, wohl aber die neue Bahn, die nun entgegen alien Versicherungen
und Zielen der letzten Jahre eingeschlagen wurde, und die eine Verstandigung
mit Ungarn auf Grund der Gesetze von 1848 anstrebte. Die Vertreter des
sachsischen Volkes sind nicht in der Lage gewesen, auf diese grossen Fragen
grossern Einfluss zu nehmen, der sich fast nur auf publizistische Theilnahme
beschrankte; sie sahen sich nach der grundsatzlichen Wendung der Politik
plotzlich vor die Thatsache gestellt, wieder Stellung zu nehmen in der Frage
der Union Siebenbtirgens mit Ungarn. Denn die Anerkennung der i848er
Gesetze schloss diese Union in sich. »Zur endgiiltigen Regelung der staats-
rechtlichen Verhaltnisse Siebenbtirgens « wurde 1865 der Landtag nach Klau-
senburg zusammengerufen, auch Z. als Regalist in denselben berufen, doch
nahm er an den Verhandlungen keinen Antheil. Der Landtag beschloss —
gegen eine von der Mehrzahl der Sachsen eingereichte Sondermeinung, die
das Verhaltniss Siebenbtirgens zu Ungarn durch einen Staatsvertrag geregelt
wissen wollten — , da die Union von 1848 rechtskraftig sei, sollten die sieben-
btirgischen Abgeordneten nach Pest in den ungarischen Reichstag gerufen wer-
den, der allein das Recht habe, weiteres zu beschliessen. Im ilbrigen herrschte
dartiber kein Zweifel, dass die Rechte auch des sachsischen Volkes, das Recht
der deutschen Sprache in Gericht und Verwaltung, die Autonomic der Kirchen
u. s. f. unantastbar seien. In Erledigung der Klausenburger Beschliisse »ge-
stattete« die Krone 1865 die Beschickung des ungarischen Reichstages von
Siebenbtlrgen, eine Erlaubniss, von der die sachsischen Wahlkreise unter
Rechtsverwahrung Gebrauch machten, als sei dadurch die Union beschlossen.
Auch Z. wurde als Abgeordneter nach Pest gewahlt.
1 54 Zimmermann.
Er kam dorthin mit der Ueberzeugung, die die Mehrzahl seiner Volks-
genossen theilte, dass es sich um einen verhaltnissmassig kurzen Uebergang
handle, aus dem mit Nothwendigkeit eine engere Einheit, eine straffere Zu-
sammenfassung der Monarchic hervorgehen mtisste. Anfangs wollte Z. sich an
den Verhandlungen nicht betheiligen, aber Schritt fur Schritt zeigten sich die
Verhaltnisse machtiger als die Menschen, die Union war faktisch durchgeftihrt
und das sachsische Volk sah sich in einen Kampf um die nationale Existenz
hineingedrangt, die die Gegner der Union eben immer vorausgesehen oder
den sie doch fiir so zerstorend nicht voraussehen konnten.
Die erste Verfligung des ungarischen Reichstages am 8. M&rz 1867 liber
Siebenbtirgen bestand in einem Beschluss, der dem Ministerium »freie Handc
gab, in Siebenbtirgen nach Belieben zu schalten wie in einem eroberten Lande,
was das Ministerium nicht einmal verlangt hatte. Z. wies mit Entschieden-
heit die Unzulassigkeit dieses Vorgangs nach, da ja die Frage der Union
noch nicht einmal endgtiltig geregelt sei — aber die Mehrheit des Hauses
wollte das als Einleitung zur Union. Es ist nicht nur Zufall, sondern ein
tiefer Zusammenhang, dass Z. in den neuen Reichstag 1869 nicht mehr ein-
trat. Das formale Recht hatte seine Kraft bei jenen Mannern verloren, die
Ungarns Wiedergeburt in erster Reihe durch Festhalten an jenem Recht er-
moglicht hatten — Andern gegeniiber wollten sie es nicht gelten lassen, und
der Mann, der dieses Recht sein Leben lang als Talisman geschtitzt und ge-
hiitet hatte, Z., der es einst ftir Siebenbtirgen neu entdeckt und gefunden
hatte, schied damit aus dem offentlichen Leben in Ungarn aus.
Seine Kraft nahm die osterreichische evangelische Kirche nun ganz in
Anspruch. In dem Land, wo gegen diese Kirche Stinde auf Stinde gehauft
worden war, und eine traurige Vergangenheit gut zu machen war, gait es mit
einer neuen Kirchenverfassung zugleich den verschiedenen nationalen Beken-
nern gerecht zu werden und zugleich das innere Leben der Kirche gegen die
vielfachen Feinde zu sichern. Z.'s Verdienst besteht darin, dass er der dster-
reichischen Kirche eine Verfassung schuf, von der Friedberg sagt, sie sei die
den Anforderungen am meisten entsprechende. Sie hat sich auch bewahrt
und das evangelische Leben dort gesichert.
Sein Heimathland aber vergass Z. auch ftirder nicht. Er wusste sich in der
deutschen und der magyarischen Literatur auf dem Laufenden zu erhalten und
wie er fortwahrend an die evangelischen Gymnasien in Siebenbtirgen grosse
Bticherspenden gemacht hatte, so schenkte er seine ganze reiche Bibliothek
1875 an die Landeskirche in Hermannstadt, wofiir ihm die XII. Landeskirchen-
versammlung warmen Dank in den Worten aussprach: »Wir haben nicht ver-
gessen, was Sie einst als Lehrer, was Sie in 6ffentlichen Sendungen fiir die
geistige und sittliche Erstarkung Ihrer Nation gethan; wir wissen, was unsere
Kirche Ihrer grundlegenden Arbeit ftir die Widmung und Erhaltung der National-
dotation, ftir den Aufbau und ftir die Fortbildung ihrer Verfassung verdankt;
um so mehr freut unser Herz, wie wir sehen, wie Sie nicht mtide werden
auch in dem wtirdigen otium cum dignitate, das Ihnen Gott noch lange lange
erhalten wolle, durch so reiche Widmungen wissenschaftlicher Schatze, welche
ebenso an Zahl wie durch Wahl hervorragend sind, nach dem schonen Wort
der Schrift die Seelen zu starken und so an Ihrem Theil auch weiterhin bei-
zutragen, dass es unter uns nicht Abend werde und der Tag sich nicht neige*.
Seit seiner Pensionirung (1874) lebte er abwechselnd in Hermannstadt
und Wien, zuletzt in Hermannstadt seinen Btichern, seiner Familie und der
Zimmermann. Schmetz. Schulz. 155
Sorge um Kirche, Schule und Volksthum, bei grossen Fragen ofter rathend
und helfend.
Als der fast 87Jahrige Greis, noch rtistig an Korper und Geist, am
18. Mai 1897 nach kurzer Krankheit still entschlief, da trauerte das sachsische
Volk und die evangelische Kirche an seinem Sarge um den tiefsten Kenner
und verdienten Vertheidiger seiner und ihrer Rechte, den Ftihrer im Kampf
um die Rlickeroberung der Autonomic der Kirche, den Mitbegrlinder ihrer
Verfassung, den SchOpfer der Nationaldotation, den ganzen Mann, wie er als
Sachse und Protestant sein Leben lang es gewesen war.
Fr. Tcutsch: Denkrede auf J, A, Zimmermann. Archiv dcs Vercins f. siebenb. Landes-
kunde. 28. Band, S. 5.
Fr. Teutsch.
Schmetz, Johann Paul, ein fleissiger Schriftsteller im Fache der Choral-
kunde, * am 2. September 1845 zu RQtt *n der Rheinprovinz, f am 25. Septem-
ber 1897 zu Zell an der Mosel. — Im Jahre 1866 trat er in's Seminar zu
Kempen ein, wo er den tttchtigen Chorallehrer P. Piel zum Musiklehrer
hatte, der auch den Keim seiner spateren Thatigkeit legte. Nach vollendeten
Studien kam er als Lehrer in das Eifeldorf Halm, dann an die Sanct Albert-
schule zu Aachen, und bald darauf an die dortige Vorschule des Karls-
gymnasium. 1878 wurde er Seminarlehrer in Montabaur, und als der bekannte
Chorallehrer Severin Meister 1881 starb, wurde er dessen Nachfolger als
Musiklehrer am Seminar. Endlich erhielt er am i.Juli 1893 die Kreis-Schul-
Inspektorstelle in Zell an der Mosel, wo ihm jedoch nur wenige Jahre zu
wirken vergonnt war. Seit etwa filnfzehn Jahren ist man eifrig bemtiht,
den katholischen sogenannten gregorianischen Choralgesang in seiner alten
Reinheit wieder herzustellen. Zum Behufe dessen bildeten sich in Deutsch-
land, Frankreich und England Vereine, welche sich die Aufgabe stellten aus
den altesten noch vorhandenen Handschriften die Choralgesange neu zu ver-
offentlichen und die mit der alten Neume notirten in unsere heutige Noten-
schrift zu Ubersetzen. Es fanden sich nun auch aller Orten Manner, welche
das so gewonnene Material praktisch verwertheten und ftir den Gottesdienst
brauchbar machten, und neben Pothier, Piel u. A. steht auch Sch., der
nicht zum geringsten Theile dazu beigetragen hat, das Neugewonnene in wei-
tere Kreise zu verbreiten. Seine Hauptwerke sind: Dom Pothier' s Liber Gra-
dualis und seine historische und praktische Bedeutung, Mainz 1884. Die
Harmonisirung des gregorianischen Choralgesanges, DUsseldorf 1885; 2. Auf-
lage 1894. Orgelbegleitung zum Ordinarium Missae, DUsseldorf 1887; 2. Auf-
lage 1 89 1. Orgelbegleitung zu den Melodien des Gesangbuches filr die An-
gehorigen des Bisthums Limburg, Limburg 1892. Kleines Vesperbuch,
Regensburg 1893. Auch ein Liederbuch ftir Volksschulen gab er in DUssel-
dorf 1888 heraus, welches bis zum Jahre 1895 in 12. Auflage erschien.
Quelle: Frz. Xav. Haberl's Musica sacra 1897, S. 243.
Rob. Eitner.
Schulz, Ferdinand, Componist und Musikdirektor, * am 21. October 1821
zu Kossar bei Krossen, f am 27. Mai 1897 zu Berlin. — Sein Vater, Kantor
und Organist in Kossar, lehrte ihn die AnfangsgrUnde in der Musik, darauf
brachte er ihn auf's Gymnasium zu ZUllichau, wo er unter Leitung von Mo-
ritz Kaehler und Musikdirektor Gaebler seine Musikstudien fortsetzte. 1841
ging er nach Berlin und besuchte das Institut ftir Kirchenmusik unter A. W.
ie6 Schulz. Succo.
Bach und Ed. Grell, machte die Bekanntschaft mit dem Musikhistoriker Pro-
fessor Dehn, dem spateren Bibliothekar an der Koniglichen Bibliothek, und
wurde von ihm in die alten Meisterwerke des sechzehnten Jahrhunderts ein-
gefuhrt, denen er von da ab eine stete Aufmerksamkeit zuwendete, die seinen
eigenen geistlichen Compositionen den alten glaubigen Ernst verlieh. Als
Konig Friedrich Wilhelm IV. von Preussen im Jahre 1843 den Domchor
unter Mendelssohn's und Neithardt's Leitung errichtete, wurde Schulz als
Bassist und ttich tiger Musiker angestellt, gab Gesang- und Klavierunterricht,
griindete 1856 den Mannergesangverein »Cacilia«, begann seine Compositionen
herauszugeben, die zum Theil aus kirchlichen Gesangen, theils aus Liedern
und Gesangen fiir eine bis vier Stimmen und theils aus Klavierpiecen be-
standen; letztere dienten aber mehr der Geldspeculation, als der Kunst, denn
sie gehorten der untersten Gattung der Klavierpiecen an und waren dem
Geschmacke des klimpernden Damenpublikums angepasst, welches nur Sinn
fiir Tanzrhythmen hat. Im Jahre 1858 dirigirte er den Kirchenchor der St.
Markus-Parochie und wurde bald darauf Organist an der Sophienkirche zu
Berlin. Seine geistlichen Gesangswerke zeigen einen tlichtig gebildeten Musiker
und seine Lieder errangen sich durch ihre melodische Erfindung eine weite
Verbreitung.
Quellen: von Ledcbur's Berliner Tonkttnstler-Lexikon. Sangerhalle, Leipzig 1892, und
1897, S. 310.
Rob. Eitner.
Succo, Reinhold, der Sohn eines Organisten in Gorlitz, * daselbst am
29. Mai 1837, f am 29. November 1897 zu Breslau. — Schon zwei Jahre
nach der Geburt des Sohnes siedelte der Vater nach Berlin Uber und erhielt
1846 eine Organistenstelle in Landsberg an der Warte. Reinhold besuchte
hier das Realgymnasium, da er beabsichtigte Maschinen-Ingenieur zu werden.
Nach abgelegtem Abiturienten-Examen ging er 1855 nach Berlin, diente
beim Kaiser Franz - Regiment sein Militarjahr ab und hatte wahrend der
Zeit sich entschlossen, sich ganz der Musik zu widmen, besuchte in Berlin
das Institut fiir Kirchenmusik unter A. W. Bach's Leitung und 1857 die
Konigliche Akademie der Kiinste, Abtheilung fiir Musik, die unter Grell's
Leitung sich befand. Grell war ein gewandter Contrapunktiker und nahm
seine Schiiler in eine strenge Schule. S. besass Talent genug, um sich in die
strenge Contrapunktik so einzuleben, dass er zeidebens nur in diesem Stile
geschrieben hat. Ausserdem wurde die praktische Auslibung der Kunst nicht
vernachlassigt, doch hat S. auf keinem Instrumente eine hervorragende Technik
sich erworben; am gewandtesten war er noch auf der Orgel. Noch wahrend
seiner Studienzeit erhielt er die Organistenstelle an der englischen Kapelle zu
Berlin und widmete sich nach Vollendung des Cursus auf der Koniglichen
Akademie dem Musikunterricht, anfanglich dem Klavierspiel und Theorie,
spater auch dem Gesangsunterricht. 1863 erhielt er die Organistenstelle an
der Bartholomauskirche, 1865 an der Thomaskirche. Hier grlindete und leitete
er 25 Jahre lang einen Gesangschor, der sowohl den Gottesdienst durch seine
eingelegten Chore ausschmtickte, als auch in besonderen AufRihrungen in der
Kirche stets eine zahlreiche Zuhorerschaft versammelte und den Sinn fiir
geistliche Musik in der Gemeinde wesentlich hob. Jedoch die Geistlichkeit
sieht in jener AusschmUckung der kirchlichen Handlung eine Profanirung des
Gottesdienstes, und so sah sich schliesslich S. genothigt den Chor zu ent-
lassen. Neben seiner Stellung als Organist bekleidete er seit 1864 die Ge-
Succo. Pilckert. Hofmann.
iS7
sanglehrerstelle an dem neu gegriindeten Luisenstadtischen Gymnasium. 1867
verheirathete er sich mit Klara Pauli, der Tochtter eines schlesischen Predigers.
1873 wurde er als Lehrer der Theorie an die neu gegrtindete Konigliche
Hochschule flir Musik berufen, 1888 ernannte ihn die Akademie der Klinste
zu ihrem Mitgliede und 1892 zum Senator derselben Akademie. Als Com-
ponist ist er weiteren Kreisen nur wenig bekannt geworden. Die meisten
seiner kirchlichen Compositionen schrieb er in der Zeit, als er seinen Kirchen-
chor in der Thomaskirche leitete, die auch dort allein zur Auffuhrung ge-
langten, doch wurden auch in den achtziger Jahren einige weltliche Lieder
von ihm gedruckt, und ein Menuett fiir Violoncello erlangte sogar eine wei-
tere Verbreitung. Die KOnigliche Hochschule fiihrte auch einmal ein grosses
Oratorium »Konig Heinrich« von ihm auf. Nur mit einer schwach entwick el-
ten Erfindungsgabe begabt, legte er selbst keinen grossen Werth auf seine
Compositionen, sondern beschaftigte sich weit eindringlicher mit der Aus-
gestaltung der kirchlichen Liturgie, besonders nach 1889, nach der Aufgabe
des Organistendienstes an der Thomaskirche. In Folge dieser Arbeiten wurde
er von den Consistorien der Provinz Brandenburg und Nassau als Mitarbeiter
und Rathgeber herangezogen. Mitten aus diesen Arbeiten wurde er durch
ein korperliches Leiden herausgerissen, und nachdem er in Breslau sich hatte
operiren lassen, machte ein Schlaganfall seinen Leiden ein schnelles Ende.
Quelle: Familien-Nachrichten und Selbsterlebtes.
Rob. Eitner.
Piickert, Wilhelm, Professor der Geschichte, * am 2. Januar 1830 zu
Leipzig, f am 13. September 1897 ebenda. — P. bezog nach Absolvirung
der Gymnasialstudien die Leipziger Universitat, an der er 1859 zum Doktor
promovirt wurde. Spater studirte er noch in Berlin und Jena, wo besonders
Droysen auf ihn wirkte. Nach einer vortibergehenden Lehrthatigkeit an der
Dresdener Kreuzschule widmete er mehrere Jahre der weiteren Vorbereitung
flir die wissenschaftliche Laufbahn. 1862 ward er in Leipzig als Privatdocent
zugelassen, 1867 zum ausserordentlichen Professor befordert. Verdienstlich
war seiner Zeit die Schrift »Die kurfiirstliche Neutralitat wahrend des Basler
Concils. 1858*; werthvoll ist noch jetzt die Studie »Das Miinzwesen Sachsens
1518 — 1545. I. 1862.0c Eine Arbeit »tiber die kleine Lorscher Frank enchronik«
(Berichte iiber die Verhandlungen der sachsischen Gesellschaft der Wissenschaft
1884) hat mit Scharfsinn in eine vielbehandelte Frage eingegriffen. In den letzten
Jahren war P. mit umfassenden Studien zum mittelalterlichen Kloster- und
Ordenswesen beschaftigt, ist indessen nicht mehr zur Ver6ffentlichung der
Ergebnisse gelangt. Eine vorwiegend receptive Natur, hat er eine seinem
Fleiss und seinem Wissen entsprechende literarische Th&tigkeit nicht zu ent-
falten vermocht. Aber dem liebenswllrdigen und bescheidenen, kenntniss-
reichen und warmfiihlenden Mann werden alle, die ihn kannten, ein herzliches
Andenken bewahren.
G. Seeliger.
Hofmann, Franz, Dr., ordentlicher Professor der Rechte an der Univer-
sitat in Wien, * am 20. Juni 1845 in Zdaunek, Mahren, f am 25. October 1897
in Wien. — Der ausserliche Verlauf des viel zu friihe abgeschlossenen Lebens
dieses bedeutenden Mannes kann sehr kurz erzahlt werden. Er war in Zdaunek
in Mahren geboren, wo sein Vater ein Land gut besass; dort verlebte er seine
tc3 Hofmann.
Kinderjahre, absolvirte das Gymnasium in Kremsier und begann 1862 das
Studium der Rechte an der Universitat in Wien, wo er bald die Aufmerk-
samkeit von Arndts und Unger erregte und bei beiden freundliche Forderung
fand. Nachdem er im November 1867 den Doctorgrad erworben hatte, setzte
er seine Studien in Gottingen fort, wo ihn besonders Thol anzog. Im Juli
1868 habilitirte er sich fiir romisches Recht in Wien auf Grund einer Ab-
handlung (iber das Periculum beim Kaufe, die zwei Jahre spater im Druck
erschien; 1869 wurde seine venia legendi auf dsterreichisches allgemeines
Privatrecht, sowie auf Handels- und Wechselrecht ausgedehnt; im Marz 1871
wurde er ausserordentHcher Professor des osterreichischen und romischen
Privatrechts; in demselben Jahre verband er sich mit Fraulein Ludmilla
Czermak zu glticklicher Ehe, der drei Kinder, ein Sohn und zwei Tochter,
entsprossen; 1877 wurde er ordentlicher Professor des osterreichischen und
gemeinen Privatrechts, 1885 correspondirendes, 1890 wirkliches Mitglied der
kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, 1888 Ehrenmitglied des Istituto
di Diritto Romano in Rom. Von jeher von nicht sehr fester Gesundheit,
war er in den letzten fiinf bis sechs Jahren oft ernstlich leidend, doch schien
sein Willen geraume Zeit starker, als seine kranken Nerven, denn bis in den
Sommer 1895 war er — mit nur geringen Unterbrechungen — stets im
Stande, den Obliegenheiten seines Amtes nachzukommen ; seither sah er sich
gezwungen, seine Lehrthatigkeit einzustellen, da seine Beweglichkeit sehr be-
eintrachtigt war. Zwar schien sein Befinden sich wiederholt zum Besseren
zu wenden; im Sommer 1897 aber schwand jede HofTnung; eine Lungenent-
zlindung machte seinem Leben ein Ende.
Aber der geistige Gehalt dieses im besten Mannesalter beschlossenen
Lebens ist (iberreich. Vollkommen passt auf H.'s Thatigkeit, was Jakob
Grimm (Ueber Schule, Universitat, Akademie; Kleinere Schriften I, S. 214)
sagt: »Alles Wissen hat eine elementarische Kraft und gleicht dem ent-
sprungenen Wasser, das unablassig fortrinnt, der Flamme, die, einmal geweckt,
Strome von Licht und Warme aus sich ergiesst .... Eigenheit der Elemente
ist es aber, aller Enden hin in ungemessener Weise zu wirken, und darum
verdriesst es die Wissenschaft jeder ihr in den Weg geriickten Schranke, und
sie findet sich nicht eher zufrieden gestellt, bis sie eine nach der anderen
Uberstiegen hat.« Die Abhandlung H.'s Zur Geschichte der Fideicommisse
(1884), welche die bedeutsamste Entdeckung enthalt, die er auf rechtsge-
schichtlichem Gebiete gemacht hat, ist durch solche ^elementarische KrafU
entstanden: In seinen und meinen Excursen (II, 2. 1880) hatte er betont,
dass zur Losung der Frage nach der Entstehung der Fideicommisse die ganze
politische Geschichte und namentlich eine genaue Geschichte der Entwickelung
der Individualsuccession hinsichtlich aller Institute, bei denen sie vorkommt,
von der Thronfolge bis herab zum Rechte des bauerlichen Anerben, heran-
gezogen werden mtisse. »Auch ware es« — fugte er hinzu — »wohl der Mlihe
werth, zu untersuchen, ob und welchen Einfluss das spanische Recht auf die
Entwickelung der deutschen Fideicommisse gehabt habe. Gewiss ist, dass
spanische Juristen sich frtiher mit dem Institute beschaftigt haben, als Deutsche.
Knipschild benutzte das Werk Molina's und in Stiftbriefen osterreichischer
Fideicommisse finden sich Verweisungen auf das spanische Recht. . . Jeden-
falls hatte eine der Geschichte unseres Institutes gewidmete Specialuntersuchung
auch dieser Spur nachzugehen.« Als H. dies schrieb, dachte er noch durch-
aus nicht daran, eine solche Untersuchung selbst vorzunehmen; bald aber.
Hofmann. I en
trieb es ihn unwiderstehlich, der Anregung, die er hingeworfen, selbst zu
folgen. In verhaltnissmassig unglaublich kurzer Zeit hatte er eine Bibliothek
von Werken spanischer Majoratisten durchstudirt und konnte in einem in den
Jurist. Blattern 1881, 17 zur Wahrung der Prioritat veroffentlichten kurzen
Aufsatz als Ergebniss seiner Forschungen mittheilen, dass die Familienfidei-
commisse spanischen Ursprungs seien. Er beabsichtigte, den eingehenden
Nachweis in einem eigenen Buche zu erbriftgen ; dieses zu schreiben, hat ihn
allerdings zunachst manche drangendere Arbeit und dann der Tod verhindert;
aber schon die kurze Darstellung, die er im Rah men unserer Excurse geben
konnte, war ausreichend, mehrere der hervorragendsten Germanisten von der
Richtigkeit seiner Entdeckung zu liberzeugen.
Die umfassendsten Arbeiten H/s waren der dogmatischen Darstellung
des osterreichischen Privatrechts gewidmet, aber er beschrankte sich keines-
wegs auf dieses Arbeitsgebiet, Mit derselben Sorgfalt bearbeitete er auch
Stoffe der allgemeinen Rechtslehre, des griechischen, romischen, deutschen
und gemeinen Rechts, und Uberall verband er historische Forschung, Exegese,
Dogmengeschichte und philosophische Betrachtung. Er war auch in der That
ftir alles das in trefflicher Weise veranlagt, vorbereitet und ausgertistet. Sein
Geist war lebhaft, seine Bildung vollendet, seine Kenntnisse ungewohnlich
ausgedehnt und mannichfaltig; insbesondere waren ihm mehr als zehn Spra-
chen gelaufig, so dass er die Fortschritte der scandinavischen Jurisprudenz
mit der n&mlichen Leichtigkeit verfolgte, mit der er die Werke der spanischen
Majoratisten las; sein freier Blick erfasste das Entlegenste und sein Scharfsinn
Hess den kleinsten Unterschied nicht unbeachtet; sein Denken blieb immer
klar und wenn er sich auch mit dem Stoffe einer beabsichtigten Arbeit noch
so sehr erfiillt hatte, blieb seine Unbefangenheit ungetrtibt, er war Herr liber
den Stoff, nicht dieser Uber ihn. So weckte und nahrte seine Begabung in
ihm die Beschaftigung mit sehr verschiedenen Problemen der Wissenschaft
und gab ihm die Mittel, sie erfolgreich zu losen. Und wie er in der Wissen-
schaft nur die Wahrheit suchte — »Recht ist wahr« sagt ein altes deutsches
Sprtichwort — , so war die Wahrheit auch in seinem Leben immer sein Leit-
stern; dabei war er von unbegrenzter Gtite und Pflichttreue. Dass er iden-
tisch ist mit dem Dichter Heinrich Falkland, der vor etwa einem Vierteljahr-
hundert einen Band Gedichte voll tiefer, meist ernster, zuweilen melancholi-
scher Gedanken veroffentlichte, dieses mir langst mitgetheilte Geheimniss zu
verlautbaren, wurde mir erst nach seinem Tode gestattet.
Von seinen Werken nenne ich nicht einzeln die zahlreichen Recensionen,
die er (meist in Grtinhut's Zeitschrift, Band 1 — 12 und 14, einige auch in
der Munchener kritischen Vierteljahrschrift und in der osterreichischen Ge-
richtszeitung) publicirt hat. Von sonstigen Schriften flihre ich an, und hoffe,
nichts oder doch nichts Wichtiges tlbersehen zu haben:
Ueber das Periculum beim Kaufe. Wien 1870.
BeitrHge zur Gcschichte des griechischen und rttmischen Rechts. Wien 1870.
Ueber den Verlobungs- und Trauring. Wien 1870.
Ueber dingliche und persttnliche, absolute und relative Rechte: Ger.-Ztg. 1870, No. 9, 10.
Ueber das Wesen der Servituten: Ebenda No. 40.
Zwei Aufsatze zur Theorie des Pfandrechts: Ihering's Jahrb. X. 1871.
Die Zahlenspielerei in der Eintheilung der Digestcn.
Zur Beerbung der liberta.
Zum pr. Inst, de codic. 2. 25. (Diese drei Aufstttze in der Zeitschr. f. Recbtsgeschichte.
XI. 1873.)
Der erste nordische Juristentag: Ger.-Ztg. 1873, No. 15.
160 Hofmann. Ueberlee.
Zur Lehre vom titulus und modus acquirendi trad von der justa causa traditionis. Wien
1873-
Die Entstehungsgriinde der Obligationen, insbes. der Vertrag. Wien 1874.
Ueber die Pranotation des Pfandrechtes (mit einem Nachtrag).
Zur Frage nach der Restitution einer durch Schulderlass bestellten Dos.
Ueber den Unterhaltsanspruch des Uberlebenden Ehegatten nach § 796 B. G. B. (Diese
drei Abhandl. in GrUn hut's Zeitschr. I. 1874.)
Zur Beerbung und Arrogation des libertus: Zeitschr. f. Recbtsgeschichte. XII. 1876.
Zur Zahlenmystik Justinians: Ebenda.
Wesen und Wirkung des Erbverzichts und des Erbvertrags: Grtinhut's Zeitschr. III. 1876.
Comxnentar zum flsterr. allg. bUrgl. G.-B. Wien 1877 ff. I. (1.2, II) 1 — 5.
Excurse (Beilagen zum Commentar), Wien 1877 ff. I. 1—4, IL 1 — 3. (Diese beiden
Werke vereint mit dem Unterzeichnetcn.) Aus dem letzteren Werke erschien auch
im S.-A. die erwahnte Abh. tiber die Entstehung der Fideicommisse.
Ludwig yon Arndts. Ein Beitrag zu seiner Lebensbeschreibung: Grtinhut's Zeitschrift
VI. 1878.
Lehrbuch der Pandekten von Ludwig von Arndts. 10. — 14. Aufl. 18795". Herausgegeben
von Pfaff und Hofmann.
Art.: Bona fides, Causa und (Familien-) Gewalt, in der 3. Aufl. von Holtzendorffs Rechts-
lexicon 1880. (Mit dem Unterzeichneten.)
Zur Lehre vom beneficium inventarii und von der separatio bonorum: Grtinhut's Zeit-
schrift VIII. 1881.
Schenkungen unter Gatten und Brautleuten: Ebenda.
Ueber Lebensversicherungspolizzen : Jurist. Blatter 1882, No. 35 — 37.
Kritische Studien im rdmischen Recht. Wien 1885.
Fragmentum de formula Fabiana. Herausgegeben und erlftutert von Pfaff und Hofmann.
Wien 1888.
Verwandtschaft und Familie. Vortrag in der feierlichen Sitzung der Kaiserl. Akademie
der Wissenschaften, Wien 1891.
Art. Fideicommisse: Oesterreich. Staatswttrterbuch. I. (1894).
Literatur: Nekrolog von L. Pfaff in der (Wiener) Ger.-Zeitung 1897, No. 45.
Wien, Juni 1898. L. Pfaff.
Ucbcrl6e, Felix Wilhelm Adalbert, auf seinen Compositionen findet sich
als Vorname nur der letztere, ein tiichtiger Lieder- und Chor-Componist, * am
27. Juni 1837 zu Berlin, f am 15. Marz 1897 zu Charlottenburg bei Berlin.
— Nachdem er das Gymnasium des grauen Klosters zu Berlin besucht hatte,
studirte er Musik am Conservatorium fur Musik unter Marx, Stern und Kullack,
ging dann aufs Konigliche Institut fur Kirchenmusik, um das Zeugniss fur Er-
langung eines Organistenpostens zu erlangen und frequentirte als Abschluss die
Konigliche Akademie, Abtheilung fur Musik. Hier gewann er 1862 mit einer
Gesangscomposition die silberne Medaille und 1864 mit einem Te Deum lau-
damus fiir Solo, Chor und Orchester den Michel-Beer* schen Preis, bestehend
in einem Stipendium zu einer Studienreise nach Italien, die er in den Jahren
1864/65 ausfuhrte. In letzterem Jahre erlangte er kurz nach seiner Rtlckkehr
den Organistenposten an der Bartholomauskirche zu Berlin, 1866 an der
Dorotheenstadtischen Kirche, und 1867 wurde er noch Gesanglehrer an der
Louisenstadtischen Gewerbeschule. Seit 1873 ist er auch bei den sonn tag-
lichen Hausandachten in der einstigen kronprinzlichen Familie thatig. 1878
iibernahm er noch die Direktion des philharmonischen Chorvereins mit Orche-
ster, der auch allj&hrlich fur seine Mitglieder einige AuffUhrungen veranstaltete.
Von seinen Compositionen fanden nur die kleineren Werke einen Verleger,
wahrend seine Oratorien »Das Wort Gottes« und »Golgatha«, sowie ein Re-
quiem und ein Stabat mater, auch einige Opern im ernsten und heiteren Stile
Manuscript blieben. Seit dem Jahre 1872 bis 1892 erschienen dagegen an
Ueberlee. Plflddemaniu 1 6 1
85 Werke geistlichen und weltlichen Inhalts, Lieder fiir ein bis vier Stimmen,
ein Melodrama »Der Schutzgeist*, als opus 29 1875 in Weimar erschienen,
viele Lieder bei Challier in Berlin, zahlreiche Mannerchore, ein Magnificat flir
achtstimmigen Chor ohne Begleitung, 1886 6 Motetten fiir gemischten Chor
als opus 81 in Leipzig. Auch fiir Schulen und Gymnasien gab er in Gemein-
schaft mit Otto Wangemann 1889 — 1891 drei Sammlungen heraus. Sein Stil
zeigt eine gewandte Feder, nur fehlt ihm die Bedeutung der Themen-Erfin-
dung und die Steigerung im Verlaufe der Composition. Es ist alles recht
hlibsch im conventionellen Stile geschrieben, ohne je dartiber hinauszukommen.
Qucllen: Mendel-Reissmann's Lexikon. Vossische Zeitung 1897 vom l& M&rz.
Rob. Eitner.
Pliiddemann, Martin, geschatzt als Balladencomponist, * am 29. Septem-
ber 1854 zu Kolberg, wo sein Vater Schiffsrheder und Consul war, f am
8. October 1897 zu Berlin. — Die Familie betrieb viel Musik und unterhielt
mit Karl Lttwe, dem Stettiner Balladencomponist, einen regen personlichen
und ktinstlerischen Verkehr; als Martin dem Vater seinen Wunsch zu erkennen
gab, Musik er zu werden, willfahrte ihm dieser gern. Er ging 1871 nach
Leipzig zu dem Theoretiker E. Fr. Richter und nach Vollendung seiner Stu-
dien zu den Gesanglehrern Julius Hey und Friedrich Schmitt in Miinchen,
um seine klangvolle Stimme auszubilden. Unter dem Einflusse Mendelssohn's,
Schumann's und Robert Franz' versuchte er sich in der Liedcomposition ; als
er aber Richard Wagner's Werke kennen lernte, wurde er ein gllihender Ver-
ehrer desselben, besuchte die Bayreuther Festspiele und trat in personlichen
Verkehr mit ihm. Auf Wagner's Anregung entschloss er sich die S&ngerlauf-
bahn zu betreten und begann ernsthafte Studien. Sein erstes Auftreten in
einem Concerte verhiess ihm eine schone Zukunft, doch eine starke Erkaltung
beraubte ihn der Stimme. Er warf sich nun mit verdoppeltem Eifer auf die
Gesangscomposition, die Musikschriftstellerei und Kritik. 1876 erschien die
Schrift: Das Biihnenfestspiel in Bayreuth, 1879 Aus der Zeit, 1885 Die ersten
Uebungen flir die menschliche Singstimme, neben zahlreichen Aufsatzen in
Musikzeitschriften. Als Componist gab er zuerst eine Bearbeitung altdeutscher
Lieder und mehrere Hefte eigene Lieder und Gesange heraus, bis er sich der
Balladencomposition zuwandte und eine lange Reihe von Werken schuf, die
in ihrer Eigenart voile Beachtung erheischten, die ihnen aber bisher nicht in
dem Maasse zu Theil wurde, wie sie es wohl verdient hatten. Ich nenne nur
Jung Dietrich, Einkehr, Graf Eberhard's Weissdorn, Biterolf 's Heimkehr, Ritter
und Konigstochter, Ritter Toggenburg, Legende vom heiligen Stephan, Der
Raiser und der Abt, Der Taucher, Barbarossa, Des Sangers Fluch, Vineta,
Volker's Nachtgesang, Ode an die preussische Armee, Der wilde Jager u. a.
Er gab dieselben im Selbstverlage in 5 Banden heraus, einen sechsten bereitete
er 1893 vor. Jedem Bande lasst er eine Erklarung vorangehen, die sich zum
Theil auf den historischen Thatbestand bezieht, theils auf die Auffassung
seiner Composition. P.'s Schreib- und Empfindungsweise schliesst sich dem
Dramatischen eng an, die Recitation des Textes ist meisterhaft und die Sing-
stimme in ihrer Klangfarbe wohl berechnet. Man bemerkt stets den Sanger
und tiichtigen Gesanglehrer, der Kenntniss der menschlichen Stimme hat und
ihr nur Ausfiihrbares zumuthet. Die Klavierbegleitung ist ganz im Wagner' -
schen Stile ausgefiihrt, indem er darin die Situation zu verdeutlichen sucht;
auch an den kfihnen plotzlichen Modulationen, welche dem Sanger eine grosse
Biogr. Jahrb. u.'Deutacher Nekrolog. 2. Bd. II
j62 PlUddemann. von Hahn.
TreffTahigkeit zumuthen und an der vielfach angewandten Chromatik erkennt
man den Einfluss Wagner's, der sich aber nie zu sklavischer Nachahmung
erniedrigt, sondern stets auf eigener Eingebung beruht. Die Sanger Gura und
Bulss haben mehrfach seine Balladen offentlich vorgetragen, doch die Schwie-
rigkeit der Ausfuhrung scheint ihnen ein Hinderniss weiterer Verbreitung zu
sein. Dagegen haben sich einige Lieder der Gunst des Publikums zu erfreuen,
wie das »Russische Lied« und »Gute Nacht«. P. dirigirte in den achtziger
Jahren die Singakademie in Ratibor, siedelte dann im Herbst 1890 als Ge-
sanglehrer nach Graz liber, wo er auf Subscription seine Balladen in den
Druck brachte, und 1894 nach Berlin. 1895 hatte er die Genugthuung, dass
Richard Blatka seine Balladen in einer besonderen Schrift besprach, betitelt:
Pltiddemann und seine Balladen. Prag 1895 bei F. Ehrlich. Dessen biogra-
phische Mittheilungen sind hier benutzt worden, sowie die beiden Artikel in
den Berliner Signalen 1895 No- x4 und l897 S- 3°5- Eine Autobiographic
erschien in der Wiener Musikzeitung Lyra, doch war mir dieselbe unerreichbar.
Rob. Eitner.
Hahn, Friedrich von, * am 7. Juni 1823 zu Homburg v. d. H., f am
3. Marz 1897 in Leipzig. — H. war der Sohn des landgraflich hessisch-hom-
burgischen Leibarztes und Geheimen Raths Dr. Philipp Franz v. Hahn; von 1837
bis 1842 hat er die Ftirstenschule zu St. Afra in Meissen besucht. Lehrer und
Unterricht dort haben einen bedeutenden Einfluss auf ihn ausgeubt; er hat dieser
Schulzeit oft und gern gedacht. Nachdem er von 1842 bis 1846 in Jena
und Heidelberg studirt, promovirte er in Heidelberg am 15. August 1846
und wurde vom 4. Juni bis 24. Juli 1847 bei der landgraflichen Landes-
regierung, spater bei dem Justizamt als Accessist beschaftigt. Diese Anfange
einer spater so hochbedeutsamen practischen Thatigkeit befriedigten ihn so
wenig, dass er sich am 24. November 1847 m^ der Schrift »de diversis
testamentorum formis, quae in Germania obtinuerant« als Privatdocent in Jena
habilitirte. Der Universitat Jena hat er von 1847 bis 1872 angehort. 1850
zum ausserordentlichen Professor und sehr bald zum ausserordentlichen Bei-
sitzer des Spruchcollegiums der Juristenfacultat und des Schoppenstuhls er-
nannt, wurde er 1861 ordentlicher Honorarprofessor, am 1. April 1862
ordentlicher Professor des deutschen Privatrechts und des Handelsrechts und
zugleich Mitglied des Gesammt-Ober-Appellationsgerichts zu Jena, nachdem
sein Schwiegervater, der Oberapi)ellationsgerichtsrath Guyet, aus dem Gerichts-
hofe geschieden war. Von seiner Bedeutung als Docent und seinem Einfluss
auf die studirende Jugend ist wenig bekannt. v. H. selbst war in seiner
Bescheidenheit nach vielfach en miindlichen Aeusserungen nicht geneigt, sein
Lehrtalent und seinen Vortrag sehr hoch zu stellen. Dagegen fallt in diese
Zeit eine Thatigkeit, die fur seinen ausseren Lebensgang wie seine wissen-
schaftliche Arbeit bestimmend gewesen ist. Als Commissar der grossherzog-
lich und herzoglich sachsischen und der anhaltischen Regierungen nahm er
an den Confcrenzen zur Berathung des Entwurfs eines Allgemeinen Deutschen
Handelsgesetzbuchs in Ntirnberg und Hamburg von 1857 bis 1861 theil.
Ueber die Bedeutung dieser Conferenzen und der daraus hervorgegangcnen
Protocolle ist kein Wort zu verlieren. Sie sind ein Stuck deutscher Rechts-
entwicklung und deutscher Rechtsgcschichte, an der v. H. hervorragenden
Antheil hat. Aus dieser Zeit stammt seine im November i860, unmittel-
bar vor der dritten Lesung aus Anlass der Controverse iiber die Bchandlung
von Hafcn. von Wilmowski. i6j
des Frachtgeschaftes der Eisenbahnen, ohne Namen erschienene Schrift
»Das Deutsche Handelsgesetzbuch und die Eisenbahnen « (Jena), in der v. H.
lebhaft ftir die Beschrankung der Vertragsfreiheit den Eisenbahnen gegen-
iiber eintrat, wie sie jetzt auch der § 463 des Entwurfs eines Handels-
gesetzbuchs statuirt. Dieser Schrift folgte 1863 der erste Band, 1867 der
zweite Band seines Commentars zum Allgemeinen Deutschen Handelsgesetz-
buch, der 1871, 1875 in 2. Auflage, 1877 in 3. Auflage (Band 1) erschienen,
als immer noch unerreichtes Muster der commentarmassigen Behandlung eines
Gesetzbuchs bezeichnet werden muss, unerreicht in der einfachen, klaren,
grtindlichen, tief und fein durchdachten Darlegung der Entstehung und des
Inhalts des Gesetzes. Litterarisch ist v. H. sonst wenig hervorgetreten. 1856
erschien eine seinem Schwiegervater Guyet gewidmete Arbeit tiber »Die
materielle Uebereinstimmung der romischen und germanischen Rechtsprinci-
pien«, ausserdem in Band 29 der Zeitschrift ftir das gesammte Handelsrecht
ein Beitrag zur Lehre vom Commissionsgesch&ft. Vom 1. April 1872 ab
wurde v. H/s Kraft durch seine Thatigkeit als Richter bei dem Oberhandels-
gericht voll in Anspruch genommen. Am 1. October 1879 ***** er *n den ersten
Civilsenat des Reichsgerichts. Am 1. October 1891 wurde er zum Senats-
prasidenten ernannt und Ubernahm als solcher den Vorsitz des sechsten Civil-
senats. Am 1. Januar 1893 trat er in den Ruhestand. Eine kurze Erholungs-
pause von schwerer Arbeit brachte ihm Arbeitskraft und Arbeitsfreude, er-
moglichte ihm die Bearbeitung von zwei Lieferungen der vierten Auflage
seines im Buchhandel vollig vergriflFenen Commentars; die Kraft dauerte aber
leider nicht lange. Die vierte Auflage sollte und wird unvollendet bleiben.
Ein gtitiges Geschick hat ihn durch einen leichten Tod vor einem voraus-
sichtlich schweren und langen Leiden bewahrt. Was v. H. ftir die Wissen-
schaft des Handelsrechts geleistet, ist unverganglich. Wer, wie der Schreiber
dieser Zeilen, mit ihm durch Jahre in demselben Senat gearbeitet hat, wird
des ruhigen, in Haltung und Gesinnung vornehmen Mannes eingedenk bleiben.
v. H. gab sich nur schwer. Wenige sind ihm wohl ganz nahe getreten,
keiner so nahe wie sein von ihm tiber Alles geschatzter und verehrter Schwieger-
vater Guyet. Sein Wesen ging in seiner Wissenschaft, in seinem Amte, in
seinem Hause und in den Seinen auf. Er wird auch ausserhalb des Kreises
der Seinen unvergessen bleiben,
Wiederholt aus der Deutschen Juristenzeitung, II. Jahrgang, No. 7.
Reichsgerichtsrath Dr. Rehbein, Leipzig.
Wilmowski, Gustav Karl Adolf von, * zu Paderborn am 17. August
1 81 8, f am 28. Dec. 1897 zu Berlin. — v. W. studirte in Bonn und Berlin
die Rechtswissenschaft, wurde am 28. September 1838 als Auscultator beim
Land- und Stadtgericht zu Naumburg a. S. verpflichtet und erhielt am 1. Octo-
ber 1844 eine etatsmassige Anstellung als Obergerichts-Assessor bei dem Land-
und Stadtgericht zu Wollstein. Allcin seine Herzensneigung trieb ihn zur
Advocatur, und im Juli 1849 kam er als Rechtsanwalt nach Schlawe, in
welchem Oertchen er alsdann tiber 20 Jahre verblieb. Hier erfolgte 1867
seine Ernennung zum Justizrath und gleichzeitig die VerofFentlichung seiner
hochverdienstlichen Schrift tiber das Ltibische Recht in Pommern. —
Endlich am 1. November 1869 nach Breslau versetzt, veroffentlichte er
1870 Beitrage zum Pommerischen Lehnrecht und eine Beurtheilung des
sog. Norddeutschen Entwurfs einer Civilprocess-Ordnung, welche letztere
11*
164 von Wilmowski. Bergen v
seine Wahl in die vom Bundesrathe zur definitiven Feststellung des Entwurfs
einer deutschen Civilprocess-Ordnung niedergesetzte Commission zur Folge
hatte. Bereits am 1. April 1872 wurde v. W. nach Berlin versetzt, wo
er als Notar und als Rechtsanwalt beim Stadtgericht (seit 1879 Land-
gericht I) und seit Juli 1883 beim Kammergericht fungirt hat, bis er
am 1. April 1891 aus dem Justizdienste schied. In Berlin entfaltete er
eine umfassende schriftstellerische Thatigkeit und trat zugleich vermoge her-
vorragender Charaktereigenschaften und vorzuglicher Befahigung flir den von
ihm gewahlten Beruf in die erste Reihe und schliesslich an die Spitze
seiner Berufsgenossen, welche ihn als Vorbild verehrten. Langjahriges Mit-
glied, demnachst stellvertretender Vorsitzender der Anwaltskammer des Kam-
mergerichtsbezirks, hat er in derselben in der letzten Zeit vor seinem Abgange
den Vorsitz geftihrt. Im Jahre 1882 zum Geheimen Justizrath ernannt, wurde
er aus Veranlassung seines Dienstjubilaums am 28. September 1888 durch
Verleihung des Kronenordens II. Klasse und seitens der Berliner Friedrich
Wilhelms-Universitat durch die Ernennung zum Ehrendoctor der Rechte aus-
gezeichnet. Seinen Beruf als Schriftsteller bew&hrte er durch die beiden
grossen, in der Praxis zu iiberwiegendem Ansehen gelangten Commentare,
von welchen im Jahre 1895 der von v. W. allein verfasste Commentar zur
Reichs- Concurs -Ordnung in ftinfter, der von ihm in Gemeinschaft mit
dem Justizrath M. Levy herausgegebene Commentar zur Reichs- Civilpro-
cess-Ordnung in siebenter Auflage erschienen sind. — v. W. war Mitglied
der standigen Deputation des Juristentages, in welcher er von 1880 bis 1888
das mtihevolle Schriftfuhreramt bekleidete. Auch nach Niederlegung seiner
Aemter blieb v. W. in rastloser Thatigkeit mit Bearbeitung der Commentare,
Fortfiihrung von Vermogensverwaltungen, Ertheilung von Gutachten unaus-
gesetzt beschaftigt. Daneben Schatzmeister der Juristischen Gesellschaft und
als Referent und Abtheilungsvorsitzender auf den letzten Juristentagen thatig,
ist er bis zum letzten Athemzuge mit Wort und Schrift flir die Erhaltung der
Advocatur und des Richterstandes auf der Hohe ihrer Bestimmung uberall
eingetreten, so noch im April 1896 in der Deutschen Juristen-Zeitung durch
den Aufsatz tiber die Auswahl der Gerichtsassessoren.
Wiederholt aus der Deutschen Juristenzeitung, II. jahrgang, No. 2.
Justizrath Professor Dr. Jacob i-Charlottenburg.
Berger, Mathias, Architekt, * am 24. April 1825 in der damaligen Vor-
stadt Au (Mlinchen), f am 30. April 1897. — Sohn eines Maurerpolier, be-
suchte er die Volksschule, erhielt durch den vorziiglichen Lehrer Georg Reis
(f 12. Marz 1872) Unterricht im Zeichnen, diente als Morteltrager beim Bau
der Hof- und Staatsbibliothek , erregte durch seine schone Handschrift die
Aufmerksamkeit des Direktor Fr. von Gartner, welcher den intelligenten
Jungen schon 1838 in sein Bureau aufnahm. So ergab sich die Gelegenheit,
nicht allein zu den vielen Projecten seines Meisters, sondern auch bei Aus-
flihrung der Bauten des Wittelsbacher Palais, der k. Villa an der Schwabinger
Landstrasse (deren weitere Adaptirung zum Prinz Leopold-Palais gleichfaJls
B/s Werk war), dem Siegesthor in der Ludwigsstrasse, verwendet zu werden.
Im Jahre 1847 bestand B. mit Erfolg die Priifung als Civilarchitekt und trat
nach dem am 21. April 1847 erfolgten Tode seines Meisters in selbstandiger
Weise auf. B. entwarf den Plan zur ersten Vergrosserung des Friedhofes der
damaligen Vorstadt Au, machte die Zeichnungen zu den Gedenktafeln in der
Berger. 165
Auer-Kirche fiir Konig Ludwig L und Baumeister Daniel Ohlmtiller (f am
22. April 1839) unc* bethatigte sich mit einer Ansicht des »Siegesthor« als
Kupferstecher, auch veroffentlichte er ein Werk mit Ansichten der merkwiirdig-
sten »Grabmonumente des Miinchener Gottesackers« (1852). Das erste Pro-
ject zur heutigen Maximilians-Strasse lieferte B.; er dachte dieselbe in direkter
Verbindung mit einer, spater von ihm wirklich erbauten Pfarrkirche zu Haid-
hausen, welche mit ihrem hochragenden Fagadenthurm den imposanten Ab-
schluss bilden sollte; die Achse dieser Prachtstrasse hatte sich alsdann etwas
gegen Siiden geneigt wahrend sie spater nach Btirklein's Plane genau parallel
der Mittellinie des Hof- und National-Theaters hergestellt wurde und als
Schluss die lange Front des Maximilianeums erhielt. Nach vielen Unterhand-
lungen wurde am 17. October 1852 der Grundstein zur Haidhauser-Kirche
gelegt, welche, da die Mittel dazu durch Almosen und freiwillige Beitrage nur
langsam flossen, 1863 im Aeussern und 1874 auch im Innern zur Vollendung
kam, jedoch erst 1879 dem Cultus (ibergeben wurde, Es ist ein hochst
achtenswerther, im reinen Spitzbogenstyl, vdllig aus Backstein und Tefracotta
aufgefiihrter Bau, mit einem schlanken Fa^adenthurme und zwei sehr wirk-
samen kleineren, auf besonderen Wunsch Konig Max II. eingefiigten Chor-
thtirmen. Das einschiffige Langhaus mit den zum Theil nach innen gezogenen
Strebepfeilern und einem schmaleren, mit fUnf Seiten des regelmassigen Acht-
eckes geschlossenem Chore, hat eine Lichtweite von achtzehn Meter, welche
von der beriihmten Michaelskirche nur um vier Meter tibertroffen wird. Zu
den drei, in weissem Marmor weniger wirkenden Altaren stiftete ein Burger
Haidhausens das kostbare Material. Trotz der gebotenen Sparsamkeit erzielte
der Kilnstler eine treffliche Wirkung, insbesondere durch die schlichte Arkatur
unter dem Dachaufsatz. Den reichen Schmuck mit Statuen (von Jos. Knabl)
an der Aussenseite besorgte der Magistrat der Stadt. Den Spitzbogenstyl
brachte B. auch bei der 1854 errichteten Pfarrkirche zu Gaimersheim (bei
Ingolstadt) und bei der 1867 — 1871 erbauten dreischiffigen Hallenkirche zu
Partenkirchen in Anwendung. Nach seinen Entwtirfen und unter seiner Lei-
tung begann 1858 die Restauration der Miinchener Frauenkirche, welche B.
streng im Charakter des XV. Jahrhunderts unter Ausscheidung aller spateren
stylstorenden Zuthaten auszufuhren gedachte. An die Stelle des barocken,
holzernen Orgelchores setzte er eine Steinconstruction mit feuersicherer Ein-
wolbung, und zwar in so sachgemasser Uebereinstimmung mit dem alteren
Theile der Musiktribtine, dass heute Niemand den Unterschied der Entstehungs-
zeit wahrnehmen dlirfte. B. befreite die durch Kasten verdeckten Rtickwande
der Chorsttihle und brachte dadurch die schonen Skulpturen wieder zu Ehren ;
in Uebereinstimmung damit componirte er den mit Flugelthliren ausgestatteten
Hochaltar (mit Bildern von M. von Schwind) und die beiden Seitenaltare,
ebenso die kunstvolle Kanzel und die erzbischofliche Cathedra; erstere wurde
von Sickinger, letztere von Wirth mit bewunderungswlirdiger Technik in
Eichenholz ausgefuhrt. Allerlei bittere Erfahrungen, theils mit dem Restaura-
tions-Comit^ und wohlmeinenden Stiftern, bewogen den KUnstler, seine Thatig-
keit dabei niederzulegen, worauf Ludwig Foltz, nicht zum Besten der einheit-
lichen Wirkung, das Ganze vollendete. Die Erweiterung und Restauration
der Herzogspitalkirche erfolgte ohne weitere Schwierigkeiten. Nach B.'s Ent-
wiirfen entstanden ausserdem in und ausser der Stadt eine grosse Anzahl von
Profanbauten, das burgartige Haus des Professor Dr. Sepp (in der Schonfeld-
strasse), das heitere Bijou der Hofschauspielerin Clara Christen-Ziegler (Konigin-
1 66 Berger. Birkmeyer.
strasse), das Cafe Danner u. s. w., wobei B. seine Vorliebe fur die Formen
des Spitzbogens mit grossem Geschick bethatigte. Zu Beginn der sechziger
Jahre gelangte an der Nymphenburger-Dachauer-Strasse die neue Maximilians-
Kaserne auf Oberwiesenfeld nach B.'s Entwtirfen als stattlicher Backstein-
Rohbau zur Ausftihrung und das Erzbischofliche Knabenseminar auf dem
Domberge zu Freising; in beiden Fallen bewies der Architekt, dass er auch
den Aufgaben des Profanbaues gewachsen war. Drei grosse, bis in's kleinste
Detail ausgearbeitete monumentale Projecte, einer neuen Synagoge, eines
prachtvollen Ktinstlerhauses und eines Justizpalastes scheiterten leider, weil
der Klinstler an dem dazu als passend erwahlten Terrain unerschiitterlich
festhielt; sie wiirden der rasch aufbliihenden Stadt zur bleibenden Ehre ge-
dient haben. Konig Maximilian wiirdigte die Leistungen des Meisters da-
durch, dass er ihn zum Ritter des Verdienstordens vom hi. Michael I. Klasse
ernannte. B.'s unverwiistlich scheinende Natur erlag am 30. April 1897 den
Folgen einer schleichenden Influenza. Sein gesammter artistischer Nachlass
mit alien Zeichnungen, Skizzen, Entwtirfen und Planen wurde am 28. Marz
1898 durch Georg Mossel versteigert.
Vergl. Franz v. Reber: Bautechnischer FUhrer durch MUnchen. 1876. S. 123. Hans
Moninger: Fr. v. Gartner. 1882. S. 105. Nekrolog von Franz Jakob Scbmitt in No. 102
der Augsburger Postzeitung vom 7. Mai 1897. Rechenschaftsbericht des Vereins ftir
Christliche Kunst f(ir 1897. S. 12 ff.
Hyac. Holland.
Birkmeyer, Fritz, * 1848 zu Rothenburg an der Tauber, f am 9. Decem-
ber 1897. — B. absolvirte die Lateinschule, widmete sich im Atelier des am
12. December 1885 verstorbenen Bernhard Mittermaier der Glasmalerei (1863),
besuchte die Kunstschule zu Nlirnberg und tibersiedelte nach Munchen. Mit
gleichem Geschick im Charakter der spateren Spitzbogenzeit wie des Renais-
sancestyles schaffend, fertigte er viele Cartonzeichnungen figtirlichen Inhalts fur
die Konigliche Hofglasmalerei-Anstalt des Commerzienrath Franz Xaver Zettler
zu Munchen. Darunter eine »Taufe Christi«, eine »Magdalena zu den Fiissen
des Heilands«, sieben Darstellungen aus der Lebensgeschichte des Apostel
Paulus (fur das Chorfenster des Ulmer Miinsters), ein Portrat des Kaisers
Wilhelm I. mit Wappenschilden und Kriegern (1883). Mit grosser Begeiste-
rung erfasste der vielseitige Kunstler die Idee des von Ludwig Stark gedich-
teten »Rothenburger Festspieles<c (1883), lieferte dazu Scenen und Costiime,
auch ein Erinnerungsblatt mit der Darstellung des »Meistertrunk des Burger-
meister« und die Illustrationen zu Ludwig Stark's Sang »Der Jungherr von
Rothenburg« (Stuttgart 1891). Damit standen die ernsten Oelbilder »Tilly in
Rothenburg« und »Marodeure aus dem dreissigjahrigen Kriege« (in No. 52
»Ueber Land und Meer« 1889) in Zusammenhang. Im Jahre 1868 trat B.
freiwillig in das 12. bayerische Infanterie-Regiment, machte den Feldzug 1870/71
mit und erhielt im Treffen von Coulmies flinf Verwundungen. In Folge davon
zu weiterem Dienste untauglich, nahm B. wieder die Kunst auf; seine eige-
nen Kriegserlebnisse gestaltete B. zu Illustrationen und Oelbildern. So
entstanden eine »Friedliche Begegnung in der Kriegszeit« (No. 29 »Ueber
Land und Meer« 1890), eine » Requisition «, »Bayerische Soldaten vor Paris«
(»Hurrah Paris !«); ein »Motiv bei Artenay«; »Reiter und Wegweiser« (No. 13
ebendas. 1894); »Auf Vorposten in der Christnacht« (im »Soldatenfreund«
1895), der ergreifende »Todesritt« (ebendas.), der Einzug cles General von der
Tann (»Voil& le G^n^ral de Tann!«) in einer Strasse von St. Ay s. Loire im
Birkmeyer. Sohncke. 167
December 1870 und ^General von Hartmann bei Moulin de la Tour«, beide
mit reichem, gleichfalls portraittreuem Gefolge. Ein »Kriegserlebniss aus
Foinard« reproducirte die »Kunst fur Alle« vom 15. Januar 1898. Ein sehr
charakteristisches, friedfertiges Bild gestaltete B. aus der »Mlinchener Wacht-
parade«. Als Freund heiterer Geselligkeit gastete unser Kunstler gerne bei
den frohlichen Waldfesten des Gesangvereines »Germania«, und schuf ein
Banner und einen »Bardenschild«, wofur er als »Edeling« (Ehrenmitglied) aus-
gerufen wurde. Am 3. December 1897 besuchte B. die Generalversammlung
der KUnstlergenossenschaft; auf dem Heimwege brach er in der ersten Morgen-
stunde des 4. December, vom Herzschlag getroffen, zusammen; Wieder-
belebungsversuche waren vergeblich. Eine hubsche Serie von Gemalden und
Aquarellen, darunter theilweise alteres Militar, bayerische leichte und schwere
Reiter, Scenen mit Turkos und Zuaven u. s. w. brachte der Mtinchener Kunst-
verein im Marz 1898 zur Ausstellung. Eine grosse Sammlung von Waffen,
Sabeln, musikalischen Instrumenten, Helmen, Tschakos und Mlitzen, welche
B. mit bayerischen, preussischen, osterreichischen, franzosischen, turkischen
Uniformen zusammengebracht hatte, eine achte, reich bestellte Atelier-Ausstat-
tung, wurde am 12. Mai 1898 durch F. Haunschild versteigert.
Vgl. Abendblatt 338 »AUgemelne Zeitung« vom 7. December 1897 und Bericht des
Mtinchener Kunstverein flir 1897. S. 71. — Das geistige Deutschland. Lpz. 1898. S. 55.
Hyac. Holland.
Sohncke, Leonhard, Professor der Physik an der technischen Hochschule
zu Miinchen, * am 22. Februar 1842 zu Halle a. S., f am 1. November 1897
zu Munchen. — S. gehorte unzweifelhaft zu den Zierden seiner Wissenschaft
und zahlte zu den beliebtesten Universitatslehrern. Sein Vater Ludwig Adolf
Sohncke, noch heute durch seine klassische Uebersetzung von Chasles' Ge-
schichte der Geometrie bekannt, hatte an der Universitat Halle a. S. eine Professur
fur Mathematik inne. Schon durch die Erziehung im Elternhause ftir die exacten
Wissenschaften begeistert, widmete sich Sohncke, als er bereits mit 17 Jahren
die Universitat Halle bezog, den mathematischen und physik alischen Studien
und legte 1862 seine Lehramtspriifung mit bestem Erfolge ab. Neben seinen
Hauptstudien zog ihn insbesondere die Mineralogie an — schon als Student
bekleidete er am mineralogischen Institut die Stelle eines Hilfsassistenten — und
dieser Hang, begunstigt von seinem Lehrer, dem beruhmten Franz Neumann,
dem Begrtinder des physikalischen Seminars in Konigsberg, bei welchem es ihm
vergonnt war, langere Zeit zuzubringen, gab seinen spateren Studien die ent-
scheidende Richtung. In Konigsberg, das damals der Sammelplatz aller lern-
begierigen Jiinger der physikalischen Wissenschaften war, erhielt S. , nachdem
er sein Probejahr abgelegt hatte, 1866 seine erste Anstellung als Gymnasial-
lehrer und griindete alsbald einen eigenen Herd, indem er sich mit einer
Verwandten verehelichte. Aber sein wissenschaftlicher Sinn fand in der Lehr-
thatigkeit an der Mittelschule nicht die genligende Befriedigung, und so habi-
litirte er sich drei Jahre spater als Privatdocent der Physik an der Konigs-
berger Universitat mit einer Arbeit tiber die Cohasion des Steinsalzes (Poggen-
dorff's Ann. CXXXV1I) und behielt nebenher seine Lehrstelle bei. Doch
dauerte diese doppelte anstrengende Lehrthatigkeit nicht lange; denn als er
durch einen glticklichen Zufall mit dem theoretischen Physiker Georg Kirchhoff
bekannt wurde, lernte ihn dieser rasch schiitzen und verwendete sich ftir ihn,
so dass er schon 1871 das Ordinariat ftir Physik am Polytechnikum zu Karls-
1 68 Sohncke.
ruhe erhielt. Im Kreise liebenswtirdiger Collegen, von denen er besonders
den Mineralogen Knop und den darstellenden Geometer Wiener hochschatzte,
fand er sich rasch in seinen akademischen Wirkungskreis und konnte mit mehr
Muse und mit reichen experimentellen Mitteln versehen, seinen wissenschaft-
lichen Arbeiten obliegen. Hier entstand auch sein bedeutendstes Werk »Ent-
wickelung einer Theorie der Krystallstructur«. Der franzosische Mineraloge
Bravais hatte zur Erklarung der Eigenthtimlichkeit krystallisirender Medien,
nach ein und derselben Richtung stets die gleiche, nach verschiedenen Rich-
tungen aber verschiedene Eigenschaften aufzuweisen, die Zusammensetzung
eines ganzflachigen Krystalls aus unendlich vielen congruenten und gleich-
gestellten Bausteinen angenommen und nachgewiesen, dass die entstehenden
Symmetrieverhaltnisse mit denen gewisser geometrischer Gitterstructuren liber-
einstimmen; doch war ihm dieser Nachweis bei den halbflachigen Krystallen
nicht gelungen. Dadurch dass nun S., durch geometrische Untersuchungen
seines Freundes Wiener angeregt, die von dem Mathematiker Camille Jordan
aufgestellten Bewegungsgruppen in Betracht zog, welche die Auffindung aller
solcher Punktsysteme ermoglichten, gelang es ihm, die Zusammensetzung aller
bekannten Krystallstructuren, auch die der halbflachigen, durch solche Gitter-
systeme darzustellen, die er durch sinnreich erdachte Modelle veranschaulichte.
Auch spater kam S. noch wiederholt auf diese seine fundamentalen Ent-
deckungen im Gebiete der Molekularphysik zuriick, die ihn weitaus am meisten
fesselte, und veroffentlichte hieruber eine Reihe von Artikeln in Gerth's
Zeitschrift ftir Krystallographie und Mineralogie, in den Mathematischen An-
nalen (IX) und in Poggendorff's Annalen. In anderen Abhandlungen, die in
denselben Zeitschriften erschienen, beschaftigte er sich eingehend mit den
optischen Eigenschaften der Krystalle, sowie mit den Newton'schen Farben-
ringen, wobei er Iiberall Neues zu Tage forderte. Auch Fernerstehende suchte
er mit jenen merkwiirdigen Molekularvprgangen vertraut zu machen, indem
er, unterstUtzt von seinem hervorragenden Darstellungstalent, wiederholt popu-
lare Aufsatze hieruber veroffentlichte (Bayrisches Industrie- und Gewerbeblatt
1 891, »Nature« 1884). — S. war bei seiner Berufung nach Karlsruhe als
Nebenamt auch die theilweise Organisation und Leitung des meteorologischen
Beobachtungsnetzes in Baden tibertragen worden. Dadurch war er gezwungen,
sich in ein ihm bisher fremdes Gebiet einzuarbeiten , was ihm bei seiner
Gewissenhaftigkeit und Energie in kiirzester Zeit so vollstandig gelang, dass
auch dieser Wissenszweig bald zu seinen Lieblingsstudien gehorte, obwohl
er die taglichen Registrir- und Biireauarbeiten, die mit der Meteorologie un-
abweislich verbunden sind, stets als eine Last empfand. Aus jener ersten
Zeit seiner Beschaftigung mit der Meteorolgie stammt ein kleines Schriftchen :
»Ueber Stiirme und Sturm warnungen« 1875, sowie »Vorschlage zur Verein-
fachung der Ableitung der barometrischen Hohenmessungsformel* (Zeitschrift
ftir Mathematik und Physik XX). Doch trotz dieser Vorliebe fur das neu ge-
wonnene Fach waren es hauptsachlich die zeitraubenden meteorologischen
Nebenarbeiten, welche ihn vermochten, einen Ruf an die Universitat Jena,
der 1883 an ihn erging, anzunehmen. Daselbst wurde ihm die Leitung des
physikalischen Instituts tibertragen, das er auf neuer Grundlage einzurichten
hatte. Trotz der hiermit verbundenen grossen Arbeitslast ftihlte er sich in
der Freiheit des Jenaer Universitatslebens , welches seinem Charakter ganz
besonders zusagte, stets ausserst wohl und erinnerte sich spater noch oft gern
an jene Zeit, Daselbst bentitzte er die sparlichen Musestunden, welche ihm
Sohncke. 1 69
seine Berufsarbeiten tibrig liessen, urn seine in Karlsruhe begonnenen meteoro-
logischen Studien fortzusetzen und schuf seine hochbedeutende Theorie der
Gewitterbildung, die er in der Monographie: »Der Ursprung der Gewitter-
elektricitaU, Jena 1885, niederlegte. Dieselbe fand nicht nur bei den Fach-
mannern allgemeinen Anklang, sondern machte S.'s Namen auch in weiteren
Kreisen bekannt. Die in dieser Schrift angedeuteten Grundgedanken ftihrte
er in spateren Veroffentlichungen noch weiter aus, so in den Sitzungsberichten
der Bayerischen Akademie 1888, in der Zeitschrift »Himmel und Erde« 1889,
in der Meteorologischen Zeitschrift V und in den Abhandlungen der Mtin-
chener Akademie XVIII, 3, woselbst die »Gewitterstudien auf Grand von
Ballonfahrten« erschienen. — Sein Aufenthalt in Jena dauerte nur zwei Jahre,
denn schon 1885 erhielt er einen Ruf an die technische Hochschule zu
Mtinchen, dem er auch in der Aussicht auf eine ausgedehntere Lehrth&tig-
keit, wenn auch nur zogernd, Folge leistete. Daselbst entfaltete er seine ganze
enorme Arbeitskraft. Denn obwohl sich infolge der bestandig zunehmenden
Frequenz der Hochschule seine Berufsarbeiten bis zum Uebermaasse steigerten,
setzte er doch die Forschungen auf seinen Specialgebieten fort, in die er auch
noch andere, wie die Elektricitatslehre (Mtinchener Sitzungsberichte 1888) und
die Warmelehre (ebenda 1897) miteinbezog. Auch der Optik, der er schon
friiher sein Interesse geschenkt hatte (Apologie der Doppler'schen Theorie,
Poggendorff's Annalen CXXXII), trat er wieder naher, indem er einerseits mit
optischen Hilfsmitteln . die Dicke einer auf Wasser sich ausbreitenden Oel-
schicht bestimmte (Mtinchener Sitzungsberichte 1889), andererseits eine einfache
Erklarung der Nebenbilder gab, welche man bei Betrachtung einer Abbe'schen
Diffraktionsplatte erkennt. Eine seiner letzten Arbeiten liber die polarisirte
Fluorescenz (Mtinchener Sitzungsberichte 1896) war ebenfalls optischer Natur,
und ausserdem fesselten den gewiegten Meteorologen auch die optisch inter-
essanten meteorologischen Erscheinungen, wie z. B. das bei Sonnenuntergang
wahrzunehmende »blaugriine Flammchen«, woflir er eine Erklarung brachte
(Meteorologische Zeitschrift VI), und die bei Ballonfahrten nicht selten wahr-
nehmbaren Luftspiegelungen. Als ihn schon langst das unheilbare Leiden
befallen hatte, das eine rasche Abnahme seiner Krafte bewirkte und schliess-
lich seinem Leben ein Ende setzte, sammelte der energische Mann, bis zum
letzten Augenblicke muthvoll sein Leiden bekampfend, noch eifrig Material
ftir eine im kommenden Sommer zu haltende Vorlesung tiber meteorologische
Optik, die er in popularer Form unter dem Titel »Der Himmel«, herauszu-
geben gedachte. Ueberhaupt hat S. viel ftir Popularisirung seiner Wissen-
schaft im besten Sinne des Wortes gethan: seine »Gemeinverstandlichen Vor-
trage aus dem Gebiete der Physik«, Jena 1892, sowie mehrere hochinter-
essante Vortrage, die in der Zeitschrift »Himmel und Erde« und in der Bei-
lage zur Allgemeinen Zeitung erschienen und in glanzender Darstellung nicht
die leichtesten Fragen behandelten, sind Zeugen von dieser ftir die Verbrei-
tung wissenschaftlicher Bildung so wichtigen, aber ebenso seltenen Begabung.
Doch in der schriftstellerischen Thatigkeit S., die wir wenigstens in den
Hauptztigen zu schildern versuchten, lag nicht allein seine Bedeutung ftir die
Wissenschaft. Er verstand es vielmehr auch im Umgang mit anderen an-
regend zu wirken und scheute keine MUhe, um seine Begeisterung ftir wissen-
schaftliches Streben anderen einzuflossen. So schuf er in Mtinchen ein zwang-
loses physikalisches Colloquium, an dem jeder, der sich ftir Physik inter-
essirte und mitarbeiten wollte, theilnehmen konnte; ferner war er Mit-
170
Sohncke. Weierstrass.
begriinder des Munchener Vereins filr Luftschiffahrt und wusste als erster
Vorstand desselben dem neuen Untemehmen rasch eine geachtete Stellung
zu verschaffen. Auch als Lehrer wirkte er ausserst fruchtbringend. Sein Vor-
trag war lebhaft und fliessend, seine Kunst zu experimentiren, bewunderns-
werth, und der Eifer, mit dem er sein Practicum leitete, diente seinen zahl-
reichen Schulern als nachahmenswerthes Vorbild. Daher ging auch aus seinem
Laboratorium eine Reihe werthvoller Dissertationen und Specialabhandlungen
hervor. — S. war ein gerader und energischer Charakter, von seltener Wahr-
heits- und Gerechtigkeitsliebe, dazu freundlich und gefallig, namentlich gegen
jlingere Leute, bei denen er ideales Streben erkannte, und obgleich er in Folge
seiner anstrengenden Thatigkeit am gesellschaftlichen Leben wenig theilnahm,
so war er doch in engerem Freundeskreise stets ein gern gesehener und
heiterer Gesellschafter. Die Reinheit seines Charakters und sein idealer Sinn
bedingten auch, dass er jedem Streberthum fern blieb und Ehrungen gerade-
zu aus dem Wege ging; als hochste Ehre gait ihm stets, als emster Forscher
und als ttichtiger Lehrer anerkannt zu werden. Darum wollen wir auch von
den ungesuchten Ehrungen, die ihm zu Theil wurden, nur seine Aufnahme
in die kgl. bayerische Akademie der Wissenschaften nennen, deren Mitglied
er alsbald nach seiner Berufung nach Mtinchen wurde.
Quellen: Die Nachrufe von Prof. Finsterwalder, Mtinchner Neueste Nachrichten 1897,
No. 519, und Prof. Gunther, Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1897, No. 275, sowie person-
liche Bekanntschaft mit Sohncke.
A. v. Braunmlihl.
Weierstrass, Karl Theodor Wilhelm, Professor der Mathematik an
der Berliner Universitat, * am 31. October 181 5 zu Ostenfelde im Regie-
rungsbezirk Mtinster als al tester Sohn des dortigen Burgermeisters, f am
19. Februar 1897 zu Berlin. — Nachdem W. von 1829 — 34 das Gymna-
sium in Paderborn besucht hatte, studierte er von 1834 — 38 in Bonn Jura
und Cameralia. Doch befriedigten ihn diese Studien wenig, da seine eigent-
liche Begabung auf mathematisch-physikalischem Gebiete lag. Er begab sich
daher an die Akademie Minister und beschaftigte sich dort unter Gudermann's
privater Leitung intensiv mit seinen Lieblingsfachern. Nach Beendigung seiner
Studien bestand er 1841 das Examen pro facultate docendi in Mtinster, legte
dort sein Probejahr ab und wurde 1842 Lehrer am Progymnasium in Deutsch-
Krone in Westpreussen und von 1848 an Oberlehrer am Gymnasium zu Brauns-
berg in Ermeland. Aber wahrend dieser Lehrthatigkeit an den Mittelschulen
beschaftigte er sich bereits mit den bedeutendsten Problemen der Mathematik
und veroffentlichte seine epochemachenden Resultate in der bescheidensten
Weise in den Gymnasialprogrammen. Aus jener Zeit datirt seine beriihmte
Arbeit tiber die Theorie der analytischen Facultaten (Jahresbericht liber das
Progymnasium zu Deutsch-Krone 1843), Aber die Umkehrprobleme der hyper-
elliptischen Functionen und vor allem sein erster Beitrag zur Theorie der
Abel'schen Integrate (Jahresbericht tiber das Gymnasium zu Braunsberg 1849).
Diese Abhandlungen zeichneten sich schon durch jene Strenge der methodi-
schen Beweisfiihrung aus, die alle seine Arbeiten in so hervorragender Weise
kennzeichnet, und lenkten die Blicke der Gelehrten auf den jungen Gymnasial-
lehrer. Er erhielt daher 1854 honoris causa den Doctorhut von der Univer-
sitat Konigsberg, wo der in den gleichen Fachern thatige Richelot, Jacobi's
Schiiler, zuerst die Wichtigkeit von W/s Leistungen erkannt hatte. 1856
wurde er als Professor der Mathematik an das Gewerbeinstitut zu Berlin berufen
Weierstrass. 171
und zugleich zum Mitgliede der Berliner Akademie ernannt. 1864 wurde er
endlich, nachdem er ein in Folge von Ueberarbeitung entstandenes Nerven-
leiden gliicklich Uberwunden hatte, ordentlicher Professor an der dortigen
Universitat, woselbst er schon in seiner Stellung als Professor des Gewerbe-
institutes Vorlesungen gehalten hatte. Diese Stellung behielt er bis zu seinem
Tode bei. Seiner eminenten Lehrbegabung, die in seinen vorhergehenden Stel-
lungen die beste Schulung erhalten hatte, gelang es, eine eigene mathematische
Schule zu grlinden, aus welcher eine Menge der hervorragendsten und ttich-
tigsten Gelehrten hervorging. Dazu trug aber auch nicht wenig sein selbst-
loses Wesen bei, indem er stets, unbeklimmert urn die Wahrung der eigenen
Prioritat, seine Geistesschatze mit vollen Handen unter seine Zuhorer aus-
streute. Alle seine Schtiler hingen daher auch mit unbegrenzter Liebe und
Verehrung an dem Meister, der noch bis in sein hohes Alter, trotzdem sein
Nervenleiden sich immer wieder einstellte, ihre Studien mit Hingabe leitete
und unterstlitzte. Erst als 1887 ein Herzleiden allmahlich seine ohnehin schon
geschwachte Gesundheit zu untergraben begann, musste er seine Arbeit ein-
schranken und drei Jahre spater der ihm so lieb gewordenen Lehrthatigkeit
ganz entsagen. Aber selbst, als er bereits durch Wassersucht an seiner Be-
wegung gehindert war, betheiligte er sich noch lebhaft an einer Gesammt-
ausgabe seiner Schriften, welche die preussische Akademie unternommen hatte.
Mit ihm ist, nachdem seine Freunde Kummer und Kronecker ihm im Tode
vorausgingen, der letzte der drei grossen Mathematiker dahingegangen, welche
wahrend eines Menschenalters die Zierde der Berliner Hochschule gebildet
hatten. W. war unverheirathet geblieben, ftihrte aber mit seinen beiden
Sch western ein trautes Familienleben, in dem sich jeder wrohlfiihlte, der das
Gllick hatte, zu den Freunden des grossen Mannes zu zahlen.
Wenn auch die Zahl von W.'s bisher im Druck erschienenen Schriften
verhaltnismassig nicht gross ist, so sind dieselben doch von so hervorragender
Bedeutung, dass sie ihm den Weltruf eines der hervorragendsten Analytiker
aller Zeiten sichern. In seiner Antrittsrede in der Berliner Akademie (9. Juli
1857) sagte er selbst, dass seine Studien von den elliptischen Functionen, in
die er durch eine Vorlesung Gudermann's eingefiihrt worden war, ihren
Ausgang genommen hatten, und steckte sich als ferneres Ziel, die Erforschung
der Eigenschaften der nach ihrem Entdecker Abel benannten Functionen.
Aber er will diese abstrakten Gebiete nicht nur um ihrer selbst willen be-
bauen, obwohl ja jede Wissenschaft zunachst sich Selbstzweck ist, sondern
er hofft mit Zuversicht, dass seine Theorien auch praktische Anwendung
finclen werden und »wtirde sich gliicklich schatzen, wenn er spaterhin nament-
lich fiir die Physik aus ihnen einigen Nutzen ziehen konnte«. In der That
hat er auch sowohl in Vorlesungen, als in einigen Abhandlungen (Ein die
homogenen Functionen zweiten Grades betreffendes Theorem, nebst Anwen-
dungen desselben auf die Theorie der kleinen Schwingungen. Monatsberichte
der Berliner Akademie 1858, und ebenda 1861: Die geodatischen Linien auf
dem dreiaxigen Ellipsoid) selbst Beweise fiir die Anwendbarkeit seiner Resul-
tate gegeben. Doch sein Hauptaugenmerk blieb immer auf die Entwickelung
der Theorie gerichtet. Dabei verschmahte er es, ja er hielt es nicht fiir
richtig, bet der Begrtindung functionentheoretischer Wahrheiten sich der
geometrischen Methoden zu bedienen, mit denen Riemann, Clebsch und
dessen Schliler so wichtige Resultate zu Tage gefordert hatten, und konnte
sich nie mit der von jener Seite mit so vielem Gliick durchgefuhrten Ver-
172
Weierstrass.
bindung von Geometrie und Analysis befreunden. Dabei hatte er jedoch nur
die »systematische Begrlindung« im Auge, indem er einmal ausdriicklich sagt,
»es verstehe sich von selbst, dass dem Forscher, so lange er suche, jeder
Weg gestattet sein muss«. Aber gerade diese systematische Begrtindung, fur
die ihm die Einheit der Methode und der Darstellung eine unerlassliche
Nothwendigkeit schien, war ihm bei seinen Forschungen, namentlich in spaterer
Zeit, fast durchweg die Hauptsache. Er ging weniger darauf aus, glanzende
neue Resultate zu erzielen, die sich ubrigens bei seinen Studien wie von selbst
einstellten, als die Theorien, die er schuf, von den einfachsten Principien
ausgehend, durch strenge analytische Methoden einwandfrei zu entwickeln.
So gelang es ihm z. B. die Theorie der complexen Functionen von den ein-
fachsten Rechnungsoperationen ausgehend bis zu den allgemeinsten Theoremen
liber die eindeutigen holomorphen Functionen fortzufiihren, indem er alien
seinen Satzen und Beweisen die Entwickelung in Potenzreihen zu Grunde
legte. Die Potenzreihe, das » Element*, wie er sie nannte, war ihm tiberhaupt
das Instrument aller seiner Untersuchungen im Gebiete der Functionentheorie.
Das stolze Gebaude dieser Theorie, das er aufgerichtet, hat an Consequenz
und Systematik des Aufbaues in der ganzen Entwickelungsgeschichte der
Mathematik nur ein ebenbtlrtiges Analogon: das Euklid'sche System der
Elementargeometrie.
Die Scharfe seiner Schlussweise und die Reinheit der von ihm verwen-
deten Methoden verfehlten auch nicht, ihre gute Wirkung auf die Pracisirung
mancher Resultate moderner Forschung auszutiben und tiberhaupt das Augen-
merk der Mathematiker wieder mehr auf die Nothwendigkeit grfisserer Strenge
und Exaktheit der Beweisftihrung zu lenken. So hat er durch seine Abhand-
lung liber das sogenannte Dirichlet'sche Princip (1870) Lticken in der bis-
herigen Beweisftihrung flir dasselbe nachgewiesen, die dann von andern er-
ganzt wurden, und in dem Aufsatze: »Ueber continuirliche Functionen eines
reellen Argumentes, die ftir keinen Werth des letzteren bestimmte Differential-
quotienten besitzen« (1872), loste er die wichtige Frage iiber den Zusammen-
hang der Stetigkeit einer Function mit der Eigenschaft, einen Differential-
quotienten zu haben, zum ersten Male in vollig befriedigender Weise. Von
grosser Bedeutung wurden auch seine Arbeiten iiber Schaaren quadratischer
Formen und die damit verbundenen Elementartheiler, sowie seine Aufstellung
der Gleichung algebraischer Minimalflachen, an die sich eine ganze Literatur
ankniipft.
Doch W.'s Grosse wtirde nicht voll erfasst werden, wenn man nur die
von ihm selbst publicirten Abhandlungen und die in ihnen niedergelegten
Theorien, von denen allein die liber eindeutige Functionen zu einem gewissen
Abschlusse gediehen ist, in Betracht zoge, sondern man muss unbedingt auch
seine zahlreichen Vorlesungen ins Auge fassen, die noch grosstentheils un-
veroffentlicht in den Handen seiner Schiiler ruhen. Darunter sind vor allem
seine Vorlesungen liber elliptische und Abersche Functionen, sowie liber
Variationsrechnung zu nennen, in denen er tiberall neue Bahnen eingeschlagen
hat, und wenn auch die darin verwendeten Methoden bereits vielfach bekannt
geworden sind und in der verschiedensten Weise anregend gewirkt haben, so
wird doch erst eine Herausgabe derselben die voile Grosse des Geisteser-
messen lassen, der sie geschaffen hat. HofTen wir, dass die Publication seiner
Werke, von denen bereits zwei Bande erschienen, wahrend der dritte schon
sehr weit gediehen ist, in nicht zu langer Zeit zu Ende geflihrt sein werde.
Weierstrass. Grttgler. 173
Trotzdem W. unablassig mit seinen tiefsinnigen analytischen Speculationen
beschaftigt war, fand er doch noch Muse, um im Auftrage der Akademie in
den Jahren 1881/82 die gesammelten Werke Steiner's herauszugeben, mit
Beihilfe seiner Schtiler nach dem Tode Borchardt's die von diesem begonnene
Veroffentlichung der Werke Jacobi's fortzufuhren und zu vollenden und sich
an der Redaction des Journals ftir Mathematik (von Band 91 — 103) zu be-
theiligen.
W. kannte den Werth seiner eigenen Leistungen sehr wohl, dessenunge-
achtet verschmahte er es, als ein Charakter von seltener Grosse, irgendwie
fur seinen eigenen Ruhm zu sorgen. Daher blieb er auch dem Auslande
lange Zeit unbekannt; aber als seine Schliler den Namen des Meisters in alle
Welt getragen hatten, und die Abschriften seiner Vorlesungen, in denen sich
die ganze Gedankentiefe des grossen Mannes abspiegelt, tiberall hin verbreitet
wurden, erkannte man ihm neidlos die erste Stelle unter den damals lebenden
Mathematikern zu und (iberschiittete ihn bei seinem 80. Geburtstage mit
Ehrenbezeugungen, die er zeitlebens nie gesucht hatte. Die treue Anhang-
lichkeit, die Liebe und der Dank seiner zahlreichen Schtiler, die damals den
Greis umgaben, waren ihm, wie er selbst versicherte, der schonste Lohn flir
seine mtihevolle Lebensarbeit.
Quellen: Nekrologe von C. Voit, Sitzungsberichte der MUnchoer Akademie 1897. 2.
und von E. Lampe, Leipzig 1897; ferner Leopoldina. XXXIII. S. 54 und WeierstTass*
Werke.
A. v. BraunmUhl.
GrSgler, Wilhelm. Am 6. Mai 1897 verschied in Folge eines Herz-
schlages der Genremaler, Zeichner und Illustrator G. im 58. Lebensjahre
und wurde am 8. Mai auf dem ostlichen (Auer-) Friedhofe begraben. Trotz
vielfachen Nachfragen gelang es nicht, weitere biographische Daten zu er-
reichen. Die zustandigen Lexica ignoriren seinen Namen, auch die Listen
des Kunstvereins; G. war kein Mitglied der Klinstler-Genossenschaft oder
des Kunstvereins, sein Name fehlt sogar im Mtinchener Adressbuch, wahr-
scheinlich weil derselbe nur als »Zimmerherr« (nach Adolf Bothe's »Adress-
buch der bildenden Kunstler der Gegenwart« 1897) in der Augusten-
strasse 41. I. wohnte. Ueber Geburtsort und Bildungsgang schweigen die
Quellen. Aus der Manier des Vortrags und der Wahl seiner Stoffe ware
vielleicht als Geburtsort auf Wien zu rathen ; er muss sich aber auch in Ber-
lin, Strassburg und zuletzt auch in Tirol und Mahren umgethan haben. Die
Kunstausstellungskataloge kennen ihn nicht. Der Miinchener Kunstverein
zeigte im August 1873 ein Oelbild »Bettelmdnch in einer Schenke«. Dagegen
erscheint sein Name haufig in illustrirten Slattern und Zeitschriften. Hier
folgen flir einen spateren Biographen nur einige seiner Arbeiten, welche ich mir
zufallig angemerkt habe. 1871 : »Vor der Verlustliste« (eine junge Frau mit zwei
Kindern, sucht mit dem Ausdrucke tiefster Bektimmerniss in dem an der
Strassenecke angehefteten officiellen Verzeichniss der auf dem Felde der Ehre
verwundeten und gebliebenen Krieger; im »Daheim« 1871. S. 61. — »Der
Ulan kommt!« in A. Schricker: »Deut. Kriegs-Ztg.« Stuttg. 187 1. S. 80. —
»Wirkungen beim Vortiberziehen eines Musikkorps« in No. 7 »Ueber Land
und Meer.« 1871. XXVII. B. — 1872: »Die Schule des Waldbruders« in
>Alte und Neue Welt«. 1872. S. 353. — Ulustrationen und Randzeichnungen
zu dem Liede »K6nig Wilhelm sass ganz heiter« im «Daheimkalender« 1872
S. 48. — »Der erste Schuss« (eines Knaben auf eine Wildtaube zur Freude
174 GrBgler.
seines forsterlichen Vaters) in » Das Neue Blatt«. S. 169. — 1873: »Der ver-
botene Weg« (ein junges Liebespaar iibersieht die Warnungstafel, wahrend die
Mutter im Hintergrunde durch Zuruf abmahnt) in Hallbergers »Die Illustr.
Welt«. 1873. S. 136. — »Alte und Neue Zeit« (ein Tiroler Htihnerhandler
mit seinem Sohne und einem bepackten Esel, bestaunen einen durch die Berge
dahin sausenden Bahnzug) in »Ulustr. Welt«. 1873. S. 589. — 1875: »Aus
der Mtinchener Bierwelt« in der »IUustr. Welt«. 1875. XXIV. S. 625, neun
Skizzen, dabei auch das Portrait der verstorbenen »Radi-Rosl«. — »Zeiten
und Menschen«. — »Ein Idyll« (ein feines Stadtfraulein, welchem ein junger
Schafer eine Hirtenpfeife schneidet; »Zehn Jahre spater« prasentirt derselbe
vor dem mit seiner Gattin voruberfahrenden General) in No. 16 »Ueber Land
und Meer«. 1875. XXXIII. B. — 1877: »Aus dem bayerischen Hochland*
in No. 47 »Ueber Land und Meer«. XXXVIIL S. 957 (5 Scenen mit Kinder-
begrabniss, Posthalterei , Wallfahrt in Birkenstein, Schuhplattl-Tanz und Kir-
tagsschluss) und Fortsetzung in No. 2 ebendas. XXXIX. S. 32. — 1878:
Scenen aus Hermann v. Schmid's Schauspiel »Z'widerwurzen« in No. 1832
»Hlustr. Zeitg.«, Leipzig 1878, S. 109 und aus dem Volkssttick Franz Bonn's
»Gundel vom Kdnigssee« in No. 1840 ebendas. vom 5. October 1878. —
»AUerhand Munchener Fahrgelegenheiten« im XV. Heft der »Alten und Neuen
Welt«. 1878. — »Eine Maus! Eine Maus!« (Schrecken in einer Madchenschule)
in »Illustr. Welt«. 1878. S. 36. — 1879: »Der Mtinchener Schafflertanz* in
No. 1858 Illustr. Ztg. Leipz. vom 8. Februar 1879. — »Weibliche Typen aus
Munchen« ebendas. No. 1861 vom 1. Marz 1879. — 1880: »Die Gebirgs-
schtitzen am Grabe der in der Bauernschlacht 1705 Gefallenen auf dem Send-
linger Kirchhof« in No. 1942 ebendas. vom 18. September 1880. — 1881:
Drei Scenen aus dem Schauspiel »Die Geierwally« von Wilhelmine von Hil-
lern« nach der Aufliihrung im Theater am Gartnerplatz zu Munch^n, ebendas.
No. 1962 vom 5. Februar 1881. — Zwolf Bilder »Aus den Munchener Som-
merbierkellern« in No. 38 »Ueber Land und Meer«. 1881. XL VI. B. S. 757.
— 1882: »Der Plampatsch« in No. 1 »Illustr. Welt«. 1882. — »Italien in
Deutschland« in No. 46 »Ueber Land und Meer«. 1882. XLVIII. B. S. 929.
— »Die Regatta in Starnberg« ebendas. No. 47, S. 945. — 1883: »Prinz
Wilhelm von Preussen in Wien. Die Revue auf der Schmelz am 28. April «
in No. 2081 »Illustr. Ztg.« Leipz. vom 19. Mai 1883. — »Allerseelen« ebendas.
No. 2105 vom 3. November 1883. — 1885: »Das Fasszieherfest in Nieder-
osterreich« in No. 2212 »Illustr. Ztg.« Leipz. vom 21. November 1885. —
1887: »Das Todaustragen in Mahren« in No. n »Gartenlaube«. 1887. — »Die
letzten Garben. Aus dem Alpachthal bei Brixlegg« No. 38 ebendas. — 1889:
»Mythologisches aus dem Ballsaal« in No. 14 »Ueber Land und Meer«. LXL B.
S. 321. — »Ein Idyll aus dem Berliner Thiergarten« (der Soldat als Kinds-
magd) in No. 27 »Ueber Land und Meer«. 1889. LXII. B. S. 581. — » Bil-
der aus dem Wiener Gasthausleben« in No. 38 »Ueber Land und Meer*. 1889.
LXII. B. S. 801, — 1890: »Dammwild-Fiitterung im Hirschgarten des Konigl.
Schlosses Nymphenburg« in No. 46 »I)as Neue Blatt«. 1890. S. 724. — Da-
mit enden leider meine zufalligen Aufzeichnungen, welche hoffentlich dazu
beitragen, das Interesse nachtraglich auf einen Ktinstler zu richten, welcher
weniger durch die strenge Sicherheit der Zeichnung, als durch den gemiith-
lichen Erzahlerton seines Stiftes das Leben seiner Zeit festzuhalten strebte.
Hyac. Holland.
Hirt 175
Hirt, Johann Christian, Bildhauer, * am 4. Marz 1836 als der erste Sohn
eines Kammmachers zu Ftirth, f am 19. August 1897 zu Miinchen. — H. that
sich schon in der Volks- und in der Gewerbe-Schule hervor, wo er Auszeich-
nungen und Pramien erhielt und durch selbstgefertigte Zeichnungen Aufmerk-
keit erregte. Erst bei einem Oheim im Kunstdrechsler-Handwerk in der Lehre,
schnitzte er viel in Elfenbein und gewann mit einem Becher auf einer Pariser
Exposition sein erstes Ehrendiplom. Im Jahre 1855 bezog H. die Mtinchener
Akademie und war bald an Fleiss und Konnen unter den Besten, ging aus
einer Concurrenz preisgekront hervor und bekannte sich bei Professor Max
Widnmann (gest. 3. Marz 1895) zur idealen Plastik. Ausser mehreren sehr
lebendig und individuell behandelten Biisten that sich H. hervor mit vielen
anmuthigen und zierlichen Gruppen und Statuetten, darunter ein etwas thea-
tralischer »Faust mit Gretchen«, eine »Spinnerin«, der »Verweigerte Kuss«,
das »Haideroslein«, Hermann und Dorothea, eine Lady Macbeth, Aschen-
brodel, eine horchende Amazone, eine oberbayerische Fischerin und ein ditto
Jager, ein Ritterfraulein mit der Laute und ein mittelalterlicher Flotenspieler.
Besonderen Beifall erwarben eine grosse »Charitas« (1872), ein mit seinem
»Hunde spielendes Kind«, ein »Madchen mit Zicklein« (1873), einige sehr
sinnige Grabfiguren u. s. w. In einem Cyclus schilderte H. dife »Vier Jahres-
zeiten« ; Scheffel's »Ekkehard« begeisterte ihn zu einer Gruppe, wie der junge
Monch die (vom KUnstler gar zu jugendlich gedachte und in Wahrheit gar
nicht so schone) Herzogin Hadwig von Schwaben Uber die Klosterschwelle
tragt. Viel glUcklicher war H. in der Darstellung des ganzen Zaubers frisch
knospender, unberiihrter Madchenschonheit, der unschuldigen »naked purity«,
und der vollen majestatischen Frauengestalt. Zu den beliebtesten Schopfungen
des Kiinstlers gehort eine unter verschiedenen Namen wiederholte, viel bewun-
derte »Quellen-Nymphe« (vgl. LUtzow's Zeitschrift 1882. XVII. 59), wovon
eine Variante fur die Sammlung des Miinchener Kunstvereins angekauft wurde;
die vom Schlangenbiss verwundete »Eurydike« (1879 a*s lebensgrosses Gyps-
model! auf der Intemationalen Kunstausstellung zu Miinchen und 1881 in
Carraramarmor fiir Koln ausgefiihrt), eine gefesselte »Andromeda« und »Are-
thusa« (nach H/s Tode im Februar 1898 auf Staatskosten fur die Konigliche
Glyptothek angekauft), welche mit einem »David<c und der Gruppe »Nessus
und Dejaneira« 1888 auf der Ausstellung zu Miinchen erschien. Mit Recht
riihmte die Kritik: »Der reine Geist, mit welchem der KUnstler die entziicken-
den Formen des Weibes wiedergegeben und ihr die ganze Flille des ver-
lockendsten sinnlichen Reizes verliehen hat, wahrend doch der hohe Adel der
Auffassung dem Beschauer unmoglich macht, einer niederen Regung auch nur
fiir einen Augenblick Raum zu geben, kann nicht hoch genug gepriesen wer-
den.« Weitere Schopfungen dieser Art waren eine »Klythia«, eine pfeil-
getroffene »Niobide«, eine trauernde »Eva«, blissende »Magdalena«, eine dem
Amor im Pfeilschiessen Unterricht ertheilende »Venus«, ein »Fischer und
Nixe« ; dazu ersanru seine nimmer rastende Phantasie eine Anzahl kleinerer,
reizender Erosspielereien : wie der kleine Liebesgott mit dem Blasebalg, am
Schleifstein und mit der Feile seine Waffen bereitet und zu grosserer Fahr-
lichkeit gliittet, eine ganze Serie von zierlichen Entwiirfen, welche aus H.'s
Nachlass die Kunstgewerbeschule erstand. Fiir die historische Galerie des
National-Museums lieferte H. die Statue Kaiser Ludwig des Bayern und das
Standbild des Herzog Johann Wilhelm (1680), auch allerlei allegorische
Figuren zu den Prachtbauten Konig Ludwig II. und fiir viele andere
176 Hirt Herpfer.
Gebaude Mtinchens im mehr oder minder ausgesprochenen Decorationsstyl.
H. entschlief nach langen Leiden. Er hatte allerlei Ehrenauszeichnungen
durch Medaillen erhalten und war Mitglied der Akademie und Konigl. Pro-
fessor, Bitter des Verdienstordens des hi. Michael u. s. w. Sein zahlreicher,
Uber 200 Nummern umfassender Nachlass mit Original -Arbei ten in Marmor
und Bronze, Gypsmodellen, Entwiirfen und Skizzen wurde am 7. Februar 1898
versteigert; der deshalb von E. A. Fleischmann's Hofkunsthandlung heraus-
gegebene Katalog zeigt das Portrait und Facsimile H.'s, wobei das Todesjahr
jedoch irrthiimlich mit 1896 (statt 1897) angegeben ist.
Vgl. die Nekrologe in Abendblatt 230 »Allgemeine Zeitungc vom 20. August 1879.
»Kunst fUr Alle« vom 15. September 1897, S. 397 (mit Portrait) und Kunstvereinsbericht
fur 1897, S. 72 ft
Hyac. Holland.
Herpfer, Karl, Genremaler, * am 30. November 1836 als der Sohn eines
Strumpfwirkers zu DinkelsbUhl, f am 19. Juli 1897 im Worthsee. — Obwohl zum
Geschaft des Vaters bestimmt, ftihrte H. Neigung und Befahigung bald zum kiinst-
lerischen Beruf. Im Alter von achtzehn Jahren bezog er die Akademie zu Mtin-
chen, lernte erst bei Professor Joh. von Schraudolph und Philipp Foltz, dann bei
Arthur von Ramberg, dessen Meisterschaft in der Behandlung der Rococozeit
ftir ihn schliesslich maassgebend wurde. Mit Eifer und Fleiss arbeitete er un-
ausgesetzt. Seine Bilder gefielen. Mit dem »Muttergliick«, darstellend ein
vornehmes, auf der Chaiselongue ruhendes Damchen, vor ihr die hiibsche Amme
mit dem netten Sprossling (Holzschnitt von Knesing in No. 11 »lleber Land
und Meer« 1872), der »Unterbrochenen Verlobungsfeier«, der »Ueberraschung
nach der JagcU (No. 8 »Ueber Land und Meer« 1875) un(J niehreren in
zopfigen Prunkgemachern und Antichambren spielenden amourosen Tandeleien
(»Rose in Gefahr«) machte sich H. einen beliebten Namen, welcher auch das
nicht kaufende grossere Publikum zu schatzen wusste. Seine farbenfrischen,
lebensprtihenden Gemalde fanden Absatz in den Kunstvereinen und Privat-
sammlungen; ftir weiteren Export nach England und Amerika sorgte der
Kunsthandel. Photographie, Holzschnitt und Farbendruck boten wetteifernd
die Hand. Ein anziehender Stoff, welcher an den Beschauer gerade keine
besonderen Ansprtiche auf tieferes Denken stellte, ansprechender Vortrag und
ein zierliches Colorit, insbesondere aber die tiberraschende Durchbildung alles
Nebensachlichen, der hiibsche architektonische Hintergrund, wozu die Ge-
m&cher des Schleissheimer und Nymphenburger Schlosses unerschopflichen
Vorrath boten, nebst einem figurenreichen Beiwerk, worin sich der Maler gar
nie genug thun konnte: das Alles zahlte zu dent Vorziigen, welche seinen
Schopfungen zahlreiche Freunde gewannen. Als Prototyp seiner Bilder mag
das durch einen leichten Regen gefahrdete »KellerfesU gelten (1885; Holz-
schnitt in No. 50 »Ueber Land und Meer« 1888): es ist eigentlich eine im
Costtim der Zopfzeit veranstaltete Maskerade, die ebenso gut am Rhein, in
Franken oder Schwaben sich abspielen konnte, da die Gesichter alle modernes
Geprage zeigen und nur die Bierkrtige altbayerische Signatur tragen. Ebenso
international geben sich eine harmlose Scene »Belauscht«, die »Ankunft eines
Taufpatheiu oder des »Brautwerbers« (No. 32 »Daheim« 1892), die »Vor-
stellung eines Verlobten«, eine »Dame am SchachbretU, »Am Kamin« oder
beim »Schachspiel« , ihren Gegner doppelt »matt« setzend. Der »Junge
Maestro an der OrgeU kann wohl Mozart heissen; der »Polterabend«>, die
»Schmlickung einer Braut« (»Illustr. Welt« 1897. S. 161), das »Gestandniss«,
Herpfer. von Bradke. i n j
die »Grtisse in die Ferne«, eine »Verhaftung« und ahnliche Costiimbilder
glitten ihm spater nur zu bereitwillig aus der Hand. Immerhin wird ein
guter »Herpfer« noch lange seine Zugkraft bewahren. Seltsamer Weise war
sein jtingstes, im Glaspalast 1897 ausgestelltes Bild »Sein letzter Lorbeer«
betitelt. H. endete wahrend eines Bades im Worthsee durch plotzlichen Herz-
schlag. Seine Gattin war schon am 5. Februar 1888, gleichfalls schnell und
unerwartet, aus dem Leben geschieden. Ein grosser Theil seines Nachlasses,
darunter alle Skizzen zu seinen sammtlichen Bildern, versteigerte am 1. De-
cember 1897 Carl Maurer; eine Serie von 180 Naturstudien und Zeichnungen
kam am 10. December im Munchener Kunstverein zur Ausstellung und wurde
verkauft. p
VgL No. 170 »Allgem. Ztg.« vom 21. Juni 1897. Kunstvereinsbericht fUr 1897. S. 71.
— Das Geistige Deutschland. Lpz. 1898. S. 292.
Hyac. Holland.
Bradke, Peter von, Professor der indischen Philologie und vergleichen-
den Sprachwissenschaft an der Universitat Giessen, * am 27. Juni 1853 zu
St. Petersburg, f am 7. Marz 1897 in Giessen. — Sein Vater war der einer
deutschen Familie entstammende russische Senator Georg von Bradke, der sich
um das Emporbllihen der Universitat Dorpat als deren Curator die hochsten
Verdienste erworben hat. In Dorpat, das ihm nach der Uebersiedelung des
Vaters die eigentliche Heimath wurde, erhielt er seine erste Ausbildung. Vom
Januar 1871 bis Ende 1875 widmete er sich an der dortigen Universitat
dem Studium der klassischen und germanischen Philologie und der verglei-
chenden Sprachwissenschaft, in die er von Leo Meyer eingeftihrt wurde.
Nachdem er im Marz 1876 das Diplom eines Candidaten der vergleichenden
Sprachkunde erworben, bezog er im Sommer dieses Jahres die Universitat
Tubingen, wo er zwei Jahre hindurch unter Rudolf von Roth's Leitung dem
Studium der indischen und arischen Philologie oblag, daneben aber auch
eifrig die Vorlesungen A. v. Gutschmid's fiber antike und orientalische Ge-
schichte horte. Die folgenden Jahre flihrten v. B. zu langerem Aufenthalte
nach Mtinchen, das ihm zu einer Zeit arbeithemmender korperlicher Leiden
durch seine Kunstsammlungen und den Unterricht des Altmeisters Heinrich
von Brunn Erholung und reiche Anregung bot, sodann nach Jena, wo er sich
Delbrtick anschloss und den hochverdienten Sanskritisten O. von Bohtlingk
kennen lernte, der ihm ein vaterlicher Freund und Berather wurde. Nachdem
er im Jahre 1882 sich in Jena die philosophische Doktorwiirde erworben,
habilitirte er sich am 1. November 1884 an der Universitat Giessen flir Sans-
krit und vergleichende Sprachwissenschaft; zwei Jahre spater wurde er dort
zum ausserordentlichen Professor, im Jahre 1894 zum ordentlichen Professor
ernannt. Mitten in erfolgreicher Berufsthatigkeit und in weitaussehenden
wissenschaftlichen Unternehmungen ist er durch ein bosartiges Darmleiden,
das wohl schon langA an seiner Lebenskraft zehrte, aber erst im Spatherbst
1896 zu ernsten Besorgnissen Anlass gab, nach monatelangem , heroisch er-
tragenem Leiden dahingerafft worden.
Seine literarische Thatigkeit eroffhete v. B. mit einer Untersuchung »iiber
das Manava-Grhya-Sutra« x), in welcher er die Stellung dieses Ritualwerks in
l) Zeitschrift der deutschen Morgenlandischen Geseilschaft, Bd. 36, 1882, S. 417 bis
477» woraus der erste Theil als Jenenser Inaugural -Dissertation im gleichen jahre ab-
gedruckt ist.
Biogr. Jahrb. u. Deutscher Nekrolog. 2. Bd. I 2
i78
von Bradke.
der Geschichte der indischen Literatur in ausserst grilndlicher Weise behandelte
(vergl. A. Barth's Bemerkungen in der Revue de Phistoire des religions, T. XI,
1885, S. 59 f.). 1st v. B/s Interesse auch in der Folge und bis in seine letzten
Tage dem Studium des Veda und den Problemen der Sprachgeschichte zuge-
wendet geblieben1), so nahmen ihn in den nachsten Jahren doch vor allem
Anderen Untersuchungen aus dem Gebiete der Religionsgeschichte und der indo-
gennanischen Alterthumswissenschaft in.Anspruch; dies erklart es denn auch,
dass er seine weit gediehenen Vorarbeiten zu einer Herausgabe des Manava-
Grhya-Sutra seinem Freunde F. Knauer uberliess. — Einen bedeutsamen Beitrag
zur Kenntniss der friihesten religiosen Entwickelung unseres Sprachstammes legte
v. B. in seiner Schrift »Dy4us Asura, Ahura MazdH. und Aie Asuras* (Halle
1885) vora). Ausgehend von der Betrachtung des Verhaltnisses des gotdichen
Asura im Rigveda zu dem Ahura Mazd£, dem hochsten Gott der Iranier,
gelangt die Schrift zu wichtigen Ergebnissen tiber die muthmaassliche alteste
Religionsform der Indogermanen , als welche v. B. einen Polytheismus mit
ausgepragt monarchischem Charakter erschloss. Die Spitze dieses polytheisti-
schen Systems bildet nach v. B. der leuchtende Himmelsgott Dyflus Pitar
Asura, der »Herr und Vater Zeus«, von dem die Lichtgotter der Indogermanen,
die DSvas, abstammen> die aber ihren himmlischen Vater, dessen Ehrentitel
»Asura« auf sie iibergeht und endlich im Veda zur Bezeichnung widergott-
licher Wesen dient, mit der Zeit vollstandig tiberwuchern sollten.
Schon in der eben genannten Schrift hatte v. B. seinen Bedenken gegen
die Methode und Ergebnisse der sogenannten »linguistischen Palaeontologie«,
die aus Wortgleichungen die Cultur der arischen Urzeit reconstruiren zu
kfinnen hoflfte, Ausdruck gegeben; durch die Fortfuhrung seiner culturgeschicht-
lichen Studien*) in den folgenden Jahren wurde alsdann eine principielle
Auseinandersetzung mit dem bekanntesten Vertreter jener Richtung, O. Schrader,
dessen weit verbreitete Schriften anscheinend einer allgemeinen Zustimmung
seitens der Fachgelehrten sich erfreuen durften, fur v. B. unvermeidlich.
Nachdem Schrader einen ersten in v. B.'s »Beitragen« gegen ihn geflihrten
Angriff scharf zurlickgewiesen hatte, entschloss sich v. B. die methodischen
Mangel der Schrader'schen »Sprachvergleichung und Urgeschichte« in grosse-
rem Zusammenhang darzulegen. Sein 1890 erschienenes Buch »Ueber Me-
thode und Ergebnisse der arischen (indogermanischen) Alterthumswissenschaft*
ist indessen weit tiber den Rahmen einer kritischen Auseinandersetzung mit
') Von hierher gehflrigen kleineren Arbeiten erwahnen wir: »Ein lustiges Wagenrennen
in Altindien« (Zeitschr. d. deutsch. morgenlfindischen Gesellschaft , £d. 46, S. 445 — 465);
Beitrage zur altindischen Religions- und Sprachgeschichte (ebenda, Bd. 40, S. 347 — 364,
655—698); »Ueber Vorvedisches im Veda (ebenda, Bd. 45, S. 68a — 684); »Zur Bharata-
Sage« (ebenda, Bd. 48, S. 498 — 503); »Ueber die sanskritiscbe Form der Wurxeln auf
skr. -ani und -ami« (Indogermanische Forschungen V, 266 — 273); »Zwei sprachgeschicht-
liche Skizien« (ebenda IV, 85 — 91); »Ueber den »Bindevokal« skn i griech. a im Perfectum*
(ebenda VIII, 123 — 160); »£tymologisch-grammatikali$che Bemerkungen und Skizten* (Zeit-
schrift f. vergleich. Sprachforschg. XXXIV, 152—159); »Etymologica« (ebenda XXVIII, 295
bis 301); »Von der Marut wunderbarer GeburU (In Gurupujakaumudi, Festgruss an R.
von Roth, S. 117— 125).
*) Ein Abschnitt dieses Buches wurde von v. B. 1884 unter dem Titel: » Ahura Mazda
und die A suras « als Giessener Habilitationsschrift eingereicht.
*) »Ueber die arische Alterthumswissenschaft und die Eigenart unseres Sprachstammes. «
Akad. Antrittsrede. Giessen 1888. »Beitrage zur Kenntniss der vorhistorischen Entwicke-
lung unseres Sprachstammes. « Festschrift fur O. v. Btthtlingk. Giessen 1888. »Einigc
Bemerkungen Uber die arische Urzeit« im » Festgruss an O. v. Bbhtlingk«. Stuttgart 1888.
von Bradke. Newald. iyo
dem Werke Schrader's hinausgewachsen, indem es zum ersten Male in um-
fassendster Weise die bisher kaum aufgeworfene Frage erorterte, »unter wel-
chen Bedingungen wir von der Etymologie Auskunft (iber die Cultur der
arischen Urzeit erwarten dlirfen, was sich fur diese aus sprachlichen Glei-
chungen ergiebt, und ob und inwieweit Ergebnisse dieser Art fest genug
stehen, urn weitere Folgerungen tragen zu konnen*. Indem v. B. an der
Aufdeckung der methodischen Schwachen und Irrgange des Schrader'schen
Werkes zeigte, wie sehr man auch in Fachkreisen die Bedeutung der Sprach-
wissenschaft fur die Aufhellung der Zustande der indogermanischen Urzeit
liberschatzt und wie weit man bei dieser Art von Culturgeschichtschreibung
von dem Wege strenger Methode sich entfernt hatte, darf sein Werk mit Fug
als ein »Markstein in der Geschichte der indogermanischen Alterthumswissen-
schafU bezeichnet werden. Von den wichtigeren Einzelergebnissen der cultur-
geschichtlichen Arbeiten v. B.'s sind namentlich die in seinen »Beitragen«
gemachten feinen Beobachtungen iiber das Problem der Sprach- und Volker-
mischung und iiber den muthmaasslichen Einfluss der Sprachen der nicht-
indogermanischen Urbevolkerung Europas auf die Entstehung der west -indo-
germanischen Dialekte hervorzuheben, ferner der Nachweis der hohen Be-
deutung, welcher den religiosen Culten fiir die Feststellung der engeren
Zusammengehorigkeit der einzelnen indogermanischen Volkergruppen zukomrrtt.
In seinen letzten Jahren concentrirte sich v. B. mehr und mehr auf die Vor-
arbeiten fur eine ausfiihrlichere Darstellung der indischen Religionsgeschichte.
Dass er sie nicht mehr zum Abschluss bringen durfte, ist um so schmerz-
licher zu beklagen, als man auch auf diesem Gebiete von dem Verstorbenen,
wie z. B. seine gedankenreiche , zu der modernen speculativ-ethnologischen
Betrachtungsweise der Religionsgeschichte allerdings in scharfe Opposition
tretende Besprechung von Oldenberg's »Religion des Veda« (Theolog. Literat.-
Zeitung 1895, 577 ff-) zei&> sehr bedeutsame, aus durchaus selbstandiger Ge-
dankenarbeit erwachsene Leistungen erwarten durfte.
Eine scharf ausgepragte, innerlich vornehme Personlichkeit, war v. B. mit
einer seltenen Empfanglichkeit fur alles kunstlerische Schaffen begabt und
verfugte iiber ein ungewohnliches Maass von gediegenstem Wissen und Belesen-
heit. Von lauterstem Charakter, war v. B. bei aller Scharfe des Urtheils und
einer ausgesprochenen Vorliebe fiir sarkastischen Humor eine hochst liebens-
wtirdige und wrohlwollende Natur von weichem und tiefem Empfinden, den
Seinen in zartlicher Liebe zugethan, ein Freund von goldener Treue. Ein
begeisterter deutscher Patriot, nahm er an alien Vorgangen des offentlichen
Lebens den regsten Antheil; unter der Vergewaltigung seiner baltischen Hei-
math, der er sein Leben lang in treuer Liebe anhing, hat er darum auch um
so schmerzlicher gelitten.
Nckrologe: H. Hirth in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1897, No. 71; Streit-
berg in den Indogerm. Forschungen Bd. VIII, Anzeiger (1897) S. 3^9 f. Einen Nekrolog
aus der Feder Thurneysens wird der Jahrgang 1897 des Bursian-Mtlller'schen Biographischen
Jahrbuchs fiir Alterthumskunde bringen.
Herman Haupt.
Newald, Julius, Dr. , Ritter von, Btirgermeister von Wien, * am 11. April
1824 zu Neutitschein (Mahren), f am 17. August 1897 zu Wien. — N., Sohn
eines unbemittelten Tuchmachers, absolvirte in Troppau das Gymnasium und
in Wien die Jura, worauf er den Doctorgrad erwarb. Nach langerer Praxis
im Justiz- und politischen Dienste, bei der Advocatur und dem Notariate,
12*
180 Newald.
ernannte ihn die Regierung zum Sffentlichen Civil- und Militaragenten in Wien
mit der Berechtigung zur Parteienvertretung. 1857 vermahlte er sich mit
Laura Dirnbock, der Tochter des Gemeindevorstehers in der Wiener Alser-
vorstadt. Von 1864 an vertrat N. den ersten Wahlkorper des DC. Bezirkes im
Wiener Gemeinderathe, 1868 wurde er alszweiter, 1869 als erster Btirgermeister,
stellvertreter erwahlt. 1 866 wurde er fur seine Thatigkeit wahrend des Krieges
mit dem Franz-Josefs-Orden, 1873 m*t der eisernen Krone decorirt und in den
erblichen Ritterstand erhoben. Seine sehr gut gehende Agentur legte er 1872,
um sich ganz dem dffentlichen Leben zu widmen, zurtick. Nach Felder's
Demission, Juli 1878, wurde N. mit 109 von 111 Stimmen unter Acclamation
des ganzen Gemeinderathes zum Btirgermeister gewahlt. Im Juli 1881
erfolgte seine Wiederwahl mit 95 von 119 Stimmen. Nach seiner erfolg-
reichen Mitwirkung am Gelingen des herrlichen Festzuges von 1879 war er
mit dem Comthurkreuze des Franz-Josefs-Ordens decorirt worden, wozu ihm
der Kaiser bei der Vermahlung des Kronprinzen den Stern verlieh. — N. hat
sich im Gemeinderathe u. A. um die Dienstpragmatik und die Wiener Bau-
ordnung (beide sein Elaborat) verdient gemacht, desgleichen um die Donau-
regulirung und um andere grosse Schopfungen (Hochquellenleitung, Rath-
hausbau u. s. w.). Selbst N.!s Gegner mussten seine Arbeitskraft, seine Kennt-
niss der Verwaltung, seinen juristischen Scharfsinn, vor Allem aber die Makel-
losigkeit seines privaten und 6ffentlichen Charakters anerkennen. Als Vor-
sitzender war er von musterhafter Objectivitat. Ein ausgezeichneter Admini-
strator sah er die Aufgabe der Gemeindevertretung mehr in positiver Arbeit,
als in der Politik. Zum Parteienkampfe fehlte ihm die Schneidigkeit. Sein
conciliates Wesen wurde oft zu haltlosem Schwanken. NVs Sturz steht im
Zusammenhange mit der entsetzlichen Ringtheaterkatastrophe (8. December
1 881). Aus den unerquicklichen Debatten tiber die Verantwortung fiir das
namenlose UnglUck entspann sich ein Notenkrieg zwischen N. und dem Statt-
halter Possinger. Als der Vertreter des Letzteren (Kronenfels) in oflfener
Gemeinderathssitzung den Btirgermeister actenwidriger Darstellung beschul-
digte, als NVs eigene, die Mittelpartei, gegen ihn Stellung nahm, resignirte
er, seelisch gebrochen, auf sein Amt (24. Januar 1882). Das Schwerste sollte
aber fiir den Hartgeprtiften erst kommen. Die Staatsanwaltschaft erhob auch
gegen N. die Anklage nach § 335 Strafgesetz (fahrlassige Todtung), weil er
die Durchftihrung der seiner Zeit erlassenen Theaterordnung verzogert habc.
Der Exbtirgermeister konnte sich, — was alle Welt erwartet hatte — so voll-
kommen rechtfertigen , dass die Anklage noch vor Schluss des Processes zu-
rtickgezogen und N. freigesprochen wurde. Er empfing damals von alien
Seiten Zeichen der Sympathie. Eine hundertkopfige Deputation von Wiener
Btirgern tiberreichte ihm eine mit mehr als 40000 Unterschriften bedeck te
Gltickwunschadresse. — Nachdem N. 1882 auch aus dem Niederosterreichi-
schen Landtage, dem er mehrere Jahre angehort, ausgetreten, lebte er in voller
Zurtickgezogenheit, bis an sein Ende geistig und korperlich rtistig. Er erlag einer
Nierenentztindung am 17. August 1897. Seine Leiche wurde unter officieller
Betheiligung der Commune in Klosterneuburg beerdigt. Mit Recht konnte
Btirgermeister Lueger an der offenen Graft sagen, dass hier ein Mann scheide,
dem schweres und bitteres Unrecht widerfahren war. Ein von der Gemeinde
angebotenes Ehrengrab hatte die Familie abgelehnt. N.'s Portrat, von Eugen
Felix gemalt, befindet sich in der Btirgermeistergallerie des Wiener Rath-
hauses.
Freiberr von Dalwigk. Kaiser. jgi
Dalwigk, Reinhard Ludwig Karl Gustav von, Freiherr, * am 21. Ja-
nuar 1818 in Cassel, f am 3. Juni 1897 zu Wohlheiden bei Cassel. — Sohn
des kurhessischen Majors und Hofmarschalls Alexander Felix Freiherr v. D. zu
Lichtenfels und der Gemahlin desselben, Hedwig, geborenen Milchling von
und zu Schttnstadt. Er verlebte seine Kinderjahre grosstentheils in Arolsen,
wohin sich sein Vater zurtickgezogen hatte, nachdem er beim Kurfiirsten
Wilhelm II. in Ungnade gefallen war, sowie in Weilburg und in Bielefeld, wo
er das Gymnasium besuchte. Nachdem er in Heidelberg und Marburg Jura
studirt hatte, erhielt er 1847 e*ne Anstellung als Kammerjunker am Gross-
herzoglichen Hofe zu Oldenburg und fasste 1848 den Entschluss den Feldzug
in Schleswig als Freiwilliger mitzumachen, wozu ihm der Urlaub in sehr gna-
diger Form ertheilt wurde. Nachdem er in verschiedenen Gefechten und am
5. Juni in der Schlacht von Diippel mitgefochten hatte, schied er am 26. Octo-
ber 1848 mit dem Charakter als Lieutenant wieder aus und trat in den
Oldenburgipchen Militar- und Hofdienst zurtick. Am 15. October 1850 wurde
er zum Oberlieutenant und Cavalier Sr, Kgl. Hoheit des Erbgrossherzogs er-
nannt und trat 185 1 ganz in den Hofdienst liber. Als Kammerherr begleitete
er dann Se. Kgl. Hoheit den Erbgrossherzog Nicolaus Friedrich Peter, auf
dessen Reisen nach Italien und Griechenland und darauf zu den Vermahlungs-
feierlichkeiten nach Altenburg. Am 19. October 1851 heirathete er Jenny
Charlotte von Wachholtz, Tochter des Braunschweigischen Generals F. L.
von Wachholtz.
In ein naheres Verhaltniss zum Publikum trat v. D. als Chef der Gross-
herzoglichen Hofkapelle (seit 1854) und als Vorstand der Grossherzoglichen
Theaterkommission (seit 1868). In dieser Eigenschaft hat v. D. mit liebevollem
Eifer viel fiir die Weiterentwickelung des Oldenburger Kunstlebens gethan,
da in ihm feiner, geistiger Geschmack, ideales Streben und achter Kunsteifer
zur schonen Zusammenwirkung sich trefflich verbanden. Das Grossherzogliche
Theater hat er stets in demselben Sinne zu lei ten gesucht und gewusst, in
welchem das alte Hoftheater um die Mitte der vierziger Jahre seinen Ruhm
begrlindet hatte, und fiir das Musikleben sorgte er fordernd namentlich
durch die Berufung von Albert Dietrich als Hofkapellmeister (1861). Nachdem
er beiden Kunstinstituten auch nach seiner Ernennung zum Oberhofmarschall,
Excellenz, (1873. 1877) noch lange Jahre vorgestanden hatte und auch ausser-
dienstlich als Vorsitzender des Kunstvereinsvorstandes in seiner feingeistigen
Weise anregend und fordernd gewirkt hatte, zwangen ihn leider Alter und
Befinden 1893 seine Chargen niederzulegen. Zum grossen Bedauern seiner
hiesigen Freunde und Bekannten verliess er dann Oldenburg und kehrte in
die alte Heimath zurtick, wo er in der N&he seiner Kinder und nachsten
Verwandten noch einige Jahre theils auf dem Familiengute seiner Speciallinie,
Kampf im Waldeckischen , theils in Wehlheiden bei Cassel gelebt hat, bis er
hier im achtzigsten Jahre seines Lebens sanft entschlafen ist. — Sehr ver-
dienstvoll und fiir die Geschichte des deutschen Theaters wichtig ist seine
1881 erschienene »Chronik des alten Theaters in Oldenburg (1833 — i88i).«
Dr. Reinhard Mosen.
Kaiser, Victor, Dr. phil., Professor der Philosophic und Culturgeschichte,
* am 3. Juli 1 82 1 in Solothurn, f daselbst am 30. September 1897. — Der
Sohn wackerer Eltern, die sich aus bescheidenen Anlangen zu einem ansehn-
lichen Wohlstande emporgearbeitet hatten und nichts vernachl&ssigten, um
1 82 Kaiser.
ihren beiden Sohnen eine tiichtige Erziehung zu gewahren, besuchte K. mit
gutem Erfolge die Primarschulen und die aus Gymnasium und Lyceum be-
stehende cantonale hOhere Lehranstalt in Solothurn. Ohne sich fllr ein be-
stimmtes Berufsstudium entschieden zu haben, ging er im Herbste 1839 an
die Universitat Jena, spater nach Leipzig und Berlin. Unter Gdttling, Stickel,
Gottfried Hermann, Moritz Haupt, Immanuel Bekker und Lachmann h6rte
er philologische, unter Luden, A. Becker, Ranke geschichtliche und kunst-
historische, unter Hartenstein, Chr. Weisse, Schelling und Trendelenburg philo-
sophische Vorlesungen. Ferienreisen filhrten ihn nach Dresden und Kopen-
hagen, wo er in der Betrachtung der dortigen Kunstschatze den Grund zur
Kenntniss der Kunstgeschichte legte, die neben der Philosophic der Haupt-
gegenstand seiner Studien wurde. Nachdem er am 15. Februar 1845 von der
Universitat Leipzig auf Grand seiner Dissertation »De numeris Platonis« zum
Doctor der Philosophic promovirt worden war, widmete er sich im folgenden
Winter an der Akademie in Genf dem Studium der franzosischen Sprache
und Literatur und kehrte dann in die Heimat zurtick, um sich auf die
akademische Laufbahn vorzubereiten. Von seinem Vorhaben, sich an der
Berner Universitat als Privatdocent zu habilitiren, wurde er im Frtihling 1847
durch seine Wahl zum Professor der Philosophic und Culturgeschichte am
Lyceum in Solothurn abgewendet, eine Stellung, in der er ttber 50 Jahre als
hochangesehener Lehrer wirken sollte. Seine philosophischen Vortrage, in
denen er sich hauptsachlich an Herbart anschloss, erstreckten sich anfanglich
in zwei Jahreskursen auf sammtliche Disciplinen dieser Wissenschaft; die all-
mahliche Umgestaltung der hdheren Lehranstalt, durch welche neue F&cher
in den Lehrplan eingeftihrt wurden, hatte eine Verminderung der Stunden-
zahl und damit auch eine Beschrankung des philosophischen Unterrichts zur
Folge. Ebenso anregend und fruchtbar wie als Lehrer der Philosophic wirkte
K. durch seine Vortrage iiber Culturgeschichte, welche die Zeit vom Alter-
thum bis zum 18. Jahrhundert umfassten und in denen er es in vorztlglicher
Weise verstand, seine Zuhorer auch mit der Entwickelung der Kunst bekannt
zu machen. Frei von materiellen Sorgen und sich eines schdnen Familien-
lebens erfreuend, das allerdings durch den Tod seiner ersten Gattin und eines
Sohnes aus zweiter Ehe auch schwere Trtibungen erlitten hatte, widmete K.
seine freie Zeit seinen Lieblingsstudien in seinem traulichen Heim, das er
allmahlich mit reichen Kunstschatzen ausstattete und in harmonischer Weise
ausschmtickte. Zahlreiche Reisen nach Wien, Berlin, Miinchen, Kopenhagen,
nach den Niederlanden, England und besonders nach Italien, das er drei Mai
besuchte, waren eingehenden Kunststudien gewidmet und boten ihm Gelegen-
heit, seine Kenntnisse zu bereichern und die durch seine Forschungen ge-
wonnenen Anschauungen zu befestigen. Mit besonderer Vorliebe beschaftigte
er sich mit der Philosophic und Kunst der italienischen Renaissance, dann
aber auch mit den Vertretern der neuern deutschen Renaissancekunst. Wie
nach K. die Hauptwerke der beiden grdssten Meister der italienischen Re-
naissance, Michelangelo und Raphael, das gleiche Geprage ihres Zeit-
alters, den Stempel des philosophischen oder platonischen Humanismus tragen,
so hangt auch die neuere deutsche Renaissancekunst, wenn auch unbewusst
und mittelbar, mit diescm zusammen: die Vermittelung zwischen beiden bilden
sowohl der Platonismus in den Werken Michelangelo's als auch die antike
Reliefkomposition der hellenischen Sophrosyne, welche Thorwaldsen als
klassischen Ausdruck der Menschenwlirde erkannt und im Geiste Winkelmann's
Kaiser. Hochl. 1 83
bei seinen Nachfolgern Cornelius und Kaulbach zur anerkannten Geltung
gebracht hat. »So stimmt der Humanismus in der Kunst der Gegenwart
tiber Jahrhunderte hinaus tiberein mit dem philosophischen Humanismus der
italienischen Renaissance und liber Jahrtausende hinweg mit dem Humanismus
Platons.« Diesem Grundgedanken ist eine Reihe von Abhandlungen gewidmet,
welche sowohl von K.'s grlindlichen Studien, wie von seinem feinen und scharf-
sinnigen Eingehen auf die verborgensten Intentionen der Klinstler beredtes
Zeugniss ablegen. In der Form von offentlichen Vortragen abgefasst, die er
in Solothurn gehalten hat, sind folgende von diesen Abhandlungen, zum Theil
erweitert, durch den Druck veroffentlicht worden: Der Gegensatz der idealen
Humanitat zum Materialismus. Bern 1869; Macbeth und Lady Macbeth in
Shakespeares Dichtung und in Kunstwerken von Cornelius und Kaulbach.
Basel 1876; Cornelius und Kaulbach in ihren Lieblingswerken. Basel 1877;
Kaulbach's Bilderkreis der Weltgeschichte. Berlin 1879; Der Platonismus
Michelangelo's: I. Michelangelo's Adam. II. Michelangelo's Jonas. III. Michel-
angelo's Medicaer. In Zeitschrift fur Volkerpsychologie und Sprachwissen-
schaft, 15. und 16. Band, Berlin 1884 — 1886; Der Humanismus in der Kunst.
Frauenfeld 1896; Homer und die Sybille in Kaulbach's Bilderkreis der Welt-
geschichte. Hamburg 1897. Alle diese Abhandlungen, die sich sowohl durch
ihren Gedankenreichthum wie durch die formvollendete Sprache auszeichnen,
bildeten gewissermassen die Bausteine zu einem grosseren Werke tiber die
Idee der Menschenwiirde in der Kunst Italiens und Deutschlands, dem K.
die letzten Jahre seines Lebens zu widmen gedachte, dessen Ausftihrung aber
sein unerwartet rascher Tod verhinderte. Zum 15. Februar 1895 hatte ihn
die philosophische Facultat der Universitat Leipzig, bei Anlass der flinfzigsten
Wiederkehr des Tages seiner Promotion, mit der Erneuerung seines Doctor-
diploms und einer Gllickwunschadresse geehrt, als einen Mann, »qui poeseos
et picturae rationes mutuas eleganti iudicio persecutus est«. Am 30. Juli
1896 feierte er, gemeinsam mit seinem Collegen Professor Dr. F. Lang, das
funfzigjahrige Jubilaum seiner Lehrthatigkeit an der Cantonsschule von Solo-
thurn und hatte sich der herzlichen Beweise der Anerkennung der Behorden
und Collegen wie der treuen Anhanglichkeit seiner Schtiler, die zahlreich zu
dem seltenen Doppelfeste herbeigeeilt waren, zu erfreuen. Im Laufe des
folgenden Schuljahres reichte er, trotz seiner 76 Jahre sich noch voller geistiger
Frische erfreuend und von den Schwachen des Alters wenig beriihrt, seine
Demission ein, um, wie er sich ausserte, seine angefangenen wissenschaftlichen
Arbeiten weiterzufiihren und zu vollenden. Leider sollte ihm das nicht ver-
gonnt sein, und am Vormittag des 30. September 1897 starb er, ohne lan-
geres vorhergehendes Unwohlsein, plotzlich an einem Herzschlage, tief be-
trauert nicht nur von seiner Familie, sondern auch von seinen ehemaligen
Schiilern und alien denen, die das Gltick gehabt hatten, sich des Umgangs
mit dem durch seine reichen Kenntnisse, wie durch seine liebenswiirdigen
Charaktereigenschaften ausgezeichneten Manne zu erfreuen.
Festrede, gehalten von Rektor Dr. Kaufmann an der flinfzigjahrigen Jubelfeier der
Herren Professoren Dr. Victor Kaiser und Dr. Franz Lang, im Jabresberichte der Kantons-
scbule von Solothurn fur das Schuljahr 1895/96; Festnummer zum »01tncr Tagblatt* vom
30. Juli 1896, mit der von P. Dietschi verfassten Biographie der beiden Jubilare; Solo-
thurner Tagblatt 1897, No. 229 u. 230. p. .
Hochl, Anton, Architecturmaler, * am 20. Februar 1820 zu Miinchen,
f am 21. Februar 1897. — H. war der Sohn des durch eine Menge von
1 84 H*chl-
Bauwerken wohlbekannten Stadtbaumeisters Jakob Hochl (* am 5. Marz 1777,
f am 6. Januar 1838), welcher als Maurermeister bei vielen Schopfungen
Konig Ludwig I. thatig war und durch artistische Privatbauten ein h6chst
ansehnliches Vermogen erwarb. Da der Vater die Ansicht hegte, dass jedes
Handwerk einen goldenen Boden habe, so musste der reiche Btirgersohn von
der Pike auf dasselbe grtindlich kennen lernen, friihzeitig Mortel riihren und
Steine tragen, als Maurer in Tagelohn sich zum Palier durcharbeiten und
nebenbei wacker zeichnen und rechnen. Beides verstand er bald grtindlich,
insbesondere das Rechnen; beim Zeichnen kam seine ktinstlerische Anlage
zum Durchbruch, welche sich in anerkenneswerther Weise gel tend machte.
So fertigte der junge H. die Modelle zu dem aus gebrannter Ziegelerde be-
stehenden Prachtthore der k5nigl. Salinen-Administration in der Ludwig-Strasse.
Leider blieb das schone Vorbild, dieses dem Mtinchener Clima so angepasste
Material ktinstlerisch zu verwerthen, ohne weitere Nachfolge. Nach dem Ab-
leben des Vaters, eines ausserordentlich ernsten, streng rechtlichen und ge-
wissenhaften Geschaftsmannes, der indessen nicht ohne ktinsderische Interessen
war und in seiner Jugend mit hellen Augen Italien bereist und viele interessante
Studien gezeichnet und angesammelt hatte, wendete sich H. zur Kunst und
erwahlte unter der Leitung von Michel Neher (1798— 1876) die Architectur-
malerei als dilettantischen Lebensberuf. Den Betrieb seiner, in bester Lage
auf dem rechten Isarufer weit ausgedehnten Ziegeleien setzte er fort, auch
aus dem echt humanen Interesse, den braven Arbeitern seines Vaters nicht
den Stuhl vor die Thlire zu stellen; er hielt diese Maxime beinahe zeit-
lebens fest, als spater der Tagelohn bedeutend gestiegen war und die reich
angewachsene Concurrenz den Ertrag gewaltig herabdrtickte. Nur wider-
strebend liess er sich herbei, seine alten Mietheinwohner im Hauszins zu
steigern, obwohl die officielle Einschatzung den wirklichen Ertrag seiner
Hauser theilweise ofters tiberschritt. In dieser Beziehung obwaltete bei ihm
ein conservatives Element, welches ihn mit seinen Inwohnern in eine fast
cordiale Beziehung brachte, welche sich auch nicht abschwachte, wenn diese
sein Dach und Fach verliessen und anderswohin verzogen. Dagegen war er
freilich kein Freund von verbessernden Neuerungen, er hatte am liebsten
Alles auf dem alten Fusse gelassen; selbst die dringendsten Reparaturen
erfolgten nur nach langen Vorstellungen, auf besondere Ftirsprache und Bitte.
Auf seinen kleinen Oelbildern und zahlreichen Aquarellen schilderte er mit
grosser Vorliebe das alterthlimliche Winkelwerk Altmtinchens, mit dessen
Hausern, Thoren, Thtirmen und Basteien, welche allmahlich der Neuzeit
weichen mussten und jetzt schon ein gesteigertes, historisches Interesse ftir sich
in Anspruch nehmen. Seine Aufnahmen waren moglichst treu und wahr; zu der
minutiosen Ausfuhrung seines Lehrers Neher fehlte ihm aber die fleissige Ge-
duld; H, liebte mehr eine behagliche Breite des Vortrags, ohne sich in be-
sondere Stimmung allzu angstlich zu vertiefen. Mit gleicher Vorliebe und
Umsicht besuchte er auch andere Stadte und Marktflecken, Schlosser und
Burgen Altbayerns und Frankens. Mit solchen Schilderungen beschenkte H.
die historischen Vereine, das National-Museum und andere Sammlungen auf
das Freigebigste. Zur unsaglichen Freude gereichte es ihm, wenn seine Bil-
der unerwarteten Absatz und Kaufer fanden. Dieses wohlverdiente Geld gait
ftir ihn als ein »Schatz«, ebenso wie der frliher so schwer erworbene Tage-
lohn. Seiner geschaftlichen Thatigkeit wegen, wozu wohl eine mit dem
Alter zunehmende Bequemiichkeit mithalf, verzichtete er auf eine lang ge-
Httchl. 185
plante Studienreise nach Venedig. In jtingeren Jahren machte er mit seiner
Frau — er hatte ein ganz armes, braves Madchen geheirathet — eine Fahrt
nach Paris, welche aber gar keine klinstlerische Ausbeute und keine Aende-
rung in seiner Technik und Farbe brachte. Dagegen sammelte H. eine
schone Galerie von kleinen Bildern, womit er fast alle seine Zeitgenossen in
lehrreicher Weise vereinte. Hierbei mag ihm bisweilen wohl auch die Charitas
manches StUck geliefert haben; fttr solche edle Bestrebungen besass er eine
hochst freigebige, aber nicht immer offene Hand. Einen verschollenen Marine-
maler subventionirte H. grossmttthig, ohne dass der Betroflfene voile Kenntniss
erlangte, woher die Htilfe kam. Einem unverschuldet geiahrdeten Collegen
gewahrte er die Mittel, wieder festen Fuss zu fassen. Ausser der Malerei
cultivirte H. eine gemiithliche Hausmusik und spielte dabei Cello und Brat-
sche mit Uberraschend tiefer Empfindung. Geschichtlichen Studien oblag er
gern, durch ein neidenswerthes treues Zahlen- und Datengedachtniss unter-
stiitzt. Auf seiner, am Reste eines ehedem gewaltigen, weit verzweigten
Stadtwaldes liegenden Ziegelei grtindete er sein stilles Tusculum, aus welchem
er taglich zu seiner innigst geliebten alten Mutter und in das benachbarte
»Tivoli« oder zu den abendlichen Symposien des Herzogs Maximilian (1808 — 88)
fuhr, welcher den sonst so stillen Mann seines gediegenen Wissens und Charakters
wegen schatzte. Auf einer seiner nachtlichen Rtlckfahrten wurde H. im
Winter 1885 von vier Strolchen iiberfallen und nur durch glUcklichen Zu-
fall vor weiterer Gefahr gerettet. Von da an schloss er sich noch enger ab
und besuchte nicht einmal mehr seinen schonen Waldfrieden, welchen eine
von Heinrich Natter gemeisselte Colossalstatue Wotans kronte. Nach dem
1893 erfolgten Ableben seiner Gattin verschwand H. ganz in der Stille seines
Hauses, kaum einigen Auserwahlten bisweilen einen kurzen Zutritt gewahrend,
vielfach geplagt von den wirklichen oder auch eingebildeten Zufallen und
Launen des Alters, bis er ohne besondere Krankheit am 21. Februar 1897
den unabanderlichen Gesetzen der Natur erlag. Sein umfangreiches Vermogen
und die Verwaltung desselben hatte ihm sicherlich mehr Kummer, Sorgen
und Verdruss als Vergntlgen oder Genuss bereitet. H. hat an dritthalb Hun-
dert Bilder gemalt. Als ihm die Ausfltige zu eigenen Skizzen und Studien
lastig wurden, sendete er gute Photographen nach verschiedenen Gegenden
Altbayerns zur Aufnahme von denkwiirdigen Grabdenkmalen, Skulpturen und
Bauwerken von historischer Bedeutung und stiftete solche Reproductionen in
Vereine und wissenschaftliche Sammlungen mit unermtidlicher Liberalitat.
Einen grossen Theil seiner umsichtig angelegten Gallerie von Gemalden gleich-
zei tiger Kiinstler vermachte H. der Kfinigl. Neuen Pinakothek, wo sie zur
Erinnerung des Stifters eine ganze Wand in einem der grosseren Cabinete
fallen. Seine nicht bloss Bavarica, sondern viele grosse Geschichtswerke und
erhebliche Kunstliteratur umfassende Bibliothek stiftete H. in die Sammlungen
des Historischen Vereins von Oberbayern, dazu seine Collection von alteren
Miinzen, Waffen und Skulpturen, dazu die ganze Folge seiner von 1831 bis
1896 laufenden Tagebiicher, in welchen er die Hauptereignisse aus Politik
und Tagesgeschichte verzeichnete und alle beriihmten, im Gebiete des Wissens
oder der Kunst verdienten Namen mit charakteristischen Zusatzen und Re-
flexionen eintrug: eine Art biographisches Urkundenbuch, welches wohl zu
weiterer Mittheilung und Bearbeitung reizen dtirfte. Mit einer grossen Anzahl
von Legaten bedachte H. eine Menge von Vereinen, gemeinnutzigen Genossen-
schaften und Stiftungen, darunter die Waisen- und Armen-Anstalten, auch
1 86 Hochl. Freiherr von Leoprechting.
die Freiwillige Feuerwehr Miinchens, welchen er zeitlebens gerne gespendet
hatte.
Vergl. Abendblatt 54 »Allgemeine Zeitung* vom 23. Februar 1897. Kunstvereins-
Bericht fttr 1897. S. 73.
. Hyac. Holland.
Leoprechting, Marquard, Freiherr von, konigl. bayer. Oberst a. D. und
Maler, * am 30. Juli 1839 zu Straubing, f am 9. Januar 1897 zu Mtinchen. —
L., Sohn des damaligen Kreis- und Stadtgerichts-Assessors Maximilian Frei-
herr von Leoprechting, erhielt im kOnigl. Cadettencorps zu Mtinchen seine
Bildung und bekundete frlihzeitig seine besondere Anlage durch Zeichnungen
und Compositionen, in welchen sich eine unverkennbare Begabung und
scharfe Naturbeobachtung, verbunden mit neckischer Laune und heiterem
Ffohsinn, aussprach. Seine geselligen Fahigkeiten machten den jungen Officier
vielfach beliebt. Aus dem Kriege des Jahres 1866 kehrte er heil zurtick und
avancirte zum Oberlieutenant im k6nigl. bayer. 4. J&ger-Bataillon. Dagegen
wurde ihm am 31. August 1870 bei Ersttirmung der Eisenbahnbrticke von
Bazeilles durch ein Chassepotgeschoss der linke Oberschenkelknochen voll-
standig zerschmettert; auch jetzt noch enthusiasmirte er seine wackeren Jager,
alle Hilfe von sich weisend. So blieb er lange liegen, bis ihn endlich zwei
seiner braven Krieger fanden und an Dr. von Nussbaum ablieferten, durch
dessen vorsichtige Operation der junge Held gerettet wurde, aber fttr den
weiteren Dienst untauglich blieb, da er sich nur durch einen kUnstlichen
Schuh bewegen konnte, was jedoch seine edelmtithige Braut, die Senators-
tochter Emma Hartung aus Hamburg, nicht abhielt, ihm 1872 die wohlver-
diente Hand zu reichen. Seine unfreiwillige Musse, in welcher er gesetz-
massig weiter avancirte, benutzend, widmete er sich ganz der Zeichnung und
Malerei, nachdem er seine Erinnerungen aus dem Jahre 1866 in einem ganzen
Cyklus von Illustrationen niedergelegt und einen Theil seiner Erlebnisse aus
dem franzosischen Kriege in A. Schricker's »Deutscher Kriegszeitung« (Stutt-
gart 1870 und 187 1 bei G. Weise) in Bild und Wort sehr anziehend ver-
arbeitet hatte. Unter der Leitung von Ferdinand Barth (f am 30. August
1892), insbesondere aber im Atelier des Professor Wilhelm von Dietz suchte
L. nun die frtiheren Versaumnisse im Gebiete der Technik nachzuholen.
Indem er sich mit grosser Vorliebe auf das Studium des altbayerischen Volks-
lebens warf, gelang es ihm, eine Reihe htibsch durchgeftihrter Genrebilder
zu schaffen — darunter einen einsamen »Raucher«, einen »Flickschneider«,
allerlei harmlose Ktichen- und Wirthshausscenen, Gemtise-, Fisch- und Wild-
preth&ndler, auch ein »Strickendes M&dchen« — , welche bereitwillige Ab-
nehmer und Kaufer fanden; nebenbei dachte er auch an Schlachten- und
Kriegsscenen aus alter und neuer Zeit. Insbesondere aber excellirte L. in
kleinen, ausserordendich sicher hingeschriebenen Federzeichnungen, in welchen
er, unterstiitzt durch ein scharfes ErinnerungsvermOgen und durch eine fast
photographisch treue Wiedergabe, allerlei Charaktere aus dem taglichen Leben,
seine Reise- und Sommerfrische-Eindrticke aus der Schweiz, Tirol, aus See-
bader-Erlebnissen und aus dem Hamburger Treiben, meist nur auf Visiten-
karten, Enveloppes und Papierfragmenten skizzirte. Aus ihnen spricht eine
hochst gemlithliche Heiterkeit und schalkische Laune, welche jeden Beschauer
gewinnt, erfreut und fesselt. Eine durch photographischen Lichtdruck ver-
vielfaltigte Auswahl in Albumform dtirfte gewiss noch auf zahlreiche Freunde
rechnen. Erwahnenswerth ist auch ein Skizzen -Cyklus »Aus dem Cadetten-
Freiherr von Leoprechting. Lossow. 187
leben«, welche Frhr. v. L. auf 28 durch Meissenbach reproducirten Blattern
mit der Widmung an S. K. Hoh. den Prinz-Regenten Luitpold 1890 heraus-
gab. Der edle Freiherr zahlte ebenso wie Ferdinand von Miller, Heinrich
Lang (f 1 891), August Spiess, Adolf Paulus u. A. zu den Symposien-Gasten
des kunstsinnigen Regenten. So verflossen in heiterem Schaffen, getragen
von einer glucklichen Ehe, zwei schone Decennien, bis offenbar im Zusam-
menhang und in Folge seiner Verwundung jene Symptome eines ttickischen
Nervenleidens auftraten, welches sich lahmend iiber die ganze unverwtistlich
scheinende Natur des prachtigen Mannes ausbreitete.
Vergl. Abendblatt 11 »Allgemeinc Zeitungoc 11. Januar 1897 und No. 18 Morgcn-
blatt der »Neuesten Nachrichtcnoc 13. Januar 1897.
Hyac. Holland.
Lossow, Heinrich, Genremaler, * am 10. Marz 1843, f am 19. Mai
1897. — L. stammte aus einer Ktinstlerfamilie. Der Vater Arnold Her-
mann Lossow, geboren am 24. October 1805 zu Bremen, hatte schon im
vaterlichen Hause die Bildhauerei gelernt, sich dann in Rom weiter gebildet
und 1 83 1 in Miinchen niedergelassen, wo er bald zu Schwanthaler's Lieblings-
schtilern und ausfiihrenden Gehtilfen zahlte. Als guter Marmorarbeiter lieferte
er unter anderem die Statuen Thorwaldsen's und Canova's (nach Max Widn-
mann) filr die Nischen der Glyptothek und eine grosse Anzahl von Bitsten fUr
die Walhalla und die Bayerische Ruhmeshalle. Er starb am 3. Februar 1874.
Zwei seiner talentvollen Sohne waren schon vor ihm aus dem Leben gegan-
gen: der Historienmaler Karl L. und der als humoristischer Thierzeichner
wohlbekannte Friedrich L. Ersterer, geboren am 6. August 1835 zu Miinchen,
hatte sich unter Philipp Foltz der historischen Richtung zugewendet, dann
aber unter dem Einfluss seines gleichstrebenden alteren Freundes Andreas
Miiller, insbesondere auch nach Moriz von Schwind, selbstandig weiter ge-
fordert. Auf einer Reise nach Oberitalien traf L. zufallig den damaligen
Erbprinzen von Meiningen und erhielt schone Auftrage fur die herzogliche
» Villa Carlotta« am Comersee: einen Cyklus aus der »Gudrun« und einen
ahnlichen zu Uhland's Balladen. Aber noch vor der Vollendung seiner vor-
ziiglich componirten Bilder starb Karl L., eine herrliche Kraft voll Schon-
heitsgeflihl und Originalitat, zu Rom am 12. Marz 1861. Sein jiingerer Bruder
Friedrich L. (geboren am 13. Juni 1837) hatte sich erst bei Karl Piloty im
Genrefach umgethan, dann aber ganz auf das Thierbild geworfen. Seine
landlichen Scenen, seine Hunde- und Affentheater, die komischen Eselbilder
mit zudringlichen Gansen, ergotzlichen Huhnern, mit Ladenrittern und Sonn-
"tagsreitern, seine Viehmarkte und militarischen Uebungslager gewannen ihm
viele Freunde, ebenso wie die zahlreichen Zeichnungen in den weltbekannten
»Miinchener Bilderbogen« und den »Fliegenden Blattern«. Friedrich L. starb
nach langen Leiden am 19. Januar 1872. Sein Bruder, der jetzt in Rede
stehende Heinrich L., hospitirte bei Piloty und Arthur von Ramberg, trat
schon 1864 mit einem kleinen »Mozart als Orgelspieler« in die Oeffentlich-
keit, wie er denn das Oelbild und die Illustration gleichmassig cultivirte. So
zeichnete er, nach Grtitzner's Beispiel, Scenen zu den »Lustigen Weibem«
und zu »Kabale und Liebe«, warf sich auf Heinrich Heine's »Buch der
Lieder« (insbesondere die »Sphinx«), kokettirte mit lippigen, schaferlichen
Zopfdamen des vorigen Saculums, mit pikanten Kammerkatzchen und Putz-
macherinnen und ihren galanten Courschneidern im zweckdienlichsten Rococo-
costtim. Er tibersetzte Watteau, sein franzosisches Ideal, in's Deutsche,
1 88 Lossow. Bilrkner.
freilich ohne dessen Feinheit und Eleganz zu erreichen, obwohl L. an Roben,
Spitzen und anderem Beiwerk sein mCglichstes that. Dadurch unterschied er
sich von den rohen Fadaisen des Joh. Heinrich Ramberg, als dessen tech-
nisch verbesserte Neuauflage L. ofter bezeichnet wurde. Auch bearbeitete er
in »hochpikanten« Bleistiftzeichnungen zwolf »Metamorphosen nach Homer
und Ovid« (Mtinchen 1884) im zopfigen Charakter, womit er »den ganzen
Reiz schoner Plastik und weiblicher Formvollendung verewigte*, und lieferte
amourdses Getandel (eine im Bette liegende Coquette jonglirt auf den Fuss-
sohlen ihr Leibhtindchen) und allerlei trivialen Schnickschnack, gerade nicht
immer zum Ruhme der deutschen Kunst, welche dergleichen Firlefanz besser
unseren westlichen Nachbarn (iberlassen hatte. Hohe Aufgaben stellte er
sich nicht, loste sie aber mit vielem Fleiss. In einem »Ich thue, was ich
will« benannten Oelbilde (1874) ist das eigensinnige Handschuhanziehen der
fascinirenden Reiterin mit bestem Chik dem Leben abgelauscht. Die Itister-
nen Scenen mit den »galanten« Putzmacherinnen und das ewige Parfum der
ganzen Demimonde enuyirte ihn schliesslich selbst, er warf sich auf Land-
schaften, wie sie ihm der Park von Schleissheim, woselbst L. seit 1885 als
Galerie-Conservator eine Stelle fand, in bereitwilliger Auswahl bot. Hier hul-
digte er auch dem Plainairiren und qualte seine armen Modelle mit kalten
Badern in den von schattigen Kastanien oder mageren Akazien Uberwolbten
geradelinigen Kanalen. In dieser Zwitterstellung zwischen alter und moderner
Methode verdarb es L. mit der Ausstellungs-Jury 1897, welche seine Einsen-
dungen abwiesen. In's Herz getroffen, verschied der darob erzlirnte Ktinsder
auf der Heimfahrt nach Schleissheim, worauf das beanstandete mit einer
Trauerschleife ausgezeichnete Bild im Glaspalast Aufnahme erhielt. Kurz
vorher hatte L. noch ein Deckenbild im Directorialzimmer des neuerbauten
Mlinchener Justiz-Palastes vollendet (vgl. »Kunst ftir Alle« vom 1. Juli 1897
S. 310). Vortreffliches leistete L., natlirlich in gleichem Genre, auch als
Kleinmeister ftir das Kunstgewerbe, wie zahlreiche Blatter und practische
Entwlirfe ftir Goldschmiede und Metallarbeiter beweisen. Viele diese Muster-
vorlagen wurden in der Zeitschrift des Mtinchener Kunstgewerbe -Vereins
reproducirt. Als eine besondere Schopfung L/s muss der Juwelierladen von
Julius Elchinger genannt werden, welchen er als ein malerisch und plastisch
wirkendes, wahres Schatzkastchen ausstattete. Auch sonst that er mit bereit-
williger Liebenswiirdigkeit tiberall mit, malte beispielsweise der »Vitruvia«
ein muthwilliges Wappenbild, ebenso die auf dem Siegeswagen von Lowen
gezogene »Kunst« fur den Mittelbau der Kunstgewerbe- Ausstellung (1888),
half bei alien Ktinstlerfesten »mit kundigem Geist der Erfindung« und stellte
lebende Bilder, sogar im Style eines Dierick Bouts van Harlem. Bei der
Exposition seines zahlreichen Nachlasses im Miinchener Kunstverein (Januar
1898) erschien auch das sehr energisch gemalte Selbstportrait L.'s, eine
hochst charakteristische Leistung.
Vergl. Fr. Pecht, »Geschichte der Mtinchener Kunst«. 1888. S. 248 ft — No. 140
»Allgemeine Zeitung« 21. Mai 1897 und No. 10 vom 11. Januar 1898. »Kunst fur Alle«
vom 1. Juli 1897. S. 310. Kunstvereinsbericht ftir 1897. S. 75.
Hyac. Holland.
Biirkner, Hugo Leopold Friedrich Heinrich, * am 24. August 181 8 in
Dessau, f am 17. Januar 1897 in Dresden, Meister der Holzschneidekunst;
besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, kam 1837 nach Diisseldorf an die
Kunstakademie, trat 1839 in Berlin vorlibergehend in Beziehung zu Unzel-
Bttrkner. Alphons. 1 89
mann, tibersiedelte 1840 nach Dresden, wohin seine Freunde Bendemann und
Hlibner an die Akademie berufen worden waren, und woselbst er bald auch
Ludwig Richter naher trat. 1846 wurde er selbst an die Akademie berufen.
1847 vermahlte er sich mit einer jungen Berlinerin, einer Verwandten von
Eduard Bendemann, mit der er fast 50 Jahre in gliicklichster Ehe lebte. In
gesegneter, reicher Thatigkeit gingen aus seiner Werkstatt liber 1 1 000 Holz-
schnitte hervor; hierzu kommen noch an 200 Radirungen.
Dr. K. Bttrkner: Hugo Bttrkner, Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog
S. 22* — 42*, Band I. 1897.
Alphons, Theodor, Maler und Radirer, * am 28. October i860 in Krakau,
f am 2. September 1897 in Graz, entstammte einer steirischen Familie und
kam im Alter von sieben Jahren nach Graz, wo er die Realschule besuchte
und spater mit technischen Studien begann. Doch . fand er bald seinen
wahren Beruf und bezog 1879 die Wiener Akademie: hier wurde er in der
Landschaftsmalerei von Eduard von Lichtenfels, im Kupferstich von Johannes
Sonnenleiter unterwiesen. Bald wandte er sich aber von dem strengen Linien-
stich, den Sonnenleiter pflegt, ab und erlernte (1885) bei William Unger die
Radirung. Seither gehorte er zu den besten Schtilern dieses Meisters und
machte sich durch seine Radirungen in kurzer Zeit einen guten Namen.
Spater nahm er seinen Wohnsitz wieder in Graz; haufige Studienreisen flihrten
ihn durch Oesterreich, Deutschland und Oberitalien. Auf einer solchen Reise
wurde er 1896 in Niirnberg von einem heftigen Nervenleiden befallen und
musste deshalb einige Monate in der Irrenanstalt zu Feldhof bei Graz ver-
bringen. Scheinbar geheilt entlassen und durch einen langeren Aufenthalt
in Meran und Venedig in seiner Gesundheit gekraftigt, kehrte er nach Graz
zurtick, machte aber dort in einem neuerlichen Anfalle von Geistesstorung
durch einen Sprung aus dem Fenster seinem Leben ein Ende. A. pflegte als
Maler hauptsachlich das Aquarell; nur selten wendete er die Oeltechnik an.
In seinen Ansichten aus Niirnberg und Venedig, aus Wien und Niederosterreich,
aus Steiermark, Tirol, Salzburg, dem Salzkammergute und Bohmen erscheint
er uns als einer der letzten Auslaufer der alten Wiener Aquarellistenschule ;
sicherlich haben Meister wie die Alt und Thomas Ender auf ihn eingewirkt.
Von seinem Lehrer Lichtenfels hat er Manches: die geschickte Auswahl der
Motive und die strenge sorgfaltige Zeichnung, dabei aber auch den geringen
Geschmack in der Farbe. Nur in einzelnen kleinen Blattern, in denen er
ganz einfache Motive darstellt, erreicht er einen Reiz malerischer Stimmung,
der auch dem verwohnten modernen Geschmack zu geniigen vermag. Diese
Arbeiten beweisen, dass er, wenn er in einer anderen Schule und Umgebung
aufgewachsen ware, auch im rein Malerischen h&tte VortrefFliches leisten
konnen.
Auch in seinen Originalradirungen bewegt er sich in demselben Kreise:
es sind meist Ansichten aus den osterreichischen Alpen. Seine Blatter grossen
Formats wirken trotz der Sorgfalt und Geschicklichkeit der Nadelftihrung
etwas trocken. Fttr seine gelungenste Originalradirung halte ich das kleine
Blatt »Haidelandschaftc, worin er durch die Anwendung warmer und kalter
Farbentone die Stimmung eines klihlen, sttirmischen und regnerischen Herbst-
tages ausgezeichnet wiedergegeben hat. Das Beste aber, was A. geschaffen
hat, sind die Radirungen, die Gem&lde anderer Meister reproduciren. Seine
Blatter nach Bildern von Aart Van der Neer, Pettenkofen, Schindler, Passini,
I go Alphons. Pfotenhauer. WeltzeL
Defregger, Rumpler und Anderen gehOren durch die Treue und Frische in
der Wiedergabe verschiedener Stile zu den vorziiglichsten Leistungen, die die
Unger'sche Schule hervorgebracht hat.
Katalog des kiinstlerischen Nachlasses Th. A/s. Wien, Miethke 1898. — Hans
Grasberger in den Graphischen Kttnsten. Jabrg. XXI. 1898. S. 67.
G. Gliick.
Pfotenhauer, Friedrich Paul, kOniglich preussischer Archivrath, * am
30. Juli 1842 zu Glauchau in Sachsen, f am 8. August 1897 in Bad Ilmenau.
— P. studirte anfanglich die Rechts- und Kameralwissenschaften in Leipzig,
dann Geschichte und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Sommer 1866
erwarb er sich durch eine Abhandlung liber den von Kaiser Otto I. dem
Papst Johann XII. geleisteten Eid zu Leipzig die philosophische Doctorwtirde
und wurde darauf mehrere Jahre hindurch ftir den Codex diplomaticus Saxo-
niae regiae verwendet. 1875 wul"de er von der preussischen Staatsarchiv-
verwaltung zunachst probeweise tibernommen und in Schleswig verwendet,
dann Marz 1876 zum Hilfsarbeiter befordert, September desselben Jahres nach
Breslau versetzt, welchem Archive er dann ununterbrochen unter Beforderung
in der iiblichen Stufenfolge bis zu seinem Tode angehort hat. Pf. widmete
sich nun fast ausschliesslich der schlesischen Geschichtsforschung und wurde
bald eine Autoritat auf den Gebieten der schlesischen Adelsgeschichte, der
Wappen- und Siegelkunde. Die Ergebnisse seiner Studien legte er vorzugs-
weise in der Zeitschrift ftir schlesische Geschichte nieder; als selbstandige
Publikationen gab er Namens des schlesischen Geschichtsvereins 1873 »die
schlesischen Siegel von 1250—1300 resp. 1327 und 1881 als Bd. X des Cod.
dipl. Sil. die »Urkunden des Klosters Kamenz« in sorgsamer Bearbeitung her-
aus. In seinen letzten Lebensjahren beschaftigte er sich vornehmlich mit der
Erziehungs- und der Universitatsgeschichte. Pf. war ein selbstloser, beschei-
dener Charakter, von grosser Liebenswtirdigkeit und bereitwilligem Entgegen-
kommen, sodass er namentlich durch genealogische Nachfragen stark in An-
spruch genommen wurde. In den letzten Jahren bereits kranklich, erlag er
in der mit seiner Familie aufgesuchten Sommerfrische den Folgen eines wieder-
holten Schlaganfalles; beerdigt wurde er zu Breslau.
Nekrolog in der Zeitschr. L Gesch. u. Alterthum Schlesiens Bd. XXXII, 383 flf.
Konrad Wutke.
Weltzel, August, Dr. theol., katholischer Pfarrer und Historiker, * am
9. April 1 81 7 zu Jeltsch, Kreis Ohlau, f am 4. November 1897 zu Tworkau,
Kreis Ratibor. — W. widmete sich dem geistlichen Stande und wurde am
8. Mai 1842 ordinirt. Zuerst als Geistlicher in Stettin thatig, wo er auch
Vorstandsmitglied der Gesellschaft ftir Pommersche Geschichte war, erhielt er
1857 die Pfarrei Tworkau bei Ratibor, wo er auch bis zu seinem Tode am-
tirt hat. Er war ein unermlidlicher Sammler alles auf die Geschichte Ober-
schlesiens bezuglichen Materials und gelangte in den Besitz einer erstaunlichen
StofflUlle. Er veroffentlichte die Geschichte der Stadte Ratibor, Kosel, Neu-
stadt, Guttentag, Sohrau, des Archipresbyterats Ratibor, der Pfarreien Ostrog,
Prgrzebin, der Propstei Kasimir, des Klosters Himmelwitz, der Besiedelungen
des nordlich der Oppa gelegenen Landes, der Geschlechter Saurma, Praschma,
Gaschin, Eichendorff, Oppersdorff (letzteres nur im Manuscript), ferner zahl-
reiche Artikel in verschiedenen Zeitschriften u. a. in der Zeitschrift ftir Ge-
Weltzel. Adamy. von Ltttzow. 191
schichte und Alterthum Schlesiens. Seine Werke sind meistens Sammlungen
einer Ueberfiille von Details, in der Regel chronikartig unter bestimmten
Rubriken zusammengestellt, deren Benutzung aber durch das Fehlen von Re-
gistern sehr erschwert wird. Seine hervorragende, genaue Kenntniss der ge-
schichtlichen Vergangenheit Oberschlesiens wurde Dank seines steten bereit-
willigen Entgegenkommens ausgiebig von Behfirden, Genealogen, Ortshistori-
kern etc. lebhaft und mit Erfolg in Anspruch genommen.
Nekrolog in der Zeitschr. f. Gesch. und Alterthum Schlesiens Bd. XXXII, 386 ff.
Wutke.
Adamy, Heinrich, Vorschullehrer, * am 27. Januar 181 2 zu Landeshut
in Schlesien, f am 13. October 1897 zu Breslau. — A. war Lehrer in Schweid-
nitz, Posen, Hirschberg und Breslau und hat sich besondere Verdienste urn
die Verbreitung der Heimathskunde in Schlesien erworben. Er schrieb eine
kleine Geographie von Schlesien ftir Volksschulen, die viele Auflagen erlebt
hat, ferner die viel umfanglichere Schrift » Schlesien nach seinen physischen,
geographischen und statistischen Verhaltnissen* (7. Aufl. 1893), Heimathskunde
von Breslau (1872), Die schlesischen Ortsnamen, ihre Entstehung und Bedeu-
tung (1887, 2. Aufl. 1891).
Nekrologe in der Zeitschr. f. Gesch. u. Alterth. Schlesiens Bd. XXXII, 379/380 und
in der Schles. Schulzeitung.
Wutke.
Liitzow, Carl von, Kunstschriftsteller, * Gottingen am 25. December
1832, f Wien am 22. Apil 1897. C. v. L.'s Vater war der grossherzoglich
Mecklenburgische Kammerherr und Schlosshauptmann v. L., der sich durch
eine dreibandige Geschichte Mecklenburgs einen Namen gemacht hat, seine
Mutter die Tochter des Anatomen Loder in Jena. C. v. L. besuchte in
Schwerin die BUrgerschule und das Gymnasium und bezog 1851 die Univer-
sitat zu Gottingen, um classische Philologie und Arch&ologie zu studiren.
Hier horte er haupts£chlich die Vorlesungen C. F. Hermann's, Schneidewin's
und Wieseler's und erhielt durch sie eine treffliche philologische Vorbildung.
Zur Fortsetzung seiner Studien ging er im Frtihjahr 1854 nach Mtinchen, wo
er einen sehr anregenden geselligen Verkehr fand. Er war an den Phil-
hellenen Friedrich Wilhelm Thiersch und an den Dichter Friedrich Boden-
stedt empfohlen und trat dadurch bald zu den literarischen und ktinsterischen
Kreisen Mtinchens in nahere Beziehungen. *) Im Sommer 1856 erhielt er aut
Grund seiner Dissertation De vasts fictilibus antiquis more archaic o pictis
den Doctorgrad. Im folgenden Jahre zog er nach Berlin, um dort die Antiken-
sammlungen zu studiren. Dieser Berliner Aufenthalt scheint aber gerade seine
Neigung von der klassischen Archaologie abgelenkt und der Geschichte der
neueren Kunst zugewendet zu haben. Sicherlich hatten auf diese Wandlung
der Verkehr mit Kugler und Liibke, deren Bekanntschaft er in Berlin machte,
und eine Studienreise nach I tali en, die er mit Schnaase und Liibke unter-
nahm, den grossten Einfluss. Vorlaufig blieb er aber noch den archaologi-
schen Studien treu. 1859 habilitirte er sich in Mtinchen als Privatdocent,
las liber die verschiedensten Gegenst&nde der klassischen Kunstgeschichte und
Alterthumskunde und gab vom Jahre 1861 an das Prachtwerk »Munchener
AnHken* heraus.
*) Vgl. Carl v. Liitzow, Erinncrungcn an Bodenstedt. Biographtsches Jahrbuch und
Deutscher Nekrolog 1896, 42* — 49*.
192
von Llltzow.
Von der Richtung, die L.'s Studien unter der Einwirkung von Mannern
wie Kugler, Schnaase und Ltibke nahmen, zeugt sein Buch : Die Meisterwerke
der Kirchenbaukunst Eine Darsiellung der Geschichte des christlichen
Kirchenbaues durch ihre hauptsachlichsten Denkmaler. Es ist 1862 er-
schienen und Wilhelm Liibke gewidmet. In diesem Werke zeigt sich schon
L.'s Begabung fur eine gemeinverstandliche, klare und ubersichtliche Darstel-
lung; seine Absicht ist, darin nach griindlichen eigenen Studien und nach
den Forschungen Anderer dem grossen Publikum ein zuverlassiges, getreues
Bild der Geschichte der einzelnen Kunstdenkmaler zu geben und weniger
durch gelehrte oder asthetische Erorterungen , als durch eingehende Analyse
der Denkmaler selbst bei dem ungelehrten Leser ein tieferes Verstandniss flir
die Kunst zu erwecken. Man kann sagen, dass er diese Absicht, soweit es
damals die vorhandenen Vorstudien zuliessen, wirklich erreicht hat.
Verschiedene Misshelligkeiten bewogen L. im Jahre 1863 Mlinchen zu
verlassen und im Frlihjahr nach Wien iiberzusiedeln, wo er zunachst als
Privatdocent flir Geschichte und Archaologie der klassischen Kunst an der
Universitat, vom folgenden Jahre an auch als Docent der Kunstgeschichte an
der Akademie der bildenden Ktinste wirkte. 1865 wurde er zum Vorstande
und Bibliothekar der Akademie ernannt. Vom Jahre 1867 an bekleidete er
daneben noch die Stelle eines Professors der Architekturgeschichte an der
technischen Hochschule zu Wien. Ausser dieser anstrengenden Lehrthiitigkeit
nahmen ihn, seitdem er nach Wien iibergesiedelt war, redactionelle Arbeiten
stark in Anspruch: unter Mitwirkung Eitelberger's, Falke's, Llibke's und Pecht's
gab er die Recensionen mit Mittheilungen tiber bildende Kunst heraus. Als
aber diese Zeitschrift 1865 zu erscheinen aufhorte, griindete C. v. L, gemein-
sam mit dem Leipziger Verleger E. A. Seemann eine neue Zeitschrift von
ahnlicher Richtung, die Zeitschrift fur bildende Kunst, mit dem Beiblatte
Kunstchronik. L. verstand es, in kurzer Zeit eine Zahl von tiichtigen litera-
rischen und kiinstlerischen Mitarbeitern um sich zu versammeln und dadurch
seiner Zeitschrift bald zu grossem Ansehen zu verhelfen ; die Redaction hat er
bis zu seinem Tode, also mehr als dreissig Jahre lang, fortgefuhrt. Wien ist
C. v. L. zur zweiten Heimat geworden und bei den Wienern hat er sich durch
offentliche Vortrage, durch seine Thatigkeit in literarischen und kiinstlerischen
Vereinen und endlich durch die Feuilletons, die er von Zeit zu Zeit liber
Tagesfragen des Kunstlebens schrieb, bekannt und beliebt gemacht.
Ueberblickt man C. v. L.'s schriftstellerische Thatigkeit, so muss man
sagen, dass ihr Werth weniger in selbstandigen Untersuchungen und For-
schungen, weniger in einer eigenartigen Auffassung liegt, als in einer sehr
geschickten und libersichtlichen Verwerthung des von Anderen Gefundenem
und Ausgesprochenen. Nur ftir seine Geschichte der kais. konigL Akademie
der bildenden Ktinste, die 1877 als Festschrift zur Eroffnung des neuen Aka-
demie-Gebaudes erschienen ist, hat er selbstandige archivalische Studien an-
gestellt und bisher unausgenutzte Quellen verwerthet; dadurch ist dieses Werk
zu einem trefflichen, zuverlassigen Hilfsmittel ftir die Geschichte der Wiener
Kunst geworden. In seinen iibrigen Schriften verfolgt er ein ahnliches Ziel,
wie er es schon in seinen Meisterwerken der Kirchenbaukunst angestrebt
hatte; dahin gehoren Die Kunstschdtze Italiens hi geographisch-historischer
Uebersicht geschildert (Stuttgart 1884), worin er zum ersten Male die For-
schungen Giovanni Morellis, dem das Buch gewidmet ist, dem grossen deut-
schen Publikum zuganglich machte, und die Geschichte des deutschen Kupfer-
von Lutzow.
*93
stiches und Holzschnittes (erschienen 1889— 189 1 als ein Theil der Grotischen
Geschichte der deutschen Kunst), ein Buch, das, trotz mancher Mangel im
Einzelnen, doch als die erste zusammenhangende Darstellung der Entwicke-
lung dieser Kunstzweige sein eigenes Verdienst hat. Dieselbe popularisirende
Tendenz haben seine Texte zu verschiedenen Bildwerken, wie z. B. zu den
Denkmdlern der Kunst (Stuttgart 1858), die er gemeinsam mit Llibke heraus-
gab, zu den Wiener Neubauten (Wien 1876—1881), zur Kunst fur Alle
(Stuttgart 1880, gemeinsam mit L. Weisser), zu Albrecht Diirer 's Holzschnitt-
werk (Niirnberg 1883) und endlich der Text zu William Unger's Radimngen
nach Gemalden der kais. kgl. Gemaldegalerie zu Wien (Wien 1886). Unter
seinen archaologischen Schriften heben wir noch ausser den schon genannten
die folgenden hervor: Zur Geschichte des Ornaments an den bemalten grie-
chischen Thong efdssen, Miinchen 1858, und Das choragische Denkmal des
Lysikrates in Athen. Nach Th. Hansen's Restaurationsentwurf. Leipzig 1868.
Ausserdem hat C. v. L. einige sorgfaltige Verzeichnisse von Antiken- und Ge-
maldesammlungen, Bibliotheken und Ausstellungen verfasst, unter denen der
Katalog der Gemalde-Galerie der Akademie der bildenden Ktinste zu Wien
wohl am meisten Anerkennung gefunden hat, er hat ferner die Herausgabe
neuer Auflagen von Schnaase's und Liibke's Schriften besorgt und endlich
eine grosse Anzahl von kleineren Recensionen, Berichten, Mittheilungen,
Feuilletons und dergleichen geschrieben. Nach all dem kann man nicht
anders als die ausserordendiche Arbeitskraft dieses Mannes bewundern, und
man muss daruber staunen, dass die meisten seiner Schriften sich durch einen
sorgfaltigen, klaren und fltissigen Stil auszeichnen.
Ein Hauptverdienst C. v. L.'s ist seine redactionelle Thatigkeit. Zu dieser
befahigte ihn ein Vorzug seiner Natur, den man aber zugleich auch als eine
Art liebenswlirdiger Schwache bezeichnen muss. Es ist dies seine wahrhaft
feurige Vorliebe fur alles Neue. War irgend ein neues Kunstwerk entstanden,
wogegen die Vorsichtigen unter den Beurtheilern noch klihle Zurlickhaltung
bewahrten, oder war ein Gelehrter der Meinung, eine ganz iiberraschende
Entdeckung gemacht zu haben, die jedoch einer ruhigen kritischen Prufung
nicht Stand halten sollte, so konnte C. v. L. im ersten Eifer iiber eine solche
neue Erscheinung in eine wahre Begeisterung gerathen und sie auch offentlich
durch enthusiastisches Lob unterstiitzen. Daher kam es, dass er, ohne es zu
wollen, neben vielem Guten auch manches Mittelmassige forderte oder wenig-
stens gelten Hess. Andererseits hat aber die grosse Ehrlichkeit seines Charak-
ters bewirkt, dass er sich bei der Leitung seiner Zeitschrift von dem Einflusse
des Clique- und Parteiwesens, das die literarischen und kiinstlerischen Kreise
Deutschlands beherrscht, vollig frei gehalten hat.
Seine hervorragende redactionelle Begabung hat sich auch die Wiener
Gesellschaft fur vervielfaltigende Kunst zu nutze gemacht: sie hat ihm die Heraus-
gabe der Geschichte der vervielfdltigenden Ktinste anvertraut. Ausserdem hat L.
fur die Zeitschrift dieser Gesellschaft, die Graphischen Ktinste, einige werthvolle
grossere Beitr&ge geliefert, wie z. B. RaffaeVs Bildungsgang (1888), Die Kunst
in Wien unter der Regierung Franz Josephs I. (1889) und Die Geschichte
der Gesellschaft fiir vervielfaltigende Kunst 1 871 — 1895 (1895).
Zeitschrift fUr bildende Kunst Neue Folge. VIII, 1897. S. 233 (C. L.). — Mitthei-
lungen der Gesellschaft fur vervielfaltigende Kunst. 1897. S. 21. — Ein Verzeichniss seiner
Schriften nndet man in dem Katalog seiner Bibliothek, den Friedrich Meyer's Buchhandlung
Leipzig herausgcgeben hat,
G. Gliick.
Biogr. Jahrb. u. Dcutscher Nckrolog. 2. Bd. \\
1 04 Duncker. Bergstraesser.
Duncker, Alexander Friedrich Wilhelm, Buchhandler, * zu Berlin am
18. Februar 1813, f 23. August 1897 zu Berlin. — D., zweiter Sohn des hoch-
geachteten Buchhandlers Karl Duncker, trat nach absolvirter Gymnasialbildung
gegen Ende 1829 in die Lehre seines vaterlichen Geschaftes Duncker & Hum-
blot, um spater wahrend mehrerer Jahre in dem beriihmten Hause Perthes &
Besser in Hamburg den Kreis seiner buchhandlerischen Kenntnisse zu erweitern.
Wieder nach Berlin zuriickgekehrt, arbeitete er mehrere Jahre hindurch in
dem vaterlichen Gesch&ft und iibernahm dann am 1. Januar 1837 das Sorti-
ment desselben. Bald knupfte sich daran auch Verlag, indem es ihm gelang,
jugendliche Dichter und Dichterinnen, wie Paul Heyse, Emanuel Geibel,
Gustav zu Putlitz, Theodor Storm, Wilhelm Jensen, Thekla von Gumpert, Ida
Grafin Hahn-Hahn, Fanny Lewald, Marie Petersen u. a. zu gewinnen und
zwar die meisten zuerst in die Literatur einzuftihren. Der Kreis seiner Unter-
nehmungen vergrosserte sich von Jahr zu Jahr. Es traten demselben allmah-
lich hochbedeutsame Kunstwerke hinzu, so die 28 grossen Kupferstiche der
weltberiihmten »Wandgem&lde Wilhelm von Kaulbach's«, die in gegen 1000
chromolithographischen Ansichten herausgegebenen »Rittersitze, Schlosser und
Residenzen in der Preussischen Monarchic* (Preis 1 200 M.) und viele andere
Pracht- und illustrirte Werke. Hierzu trat das fiir die Geschichte und Politik
so hochbedeutsame Werk der »Politischen Correspondenz Friedrichs des
Grossen*. i860 hatte D. sein Sortiment an Wilhelm Lobeck (jetzt Paul
Schelter's Buchhandlung), 1870 seinen Buchverlag mit Ausnahme der Kunst-
und Psachtwerke und des zuletzt angeftthrten erst spater verlegten Werkes an
Gebr. Paetel verkauft. Er leitete dann seine weiteren Unternehmungen per-
sonlich imd stand bis an sein Ende mit Riistigkeit und Frische seinem Geschaft
vor. — D. war nicht bloss eifriger Buchhandler, er war auch mit Leib und
Seele Soldat. Das fiihrte ihn nach der Schlacht von Koniggratz von Pardu-
bitz nach Leipzig, um dem dort commandirenden General der Occupation
mit seinen Lokalkenntnissen als Adjutant zur Seite zu stehen. Dies Verhalt-
niss gab ihm Gelegenheit, sowohl der Stadt Leipzig, als auch seinen Collegen
im Buchhandel mancherlei Erleichterungen zu verschaffen; beispielsweise ge-
lang es ihm, die Aufhebung des Verbotes der Gartenlaube zunachst in Sachsen
und danach auch in Preussen herbeizufuhren. — An ausseren Ehren fehlte
es ihm nicht. Als Landwehroffizier hatte er an den Feldztigen 1864, 1866
und 1870/71 theilgenommen und wurde zuletzt (1897) zum Oberstlieutenant
befordert. Er nannte (1895) l7 *m Militar- und Civilverhaltniss erworbene
Ehrenzeichen und Orden, meist hoherer Grade, sein eigen. Er war Vor-
sitzender verschiedener Kunst- und gemeinntltziger Vereine, sowie Ehrenmit-
glied der Akademie der bildenden Ktinste in Mlinchen. — Seine schrift-
stellerische Thatigkeit umfasst einen in zwei Auflagen erschienen Band
Gedichte: »Abseits vom Wege«, dann die Novellen: »Angiola Filomarino«,
»Ihr Bild«, das Drama: »Die Patrioten«, kleinere Sachen und Gelegenheits-
gedichte, die alle eine sehr freundliche Aufnahme fanden.
Handschrifdiche Autobiographic. — Borscnblatt fUr den deutschen Buchhandel. 1897.
No. 196 und 260.
H. Ellissen.
Bergstraesser, Arnold, Buchhandler, * am 3. October 1841 auf der Schloss-
ruine Braeuberg im Odenwald, f 5. Januar 1897 zu Darmstadt. — B. war der
Sohn des Rentamtmanns Friedrich Bergstraesser. Die Familie stammte aus
Malchen am Melibocus, also dem Namen entsprechend von der Bergstrasse.
Bcrgstraesser. 195
Nachdem der Vater schon 1847 verstorben war, zog die Mutter nach Darm-
stadt, wo B. zuerst die katholische Volksschule, dann das Schmitz'sche
Institut und 1852 — 57 die Realschule besuchte. Er war ein ttichtiger Schiiler
und bei Lehrern und Mitschiilern beliebt. Nach dem 1857 erfolgten Tode
seiner Mutter und bestandener Abgangsprtifung widmete er sich dem Soldaten-
stande, trat zunachst bei der Leibcompagnie des 1 . Infanterie - Regiments
(jetzt 115.) ein und besuchte 1858/59 die Kriegsschule. Schon bei der
Mobilmachung 1859 wurde er zum Lieutenant befordert. 1865 erwirkte er
einen l&ngeren Urlaub zum Besuche der polytechnischen Hochschule in
Zurich, wo er mit bedeutenden Mannern, wie Bolley, Scherr, Billroth, Semper,
Herwegh und Rtistow verkehrte. Die Kriegsunruhen von 1866 riefen ihn in
den Dienst zuriick. Als Oberlieutenant machte er das Gefecht bei Frohnhofen
mit, wurde am linken Fuss schwer verwundet und nahm infolge dessen 1 867
seinen Abschied. — Seine kurz zuvor erfolgte Verlobung mit der Tochter des
Buchhandlers J. P. Diehl in Darmstadt gab Veranlassung, sich von nun an
dem Buchhandel zuzuwenden. Er lernte diesen in der Franz'schen Buch-
handlung in Munchen und bei Franz Koehler sen. (K. F. Koehler) in Leipzig,
seinem spateren Commissionar, kennen und (ibernahm 1869 das Sortiments-
geschaft seines Schwiegervaters. Unter seiner Leitung nahm es einen be-
deutenden Aufschwung. Seit 1879 widmete er sich auch dem Verlag, in
dem u. a. das Handbuch der Architectur hervorragt. — Die Ereignisse von
1870 ftihrten ihn der Politik zu, und mit grosser Beredsamkeit trat er in
einer hauptsachlich durch ihn veranlassten grossen Volksversammlung fiir die
Bestrebungen der nationalliberalen Partei ein. Er wurde zum Mitglied des
Landesausschusses und des Centralausschusses in Berlin, spater wiederholt
in die zweite Kammer der hessischen Landesstande gewahlt (erst fur Hochst,
dann fiir Darmstadt). Krankheit veranlasste ihn 1896 zur Niederlegung seines
Amtes. Auch als Stadtverordneter war er lange th&tig. Die hochsten Ver-
dienste erwarb er sich um Hebung der polytechnischen Schule in Darmstadt,
um die Universitat Giessen, um Besserung der Lage der Lehrer und Beamten.
— In hervorragender Weise aber ist B.'s Name besonders mit der Geschichte
des deutscheri Buchhandels verkntlpft. Seit 1878 war er an alien auf Neu-
gestaltung des Buchhandels gerichteten Bestrebungen und Verhandlungen in
lebhaftester und erfolgreichster Weise betheiligt. 1885 bis 1889 und 1892
bis zu seinem Tode wirkte er im Hauptvorstande des Borsenvereins fiir den
deutschen Buchhandel mit und war seit 1895 der erste Vorsteher desselben,
ein Ehrenposten, dem bei der gewaltigen Corporation des deutschen Buch-
handels nur wenige andere gleichkommen dtirften. Am 5. Januar 1897 wurde
er von monatelangen schweren Leiden durch den Tod erldst. An seinem
Grabe sprachen nach der iiblichen geistlichen Trauerrede u. a. Oberblirger-
meister Morneweg, Verlagsbuchhandler Engelhorn, der Rector der Technischen
Hochschule, Professor Berndt, Hauptmann d. L. Waldeck, Reichstagsabgeord-
neter Dr. Osann, Obersdieutenant a. D. Gad, Verlagsbuchhandler Hauptmann
Zernin, Schuldirector Dr. Meisel, Buchhandler Geeks. Diese u. a. zwar wohl
meist mit dem Verewigten persSnlich befreundeten Herren sprachen hier im
Namen hochangesehener Vereine und Institute, alle voll hoher Anerkennung
Bergstraesser's als Mensch, Politiker, Buchhandler u. s. w.
Vergl. Bdrsenblatt f. d. deutschen Buchhandel 1897, No. 8 u. 62 (Nekrolog; auch ab-
gedruckt im Adressbuch des deutschen Buchhandels 1898).
H. Ellissen.
13*
ig6 von Stephan.
Stephan, Ernst Heinrich Wilhclm von, Staatssekretar der Post des
deutschen Reiches, Schopfer des Weltpostvereins und culturgeschichtlicher
Schriftsteller, * am 7. Januar 1831 zu Stolp in Pommern, f am 8. April 1897
in Berlin. — Die beiden Grundziige in dem Wesen des ausserordentlichen
Mannes sind eine Bildung von hervorragender Universalitat und der machtige
Trieb, die Ergebnisse dieser Bildung nach aussen zu wenden und sie in das
praktische Leben zu tibertragen. Unsere Zeit ist reich an Weltverbesseren,
die mit alien ihren Planen scheitern, weil sie traumen. St. war auch ein
Weltverbesserer, aber er hat in vierzigjahriger Arbeit sein Ziel erreicht, weil
er nie getraumt hat.
Als er auf der Hohe seiner Erfolge stand, hat er einmal der Idee, welche
ihn leitete, einen kurzen Ausdruck gegeben. Jedes Weltalter hat einen Trieb,
von dem es beherrscht wird. In der griechischen Zeit war es die Kunst;
»und das Schone war immer der Gott der WelU, sagt Schiller. In Rom war
es Recht, Staat und Macht; »die Helden singen den Herrscher an, und den
Machtigen suchen die Schwachen«, sagt Schiller. Im Mittelalter war es die
religiose Vertiefung; »der Monch und die Nonne zergeiselten sich; es war
das Leben (faster und wild«, sagt Schiller. Das vierte Weltalter erklart St.
anders als Schiller. Heute ist es der Verkehr, der Alles regiert. Und wer
heute der Menschheit dienen will, muss dem Verkehr dienen. Nach diesen
Gesichtspunkten ordnete er sein Leben.
St. war der Sohn eines Handwerkers, eines Schneiders, aber nicht in
trliber Mittelmassigkeit aufgewachsen. Sein Vater hatte sein gutes Auskommen,
genoss die Achtung seiner Mitbllrger und hat es zum Rathsherrn gebracht.
Dass die Mutter eine vortreffliche Frau war, braucht nicht gesagt zu werden,
denn sonst hatte es der Sohn zu Nichts gebracht. Der Vater zeichnete sich
durch zwei Eigenschaften aus; hohe Bibelfestigkeit und grosse Achtung vor
Sprachkenntnissen ; er Hess seine Sohne friih in neueren Sprachen unterrichten,
auch in solchen die nicht landesiiblich waren.
Der Knabe wurde der Wohlthat einer Gymnasialbildung fahig und er
eignete sie sich in vollem Umfange an. Den kiinftigen Philologen erkennt
man daran, dass er den Pythagoraischen Lehrsatz nicht begreift; der klinftige
Historiker lernt nicht Roggen von Weizen unterscheiden. Und der grosse
Musiker ist ein schlechter Turner. St. war ausgezeichnet in alien Fachern;
alte und neue Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften, Geschichte und
Geographie, Religion, Gesang, Zeichnen und Turnen. Die Kenntnisse, die er
erworben hatte, blieben ihm treu sein Leben hindurch. Es gab in seinem
spateren Leben keinen Tag, an welchem er das Abiturientenexamen — nicht
etwa von Neuem hatte machen konnen; das ware eine Kleinigkeit gewesen,
— nein, an dem er es einer Anzahl von Prfiflingen nicht hatte abnehmen
konnen.
Zu der Wohlthat der Gymnasialbildung noch diejenige der Universitats-
bildung zu fiigen, blieb ihm versagt. Ich nehme an, dass die Mittel des
Vaters ausgereicht h&tten, sie ihm zu gewahren, wenn er nur diesen einen
Sohn besessen hatte, aber es war eine Schaar von jlingeren Kindern da. Jedoch
die Universitatsbildung, so schatzbar sie ist, ist nicht alleinseligmachend ; es
giebt Mittel, sie zu ersetzen: fortgesetztes Privatstudium, Reisen und ein heller
Blick in die Welt. Alle diese Mittel hat er benutzt.
Mit sechszehn Jahren hatte er das Gymnasium absolvirt, etwas zu friih,
urn in das praktische Leben sofort eintreten zu konnen; die nachsten vor ihm
von Stephan. igy
liegenden Monate benutzte er hauptsachlich, um in dem Sortimentsbuchladen
seiner Vaterstadt so viel Bttcher zu lesen, als moglich war.
Ueber seine Berufswahl hat er nicht einen Augenblick geschwankt; er
war tiberzeugt, dass die Postlaufbahn, die unzahligen seiner Altersgenossen
als eine ode Schreiberei erscheint, ihm voile Befriedigung seiner Sehnsucht
bringen wtirde. Der Gedanke, einmal Generalpostmeister zu werden, lag ihm
nicht fern, wenn er auch nicht erwartet haben wird, das Ziel so schnell zu
erreichen.
Die ersten sieben Jahre wurde er in kleinem Dienst beschaftigt, in Marien-
burg und Danzig, dann nach abgelegter Assistentenprtifung am 6. November
1 85 1 in Coin, wo sich sein geistiger Gesichtskreis erheblich erweitert. Unter-
brochen wurde diese Dienstzeit auf ein Jahr dadurch, dass er in Magdeburg
seiner militarischen Pflicht bei der Artillerie genligte.
Ueber diese sieben Jahre hat die Legende manchen Nebel verbreitet,
den zu zerstreuen unmOglich ist. Er soil ab und zu die Unzufriedenheit
eines Vorgesetzten in so hohem Grade auf sich gezogen haben, dass ihm
dieser den Rath gab, seine Carrtere zu verlassen und Journalist zu werden.
Das Wahre an dieser Legende wird das sein, dass er zuweilen das Mechani-
sche des Dienstes recht drtlckend empfunden hat, aber doch auf der andern
Seite durch einzelne hervorragende Leistungen die Aufmerksamkeit auf sich
gezogen hat. Jedenfalls bewegt sich sein Leben vom 13. Januar 1855 an,
wo er die Priifung fiir das hohere Postfach zum frlihsten zulassigen Termin
bestand, in stark aufsteigender Curve. Er wird am 2. Februar 1855 Post-
sekretar, am 1. Mai 1855 Postkassen-Controlleur in Frankfurt a. O., am
13. Januar 1856 Hilfsarbeiter im General-Postamt, am 1. Mai 1856 Geheimer
expedirender Sekretar, am 14. August 1858 Postrath bei der Oberpostdirektion
in Potsdam, 1863 Oberpostrath im General-Postamt, 1865 Geheimer Postrath
und vortragender Rath, am 26. April 1870 General-Postdirektor des deutschen
Bundes.
Eine hehere Stellung konnte er in der von ihm erwahlten Laufbahn
nicht mehr erringen. Aber die Stellung selbst hat sich noch mehrfach ver-
andert. Die Erweiterung des Norddeutschen Bundes zum deutschen Reiche
hatte von selbst die Folge, dass er nunmehr General-Postdirektor des deut-
schen Reiches wurde. Die Reservatrechte, welche sich Bayern und Wtirttem-
berg in Beziehung auf die Verwaltung der Post zu erringen gewusst hatten,
schlossen nicht aus, dass sie der Gesetzgebung des Reiches unterworfen waren.
Im Jahre 1875 wurde die Telegraphenverwaltung mit der Postverwaltung ver-
einigt und St. trat auch an die Spitze der letzteren; von 1876 ab heisst er
nun General-Postmeister. Im Jahre 1879 wurde ein dritter Verwaltungszweig,
die Leitung der Reichsdruckerei ihm tibertragen. Im Jahre 1880 wird aus
Griinden, die mit dem Verwaltungsrecht des deutschen Reiches zusammen-
hangen, der Titel abermals verandert. Er heisst fortan Staatssekretar des
Reichspostamts, und als solcher ist er gestorben, wie Ftirst Bismarck es ftir
sich gewiinscht hat, »in den Siehlen«, noch auf dem Sterbelager mit Amts-
geschaften beladen.
An ausseren Ehren hat es ihm nicht gefehlt. Die zahlreichen Orden,
die sich bei einer so hohen Stellung von selbst verstehen, konnen hier tiber-
gangen werden. Im Jahre 1872 wird er zum Mitgliede des Herrenhauses
aus personlichem Vertrauen des Konigs ernannt; 1873 verleiht ihm die Uni-
versitat Halle durch Ertheilung des philosophischen Doktordiploms den wissen-
ig8 von Stepban.
schaftlichen Adel. Im Jahre 1884 wird er als Mitglied in den Staatsrath
berufen, im Jahre 1885 in den erblichen Adelsstand erhoben. Die Wurde
eines Domherrn in Merseburg wurde ihm im Jahre 1890 verliehen. Das be-
darf fiir den nichtpreussischen Leser, der nicht begreift, wie man Domherr
sein kann, ohne Theolog zu sein, einer Erlauterung. Es bestehen in Preussen
als Reste einer mittelalterlichen Vergangenheit einige Domstifter, deren Mit-
glieder vom Konige ernannt werden und einige Competenzen beziehen, ohne
Pflichten zu iibernehmen. Dass der Kfinig ihm eine solche Auszeichnung ver-
lieh, war eine besondere Auszeichnung, da in der Regel adelige Geburt er-
fordert wird. Endlich erhielt 1895 St. den Rang eines Staatsministers.
Absichtlich ist der aussere Rahmen dieses Lebens so knapp als mtfglich
gehalten. Der Inhalt dieses Lebens tragt sich in systematischer Darstellung
besser vor, als in chronologischer.
Der wirthschaftlichen Grundsatze, von denen St. sich bei der Ver-
waltung der Post leiten Hess, lassen sich drei aufftihren. Zunachst muss die
Post dem Publikum die Gelegenheit zu schreiben mSglichst nahe riicken. Sie
muss ihm das Schreiben nicht allein erleichtern, sondern sie muss ihn geradezu
dazu verftihren. Sie hat das Bewusstsein, ihn dadurch zu keiner unntitzen
Geldausgabe zu verftihren, denn Briefe zu schreiben ist ein gar niitzliches
Werk. Auch der Brief, der weder dem Schreiber noch dem Empfanger einen
unmittelbaren Geldgewinn abwirft, ist nicht verloren, denn er dient der gei-
stigen Anregung und der Erhebung des GemUths. Er unterh< die Beziehun-
gen von Mensch zu Mensch und erhoht die Lebensfreude. Darum muss,
wenn Mohamet nicht zum Berge kommt, der Berg zu Mohamet kommen und
dem Menschen, der nicht zur Post kommt, muss die Post naher kommen, darum
eine starke Vermehrung der Postanstalten, der Briefkasten, der Botengange.
Die Postanstalten mtissen hinausgehen auf das flache Land, auf die Hohe der
Berge. Der Brieftrager muss den Brief in jede Hlitte bringen und darf von
dem Landbewohner nicht fordern, dass dieser sich seine Correspondenz von
der Post abholen lasst. Nichts erleichtert aber das Briefschreiben so sehr,
als die Benutzung der offenen Postkarte, bei der man den Briefumschlag
und dessen Verschluss erspart, in der die KUrze aufhtirt eine Unhoflichkeit
zu sein und zur Tugend wird. Die Einftihrung der Postkarte war ein Lieb-
lingsgedanke St.'s, als er sich noch in untergeordneter Stellung befand, und
nachdem er hier damit gescheitert war, wurde sie seine erste That, nachdem
er Chef geworden war. Dem Gedanken an die Einftihrung der Postkarte
haben noch andere nachgehangen, aber St. war der Columbus, der das Ei
auf die Spitze stellte.
Der zweite wirthschaftliche Gedanke war die Vereinfachung der Be-
triebseinrichtungen fiir den Beamten sowohl wie fiir das Publikum. Die
heutige Jugend, die im Besitze des Erworbenen heranwachst, hat keine Vor-
stellung mehr davon, wie das Postwesen vor vierzig Jahren beschaffen war,
so wenig sie sich den Zustand des Geldwesens jener Zeit vergegenwartigen
kann und es ware eine ebenso schwierige als unerfreuliche Aufgabe, ihr das
Bild vor die Augen zu ftihren. Auszurechnen wann ein Brief von einem Orte
an den anderen gelangen konne, auf welchen Wegen er geleitet werden miisse
und wie viel er kosten wtirde, war eine Aufgabe, die Wissen und Scharfsinn
erforderte. Anzugeben, wie viel Zopfe St. abgeschnitten hat, wtirde unniitz
sein; es gentigt zu wissen, dass sie alle am Boden liegen.
Als einer der wesentlichsten Arbeiten der Vereinfachung erschien ihm die
von Stephan. xqq
Verschmelzung der Post mit der Telegraphie, die ihm von jeher am Herzen
gelegen hatte. Die Telegraphenverwaltung hatte mit Mangel an Rentabilitat
zu kampfen; die einfache Anordnung, dass jeder Postbeamte zugleich Tele-
graphenbeamter ist und umgekehrt, verringerte die Verwaltungskosten.
Und nun begann das Bestreben, jeder Veranderung des Verkehrs den
Posteinrichtungen so eng als moglich anzuschmiegen ; in dieser Beziehung
hatte St. einen praktischen Blick und verstand es, die ihm untergeordneten
Beamten zu gleich scharfer und schneller Auffassung heranzuziehen. Er ver-
lieh auch dem inneren Gebiete der Verwaltung die hochste Einfachheit, be-
seitigte den schleppenden Geschaftsstil und nutzlose Schreibereien.
Der dritte Grundsatz endlich war die Verwohlfeilerung der Briefe.
Was darllber zu sagen ist ergiebt sich von selbst und braucht nicht naher
ausgefuhrt zu werden. Nur der Punkt mag hervorgehoben werden, dass die
Einftihrung der Worttaxe ftir Telegramme sich als ein wesentliches Mittel der
Verwohlfeilerung erwiesen hat. Frtiher bestand die Einrichtung, dass zwanzig
Worte als die Mindestlange eines Telegrammes angesehen wtirden und der
Tarif von zehn zu zehn Worten fortschritt.
Den wirthschaftlichen Verbesserungen gingen technische zur Seite. Auf
dem Gebiete der Post war hier weniger zu thun, doch wurde der zweck-
massigsten Einrichtung der Briefkasten, der Postwagen und so weiter stets
grosse Aufmerksamkeit zugewendet. Der wichtigste Schritt war hier die Be-
nutzung der comprimirten Luft zu Postkarten durch die Einftihrung der Rohr-
post. Durch ein ausgedehntes Rohrensystem und die Aufstellung geeigneter
Maschinen wurde es moglich, einen Brief in Berlin auf acht Kilometer in
sechszehn Minuten zu befordern und ihn in weniger als einer Stunde vom
Augenblick der Einlieferung auf der Postanstalt in die Hande des Empfangers
zu befordern.
Wichtiger als ftir die Post ist die Technik ftir die Telegraphie, denn
diese beruht auf der jlingsten und lebenskraftigsten der Wissenschaften, auf
der El ektro technik. St. war kein berufsmassiger Elektrotechniker, denn
dieser Beruf erfordert die ungetheilte Kraft des Menschen. Er hat keine
gelehrten Entdeckungen und keine scharfsinnigen Erfindungen gemacht. Allein
er besass eine Gabe, die fur sein Amt unentbehrlich war. Ich mochte einen
allgemeinen Satz formuliren. Jeder hohere Beamte, der Verwaltungsbeamte
sowohl wie der Richter, muss von jedem Zweige des menschlichen Wisseus
so viel Kenntnisse besitzen, dass er im Stande ist, verstandige Fragen zu
stellen. Dieser Anforderung gentigte St. und er ging noch einen Schritt
weiter. Der ihm befreundete Grossmeister der Wissenschaft, Werner von Sie-
mens hat ihm bezeugt, dass er nicht allein jeden Fortschritt der Wissenschaft
mit Verstandniss gefolgt ist, sondern auch wichtige Anregungen gegeben hat.
Im Jahre 1879 grtindete er in Berlin den elektrotechnichen Verein,
dessen zweiter Vorsitzender er bis an sein Lebensende geblieben ist. Die von
ihm bei festlichen Veranstaltungen hier gehaltenen Reden haben wegen ihres
weiten Gesichtskreises stets berechtigte Aufmerksamkeit erregt, und bei Er-
offnung der elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main 1891 hat er
eine Rede gehalten, die man als eine Philosophic der Elektrotechnik be-
zeichnet hat.
Er war der erste, der von der praktischen Verwendbarkeit des Tele-
phojns und von der Wichtigkeit dieser Erfindung eine klare Vorstellung ge-
habt hat, und hat fUr seine weite Verbreitung das Mogliche gethan. Er hat
200 von Stephan.
es sich auch nicht nehmen lassen, der Wittwe des ersten Urhebers dieser
Erfindung, des deutschen Volksschullehrers Reis, eine Pension zu verschaffen.
Vom Jahre 1875 an hat er der Legung unterirdischer Kabel seine
Aufmerlcsamkeit zugewendet und seine Thatigkeit in dieser Beziehung ist be-
sonders bemerkenswerth, weil er die Anregung gegeben hat, dass der deutsche
Gewerbefleiss sich dieser Thatigkeit bemachtigt und darin grosse Erfolge er-
zielt hat.
Wirthschaftliche und technische Erfolge zu erzielen ist verdienstlich, aber
es gentigt flir den Leiter einer grossen Verwaltung nicht. Er muss auch den
finanziellen Erfolg im Auge haben. Der Techniker gleicht nur all zu oft
dem verliebten Thoren, der Sonne, Mond und alle Sterne dem Liebchen zu
Liebe verpufft. St. war ein guter Finanzmann; er hat stets darauf gehalten,
dass die Post grosse und wachsende Ueberschiisse abwarf. Er hat es nicht
aus fiskalischer Engherzigkeit, sondern der Sache zu Liebe gethan. Er fand
in der finanziellen Eintraglichkeit die sichere Gew&hr dafUr, dass er mit Fort-
schritten stets fortfahren konne. Er war ein Anh&nger des Satzes: Qui va
sano va lontano. Und hier ist es an der Zeit, eine Betrachtung einzu-
schieben.
St. hat den HOhepunkt seiner Popularit&t (iberlebt. Es wurden ihm Vor-
wiirfe gemacht, dass er in den letzten Jahren seines Lebens stillgestanden sei.
Diese Vorwiirfe haben ihn gekrankt, vielleicht sogar verbittert. Waren sie
auch in der Sache begrtindet gewesen, so wurden sie doch in einer Form
vorgetragen, welche die Dankbarkeit ftir frlihere Verdienste vergessen Hess.
Die demagogische Richtung hatte sich der Sache bemachtigt.
Es sind drei Falle denkbar. Entweder die Vorwiirfe waren begrtindet
und St. hat- dem Alter durch Abnahme seiner Energie einen Zoll bezahlt.
Oder der Vorwurf war zwar begriindet, aber an die falsche Adresse gerichtet.
St. hat die Absicht gehabt, weiter vorwarts zu gehen, hat aber bei der Finanz-
verwaltung Schwierigkeiten gefunden. Oder drittens die Vorwiirfe waren auch
in der Sache unbegriindet. Alles in der Welt hat seine Zeit, Verschieben hat
seine Zeit und Verschnaufen hat auch seine Zeit. St. hat die Ueberzeugung
gewonnen, dass es an der Zeit sei, mit grftsseren Maassregeln fttr eine Zeit
lang innezuhalten ; an kleineren Verbesserungen hat es bis zum letzten Augen-
blick nicht gefehlt. Welche dieser drei Annahmen die richtige sei, ist eine
Frage, die noch nicht spruchreif ist; ich neige mich- personlich der letz-
teren zu.
Ich gehe nun weiter. Es ist kurz skizzirt, was St. im Innern geleistet
hat; nun ist zu zeigen, wie er die von ihm gehegten Grundsatze auf weitere
Kreise tibertragen hat. Der kosmopolitische Postmann erheischt eine Be-
trachtung.
Am 17. Juli 1866 rlickte er mit den siegreichen preussischen Truppen in
Frankfurt ein, belegte die Geschaftsbticher und Akten der Thurn- und Taxis-
schen Post mit Beschlag und schuf so die Grundlage ftir Verhandlungen,
welche damit abschlossen, dass die Taxissche Post aufgehoben, im Wege des
Vertrages abgelost und mit der Preussischen, nunmehr Deutschen Post ver-
schmolzen wurde. Die Posteinrichtungen, welche im Jahre 1516 FUrst Fran-
cesco de Taxis geschaffen, waren einst ein gut Stuck Fortschritt gewesen;
nunmehr waren sie zum Abbruch reif. Die Verschmelzung der Post von
Schleswig-Holstein und von Hannover mit der Preussischen machte auch
mancherlei Arbeit; iiberall fand man Verschiedenheiten der Organisationen
von Stephan. 201
und Instruktionen, die mit kraftiger Hand ausgeglichen wurden; die Kronung
des Werkes war aber doch, als nach abgeschlossenem Vertrage die Taxissche
Post ihre Thatigkeit einstellte und nunmehr fiir den norddeutschen Bund nur
eine einzige Postinstitution bestand. Der Abschluss dieses Vertrages, den St.
noch als vortragender Rath vollzog, bahnte ihm den Weg zu seinen hoheren
Stellungen. Sie war sein Gesellenstiick , das wohl fiir ein Meisterstuck hatte
gelten konnen, wenn er es nur daftir hatte gelten lassen wollen.
Bald darauf gab es neue Arbeit. Im Jahre 1872 wurde die Badische
Post und im Jahre 1875 die elsassisch-lothringische, die auf den zwar guten,
aber vollig abweichenden franztisischen Einrichtungen beruhte, mit der deut-
schen verschmolzen.
Doch Alles das war nur Vorbereitung fiir das nahe Meisterstiick, fiir den
Abschluss des Weltpostvertrages.
Am 15. September 1874 trat in Bern die Conferenz zusammen, die den
Grundstein zu diesem grossen Werke legte. Am 9. Oktober desselben Jahres
wurde der Vertrag geschlossen, durch den der Allgemeine Postverein ge-
giiindet wurde. St. hatte es vorbereitet und durch alle Schwierigkeiten hin-
durchgefuhrt. Auf den Postkongressen in Paris (1878), Lissabon (1885),
Wien (1890), Washington (1897) wurde es fortgeftihrt. Auf dem letzteren
schlossen sich die letzten Staaten, die kultivirt genug sind, um tiberhaupt
eine Post zu haben, dem Weltpostverein an. St. hat es nicht mehr erlebt,
aber vorausgesehen. Es ist der erste Vertrag, der die ganze gesittete Welt
umspannt, ein Vertrag, der so lose ist, dass ihn jeder einzelne Staat in jedem
Augenblick mit Jahresfrist kiindigen darf und doch so fest, dass ihn nie ein
Staat kiindigen wird. Er lasst jedem Staate die vollstandigste Freiheit der
Verwaltung und bindet ihn nur an wenige Grundsatze, die ihm selbst zum
Vortheil gereichen. Er schafft einen Posttarif, der fiir die ganze Welt gilt
und nur wenige Zeilen umfasst, wahrend fiinfzig Jahre friiher der Posttarif
fiir Deutschland allein einen dicken Band bildete.
Die Post bedarf, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, gewisser Mittel
und diese Mittel wachsen mit ihren grosseren Zielen. Sie bedarf eines Rechts,
auf dem sie fusst, bedarf der Beamten und der Gebaude.
Das Postrecht beruht auf dem Reichsgesetze vom 28. Oktober 1871,
einem iiberaus trefflichen Gesetze, von dem man mit Bedauern sehen muss,
dass kaum ein Jahr nach St.'s Tode an seinen Grundlagen geriittelt wird,
um einen gesunden privaten Gewerbebetrieb aus fiskalischen Griinden zu ver-
nichten. St. hatte den Grundsatz, Nichts fiir die Post in Anspruch zu nehmen,
was Private besser konnen als sie und so liess er den lokalen Briefverkehr
jenen Privatunternehmungen. Er scheute sich dagegen nicht, Regalien fiir
die Post in Anspruch zu nehmen, wo er sie fiir nothwendig hielt und das
war in Beziehung auf das Telegraphenwesen in sehr umfassender Weise der
Fall. Seine Forderungen wurden durch des Gesetz iiber das Telegraphen-
wesen am 6. September 1892 erfiillt. Die einzelnen erganzenden Gesetze und
Reglements hier aufzufiihren liegt ausserhalb der gestellten Aufgabe.
Seinen Beamtenstand suchte er in jeder Weise zu heben. Einerseits
stellte er hohe Anforderungen an die Vorbildung der hoheren Beamten; an-
dererseits liess er sich die Verbesserung der Gehiilter und die SchafTung von
Wohl fahrtsanstal ten angelegen sein. Krankenkassen, Unterstutzungskassen, Ver-
sorgungsanstalten fiir Waisen, Rentenversicherungen, Konsumvereine und ahn-
liche Anstalten sind durch ihn in grosser Anzahl angeregt und zum Theil
202 von Stephan.
geschaffen worden. Ob er dabei hin und wieder zu weit gegangen ist, bleibt
eine offene Frage. FUr die wissenschaftliche Hebung schuf er eine Post-
und Telegraphenschule und eine Postbibliothek. Die Criminalitat der Post-
beamten hat sich unter seiner Verwaltung in aufialliger Weise vermindert. Er
hat einen Stamm von hoheren Postbeamten geschaffen, der im Stande ist,
sein Werk in seinem Geiste fortzufiihren , vorausgesetzt, dass nicht storende
Elemente eindringen. Auf der anderen Seite hielt er auf sehr strenge Disciplin
und war der Ausubung des Vereins- und Petitionsrechts durch seine Beamten
abgeneigt. Die Zeit muss dartiber entscheiden, ob er nicht auch in dieser
Beziehung Recht gehabt hat. Viele einzelne ZUge werden von ihm angefuhrt,
aus denen hervorgeht, dass er gegen Beamte, die zwar gegen eine Vorschrift
verstossen hatten, aber doch mildernde Umstande anflihren konnten, die ver-
diente Milde walten Hess.
Eine erstaunlich umfassende Thatigkeit entwickelte er auf dem Gebiete
des Postbauwesens. Es sind unter seiner Verwaltung 280 Postgebaude des
Reichs mit einem Kostenaufwande von 115 Millionen Mark hergestellt worden.
Sein oberster Grundsatz dabei war, dass die Post ftir ihre Thatigkeit ge-
niigenden, auch ftir absehbare Zukunft ausreichenden Raum haben miisse.
Daran schloss sich die zweite Forderung, dass die Raume zweckentsprechend
und der Gesundheit nicht nachtheilig seien. Die dritte Forderung war die,
dass die Gebaude solide und dauerhaft aufgefiihrt seien und daran schloss
sich die vierte, dass sie so schdn seien, als sich ohne wesentliche Verletzung
von GrundsaUen der Sparsamkeit ermoglichen lasse. Wenn diese vier Grund-
satze allgemein anerkannt wurden, so stiess der fiinfte auf Widerspruch, dass
es unter Umstanden Nichts schadet, wenn zur Erzielung der Schtmheit auch
gewisse finanzielle Opfer gebracht wurden.
Von klinstlerischer Seite ist in der lebhaftesten Weise anerkannt worden,
dass die Postbauten sich durch die Abwesenheit jeder Monotonie rtihmlich
auszeichnen. Sie schliessen sich in jeder Stadt dem dort herrschenden Baustil
an und jedes Gebaude tragt einen individuellen Charakter. Er war nicht
abhangig von den Vorschlagen seiner Baurathe, sondern verwarf deren Ent-
wiirfe, nothigenfalls mehrere Male, wenn sie seinen Ansprtichen nicht geniigten.
Er hat heftige Kampfe im Reichstage aus finanziellen und ausserhalb
desselben aus asthetischen Grtlnden zu bestehen gehabt, aber es lasst sich
wohl abschliessend jetzt schon das Urtheil fallen, dass er auf der ganzen
Linie Sieger geblieben ist.
Die Besprechung der Postbauten hat von selbst dazu geftihrt, zu be-
merken, dass die Post als ein wesendiches Culturelement Beziehungen zur
Kunst hat. St. war eine kiinstlerisch empfangliche Natur; er Ubte und liebte
die Musik, sammelte mit Geschmack alte Bilder, Hess sich bei Tischreden
oder sonstigen Gelegenheiten in Versen gehen und hat dann auch unter dem
Namen eines »Poststammbuches« eine Sammlung von Gedichten und Auf-
satzen zu Stande gebracht, die sich auf die Post beziehen.
Als ein Culturelement hat die Post aber auch Beziehungen zurW is sense haft
und diese hat St. in der ernstesten Weise gepflegt. Die Bedeutung, welche die
Verkehrseinrichtungen ftir das Culturleben der Menschheit haben, hat er im
Geiste zu jeder Zeit erwogen. In einem gedruckt vorliegendenVortrage (iber » Welt-
post und Luftschiffahrt« hat er eine der entziickendsten Plaudereien geschaffen,
die je geschrieben sind. Von dem Augenblicke an, wo Jemand zum ersten
Male ein Pferd bestieg, oder einen Baumast als Schleife brauchte, bis zu dem
von Stephan. 203
zuktinftigen Zeitpunkt, wo das lenkbare Luftschiff die heute iiblichen Ver-
kehrsmittel ersetzt, geht eine Reihe von bunten Bildern an unserem Auge
vortiber. Eine Ftille von Anekdoten, geschichtlichen, sprachlichen, natur-
wissenschafdichen Belehrungen fluthet tiber uns her. Man hat den Eindruck,
dass ein Mann, der vor einer reich versehenen Speisekammer steht, aus der-
selben nur eben so viel herausnimmt, dass er uns ein Friihsttick vorsetzen kann,
welches den Appetit zum Mittagessen reizt.
Zwei langere Abhandlungen besprechen »das Verkehrsleben im Alterthum«
und »das Verkehrsleben im Mittelalter«. Sie beschranken sich nicht auf das
Gebiet der Verkehrseinrichtungen, sondern ktinnen als ein Abriss der Han-
delsgeschichte betrachtet werden. Von Philologen und Historikern sind sie
als mustergiltige, auf Quellenstudium beruhende Werke bezeichnet worden.
Mehr als achthundert Seiten ftillt seine »Geschichte der Preussischen
Post«, die durchweg archivalisches Material erschlossen hat und von Roscher
als ein hervorragendes Werk auf dem Gebiete der Nationalokonomik be-
zeichnet wurde.
Zur Untersttitzung der wissenschaftlichen Erforschung der Verkehrsge-
schichte schuf er in Berlin das Postmuseum, eine Sammlung von Gegen-
standen jeder Art, die auf einen Zweig der Post oder Telegraphie Bezug
haben. Modelle von Posthausern und Maschinen, Apparate, Abbildungen,
Briefmarken, Originale alter Briefe und andere Dinge sind hier systema-
tisch vereinigt. Die Sammlung steht ohne Gleichen da und hat vielen Neid
erregt.
Die Beschaftigung mit anderen Formen des Verkehrs als Post und Tele-
graphie konnte einem Manne wie St. nicht fern bleiben. Der Dampfschiff-
fahrt hat er dadurch Vorschub geleistet, dass er zunachst deutsche Dampf-
schiffe mit der Beforderung der deutschen Post betraute und sodann die
deutschen Dampferverbindungen mit Afrika, Ostasien und Australien, denen
er eine staatliche Subvention verschaffte, in das Leben rief.
Mit dem Eisenbahnwesen hat er sich anhaltend in der Weise beschaftigt,
dass er President der Eisenbahncommission des Herrenhauses war. Es war
ein Lieblingsgedanke von ihm, dass sich die Eisenbahnverwaltung in einer
Weise mtlsse gestalten lassen, die der Post- und Telegraphenverwaltung sehr
ahnlich sei, am liebsten sich mit ihr verschmelzen lasse. Allem Anschein
nach hatte Ftirst Bismarck in einem bestimmten Zeitpunkte an ihn be-
stimmte Erwartungen gekniipft, denen zu entsprechen er sich bemtihte.
Es kam dann wohl zu der auffallenden Erscheinung, dass der Staats-
minister, der die Eisenbahnverwaltung zu leiten hatte, von einem Mitgliede
der Staatsregierung, das nicht als solches, sondern in der Rolle eines unver-
antwortlichen Mitgliedes des Herrenhauses auftrat, sehr heftig angegrifFen
wurde. Es scheint indessen, als habe St. allmahlich die Ueberzeugung ge
wonnen, dass seine das Eisenbahnwesen betreffenden Plane noch nicht hin-
reichend ausgereift seien, und er hat Abstand davon genommen, sie weiter
zu verfolgen.
Ehe wir von der Thatigkeit, die er auf dem Gebiete des Verkehrswesens
entfaltete, Abschied nehmen, haben wir noch einer Schopfung zu gedenken,
die St. nicht ftir die Dauer, sondern fiir einen vortibergehenden Zweck in
das Leben rief, die aber hohe Bewunderung erregt hat; es war die Feldpost.
Noch niemals hatte ein kampfendes Heer mit der Heimath in so ununter-
brochener und enger geistiger Verbindung gestanden, als dies dem deutschen
204 von Stcphan.
Heer wahrend des franzosischen Krieges beschieden war. Es ist kein Zweifel,
dass diese enge Verbindung den Muth und die Stimmung der Truppen
wesentlich gehoben hat, und diese Leistungen sind denn auch im Reichstage
und an anderen Stellen als ein Element des Sieges gewtirdigt worden.
Man steht nicht ein Menschenalter hindurch an der Spitze eines grossen
Verwaltungszweiges, man erhalt nicht den Titel eines Staatsministers, wird
nicht Mitglied des Staatsraths und des Herrenhauses, ohne zugleich zum
Politiker zu werden.
Er hatte es in noch umfassenderer Weise sein konnen, als er es war.
Als Bismarck im Jahre 1879 nach der Endassung Camphausen's einen Finanz-
minister suchte, mit welchem er die Ideen seiner neuen Wirthschaftspolitik
durchfuhren konnte, wurde das Portefeuille auch St. angeboten. Ebenso war
mehrfach davon die Rede, ihn im diplomatischen Dienst zu verwenden und
jedenfalls ware er den ihm gestellten Aufgaben gerecht geworden. Seine
Sprachkenntnisse befahigten ihn ebenso dazu wie die Gewandtheit, die er im
Abschluss von Postvertragen bewiesen hatte. Er zog es vor, Erster im Post-
fach als Zweiter in der Diplomatic zu sein.
Kein anderer Staatsmann hat sich auch nur annahernd so lange neben
dem Fiirsten Bismarck auf seinem Posten erhalten. Man kann das nicht
darauf zuriickflihren, dass Bismarck mit Allem, was St. gethan, einverstanden
gewesen ware. Im Gegentheil, er hat einmal im Reichstage erklart, es ge-
schehe bei der Post manches, was seinen Ueberzeugungen zuwiderlaufe, aber
er vermoge es nicht zu andern. Das deutet darauf, dass St. mit diplomati-
schem Geschick verstanden hat, sich auf seinem Posten zu erhalten. Ueber
politische Fragen, die sein Amt nicht beriihrten, hat er sich nicht ausge-
sprochen. Er war wohl schwerlich auf irgend ein Parteiprogramm einge-
schworen; vor eigentlich reactionaren Velleitaten schtitzte ihn seine Bildung
und seine Erziehung. Aus seinen Schriften geht hervor, dass er in kirch-
licher Beziehung auf einem zwar frommen, aber doch auch freien Standpunkte
stand. Die Bibel und das Evangelium, aber nicht das Dogma waren ihm an
das Herz gewachsen.
Im Jahre 1869 wohnte er der Eroflhung des Suezkanals bei. Die
damalige Reise hat als Frucht eine Schrift uber das heutige Aegypten hervor-
gebracht, die ein merkwlirdiges Zeugniss fur die umfassende Bildung des Ver-
fassers liefert. Er schildert Land und Volk, Landwirthschaft und Agrarver-
fassung, Regierung und Verwaltung, Finanzen, Cultus und Justiz, Handel,
Verkehr und Industrie. Das stoffreiche Buch konnte nur in Nebenstunden
hingeschrieben werden, wahrend der Verfasser mit Amtsgeschaften schwer
belastet war. Es ist ein Menschenalter seitdem vergangen, und Aegypten
hat seitdem eine reiche Geschichte — erlitten. Die statistischen Notizen sind
zum Theil veraltet. Und dennoch ist das Buch wegen des weiten Blickes,
den es bekundet, heute noch nicht allein lesbar, sondern auch unterrichtend.
Und vor alien Dingen liefert es einen Beweis daflir, wie St. zu sehen ver-
stand. Fur die Sitten des Volkes, fiir die EigenthUmlichkeiten der Flora und
der Fauna, fiir Bodenverhaltnisse und Gebirgsformationen findet sich das
gleiche Verstandniss und die gleich sichere Herrschaft Uber die Elemente
des Wissens, welche es ermoglicht, den Vorrath der Kenntnisse zu erweitern.
St. war ein Meister der Sprachen, der fremden wie der deutschen. Bei
einem Festmahl hat er eine Ansprache, die er hielt, in den Idiomen aller
dort vertretenen Volker wiederholt. Von frlih auf hat er die Fertigkeit im
yon Stepban. 205
mtindlichen und schriftlichen Gebrauch der lebenden Sprachen getibt. Um
die deutsche Sprache hat er sich ein Verdienst als deren Reiniger erworben.
Die Frage nach der Berechtigung der Fremdworter ist eine solche, deren
vollstandig befriedigende Losung nie gelingen wird. Die Erfahrung spricht
daftir, dass St. das rechte Maass getroffen hat. Er hat Fremdworter beibe-
halten, fiir welche er einen guten Ersatz nicht fand, und fur diejenigen, die
er beseitigte, haben die Ersatzwtirter sich eingelebt. Das Beispiel, das er
gegeben hat, wurde in anderen Verwaltungszweigen, zunachst in Eisenbahn
und Rechtspflege, nachgeahmt. Die eigenen Schriften, welche wir von ihm
besitzen, geben ihm das%Recht, den besten deutschen Stilisten neuerer Zeit
zugezahlt zu werden.
St. war ein eifriger Jager. Im Herrenhause wurde er einst zum Bericht-
erstatter gewahlt, als ein neues Jagdgesetz berathen wurde. Es war das ein-
zige Mai, dass er als Redner in einer Frage aufgetreten ist, die seinem
eigentlichen Beruf so vollstandig fern lag. Es lag ein eigenthtimlicher Humor
darin, dass das Herrenhaus ihn zum Berichterstatter gewahlt hatte, denn
einige Jahre zuvor hatte Graf Briihl bei seinen Standesgenossen bewegliche
Klage dartiber geftihrt, dass man bei dem edlen Jagdvergnugen so haufig
durch »Kramer, Juden, Postschreiber und derartige unangenehme GesellschafU
belastigt werde. Und nun musste das Herrenhaus der Postschreiber Obersten
als die geeignetste Person herausfinden, um Bericht zu erstatten Uber eine
Angelegenheit, die ihm vor allem wichtig war. St. betonte, dass bei alien
germanischen Nationen das Jagdhandwerk als ein Kraftzusatz aufgefasst wor-
den sei. Selbstverstandlich war er kein Sonntagsjager. Seine Stellung brachte
ihm den Vortheil, dass er iiberall dort eingeladen wurde, wo die Jagd ein
besonderes Interesse gewahrte. Die Geschichtsforschung hat den Tag auf-
gezeichnet, an welchem er seine erste Gemse geschossen hat; es war der
31. Juli 1882.
Unter den Mannern friedlicher Arbeit, die sich um den Kaiser Wilhelm I.
gesellt hatten, nimmt St. ohne Frage die erste Stelle ein. Er hinterlasst ein
Werk, das unverganglicher ist als Erz. Den Lorbeer flir die kriegerischen
Thaten eines Bismarck oder Moltke zollt das Volk, dem sie zum Vortheil
gedient haben; der Schopfer des Weltpostvereins hat fiir die Menschheit ge-
arbeitet und deren Dank verdient.
Ueber die Bedeutung seines Werkes hat sich St. selbst mit der gezie-
menden Mischung von Stolz und Bescheidenheit ausgesprochen. Er hat die
giinstigen Zeitumstande betont, die seinen Absichten entgegenkamen. Es ist
gewiss, dass der Mensch Wind und Strom nicht schaffen, sondern nur fiir
seine Werke benutzen kann. Flinfzig Jahre fhiher hatte der genialste Mann
an solche Plane, wie St. sie ausgefiihrt, nicht einmal denken konnen. Aber
umgekehrt, die Gunst der Zeit ntitzt nichts, wenn nicht Jemand da ist, der
sie auszubeuten versteht. Reformen im Postwesen hatten sich am Ende auch
vollzogen, wenn ein St. nie gelebt hatte; vielleicht ware es sogar auch einmal
zu einem Weltpostverein gekommen. Aber Alles hatte sich langsamer und
in unsicherer Weise vollzogen. Die Zeit hat St. ihre voile Gunst gewahrt,
aber auch er ist ihr nichts schuldig geblieben.
Man darf wohl sagen, dass er ein providentieller Mann war. Sein Bil-
dungsgang, die Eigenthtimlichkeit seiner geistigen Veranlagung war erforder-
lich, um eine so grosse Kraft concentrirt auf den Einen Punkt zu richten,
wie man die Hemmnisse des Verkehrs beseitigen konne, den zu heben die
206 von Stepban.
vornehmste Aufgabe unserer Zeit sei. Als das Werk der deutschen W£h-
rungsreform einmal in das Stocken gerathen war, rief Bamberger aus, er sehne
sich nach einem Mtinz-Stephan. So sehr war schon den Zeitgenossen der
Name St. zu einem Typus geworden.
Er ist grossen Zielen nachgegangen, deren Erreichung, als sie zuerst
ausgesprochen wurden, unerreichbar erscheinen mochten. Und dennoch ist er
ein ntichterner Realist gewesen, der stets seine Krafte wohl erwogen hat und
darum vor Fehlschlagen bewahrt geblieben ist. Er hat eben so wenig ge-
rastet, als sich jemals ubereilt. Er hat auf dem Gebiete, das er beherrschte,
mit einer Selbstandigkeit gehandelt, die sich vor jedem Eingriff zu htiten
wusste, und hat der Versuchung widerstanden, sich in andere Gebiete einzu-
mischen, in denen er vielleicht auch Tiichtiges, aber nichts Unwidersprech-
bares geleistet hatte.
Er verstand es nicht allein, gute Gedanken zu fassen, sondern sie auch
zu vertheidigen. Er war im Reichstage einer der schlagfertigsten und erfolg-
reichsten Redner. Er hat jeden Widerstand, der ihm entgegengesetzt wurde,
liberwunden und hat wahrscheinlich an anderen Stellen manchen Widerstand,
der sich nicht offentlich bemerkbar machen wird, gleichfalls iiberwunden.
Eine starke Dosis Humor kam ihm zu statten. Noch mehr aber entfaltete
sich dieser Humor, wo er sich mit der Polemik nicht zu paaren hatte. Seine
Tischreden waren bertihmt; auf poetische Anreden oder Zuschriften hatte er
die Erwiderungsrede sofort bereit.
Zu seiner reichen geistigen Veranlagung gesellte sich eine gliickliche
Korperbeschaffenheit. Ein schlanker und dabei doch muskuloser Korper, eine
tiefbraunliche Gesichtsfarbe, die auf Wetterfestigkeit deutete, liessen ihn als
ein Urbild der Gesundheit erscheinen. Er war jeder Anstrengung, nament-
lich auch auf Reisen, gewachsen. Wie im Voriibergehn nahm er haufig die
Revision eines Postamts vor, und seinem scharfen Blicke offenbarten sich
sofort alle Schwachen.
Und doch war diese Gesundheit weniger dauerhaft als sie versprach. Es
hatte sich eine Zuckerkrankheit eingeschlichen, die dadurch verschlimmert
wurde, dass der Kranke sich keine Schonung gOnnte. Ende 1896 hatte er
sich bei dem Ausschneiden eines Huhnerauges eine unbedeutende Wunde an
einer Zehe zugezogen, die, wie dies bei Zuckerkranken haufig vorkommt,
nicht wieder verheilen wollte. Vom 28. bis zum 30. Januar 1897 hatte er im
Reichstage in anstrengenden Debatten seinen Etat zu vertreten. Am 22. Februar
wurde ihm die erkrankte Zehe operirt, und am 3. April folgte die Amputation
des rechten Unterschenkels. Der Kranke hatte bis zum letzten Augenblick
Amtsgeschafte erledigt, dabei sich den arztlichen Anordnungen ohne Wider-
spruch geftigt und eine heitere, sogar vertrauensvolle Stimmung bewahrt.
Am 8. April machte der Brand seinem Leben ein Ende. »Die Welt hat ihn
verlorenU sagte Kaiser Wilhelm II. an seinem Sarge.
Schriften. Geschichte der Preussischen Post von ihrem Ursprunge bis
zur Gegenwart. Berlin 1859. Leitfaden flir schrifdiche Arbeiten im Post-
fache. Berlin 1859. (Genannt: Der kleine Stephan.) Verschiedene Artikel
tiber Postwesen in der dritten Auflage von Rotteck und Welcker's Staats-
lexikon. Leipzig 1 864 fgg. Das Verkehrsleben im Alterthum. (In Raumer's
historischem Taschenbuch fiir 1868. Leipzig.) Das Verkehrsleben im Mittel-
alter. (In demselben fiir 1869.) Der Suezkanal und seine Eroffhung. Zwei
Artikel. (In Unsere Zeit, Jahrgang 1870.) Die Weltverkehrsstrassen zur
von Stephan. Einsle. 207
Verbindung des Atlantischen und Stillen Oceans, (Ebenda.) Das heutige
Aegypten. Leipzig 1872. Weltpost und Luftschiffahrt. Berlin 1874. Post-
stammbuch. Berlin 1875. ^*e Fremdworter, Vortrag, gehalten im wissen-
schaftlichen Verein. Berlin 1877. Das Reichspostgebiet. Berlin 1878. (Topo-
graphisch-statistisches Handbuch.) Die Post im Reiche der Ltifte. (In:
O. Verederius, Das Buch von der Weltpost. Berlin 1885.) Orient 1891.
Berlin 1896. Eine sehr grosse Anzahl von ktirzeren Aufsatzen und Abhand-
lungen sind in den verschiedensten Zeitschriften, meist ohne Angabe des
Verfassers, erschienen. Audi wird eine Sammlung von lyrischen Gedichten,
die nur ftir Freunde gedruckt ist, und manche ungedruckte Abhandlung er-
wahnt.
Biographisches. Das werthvollste Material enthalt die unter dem Titel >Unter
dem Zeichen des Verkehrs<c anonym erschienen e Schrift, Berlin 1895. Sie ist von zwei
Beam ten des Reichspostamts abgefasst und zum flinfundzwanzigjahrigen Jubilaum der Er-
nennung St.'s zum Generalpostmeister herausgegeben. Aus ihr haben die zahlreichen Ne-
krologe geschftpft, die in Zeitschriften erschienen sind. Von ihnen m6gen erwahnt sein
derjenige von Hennicke in Westermann's Monatsheften, der selbstandige Forschungen
liber die Jugendzeit des Gefeierten enthalt und derjenige in der Cosmopolis, von dem
Unterstaatssekretar Fischer, dem n&chsten Mitarbeiter Stephan's. In Buch form erschien:
Heinrich von Stephan, ein Lebensbild von E. Krickeberg. (Dresden und Leipzig 1897.)
Eine besondere Seite behandelt: Weise, Stephan als Waidmann. Neudamm 1898. Eine
ausfiihrliche Monographic unter Benutzung des brieflichen Nachlasses und der amtlichen
Schriftstttcke ist dringend erwUnscht.
Alexander Meyer.
Einsle, Anton, Buchhandler, * 1848 als Sohn des bedeutenden Portrait-
und Historienmalers A. Einsle in Wien, f ebenda am n. October 1897. — Nach
Absolvirung der Ober-Realschule widmete er sich dem Studium der Chemie
und besuchte das Wiener Polytechnicum, trat aber auf Wunsch des Vaters
1868 als Beamter bei der Nordbahn ein und war als Stationsassistent zwei
Jahre in Briinn angestellt. Nebenher beschaftigte er sich als Violinist eifrig
mit Musiktheorie und nahm, nach Wien zurtickgekehrt, Unterricht im Contra-
punkt. Nach Ausscheidung aus dem Beamtenstande wandte er sich dem
Buchhandel zu, den er in dem beriihmten Antiquariat von C. Helf in Wien
erlernte. 1871 eroffnete er mit L. Lang unter der Firma Lang & Einsle
eine Buchhandlung mit Antiquariat in Wien. Er trennte sich jedoch schon
im folgenden Jahre von seinem Freunde Lang, um in Dresden eine andere
bald emporbluhende Buchhandlung zu griinden. Schon 1876 aber zog es
ihn in die Heimath zurlick, wo er mit Erfolg ein neues Geschaft eroffnete.
Besonderes Vertrauen besass Einsle als Auctionator, wie die von ihm ver-
offentlichten 84 Auctionscataloge beweisen, grossentheils die Bibliotheken be-
deutender Bibliophilen und Bibliomanen umfassend. Unermiidlich war er in
der Bereicherung seiner Kenntnisse auf den mit dem Buchhandel in Zusam-
menhang stehenden Gebieten. Besonders eifrig betrieb er das Studium der
Kupferstichkunde und der Malerei, und noch als Siebenunddreissiger erlernte
er in der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt die photographischen Verfahren,
auch Lichtdruck- und Heliogravure, sowie Photolithographie. Die den Druck
ausgenommen von ihm hergestellte »Biblia pauperum« der Albertina und sein
»Holbein's Totentanz« werden als das Vollendetste auf diesem Gebiete ge-
riihmt Diese und andere seiner photogTaphischen Arbeiten wurden durch
neun Medaillen anerkannt. — Ganz bedeutend war E. als Bibliograph, woftir
seine » Bibliographic der Incunabel«, sein »Catalogus librorum in Austria pro-
208 Einsle. Wasmutb. Klinkhardt.
hibitorum« u. a. Arbeiten Zeugniss ablegen. — Gross waren seine Verdienste
um die Corporation der Wiener Buch-, Kunst- und Musikalienhandler, sowie
des Vereins der osterreichisch-ungarischen Buchhandler, deren Secretar er seit
1886 war. Er war ferner Schatzmeister des k. u. k. Oberstmarschall-Amtes
des Kaisers und des Wiener Handelsgerichts. Auch als langjahriger Redacteur
der Oesterreichisch-Ungarischen Buchhandler-Correspondenz beth&tigte er seine
vielseitige Arbeitskraft. Schliesslich ist noch hervorzuheben, dass er 1895
und 1896 als fortschrittlicher Candidat flir den zweiten Wahlkorper des Be-
zirkes Innere Stadt in den Gemeinderath gew&hlt wurde. E. starb nach
langerem schweren Leiden im Rudolfinenhause in Dobling bei Wien.
VergL Friedrich W. Goldschmidt im B&rsenblatt f. d. deutsch. Buchh. 1897. No. 237.
H. Ellissen.
Wasmuth, Ernst, Buchhandler, * am 28. M&rz 1845 *n Regendiin bei
Woldenberg, Kreis Arnswalde, f 3. October 1897 zu Wiesbaden. — W. er-
lernte nach dem Besuch der Gymnasien zu Landsberg a. W. und Frankfurt a. O.
in der Trautwein'schen Buchhandlung (Martin Bahn) zu Berlin den Buchhan-
del. Mitte der sechziger Jahre ging er nach Paris und wurde Vertreter des
beriihmten Hauses Morel, musste aber infolge des Krieges 1870 Frankreich
verlassen. Nach Berlin zurtickgekehrt, grtindete er am i.Mai 1872 unter der
Firma Ernst Wasmuth eine Specialbuchhandlung fiir Architectur, deren Theil-
haber am 1. April 1874 sein am 7. Februar 1894 verstorbener jtingerer Bruder
Emil Eduard wurde. Innerhalb der gesteckten Grenzen wurden Verlag, Sor-
timent und Antiquariat betrieben, auch eine artistische Anstalt errichtet, die
Photographie, Lithographie, Steindruckerei, Zinkographie und Autotypie um-
fasste. Als Verleger entfaltete W. eine ausserordentliche Thatigkeit. Waren
die deutschen KUnstler bisher fast nur auf franzfisische und englische Quellen
angewiesen, so Hess er sich angelegen sein, die reichen deutschen Sch&tze in
grossen Tafelwerken zu reproduciren und der gesammten Klinstlerwelt zu er-
schliessen; aber nicht das allein, er riistete Expeditionen von Gelehrten und
Photographen nach Spanien und England, nach Italien und D£nemark aus
zur Sammlung von Material fiir seine reichhaltigen Werke, die den Bedurf-
nissen der Architecten, Bildhauer und Maler entgegenkamen. Ausserdem liess
er nicht nur ganz Deutschland und Oesterreich, sondern die ganze Culturwelt
bereisen, um seinem Verlage und seinem Hause die weitesten Absatzgebiete,
der deutschen Kunst aber immer mehr Geltung zu verschaffen. Schon 1885
konnte er sein eigenes Haus in der Markgrafenstrasse 35 beziehen. Sein
25Jahriges Geschaftsjubilaum am 1. Mai 1897 sollte er leider nicht lange (iber-
leben. Ftir seine schon damals angegriffene Gesundheit gewahrte auch eine
Kur in Wiesbaden keine Genesung.
VergL Bttrsenbl. f. d. deutsch. Buch han del. 1897. No. 260.
H. Ellissen.
Klinkhardt, Bruno, Buchhandler, war der zweite Sohn des Verlagsbuch-
handlers Friedrich Julius Klinkhardt, * am 24. August 1843 in Leipzig, f am
17. November 1897 ebenda. — 1857 — 61 erlernte er bei E. Polz in Leipzig
die Buchdruckerkunst und war dann kurze Zeit in der kgl. Hofbuchdruckerei
von C. C. Meinhold & Sohne in Dresden beschaftigt. Ende 1861 tibernahm
er die Leitung der von seinem Vater erworbenen frtlheren Umlauf & Lilder-
schen Buch- und Notendruckerei, wahrend sein alterer Bruder Robert schon
Klinkhardt. von Hoefler.
209
frQher in das bereits 1834 gegriindete vaterliche Geschaft eingetreten war.
1870 wurden beide Briider Theilhaber, 1881, nach dem Tode des Vaters,
Alleinbesitzer des immer mehr emporbltihenden Geschafts. Hatte dieses sich
schon friih durch einen bedeutenden padagogischen Verlag ausgezeichnet, so
Hess Bruno Klinkhardt, der bis zu seinem Tode die technische Abtheilung
des Hauses leitete, die Erweiterung der Buchdruckerei und die Errichtung
zahlreicher anderer Zweige, wie Lithographie und Lichtdruckerei, Schrift-
giesserei, Graviranstalt, Stereotypic, Galvanoplastische Anstalt, Messinglinien-
fabrik, Xylographische Anstalt, Buchbinderei u. s. w. sich angelegen sein.
Wie manche Seite der von ihm ausgegebenen grossen Schriftprobenverzeich-
nisse beweist, trug die Schriftgiesserei nicht wenig zur Hebung des typo-
graphischen Geschmackes bei. Neben seiner vielseitigen Thatigkeit im
eigenen Geschaft machte er sich besonders auch verdient um Hebung der
socialen und gewerblichen Verhaltnisse im Buchdruckerwesen. Viele im Laufe
der Jahre bekleidete Ehrenposten hatte er seinen bedeutenden Fachkennt-
nissen und dem Vertrauen seiner Berufsgenossen zu danken. Er war lange
Jahre Vorsitzender der Genossenschaft der Schriftgiesser-Invaliden- und Wittwen-
kasse, Vorstandsmitglied und Kassirer der Innung Leipziger Buchdruckerei-
besitzer, Vorsitzender des Deutschen Buchdruckervereins und des Kreises VII
(Sachsen) dieser Genossenschaft. Seine Verdienste, die er in diesen Stellun-
gen sich erwarb (u. a. auch um das Zustandekommen eines mit den Gehilfen
vereinbarten Lohntarifs) sind vielseitiger Art. Sie wurden beim 2 5Jahrigen
Jubil&um des Deutschen Buchdruckervereins u. a. durch Ernennung zum
k. s&chs. Commerzienrath, Verleihung des k, preuss. Adlerordens, vor allem
aber bei Aufgabe seines Ehrenamtes 1897 vom Deutschen Buchdruckerverein
durch Stiftung einer vom Bildhauer Sturm angefertigten prachtigen silbernen
Gedenktafel anerkannt. Durch Krankheit sah er in den letzten Jahren zur
Einschrankung seiner Thatigkeit sich gezwungen. Durch ein Vermachtniss
von 40000 M. erhohte er das Kapital der zum Besten des Hauses Klinkhardt
errichteten Hauskasse auf 150000 M.
Vergl. »Den Man en Bruno Klinkhardt's. Erweiterter Sonderabzug aus der Zeitschrift
fUr Deutschlands Buchdrucker« (8. 20 S. mit Lichtdruck-Portrat). Druck von Drugulin in
Leipzig (1897), sowie BdrsenbL f. d. deutsch. Buchhandel. 1897. No. 71. 136. 270 u. 1898.
No. 17).
H. Ellissen.
Hoefler, Constantin von, * am 26. Marz 181 1 zu Memmingen, f am
30. Dezember 1897 zu Prag, der hochverdiente Neubegrtinder deutscher Ge-
schichtsforschung und Geschichtsschreibung in Bohmen, der Nestor und einer
der verdientesten osterreichischen Historiker (iberhaupt. Mannigfacher Schick-
salswechsel, aber auch verdienstvolle Arbeit und vielfacher Erfolg ward ihm
in seinem langen Leben zu Theil. Durch ttichtige Bemtihung und unab-
lassige Selbstzucht, untersttitzt von Natur durch einen feinen Verstand, tiefes
Empfinden, aber auch durch reiche korperliche Gaben, eine feste Gesundheit
und das mannlich-schone Aeussere, ist es ihm vergonnt worden, tiber manche
Entwickelungsstufen und schwierige Lebenslagen hinauf zur H6he eines weit-
hin geschatzten Gelehrten und hochverdienten Lehrers, zur Umsicht und Er-
fahrung des Staatsmannes, zur sicheren harmonischen Lebensftihrung des
Weisen emporzusteigen. War der Grundzug seines Wesens unbegrenzte Gttte,
so dass er nicht zuletzt auch dort zu helfen versuchte, wo Forderung unmog-
lich oder nicht mehr am Platze war, so blieb er um so sicherer der stets
BiogT. Jahrb. a. Dentschcr Nekrolog. 2. Bd. i^
210 von Hoefler.
besorgte Berather und Gonner seiner Schiiler, der treueste verlasslichste Freund,
dabei bei aller Antheilnahme und allem Verdienste auch dem Jiingeren ge-
geniiber angstlich bemtiht, das Individuelle zu respectiren, Lehrer im besten
Sinne, stets bestrebt, das Muster feiner Sitte und gerechter Denkungsart zu
sein, nicht bios zu heissen.
H. ward als Sohn des Gerichtsprasidenten geboren. Ungewohnliche Be-
gabung, namentlich ein sicheres Gedachtniss und reiches Sprach talent, aber
auch unbegrenzter Lerneifer und das lebhafteste Interesse fur alles Wissenswerthe
liessen ihn in frtiher Jugend fur die Gelehrtenlaufbahn berufen erscheinen.
In der That widmete er sich nach Absolvirung der Gymnasialstudien (zu
Landshut a. d. Isar) den juristischen und sprachlich-historischen Fachern in
Mtinchen und Gottingen, und fand namentlich an ersterer Universitat, wo
Gorres, Thiersch, Dollinger und Schelling wirkten, vielfach reiche Anregung,
wobei, wie nattirlich nach seiner ganzen Naturanlage und Denkweise, der
Einfluss von Schelling voranstand. Aber noch mach tiger, als Worte und
Schriften der akademischen Lehrer waren die Ftihrung durch einen feinsinnigen,
hochgebildeten, wahrhaft liberal denkenden Vater und rastlose Selbstthatigkeit,
die sich zunachst im Lesen, ja Verschlingen der Historiker, Philosophen und
Dichter des klassischen Alterthums und Mittelalters und aller besseren er-
reichbaren neueren Geschichtswerke kundthat. Im Jahre 1831 promovirte
H. mit der Dissertation: »Ueber die Anfange der griechischen Geschichte*.
Auch jetzt wurden die Studien mit dem friiheren Eifer fortgesetzt. Im Jahre
1834 erhielt H. ein Stipendium zum Besuche Italiens, das dann nochmals
erneuert wurde. So vermochte er, im gliicklichen Genusse aller Mittel, urn
die Anregungen des klassischen Landes ganz und voll auf .sich wirken zu
lassen, seine literarische und weltmannische Ausbildung zu vollenden.
Der Tod des Vaters zwang H. nach der RUckkehr von dem ultramon-
tanen Ministerium Abel die Stelle eines Redakteurs der »Mtinchener amtlichen
Zeitung« anzunehmen. Doch blieb ihm wenigstens die Musse zur Fortsetzung
seiner wissenschaftlichen Arbeiten, so dass 1838 seine Aufnahme als Privat-
docent in die philosophische Fakultat der Universitat Mtinchen erfolgen konnte.
Eine Reihe rasch aufeinander folgender Schriften, in denen alien sich der Ein-
fluss von Gorres und Schelling unverkennbar aussprach, verschaflften H. bereifcl
1839 die Ernennung zum ausserordentlichen, 1841 zum ordentlichen Professor
der Geschichte in Mtinchen, nachdem er der journalistischen Thatigkeit schon
frtiher wieder entsagt hatte. Obwohl energischer Widerspruch namentlich gegen
das Lehrbuch der allgemeinen Geschichte (Mittelalter, Bearbeitung des Breyer'-
schen Lehrbuches) und »Kaiser Friedrich II« nicht ausblieb, so gewann der
junge rastlos thatige Gelehrte doch stetig an Boden, Die Munchener Akademie
gewahrte ihm die Mitgliedschaft. Als Lehrer erschloss sich ihm eine lohnende
Thatigkeit, der er mit Begeisterung oblag. Er hatte sich durch seine Ver-
mahlung mit der ihm durchaus geistesverwandten Isabella Hofmann einen
hauslichen Herd geschaffen, dem das schonste Familiengltick nicht fehlte, als
die Ungnade Konig Ludwig*s, zufolge der Affaire Lola Montez, neben den
anderen Professoren seiner Richtung (Dollinger, Phillips, Lasaulx) auch H.
traf: am 26. Marz 1847 erhielt er seine Pensionirung. Erst nach flinfjahren,
die er in eifrigster wissenschaftlicher Thatigkeit am Kreisarchiv zu Bamberg
zubrachte — die Quellensammlung zur frankischen Geschichte, die frankischen
und bohmischen Studien und zahlreiche Aufsatze und Vortrage entstammen
jener Zeit — ward er der akademischen Thatigkeit zuruckgegeben durch seine
von Hoefler. Herbig. 211
Berufung als Professor der Geschichte an die Universitat Prag. Gleich den
anderen damals aus Deutschland berufenen Professoren fand H. in Oester-
reich ein weites, schwieriges aber fruchtbares Arbeitsfeld. Er hat seine ganze
reiche Kraft daran gesetzt, urn es zu bestellen. Er hat seine Ziele stets hoher
gestellt und ist mit ihnen selbst emporgewachsen. In steter wissenschaftlicher
Arbeit, die der Wiedererweckung historischer Studien namentlich unter den
Deutschen in Bohmen gait, als trefflicher Lehrer, dem das Wohl seiner
Horerschaft stets am Herzen lag, als gesinnungsfester Parteimann hat er
sich um Volk und Vaterland, urn Wissenschaft und Deutschthum in Oester-
reich das reichste Verdienst erworben.
H/s zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten hier im besondern anzuftihren,
ist ebenso unmoglich, als die Flille ausserer Ehren und Auszeichnungen, die
ihm zu Theil wurde, aufzuzahlen wohl uberfllissig. Beides wird an beque-
meren Orten zu geschehen haben. Bemerkt sei aber doch die Herausgabe
der Scriptores rerum Hussiticarum, 3 Bande, 1856 — 1866, und seine erfolg-
reiche Thatigkeit fiir die Aufhellung der kirchlich-reformatorischen Bestre-
bungen innerhalb der romanischen Vftlker wahrend der spateren Jahrhunderte
des Mittelalters der Geschichte der ersten Habsburger auf dem spanischen
Throne und ihrer Familie. In der Einleitung zu ersterer Publikation und den
damit in Verbindung stehenden Arbeiten H.'s trat der Gegensatz zu der seit
Palacky's Darstellung des Hussitenkrieges zu so scharfer Auspragung gelangten
AufFassung dieser Dinge auf czechisch-nationaler Seite scharf hervor. Die Stel-
lung H.'s im Landtage, wo er nattirlich entschieden fiir die Rechte und For-
derungen der Deutschen eintrat, verscharfte die DifTerenzen in hohem Grade.
So ward H. auch ein gehoriges Maass von Streit und Unannehmlichkeit zu
Theil, zumal dann die Deutschen sich den unter ihren Verhaltnissen gefahr-
lichen Luxus gestatteten, sich nach politischen Gesichtspunkten zu spalten.
H. vertrat dabei die katholisch-conservativere Richtung, wahrend die Mehrheit
der Volksgenossen in radicalere Bahnen einlenkte. Dem wahren Liberalismus
ist dabei H. niemals untreu geworden, wie sein Verhalten im osterreichischen
Herrenhause, in das er 1873 berufen worden war, und seine Schriften hin-
langlich erweisen.
H. blieb bis in das hochste Alter im Besitze seiner Arbeitskraft und
Schaffensfreudigkeit. Seit das Alter ihn lahmte und er in seinen SchUlern
und in dem von ihm gegriindeten »Verein fur Geschichte der Deutschen in
Bohmen «, in erwiinschtem Maasse Mitarbeiter auf dem Gebiete der deutschen
Geschichtsforschung und Geschichtschreibung in Bohmen gefunden hatte, da
unterliess er es nicht, Volk und Vaterland auf dem Gebiete der historischen
Poesie zu dienen: in einer Reihe formvollendeter und gedankenreicher Dramen
suchte er die historischen Gestalten, deren Wesen und Wirken ihm sympathisch
war odcr Anderen ein warnendes Exempel sein konnte, poetisch zu verkor-
pern und den reichen Schatz von Lebensweisheit und Wissen, den er gesam-
melt, in Epigrammen und Sinngedichten zu verkiinden. Zu Neujahr 1897
traf H. ein Schlaganfall, der ihm die rechte Seite lahmte. Doch widerstand
der starke Korper auch jetzt noch hartnackig dem Uebel. Erst am 30. De-
zember 1897 ging H. sanft aus dem Leben.
Ad. Bachmann.
Herbig, Max, Buchh&ndler, einer hochangesehenen alten Buchhandler-
familie entstammend, * am 15. April 1844 *n Berlin, f am 2. November ebenda.
14*
212 Herbig. Klasing. Mohr.
— Nach Absolvirung des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums erlernte er 1861 bis
1864 bei Eduard Miiller in Bremen den Buchhandel, war dann thatig bei
Eduard Trewendt in Breslau und in der Hirt'schen Sortimentsbuchhandlung
daselbst. Am 1. Januar 1869 6*n6 die von Dr. Justus Albert Wohlgemuth
1839 gegrtindete Verlagsbuchhandlung in Berlin durch Kauf in seinen Besitz
liber. Den vorwiegend padagogischen Verlag weiter ausbauend und den Be-
strebungen anderer hochverdienter p&dagogischer Verleger sich an die Seite
stellend, fiihrte er das Geschaft unter der Firma J. A, Wohlgemuth's Verlags-
buchhandlung bis zu seinem nach leider langem und schwerem Leiden er-
folgten Tode fort.
Handschriftl. Notizen. — BOrsenbl. f. d. deutsch. Buchh. 1897. No- 259.
H. Ellissen.
Klasing, August, Buchhandler, * am 8. October 1809 in Bielefeld,
f am 5. August 1897 ebenda, Sohn einer wohlhabenden Handwerkerfamilie,
erlernte nach gediegener Erziehung bei Wilhelm Starke in Chemnitz den
Buchhandel, bekleidete dann Gehilfenstellungen bei Johann Ambrosius Barth
in Leipzig, bei C. G. Kunze in Mainz und A. Marcus in Bonn. Am 12. Au-
gust 1835 trat er *n das seit zwei Jahren bestehende Geschaft seines Freundes
August Velhagen in Bielefeld als Gesellschafter ein. Die Firma Velhagen &
Klasing beschrankte sich anfanglich nur auf Sortiment, grtindete bald aber
auch einen durch bedeutende Unternehmungen sich auszeichnenden Verlag
und eine Druckerei. Zu den ersten hervorragenden Artikeln gehorten u. a.
das Musde frangais, dem sich spater das Theatre frangais, die Prosateurs
frangais u. a. anschlossen, eine Polyglottenbibel und Lange's Theologisch-
homiletisches Bibelwerk. Mit der Griindung der illustrirten Zeitschrift »Da-
heinu, 1864, begann ein neuer Aufschwung des Hauses. Diesem Blatte
widmete K. stets mit Vorliebe seine Aufmerksamkeit und wurde viele Jahre
hindurch nicht milde, durch kritische Urtheile jeder Nummer der Redaction
fordernd zur Seite zu stehen. Die »Daheim-Expedition« hatte ihren Haupt-
sitz in Leipzig, wie der Verlag tiberhaupt dort bald selbstandig vertreten war,
1873 wurde das Geschaft durch Enichtung einer Geographischen Anstalt in
Leipzig unter Leitung des beruhmten Kartographen Dr. Richard Andr^e er-
weitert. Vielen wichtigen Verlagsartikeln, besonders auch einem ausgezeich-
neten Schulbiicherverlag, dem 1882 der Verlag von Stubenrauch in Berlin
einverleibt war, wurde nach und nach auch ein hochst gediegener Jugend-
schriften-Verlag beigeftigt. Bis in sein hohes Alter war K. die Seele des
weitverzweigten Geschaftes, klihn tiberwand er mannichfach sich darbietende
Schwierigkeiten und trug wesentlich zu den spater errungenen bedeutenden
Erfolgen bei. Bis in seine letzten Tage korperlich und geistig frisch und an
der Spitze seines angesehenen Hauses thatig, beschloss er sein arbeits- und
erfolgreiches Leben.
Vergl. Bflrsenblatt f. d. deutsch. Buchh. 1897. No. 181 und Daheim 1898. No. 5 (Nc-
krolog von Robert Ktinig mit PortrBt).
H. Ellissen.
Mohr, Karl, Buchhandler, * am 3. Juni 181 7 als Sohn des bertihmten
Buchhandlers J. C. B. Mohr in Heidelberg, f am 23. November 1897 ebenda.
— M. war mit seinem alteren 1890 verstorbenen Bruder Ernst Mohr 1856
bis 1877 Mitinhaber und Mitleiter des bedeutenden Verlagsgeschaftes J. C. B.
Mohr. Nach dem Verkauf des Geschaftes an Paul Siebeck widmete er sich
Mohr. Palme. 2 1 3
vorwiegend stadtischen Interessen, und hat in seinem Ehrenamt als Stadtrath
wesendich zur Entwickelung Heidelbergs beigetragen. An seinem achtzigsten
Geburtstage wurden ihm viele Ehrungen zu theil, leider aber sollte er ihn
nur um wenige Monate iiberleben.
Vergl. Bdrsenblatt f, d. deutschen Buchh. 1897. No. 131 u. 274.
H. Ellissen.
Palme, Augustin, Historienmaler, * am 21, November 1808 zu Rochlitz
in Bohmen, f am 18. October 1897. — Als der Sohn armer aber kinderreicher
Landleute, hatte P. eine harte Jugend und musste friihzeitig im Haushalt ftir
eine so zahlreiche Familie mitarbeiten und schaffen. Trotz seiner friihzeitig
hervorbrechenden Vorliebe zu ktinstlerischem Schaffen kostete es doch viele
Mtihe, bis es ihm gelang, bei einem Porzellanmaler zu Gebhardsdorf (Schlesien)
unterzukommen. Nach vierj&hriger Lehrzeit zog der strebsame Jiingling 1824
als Porzellanmaler-Gehtilfe in die Fremde, fand zu Ronneburg im Altenburgi-
schen Arbeit und weitere Forderung. Mit den in Koburg gemachten wenigen
Ersparnissen wagte er sich auf die Akademie nach Dresden; alsbald wieder
mittellos (ibernahm er die artistische Leitung der Schmidt'schen Porzellanmal-
Anstalt zu Koburg, von wo der Uebergang nach der Miinchener Akademie
und durch den wackeren Maler Gustav Jager die Aufnahme bei Julius Schnorr
von Carolsfeld erfolgte. Unter Schnorr's Leitung componirte P. eine »Hoch-
zeit des Isaak mit Rebekka«, welche schon 1832 in den Kunstverein kam;
mit einigen Portraits, einer »Ehebrecherin vor Christusc und yerschiedenen
akademischen Versuchen fand P. wohl freundliche Anerkennung, aber gerin-
gen Lohn, so dass er wieder in seine frtihere Stellung nach Koburg zurlick-
kehrte, wo er jedoch durch seine Geschicklichkeit im Bildnissmalen und
seinen unermiidlichen Fleiss hinreichend erwarb, um im Herbst 1835 die
Fahrt nach dem vielersehnten Italien mit dem Landschaftsmaler Max Haus-
hofer, dem Bildhauer Widnmann und seinem Freunde Gustav Jager wagen
zu kfinnen. In Rom vollendete P. eine »Findung Mosis«; auch sammelte er
eine Menge von landschaftlichen Studien und figiirlichen Skizzen. Als Flttcht-
linge vor der damals Italien durchziehenden Cholera wanderten P., Friedrich
Dtirck und Gustav Jager 1836 in das Sabiner-Gebirge, nach Praeneste, Olevano
und Civitella, dann nach Neapel, Amalfi, Sorrent und dem lieblichen Capri,
wo sie in einer vierwochentlichen Idylle an den schonen Capri-Madchen ge-
lehrige Tanzerinnen fanden und im frohlichsten Jugendmuthe alle Sorgen
vertraumten, wahrend am Fusse des Vesuv die Todtenglocken Tag und Nacht
heulten. Endlich trennten sich die Genossen und P. eilte 1837 Uber Man-
fredonia und von da mit einem griechischen Trabaculo nach Triest und dann
nach MUnchen zuriick, um seinem hochverehrten Meister Schnorr sowohl bei
den Cartons zu dem Bildercyclus aus dem Leben Karls des Grossen und deren
Ausfiihrung (vgl. Kunstblatt 1841. S. 239), wie auch an den Bildern des
sog. Barbarossa-Saales in der kgl. Residenz wacker beizustehen. Doch ergab
sich immerdar noch Zeit, um neben diesen in enkaustischer Technik ausge-
fuhrten Wandgemalden eigene Oelbilder, Herren- und Damenbildnisse, auch
eine »Vermahlung der hi. Katharina« (vgl. N. 67. Kunstblatt. Stuttgart 1839.
S. 266) und eine »Taufe der Clorinde« (1843) zu vollenden. Auch entstand
ein »Englischer Gruss« flir die Kirche zu Kronstadt, ein »hl. Marcus« fur
Graf Harrach in Wien (1844); Herr von Veith, der grosse Kunstfreund,
welcher eine bohmische Walhalla plante, bestellte eine historische Scene aus
214
Palme.
dem Leben des hi. Adalbert (1846). Auch fertigte P. viele Altarbilder fur
Linz, Bohmenkirch (im Wlirttemberger Donaukreise), Saalfelden (bei Salzburg)
und das Pramonstratenser-Stift Schlagel in Oberosterreich, wozu der Maler
i860 eine eigene Studienreise nach Venedig unternahm (Kunstblatt. 1848.
No. 35). — Mit Echter, Muhr und Nilson betheiligte sich P., die das neuere
Mtinchener Kunstleben darstellenden und haufig auch ironisirenden Composi-
tionen W. von Kaulbach's an den Aussenwanden der Neuen Pinakothek zu
freskotiren. Wind und Wetter haben seither denselben arg zugesetzt und den
grossten Theil davon vernichtet. Eine selbstandige, dankenswerthe und
brillante Arbeit erwuchs flir P. durch den Auftrag, die beriihmte Wallfahrts-
kirche zu Vierzehnheiligen, dieses frankische Loretto, mit Fresken auszu-
schmticken, eine colossale Leistung, welche P. unter Beihulfe des gewandten
Max Ben tele (f am 9. Marz 1893) glllcklich vollftihrte. Auch flir die Histo-
rische Gallerie des Bayerischen National-Museums erhielt P. vier Fresken mit
unmalerischen Stoflfen 1868 bestellt, deren kunstlerische Bewaltigung der ge-
wandte Mann moglichst versuchte. Das umfangreiche Programm dazu hatte
General von Spruner (f am 24. August 1892) unmittelbar im Auftrage Konig
Maximilian II. ausgearbeitet; davon trafen auf Palme, »wie Kurflirst Johann
Wilhelm Dtisseldorf verschonert und daselbst die beriihmte Gemaldegallerie
begrtindeU; »Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg erwirbt Jlilich, Berg und
Ravenstein und halt zu Dtisseldorf 1666 seinen feierlichen Einzug*; »Karl
Theodor beschliesst 1789 die Anlage des sog. Englischen Gartens durch Rum-
ford* und »erhebt Mannheim zum Hauptsitz der Kunstbildung«. Der konig-
liche Macen und sein in historischen Fragen immer rathbereiter General
hegten gewiss ebenso grosse Pietat fiir die Geschichte, wie flir die Kunst,
machten es aber den Ktinstlern fllrchterlich schwer, solche der malerischen
Behandlung fast untiberwindliche Schwierigkeiten bietende Vorwiirfe wie die
ganze Ftille von Klosterstiftungen, Grundsteinlegungen und Staatsactionen
u. dgl. zu losen. Nach Vollendung dieser Auftrage, wo P. noch dazu mit
jtingeren, frischen Kraften in Concurrenz trat, legte er rechtzeitig Pinsel und
Palette nieder und erfreute sich einer mehr als behabigen, stolzen Unab-
hangigkeit. Durch seinen Fleiss und eine gliickliche Heirath (1841) fruhzeitig
in behaglichen Verhaltnissen — sein Sohn Bonifaz Ludwig war 1850 der
erste Taufling in der Basilica, wobei Konig Ludwig I. die Stelle eines Pathen
libernahm — erwarb P. zwei Hauser in reizender Lage nachst dem Botani-
schen Garten, welche in der Folge die Generaldirection der kgl. bayer. Eisen-
bahnen benothigte und ankaufte. Beim Auszug aus dem eigenen, liebgewon-
nenen Heim (ibergab P. seinen ganzen artistischen Besitz, alle eigenen
Zeichnungen, Cartons und Bilder, kurz alle seine Sammlungen, das gesammte
Maler- und Ateliergerathe, in eine Auction (November 1888) und behielt nur
die Skizzenbucher und einige seiner Lieblingsarbeiten. Hatte er lange schon
den Verkehr mit gleichstrebenden Ktinstlern auf das Aeusserste beschrankt,
so lebte P. seit dem 1879 erfolgten Tode seiner Frau, von seinen Tochtern
gepflegt, in schroffer Zurtickgezogenheit, in skeptischer Beschaulichkeit, einge-
sponnen in seine Erinnerungen. Trotz der reichsten Musse dazu schrieb er
seine Erlebnisse niemals nieder, obwohl er als Zeuge und Mitarbeiter der
glanzendsten Aera vollauf Wissen und Berechtigung hatte. Was P. einmal
erfasste, fiihrte er mit ehrgeiziger Ausdauer zu Ende, wenn auch seine Empfin-
dung oder Ueberzeugung nicht bei der Sache war; so ergab sich in seinen
Arbeiten eine gewisse Ungleichheit von wahrem Schonheitsgeftihl und con-
Palme. Wcigand. 215
ventioneller Manier; er strebte und tastete, auch als Colorist, einen neuen
Weg zu finden, doch ohne denselben mit seinen Mitteln zu erreichen. P. starb
nach kurzem, schwerem Leiden.
Vergl. Abeudblatt 292 »Allgemeine Zeitung* vom 21. October 1897. No. 241 »Augs-
bnrger Postzeitung« vom 23. October 1897. Reber, Gesch. der neueren Kunst. 1884. II.
54 «• 7i Wurzbach, Biogr. Lexicon XXI. 245.
Hyac. Holland.
Weigand, Konrad, Historienmaler, * am 12. December 1842 zu Niirn-
berg, f am 3. December 1897 zu Miinchen. — W. erheiterte- schon in seinen
Kinderjahren den Kreis seiner Spielgefahrten durch froheste Laune und allerlei
Kunstfertigkeiten ; er besuchte, nach guter Vorbildung, in den Abendstunden
die Kunstgewerbeschule, tagsiiber den Unterhalt mit Lithographiren sich
erwerbend, bis er spater durch eine Htilfe aus der Schillerstiftung die Schule
den ganzen Tag besuchen konnte. Einen Sommer lang weilte er auf der
Burg Hohenzollern, vielbeschaftigt mit Wandmalereien in den dortigen Prunk-
raumen. Friihzeitig bethatigte er sich durch eigene Compositionen, Kirchen-
bilder und Copiren von Gemalden, wozu das Vorbild des universellen Director
August von Kreling den feurigen Jtingling in erfreulichster Weise forderte.
Es dauerte indessen ziemlich lange, bis sein Lieblingswunsch nach weiterer
Bildung in Miinchen sich verwirklichte. Hier als Schliler bei Prof. Wilhelm
von Diez erhielt W. bei einer Academie-Concurrenz fur eine Scene aus
Shakespeare's » Julius Casar« den ersten Preis. Hierauf folgte als sorgfaltig
durchgefiihrtes Oelbild ein »Religionsgesprach« zwischen Ulrich von Hutten,
Franz von Sickingen und Martin Bucer, ein moglichst ungtinstiger Stoff,
welchen W. durch Lebendigkeit, Costiimtreue und Kolorit anziehend loste,
so dass Frhr. von Reischach zu Stuttgart das originelle GemaJde erwarb.
Dadurch ermuthigt wagte sich der Ktinstler mit gleichem Gltick an ein
grosseres, figurenreiches Thema, den »Einzug Luthers in Worms «, dessen
Hauptwirkung der Maler nur durch einige gar zu genremassige Ziige, die mit
der Geschichte nichts zu thun haben, abschwachte; doch erregte das Bild
1879 au^ ^er Munchener Kunstausstellung die wohlverdiente Theilnahme und
Aufmerksamkeit. Auch lieferte W. die Vignetten zu Franz Trautmann's
»Herzog Christoph«, einem culturhistorischen Roman, welcher 1880 in dritter
endlich iJlustrirter Auflage erschien, Als ein edelmtithiger Macen, Frhr. von
Biehl aus Mecklenburg-Schwerin, der Mtinchener Akademie eine sehr erheb-
Iiche Summe tibermittelte, damit in oder an einem beliebigen Privathause der
Stadt ein Freskobild ausgeftihrt werden sollte, ging W. aus der Concurrenz
siegreich hervor. Das die »Hochzeit Albrecht DUrer's zu Niirnberg« vor-
^tellende, vielleicht nur zu figurenreiche und den Einfluss der Piloty-Schule
allzu prunkhaft verktindende Project kam in der Vorhalle von August Humpl-
mayr's Kunsthandlung in der Briennerstrasse zur gediegenen Ausflihrung.
Seine unermtidlich gestaltende Phantasie bewahrte W. im Wetteifer mit Wil-
helm Schade in den Ulustrationen zu W. Hauff's »Lichtenstein«, auch mit
allerlei kunstgewerblichen Zeichnungen z. B. mit dem Entwurf zu einer prach-
tigen Fahne fur den Mannergesangverein »Neu-Bavaria« und die Schtitzen-
gesellschaft »Freundschaft« u. s. w. Unterdessen machte sich W. abermals
an einen grossen historischen Stoff, darstellend wie der heute noch im Volks-
lied besungene »Raubritter Hans Schtittensamen mit seinen Spiessgesellen
1465 gefangen in Nurnberg eingebracht« wird, eine sehr achtunggebietende
Leistung, welche W. im Auftrage des »Vereins fiir Historische Kunstc als
2 1 6 Weigand. Wenban.
grosses Oelbild zur Ausflihrung brachte. Unermtidet schuf W., immer, selbst
bei kleineren Auftragen, mit derselben Treue und Tiichtigkeit seine beste
Kraft einsetzend, wir erinnern nur an die Ulustrationen zu einer »Rauber-
geschichte« von Wtirthmann (im »Buch der Jugend«, Stuttgart 1892), an die
kostliche Adresse der stadtischen Collegien ftir den General-Intendanten Frhrn.
von Perfall (1893), an einen Carton ftir die Glasmalerei-Anstalt Gustav von
Treek's »Luther im Kreise seiner Families. In der Kunstausstellung 1897
war W. noch mit einem Genresttlck vertreten (»Ein Trinker und sein Lieb
in einer Thurmstube*). Der treffliche Klinstler starb nach langerer Krank-
heit, jedoch schnell und unerwartet. Seine treuen Schwestern verbrachten
die Leiche zur Bestattung nach Ntirnberg.
Vergl. Abentfblatt 338 »Allgemeine Zeitung* vom 7. December 1897. Kunstvereins-
bericht fttr 1897. S. 77. »Kunst ftir Allec 15. Januar 1898. S. 126.
Hyac. Holland.
Wenban, Longly Sion, Landschafter, * am 9. Marz 1848 in Cincinnati-
Ohio, f am 19. April 1897 zu Mlinchen. — W. war ein hochst eigenartiger
Kunstler, welcher zeidebens mit grosser Sorgfalt sich von der Oeffentlichkeit
moglichst feme hielt, so dass erst mit seinem Tode der Name in die Welt
trat. Der Sohn eines Wagen-Fabrikanten, studirte und zeichnete W. an der
Academie zu New-York bei Professor Wilmorth, welcher dem jungen Ktinstler
den Rath ertheilte, sich in Miinchen weiter zu bilden. Hier erschien W.
1879 und besuchte kurze Zeit die Malschule des Prof. Gabriel Hackl an
der Akademie, fand auch bei Frank Doubek fordernde Anregung, oblag clann
aber seit 1880 erst zu Schleissheim, Planegg und anderen umliegenden klei-
neren Ortschaften seinen durchaus autodidaktischen Kunstbestrebungen, wobei
er sorgfaltig jede fremde Einwirkung und Beihlilfe vermied, um sich in Technik
und Auffassung durch kein Vorbild auf seinem eigenen Wege beirren zu
lassen. So qualte er sich mit rastlosem Aufwand von Zeit und Mlihe, um
Erfolge zu erringen, welche jedem Anderen im fordernden Wetteifer gleichsam
von selbst zufallen. Ausser der Oelmalerei und dem Kohlenzeichnen warf er
sich ebenso standhaft auf die eigenmachtig erworbene Radirung. Immer
unzufrieden mit seinen schwererrungenen Resultaten schliff er die Platten
wieder ab; dessen ungeachtet fanden sich doch in seinem Nachlasse an drei-
hundert derselben, darunter viele von ausserordendich feiner Stimmung, breiter
Wirkung und subtiler Ausftihrung. Seit 1883 mit einer Tochter des kgl. Bau-
amtmanns von Langenmantel verheirathet, wahlte W. zu seinem standigen
Wohnsitz Mtinchen, von wo aus er auf fortgesetzten Ausfltigen immer neue
Studien zu Bildern sammelte. Trotz des massenhaft anwachsenden Stoflfes
konnte er sich doch nicht entschliessen, dieselben in die Oeffentlichkeit zu
bringen oder sich derselben zu entaussern. Erst bei seinem nach langem,
schwerem Leiden erfolgten Ableben kam es zu einer Ausstellung dieser einen
ganzen Saal des Kunstvereins fiillenden Arbeiten; sie erwarben dem Ge-
schiedenen die langst verdiente ehrenvolle Anerkennung seines redlichen
Strebens und tlichtigen Konnens. Auch auf der VIL International en Kunst-
ausstellung zu Miinchen erschienen vier vollendete Oelbilder: eine »Baum-
gruppe mit Bauernhaus«, ein »Freier Platz bei Regenwetter«, ein »Bauern-
haus« und abermals eine »Regenstimmung« ; eine Kohlenzeichnung »Bei
Schleissheim «, zwei Landschaften in Pastell, ein »Motiv bei Schleissheim«
und ein »Herbstabend«, woriiber Dr. Gustav Keyssner (in No. 296 der »Neue-
Wenban.
217
sten Nachrichten* vom 1. Juli 1897) also berichtete: »Nicht ohne Wehmuth
kann man diese Landschaften betrachten, Bilder von einer stillen, feinen
Vornehmheit, die gerade durch ihre Zurtickhaltung den aufmerksamen Blick
auf sich zieht. Es bedarf keiner Worte zum Lobe dieser Arbeiten, die in so
ruhiger, sachgemasser Technik soldi' intim beobachtete und empfundene
Naturstimmungen wiedergeben. Alle sind Zeugnisse einer reinen, edlen Per-
sonlichkeit, deren Vorzlige man sich lieber und vielleicht sogar richtiger in
denkbarer Sympathie, als durch zergliedernde Analyse bewusst macht. Dass
gerade ftir solche Menschen und Ktinstler an der Tafel des GlUckes kein
Platz zu finden ist, gehfirt zu jenen Documenten ftir die »gebrechliche Ein-
richtung der Welt«, die nur um so tragischer sind, weil ihnen alles laute
Pathos fehlt.« Aehnlich ausserte sich Jos. Popp (in No. 335 des » Bayer.
Kurier« vom 4. December 1897): »So still und innerlich, wie diese Zeichnungen
und Gemalde, war Wenban selber. Man muss sich in diese scheinbar an-
spruchslosen Blatter hineindenken und empfinden, wenn man sie geniessen
will. Die Zeichnungen haben eine ganz hervorragende Warme, die sich aus
einer origin ellen Technik entwickelt. Und obwohl ganz einfache Naturaus-
schnitte, wie knorrige Baumriesen und Baumgruppen, Alleen und Walddurch-
sichten (iberwiegen, liegt doch ein machtiger Stimmungsgehalt in ihnen. Die
Farbe beherrscht W. in feiner und poetischer Weise. Eigenartig weiche Tone
stehen ihm zu Gebote, wenn er das Traumerische und Einsame verborgener
Waldwiesen und Hange schildert, wie ein stisses Adagio empfinden sich
manche seiner DammerungsstUcke. Besonders gelingt W. das Elegische — es
ist, als ob sich die eigene Seele in diesen zarten Farbennuancen auflosen
wollte, um in einzelnen Zligen das zu finden, was im ganzen ihm versagt
schien: lebensfreudige, temperamentvolle Hingabe an das Frohliche und Be-
wegte. Als ein besonderer Vorzug air dieser geschickten, interessanten und
vielfach sehr intimen Werke muss noch hervorgehoben werden, dass sie, ob-
wohl grossentheils Skizzen, dennoch als etwas Fertiges wirken.« Dr. Karl
Voll (in No. 331 »Allgemeine Zeitung« vom 30. November 1897) schildert
W.'s Schopfungen, wobei er seine Bilder noch liber die Radirungen stellt:
»Meistens sind es Studien aus den bayerischen Voralpen: kleine Gebirgsseen,
die lieben Schlierseer Berge, sowohl bei heiterem Wetter als verdeckt von
tief herabhangenden Wolken, trauliche Gebirgsthaler, aus denen der kokette
grune Kirch thurm eines fernen Dorfes neckisch zu uns heriiberschaut, einfache
Halden und bescheidene Garten. Vieles ist mit einer entztickenden Frische
geschildert, besonders auf den StUcken, wo er sein reizendes, von silbernem
Duft libergossenes Grtin zur Darstellung eines kleinen Naturausschnittes ver-
wendet; weniger gelungen, beziehungsweise total misslungen sind die aller-
dings nicht zahlreichen Studien, wo den Ktinstler der Ehrgeiz getrieben zu
haben scheint, es auch einmal mit tiefen, kraftigen, fetten Farben zu versuchen.
Da verliess er stets das, was ausser der lichten Frische der Empfindung seinen
Arbeiten den Werth verleiht: die unmittelbare, deutliche Anschaulichkeit. Er
steht dann nicht mehr auf festem Boden und liefert nichts Positives. « Gele-
gentlich einer Ausstellung von W.'s Blattem im Mtinchener »Verein ftir
Original-Radirung« (welcher dann auch mehrere Platten im VI. Jahrgang
seiner Publicationen zum Abdruck brachte, darunter zwei kleine Landschaften
und eine Ansicht der neuen »Isarbrticke« in Mtinchen, letztere wieder in der
Stimmung eines leichten Spriihregens), heisst es im Feuilleton der »Neuesten
Nachrichten« (No. 235 vom 22. Mai 1897), eine Anzahl dieser Blatter konnten
2 1 8 Wenban. Kneipp.
auch mit »Rembrandt« bezeichnet sein und mit dem Besten den Vergleich
bestehen, sowohl nach Auffassung wie nach positiver Technik: »Die gleiche
absichtslose, von jedem manieristischen ebenso wie akademischen Hauche frcie
Art, die der grosse Niederlander in seinen Blattern zeigt, ist auch W.'s
Arbeiten eigen. Er wusste mit Nadel und Saure so umzugehen, wie bedeu-
tende Maler die Farbe handhaben. Es handelte sich fur ihn nicht urn die
Erscheinung von Schwarz und Weiss, sondern um den Ausdruck feiner Empfin-
dung auf radistischem Wege. Und wie einfach die meisten Arbeiten gehalten
sind! Nicht Strichelei sondern Strich! Er liebte die allzu spitzen Nadeln
nicht, er war kein Dtiftler; wo sein Instrument die Platte anriss, da sass der
Strich wie hingemauert. Dabei ist Alles reine Radirung; nirgends hat er
unter successiver Anwendung verschiedenartiger Proceduren sein Ziel zu «■>
reichen gesucht. Immer ist ein frischer Zug, etwas Freudiges in der Arbeit . .«
Personlich war W. ein einfacher, syttipathischer, vor allem ein guter and
wahrer Mensch. Sein ganzes Naturell stand im scharfsten Widerspruche zu
dem hastigen, ruhelosen Leben und Treiben seines Heimatlandes, dahin zuriick-
zukehren er nie eine Sehnsucht ftihlte.
Bericht des Mlinchener Kunstvereins. 1897. S. 78.
Hyac. Holland.
Kneipp, Sebastian, Naturarzt, Pfarrer und Pralat, * am 17. Mai 182 1 zu
Stephansried (bei Ottobeuren), f am 17. Juni 1897 zu Worishofen. — K.
stammte aus einer arm en Weberfamilie, genoss, zum gleichen Gewerbe be-
stimmt, eine harte Jugend. Willige Wohlthater, darunter insbesondere der
nachmalige Lycealprofessor und Hauspralat Mathias Merkle (1816 — 1881), ver-
mittelten endlich dem wissbegierigen Jilngling die nfithigen Mittel zum Studium
am Gymnasium zu Dillingen, wo der vielfach krankelnde Candidat die star-
kenden Donaubader zur Wiederherstellung seiner schwachen Gesundheit ge-
brauchte. Wahrend K. den theologischen Studien am Georgianum zu Miinchen
oblag, fiel ihm zufallig Joh. Siegmund Hahn's »Unterricht von der Kraft und
Wirkung des frischen Wassers« (1770) in die Hande, ein Buch, welches er
ganz in sich aufhahm und nach seiner Art verarbeitete. Obwohl die Haus-
ordnung der Anstalt einer ergiebigen Praxis im Wege stand, verschaffte er
sich doch eine Giesskanne — das Non plus ultra seiner nachmaligen Panacde
— und begann nachtlicher Weile im grossen Gartenbassin seine Wassergtisse.
Damit war der Weg betreten, auf welchem K., anfangs noch unsicher, dann
aber bald zielbewusst und von unerwarteten Stromungen erfasst, in das breite
Fahrwasser seiner tiberaus lebendigen, aber doch ziemlich einformigen und
beschrankten Thatigkeit getrieben wurde. Im Jahre 1852 zum Priester ge-
weiht, erhielt K. seine erste Stelle als Kaplan in Boos, dann bei St Moritz
in Augsburg und 1855 im Kloster zu Wftrishofen, woselbst er endlich 1880
zum Pfarrer vorrUckte. Inzwischen hatte der geistliche Wassermann fleissig
mit Rath und That alien Hiilfesuchenden beigestanden ; sein Name gewann
aber plotzlich durchschlagenden Aufschwung, als 1885 sein »Meine Wasserkur«
betiteltes Werk erschien, welches bis 1897 einundsechzig Auflagen, sogar in
besonderen »Pracht- und Luxus-Ausgaben«, erlebte und schon 1885 einen
rauschenden Zuzug von Fremden nach dem frliher so stillen Worishofen
lockte, die alle, gegen K.'s urspningliche Intention, den Wundermann sehen,
sprechen und berathen wollten. Die nachste Folge dieser lawinenartig an-
wachsenden Volkerwanderung nach dem abgelegenen Worishofen ergab den
Kneipp. 219
Missstand, dass allerlei erhohtes Gasthofleben und Hotelwesen sich durch
speculative Unternehrner breit machten und der in alien Schichten und Classen
immer fruchttragende Schwindel reichlichen Zuwachs erhielt. Obwohl sich K.
durch das zudringliche Consultations-Fieber nach aussen argerlich zeigte und
ihm in Wahrheit auch der bisweilen etwas dtinne Faden der Geduld riss, so
fiihlte er sich innerlich doch geschmeichelt; es that ihm wohl, der gelehrten
Facultat durch seine Popularitat den Rang abgelaufen und einen fuhlbaren
Streich versetzt zu haben. Trotz seiner kirchlichen ObHegenheiten, welche er
nie vernachlassigte, und dem rasenden Zulauf der wirklich oder auch imaginar
leidenden Menschheit, behielt K. immer noch Zeit zu Ansprachen auf dem
eigenen Terrain, zu Wandervortragen auf den oft ziemlich ausgedehnten Reise-
ausflilgen und zur Abfassung neuer Biicher, Brochuren und anderer heilge-
schichtlicher Schriften. Darunter das ebenso gierig aufgenommene Opus »So
sollt ihr leben!«, seine »Volksgesundheitslehre«, seine »Oeffentliche Vortrage«,
sein » Testament* und das nachtr&gliche »Codizill«. Dazu assistirte ihm ein
ganzer Schwann von berufenen und freiwilligen Scribenten, welche dem
»Vater Kneipp«, dem neuen »Wohlthater der Menschheit*, gerne ihre Federn
boten. Wahrend ein Anderer Schatze gehauft hatte, blieb K. immer edel
und gut, heischte keine Deserviten, nahm nur, was man ihm freiwillig bot
und behielt nichts flir sich — Alles wieder zu gemeinntitzigen, acht humanen
Zwecken verwendend. Das alte Kurhaus kostete 103000 Mark, zum neuen
Kurhaus steuerte K. 75000 Mark bei, das Kinderasyl kostete 284000 Mark,
das »Kneippianum« 100 000, die Madchenschule 60000 Mark. Alle diese
Anstalten gingen schenkungsweise, das alte und das neue Kurhaus und das
Kinderasyl an den Orden der barmherzigen Brlider, das »Kneippianum« an
die armen Franziskanerinnen von Mallersdorf tiber. Er legirte betrachtliche
Summen der Armenkasse und grundete in dankbarer Erinnerung fiir die wah-
rend seiner entbehrungsreichen Studienzeit empfangene Hlilfe eine Reihe von
Freiplatzen im Seminar zu Dillingen. Seine Mittel erlaubten ihm freilich eine
solche Generositat, denn das Geld floss ihm von alien Seiten zu. Die Honorare
fiir seine fortwahrend neu aufgelegten Biicher bezifferten sich auf 280000 Mark,
die Licenzgebuhr flir den Kneipp-Malzkaffee auf 220000 Mark, und die freiwilli-
gen Ordinationsgeblihren und Geschenke ergaben von 1887 — 1897 eine jahrliche
Durchschnittsziffer von 16200 Mark. Das Alles fand wieder Verwendung
zum Wohle der leidenden Menschheit. Hlibsche Brocken und Tantiemen
verschlangen auch seine arztlichen Beisassen, Amanuensen und das weitere
Dienstpersonal. Ungeheure Summen flossen in die Hande der speculativen
Hoteliers, Fuhrwerkbesitzer, Staats- und Privatbahnen. Der Werth von Grund
und Boden stieg auf das Unsinnigste. Die Fremden aus alien Classen der
Gesellschaft brachten eine Flille von Geld in Umlauf, welcher mit K.'s Ab-
gang natiirlich erkaltete und erlosch. — Alle momentanen Erfolge wurden
von bereitwilligen Organen prunkend der Welt verklindet, dagegen die Unzahl
der in Worishofen verpfuschten, um die letzten Chancen der Heilung ge-
brachten Falle sorgfaltig mit dem Mantel der Liebe und Nachsicht geborgen,
Recriminationen verschwiegen. Unerschiitterlich fest und begleitet von einer
gewissen Routine stand sein Bewusstsein von der Richtigkeit seiner »Wissen-
schafU, obwohl diese einen so massigen Umfang hatte, dass Vater K. bei
dem ersten Rigorosum einen glanzenden Durchfall erlebt hatte. Seine Er-
klarung liber das Entstehen der Cholera oder die Genesis des uberhaupt
harmonikamassig dehnbaren Begriffes der Influenza zeugten von einer mitleid-
2 20 Kneipp.
erregenden Kindlichkeit. Sein ganzes System gipfelte in dem einzigen Satze,
dass jede Krankheit auf Storungen des Blutes beruhe. Von anderen that-
sachlichen Erscheinungen, wie z. B. einer Zellenkrankheitslehre, hatte er nicht
die geringste Kenntniss; er leugnete uberhaupt Alles, was in seinen einmal
gefundenen Kram nicht passte. Dass es andere, ebenso ehrenhafte Collegen
mit ihrer Weisheit ebenso halten, kann fiir K. nicht als Entschuldigung gelten.
Sein apodiktischer Trugschluss lautete mit reizender Klarheit: »Wie einfach,
uncomplicirt und leicht, ich mochte sagen, fast jede Tauschung, jeden Irrthum
ausschliessend, ist die Heilung, wenn ich weiss, jede Krankheit ruht in Storun-
gen des Blutes. Die Arbeit der Heilung kann nur eine zweifache Aufgabe
haben: entweder muss ich das ungeordnet circulirende Blut wieder zum rich-
tigen und normalen Laufe zuriickkehren lassen, oder ich muss die schlechten
Safte aus dem Blute auszuscheiden suchen. Eine weitere Arbeit, die Krafti-
gung des geschwachten Organismus ausgenommen, giebt es nicht. Das Wasser,
im besonderen unsere Wasserkur, heilt alle Uberhaupt heilbaren Krankheiten.*
Das war nichts Neues. Das wusste schon der vorgenannte Dr. Hahn (1696
bis 1773), dasselbe hatte der schlesische Bauer Vincenz Priessnitz (1779 bis
1 851) verkiindet, von welchem eine ganze Stufenleiter mehr oder minder
geistreicher Wasserarzte bis zu Vater K. ihre Thatigkeit tibten. Wie jeder
Heilktinstler zahlte K. nur seine Erfolge; wobei die gegenseitig unbewusst
mitspielende Suggestion nie in Betracht kam. Gegentheilige Falle kiimmerten
ihn nicht; warum waren die Heilsuchenden nicht friiher zu ihm gekommen,
weshalb hatten sie sich auch uberhaupt mit solchen Uebeln eingelassen, wo-
gegen Barfussgehen, Aufgtisse, Theil- und Sturzbader und selbst der »spanische
Mantel « nichts mehr vermochten. Dass nicht fiir Alles Hiilfe sei, wussten
schon die alten Griechen und die Gelehrten von Salerno. Sein System war
rich tig, zum Scrupuliren hatte er uberhaupt keine Zeit; was weiter geschah,
lag iiber seiner Sehweite, da ihn ja haufig der nachstliegende Augenschein
tauschte. Also vivat sequens! Man denkt unwillktirlich an das Mephistophe-
lische: »Der Geist der Medicin ist leicht zu fassen!« Geist war librigens in
Worishofen nicht viel in Circulation. Auf seinen Wanderziigen und Ortsvor-
tragen hielt ein hausbackener Witz und urwtichsiger Humor immer die Lacher
auf seiner Seite. Am liebsten geisselte er unsere den wahren Anforderungen
der Natur abgewendete Lebensweise, drang wie J. J. Rousseau zur Rtickkehr
auf entsprechendere Atzung und Kleidung, donnerte gegen den Luxus der
»Mannen und Weiberleute«, insbesondere gegen Corset und Frauenbeinkleid.
Er amiisirte sein bescheidenes Publikum kostlich. Und das genQgte. Dazu
passte auch der wohlwollende, trockene Ausdruck dieses achten, vergntiglichen
Schwabenkopfes. Wenn er schwieg, zeigte seine Physiognomie etwas Hauben-
stockartiges, ein Eindruck, welchen alle Busten, Oelbilder, Zeichnungen und
Photographien getreulich wiedergeben. Bewundernswerth bleibt seine Aus-
dauer und Arbeitskraft. Fanatismus hegte er keinen, nicht einmal fiir Giess-
kanne und Malzkaffee; was von Conversionen in Worishofen erzahlt wird,
gehort in das Bereich der Mythenbildung, welche iiber Kneipp mit geschaf-
tiger Hand unnothig zu walten begann. Neben seiner nicht unerheblichen
priesterlichen Amtirung widmete K. viele Sorgfalt und Miihc der Landwirth*
schaft: Futterbau, Verbesserung und Pflege der Wiesen, Bereitung des Dangers,
Viehzucht und Bienenpflege fanden an ihm einen sorgfaltigen Anwalt; durch
Wort und Schrift suchte er die bauerliche Lage zu klaren und zu heben.
»Ehrgeiz und Barmherzigkcit, Rauhhcit und Milde mischten sich in seinem
Kneipp. Menzel. 2 21
Weseru. Nattirlich passt auch auf ihn das Dichterwort, class von der Parteien
Gunst und Hass getrtibt sein Bild schwanke: wahrend die Einen ihn als
cinen neuen Apostel priesen, fanden die Anderen keine passendere Bezeich-
nung als die eines Charlatan, dessen Thun und Treiben zum Schaden der
menschlichen Gesellschaft moglichst schnell zu sistiren sei. — Kneipp's Vor-
bild (ibte insbesondere auf den jiingeren Clerus eine stark oscillirende Wir-
kung, welcher neuestens das Augsburger Diocesan -Blatt cinen warnenden
Dampfer entgegensetzte. — Kneipp erlag einer von ihm nie diagnosticirten
Leberkrankheit. Wenn man ihm auch seiner achtenswerthen Charaktereigen-
schaften halber nicht Feind sein konnte, so muss man doch seinen unwissen-
schaftlichen Dilettantismus bedauern, welcher tiber eine gewisse einseitige
Autodidaxie niemals hinauskam. Die Zahl der pro und contra angewachsenen
Tagesliteratur ist unlibersehbar.
Werkc s. Btfrsenblatt f. d. deutsch. Buchhandel. 1897. No. 151.
Hyac. Holland.
Menzel, Karl, Historiker, * am 3. November 1&35 in Speyer, f am
10. Mai 1897 zu Bonn. — Ordentl. Professor der Geschichte und historischen
Hilfswissenschaften an der genannten rheinischen Hochschule ist M. nach
l&ngerem Leiden gestorben. Einer angesehenen bayerischen Beamtenfamilie
entstammt, bezog er nach dem Besuch der Gymnasien Bayreuth und Speyer
1855 die Universitat Mtinchen, wo bald v. Sybel durch Vorlesungen und
Seminar eine bedeutende Anziehungskraft auf ihn austibte. Der gefeierte
akademische Lehrer fand an dem frischen, lebensfrohen, fiir jede hohere An-
regung empfanglichen Corpsstudenten ein grosses Wohlgefallen. Wie er ihm
seine Gunst bis an das Lebensende in besonderem Maasse bewahrte, so blieb
auch M. seinem Gonner in unwandelbarer Treue ergeben. Unter dem Druck
politischer Verstimmungen folgte v. Sybel, als Kleindeutscher und »Neuberu-
fener* in Miinchen missliebig geworden, im Sommer 1861 einem Rufe nach
Bonn. Die akademische Jugend sollte ihn nicht sang- und klanglos abziehen
lassen, und M. hat es mit seinem Einfluss unter der Mtinchener Studenten-
schaft durchgesetzt, dass — fast wie als Demonstration — dem gefeierten
Lehrer ein glanzender Fackelzug dargebracht wurde.
Der Plan, sich zu habilitiren, ftihrte M. im Jahre 1865 nach Erlangen;
aber bevor es dazu kam, wurde ihm im Friihjahr 1866 die Stelle eines
Secretars am Grossherzoglichen Staatsarchiv zu Weimar tibertragen, und damit
eine ihm sehr zusagende Laufbahn eroffnet. Hier grtindete er denn auch
seinen mit Kindern reich gesegneten Hausstand. Als auf v. Sybel's Antrag
eine ordentliche Professur flir Geschichte und historische Hilfswissenschaften
in Bonn gegriindet wurde, hatte es M. seiner Empfehlung zu danken, dass
ihm dieser Lehrstuhl 1873 Ubertragen wurde. Den speciellen Lehrauftrag flir
historische Hilfswissenschaften ftihrte er so gewissenhaft aus, dass er in jedem
Semester Palaographie oder Diplomatik oder Chronologic oder Quellenkunde
des deutschen Mittelalters, sei es in Vorlesungen, sei es im Seminar, behan-
delte, und dass er von Streifztigen in andere Gebiete des historischen Studiums
mit der Zeit ganz und gar absah. Er, der lebhaft empfindende, leicht ge-
staltende und redegewandte Siiddeutsche, mag die Selbstbeschrankung, die er
damit seiner akademischen Wirksamkeit auferlegte, wohl als Entsagung ge-
ftihlt haben, aber mit seinem klaren Verstand, seinem ruhigen Blick und
seinem nuchtemen Urtheil hat er sich frtihzeitig die Grenzen gezogen, inner-
halb deren er seinen Amtspflichten gentigen wollte.
222 Menzel.
Der Lehrberuf liess dem arbeitsfrohen Manne Musse zu ausgedehnter
schriftstellerischer Thatigkeit. Noch in seine Mtinchener Zeit fallt die preis-
gekronte Arbeit »Kurfiirst Friedrich der Siegreiche von der Pfalz und seine
Beziehungen zum Reiche und zur Reichsreform 1454 bis 1464.0c Munchen
1 86 1. Er war um diese Zeit Mitarbeiter bei der Redaction der Deutschen
Reichstagsakten, in der strengen Weizsacker'schen Schule hat er viel gelernt,
und haufige und langandauemde Reisen in deutsche und auswartige Archive
haben seiner entschiedenen Befahigung fUr die Beschaftigung mit dem archi-
valischen Material reichlich Nahrung geboten. Ueberall, wo er erschien, ver-
schaffte ihm sein anspruchsloses, munteres und ungezwungenes Auftreten und
der Eifer fur seine Mission Freunde und Forderung. Noch in den spateren
Lebensjahren unternahm er, wenn auch manchmal unter korperlichen Be-
schwerden, rait besonderer Vorliebe Archivreisen. Anlass hiezu boten ihm
die Unternehmungen der Gesellschaft fiir rheinische Geschichtskunde, zu deren
kundigsten und eifrigsten Mitgliedern er von ihrer Grtindung an gehorte.
Nachdem er an der % Herausgabe der Ada-Handschrift thatigen Antheil ge-
nommen, sammelte und bearbeitete er die alteren rheinischen Urkunden bis
zum Jahre 900, die er denn auch dem Abdruck sehr nahe gebracht hat;
weit vorgeschritten sind ferner seine erzbischoflich kolnischen Regesten. Von
langerer Zeit her datiren seine Vorbereitungen zur Herausgabe eines zweiten
Bandes des Codex diplomaticus Nassoicus. Urkunden und Acten — dies
war so recht seine Domane, und dieses Merkmal tragen mehr oder weniger
auch seine darstellenden Werke. Es traf sich, dass er — abgesehen von einer
1868 erschienenen kiirzeren Monographic uber »Diether von Isenburg, Erz-
bischof von Mainz, 1459 — 1463* — die Arbeiten Anderer fortsetzte, wie
Schliephake's Geschichte von Nassau, die er mit Bd. 5, 6 und 7 bis zum
Jahre 1816 weiterfiihrte (Wiesbaden 1879. 84. 89); oder da und dort erganzt
und berichtigt druckfertig machte, wie Knochenhauer's Geschichte ThUringens
(1039 — 1247)« Gotha 1871; oder erst aus dem gesammelten Rohmaterial zu-
sammenstellte und der Presse ubergab, wie den literarischen Nachlass des pfalzi-
schen Dekans Schwartz, aus dem — mit Recht unter M.'s Namen — die Schrift
» Wolfgang von Zweibriicken, Pfalzgraf bei Rhein 1526 — 1569. Mtinchen 1893*
in die Oeffentlichkeit trat. Diesen zum Theil sehr umfangreichen Arbeiten
soil die Anerkennung nicht versagt werden, dass sie, die ihrem Herausgeber
Entsagung und Mtihe in reichem Maasse brachten, geschickt und umsichtig
ausgefuhrt sind und die Forschung mit viel Material und neuen Erkenntnissen
bereichern. Neben ihnen darf aber die Abhandlung »uber Ordnung und Ein-
richtung der Archive* (Historische Zeitschrift 22, 225 — 256) nicht vergessen
werden, mit welcher der Verfasser die Aufgabe, die er sich gestellt, so trefflich
gelost hat, dass man fast bedauern mochte, dass dieser Mann mit seinem gesunden
Menschenverstand, Ordnungssinn und praktischen Geschick, seiner Gelehrsam-
keit und seinem wissenschaftlichen Eifer nicht dem Archivdienst erhalten blieb.
Das Bild, das wir von dem Verewigten zu entwerfen versuchten, ware
unvollstandig, wenn wir nicht auch des tapferen Patrioten gedachten, des
beredten und zu jedem Opfer bereiten Vorkampfers der nationalen Sache in
den Rheinlanden. Aber nur um die Sache kampfte er : fur das neue deutsche
Reich, fur die Freiheit der religiosen Ueberzeugung und fur das Recht des
freien Wortes. Hasserfulltes, die Personen befehdendes Parteitreiben lag seinem
Wesen fern, in welchem Lauterkeit, Geradheit und Wohlwollen die Grund-
ziige bildeten. Kerler.
Martiny. Hirschberger. Herz. 223
Martiny, Friedrich, * 1819, f am 7. April 1897 in Danzig. — Ein
Achtundvierziger. Als Stadtrichter in Friedland (Westpreussen) wurde er in
das Frankfurter Parlament gewahlt, schloss sich der aussersten Linken an,
hielt beim Stuttgarter Rumpfparlament aus, wurde wegen Hochverrath an-
geklagt und nach einer Untersuchungshaft von 19 Monaten vom Schwur-
gericht in Konitz freigesprochen. Er wurde dann zum Kreisrichter in Kau-
kehmen ernannt und im Jahre 1861 in das Abgeordnetenhaus gewahlt.
Hier Hess er sich fur die Ideen des damals noch ziemlich isolirt da-
stehenden Lassalle gewinnen, nach welcher das Abgeordnetenhaus die Regie-
rung zur Nachgiebigkeit im Militarconflict dadurch zwingen k6nne und solle,
dass es seine Thatigkeit vollig einstelle. Da er in der Partei keine Genossen
fur diese Ansichten fand, legte er am 10. Februar 1862 sein Mandat (flir
Memel-Heydekrug) nieder. Man betrachtete ihn seitdem als Anhanger der
Socialdemokratie und Lassalle wies ihm in seinem Testament eine erhebliche
Rolle zu. M. zog sich aber vom. offentlichen Leben vollig zuriick. Er wurde
1869 Rechtsanwalt in Danzig und 1879 Vorsitzender der Westpreussischen
Anwaltskammer.
Alexander Meyer.
Hirschberger, Traugott, * 1811 in Lampersdorf, Kreis Frankenstein
(Schlesien), f am 13. Februar 1897 in Ltibbenau. Freisinniger Abgeordneter. —
Besuchte die Volksschule und erlernte das Mlillerhandwerk. Durch eifriges
Selbststudium brachte er es so weit, dass er das Muhlenbauwesen tnit eigenen
Arbeiten fordern und technischen Unterricht an der Handwerker-Fortbildungs-
schule ertheilen konnte. Er wurde zum Mitglied der Priifungskommission fiir
Bauhandwerker ernannt. Von 1861 bis 1866 gehorte er dem Abgeordneten-
hause fUr den Wahlkreis Kottbus-Spremberg und von 1881 bis 1884 dem
Reichstage flir denselben Wahlkreis an. Noch als achtzigjahriger Greis hat
er in Vortragen politischen und technischen Inhalts unermtidlich gewirkt. Bei
der Feier der Eroffhung des neuen Reichstagshauses war er der jugendfrische
Senior unter den Anwesenden.
Alexander Meyer.
Herz, Karl, bayerischer Jurist und Abgeordneter, * am 21. December
1 83 1 in Wtirzburg, f am 8, Mai 1897 in Aschaffenburg. — Studirte in Heidel-
berg und Wtirzburg Jura, arbeitete an der Staatsanwaltschaft in Aschaffenburg
und Mtinchen, wurde 1868 Bezirks- und Landgerichtsrath in Niirnberg, im
August 1883 Landgerichtsprasident in Aschaffenburg, starb im Pensionsstandc.
Seit dem Jahre 1869 gehorte er dem bayerischen Abgeordnetenhause an
und schloss sich der Fortschrittspartei an. In den Reichstag wurde er 187 1
fiir Eichstadt, einen tiberwiegend katholischen Wahlkreis, 1874 fiir Berlin III,
1877 fiir Ansbach, 1881 flir Forchheim gew&hlt. * Dem in Folge der Auf-
I6sung von 1878 gewahlten Reichstage hat er nicht angehort. Im August
1883 legte er in Folge von Beforderung im Dienste sein Mandat flir immer
nieder.
Die Fortschrittspartei zahlte ihn zu ihren hervorragenden Mitgliedern.
Sie designirte ihn zum Schriftflihrer des Reichstags und wahlte ihn 1877 in
einen Ausschuss von zehn Mitgliedern, der eine programmatische Erklarung
der Partei festzustellen hatte. Als er im Jahre 1874 in Eichstadt durch-
gefallen war, empfahl ihn Hoverbeck in einem sehr eindringlich gehaltenen
224 Herz. Grill enberger. Zinn.
Briefe fur eine Nachwahl in Berlin an seiner eigenen Stelle, da er ftir einen
ostpreussischen Wahlbezirk angenommen hatte. Und als er hier gewahlt war,
wurden in seinem alten Wahlkreise Freudenfeuer angeztindet.
Seine uichtigste Thatigkeit entfaltete er als Mitglied der Commission fiir
die Justizgesetze. Er trat im Plenum ein fur den nichtconfessionellen Eid
(20. November 1876), ftir die Befugniss des Gerichts, einstimmig einen Schuld-
spruch der Geschworenen zu kassiren (1. December 1876), ftir die Zustandig-
keit der Geschworenen in Presssachen (19. December 1876), ftir die Be-
schrankung der Militargerichte im Frieden auf Dienstvergehen der Militar-
personen (21. December 1876).
Alexander Meyer.
Grillenberger, Karl, * am 22. Februar 1848 in Zirndorf in Bayern, f am
19. October 1897 in Ntirnberg. Socialdemokratischer Abgeordneter und Re-
dakteur. — Besuchte die Volksschule, lernte das Schlosserhandwerk und arbei-
tete zeitweise in der Gewehrfabrik zu Ntirnberg. Seit 1875 *m Sinne der
Socialdemokratie publicistisch thatig, tibernahm er spater die Redaktion der
Frankfurter Tagespost in Ntirnberg. Seit 1881 bis zu seinem Tode gehorte
er dem Reichstage als Abgeordneter fur Ntirnberg an, war auch Mitglied des
bayerischen Abgeordnetenhauses.
Er war ein markiger Redner, der sich auch in den der Arbeiterversiche-
rung betreffenden Fragen ein ttichtiges Wissen angeeignet hatte.
Alexander Meyer.
Zinn, August, * am 20. August 1825 zu Ilbesheim in der bayerischen
Pfalz, f am 17. November 1897 zu Eberswalde. Irrenarzt, zeitweise Reichs-
tagsabgeordneter. — Z. war der Sohn eines mit Kindern reich gesegneten
Pfarrers, den er frtihzeitig verlor. Er wurde ftir das Forstfach bestimmt und
hatte es schon zu einer mit kleinem Gehalt ausgestatteten Beamtenstelle ge-
bracht, als das Jahr 1849 ^n in den Strudel der Revolution zog. Er musste
in die Schweiz fltichten und nahm hier mit Untersttitzung einiger Gonner das
Studium der Medicin auf. Er liess sich 1858 als praktischer Arzt in Thai-
weil, Kanton Ztirich, nieder und heirathete seine Jugendgeliebte Anna Haas.
Kleine Schriften, die er tiber irrenarztliche Themata geschrieben hatte, ver-
anlassten, dass er zum Direktor der Irrenanstalt zu St. Pirminsberg (St. Gallen)
berufen wurde, um deren Entwickelung er sich hohe Verdienste erworben.
Im Jahre 1867 wurde er Ehrenbtirger der Stadt und des Kantons St. Gallen.
Im Jahre 1872 wurde er als Chefarzt und Direktor an die Landesirrenanstalt
Eberswalde (Provinz Brandenburg) berufen und war ftinfzehn Jahre als Re-
ferent der Brandenburgischen Provinzialverwaltung thatig, in der er das Me-
dicinalwesen bearbeitete. Obwohl seine literarische Thatigkeit gering war,
hatte er sich doch in weiten Krefeen den Ruf eines sehr ttichtigen Medicinal-
beamten erworben.
Von 1874 bis 1881 vertrat er den Kreis Kirchheim-Bolanden im Reichs-
tag. Seine Thatigkeit war hier dadurch bemerkenswerth, dass er der einzige
Nicht- Jurist war, der in die Commission zur Berathung der Justizgesetze (Ge-
richtsverfassung, Civil- und Strafprocessordnung) gewahlt wurde. Er leistete
gute Dienste bei alien den Kapiteln, die arztliche Kenntnisse in Anspruch
nahmen, allein er arbeitete sich in das ganze Thema so vorztiglich ein, dass
er schliesslich auch in rein juristischen Fragen fur voll genommen wurde.
Zinti. Petri,
225
Er hatte sich, getreu seinen Jugenderinnerungen, ursprilnglich der Fort-
schrittspartei angeschlossen, allein als Filrst Bismarck eine neue handelspoliti-
sche Aera in das Leben rief, zeigte es sich, dass Z. Schutzzollner durch und
durch war. Seine alten Freunde brachen mit ihm und er hielt es nach kur-
zem Schwanken gerathen, sich aus dem parlamentarischen Leben ganzlich
zurlickzuziehen. Ein langwieriges Leiden machte seinem Leben ein Ende.
Schriften und Aufsatze: Ueber die Cholera in Zurich; Uber die Masernepideroie
in Thalweil bei Zurich; Uber das OfFentliche Irrenwesen im Kanton Zurich 1850; Uber die
Staatsaufsicht in den Irrenanstalten, 1877; Uber die Stellung des Geistlichen an der Irren-
anstalt, 1880; Uber die Versorgung geisteskranker Verbrecher, 1882; Uber die Sffentliche
Irrenpflege in Preussen, 1884; Uber Psychiatrie und Seelsorge, 1893; zur Reform des Irren-
wesens in Preussen und das Verfahren in EntmUndigungssachen von Geisteskranken, 1893;
zur Frage der Reform des Irrenwesens, 1895. — Ueber ihn: Zeitschrift fUr Psychiatrie, 1898.
Alexander Meyer.
Petri, Wilhelm Joseph, * am 9. October 1826 zu Oestrich im Rhein-
gau, f am 13. November 1897 in Cassel. Vorkampfer der altkatholischen
Bewegung, Richter und eine Zeit lang Abgeordneter. — Er war der Sohn eines
Grundbesitzers und Oberschultheissen, erhielt seine Schulbildung in Wiesbaden,
Hadamar und Weilburg und studirte in Heidelberg, Leipzig und Bonn, Im
Jahre 1848 machte er als Soldat im 2. Nassauischen Infanterie-Regiment den
Feldzug gegen die Danen mit. Im Jahre 1849 promovirte er summa cum
laude zum Dr. jur. und legte bis 1854 seine beiden Staatsprtifungen ab. Er
wurde nach der Annexion Nassaus zum Appellationsgerichtsrath ernannt und
Ende 1881 Senatsprasident am Oberlandesgericht Cassel. Er erhielt 1891
den Titel eines Geheimen Ober-Justizraths und schied kurz vor seinem Tode,
mit hohen Orden geehrt, aus dem aktiven Dienst. Ein ausserst schmerzhaftes
carcinomoses Leiden hatte ihm die letzten Lebensjahre verbittert.
Von 1872 bis 1 88 1 hat er den Stadtkreis Wiesbaden im Preussischen
Abgeordnetenhause vertreten, sich der Fortschrittspartei angeschlossen und
sich hauptsachlich als Vorkampfer der altkatholischen Sache einen Namen
gemacht. Wesentlich seiner Anregung war es zu verdanken, dass das Alt-
katholikengesetz erlassen wurde. Selbstverstandlich wurde er die Zielscheibe
der ultramontanen AngrifFe und man hat ihm hohnisch wiederholt die Frage
vorgelegt, ob er denn — mit Ausnahme des Unfehlbarkeitsdogmas — alle
tibrigen Dogmen der katholischen Kirche glaube. Mit Recht hat er dieser
unberufenen Frage das Schweigen des Unwillens entgegengesetzt. P. war ein
viel zu lauterer Charakter, als dass er in der katholischen Kirche verharrt
haben wurde, wenn er nicht die Ueberzeugung gehabt hatte, dass er mit
seiner kirchlichen Ueberzeugung das Recht gehabt hatte, in ihr zu stehen.
Er nannte den Katholicismus die Religion seiner Vater und sah in dem Un-
fehlbarkeitsdogma einen Abfall von der Religion seiner Vater und er war der
Mann nicht, um zu liigen. In der Regel ein Mann von ruhigen Formen und
ein Gegner des leeren Pathos, machte es einen grossen Eindruck, als er die
Verse des Pseudo-Walther von der Vogelweide recitirte:
Wer zagt, dass er des Himmels fehle,
Der beuge sich des Bannes Reich,
Ich fUrchte Nichts fUr meine Seele,
Steh' ich zu Kaiser und zu Reich.
Im Jahre 1877 trat er aus der Fraktion der Fortschrittspartei aus und
wurde »wild«. Griinde fur diesen Schritt hat er nicht angegeben; es lasst sich
Biogr. Jahrb. u. Deutacher Nekrolog. 2. Bd. I c
aa6 Petri. Engelhorn, Janice,
vermuthen, dass ihm auch hier einige Dogmen aufgezwangt werden soil ten,
die er verwarf, obwohl er an der Politik seiner Vater, dem Liberalismus,
festhielt.
Durch eine erste sehr kurze Ehe wurde P. der Schwager des Cultur-
historikers Riehl und wurde durch diesen veranlasst, in der Augsburger All-
gemeinen Zeitung und in den Annalen des Nassauischen Alterthumsvereins
einige Aufsatze, darunter einen iiber die Niederlage der Rheingauer Bauern
bei dem Wachholderhof (im Bauernkriege) zu schreiben. Aus einer zweiten
Ehe mit einem Fraulein Hilf hinterliess er zahlreiche Kinder.
P. war ein Mann von grosser korperlicher und geistiger Energie, ein
rlistiger Bergsteiger. Nebenher einer der besten Kenner und Kaufer rheini-
scher Weine, vor dem selbst Karl Braun seine Klinge neigte. Dieser Cha-
rakterzug gehort nothwendig zu seinem Bilde. Seines Umganges konnte man
sich erfreuen, wie eines edlen firmen Weines. So war Festigkeit und Milde
in seinem Wesen gepaart. Um eine grossere und langere Rolle im politischen
Leben zu spielen, fehlte ihm der Ehrgeiz; er trat hervor, so lange Pflicht und
Gewissen es ihm gebot.
Alexander Meyer.
Engelhorn, Julius, Buchhandler, * am 4. Juni 181 8 in Mannheim, f am
10. Mai 1897 in Stuttgart. — E. war lange Jahre hindurch im kaufmannischen
Berufe thatig und machte sich als Verlagsbuchhandler erst im Jahre i860 in
Stuttgart selbstandig. Durch Grtindung der gediegenen Kunstzeitschrift »Ge-
werbehalle« und ahnliche zeitgemasse Unternehmungen erzielte er bald grosse
Anerkennung und Erfolge. Ausserordentlich giinstige Aufnahme und Ver-
breitung fand das 1884 gegriindete Unternehmen : »EngeIhorn's Romanbiblio-
thek«, eine Sammlung neuer gediegener Romane und Novellen in gleichmassigen,
ausserst billigen Ausgaben. Allen Vorgangen im Buchhandel schenkte er das
lebhafteste Interesse und machte in engeren und weiteren Kreisen um das
Gemeinwohl des Standes in hohem Grade sich verdient. — Besitz und Lei-
tung des Geschaftes gingen 1890 in die Hande seines Sohnes und langjahrigen
Theilhabers Karl Engelhorn, Mitgliedes des Borsenvcreins-Vorstandes, iiber.
Vergl. Borsenblatt f. d. deutsch. Buchh. 1897. No. 108.
H. Ellissen.
Janke, Richard, Buchhandler, * 1852 in Berlin, f am 21. August 1897
ebenda. — - J. absolvirte das Gymnasium und erlernte bei Fr. Frommann in
Jena den Buchhandel. Spater widmete er sich kurze Zeit dem Bankfach,
dann ausschliesslich dem Musikalienhandel. Nachdem er diesen bei Martin
Bahn in Berlin naher kennen gelernt und die Sulzer'sche Handlung in Biele-
feld einige Zeit geleitet hatte, erwarb er die Schmid'sche Hofmusikalienhand-
lung in Munchen, trat jedoch nach mehreren Jahren auf Wunsch seines Vaters
und Bruders in das hochangesehene vaterliche Verlagsgeschaft Otto Janke ein
und wurde 1883 dessen Mitinhaber. Nach dem Ausscheiden des Begrunders
(1885) fiihrte er es bis zu seinem Tode gemeinschaftlich mit seinem alteren
Bruder Dr. Gustav Janke in erfolgreicher Weise fort. — Im Privatleben
pflegte J. eifrig die Musik. Sein heiteres Wesen machte ihn beliebt in einem
grossen Kreise seiner Collegen.
Vergl. Btirsenblatt f. d. deutsch. Buchh. 1897. No. 196 u. 260.
H. Ellissen.
Koch. Koehler'.
227
Koch, Eduard Friedrich, Buchhandler, * am 10. Juli 1838 zu Gross-
aspach, Oberamt Backnang, in Wttrttemberg, als altester Sohn des Pfarrers
Koch, f am 30. November 1897 in Stuttgart. — Seit 1847 besuchte er das
Gymnasium in Heilbronn, wohin sein Vater versetzt war. Mit 1 6 Jahren ver-
liess er die Schule, um sich dem Buchhandel zu widmen, den er in Heidel-
berg erlernte. Spater war er in Braunschweig, Leipzig und Freiburg i. Br.
thatig. Schon damals betrieb er nebenbei eifrig das Studium der Natur-
wissenschaften, besonders das der Geologie, und legte den Grund zu einer
spateren grossartigen palaontologischen Sammlung. 1867 tibernahm er die
1826 gegriindete Schweizerbart'sche Verlagshandlung und Druckerei in Stutt-
gart. Wahrend der Verlag bisher Schriften des verschiedensten Inhalts um-
fasst hatte, pflegte K. fast nur den naturwissenschaftlichen Verlag. So ver-
legte er u. a. die Schriften von Darwin in der Uebersetzung von J. V. Cams,
die in 20 Nummern 43 Bande umfassen und etwa 300 M. kosten. Welche
Dienste er aber besonders der Palaontologie Jeistete, beweisen die in vielen
Banden vorliegenden »Palaontographica, Beitrage zur Geschichte der Vorzeiu
im Werthe von beinahe 3000 M. Die flir diese u. a. seiner naturwissen-
schaftlichen Zeitschriften vielfach nothigen Abbildungen trugen wesentlich zur
Forderung der modernen Reproductionsverfahren bei. Er bekleidete Ehren-
und Vertrauensposten im Verein ftir vaterlandische Naturkunde und im Wlirt-
tembergischen anthropologischen Verein. Auch sein Interesse fiir das Gemein-
wohl des Buchhandels hat er vielfach an den Tag gelegt.
Vergl. Mediciniscbes Correspondenzblatt des WUrttembergiscben Brztlicben Landes-
vereins, abgedruckt im Borsenblatt f. d* deutscb. Buchh. 1897. No. 300.
H. Ellissen.
Koehler, Karl Franz, Buchhandler, * am 22. August 1843 als der alteste
Sohn des zweiten Inhabers des grossen Buchhandlerhauses K. F. Koehler,
Franz Koehler in Leipzig, f am 5. August 1897 in Bonn. — Nach strenger
vaterlicher Erziehung, bestand er eine vierjahrige Lehrzeit bei Vandenhoeck
& Ruprecht in Gottingen. Spater in den berlihmten Buchhandlungen Dulau
& Co. in London, Otto Lorenz in Paris und Wilhelm Braumiiller & Sohn in
Wien als Gehilfe thatig, hatte er Gelegenheit, seine geschaftlichen Kenntnisse
in ungewohnlicher Weise zu bereichern. 1867 trat er in das bereits 1789
gegriindete vaterliche Geschaft ein, das schon damals zu den bedeutendsten
Leipziger Commissions-Buchhandlungen gehorte, und mit einem nicht minder
angesehenen Antiquariat verbunden war; 1881 aber wurde es, nachdem 1873
das Commissionsgeschaft in den Alleinbesitz von Karl Franz Ubergegangen
war, wahrend sein Bruder Hugo das Antiquariat iibernommen hatte, noch
wesentlich vergrossert durch Erwerbung des Hermann Fries*schen Commissions-
geschafts. In dem 1880/81 von K. erbauten palastartigen Hause an der
Stephanstrasse eroflfnete er 1887/88 ein bald zu hochstem Ansehen gelangen-
des Baarsortiment, das die sofortige Lieferung aller gangbaren Verlagsartikel,
meist in gebundenem Zustande und zu den Verlagsnettopreisen, an die Sorti-
mentshandlungen vermittelt. Eine grossere Anzahl alljahrlich und semester-
weise verdffentlicher gediegener Cataloge legt Zeugniss fur die hohe Bedeu-
tung dieses Geschaftszweiges ab. Die gewaltige Ausdehnung des Geschaftes
fuhrte zur Errichtung eines noch grosseren, ein ganzes Strassenviertel am
T&ubchenweg bedeckenden Geschaftshauses, das 1894 bezogen wurde. Unter
fast unaufhorlichen Aufregungen und Anstrengungen leider schon seit Jahren
15*
228 Koehler. Rupp. Walch.
erkrankt, suchte K. zuletzt in Bonn Heilung von einem periodisch wieder-
kehrenden qualvollen Uebel. Am 8, August wurde er in der mit herrlichen
Reliefs von Kaffsack geschmuckten Familiengruft unter unabsehbarem Gefolge
zur Ruhe bestattet.
Vergl. Bdrsenblatt far den deutschen Buchhandel 1897. No, 181, 183, 197 und Da-
heim 1897, No. 48 (mit Portr.> H Eujssen
Rupp, Adolf, Architekt, * am 14. Marz 1843 als Sohn eines griechischen
Militarspitalverwalters in A then, f am 15. Mai 1897 zu Miinchen. — R. kam
dreizehnjahrig zu seiner Ausbildung nach Deutschland, wo er die Realschule
zu Augsburg und dann das Polytechnikum in Miinchen besuchte. R. begann
seine Praxis als Ingenieur der bayerischen Staatseisenbahnen, ging als Ober-
ingenieur nach Rumanien und Oesterreich, kehrte 1875 nach Bayern zuruck
und liess sich 1888 in Miinchen als Ingenieur und Baumeister nieder, wo er
verschiedene grossere Privatbauten ausfiihrte, zuletzt das mustergiltige, eine
Sehenswlirdigkeit ersten Ranges bildende »Kaufhaus B6hmler«, welches im
Marz 1897 vollendet wurde. Doch schon am 15. Mai endete der Tod die
vielseitige Thatigkeit des merkwiirdigen Mannes.
Vergl. No. 74 »Allgemeine Zeitung* vom 15. Mfirz 1897 und No. 227 »Mtinchener
Neueste Nachrichten* vom 18. Mai 1807. TT TT ,* ,
y' Hyac. Holland.
Walch, Emanuel, Maler, * am 28. August 1862 im hochgelegenen Berg-
dorf Kaisers in Tirol, f am 25. August 1897 zu Toblach. — Ein vorziiglich
begabter Kiinstler, welcher trotz seiner kurzen Lebenszeit doch schon einen
sehr guten Namen erwarb. In W. entwickelfe sich die fast alien seinen Lancjs-
leuten eigene Veranlagung zur Kunst durch das Betrachten von Kirchen-
gemalden und Biicher-Illustrationen. Die Neigung, selbst Zeichner und Maler
zu werden, fiihrte ihn alsbald in die Werkstatte des in Vorderhornbach sess-
haften Malers Karle und etliche Jahre spater an die Miinchener Akademie,
wo Ludwig v. Ltifftz und insbesondere Andreas MUller das vielversprechende
Talent cultivirten. Die nothige Unterstiitzung boten einige wohlgeneigte
Conner und ein Stipendium der Tiroler Landesregierung. W., welcher sich
der religiosen Kunst zuwendete, malte drei Oelbilder fiir die Kirche zu Mtin-
ster (Unterinnthal), mehrere Fresken in der Kirche zu Vomp, auch eine »hl.
Elisabeth « fur eine Villa in Schwaz. Sein energischer Fleiss ermoglichte 1894
sechs Bilder in der neuen Kirche zu Villach, acht Wandbilder an der Aussen-
seite der Pfarrkirche zu Mieming zu schaffen. Schon 1893 hatte W. ftir Obeske
und Szabadka in Ungarn mehrere treffliche Fresken geliefert, wahrend viele
Oelbilder in die Kirchen Tirols kamen, darunter das liebliche »Rosenkranz-
bild« fur Innervillgratten, welches auf der Ausstellung der »Deutschen Gesell-
schaft fur Christliche Kunst« zu Miinchen 1895 die verdiente Wiirdigung fand.
Kleinere Bilder erwarb der Miinchener »Verein flir Christliche Kunst« zu
seinen Verloosungen in den Jahren 1889, 1894 und 1896. Die fortgesetzt
anstrengenden Arbeiten zehrten an der ohnehin schwachlichen Gesundheit des
Kiinstlers, dazu gesellten sich durch einen ungllicklichen Sturz von einem
Malgeriiste haufige Blutergusse und ein rasch vorschreitendes Lungenleiden.
Sein den hochsten Zielen zugewendetes edles Streben endete schon am
25. August 1897. Er wurde auf dem stillen Friedhofe zu Toblach begraben.
Vergl. Max Fttrst im »Rechenschaftsbericht des Vereins fUr christl. Kunst* f. 1897.
Miinchen 1898. S. 13.
Hyac. Holland.
Sanger. Stieler. 2 20
Sanger, Dominik, Bildhauer, * am 6. October 1845 zu Berlin, f am
6. Marz 1897 in Mlinchen. — S. kam nach Vollendung der Realschule zu
Breslau in das Geschaft eines angesehenen Steinmetzen und Stuccateurs und
mit demselben nach Russland, wo ein grosser Auftrag des damaligen Kaisers
zu erledigen war. Darauf trat S. zu Miinchen im Atelier des Bildhauers Anselm
Sickinger (1807 — 1873) in Condition, wo er bald die verdiente Aufmerksam-
keit erregte, aber schon nach kaum einjahriger Thatigkeit durch seine Militar-
pflicht nach Berlin gerufen wurde auf die Dauer des Feldzugs 1866. Nach
Ablauf desselben arbeitete S. in Budapest, Wien und abermals zu Mlinchen
in verschiedenen Ateliers, doch forderte er sich nebenher noch durch fleissigen
Besuch von Akt- und Zeichnungsschulen. Der Krieg 1870 rief ihn abermals
unter die Waffen bei den Konigin Elisabeth Garde-Grenadieren. Nach dem
Frieden eilte S. abermals nach Miinchen; hier grlindete er 1873 seinen eigenen
Herd, beschaftigte sich mit seiner eminenten Meisselfuhrung nicht allein bei
Wagmiiller's Liebigdenkmal und ftir Fr. Wilh. Wanderer, sondern erwarb auch
durch geistreich ausgefiihrte Portratbiisten (darunter das Brustbild von Julius
Knorr) und andere Leistungen einen geachteten Namen. Das Dichterwort,
dass der Mensch mit seinen hoheren Zielen wachse, bewahrte sich an diesem
Kunstler. In seiner mtihevollen Laufbahn arbeitete S. voll unermtidlichen
Schaffens. Trotz seines herkulisch scheinenden Korperbaus unterlag er doch
einem ttickischen Leiden, welches in den letzten drei Jahren, genahrt durch
seinen schweren Beruf, unaufhaltsam sich entwickelte und den Kunstler am
6. Marz 1897 in die Anne des Todes legte. Die kosdiche Steinskulptur
eines jungen lachenden Faunkopfes erschien im Mai 1898 im Mtinchener
Kunstverein.
Vergl. Bericht des genannten Vereins fc 1897. S. 76.
Hyac. Holland.
Stieler, Max, Maler, * am 16. Februar 1825, f am 23. Juni 1897 zu
Miinchen. — St. war der alteste Sohn des seiner Zeit so viel gefeierten Por-
tratmalers Joseph von Stieler (1 781 — 1858), besuchte die Akademie, arbeitete
im Atelier seines Vaters und copirte viele Bildnisse desselben, litt aber unter
der Bertihmtheit des Namens, so dass er zu keiner freien, selbstandigen Tha-
tigkeit gelangte. Desshalb wendete sich St. zur Genremalerei und lieferte
mehrere anspruchslose , gemuthvolle Bilder, z. B. »Schiller in Ausiibung
seiner arztlichen Praxis als Medicus beim Grenadier-Regiment des General
Aug£, einen Verwundeten verbindend« ; eine am Feiertag im Gebetbuch
»Lesende Frau« (1862); eine »Schnitterin« (1864), einen »Zillerthaler Bauer«
(1872) u. s. w. Bei verschiedenen Ktinstlerfesten trat er als Redner auf (auch
1868 bei der Trauerfeier fur Konig Ludwig I.), dichtete ftir die Ktinstler-
genossenschaft und Liedertafel viele Prologe und komische Scenen, darunter
das in altbayerischer Mundart verfasste Zwiegesprach »Philemon und Baucis«
(1881) und errang auf den BUhnen des Residenz- und Volkstheaters vielfachen
Beifall durch mehrere dramatische Dichtungen und Lustspiele, darunter »Der
blaue Teufek, »Aus Dazumal und Heute«, »Der Schatz«, das culturhistori-
sche Dramolet »Gluck in Trianon« und eine Tragodie »Fra Filippo«. Aber
auch hier beengte ihn die glanzende Popularitat seines jiingeren Bruders
Karl Stieler (1842 — 1885), der mit seinen lebensprtihenden Gedichten, ins-
besondere in altbayerischer Mundart, sich hervorthat. So zog er sich ganz
von der Oeffentlichkeit zurtick und begann das reiche Material zur Geschichte
230 Sticler. Schneidt. Keller.
und Biographic seines Vaters zu ordnen, eine Arbeit, welche St. jedoch nicht
mehr zustande brachte, da derselbe nach langen Leiden starb.
Vergl. No. 174 »Allgemeine Zeitung* vom 25. Juni 1897.
Hyac. Holland.
Schneidt, Laura, Dichterin, f am 12. Mai 1897 zu Mtinchen, 73 Jahre
und 4 Monate alt. — Sie hatte als Tochter eines Obertaxators eine sehr gute
Bildung genossen und verwerthete sie als Erzieherin in einigen adeligen Fami-
lien, wo man ihr zeitlebens eine dankbare Erinnerung bewahrte. Als sie
spater erblindete, ertheilte sie Unterrichtsstunden und sorgte in liebreichster
Weise ftir ihre ganz gelahmte Mutter. Nach dem Tode derselben fand sie
noch immer Mittel und Wege, um anderen, armeren Mitmenschen hilfreich
unter die Arme zu greifen und ihnen Trost und Freude zu bereiten. Dess-
halb sammelte sie auch ihre Gedichte und gab dieselben heraus unter dem Titel
» Flora's Tagebuch. Zum Besten einiger im Feldzuge 1870 erblindeten Bayern;
von einer erbHndeten Compatriotin«, Mtinchen (1875. 80S. 12. 2. Aufl. 1896.
100 S. 8). Was ihren nur durch Diktiren in Schrift gebrachten und deshalb
weniger gefeilten Dichtungen etwa in formeller Weise abging, ersetzten ihre
originellen Gedanken, ihre tiefe Auffassung des menschlichen Daseins, beson-
clers aber eine wahre, innige FrCmmigkeit, die allein im Stande war, der viel-
geprtiften Dichterin jenen Seelenfrieden und jene Ergebung zu verleihen,
welche den Verkehr mit derselben so anmuthig machte. Sie verstand mit
einer den Blinden haufig verliehenen Findigkeit den Mangel ihres Augenlichtes
geschickt zu verbergen und der leisesten Fuhlung ihrer Ftihrerin zu folgen,
eine glanzende Conversation zu ftihren und eine gute Gesellschaft auf das
Anziehendste zu unterhalten.
Hyac. Holland.
Keller, Franz, schwabischer Dialektdichter, * am 24. October 1824 als
Sohn eines Weissgerbers zu Gtinzburg an der Donau, f am 8. October 1897
zu Unterroth. — Erst zum Handwerk bestimmt, studirte K. unter vielen Ent-
behrungen am Gymnasium und Lyceum in Augsburg, immer mit Auszeich-
nung, trat als Candidat der Theologie in das »Georgianum« zu Mtinchen,
absolvirte die Universitat, wurde Priester und Caplan in Altusried, Pfarrer in
Haldenwang bei Burgau, in welcher Stellung er zugleich die Hauslehrerstelle
in der Familie des Grafen von Freiberg sieben Jahre lang versah, wirkte vier-
zehn Jahre lang in Waldkirch als Pfarrer, dann mit gleicher Thatigkeit
zu Unterroth (bei Illertissen) in Schwaben, wo er starb. Wie alle achten
Dichter dankte auch er seiner gemtithvollen Mutter den poetischen Sinn
und die heitere Laune, die, trotz der strengen Erziehung des ernsten Vaters
und den durch die Nothlage der El tern friihe empfundenen Sorgen, ihm
immerdar treu verblieb und trotz spateren korperlichen Leiden seinen von
Witz und kosthchen Einfallen ubersprudelnden Humor belebte. K. begann
schon als Student in Augsburg zu dichten; Andere dadurch zu erheitern
war seine Freude. Und diesen Zweck erreichte er fast stets, da alle seine Stoffe
dem vollen Menschenleben entnommen sind und durch sein reiches Gemiith
die ansprechendste Form erhielten. Sie fanden die beste Aufnahme, als er
allmahlich damit sich in die Oeffentlichkeit wagte, und erlebte insgesammt
mehrfache Auflagen, deren Ertrag der Dichter in acht humaner Weise den
Cretinen- und Blinden-Anstalten in Lautrach und Ursberg zuwendete. Zuerst
Keller. Ritter von Schonherr. 231
erschienen die »Doaraschleah« (1873 bei Jos. Kosel in Kempten. 5. Aufl. 1891),
dann »Eda Hagabutza« (1874. 4. Aufl. 1891), »Erdborla« (1875. 2. Aufl. 1887),
»Duranand« (1880. 2. Aufl. 1891 mit dem Lichtdruckbildnisse des Dichters),
die »Hoidlborla«, »Brau'b6rla« (1887) und »Hoidl-B6rla« (1891). Ein neues
und letztes Strausschen dieser anspruchslosen, acht naturwuchsigen und bei
aller heilkraftigen Herbigkeit doch durchweg acht poetischen Beeren, steht
noch aus dem Nachlass in Aussicht. Dieselbe hohe Stufe, welche Franz
von Kobell durch seine in altbayerischer und pfalzer Mundart gelieferten Dich-
tungen errang, kann auch K. ftir seine meisterhaften Leistungen in dem frdh-
lich breiten schwabischen Dialekt beanspruchen. Sie sind ein treuer Spiegel
von Land und Leuten und von dem edlen Sinne des Dichters, welcher das
Horazische »prodesse et delectare« nie aus dem Auge verlor und im Verein
mit seiner virtuosen, urweltfrischen Beherrschung der Sprache nachst seinem
erst neuerdings gewtirdigten Landsmann Ludwig Aurbacher (1784 — 1847, Ver-
fasser des Volksbuches »Die sieben Schwaben«), Joh. Peter Hebel, Griibel,
Fritz Reuter, Karl Stieler und alien neueren zeitgenossischen Dialektdichtern
genannt zu werden verdient.
Hyac. Holland.
SchOnherr, David, Ritter von, Dr., k. k. Hofrath und Archivdirektor a. D.,
• am 20. October 1822 zu Kniepass, f am 17. October 1897 zu Innsbruck.
— Als Sch. sein thatiges Leben nach kurzer, wohlverdienter Ruhe beschloss,
hatte er als achter Patriot einen hochst popularen Namen in Tirol und errang,
als seine politische Rolle zu Ende ging, durch seine archivalischen Funde
und ihre lobliche Verarbeitung, den Ruf eines wackeren Forschers und ttich-
tigen Kunst- und Culturhistorikers. Geboren als der Sohn ein k. k. Zoll-
beamten in der ehemaligen Grenzveste Kniepass bei Reutte in Tirol, sammelte
Sch. zu Wien eine schatzbare Grundlage von historischen und artistischen
Studien, welche vorlaufig freilich nicht zur Reife gediehen, da er 1848 beim
Beginn der dortigen Revolution, durch den Tod seiner Mutter in die Hei-
math zuriickberufen, zu Innsbruck die Redaktion der »Schtitzen-Zeitung« tiber-
nahm, welche er mit seiner publicistischen Begabung, in kurzer Frist zum
volksthlimlichsten und einflussreichsten Organ des Tiroler Landes erhob. Durch
eine gltickliche Heirath und seine journalistische Thatigkeit ganz an Tirol
gefesselt, wendete Sch. sein Augenmerk auf das damals frisch erbllihende
Schiitzenwesen ; er besuchte alle Schiessstande des Landes und gewann als
einer der besten Treffer bei alien Festschiessen nicht nur Schtitzen-Preis und
-Dank, sondern auch die ausgebreitesten Bekanntschaften aus alien Standen
und grlindliche Einsicht in alle Verhaltnisse und in die wohlberechtigten Wtin-
sche des Volkes. Die freimtithige Unerschrockenheit, womit Sch. seine Stimme
bei alien Beschwerden und Misshelligkeiten erhob, zog freilich ein ganzes
Conglomerat von Confiscationen und Pressprocessen (iber den Redakteur der
Schlitzen-Zeitung zusammen, welche immer mit Freisprechung endend, nur zur
weiteren Verbreitung des Blattes beitrugen. Es ist unglaublich, was damals
als strafwtirdiges Reat betrachtet wurde und mit welch1 ruder Gewissenlosig-
keit Polizei und Regierung im acht vormarzlich bureaukratischen Nachklange
hausten. — Hatte sich die Bedeutung des Schiitzenwesens schon 1848 gegen
den piemontesischen Rummel bemerkbar gemacht, so brachten die Jahre 1859
und 1866 neue Erfahrungen und Resultate, welche Sch. als Kreis- und Lan-
des-Defensions-Commissar sattsam verwerthete. Zum fortwahrenden Exercitium
232 Rittcr von Schonherr.
in Friedenszeiten organisirte Sch. als Schtitzenmeister des k. k. Landes-Haupt-
schiessstandes die vom reinsten Patriotismus belebten grossen Schiitzenfeste,
so 1853 bei der Feier der Rettung und Wiedergenesung des Kaiser Franz
Joseph, dann das Schiessen zu Innsbruck, auf welchem der Kaiser, Erzherzog
Karl Ludwig und 5400 aktive Schiitzen erschienen, ferner die »Tiroler Schtitzen-
ztige«, insbesondere 1862 nach Frankfurt und 1868 nach Wien. Flir Frank-
furt hatte Sch. nicht nur die prachtvollsten Exemplare, welche damals als
»Schmerzenskinder« mit feuriger Begeisterung durchschlugen, ausgewahlt, son-
dern sich daselbst auch als Meister bewahrt, »da er innerhalb drei Stunden
212 Punkte gewann und die Figur auf der Feldscheibe zehnmal ununter-
brochen durch die Brust schoss.« — Inzwischen besuchte Sch., urn friihere
Versaumnisse nachzuholen, als ordentlicher Zuhorer die Vorlesungen der
rechts- und staatswirthschaftlichen Facultat der Universitat Innsbruck und
bestand mit Auszeichnung das Rigorosum, womit er wohl seine juridische
Laufbahn, nicht aber seine offentliche Thatigkeit abschloss, denn seit 1857
wirkte Sch. als Curator und Fachdirektor des Landesmuseums (Ferdinandeum),
seit 1864 als Correspondent des »Oesterreichischen Museums fiir Kunst und
Industrie in Wien« und als vom Landtag bestellter Beirath des Landes-Ober-
schtitzenmeisters, ferner als Mitglied verschiedener Comit^s in Bewaffhungs-
und Landesvertheidigungs-Angelegenheiten — bis er endlich 1871 die Stelle
eines »Oberschtitzenmeisters des Landes-Hauptschiessstandes«, fast gleichzeitig
mit der Redaktion seiner Zeitung niederlegte, um den schon friiher begonnenen
geschichtlichen Untersuchungen und Forschungen sich ganz zuzuwenden, wo-
ftir das Statthalterei-Archiv ein unschatzbares, vollig neues Quellen- Material
bot. Unter der Beihilfe seiner Freunde Prof. Dr. A. Huber, Durig, Ladurner,
Ign. Zingerle u. A. edirte Sch. ftlnf Jahre lang die »Zeitschrift fiir Geschichte
und Alterthumskunde Tirols«. Hier legte er eine Reihe seiner eigenen, meist
kunsthistorischen Elaborate nieder, woftir ihm die Universitat Tubingen ein
ehrenvolles Doktor-Diplom votirte und der Fiirst von Thurn und Taxis zu
Regensburg die Direktion seines Hof- und Familien-Archivs antrug. Gliick-
licher Weise erinnerte man sich nun auch in Wien an diese gute, wohl ver-
wendbare Kraft, indem fur Sch. die Stelle eines Statthalterei-Archivars er-
richtet wurde. So blieb er der Heimath erhalten und schlirfte aus dem ihm
wohl vertrauten Bod en nicht nur eine Ftille dankenswerther Funde, sondern
trug auch wesentlich dazu bei, die Schatze dieses Archivs den aus Oester-
reich, Deutschland und der Schweiz kommenden gelehrten Anfragen zugang-
lich zu machen und zu erschliessen. Sch.'s Arbeiten erschienen in Buchform
oder in den verschiedensten wissenschaftlichen Fachzeitschriften, darunter
»Franz Schweyger's Chronik der Stadt Hall« (1867); der »Einfall des Chur-
fiirsten Moriz von Sachsen in Tirol 1552* (1868); iiber »die Lage der an-
geblich verschtitteten Romerstadt Maja« (1873) u« s- w- Absonderliches Ver-
dienst erwarb sich Sch. mit seiner »Geschichte des Grabmals Kaiser Maxi-
milians I.« und dem urkundlichen Nachweis der dabei verwendeten KUnstler,
durch seine Theilnahme an der Restauration des herrlichen Schlosses Runkel-
stein (1874) und die Wiederherstellung der landesfiirstlichen Burg in Meran
1882 und 1892 (vgl. Beilage 236 »Allgemeine Zeitung* vom 26. August 1893).
Vollig Neues brachte Sch. iiber den bertihmten Tirol er-Kanzler Biener, Uber
Treitz-Sauerwein's Heimath und Familie; iiber Hans Ried, den Schreiber des
Heldenbuchs; liber »Dic alteste Papierfabrikation und Druckerei in Tirol«,
iiber »Erzherzog Ferdinand als Baumeister«, iiber den »Krieg Kaiser Max I.
Ritter von Schtfnherr. Otto.
233
mit Venedig i509« (1876); die »Heirath Jakob III. von England und die
Entfuhrung seiner Braut aus Innsbruck 1719* (1877); »Wenzel Jamnitzer's
Arbeiten fur Erzherzog Ferdinand«; liber einen »Ehescheidungsprocess aus
dem XV. Jahrhundert* (vergl. No. 37 »Allgem. Ztg.« vom 6. Februar 1882)
und die kunsthistorischen Excurse liber » Alexander Colin's Leben und Werke
und seinen Antheil an der plastischen Ausschmiickung des Heidelberger
Schlosses« (1889); liber »Tizians nahere Beziehungen zu Kaiser Karl V.« (1879)
u. s. w. Sch.'s Styl war schlicht und einfach, wie sein ganzer Charakter; die
Schwachen eines verhaltnissmassig erst spat zum Durchbruch gebrachten Auto-
didakten wusste er in seiner, nur dem Fachgenossen erkennbaren Naivetat
geschickt zu deck en, auch blieb er in wissenschaftlichen Fragen, mit einer
einzigen Ausnahme, wo er aber glorreich sein gutes Recht behauptete, aller
Polemik ferne. In jiingeren Jahren lieferte er im achten Volkston viele Er-
zahlungen und Geschichten, von denen eine Auswahl in vier Bandchen 1854
erschien. Der Tod seiner Frau (1893) und eine schwere Influenza brachen
die eiserne Arbeitskraft des Mannes, welcher im Februar 1897 unter den
ehrendsten Beweisen des Wohlwollens und der Freundschaft aus seinem Amte
schied und das »Otium cum dignitatem nur eine kurze Frist genoss.
Vergl. Wurzbach, Biographisches Lexicon des Kaiserthums Oesterreich. Wien 1876.
XXXI, 160 ff.
Hyac. Holland.
Otto, Carl, Doctor, Besitzer einer Fabrik feuerfester Erzeugnisse, * am
7. Marz 1838 in Jalapa (Mexiko), f am 13. November 1897 in Ahrweiler. —
O. ward als Sohn des Landrichters Otto geboren, der nach Mexiko geflohen
war, weil er als Burschenschafter in jener traurigen Zeitperiode der deutschen
Geschichte verfolgt wurde, in der mancher edle deutsche Mann die treue Liebe
zum Vaterlande schwer blissen musste. Nach dem Tode des Vaters, der, um
das Ungllick voll zu machen, von Rauberhand in Mexiko fiel, trat die be-
klimmerte Mutter mit ihrem Sohne Carl und einem alteren Bruder die Rtick-
reise nach Deutschland an. Unter ihrer bewunderungswiirdigen Erziehung
wuchs O. frisch und froh heran, absolvirte das Gymnasium und ein dreijahriges
Studium auf der Universitat, wo er im jugendlichen Alter von 20 Jahren zum
Doctor promovirt wurde. Im Jahre 1858/59 vervollstandigte er seine Studien
auf der Berghochschule in Freiberg i. S. und arbeitete in den Laboratorien
verschiedener Hiitten der dortigen Umgebung. Von i860 bis 1872 war er
hierauf zuerst als Chemiker, spater als technischer Leiter bei der Firma J. H.
Vygen & Cie. in Duisburg thatig und begann dann in Dahlhausen in eigener
Fabrik die Herstellung feuerfester Erzeugnisse. Sein grosstes Verdienst bildet
die Einftihrung des neuen Industriezweiges der Koksherstellung mit gleich-
zeitiger Gewinnung der Nebenerzeugnisse (Theer, Benzol, Ammoniak).
Seine Fabrik befasste sich namlich ausser der Herstellung von feuerfesten
Steinen und anderen feuerfesten Fabrikaten fur alle metallurgischen und che-
mischen Zwecke in erster Linie mit der Anlage von Koksofen und bildete
namentlich das System Otto -Hoffmann aus, das wesentlich in einer Verbin-
dung von Siemens'schen Regeneratoren mit gewohnlichen Koksofen besteht.
Seit 1876 bis 1897 wurden seitens der Firma Dr. Otto & Cie. nicht weniger
als 9922 Koksofen mit Gewinnung der Nebenerzeugnisse in den verschieden-
sten Revieren Deutschlands ausgefiihrt und damit dieser Industriezweig bei
uns fast monopolism. Durch die Gewinnung der Nebenerzeugnisse Theer,
234
Otto. Thielen.
Benzol und Ammoniak ist die Koksofenanlage, die frliher einen einfachen
Betrieb darstellte, in eine chemische Fabrik mit complicirten Vorgangen —
die Kohlendestillation — umgewandelt worden. Ihre An 1 age erfordert aber
auch die Anwendung bedeutender Geldmittel, wahrend man andererseits be-
ftirchtete, keine lohnenden Preise fiir die Nebenerzeugnisse zu erhalten. Dank
der durchgreifenden Thatkraft O.'s ging seine Dahlhausener Firma auf diesem
Gebiete bahnbrechend vor, indem sie den Kohlenzechen die vollstandige An-
lage einschliesslich des Zubehors schenkte und sich nur flir eine gewisse Reihe
von Jahren den Erlds aus dem Verkauf der Nebenerzeugnisse vorbehielt. Es
ist bekannt, dass durch die grossartige Gewinnung der Nebenerzeugnisse ein
vollstandig neuer Industriezweig geschaffen ist, durch welchen sowohl unser
Gewerbsleben als auch unsere Landwirthschaft einen reichen Segen erhalten
hat, Haben an der Losung der vielen Schwierigkeiten, welche sich hierbei
ergeben, auch viele tUchtige Manner mitgewirkt, so werden diese alle gerne
anerkennen, dass O. unter ihnen in vorderster Reihe gestanden, gekampft und
die bedeutsamsten Erfolge erreicht hat. Durch rastlose Arbeit hat er Deutsch-
land in die ftihrende Stellung betreffs dieser Industrie gebracht. — Im Jahre
1887 verlor er durch den Tod seine bewahrte Lebensgefahrtin. Der Schmerz
und Kummer um diesen Verlust in Verbindung mit starker Ueberarbeitung
legte den Keim zu einer ttickischen Krankheit, der er nach mehr als vier-
jahrigem Siechthum am 13. November 1897 in der Heilanstalt zu Ahrweiler
erlag; ein genialer Mann mit einem edlen und treuen Herzen, dessen Tod
nicht nur zahlreiche Freunde, sondern vor allem auch die Schaaren seiner
Arbeiter beklagt haben, die in ihm nicht nur den Fabrikherrn verehrten, son-
dern auch den treuen, vaterlichen Berather und allzeit hilfbereiten Menschen-
freund von ganzem Herzen liebten.
Dr. W. Beumer.
Thielen, Alexander, Generaldirektor der Aktien-Gesellschaft fiir Bergbau
und HUttenbetrieb »Phonix« in Laar bei Ruhrort, * am 3. Mai 1841 zu
Dtisseldorf, f am 20. Juli 1897 zu Heidelberg. — Als einer der begabten
Sohne des Feldprobstes Th. zu Dtisseldorf geboren, trat er nach rascher Ab-
solvirung der Schulen im Herbst 1858 in die Styrumer Eisenindustrie ein,
arbeitete dort zwei Jahre praktisch und studirte dann drei Jahre auf der Berg-
akademie in Clausthal, sowie ein ferneres Jahr auf der Hochschule in Berlin,
wo er gleichzeitig seiner Militarpflicht geniigte. Gegen Ende des Jahres 1864
nahm er eine Betriebsassistentenstelle auf der Zinkhlitte in Latmathe an und
folgte dann 1865 einem Rufe aus Swansea in Slidwales, um in die Dienste
von Sir Hussey Vivian einzutreten. Dort blieb er bis Marz 1870 und ging
alsdann im Interesse der Copper Mining Co. (Lim.) nach Siidafrika. Im
Friihjahr 1873 kehrte er mit reichen Erfahrungen nach Deutschland zurttck
und nahm dort die Stelle eines Direktors der Aktien-Gesellschaft fiir Bergbau
und Htittenbetrieb »Ph5nix« in Laar bei Ruhrort an. In dieser verantwor-
tungsvollen Stellung entfaltete er seine glanzenden Geistesgaben, seine Energie
und seine Leutseligkeit, und im Verein mit seinen Collegen in der Direction
hat er die genannte Aktien-Gesellschaft durch schwierige Zeiten hindurch zu
ihrer heutigen Bliithe gebracht und sie zu einem der bedeutendsten Unter-
nehmen dieser Art gestaltet, das sich im In- und Auslande durch seine Fa-
brikate — namentlich Strassenbahnschienen — eines wohlberechtigten hohen
Rufes erfreut. Aber neben dieser Thatigkeit entfaltete Th. auch eine dem
Thielen. Baare.
235
Gesammtinteresse der deutschen Industrie in hohem Grade forderliche Wirk-
samkeit, indem er namentlich die gemeinsamen Bestrebungen der Eisenindu-
strie in weitblickender Weise unterstiitzte. Frlihzeitig erkannte er, dass das
Heil der deutschen Eisenindustrie, fiir deren zunehmende Erzeugungsfahigkeit
lohnenden Absatz zu finden zeitweise grosse Schwierigkeiten bot, nicht in
gegensei tiger Bekampfung und Aufreibung, sondern in der Vereinigung der
widerstrebenden Elemente zu suchen sei. Zur Losung dieser Aufgabe war er
vermoge seiner Personlichkeit besonders begabt: neben gewinnender Liebens-
wurdigkeit verfiigte er iiber eine tiberzeugende Beredsamkeit, welche, unter-
sttitzt durch kraftvolle Energie, ihn manches Ziel erreichen liess, das Andere
zwar als wiinschenswerth angestrebt, aber als hoffhungslos aufgegeben hatten.
Urn die Mitte der achtziger Jahre schuf er den rheinisch-westfalischen Roh-
eisenverband, aus dem spater das Roheisensyndikat hervorging und fUhrte den
Vorsitz in diesem segensreich wirkenden Verbande bis zu seinem Tode. In
den Jahren 1884 und 1885 war er Viceprasident der intemationalen Schienen-
gemeinschaft, und auch in anderen Verbanden wirkte er mit grossem Erfolge.
In der auslandischen Eisenindustrie, namentlich der englischen, war Th. sehr
bekannt und beliebt; er verstand es, die auf intemationalem Gebiete herr-
schenden Gegensatze geschickt auszugleichen, die gemeinsamen Berlihrungs-
punkte aufzusuchen und enge Verbindungen mit den auslandischen Fach-
genossen herzustellen. Infolge dessen wahlte man ihn 1891 auch in das
Council des »Iron and Steel Institute^ Gegen ein ttickisches Leiden suchte
er vergeblich im Jahre 1897 in Baden-Baden und Heidelberg Heilung; in
letzterem Orte starb er eines sanften Todes, tiefbeklagt von seiner Frau und
zwei Tochtern, sowie seinem alteren Bruder, dem preussischen Minister der
offentlichen Arbeiten, nicht minder aber von zahllosen Freunden in der Eisen-
industrie der ganzen Welt.
Dr. W. Beumer.
Baare, Louis, Generaldirektor des Bochumer Vereins fiir Bergbau und Guss-
stahlfabrikation, * am 12. Juli 1821 in Minden i. W., f am 17. Mai 1897. — Als
Sohn eines Tabakfabrikanten geboren, Ubernahm der 2 2Jahrige beim Tode des
Vaters das von letzterem nach Aufgabe des Tabakfabrikationsgeschaft gegrtin-
dete Speditionsgeschaft und setzte es mit gutem Erfolge fort, bis er im Jahre
1 849 eine Stelle Ubernahm, die an seine Leistungsfahigkeit die denkbar hOchsten
Anfordemngen stellte. Die Verwaltung der Koln-Mindener Eisenbahn Ubertrug
ihm die Stellung eines gemeinsamen Beamten ihrer Bahn und der Koniglich
Hannoverschen Eisenbahndirektion. Es lag ihm dabei ob, die Vermittelung
des Gtiterverkehrs zwischen beiden Gesellschaften zu Ubernehmen, ebenso wie
die damit verbundenen Zoll- bezw. Steuerangelegenheiten an der Grenze des
Zollvereins und des Norddeutschen Steuervereins. Bei den verwickelten Ver-
haltnissen, die damals in Deutschland herrschten, war es keine Kleinigkeit,
die vielfachen, oft sich widersprechenden Anforderungen zu erftillen, die von
den vier »Herren« gestellt wurden, denen B. gewissermaassen zu »dienen«
hatte und denen er theils durch Eid, theils durch Handschlag verpflichtet war.
Dennoch gelang ihm die Erfullung seiner vielfachen Pflichten zu allseitiger
Zufriedenheit. Er verblieb in seiner Stellung bis zum Uebertritt des Nord-
deutschen Steuervereins in den Zollverein. Dann trat er auf Wunsch der
Hannoverschen Eisenbahndirektion in den gemeinschaftlichen Dienst der Eisen-
bahndirektion und des Bremer Senats, wobei ihm sein Wohnsitz in Bremen
236 Baare.
angewiesen wurde. Hier blieb er, bis ihn im Jahre 1855 verschiedene Eisen-
bahndirektionen, die zugleich Mitglieder des Aufsichtsrathes der Bochumer
»Gussstahlfabrik« waren, nach Bochum beriefen und ihm die Oberleitung der
Fabrik (ibertrugen, die vor ihm der Regierungsassessor v. Sybel ein halbes
Jahr lang provisorisch innegehabt hatte. Als technischer Leiter stand ihm
der Mitbegriinder der Fabrik Mayer zur Seite. Noch war das kleine Werk
wenig bekannt; 200 Arbeiter waren in demselben angestellt, und ein verhalt-
nissmassig kleines Areal gehorte dazu. Die Grundflache, die jetzt dem Bo-
chumer Verein gehort, ist seitdem wohl auf das 20ofache angewachsen, und
die Zahl der Angestellten des Werkes hat in den sogenannten »flotten Jahren*
1873 und 1874 6000 betragen, ist dann allmahlich auf 4000 heruntergegangen,
ist aber seit den achtziger Jahren wieder im Wachsen begriffen gewesen.
Welchen schwerwiegenden Einfluss diese ausserordentliche Entwickelung auch
auf das Emporbluhen der Stadt haben musste, liegt auf der Hand. 1855
zahlte Bochum 6000 Seelen, meist Ackerburger,. kleine Fabrikanten, Hand-
werker und einige Kaufleute. Von nun an ging es aber mit ausserordent-
licher Schnelligkeit vorwarts. Im Jahre 1872 waren 24000 Einwohner an-
sassig, von denen, da der Bochumer Verein allein 6000 Arbeiter, Meister und
Beamte beschaftigte, mindestens die Halfte von diesem Werke lebte. Damals
entstanden in einem Jahre ganze Strassen; denn wo jetzt ein dichtes Hauser-
meer sich befindet, waren vor jener Zeit Garten und Bauernhofe. Sie alle
sind verschwunden, und an der Stelle, wo frtiher das Vieh der Btirger wei-
dete, wo die Schuljugend im Herbste in »die N(isse« ging, da erheben sich
jetzt riesige Fabrikgebaude, Hochofen senden lodernde Flammen in die Luft,
und aus tausend Schloten steigt der Rauch empor. Und in den Fabrik-
gebauden, welch rastloses Hammern und Schaffen bei Tag und Nacht; in
unermlidlicher Arbeit werden die aus dem Innern der Erde zu Tage gefor-
derten reichen Schatze verarbeitet, immer neue Absatzgebiete erschliessen sich
den daraus genommenen Produkten. Eine solche vollige Veranderung der
bestehenden Verhaltnisse ist im wesentlichen dem Marine zu verdanken, der
an der Spitze des Unternehmens stand. B. verstand es, durch geschickte
Finanzoperationen die Moglichkeit einer stetigen Erweiterung der Fabriken zu
schaffen. Er wusste an der rechten Stelle zu sparen, aber schonte in der
Voraussicht kunftigen Gewinnes keine noch so grossen Ausgaben und Neu-
anlagen. Er benutzte die sich bietenden glinstigen Conjuncturen ohne Zau-
dern und wusste die sich darbietenden Vortheile dem Werke nutzbar zu
machen. Auch in Sttirmen und Gefahren, die das Werk im Laufe der Zeit
bedrangten, wurde der Bochumer Verein sicher geleitet und zu erfreulicher
Entwickelung gebracht. Erw&hnenswerth sind auch die Maassnahmen zur
Fursorge ftir die Arbeiter. Auf dem Bochumer Verein ist ein ausserordent-
lich grosser Stamm von Arbeitern vorhanden, die seit funfundzwanzig Jahren
und langer unausgesetzt dort thatig waren. Die Arbeitercolonie Stahlhausen
ist mit ihren Hauschen, Garten, freien Platzen und schattigen Wegen ein
Muster derartiger Anlagen. Eine weitere Musteranstalt ist das Arbeiterlogier-
haus. Aber B.*s Bedeutung geht weit liber Bochum und Westfalen hinaus.
Seine Mitwirkung an der socialpolitischen Gesetzgebung sichert ihm ein dank-
bares Andenken in der Arbeiterschaft des gesammten deutschen Verbandes.
Er ist es gewesen, der den Anstoss zu der Unfallversicherungsgesetzgebung
des deutschen Reiches gab, welche die lastigen Haftpflichtprocesse beseitigte.
FUrst Bismarck, mit dem er zuerst tiber diese Materie verhandelte, hat auch
Baare. BruUiot.
«37
in der Folgezeit oft seinen Rath gesucht, den B. gerne gab, wie er auch als
Mitglied des Staatsrathes seine reichen Kenntnisse in den Dienst des Landes
stellte. Sein Leben war Mlihe und Arbeit bis in sein hohes Greisenalter.
» Arbeit aus Treue« war der Wahlspruch seines Lebens.
Dr. W. Beumer.
BruUiot, Karl, Kgl. Hofopernregisseur, Professor an der Kgl. Akademie
der Tonkunst in Mlinchen, * am 31. Juli 1831, f am 23. Marz 1897 zu
Miinchen. — B. war der Sohn des durch mannichfache gelehrte Arbeiten auf
dem Gebiete der Kupferstichkunde und als langjahriger Conservator der sich
aus kleinen Anlangen entwickelnden Kgl. Kupferstichsammlung bekannten
Conservators Franz B. In seiner Vaterstadt Mlinchen absolvirte er das Wil-
helms- Gymnasium und besuchte als Student der Rechte die Universitat.
Gleichzeitig aber trat er in das Conservatorium ein, um unter der Leitung
Franz Hausers sich Gesangsstudien zu widmen. Nach Abschluss derselben
wurde er von Eduard Devrient, dem beriihmten Leiter des Karlsruher Hof-
theaters, als erster Bassist engagirt und begann im Frtihjahr 1853 dort seine
Laufbahn als Sanger, wurde aber schon damals vielfach auch als Schauspieler
beschaftigt. Im Jahre 1859 wurde er zum Opernregisseur ernannt, in welcher
Eigenschaft er in Karlsruhe sammtliche Auffiihrungen der grossherzoglichen
Biihne leitete; seine Specialitat war die Spieloper, die er durch feinsinniges
Herausarbeiten der heiteren Effecte zu grosser Wirkung zu bringen verstand.
Im Jahre 1872 wurde ihm zwischen Kaiser's und Koberle's Directionsfiihrung
auch die selbstandige Leitung der Hofbuhne anvertraut. In diesem Jahre
ftihrte er auch die Coloratursangerin Anna Braunhofer-Masius als Gattin heim.
Die Anh&nglichkeit an seine in Mtinchen zuriickgebliebene alte Mutter und
ein wiederholter Ruf veranlassten ihn 1873, in gleicher* Stellung an das Mun-
chener Hoftheater zu (ibersiedeln, wo er im Laufe der Zeit uber 30 Opern
in Regie setzte. Daneben war er immer noch als Sanger und Schauspieler
thatig, bis er zum Professor an der Kgl. Musikschule ernannt wurde. Am
11. November 1892 betrat er als Gordon in »Wallenstein's Tod« zum letzten
Male die Biihne. Schon vorher, im August 1892, zwang ihn Kranklichkeit
in Pension zu gehen. Am 23. Marz 1897 (nicht am 24., wie der Almanach
der Biihnengenossenschaft irrigerweise angiebt) ist B. nach langen, schweren,
aber mit bewundemswerther Geduld ertragenen Leiden in seiner Geburtsstadt
gestorben. Ein Nachruf sagt von ihm mit Recht: »Alle, die unter B.'s Lei-
tung thatig gewesen, rtihmen die Ruhe, die Vornehmheit und die durch nichts
zu beirrende Gerechtigkeit, mit der er das Regiment gefiihrt hat. Wie vielen
Schlilern und Anfangern hat er die Wege geebnet, wie vielen zu schonen
Stellen hinaufgeholfen! Als Mensch war B. eine in sich gekehrte, stille Natur,
jedoch im engen Freundeskreise durchaus nicht karg und verschlossen. Er
besass eine der schonsten Gottesgaben, er hatte Humor, und die Wirkung
seines Witzes wurde erhoht durch die classische Ruhe, mit der er ihn brachte.
Allerdings konnte er auch stark sarkastisch sein; ein Blick aus seinen gut-
miithigen Augen aber wusste gleich wieder mildernd zu wirken. Alle, die B.
im Leben naher getreten sind, werden ihm ein freundliches Andenken be-
wahrenU B. war, und dies giebt ihm eine bleibende Bedeutung fiir die
Mtinchener Theatergeschichte, der erste Regisseur Richard Wagner's in Mtin-
chen, er kam wenigstens gerade zurecht nach Mtinchen, um insbesondere den
Siegfried (10. Juni 1878) und die Gotterdammerung (15. September 1878) in
238 Brullibt Hieber.
Scene zu setzen. Das waren neue und bedeutende Aufgaben — die Nibe-
Jungentrilogie, die nach ihm in Miinchen und anderwarts noch oft des Studiums
genug gekostet. Mit eiserner Thatkraft arbeitete er sich, als der erste Regisseur
nach Wagner in Bayreuth, in diesen fremdartigen und seinem bisherigen
Kunstempfinden ni<;ht eben homogenen Stoff ein. Jedem Spateren ist es
leichter geworden. Die Adresse, die seine Kunstgenossen ihm bei seinem
Scheiden im August 1892 tiberreichten, war von lauter Aufrichtigen unter-
schrieben — er war beliebt wie wenige vor ihm, denn er war keinem ein
Stein des Anstosses gewesen. An seiner Ruhe, an seinem Humor brach sich
aller Neid und jede Intrigue. B. war zuletzt, als die Stimmmittel den ge-
steigerten Anforderungen nicht mehr Stand hielten, kein Sanger ersten Ranges
mehr. Die gegenwartige Generation erinnert sich seiner mehr als einer Utility
und vor allem als einer tiberall ihren Mann stellenden Reprasentantenfigur.
Es war ein Vergniigen, ihn nur als Terzky'schen Wachtmeister zu sehen —
ein ganzer Mann! Er brauchte sich nicht viel zu schminken, und niemals
veranderte er seinen angegrauten schonen Vollbart, denn er konnte sich kaum
empfehlender und vor allem imponirender herrichten als er von Natur war.
In seinen besseren Zeiten, an die sich der Schreiber dieser Zeilen wohl er-
innert, drohnte aber auch seines Basses Grundgewalt gar voll und schon
durch das grosse Haus. Er ging still und bescheiden von der Btihne und
aus dem Leben, wie er gekommen war. Als er fast fiinf Jahre nach seinem
Austritt starb, tauchte sein Name voriibergehend in wenigen kleinen Nach-
rufen auf, und wer nicht dem Theater naher stand, wusste kaum, dass er
noch am Leben gewesen. In unserer unruhigen, nervenzerstorenden Zeit
konnte ein ruhiger und zielbewusster Btihnenleiter gleich B. mehr denn je ein
Vorbild fur alle Nachstrebenden sein.
Alfred Freiherr v. Mensi.
Hieber, Otto, Kgl. Hofcapellmeister und Professor an der Kgl. Akademie
der Tonkunst in Mtinchen, * daselbst am 20. Februar 1848, f am 9. Januar
1897 ebenda. — H., der Sohn des noch jetzt an der St. Cajetans-Hofkirche
wirkenden Chordirectors Ulrich H. entstammte einer alten und angesehenen
Mtinchener Musikerfamilie. Es war also fast selbstverstandlich, dass auch ihm
die Musik Lebensberuf wurde. Er kam an die Kgl. Musikschule seiner Vater-
stadt, die spater den stolzeren Titel einer Akademie der Tonkunst erhielt,
aber seitdem fiir das Mtinchener Musikleben lange nicht mehr von der Be-
deutung ist, die sie in den ersten Jahrzehnten ihrer Griindung hatte, nachdem
Hans v. Blilow sie nach den Ideen Richard Wagner's reorganisirt hatte,
Bulow, Joseph Rheinberger, der noch als Professor und Inspector wirkt, sowie
Franz Wiillner waren H.'s Lehrer. Seine Stellung als Capellmeister war ihm
gewissermaassen durch Tradition und Erziehung vorgezeichnet, zum Gltick
auch durch seine Begabung. Er begann in dieser Eigenschaft am Theater
am Gartnerplatz, das Anfang der siebziger Jahre der Kgl. Hoftheater-Inten-
danz aufgeblirdet wurde, sich aber bald davon emancipiren musste, seine
Laufbahn. Im Jahre 1877 ging er mit dem Titel eines kgl. Musik directors
an das Kgl. Hoftheater tiber, wo er eine stille, dem Publikum verborgen ge-
bliebene, aber ungemein segensreiche Wirksamkeit entfaltete: er hatte das
Studium der Solosanger zu leiten, und manche spater zu Namen und Ruf ge-
langte Kraft verdankt H.'s gediegener musikalischer und technischer Bildung
erfolgreichste Unterweisung. Ende der achtziger Jahre vertauschte H. diese
Hicber. Tunner. 239
Thatigkeit mit der eines Directors des Chors, und damit schien er seinen
eigentlichen Beruf gefunden zu haben, denn als unfehlbarer Chorleiter auf der
Biihne wie bei den Chorklassen der Akademie hat er sich den besten Namen
im Munchener Musikleben gemacht; darin erwies er sich als der verstandniss-
vollste Schtiler Wullner's, dessen Methode er mit padagogischem Tact tiberall
zu verwenden wusste. Des gaben insbesondere die herkommlichen Priifungs-
concerte der Akademie der Tonkunst Zeugniss, nicht minder aber die Leistungen
der koniglichen Vocalcapelle, deren Leitung ihm nach dem Riicktritt Rhein-
berger's libertragen wurde. Nebenher dirigirte er auch den Oratorienverein,
der nach ihm an Bedeutung schnell verloren hat. Auch als Orgelspieler und
-Lehrer war er tiberaus geschatzt. H., den eine jahe Krankheit viel zu frtih
dahingerafft, war kein productives musikalisches Genie und kein moderner
damenbezaubernder Pultvirtuose, aber er war ein gewissenhaft und ehrlich
im Dienste seiner geliebten Kunst reproducirendes Talent, ein gediegener
Musiker von altem Schrot und Korn, wie sie immer seltener werden — gleich
gewandt in der musica sacra wie in der profanen. Damit in harmonischer
Uebereinstimmung stand der deutsche kernhafte Charakter dieses echten Alt-
miincheners, dem Zeit seines Lebens jede Pose fremd geblieben ist.
Alfred Freiherr v. Mensi.
Tunner, Peter v., k. k. Ministerialrath und jubil. Bergakademiedirector,
* am 10. Mai 1809 in Turrach (Steiermark), f am 8. Juni 1897 zu Leoben
(Steiermark). — Sohn des Ftirstlich Schwarzenberg'schen Verwesers Peter Tunner
in Turrach, war T. von Jugend auf in seiner freien Zeit beim Bergbau- und
Huttenbetrieb beschaftigt und in alle Einzelheiten desselben eingefuhrt; seine
wissenschaftliche Ausbildung erhielt er an dem k. k. polytechnischen Institute
in Wien. Dem Umstande, dass er in die Familie des Gewerken M. v. Rosthorn
eingeftihrt wurde, verdankte T. zweifellos die Grundlage zu seiner her-
vorragenden Fahigkeit, technische Fragen von weiten Gesichtspunkten aufzu-
fassen. Nach Vollendung seiner Studien arbeitete er zwei Jahre lang praktisch
auf den Furstlich Schwarzenberg'schen Stahlhammern. Dann war er einige
Monate auf dem der Familie v. Rosthorn geh6rigen Eisenwerk in Frautschach,
um daselbst den Harzer Rennprocess einzufiihren, weiterhin Werkfiihrer in
Mauternddrf, worauf seine Ernennung zum Verweser auf dem Furstlich Schwar-
zenberg'schen Stahlhammer in Katsch erfolgte. Er hatte sich somit friih-
zeitig neben einer gediegenen theoretischen Bildung auch griindliche und
vielseitige praktische Kenntnisse erworben. Es war dies besonders maass-
gebend, als es gait, auf die neu zu errichtende Lehrkanzel fur HUttenkunde
am Grazer Johanneum eine geeignete Personlichkeit zu stellen. Der um die
steirische Eisenindustrie hochverdiente Erzherzog Johann entschied sich fiir
T. und fuhr 1833 nach Katsch, um personlich mit ihm zu verhandeln, worauf
T. sich, ganz gegen den Willen seines Vaters, entschloss, die Stellung anzunehmen.
Welches hohe Interesse der Erzherzog fiir T. gefasst hatte, geht aus
einem Schreiben hervor, das Ersterer am 14. September 1833 an die Stande
von Steiermark richtete, worin er u. a. sagte: *Nach meiner Ueberzeugung
schlage ich den Peter Tunner, dermalen Flirst Schwarzenberg'scher Verweser
des Hammerwerks Katsch, zu diesem Endzweck vor. Landeskind, vom besten
moralischen Charakter, einer der vorztiglichsten Zoglinge des Polytechnischen
Instituts, folglich ausgertistet mit den erforderlichen wissenschaftlichen Kennt-
nissen, vollkommen erfahren in der heimischen Eisenmanipulation, da er
240
Tunner.
langere Zeit als Meister auf dem Hammer arbeitete, von guter Korper-
beschaffenheit, genligsam, verbindet er alle erforderlichen Eigenschaften, um
den Zweck zu erfiillen, welchen wir beabsichtigen mttssen. — Diesen trage
ich an, reisen zu lassen nach Schlesien, Schweden und da, wo es noch weiter
erforderlich sein diirfte. Zur Bestreitung dieser Reise dtirften die bereits als
Dotirung des Professors der Hiittenkunde bewilligten 1200 fl. C. M., wozu
noch ein Zuschuss zu kommen hatte, zu verwenden sein . . . .« Die Stande
Steiermarks kamen dieser Aufforderung nach, indem sie am 10. October 1833
berichteten, dass sie »in Anbetracht der ausgezeichneten wissenschaftlichen
und moralischen Eigenschaften dieses Individuums^ nicht nur mit dessen An-
stellung als Professor, sondem auch mit dem Antrag Seiner K. K. Hoheit,
denselben bis zur Errichtung des neuen Lehrgebaudes auf eine Bildungsreise
zu schicken, vollkommen einverstanden seien. Ungeachtet der kraftigsten
Unterstiitzung seitens des Erzherzogs erfolgte erst zwei Jahre spater die Er-
nennung TVs zum Professor. Die diesbeziigliche Urkunde wurde am 15. Mai
1835 ausgestellt. T. war bei seiner Ernennung erst 26 Jahre alt; er hatte
das Gliick, dass ihm vor Antritt seiner Professur noch 5 Jahre zu seiner Vor-
bereitung zur Verfugung standen, und dass ihm zu einer Zeit, in welcher noch
wenige Techniker wissenschaftliche Reisen zu unternehmen vermochten, aus-
reichende Mittel geboten wurden, um die wichtigsten Industriebezirke bereisen
und studiren zu konnen. Im Marz 1837 trat T. seine Studienreise an, welche
bis zum December desselben Jahres dauerte; da aber der Bau der neuen
Lehranstalt bei seiner Rlickkehr noch nicht weit genug gediehen war, so
ging er am 20. April des folgenden Jahres auf seine zweite Reise, von
welcher er am 19. Juli zuriickkehrte. Eine dritte Studienreise dauerte vom
25. August bis ii. October 1838. Auf seinen drei Reisen besuchte er die
bertihmtesten Berg- und Htittenwerke Oesterreich-Ungarns, Deutschlands,
Schwedens, Englands, Frankreichs, Belgiens und Italiens. Am 1. November
1 840 wurde die neue Lehranstalt fur Bergbau- und Hiittenkunde in Vordern-
berg eingeweiht. Neben dem Schulgeb&ude befand sich eine kleine Lehr-
frischhutte mit zwei Frischfeuern, in welcher die Schuler unter TVs person-
licher Anleitung die Frischmethoden praktisch einttbten. Im Jahre 1849
wurde die Anstalt nach Leoben verlegt und am 14. October 1861 in eine
Bergakademie umgewandelt. Wie innig T.'s ganzes Sein an dem Geschick
der von ihm begrundeten und weit tiber die Grenzen der Monarchie bekannten
Lehranstalt hing, erhellt am deutlichsten aus dem Ausspruch, den der Alt-
meister einst that: »Wenn einmal die letzte Stunde an mich herantritt, weiss
ich nicht, ob ich mehr an meine Familie oder an meine Akademie denken
werde.« — T. war auch Mitbegriinder der in Leoben neben der Akademie
bestehenden Berg- und Hilttenschule, deren Curatorium er 10 Jahre lang als
Obmann vorgestanden hat. Die Thatigkeit, welche T. 1840 als Lehrer der
Eisenhtittenkunde begann und auch mehr als ein Menschenalter mit bewun-
dernswerther Kraft fortsetzte, war bahnbrechend; mit seltenem Geschick wusste
er seine vielseitigen praktischen Erfahrungen mit den wissenschaftlichen Grund-
satzen zu verbinden und das Ergebniss seinen Schtilern in lichtvollem Vortrag
mitzutheilen. Letztere sind liber die ganze Erde vertheilt; wo sie aber auch
immer sein mogen, ihres hochverehrten »Peters« gedenken sie alle mit rtihren-
der Treue in hochster Anerkennung und Dankbarkeit. Seine letzten Vortrage
tiber Eisenhtittenkunde hielt T. im Studienjahr 1865/66. Am 20. Juli 1874
trat er in den bleibenden Ruhestand.
Tunncr. Breitenlohner.
241
Bei seiner Thatigkeit als Lehrer der Eisenlitittenkunde hat T. alien
Neuerungen auf diesem Gebiete seine voile Aufmerksamkeit gewidmet. So
hat er als einer der Ersten die Bedeutung des Bessemerverfahrens erkannt
und dessen Einflihrung in Oesterreich veranlasst. Bekannt ist ferner das von
ihm erfundene Gltihfrischen.
Auch* schriftstellerisch war T. in hervorragender Weise th&tig. Seine
zahlreichen Arbeiten erschienen zumeist in den Leobener berg- und hiitten-
mannischen Jahrbiichern, in jenen der Wiener geologischen Reichsanstalt,
sowie in anderen Zeitschriften. Von Sonderschriften seien nur erwahnt:
»Ueber die Walzenkalibrirung«, »Ueber die Zukunft des osterreichischen
Eisenhuttenwesens«, »Ueber Russlands Montanindustrie«, »Bericht liber die
Londoner Weltindustrieausstellung« u. s. w. Eine seiner letzten Arbeiten war
eine treffliche »Darstellung der Eisenindustrie in Steiermark und K&rnthen«,
welche er anlasslich des Besuches des »Iron and Steel Institute* in Oester-
reich-Ungarn im Jahre 1884 verfasste. Seine letzte grossere Arbeit behandelt
das Eisenhuttenwesen in den Vereinigten Staaten. Seit dem Jahre 1845 be-
suchte T. alle grossen Industrieausstellungen, und noch in seinem 69. Lebens-
jahre unterzog er sich den Strapazen einer Amerikafahrt zum Besuch der
Centennialausstellung. Im Jahre 1867 wurde T. in den steierm&rkischen
Landtag und noch in demselben Jahre auch in das Abgeordnetenhaus des
Reichstags gewahlt.
An ausseren Ehrenbezeugungen hat es ihm nicht gefehlt. Im Jahre 1864
wurde T, in den osterreichischen Ritterstand erhoben. Er erhielt zahlreiche
in- und auslandische Orden, mehrere St&dte und Bergorte machten ihn zu
ihrem Ehrenbiirger, gelehrte Gesellschaften, viele wissenschaftliche und techni-
sche Vereine der ganzen Welt erwahlten ihn zum Ehrenmitglied. Auch der
Verein deutscher gisenhiittenleute ernannte ihn in der Hauptversammlung
vom 11. December 1881 zu seinem Ehrenmitgliede.
Der Name »Peter Tunner« ist mit der Geschichte des Eisenhtlttenwesens
unaufloslich verkniipft. Er hat klar und zielbewusst in hervorragender und
schopferischer Weise an der Festlegung der Grundlagen mitgewirkt, auf
welchen die machtvolle Entwickelung der heutigen Eisenindustrie sich aufge-
baut hat.
Dr. W. Beumer.
Breitenlohner, Jakob, Professor der Hochschule ftir Bodencultur in Wien,
* am 21, Juli 1833 zu Oberweyr, OberOsterreich, f am 24. Marz 1897 zu
Wien. — Als das Kind armer Eltern geboren, verbrachte B. seine Jugendzeit
in sehr bescheidenen Verhaltnissen. Auch wahrend seiner Gymnasialstudien
zu Linz verfolgte ihn die Sorge um das t&gliche Brod, nur unter unsaglichen
Entbehrungen gelang es ihm seine Studien zu vollenden und endlich die
Maturitatsprtifung, mit ausgezeichnetem Erfolge, abzulegen. Er bezog hier-
auf die Universitaten Graz und Wien, widmete sich dem Studium verschie-
dener Gegenstande und promovirte i860 zum Doctor der Chemie. Die
erste Anstellung fand B. 1861 als Leiter der Torfproduktenfabrik des Gra-
fen Stadion auf der Herrschaft Chlumetz (gegenw£rtig im Besitze Sr. kaiserl.
Hoheit Erzherzog Franz Ferdinand), woselbst Photogen und Paraffin erzeugt
wurde. Im Jahre 1865 trat B. in die unter der Leitung Dr. Hanemann's
stehende, landwirthschaftliche Versuchsstation des Flirsten Schwarzenberg zu
Lobositz in Bohmen als Chemiker ein. In dieser Stellung verblieb er acht
BiogT. Jabrb. u. DeuUcher Nekrolog. 2. Bd. 1 6
242
Breitenlohner.
Jahre mit Moor-, Dtingungs-, Culturversuchen und mit meteorologischen Be-
obachtungen beschaftigt. Aus dieser Zeit stammen seine ersten wissenschaft-
lichen Arbeiten. Die geringen Einklinfte seiner Stellung in Lobositz, vielleicht
aber noch mehr seine Vorliebe zum Lehrfache veranlassten ihn, die Stellung
in Lobositz aufzugeben und sich dem Lehrfache zu widmen. Im Jahre 1875,
im Alter von 41 Jahren, wurde er an der Forstakademie zu Mariabrunn als
honorirter Docent angestellt und ihm der Titel Adjunct verliehen. B. war
der geeignete Mann zur Uebernahme der Facher Meteorologie, Klimatologie
und Standortlehre. Bei der Errichtung der Hochschule fur Bodencultur in
Wien wurde er dorthin iibernommen, erhielt 1881 den Titel eines ausser-
ordentlichen Professors, 1884 auch das hiefiir systemisirte Gehalt. Die fach-
liche Tiichtigkeit B.'s beruhte nicht allein auf seinem Talente, sondern auch
in dem Umstande, dass er ausschliesslich seiner wissenschaftlichen Thatigkeit
lebte. Fiir seine Person war er von ausserordentlicher Bediirfnisslosigkeit,
die Genusse des gewOhnlichen Lebens waren ihm fremd, auch blieb er un-
vermahlt. Trotz des geringftigigen Einkommens, welches mit seinem Lehr-
amte verbunden war, wusste er doch die Mittel ftir Studienreisen zu finden.
Insbesondere in seiner Ferialzeit durchreiste er die verschiedensten Theile der
Monarchic Haufig weilte er in den Alpen und war dort in den entlegensten
Orten, mit der einfachsten im Rucksacke untergebrachten Ausriistung und
einem Geologenhammer anzutreffen. Es war ihm auf Studienreisen ganz
gleichgiltig, was sonst in der Welt vorging, er wies jeden Brief mit dem Ver-
merk zuriick: »Auf Ferialreisen des Lesens und Schreibens unkundig.« Die
Rlicksichtslosigkeit, mit der er sich die zu wissenschaftlicher Arbeit nothige
Ungebundenheit schaffte, seine schonungslose Offenherzigkeit, die Gering-
schatzung ausseren Scheines, waren nicht geeignet, Fernestehende ftir ihn ein-
zunehmen. Erst bei naherem Umgang erschloss sich seine schlichte, grund-
ehrliche und treuherzige Art, ofFenbarte sich die ganze Flille seines Wissens.
Durch seinen zwar nicht gerundeten aber doch klaren und fasslichen, durch
muhevoll beschafftes Demonstrationsmaterial anschaulich gemachten Vortrag
wusste er seine Schtiler ebenso an sich zu fesseln, als durch das warme Herz
und das eingehende Verstandniss, welches er ihren Interessen entgegenbrachte.
Der wissenschaftlichen Thatigkeit B/s wurde durch seine im Leben erlangten
Stellungen die Richtung gewiesen. So erwuchs er wahrend seiner Anwesen-
heit in Chlumetz und Lobositz zu einem namhaften Fachmann im Moorwesen.
In Komers' Jahrbuch ftir osterreichische Landwirthe veroffentlichte er eine
Reihe von Aufsatzen fiber Loss (1869), Basalt (1870), Planer (1872), Moor-
boden (1873). Im osterreichischen landwirthschaftlichen Wochenblatte II. und
III. Jahrgang (1876 und 1877) gibt er eine treffliche, landschaftliche und
entwicklungsgeschichtliche Schilderung des 2200 Joch grossen Ibmermoores
bei Wildshut in Oberosterreich und fiihrt die Versuche an, dasselbe trocken
zu legen. Die Entwasserungsarbeiten sind zum grossen Theile an dem Wider-
stande der Bauern gescheitert, welche aus dem Moore Nutzen ziehen. B.
meint, dass durch Wanderlehrer erst das richtige Verstandniss der Anwohner-
schaft erweckt werden mfisse, urn zum Ziele zu gelangen. Bei dergleichen
Dingen fiele wohl noch der Schuie eine wichtige Rolle zu. In der Oester-
reichischen landwirthschaftlichen Zeitung 1877 schildert B. unter dem Titel
»Gloria in desertis Deo« , der Ueberschrift eines Kirchenportales mit der
Jahreszahl 1790, in Gnarrenberg, auf einem inselgleich aus den Mooren auf-
tauchenden Geestrlicken, die Moorgegend zwischen Elbe und Weser. Gnarren-
Breitenlohner.
243
berg ist sozusagen die Markthalle der umliegenden etlichen 20 Colonien und
Dorfer, die alle ihren Bedarf dort decken. Durch die Canalisation ist den
Mooren ein radikaler Aderlass applicirt worden und zugleich die praktischeste
Verkehrsstrasse geschaffen. Dasselbe Element, welches frliher jeden Zugang
wehrte, sollte in kluger Benutzung des billigen Transportmittels der Commu-
nication den weitesten Spielraum erofFnen. Auf den Kanalen wird der ge-
wonnene Torf ausgeflihrt; sie erstrecken sich bis zur Weser und Elbe. Neben
der Erdrterung der Lebensverhaltnisse der Moorbauern bespricht B. auch das
Moorbrennen. Im Centralblatte fur das gesammte Forstwesen 1877 beschaf-
tigt sich B. mit der Aufforstung der Hochmoore. Im Jahrgange 1878 der
Wiener landwirthschaftlichen Zeitung berichtet B. tiber einen Besuch, den er
zu Pfingsten dem Hansdg, einem grossen Moorboden am Neusiedlersee, ab-
gestattet hat.
In Lobositz beschaftigte sich B. schon mit geologischen und meteoro-
logischen Beobachtungen und verfolgte die Niederschlagsverhaltnisse, die ihn
auch spaterhin beschaftigten. So machte er dartiber in Wollny's Forschungen
auf dem Gebiete der Agriculturphysik, 1886, iiber die Hochwasserkatastrophe
zu Bruneck in Tirol im September 1882 eine besondere Mittheilung. Seine
Streifzuge im Wienerwalde lieferten ihm das Material zu den »Beitragen zur
Untersuchung der standortlichen Verhaltnisse der Rothbuche im Wienerwalde*
im Centralblatte fur das gesammte Forstwesen 1878. Im Komers'schen Jahr-
buche 1879 kommt er wieder auf den Wald als klimatischen Factor zuriick.
1 893 fasste er die von Lorenz gezogenen Schliisse wie folgt zusammen : wenn
auch im Ganzen und Grossen nur eine geringfligige Einwirkung des Waldes
in seine Umgebung hieraus sich erkennen lasst, so ist damit nicht gesagt,
dass auch das Verschwinden des Waldes von ebenso unbedeutenden Con-
sequenzen begleitet sein wiirde. Diese Folgerung ware schon deshalb nicht
stichhaltig, weil das Klima der Umgebung bereits unter dem Einflusse des
vorhandenen Waldes steht. Die negativen Folgen einer Entwaldung wslren
moglicherweise viel deutlicher als die positiven des Waldbestandes. Mit dem
Pflanzenphysiologen Dr. Josef Bohm zusammen unternahm B. eine Untersuchung
»Ueber die Baumtemperatur in ihrer Abhangigkeit von ausseren Einfltissen*
(Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften, Bd. LXXV, S. 615).
Als in der Mitte der siebziger Jahre der jetzige Hofrath Wilhelm Exner
auf die volkswirthschaftliche Bedeutung der Weidencultur und Korbflechterei
aufmerksam machte und sich als Vorstand des technologischen Gewerbe-
museums dieser Sache annahm, fand er in B. eine werkthatige UnterstUtzung.
Mit der ihm eigenen Grlindlichkeit erfasste B. das Studium dieses Gebietes.
Im landwirthschaftlichen Wochenblatte (1887) weist er in einem Aufsatze:
»Die Purpur- und Korbweide in Niederosterreich* darauf hin, dass die auen-
reiche Donau mit dem Eintritte aus Bayern bloss wildes Weidicht zur Schau
tragt, wahrend anderwarts lukrative Weidenwerder bestehen. Das Stromgebiet
der Donau erscheint, was Boden imd Klima betrifft, von Natur aus fiir Weiden-
plantagen gleichsam pradestinirt, und Niederosterreich ware allein im Stande,
den ganzen Bedarf an Flechtmaterial zu decken. Dieser Thatigkeit B/s ist
im Laufe der Zeit reicher Erfolg erwachsen. Die Weidencultur in Oester-
reich ist seither in der diesseitigen Reichshalfte nicht nur in Wsetin, im
Beczwathale, in Trpist in Bohmen, im Sanngebiete in Galizien, sondern vieler
Orten erbltiht.
Aus seinen Streifziigen in den Alpen berichtet B. in einem Vortrage:
16*
244
Breitenlohner. Fuchs.
»Wie Muhrbrtiche entstehen, was sie anrichten und wie man sie bandigt*
im Vereine zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien am
7. Marz 1883.
Das warme Interesse fur die Erscheinungen der Hochregion spricht sich
auch in der Aneiferung Rojacher's zu meteorologischen Beobachtungen aus.
Als das Project der Errichtung der Station auf dem Sonnblick erwogen wurde,
hielt B. am 24. November 1885 in der geographischen Gesellschaft in Wien
einen Vortrag (Mittheilungen der geographischen Gesellschaft in Wien, 1886,
XXIX. Bd.) dariiber, urn das Interesse ftir diese Unternehmung in der Oeffent-
lichkeit anzuregen. So wurde B. das Bindeglied zwischen den weitausgreifen-
den, anderwarts damals in Verwirklichung begriffen gewesenen Ideen Hann's
beziiglich der Errichtung von Hohenobservatorien, und Rojacher, dem Manne
in Oesterreich, der vor der Durchftihrung eines solchen Unternehmens nicht
zuriickscheute und es auch wirklich zu Stande brachte.
Nach A. v. Obermayer in dem 6. Jahresbericht des Sonnblick- Vereines, Wien 1898.
Fuchs, Wilhelm, Advokat und Privatdocent der Rechte, * am 27. Septem-
ber 1853 zu Wien, f ebenda am 17, Juli 1897. — F. war einer der hervor-
ragendsten Rechtsanwalte Wiens, welcher es vermocht hatte, nebst seiner aus-
gedehnten advocatorischen Praxis die Jurisprudenz durch wissenschafdiche Bei-
trage fortwahrend zu bereichern und sich dadurch, sowie durch die Vortreff-
lichkeit seines Charakters ein Andenken zu sichern, das ihn lange (iberleben
wird. F. war ein Sohn des Dr. Adalbert Fuchs, Professors der Landwirthschaft
an der technischen Hochschule in Wien. Wahrend seiner Kindheit und Jugend
hatte er viel mit schweren Krankheiten zu kampfen, die er nur durch die auf-
opfernde Pflege seiner Mutter glticklich tiberstand. Seiner besonderen Begabung
hatte er es zu danken, dass er trotz seiner Kranklichkeit sehr frtihzeitig — vor
dem vollendeten 17. Lebensjahre — das Gymnasium, welches er bei den Schotten
in Wien besuchte, absolviren konnte. Die Gymnasialf&cher hatten ihm ubrigens
nie besonders zugesagt und wie ein neues, bis dahin ungeahntes Leben war
es ftir ihn, als er als Horer an der juridischen Fakultat in Wien zu den
Fiissen einer Anzahl hervorragender Rechtslehrer sitzen konnte. An der Uni-
versitat fand er bald eine Anzahl gleichgesinnter junger Manner, mit welchen
er ftir das ganze Leben innige Freundschaft schloss, wie die Schriftsteller
Dr. Anton Bettelheim und Dr. Richard v. Kralik, die Advokaten Dr. Joset
Schmiedl und Dr. Max v. Schneider. Der Letztgenannte hatte die Gtite, die
juridische Seite der Thatigkeit seines verstorbenen Freundes in Folgendem
kurz zu skizziren:
»F. studirte Jus an der Wiener Universitat 1870 — 1874. Ihering und nach
ihm Exner hatten eben begonnen, abweichend von der bisherigen Uebung,
auch an der Juristenfakultat persfinliche Beziehungen zwischen den Lehrern
und ihren begabteren Horern anzukntipfen, sowie durch Verbindung mit prak-
tischen Cursen ihre systematischen Vortrage anziehender und wirkungsvoller
zu gestalten. F. hing vor allem an Exner mit grosser Verehrung, sowie auch
Exner grosse StUcke auf ihn hielt, und der Einfluss des erwahnten Gelehrten
auf die Richtung seiner literarischen Thatigkeit ist unverkennbar.
Nach vollendeten Studien besuchte F. im Sommersemester 1875 die
Heidelberger, im Wintersemester 1875/76 die Berliner Universitat Schon
1877 habilitirte er sich als Privatdocent fur osterreichisches Recht in Wien.
Gleichzeitig trat er in den praktischen Dienst bei Gericht, ging aber bald
Fuchs. 245
darauf zur Advokatur liber; 1883 wurde er in die Advokatenliste eingetragen.
1879 veroffentlichte er eine grossere Abhandlung »Das Ehehinderniss des
bestehenden Ehebandes nach osterreichischem Rechte und seine Umgehung*.
Es ist charakteristisch, dass diese Schrift durch ein Zeitungsinserat veranlasst
wurde. F. behandelte das Thema unter steter Verweisung auf praktische
Falle so anschaulich, dass die Arbeit auch in Laienkreisen Verbreitung fand,
was ihn veranlasste, 1889 ungefahr den gleichen Stoff unter dem Titel »die
sogenannten siebenburgischen Ehen und andere Arten der Wiederverehelichung
geschiedener osterreichischer Katholiken« in wesentlich erweiterter und ver-
tiefter Form nochmals zu bearbeiten. Das Buch zeichnete sich durch klare
verstandliche Darlegung der meist verwickelten Rechtsverhaltnisse aus und
wird durch Mittheilung eines reichen Quellenmateriales ftir jeden werthvoll,
der diesen Fragen naher treten will.
Die neuere Gesetzgebung Ungarns veranlasste F. kurz vor seinem Tode
abermals an eine Umarbeitung zu schreiten, die er leider nicht mehr vollenden
konnte. Gleichfalls dem Gebiete des Familienrechtes gehort eine im Jahre
1880 veroffentlichte Abhandlung liber »Die Rechtsvermuthung der ehelichen
Vaterschaft nach romischem und neuerem Rechte « an. Sie enthalt eine sorg-
faltige Darstellung der gesetzlichen Besrimmungen des romischen Rechtes und
der modernen Staaten, sowie an der Hand einer reichen Casuistik und mit
Bezug auf den heutigen Stand der &rztlichen Wissenschaft auch werthvolle
Vorschlage zur Behandlung der Frage in ktinftigen Gesetzen. 1881 erschienen
»Die Karten und Marken des taglichen Verkehrs« und »Rechtsfalle zum all-
gemeinen btirgerlichen Gesetzbuche«. In der ersteren Abhandlung wird zum
ersten Mai und mit Geschick der Versuch gemacht, die reiche Mannichfaltig-
keit dieses Kleinlebens systematisch zu bearbeiten. Die Rechtsfalle sind ftir
den akademischen Gebrauch bei praktischen Cursen berechnet. 1883/84 gab
F. eine Sammlung von Entscheidungen in Grundbuchsachen heraus, 1891 eine
Studie aus dem Wiener Leben »Der Hausmeister und sein RechU, endlich
1894 »Beitrage zur Lehre von der Religionsfreiheit in der Praxis«. F.'s Tha-
tigkeit als Anwalt besonders in Eheangelegenheiten, wo er bald allgemein als
Autoritat bekannt wurde, Hess ihm in den letzten Jahren weniger Zeit ftir
grossere schriftstellerische Arbeiten. Dagegen griff er noch ofter zur Feder,
um namentlich in der Fachpresse actuelle Fragen zu behandeln. Eine frische,
lebendige Schreibweise, nicht selten gewtirzt durch atzende Kritik formalisti-
scher Missgriffe, sind auch diesen Aufsatzen eigen. Aber auch den Tagesfragen
in Angelegenheiten des Standes brachte er lebhaftes Interesse entgegen und
wirkte vielfach anregend. 1896 berief ihn das Vertrauen seiner Collegen in
den Ausschuss der Advokatenkammer, nachdem er nicht ohne Erfolg den
Kampf dagegen unternommen hatte, dass die Ehrenamter in der Regel nur
durch und aus einer kleinen Minoritat der Kammermitglieder besetzt wurden.
F. war ferner Mitglied der judiciellen Staatsprtifungscommission und fungirte
durch eine Reihe von Jahren auch als Prtifungscommissar bei den Ad- •
vokatenprtifungen. «
F.'s Charakter war ein eigen thiimliches Gemisch von Strenge auf der
einen und unendlicher Giite auf der anderen Seite. Die Strenge beruhte auf
seiner Wahrheitsliebe und seiner streng logischen Denkweise; er konnte weder
eine Unwahrheit, noch einen Denkfehler, von welcher Seite immer, ohne Be-
merkung durchgehen lassen. Insofern war er der Mann des Kampfes um das
Recht, wie er ihn von seinem Lehrer Ihering gelernt hatte. Venibtes Un-
246 Fuchs. Peters.
recht, wen immer es betroffen haben moge, erbitterte ihn auf das Tiefste:
die laxe Moral, die er bei der Verfolgung einzelner Rechtssachen in den ost-
lichen Provinzen des Reiches angetroffen hatte, bekampfte er auf das ausserste,
indem er bis zu den obersten Instanzen des Reiches ging, welche seine An-
klagen als gerechtfertigt anerkennen mussten. — Im Gegensatze zu seiner
Energie gegeniiber jeder bewussten Unredlichkeit stand seine Nachsicht gegen-
tiber den Schwachen und Bedriickten, deren getreuer Anwalt er war. Als der
Rechtshilfeverein gegriindet wurde, dessen Aufgabe es war, Unbemittelten
unentgeltlichen Rechtsbeistand zu gewahren, war er eines der ersten Mitglie-
der desselben und der eifrigste Anwalt der Armen Wiens. Gross war auch
die Zahl derjenigen, welchen er trotz seiner beschrankten Mitteln materielle
Hilfe leistete. Diesem Mitgeftthl fur die Schwachen entsprang seine Zuneigung
zu den Arbeitern und damit seine socialen Anschauungen, welche zum Socia-
lismus hinneigten, soweit derselbe innerhalb verniinftiger Grenzen die Verbesse-
rung des Looses der arbeitenden Klasse anstrebt. Man hatte daher ofter in
ihn gedrungen, in diesem Sinne activ an der Politik sich zu betheiligen, von
welcher ihn aber stets das niedrige Parteigetriebe mit seiner inneren Unwahr-
heit abschreckte.
F.'s theilnehmendem Charakter entsprach es, auch bei Anderen Liebe
und Zuneigung zu suchen und zu finden. Er hatte im Jahre 1884 die Toch-
ter des Landesgerichtsrathes Straub geheirathet, welche ihm eine Tochter
schenkte. An Frau und Tochter, sowie an seiner Mutter hing er bis zu seinem
Tode mit rilhrender Zartlichkeit. Nachdem sich seine friiher so schwankende
Gesundheit vollkommen gekraftigt hatte, verlebte er im Schoosse seiner Fa-
milie, geliebt von seinen Freunden und geachtet von Jedermann, eine Reihe
von gllicklichen Jahren, an seiner sich immer ausbreitenden Thatigkeit er-
freuend. Viele solcher Jahre schienen ihm noch beschieden, als eine tticki-
sche Krankheit ihn erfasste. Nach wenigen Tagen schien sein kraftiger Kor-
per liber dieselbe zu triumphiren, als sie in neuerlichem Ansturm ihn ftir
immer niederwarf.
Nachrufe in den Juristischen Blattern (Wien) und der Beilage zur Allgemeinen Zeitung
Quli 1897)-
Ernst Fuchs.
Peters, Fritz, bedeu tender Landwirth, als Forderer und bester Freund
von Fritz Reuter alien Lesern des beriihmten plattdeutschen Schriftstellers
wohlbekannt, * am 29. September 18 19 auf dem von seinem Vater gepach-
teten graflich Hahn'schen Gute Liepen in Mecklenburg-Schwerin, f am 18. De-
cember 1897 in Siedenbollentin. — Er kam 1828 nach der nahe gelegenen
Stadt Malchin auf die Schule, wo der damalige Rektor Bttlch, ein alter Frei-
heitskampfer und Verehrer von Jahn, sowie der zweite Lehrer Susemihl sich
seiner nach jeder Richtung hin annahmen und den Grund zu seinem tiich-
tigen Wissen legten; Ersterer sorgte auch fur die Korperentwickelung durch
Turn- und Schwimmunterricht. Beim Eintritt in's vierzehnte Jahr sollte der
Knabe confirmirt und in die Landwirthschaft gethan werden, was ihm bei
seiner grossen Passion fur das Studium- der Chirurgie gar nicht zusagte. Der
wackere Susemihl reiste in Folge seiner Bitte zum Vater, ihn zu bestimmen,
den Sohn doch noch etwas, und ware es nur ein Jahr, auf der Schule zu
lassen; aber auch dies half nichts. Fritz wurde Ostern 1834 eingesegnet und
Lehrling auf dem Gute Liepen, Anfangs traurig iiber sein Schicksal, spater
Peters. 247
seinem seligen Vater vollkommen Recht gebend; denn es stellte sich bald
heraus, dass des Letzteren Leben nicht von langer Dauer sein sollte. Von
dem Vater in liebevollster Weise mit alien Geschaften, mochte es Ein- oder
Verkauf des flir die Wirthschaft Nothigen, mochten es Geldsachen u. a. sein,
vertraut gemacht, konnte er der verwittweten Mutter eine Sttltze werden. Er
selbst schrieb dem Unterzeichneten : »Meine Jugend war nach heutigen Be-
griffen eine wunderbare; nach der einen Seite hin eine ausserst mUhevolle,
denn noch nicht lange war in Mecklenburg die Leibeigenschaft aufgehoben,
jeder verlangte von sich und seinen Untergebenen ungewtihnlich viel; dazu
fehlten Communicationsmittel und Kunststrassen ganzlich, das Ackergerath war
mehr als primitiv, die Maschinen gleich Null, wirthschaftlich also viel Qualerei.
Nach der anderen Seite war mir durch reichliche Mittel und den haufigen
Aufenthalt in Rostock, wo ich das Theater fleissig besuchte und intimen Ver-
kehr mit der akademischen Jugend unterhielt, Gelegenheit geboten, meinen
Geist weiter auszubilden.«
Im Jahre 1842 kam Fritz Reuter zu P.'s Schwager, dem Pachter Rust,
auf das graflich Hahn'sche Gut Demzin bei Stavenhagen, um, nachdem er
den Versuch, nach seiner Festungszeit, sein Studium wieder aufzunehmen,
aufgegeben hatte, sich der Landwirthschaft zu widmen. Die Zuneigung zwi-
schen Fritz Reuter und Fritz P. war von Anfang an eine gegenseitige, und
da Ersterer auch des Letzteren nachherige Frau Marie geb. Ohl kennen lernte
und gleich sehr gern mochte, so wurde von dem Tage ihrer Bekanntschaft
an ein Band ftir's Leben um sie geschlungen, und spater ebenfalls um Reu-
ter's Frau Luise geb. Kuntze. Jahre lang war Reuter Hausgast bei P., der
1843 das Gut Thalberg bei Treptow a. Toll, gepachtet hatte, 1853 die Gtiter
Stolpe und Neuhof unweit Anklam (ibernahm und schliesslich eine Muster-
wirthschaft auf Siedenbollentin in Vorpommern einrichtete, wo er, als Konig-
licher Oekonomierath bis zuletzt thatig, jetzt seiner kurz vorher heimgegangenen
Gattin in's Jenseits gefolgt ist.
Unter seinen Augen hat Fritz Reuter sich zu dem eigenartigen Schrift-
steller entwickelt, von ihm mannichfache Anregung bekommen. Fritz P. brachte
auch Reuter's schwankendes Lebensschiff in einen sicheren Hafen, indem er
seine Niederlassung als Lehrer im nahen Treptow betrieb; ja ihm wie seiner
nachmaligen Frau Luise stand er stets treu und opferbereit mit Rath und
That zur Seite. Jahre hindurch verlebten sie gemeinsam fast alle Sonntage
auf dem Gute, Jahrzehnte lang jedes Weihnachtsfest, das Reuter immer durch
allerliebste Julklappverse verschonte. Nach den Mittheilungen des P/schen
Ehepaares habe ich des Dichters Leben und Treiben auf Thalberg und Sieden-
bollentin geschildert in dem Buche »Reuter-Studien« und neuerdings viele
herzlich anmuthende Einzelheiten, Briefe, Gelegenheitspoesien, sowie die Por-
traits der gesammten P.'schen Familie, von Reuter, der ein sehr geschickter
Zeichner war und grosse Treffsicherheit besass, selbst gemalt, dargeboten in
den beiden Banden »Aus Fritz Reuter's jungen und alten Tagen«.
Liegt die Bedeutung von Fritz P. flir das deutsche Volk wesentlich in
seiner engen, unzertrennlichen Beziehung zu unserem Nationaldichter, so
hat er doch noch ausserdem sich hervorragende Verdienste erworben, nicht
nur durch seine praktische erfolgreiche Thatigkeit als Landwirth, sondern
speciell auch durch seine schriftstellerische, die in Agrarierkreisen mit Recht
geschatzt worden ist. Den ersten Band der »Lauschen un Rimels« widmete
Reuter bekanntlich seinem besten Freunde Fritz Peters zum Andenken an froh
248 Peters. Fresenius.
verlebte Stunden; P. revanchirte sich durch das Werk »Fiihrung einer vor-
pommerschen Landwirthschaft an einem vorhandenen (namlich seinem eigenen)
Beispiele* (Wismar, HinstorflF) »seinem alten lieben Freunde Fritz Reuter zur
Erinnerung an seine Okonomische Laufbahn«. Von den zahlreichen P.'schen
Publicationen seien aus demselben Verlage noch genannt »Praktische Einfiih-
rung der Sommerstallftitterung* (3. Auflage unter dem Titel cViehzucht und
Milchwirthschaft in Verbindung mit Sommerstallftitterung und Fruchtwechsel-
wirthschafu), ferner »Revision der gesammten Wirthschaftsflihrung« und vier
Hefte »Siedenbollentiner ZUchtungen«, dann die »Abhandlung (iber Schweine-
zucht und SchweinemasU, sowie die viel beachtete zeitgemasse Broschiire
»Ueber die Ursachen der so allgemein bedrtickten Lage der Landwirthschaft. «
Eine durchaus tlichtige Personlichkeit und ein wahrhaft edler Charakter
ist mit Fritz P. dahingegangen; er, der treue Freund in der Noth und stets
liebenswlirdige Mensch, wird in Ehren genannt werden, so lange Fritz Reu-
ter's Schdpfungen und Lebensgeschichte Interesse und Theilnahme erwecken.
Karl Theodor Gaedertz.
Fresenius, Carl Remigius, Chemiker, * am 28. December 181 8 zu Frank-
furt a. M., f am n. Juni 1897 zu Wiesbaden. — Seine Eltern waren der Advocat
Jacob Heinrich Samuel F. und Marie Veronika geb. Finger. Die erste Jugend-
bildung erhielt F. auf der Musterschule zu Frankfurt a. M., dann im Bender'-
schen Institute zu Weinheim an der Bergstrasse; nachher besuchte er das
Gymnasium seiner Vaterstadt. Im Frllhjahr 1836 trat er in die Stein'sche
Apotheke in Frankfurt a. M. als Lehrling ein, woselbst er vier Jahre lang die
Pharmacie praktisch erlernte und ausiibte ; zugleich aber besuchte er die Vor-
lesungen am Senckenberg'schen Institut, insbesondere die tiber Chemie und
Physik von Prof. Dr. Rudolf Bottger und diejenigen tiber Botanik von Prof.
Dr. Georg Fresenius. Schon damals zog ihn das Studium der analytischen
Chemie ganz besonders an, und die wenigen freien Tage, welche ihm blieben,
benutzte er eifrig zur Losung analytisch-chemischer Aufgaben in einem kleinen
Laboratorium, das er sich in einem Gartenhause des grossen vaterlichen
Gartens eingerichtet hatte. Im Friihjahr 1840 bezog er die Universi tat Bonn,
woselbst er ein Jahr verblieb. Er widmete sich zunachst dem Studium der
Pharmacie und der Naturwissenschaften ttberhaupt unter den Professoren
Gustav Bischof, Treviranus, Vogel, N6ggerath, Marquart u. s. w., horte aber
auch geschichtliche und philosophische Vorlesungen bei Ernst Moritz Arndt,
A. W. v. Schlegel und Anderen. Im zweiten Semester seines Bonner Auf-
enthaltes schrieb F. seine Anleitung zur qualitativen chemischen Analyse, und
zwar lediglich zu eigener Uebung. In Druck gab er das Buch erst auf die
dringende Aufforderung Marquart's, in dessen Privatlaboratorium er praktisch
arbeitete, weil ein Universitatslaboratorium damals in Bonn noch nicht exi-
stirte. Nachdem wahrend des Bonner Aufenthaltes der Entschluss in ihm
gereift war, sich ganz der Chemie zu widmen, war nichts natUrlicher, als dass
er sich alsbald nach Giessen wandte, wo sich damals um Liebig die Jlinger
dieser Wissenschaft von Nah und Fern zusammenschaarten. Er arbeitete
unter dem grossen Meister und horte ausser bei Liebig Vorlesungen bei Bufl
und Kopp. Aus dem ersten Giessener Semester stammt seine Arbeit »Ueber
die traubensauren Salze« (Annalen der Chemie und Pharmacie 41, 1). Bereits
im Herbst 1841 wurde er Liebig's Privatassistent, am 1. April 1842 staat-
licher Unterrichtsassistent am Liebig'schen Laboratorium. In demselben Jahre
Fresenius. 249
veroffentlichte er die 2. Auflage der Anleitung zur qualitative!! Analyse, wor-
auf ihm am 23. Juli 1842 die Doctorwtirde von der philosophischen Facultat
der Universitat Giessen verliehen wurde. Am 23. Juni 1843 habilitirte er sich
als Privatdocent in Giessen und blieb als solcher in Thatigkeit bis ihn im
September 1845 e*n ^u^ a*s Professor der Chemie, Physik und Technologie
an das herzoglich nassauische landwirthschaftliche Institut nach Wiesbaden
fuhrte. Es war eine herrliche Zeit, die er in Giessen verlebte, nicht bloss
reich an wissenschaftlicher Anregung und Forderung, sondern auch verschont
durch Freundschaft und Liebe. In Giessen kntlpfte sich das Freundschafts-
band fiir's Leben zwischen ihm, A. W. Hofmann, H. Will und L. von Babo.
Von dort fiihrte er seine Gattin Charlotte, geb. Rumpf, die Tochter des Gym-
nasialdirectors Prof. Dr. Rumpf zu Giessen, als junge Frau nach Wiesbaden.
Aus der Giessener Zeit stammen noch eine Reihe von wichtigen literarischen
Arbeiten, von denen hier erwahnt sein mogen: »Neues Verfahren zur Unter-
scheidung und Trennung des Arsens vom Antimon in mit dem Marsh'schen
Apparate erhaltenen Metallspiegeln<c, die mit Will veroffentlichte Schrift: »Neue
Verfahrungsweisen zur Priifung der Pottasche und Soda, der Aschen, der
Sauren und des Braunsteins«, Heidelberg bei C. F. Winter 1843, mehrere
Mineralwasseruntersuchungen, einige davon gemeinschaftlich mit Will, die
zusammen mit Haidlen veroffentlichte Arbeit: »Ueber die Anwendung des
Cyankaliums in der chemischen Analyse*, die mit v. Babo gemeinschaftlich
ausgeftihrte »Ueber ein neues Verfahren zur Ausmittelung und quantitativen
Bestimmung des Arsens bei Vergiftungsfallen«, die mit Will »Ueber die un-
organischen Bestandtheile der Pflanzen.« In Wiesbaden begann F. 1845 se*ne
Lehrthatigkeit am landwirthschaftlichen Institut und hielt ausserdem wahrend
des Winters 1845—46 dem Herzog von Nassau an zwei Abenden wdchentlich
Experimentalvortrage Uber Chemie in einem im Schlosse eingerichteten Hor-
saal. Mit Begeisterung gedenken die Manner, die damals Schtiler des land-
wirthschaftlichen Instituts waren, noch heute des jungen Professors, der ihnen
das Eindringen in die Chemie ermtiglichte und deren Bedeutung fiir die
Landwirthschaft vor Augen fuhrte. Diesem aber bot die Thatigkeit an der
Anstalt, zumal da sie nur Winterkurse hatte, nicht voile Befriedigung; nament-
lich fehlte es ihm an einem Laboratorium und somit an der Gelegenheit,
junge Manner in die praktische Chemie einfuhren zu konnen. In der ersten
Wiesbadener Zeit war er deshalb besonders schriftstellerisch thatig, er gab die
4. und 5. Auflage der qualitativen Analyse heraus und schrieb 1846 seine
Anleitung zur quantitativen chemischen Analyse, von der bereits im gleichen
Jahr die zweite Auflage erschien, sowie 1847 ein sehr beifallig aufgenommenes
Lehrbuch der Chemie ftir Landwirthe, Forstmanner und Cameralisten. Das-
selbe war bald vergriffen und wurde auch in's Hollandische und Englische
(ibersetzt; zur Bearbeitung einer neuen Auflage fehlte ihm aber spater, anderer
Arbeiten halber, die Zeit. So gut es die bescheidenen Hilfsmittel seines in
einer Miethwohnung eingerichteten Privatlaboratoriums gestatteten, ftihrte er
daneben noch analytische Untersuchungen verschiedener Art aus, namentlich
solche nassauischer Mineralien und Landesprodukte, von denen hier beson-
ders die Analysen einiger vorztiglicher Weine des Jahres 1846 erwahnt seien.
Im Jahre 1847 fasste F. den Entschluss zur Errichtung eines zum Unterricht
junger Manner in der Chemie und deren Hilfswissenschaften geeigneten selbst-
standigen chemischen Laboratoriums, und kaufte in Folge dessen das Haus,
in welchem er seitdem gewohnt hat, und in dem er auch gestorben ist. Dies
250
Fresenius.
Haus, spater umgebaut unci vergrossert, umgeben von einem in der Folge
erheblich erweiterten Garten, war ein trautes Familienheim und auch in spa-
teren Jahren, als die Kinder theilweise auswarts verheirathet waren, der Mittel-
punkt der grossen Familie. Gleich beim Eintritt in die Wiesbadener Ver-
haltnisse betheiligte sich F. auch rege am offentlichen Leben; er trat den
bestehenden wissenschaftlichen Vereinen bei und gehorte mit zu den Grtin-
dern des Gewerbevereins fur Nassau und anderer gemeinntitziger Vereine.
Durch das Vertrauen seiner Mitbiirger wurde er im Jahre 1847 von der Stadt
Wiesbaden zum Abgeordneten in die nassauische Standeversammlung gewahlt.
Trotzdem behielt er sein nachstes Ziel unverrtickt im Auge, sodass er mitten
in der stiirmischen Revolutionszeit des Jahres 1848 sein Laboratorium mit
Untersttitzung der nassauischen Regierung, aber doch gross ten theils aus eigenen
Mitteln einrichten und erOffnen konnte. Nun bot sich ihm der ersehnte Wir-
kungskreis. Gern hat er sp&ter gelegentlich im Familien- und Freundeskreise
von den bewegten Tagen des Jahres 1848 erzahlt, in denen er aus den
Sitzungen der Standekammer zur Vorlesung und aus der Vorlesung zur Waffen-
tibung der Btirgerwehr eilte. Im Jahre 1849 begann F. seine chemische
Untersuchung der wichtigsten Mineralwasser des Herzogthums Nassau; grOssten-
theils im Auftrag der nassauischen Regierung ausgeflihrt, theilweise aber auch
auf Wunsch des Erzherzogs Stephan von Oesterreich, der damals auf Schloss
Schaumburg residirte, und mit dem F. bei dieser Gelegenheit in naheren
personlichen Verkehr trat. Das chemische Laboratorium wurde aber auch
sonst vielfach von Gerichten, Verwaltungsbeh6rden, von der Industrie und
von Privaten in Anspruch genommen, und auch die Zahl der Studirenden
mehrte sich fort und fort, so dass das Laboratorium, welches urspriinglich
mit einem Assistenten, dem spateren Professor Erlenmeyer, und ftinf Prakti-
k an ten eroflhet worden war, schon in ktirzester Frist bedeutend erweitert
werden musste. Im Friihjahr 1852 wurde zu diesem Behuf ein Neubau auf-
gefuhrt, sodass nun Arbeitsplatze flir 30 Praktikanten vorhanden waren. Es
wtirde zu weit ftihren, die weitere Entwickelung des Laboratoriums im ein-
zelnen zu verfolgen; dies alles wurde von F. selbst in der 1873 zur Feier des
2 5Jahrigen Bestehens der Anstalt veroffentiichten »Geschichte des chemischen
Laboratoriums zu Wiesbaden « lebendig geschildert; in dieser Schrift sind auch
die aus dem Laboratorium hervorgegangenen Bticher und wissenschaftlichen
Arbeiten verzeichnet, desgleichen die Docenten, Assistenten und Praktikanten,
welche der Anstalt bis zum Jahr 1873 angehOrt haben. Die Leitung des Labora-
toriums stellte neben der Herausgabe neuer Auflagen der qualitativen und quan-
titativen Analyse naturgemass hohe Anspriiche an die Arbeitskraft des Directors,
sodass er mit Genehmigung der herzoglichen Regierung von 1855 ab die
Vorlesungen liber allgemeine Chemie und Physik am landwirthschaftlichen
Institut an Neubauer (ibertrug, wahrend er selbst die Vorlesungen Uber
Agriculturchemie und landwirthschaftliche Technologie beibehielt, und die
im Jahre 1852 erfolgte Wahl zum Mitglied der ersten Standekammer ab-
lehnen musste. Zu manchen wissenschafdichen Arbeiten zog F. auch seine
Schiller heran, namentlich zur chemischen Untersuchung der wichtigsten Obst-
arten, die im Jahre 1858 in der Zeitschrift flir deutsche Landwirthe veroffent-
licht wurde. Im Jahre 1861 fasste F. den Entschluss zur Herausgabe der
Zeitschrift fur analytische Chemie. Der erste Band der Zeitschrift erschien
1862 in Wiesbaden im Verlag von C. W. Kxeidel, einem nahen Freunde des
Herausgebers. Der urspriinglich entworfene Plan ist in seinen Grundziigen
Fresenius. 251
bis heute vollstandig beibehalten worden ; er hat sich somit durchaus bewahrt.
Anfanglich wurden jahrlich 4 Hefte der Zeitschrift ausgegeben, vom 26. Jahr-
gang an erschien sie in 6 Heften und vom 36. ab erscheint sie in 12 Heften
jahrlich. Bei der Herausgabe der Zeitschrift wurde F. untersttitzt vom 20. Band
an von seinem Sohne Heinrich, vom 36. Band an ausserdem noch von seinem
zweiten Sohn Wilhelm und seinem Schwiegersohn Hintz. Das Geburtsjahr
der Zeitschrift brachte auch eine wesentliche Erweiterung des Laboratoriums ;
es wurde mit ihm eine pharmaceutische Lehranstalt verbunden, die sich als-
bald eines guten Besuches zu erfreuen hatte, aber kurz nach der Einverlei-
bung Nassaus in den preussischen Staat aufgehoben wurde.
Das Laboratorium hatte sich stets der wohlwollenden Ftirsorge auch der
preussischen Regierung zu erfreuen, insbesondere gewahrte das konigliche Unter-
richtsministerium den Staatszuschuss weiter und erhOhte denselben spater noch.
Schon kurz nach Errichtung seines Laboratoriums war F. auch mit der Indu-
strie in nahe Beziehungen getreten. In den ftinfziger Jahren grlindete er mit
einem NefTen in Lorch am Rhein eine Fabrik zur trockenen Destination des
Holzes und zur Verarbeitung der dabei erzielten Produkte, aus welcher sich
dann nach und nach der »Verein ftir chemische Industrie« entwickelt hat, eine
in hoher Bliithe stehende Aktiengesellschaft, in deren Aufsichtsrath F. bis an
sein Lebensende den Vorsitz fiihrte. Auch an dem »Verein chemischer Fa-
brik en zu Mannheim « war er betheiligt, und auch dort war er lange Jahre
Vorsitzender des Aufsichtsrathes, desgleichen bei der Aktiengesellschaft »Schwein-
furter Ultramarinfabrik«. Nahe Beziehungen mit dem praktischen Leben traten
aber nicht nur hinsichtlich der Industrie, sondern auch hinsichtlich aller Ge-
werbe hervor, auf welche die Chemie von maassgebendem Einfluss ist, so
besonders auch beztiglich des Weinbaues und der Weinbereitung. In Folge
davon wurde im Jahre 1868 die erste onologische Versuchsstation im An-
schluss an das Laboratorium als staatliche Anstalt errichtet, unter Neubauer's
Leitung. Im Winter 1872/73 weilte Kaiser Friedrich, damals Kronprinz des
deutschen Reiches, in Wiesbaden. Die damalige Kronprinzessin besuchte in
diesem Winter fifters das Laboratorium und Hess sich dort von F. Vorlesungen
Uber Chemie halten. In den Jahren 1874/75 wurde zur VergrCsserung des
Laboratoriums ein geraumiger Neubau aufgeflihrt und bald darauf im Jahre
1877 die Ausbildung von Nahrungsmittelchemikern, wohl zuerst in Deutsch-
land, systematisch organisirt. Vom 5. bis 24. November 1877 nahm F. au^
Einladung des Reichsgesundheitsamts als Mitglied zweier Commissionen an
den Berathungen liber den Gesetzentwurf, betreffend den Verkehr mit Nah-
rungsmitteln, Genussmitteln und Gebrauchsgegenstanden theil, die im kaiser-
lichen Gesundheitsamte zu Berlin stattfanden. 1884 wurde am Laboratorium
eine besondere, mit alien Hilfsmitteln der Neuzeit ausgestattete Abtheilung fur
Hygiene und Bakteriologie eingerichtet, und zwar in einem weiter angekauften,
an die bisherigen Hauser angrenzenden Hause.
Die Oberleitung hat F. bis zu seinem Tode beibehalten, aber, um seine
ausgedehnte literarische Thatigkeit (iberhaupt zu ermoglichen, im Jahre 1884
die specielle Leitung der einzelnen Abtheilungen des Laboratoriums in die
Hande seiner Sohne und seines Schwiegersohnes gelegt.
Wie ausgedehnt F/s literarische Thatigkeit war, geht daraus hervor, dass
er ausser der Zeitschrift fiir analytische Chemie im Laufe der Jahre 16 Auf-
lagen seiner Anleitung zur qualitativen chemischen Analyse und 6 Auflagen
seiner Anleitung zur quantitativen chemischen Analyse herausgegeben hat
252
Fresenius.
Die qualitative Analyse ist in fast alle lebenden Cultursprachen, sogar in's
Chinesische, libersetzt worden und auch von der quantitativen Analyse sind
zahlreiche Auflagen in fremden Sprachen erschienen. Kurz nach Errichtung
seines Laboratoriums hat F. die Erforschung der Teichen Bodenschatze des
Herzogthums Nassau in Angriff genommen, insbesondere die Mineralwasser-
analysen. Der Untersuchung der nassauischen Mineralquellen reihten sich
dann im Laufe der Jahre die chemischen Analysen einer grossen Reihe an-
derer Mineralquellen an. Ein Verzeichniss der von F. veroffentlichten Ori-
ginalabhandlungen bis zum Jahre 1873 findet sich in der von ihm heraus-
gegebenen »Geschichte des chemischen Laboratoriums zu Wiesbaden«. Die
seitdem veroffentlichten sind in der gelegentlich des flinfzigjahrigen Bestehens
der Anstalt erschienenen Geschichte des Laboratoriums wahrend der zweiten
25 Jahre seines Bestehens von Prof. Dr. H. Fresenius zusammengestellt mit
den tibrigen wissenschaftlichen VerOffentlichungen, welche seitdem aus dem
Laboratorium hervorgegangen sind.
Besonders erfolgreich war F. auch als Lehrer, zumal da er seinen Schlilern
immer ein wohlwollender vaterlicher Freund und Berather war. Eine grosse
Schaar dankbarer Schliler diesseits und jenseits des Oceans in den verschie-
densten Lebensstellungen, in der Wissenschaft und in der Industrie thatig,
werden ihm stets ein treues Gedenken bewahren.
Aus der Studierstube und aus dem Laboratorium heraus trat F. aber
auch vielfach in's offentliche Leben, so als Sachverstandiger vor Gericht,
als Berather von Staatsbehftrden und Verwaltungskorperschaften der ver-
schiedensten Art, als Vorstandsmitglied von wissenschaftlichen und gemein-
nlitzigen Vereinen, als Mitglied des Kirchenvorstandes, des Communallandtages
fur den Regierungsbezirk Wiesbaden, des Provinziallandtages ftir die Provinz
Hessen-Nassau und namentlich als Vorsitzender der Wiesbadener Stadtverord-
netenversammlung. Ausser seiner strengen Gerechtigkeitsliebe, Charakterfestig-
keit, Arbeitsfreudigkeit und geschaftlichen Gewandtheit gewann ihm sein ein-
faches, liebenswiirdiges Wesen die Herzen, so dass es ihm gelang, Gegensatze
auszugleichen und ein erspriessliches Zusammenarbeiten von Mannern zu er-
moglichen, welche verschiedenen politischen Parteien angehorten und auch
sonst oft in vielen Dingen verschiedener Ansicht waren. Besonders auch im
kirchlichen Leben ist F. offentlich hervorgetreten als hervorragendes Mitglied
des deutschen Protestantenvereins und Ftihrer der Kirchlich-Liberalen in
Nassau.
Erholung suchte und fand F. in seiner Familie und in der Natur.
»Wer froh durch's Leben will wallen,
Dem muss es im Hause gefallenc
ist einer seiner Sinnsprtiche, der gerade auf ihn selbst trefflich passt. Zur
Fuhrung eines glilcklichen Familienlebens war er auf's Glinstigste veranlagt.
Er besass ein frohes, heiteres Gemtith, einen treflflichen, nie versiegenden
Humor und eine eigene Gabe, alien Dingen die beste Seite abzugewinnen,
dabei aber einen tief religiosen Sinn, der ihn befahigte auch in schweren
Tagen standhaft und muthig zu bleiben. F. war zweimal verheirathet. Mit
seiner ersten Gattin, Charlotte, geb. Rumpf, konnte er am 21. September 1870
das Fest der silbernen Hochzeit feiern. Dieser Ehe entsprossen 7 Kinder,
3 Sohne und 4 Tochter. Zwei der Sohne und ein Schwiegersohn sind, seinem
Beispiel folgend, Chemiker geworden und haben nicht nur als Schliler zu
seinen Ftissen gesessen, sondem durften sich auch spater langjahriger gemein-
Fresenius. Seebach. 253
samer Arbeit unter ihm und mit ihm an seinem Laboratorium und an der
Zeitschrift fur analytische Chemie erfreuen.
Nachdem ihm der Tod die treue Lebensgefahrtin entrissen hatte, ver-
heirathete er sich spater zum zweiten Male mit einer der Verstorbenen wie
ihm selbst und seinen Kindern seit Jahren befreundeten Dame, Auguste, geb.
Fritze, einer Tochter des verstorbenen Herzoglich nassauischen Geheimen
Rathes und Leibmedicus Dr. Fritze. Sie hat ihm das verOdete Haus wieder
zu einem trauten Heim gemacht und ihn mit sorgender Liebe umgeben bis
zu seinem Lebensende. Ausser in der Familie verlebte F. seine Mussestunden
gern in Gottes freier Natur, besonders im schonen deutschen Wald oder in
seinem mit Sorgfalt gepflegten Garten. Er liebte es, wenn ihm dazu Zeit
vergonnt war, dem edlen Waidwerk obzuliegen und freute sich seiner mannich-
faltigen Jagdtrophaen, welche sein Gartenhaus zierten. Gewiss hat die Aus-
tibung der Jagd wesentlich mit dazu beigetragen, seinen von Natur gesunden
und kraftigen Korper zu stahlen, so dass er sich auch im hohen Greisenalter
bis zu seinem Tode nicht nur besonderer geistiger Frische, sondern auch
korperlicher RUstigkeit erfreute. Dass es F., dem Ehrenblirger der Stadt
Wiesbaden, auch an ausserer Anerkennung nicht fehlte, brauche ich wohl
kaum zu erwahnen. Soil ich sie aufz&hlen die besonderen Ehrungen, welche
ihm zu Theil geworden sind, die ihm verliehenen Titel und Wiirden, die
Orden, welche seine Brust schmiickten? Ich glaube man wird es mir erlassen.
Als F. durch einen sanften Tod unerwartet, mitten aus voller, mit Jugend-
frische ausgetibter Thatigkeit heraus, abgerufen wurde, da hatte ein reiches,
gesegnetes Leben seinen Abschluss gefunden. Seine sterbliche HUlle, die
uberh&uft war von Lorbeeren, Palmen und Blumen, gespendet von dem Kaiser,
der Kaiserin Friedrich, von der Stadt Wiesbaden, von den zahlreichen, wissen-
schaftlichen Gesellschaften und Vereinen, deren Ehrenmitglied er gewesen,
sowie von seinen vielen Freunden und Verehrern aus alien Berufsarten und
Standen nah und fern, haben wir in die Erde gebettet zur letzten Ruhe,
sein verklartes Bild aber wird in unserem Gedachtniss fortleben.
Sep.-Abdr. aus der Zeitschr. fttr analytische Chemie. Vgl. Nekrolog von A. Pagen-
stecher, Bd. 50 des Jahrb. des nass. Vereins fUr Naturkunde; die Grabreden von Bickel
und Veesenmeyer (Wiesbaden, 1897). Nachruf von E. Fischer, Berichte der Deutsch.
chem. Gesellschaft, Jahrg. 30, No. 11. Bildnisse in der Zeitschr. fttr an. Chemie und bei
Pagenstecher. Photographien bei Karl Schipper, Wiesbaden. — Bibliographische Zusammen-
stellungen d. Bttrsenbl. fttr den Deutschen Buchhandel, betr. Verstorbener des Jahres 1897,
No. 139.
Heinrich Fresenius.
Seebach (Niemann-Seebach), Marie, Schauspielerin, * am 24. Februar
1830 in Riga, f am 3. August 1897 in St. Moritz. — Das Geburtsjahr 1830
steht urkundlich fest; bei ihren Lebzeiten wurde das Jahr 1834 angegeben.
Ihr Vater war ein Sanger, die Mutter eine Schwester der Schauspielerin Frieb-
Blumauer; das Elternpaar ftihrte ein herumziehendes Comodiantenleben. Riga
ist daher nicht als die eigentliche Heimat, sondern nur als der zufallige Ge-
burtsort von M. S. zu betrachten. Die Kinder (ausser Marie war noch eine
Schwester Wilhelmine vorhanden) wurden auf der Buhne gross; mit 6 Jahren
haben sie schon auf den Brettern gestanden. Der Geistliche, der an Marie's
Grab sprach, rtihmte den Eltern nach, dass sie ftlr die intellectuelle und sitt-
liche Erziehung ihrer Kinder das Mogliche gethan und dass diese ernsthaft
auf einen sittlichen Lebenswandel gehalten. Marie wurde zur Sangerin aus-
254 Scebach.
gebildet, aber ihre Stimmmittel erwiesen sich als unzureichend ; nachdem sie
im Jahre 1847 zuerst auf einer grosseren Btihne in Ntirnberg aufgetreten,
musste sie sich hier, sowie in Ltibeck, Dessau, Danzig und (1852) Cassel mit
Soubrettenrollen geniigen. Von hier engagirte sie 1853 Chdri Maurice nach
Hamburg mit der Absicht, ihr erste Rollen im Schauspiel anzuvertrauen ;
nach einer Darstellung der Waise von Lowood bescheinigte ihr Karl Topfer
als Kritiker den Eintritt in die Meisterjahre. Inzwischen hatte Laube ihre
personliche Bekanntschaft in Carlsbad gemacht und lud sie fiir den April 1854
zu einem Gastspiel in das Burgtheater ein. Der Erfolg, den es hatte, war
nicht durchschlagend, ftihrte aber doch zu einem Engagement. Bevor sie
dasselbe antrat, nahm sie Theil an dem im Juli 1854 von Dingelstedt in
Mtinchen veranstalteten sogenannten Gesammtgastspiel , spielte das Clarchen,
das Gretchen und die Luise Millerin, und von hier ab datirt die Epoche ihres
Ruhmes.
Gerade dieser frisch erworbene Ruhm wirkte storend auf ihre Verhalt-
nisse in Wien ein; sie* trat dem Direktor Laube mit einem gewissen Eigensinn
gegentiber, den dieser nicht vertrug und das Publikum befreundete sich mit
der Spielweise der S. nicht. Das Verhaltniss wurde bald gelttst; im Jahre
1856 gastirte M. S. in Dresden und im Juni 1857 gab sie ein langeres Gast-
spiel in Berlin, das ihr den Enthusiasmus des Publikums und den Beifall der
jtingeren Kritik eintrug, wahrend die alteren Kritiker, wie Rotscher, Zuriick-
haltung beobachteten. Der Generalintendant von Hlilsen wollte auf ihr
Engagement nicht eingehen, weil er an ihr kOrperliche Vorztige vermisste.
Dagegen fand sie eine feste Stellung bei dem Theater in Hannover. Hier
fasste sie eine leidenschaftliche Neigung zu dem hervorragenden Tenoristen
Albert Niemann und schloss mit ihm eine Ehe, die ihr Ungltick wurde. Der
Gatte wird von dem Vorwurf rauhen, riicksichtslosen Benehmens nicht frei zu
sprechen sein; andererseits scheint M. S. nicht die Gaben besessen zu haben,
ihrem Gatten eine traute Hauslichkeit zu bereiten. Im Jahre 1866 siedelten
beide nach Berlin iiber und bald darauf kam es zu einer Trennung, die 1868
durch ein gerichtliches Scheidungsurtheil bestatigt wurde.
Schon vorher hatte M. S. an Gastspielen mehr geleistet, als fiir ihre
ktinstlerische Entwickelung gut gewesen ware. Von 1867 ergab sie sich zehn
Jahre lang einem ruhelosen Wanderleben, das sie nicht allein durch ganz
Deutschland, sondern auch nach Russland und den Niederlanden ftihrte. Mit
ihren europaischen Erfolgen nicht zufrieden, war sie unter deutschen Btihnen-
klinstlern eine der ersten, die Amerika durchzog und dort Gold und Lorbeer
in reichstem Maasse, freilich auch manche Dornen erntete.
Im Jahre 1877 zoS s*e s^c^ von der Btihne zuriick und nahm ihren Auf-
enthalt in Dresden. Allein zehn Jahre spater nahm sie wiederum ein Engage-
ment an der Berliner Hofbiihne, nunmehr fiir Mutterrollen an. Schwerer
Gram lastete auf ihren letzten Lebensjahren. Aus ihrer Ehe mit Albert Nie-
mann hatte sie einen einzigen Sohn Oskar, der ihr zur Erziehung verblieb,
als die Gatten sich trennten. Trotz der ausseren Entfremdung hatte sie nie
aufgehort, ihren Gatten leidenschaftlich zu lieben und trug nun diese Leiden-
schaft auf den gemeinsamen Sohn tiber. Aber dieser Sohn konnte es zu
keinem festen Lebensberufe bringen, wurde, sehr jung, in leichtsinnige Liebes-
abenteuer vcrstrickt und starb 1893 an der Schwindsucht. Bald darauf wurde
M. S. in den Strassen Berlins von einem schwer beladenen Wagen iiberfahren,
erlitt mehrfache Knochenbruche und wurde an ein langes Schmerzenslager
Seebach.
255
gefesselt. In jedem Sommer suchte sie Erholung im Engadin und dort hat
sie der Tod erlost.
Das Gebiet ihres Wirkens war kein grosses; die Bltithe ihres Ruhmes
war keine lang ausdauernde und dennoch muss M. S. als eine in der
Geschichte des deutschen Theaters bahnbrechende Ktinsderin bezeichnet
werden.
Das Hofburgtheater in Wien hatte seinen festen Stil; von den tibrigen
grossen Bilhnen hatte wohl keine einen Stil, aber sie hatten ihre Tradition,
ihre Manier. M. S. brach mit Stil, mit Tradition und Manier. Sie hielt es
mit dem Goethe'schen Worte: »Hochstes Gltick der Erdenkinder ist doch
die Personlichkeiu. Sie trat den Rollen, die sie tibernahm, so gegentiber,
als hatte sie Niemand vor ihr gespielt. Sie suchte mit dem Geiste des Dich-
ters vertraute Zwiesprache zu halten und hatte haufig das Gltick von ihm
belehrt zu werden. Der Grund, aus welchem sie in Wien die wenigsten Er-
folge hatte, aus welchem Laube mit ihr unzufrieden war und Hebbel ge-
legentlich eine voile Schale Grimm liber sie ausschtittete, lag darin, dass man
in Wien am festesten an der Tradition hielt. Schon frtiher als M. S. hatte
Bogumil Dawison in ahnlicher Weise zu wirken begonnen. Ueber ihn wie
Uber sie blieb das Urtheil ein getheiltes, stritten die Alten mit den Jungen.
Aber beide haben schliesslich einen nachhaltigen Einfluss auf die folgende
Generation gelibt. Es ist seither kein Schauspieler und keine Schauspielerin
in Deutschland zu Ruhm gelangt, die nicht ihres Geistes einen Hauch ver-
sptirt hatte.
Marie's genialste Schdpfung war das Clarchen im Egmont. Wenn sie
auftrat, hatte man etwa den Eindruck, vor einem der vorztiglichsten Portraits
von Rubens zu stehen. Wir wussten sehr genau, dass wir Alltagsmenschen
einem Wesen dieser eigenthtimlichen Art auf Weg und Steg nirgend begegnen
werden und dass dennoch dieses Wesen in Fleisch und Blut eben so sicher
existirt hat, wie alle die, mit denen wir in taglicher Berilhrung sind.
Dieses Madchen, welches in den Augen der Welt als eine Dime gelten
muss, welches das Urtheil der Welt grtindlich kennt und eben so grtindlich
verachtet, weil es sich durch das, was man ihr zum Vorwurf macht, gehoben
und geheiligt ftihlt, wurde in einer Weise zur Darstellung gebracht, dass zwi-
schen den Absichten des Dichters, die er ja selbst noch in guter Prosa er-
lautert hat, und der Ausflihrung nicht der geringste Unterschied blieb.
Der Wirkungskreis von M. S. war kein grosser. Versagt blieb ihr das
Heroische; versagt blieb ihr diejenige Naivitat, in welcher ein bisserl Schalk-
heit gar nicht dabei ist; versagt blieb ihr die komische Scharfe, mit welcher
ihre Tante Frieb so reichlich ausgestattet war, und die sie sich im Alter ver-
geblich anzueignen suchte. Aber innerhalb des Gebietes, das sie beherrschte,
lagen die vier Rollen, die sie in ihren Jugendjahren mit Vorliebe spielte,
Gretchen, Clarchen, Luise Millerin und Desdemona, und zu denen sie in
spateren Jahren als die ftinfte die Stella gesellte. In jeder dieser Rollen war
sie eine andere, und in jeder vollendet. Dazu kamen eine Anzahl von Parade-
rollen, mehr darauf berechnet, die schauspielerische Virtuositat zu bekunden,
als einen Dichter zu interpretiren, wie Lorle, Jane Eyre, Adrienne Lecouvreur.
Margarethe Western in Blum's Erziehungsresultaten, obwohl des poetischen
Werthes baar, war eine erfreuliche Leistung, weil hier eine FUlle liebenswlir-
diger Schelmerei zum Ausdruck kam. Shakespeare's Julie, die sie mit Vor-
liebe spielte, lag ausserhalb der Grenzen ihres Talents ; es war zum Anstaunen,
256 Seebach. van der Linde.
wie sie den Versuch machte, die Rolle sich zurecht zu legen, aber Shake-
speare litt Noth.
Die Bltithe ihres Ruhmes war eine kurze; sie konnte den rosenfarbenen
Schleier der Jugend nicht entbehren. Schon als nach ihrer Ehe Sorge und
Gram bei ihr einzuziehen begannen, begann der Duft zu schwinden, der bis
dahin iiber ihren.Schopfungen gelagert war. Sie war nicht ohne Schuld an
diesem frtihen Verfall. Ihr unruhiges Wanderleben machte ihr eine Entwicke-
lung unmoglich, hinderte sie, sich in neue Rollenkreise einzuarbeiten, nach-
dem die bisherigen ftir sie unmoglich geworden waren.
Sie blieb bis zu ihrem Ende das, was man eine gute, verstandige Schau-
spielerin nennt. Sie hatte das Handwerksmassige ihrer Kunst vollstandig inne,
und besass nebenher eine tlichtige Bildung. Gerade das stand ihrem Ruhm
im Wege, dass man jetzt noch von ihr Leistungen sah, die Achtung verdienen,
die aber Andere eben so gut aufweisen konnten. Man versteht eher, dass
eine gewaltige Kraft g&nzlich zusammenbricht, als dass sie sich in die goldene
Mittelmassigkeit verliert. Das jtingere Geschlecht kam auf den Gedanken,
dass die alteren die Verdienste der S. tibertrieben h&tten.
Auf der Generalversammlung der Goethe -Gesellschaft im Jahre 1895
brachte ein Verehrer, der sich der M. S., wie sie vierzig Jahre frtiher gewesen
war, sehr genau erinnerte, einen Toast auf sie aus und sie, sichtlich ergriflfen,
antwortete mit einer improvisirten Rede, in der sie die Summe ihres Lebens
zog, die Ideale, denen sie nachgestrebt, die Enttauschungen, die ihr bereitet
waren; in der edelsten Sprache zauberte sie wohl auch dem Zweifler ein Bild
von dem vor, was sie in ihrer Jugend gewesen.
Nach dem Tode ihres Sohnes hat M. S. schon bei Lebzeiten einen
grossen Theil ihres Vermogens zu einem in Weimar errichteten Asyl ftir in-
valide Mitglieder der Btihnengenossenschaft gewidmet und von Todes wegen
diese Gabe noch erheblich erhoht. Sie hat sich auch dadurch ein unvergess-
liches Andenken gestiftet.
Literatur: Eine Biographie von M. S., die von den Angehtfrigen der KUnstlerin mit
Material reichlich versehen ist, ist von O. F. Gensichen ausgearbeitet und ihr Erscheinen
steht bevor.
Alexander Meyer.
Linde, Antonius van der, Bibliothekar und Schriftsteller. * am 14. No-
vember 1833 zu Haarlem, f am 13. August 1897 zu Wiesbaden. — Nachdem L.
den Unterricht der Gelehrten Tobias Knuivers und Dirk Harting zu Enkhuizen
genossen, legte er am 5. April 1853 seine Prtifungen ab; im Jahre 1855 wandte
er sich den theologischen Studien zu, die er in Leyden vollendete. 1859
wurde er Pastor einer reformierten Gemeinde, legte aber das Amt schon
nach zwei Jahren nieder und wohnte von 1861 ab auf seinem Landgut
Winkelsteeg bei Nymwegen. Von hier begab er sich dann nach Gottingen,
von wo er nach Erwerbung des Doktorgrades (1862) wieder in seine Heimat
zunickkehrte , jedoch keineswegs, um sich hier der Musse hinzugeben, wie
die grosse Zahl seiner Schriften beweist. Ob ihn sein 1870 erschienenes
Werk »De Haarlemsche Costerlegende«, in dem er seinen Landsleuten gegen-
tiber nachwies, dass nicht Laurens Coster, sondern Gutenberg die Buchdruck-
kunst erfunden habe, und die dadurch hervorgerufenen Controversen, oder
aber seine Begeisterung ftir die deutsche Sache(i87i) nach Deutschland
drangten, darliber divergieren die vorhandenen Quellen; es dtirfte aber der
van der Lindc. Malcher.
257
Wahrheit mehr entsprechen den ersteren Grund flir den maassgebenden 211
halten, denn seine scharfe, in Angriff und Vertheidigung gleich spitzige Feder
war wohl geeignet, Anstoss zu erregen. L. wandte sich nach Berlin, wo er
sich dem Studium des Sanskrit eifrig hingab — dessen er zum Quellen-
studium fiir die Geschichte des Schachspiels bedurfte — und in der Koniglichen
Bibliothek Aufnahme fand. 1876 wurde er zum Bibliothekar der Landes-
bibliothek in Wiesbaden ernannt und start) im Alter von 64 Jahren in seiner
zweiten Heimath als Oberbibliothekar a. D. Er versuchte sich auf vielen
Gebieten und wandte seine Thatigkeit mit Vorliebe Personen und Gegen-
standen zu, die von Anderen nicht beachtet oder falsch beurtheilt worden
waren. Fiir die Geschichte des Schachspiels gehort er zu den besten und
ergiebigsten Quellen; seine Hauptthatigkeitaber entwickelte er in der Biblio-
graphic, in der er so manches Gebiet erschopfend behandelte. Am meisten
Aufsehen erregte seine schon erwahnte »Costerlegende«, deren Vorarbeiten
auch spateren Werken zugutekamen: »Gutenberg«, »Quellenforschungen zur
Erfindung der Typographies »Geschichte der Erfindung der BuchdruckkunsU;
auf Grund der letztgenannten Arbeit wurde er auch mit dem Titel eines Pro-
fessors ausgezeichnet. — Die Zahl seiner Schriften ist eine enorme. In der
1885 erschienenen »Selbstbibliographie« fuhrt er 221 Werke und Aufsatze an,
bezliglich deren hier auf dieses Buch verwiesen werden kann; von den
Werken seiner letzten Lebensjahre seien noch erwahnt: »Geschichte der Er-
findung der Buchdruckkunst.« 3 Bde. Berlin, 1886. »Bijdrage tot de ge-
schiedenis der Boekdrukkunst.« Gent, 1887. »Kaspar Hauser. Eine neu-
geschichtliche Legende.« 2 Bde. Wiesbaden, 1887. »Michael Servet, een
brandoffer der geref. inquisitie«. Gron., 1890. » Antoinette Bourignon. Das
Licht der Welt.« Leyden, 1895.
Quellen : Die betr. Artikel in : Ad. Hinrichsen, Das literar. Deutschland, Frederiks und
Branden, Biograph. Woordenboek etc.; ferner Centralblatt f. Bibl.-Wesen, XIV, S. 436 und
die vom Oberbibliothekar in Wiesbaden freundlichst zur VerfUgung gestellte Selbstbiogra-
phie Linde's.
H. Bohatta.
Malcher, Franz Xaver, Bibliothekar, * am 3. Dezember 1835 zu
Fulnek in Mahren, f am i2.Februar 1897 zu Wien. — M. war der Sohn
eines Kratzenerzeugers fiir Tuchfabrikanten. Er besuchte zunachst die Volks-
schule seines Heimathsortes ; von hier kam er nach Leipnik in die damals
sogenannte vierte Klasse; darauf absolvierte er das Gymnasium in Troppau,
ebenso wie die niederen Schulen durchwegs mit vorzliglichem Erfolg; die
Gabe des Gesanges, mit der ihn die Natur beschenkt, vernachlassigte er
dariiber nicht. Die Zeit von 1854 bis 1856, welche Missernte und grosse
Theuerung brachte, drohte dem Lerneifer des Junglings ein jahes Ende
zu bereiten; um sein Studium nicht aufgeben zu mtissen, verlegte er sich
auf das einzige Mittel der Selbsthilfe, die Ertheilung von Unterricht, auf
die er vollends angewiesen war, als bald, nachdem er die Wiener Univer-
sity bezogen, 1859 sein Vater starb und eine Wittwe mit fiinf noch un-
versorgten Kindern hinterliess. An der Hochschule machte^ M. die Ge-
schichte und die klassische Philologie zu Gegenstanden seiner 'Studien, nach
deren Vollendung er Erzieher in verschiedenen Hausern wurde, so bei Frei-
herm von Bees, dem Grafen Llitzow u. s. w. 1870 eroffnete sich ihm das
Haus des Erzherzogs Carl Ferdinand, wo er die Prinzen Erzh. Friedrich,
Eugen, Carl Stefan, sowie die Prinzessin Erzh. Maria Christine — gegenwartig
Blogr. Jahrb. u. DeuUcher Nekrolog. 2. Bd. I 7
258 Malclier. Grossherzogin Sophie von Sachsen.
Konigin von Spanien — unterrichtete. Nachdem er fast siebcn Jahre in
dieser Stellung zugebracht, wurde er im Februar 1877 in Anerkennung seiner
eifrigen Dienstleistung Archivar des erzherzoglichen Hauses und im September
1884 nach dem Tode des ehemaligen Universitats-Professors Dr. Moritz
Thausing dessen Nachfolger als Bibliothekar der »Albertina« in Wien. 1894
wurde er mit dem Titel eines Regierungsrathes ausgezeichnet. — M.'s soliden,
bescheidenen Charakter schatzten AJle, die mit ihm zu verkehren hatten;
Erzherzog Friedrich ausserte sich beim Leichenbegangnisse gegen den Bru-
der des Verstorbenen : »Ich verliere in ihm einen zuverl&ssigen, auf-
richtigen, treuen Beamten«. — Im Friihjahre 1884 wurde er von den Erz-
herzogen Albrecht und Wilhelm mit der Herausgabe der ausgewahlten Werke
des Erzherzogs Carl betraut. Er verfasste ferner eine Biographie des Herzogs
von Sachsen-Teschen, des Begriinders der »Albertina«: »Herzog Albrecht zu
Sachsen-Teschen bis zu seinem Antritt der Statthalterschaft in Ungarn
1738 — 1766. Eine biographische Skizze. Wien, 1894* und eine Biographie
des Erzherzogs Albrecht in den »BiogTaphischen Blatterru. Seine Schriften
zeigen nicht nur liebevolle Auffassung und Behandlung der Stoffe, sondern
auch historische Treue und sorgfaltige Benutzung der Quellen, unter denen
ihm ja die besten im erzherzoglichen Archive zur Verfligung standen.
Nach freundlichen Mittheilungen Rudolf Malchcr's in Baden bei Wien und des Custos
der »Albertina«, Dr. Jos. Meder.
H. Bohatta.
Grossherzogin Sophie von Sachsen, konigliche Prinzessin der Nieder-
lande, * am 8. April 1824 im Haag, vermahlt am 8. October 1842, f am
23. Marz 1897 zu Weimar. — Die Grossherzogin Sophie von Sachsen, eine Toch-
ter des Oranisch-Nassauischen Hauses, war ganz und gar eine FUrstin. Unmittel-
bar unter dem Eindruck der Nachricht von ihrem Tode sagte eine deutsche
Ftirstin von ihr, dass sie wohl befahigt gewesen sei, wie Maria Theresia tiber
Millionen zu herrschen, ein Ausspruch, den scharf urtheilende Manner, die
der Grossherzogin seit Jahren nahe gestanden und sie von sehr verschiedenen
Standpunkten aus zu beurtheilen Gelegenheit gehabt hatten, bestatigt 'haben.
Solche Herrscher-Beiahigung lasst sich nicht anlernen, sie ist eine Begabung,
oft das Ergebniss der Abstammung. Jedenfalls vereinigte die Grossherzogin
Sophie in sich in besonderem Maasse die hohen fiirstlichen und staatsmanni-
schen Eigenschaften, die den Ruhm des Oranischen FUrstenhauses, eines
Wilhelm I., eines Moritz, eines Wilhelm II. von Oranien begrtindet haben:
»was in ihrem Wesen vorbildlich und unvergleichlich, grossartig und einzig
war, liegt tief begrtindet in ihrer oranischen Art und wurzelt in ihrer orani-
schen Abstammung« (Kuno Fischer). Aber Erziehung hat sicherhch nicht
wenig dazu beigetragen, diese Befahigung zur Entwickelung zu bringen, die
Erziehung im elterlichen Hause, noch mehr die Erziehung, die sie selbst als
Erbgrossherzogin und Grossherzogin bestandig an sich austibte.
Die Grossherzogin S. war die einzige Tochter des Prinzen Wilhelm von
Oranien, seit 1840 Konig Wilhelm II. der Niederlande, und der Grossfurstin
Anna Paulo^a von Russland. Ihre Kindheit verfloss zumeist in dem Schloss
Soestdyk, das das Land ihrem Vater nach der Befreiung der Niederlande von
der franzosischen Herrschaft dargebracht hatte. Ihre ersten nachhaltigen poli-
tischen Eindriicke werden zuruckzuflihren sein auf den Aufstand in BrUssel
und auf den Feldzug des Vaters, der siegreich die niederlandischen Truppen
Grossherzogin Sophie von Sachsen. 250
in Belgien vorwarts fuhrte, bis er sich vor der bewaffneten Intervention Frank-
reichs zurtickziehen musste. Beide Eltern hatten sich sorglich der Erziehung
der Tochter angenommen; besonderen Einfluss hat auf die Entwickelung ihrer
politisch-fiirstlichen Sinnesart der lebhafte und anregende Verkehr mit dem
Vater gehabt Die junge, kaum erwachsene Prinzessin begleitete diesen nach
der Thronbesteigung vielfach auf seinen Reisen im Lande; ihr Geist stark te
und weitete sich im Verkehr mit politisch hervorragenden Personlichkeiten
und in der grundlichen Beobachtung der Einrichtungen und des wirthschaft-
lichen Verkehrs des niederlandischen Reiches, das durch seine iiberseeischen
Besitzungen ungleich grosseren und lebensvolleren Antheil an der Weltpolitik
hatte, als mancher umfang- und bevdlkerungsreichere Festlandsbinnenstaat.
Eine echte Tochter der Niederlande, liebte die Grossherzogin S. das Meer,
die machtig aufrauschende Fluth, die weiten Horizonte, und ihre Individuality
war durchzogen von jenem frischen, kraftigenden Hauch der Meerluft, der den
Blick und die Thatkraft scharft. Mit dem Vater stand sie bis zu seinem
Tode (1849) in einem wesendich politische Vorkommnisse und Erorterungen
umfassenden Briefwechsel.
Am 8. April 1842 hatte im Haag die Verlobung der Prinzessin S. mit
dem damaligen Erbgrossherzog Carl Alexander von Sachsen stattgefunden, der
am 8. October desselben Jahres die Vermahlung folgte. Das junge Paar
fuhrte in dem ersten Jahrzehnt ein durch die Pflege kiinstlerischer und schon-
geistiger Interessen und die sorgfaltige Erziehung seiner Kinder: Erbgross-
herzog Carl August (geb. 1844, gestorben 1894), Prinzessin Marie (geb. 1849,
verm&hlt 1876 mit dem Prinzen Heinrich VII. Reuss), Prinzessin Anna (geb.
1 85 1, gest. 1859), Prinzessin Elisabeth (geb. 1854, vermahlt 1886 mit Herzog
Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin) vertieftes Stillleben, doch wurden
auch gr6ssere Reisen nach Russland, England, Italien unternommen: ein fast
halbjahriger Aufenthalt in Italien bot erwunschte und eifrig benutzte Gelegen-
heit zu ernsten Kunststudien. Denn auch ein feines und tiefes Kunstverstand-
niss hatte die Prinzessin aus dem elterlichen Hause mitgebracht.
Am 8. Juli 1853 iibernahm nach dem Tode seines Vaters Carl Friedrich
Grossherzog Carl Alexander die Regierung des Weimarischen Staates. Damit
vollzog sich natlirlich auch eine bedeutende Wandelung in den Aufgaben und
Pflichten der Grossherzogin S. Sie ist immer eine aufmerksame Beobachterin
der Vorkommnisse auf dem Gebiete der europaischen und der inneren deut-
schen Politik gewesen und hat selbstverstandlich lebhaftesten Antheil genom-
men an den Angelegenheiten des Landes, ohne einen unmittelbaren Einfluss
auf sie auszutiben. Sie war dadurch, als in Folge der Abwesenheit des Ge-
mahls und des Sohnes wahrend des deutsch-franzosischen Krieges die Regent-
schaft ihr tibertragen ward, befahigt, mit voller Sachkenntniss die Regierungs-
geschafte zu flihren, mit einer Klarheit und Sicherheit des Urtheils, die
staunende Bewunderung der Rathe erweckte. Aber sie brachte noch mehr
mit, den Fleiss, die Pflichttreue, das Verstandniss fur die technischen Er-
fordernisse der Regierungsthatigkeit und jenen feinen Takt, der vorahnend
das Richtige treffen lasst, das Richtige in Bezug auf die Ziele und das Rich-
tige in Bezug auf die Mittel, wie sie zu erreichen sind, vor Allem jene ftir
fiirstliches Wirken wichtigste Gabe: die F&higkeit zur sorgfaltigsten, aber ver-
schwiegenen Vorbereitung ihrer Plane. Der erste slusserlich wahrnehmbare
Schritt bei Allem, was sie that, war schon ein Glied einer im Stillen langst
vorbereiteten Folge, so dass nichts dem Zufalle liberlassen blieb. Ein Wort
17*
260 Grossherzogin Sophie von Sachsen.
aus einem ihrer Briefer »il faut agir en parlant le moins possible* ist be-
zeichnend fiir diesen hochst charakterischen Zug; sie war sich desselben und
seiner Bedeutung als eines Erbtheils Wilhelms des Schweigers wohl bewusst:
»vous voyez, que mon origine se fait valoirc setzt sie jenem Worte hinzu.
Natttrlich hat sie ihre hervorragende Begabung ftir ein grosses fiirstJiches
Walten nicht erst und nicht allein in den wenigen Monaten bekundet, in
denen sie die Regierung im Grossherzogthum Sachsen fiihrte. Die fiirsdichen
Frauen vermogen heute auf den weiten Gebieten der Wohlfahrtspflege eine
tief eingreifende Th&tigkeit zu entfalten, die an ihre Arbeitskraft und an ihre
Arbeitsfkhigkeit grosse Aufgaben stellt. Die Grossherzogin S. war sich dessen
wohl bewusst und hat ftir Wohlfahrtszwecke in hervorragendem Maasse gewirkt.
Das Grossherzogthum Sachsen besitzt seit dem Jahre 1817 das »Patriotische
Institut der Frauen vereine«, eine Schdpfung der damaligen Erbgrossherzogin
Maria Paulowna, die bestimmt war, die Unterstiitzung armer, arbeits-
unfahiger Personen, die Krankenpflege, die Hilfeleistung in Nothst&nden,
die Erziehung und Ausbildung der weiblichen Jugend nicht nur in Hand-
arbeit, sondern auch in Haushaltungsdingen zu leiten. Im Jahre 1859,
nach dem Tode der Grossherzogin Maria Paulowna, trat die Grossherzogin
S. an die Spitze dieses Institute und hat dasselbe in der umsichtigsten und
zweckmassigsten Weise weiter zu entwickeln verstanden. Sie hat in dem, was
die Zeit bewegte, stets das berechtigte und deshalb dauerverheissende von
dem falschen und deshalb verganglichen zu sondern gewusst, ohne sich tiber
die Kurzlebigkeit scheinbarer glanzender Erfolge zu t&uschen. Aus ihrer An-
regung heraus und unter ihrer unmittelbarsten personlichen Leitung sind statt-
liche Anstalten fiir weibliche Erziehung, vor Allem ftir Krankenpflege, im
Grossherzogthum Sachsen entstanden. Die (iberaus segensreiche Entwickelung
der in so vielen Richtungen wohlthatig wirkenden Gemeindepflege lag ihr vor-
nehmlich am Herzen. Ein von ihr gegrtindetes Haus zur Ausbildung von
Krankenpflegerinnen bildet den Mittelpunkt fiir ein Netz von Stationen ftir
Gemeindepflege im Lande. Wie sehr der Werth dieser Schdpfung gewtirdigt
wird, zeigt, dass im Landtag des Grossherzogthums nach ihrem Tode die
ansehnliche Summe von 150000 Mark zur Vermehrung der Fonds flir die
Gemeindepflege ohne Widerspruch bewilligt ward. Neben diesem Kranken-
hause errichtete die Grossherzogin ein Kinderheilbad , in dem viele hundert
bedilrftige Kinder jahrlich Starkung und Genesung finden, und genehmigte
noch in ihren letzten Tagen die Anlegung einer Volksheilstatte fiir Lungen-
kranke.
Wer die Grossherzogin beobachten, sehen konnte, wie sie alle die man-
nichfaltigen Aufgaben einer ungemein ausgedehnten Verwaltung, die ihrer
eigenen Besitzungen mit eingezogen, mit der grossten Sorgfalt verfolgte, in
die technischen Einzelheiten des Unterrichtes in den Handarbeiten wie in die
Detailfragen baulicher Constructionen sich vertiefte, und dann aus grtindlicher
Sachkenntniss die richtigen Entscheidungen traf, konnte ihr bewundernde
Anerkennung nicht versagen. Aber sie war nicht bios eine bedeutende Lei-
terin, sie war eine berufene Organisatorin, die es verstand, die Menschen zur
Thatigkeit im Dienste grosser Ideen anzuregen. Wodurch sie auf andere
wirkte, das war im letzten Grund das Beispiel, das sie gab, das Beispiel rast-
loser Arbeit an sich selbst, einer stetigen Selbsterziehung, grosster Selbst-
beherrschung und einer unvergleichlichen Selbstlosigkeit. Ihre Pflichten er-
fiillen zu dtirfen — und den Kreis derselben erweiterte sie immer mehr — ,
Grossherzogin Sophie von Sachsen. 261
empfand sie, nach ihrem eigenen Worte, als eine Wohlthat Dass dne so
ernste Auffassung ihrer Individualist einen strengen Zug geben musste, ist
begreiflich, aber doch bewahrheitete sich auch an ihr, wenn sie schreibt: »Das
Bewusstsein, das anvertraute Leben ntitzlich ausziiftillen, den christlichen
Pflichten nach bestem Wissen und Konnen nachzukommen bestrebt zu sein,
gewahrt eine Freudigkeit, die schwere Erfahrungen und Priifungen nicht zu
trtiben vermogen«. Bittern Schmerz hat ihr der Tod des Sohnes bereitet,
einen Schmerz, der die Krafte des KSrpers verzehrte, aber die Freudigkeit
in ihrem Wirken vermochte er nicht zu trtiben.
Die Grossherzogin war eine Freundin der Literatur und der Kunst von
Jugend auf und bald eine wohlbewanderte Kennerin der geistigen Erzeugnisse
der Culturvolker. Die Grlindung der deutschen Shakespeare-Gesellschaft (1864)
ist wesentlich durch ihr thatiges Eingreifen schon bei den Vorarbeiten zu
Stande gekommen. Als Protektorin derselben hat sie ihr bis zu ihrem Tode
stetes Interesse und werkthatige Forderung zugewendet. Mancher Schrift-
steller, mancher Ktinstler hat bald in dieser, bald in jener Form ihre wohl-
wollende Theilnahme erfahren, die sie mit edlem Zartgeflihl bethatigte. Am
Abend ihres Lebens war es ihr beschieden, ihre voile organisatorische Kraft
auch auf literarischem Gebiete zu bewahren und eine Schopfung in das Leben
zu rufen, die ihrem Namen in der Geschichte deutscher Geistesarbeit einen
unverganglichen Ehrenplatz sichert. Das Testament des letzten Goethe (gest.
15. April 1885) liberwies ihr die literarische Nachlassenschaft des Dichters.
Eine grosse Aufgabe, die sie gross gelost hat. Nur wenige Wochen und ihre
anfanglich durch die grosse Verantwortung, die ihr diese Erbschaft auferlegte,
unruhig bewegten Anschauungen liber das, was zu thun sei, haben bereits
eine feste, klare Gestalt gefunden. In einer Niederschrift vom 5. Mai 1885
bestimmt sie, dass das Goethe -Archiv »alsbald mit Rticksicht auf ktinftige
Veroffendichungen wissenschaftlich durchforscht und sein gegenwartiger Werth
vom Standpunkt der Goethe- Wissenschaft festgestellu werde: eine umfassende
Goethebiographie, die Herausgabe einer grossen, abschliessenden Ausgabe der
Werke waren die Ziele, die sie stellte und zu deren Verwirklichung sie auch
hier mit strenger Folgerichtigkeit und wahrhaft flirstlicher Freigebigkeit alles
Erforderliche anordnete. Die Goethe-Gesellschaft wurde noch im selben Jahre
auf ihre Anregung begriindet, und auch in dieser »ist vom Stiftungstage an
nichts wichtigeres geschehen, an dem sie keinen warmen, forderlichen Antheil
durch Wort und That genommen hatte« (Erich Schmidt). Das Goethe- Archiv
erweiterte sich bald durch die hochherzige Schenkung der Freiherren v. Glei-
chen-Russwurm zum Goethe- und Schiller-Archiv, durch kostbare Erwerbungen
seitens der Flirstin und werthvolle, der Anstalt von alien Seiten dargebrachte
Gaben zu einer Sammelstatte fiir die Denkmale der neuen deutschen Literatur
tiberhaupt, Schatze, flir deren Aufbewahrung die Grossherzogin entsprechend
ihrem schon in den ersten Tagen nach Antritt der Goethe'schen Erbschaft
gefassten Plan, ein monumen tales Bauwerk errichtete, dessen feierliche Ein-
weihung sie am 28. Juni 1896 vollzog.
Den politischen Angelegenheiten Deutschlands wandte die Grossherzogin
S. namentlich seit dem Kriege von 1870/71 das lebhafteste Interesse zu. Eine
Natur von starkem, politischem Geprage, eine Oranierin, aufgewachsen in
dem kraftvollen nationalen Bewusstsein der Niederlander, hatte sie angesichts
der grossen Bewegung, die durch ganz Deutschland ging, die Tiefe und Be-
deutung unserer nationalen Bestrebungen verstehen und damit auch lieben
262 Grossherzogin Sophie von Sachsen. von Sachs.
gelernt. In der heiligen Gluth jenes Jahres war Alles, was etwa noch fremd-
landisch in ihr war, geschmolzen und sie eine deutsche Fiirstin geworden,
voll lebhafter unmittelbarster Antheilnahme an den Vorgangen auf politischem,
wirthschaftlichem und kirchlichem Gebiete. Eine echte Oranierin, stand sie
fest in dem Bekenntniss zum evangelischen Glauben und war eine entschie-
dene Gegnerin des Ultramontanismus. Als Niederlanderin bewahrte sie sich
in dem Eifer, mit dem sie die Bedeutung (iberseeischer Besitzungen fur
Deutschland voll wiirdigte, von Anfang an die Bestrebungen, Deutschland den
Besitz von Colonien zu verschaffen, in nachdriickiichster Weise forderte.
Am 8. October 1892 beging das Grossherzogliche Paar die Feier der
goldenen Hochzeit in festlicher Weise, aufs Herzlichste begrlisst von der
dankbaren Bevolkerung des Landes und dem Kreise der deutschen Fiirsten.
Am 23. Marz 1897, am Tage nach der Centennarfeier Kaiser Wilhelms, zu
der sie noch Abordnungen empfangen hatte, um ihrer herzlichen Antheil-
nahme an der allgemeinen vaterlandischen Feier Ausdruck zu geben, endete
ein sanfter Tod ihr bedeutendes Leben.
Kuno Fischer: Kleine Schriften, Grossherzogin von Sachsen. — P. v. Bojanowski:
Grossherzogin Sophie von Sachsen, Westermann's Monatshefte (November 1897). — Bericht
liber die 31. General versammlung des Vaterlandischen Frauenvereins in Berlin 1898. — Jahr-
buch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft, Bd. XXXI I L — Hebbel's Briefwechsel, Bd. II,
S. 600 ff. — Erich Schmidt: Jahrbuch der Goethegesellschaft, Bd. XVIII.
P. von Bojanowski.
Sachs, Julius von, Universitatsprofessor der Botanik, * am 2 Oktober 1832
in Breslau, f am 29. Mai 1897 in Wtirzburg. — Am Morgen des 29. Mai 1897
verschied nach kurzem Krankenlager, aber langjahrigen Leiden der grosse
Pflanzenphysiologe Geheimrath Julius v. Sv dessen Name mit unverganglichen
Lettern in der Geschichte seiner Wissenschaft verzeichnet ist, dessen hervor-
ragende Bedeutung weit liber den Kreis seiner engeren Fachgenossen hinaus
anerkannt wurde und dessen Tod eine unausfullbare Liicke in die Reihen
der Naturforscher gerissen hat. Mit ihm ist der Mann dahingegangen, der
die Pflanzenphysiologie nicht nur begriindet, sondern ihr auch die fur viele
Jahre herrschende geachtetste Stellung in der Botanik, sowie die] hochste
Achtung und Berticksichtigung in den tibrigen Zweigen der Naturwissen-
schaften errungen hat und zwar zu einer Zeit, in der von sehr vielen be-
deutenden Botanikern diese Richtung ftlr agrikulturchemisch aber nicht fur
botanisch gehalten wurde. In Verbindung mit einigen andern Botanikern hat
er seine Wissenschaft auf eine auch in Deutschland bisher nie erreichte H6he
gebracht, die Augen der ganzen naturwissenschaftlichen Welt hat er auf sich
gelenkt, und Schliler aus alien Theilen der Erde haben die Ideen des
Meisters mit heimgenommen in ihr Vaterland und dort erfolgreich ausgebaut
und erweitert.
Der aussere Lebenslauf dieses bedeutenden Mannes weicht ziemlich er-
heblich von dem sonst meist ruhig dahinfliessenden der Manner der Wissen-
schaften ab, besonders wahrend der Zeit der Lehrjahre. S. wurde in Breslau
als der zweite Sohn eines Graveurs geboren. Die pecuniaren Verhaltnisse
seiner Eltern waren durchaus keine guten. Als sie daher nach kurzem Auf-
enthalt in Namslau wieder nach Breslau tibersiedelten, konnten sie dem hoch-
begabten Knaben nur den Unterricht in der Seminarschule zu theil werden
lassen. Diesen genoss er vom 8. bis 12. Jahre, doch war derselbe durchaus
nicht ein ihn auch nur einigermaassen befriedigender. Um so begliickter
von Sachs. 263
war er aber, als es den unablassigen Bemlihungen seiner Mutter gelang, ihm
den Besuch des Gymnasiums zu ermoglichen, ein Vorzug, der keinem seiner
Briider zu theil wurde. Im Jahre 1845 trat er *n das Elisabethanum ein, in
dem es ihm gelang, nicht nur bis zum Jahre 1849 die Obersecunda zu er-
reichen, sondern auch wahrend dieser Zeit als der erste in den Klassen
mehrfache Schulpramien als offentliche Anerkennung seines Fleisses zu er-
h alt en. Gleichwohl Hess ihm die Schulzeit Musse genug, seiner schon frtih
erwachten und durch mehrfachen Aufenthalt auf dem Lande genahrten Vor-
liebe ftir die Naturwissenschaften nachzugehen. Gefordert wurden diese Nei-
gungen weiter durch den gliicklichen Umstand, dass zunachst sein alterer
Bruder, dann auch er selbst mit den Sfthnen des in der Nachbarschaft
wohnenden grossen Experimentalphysiologen Purkinje bekannt wurde. Die
naturwissenschaftlichen BUcher, die er auf diese Weise geliehen erhielt, regten
seine Phantasie ausserordentlich an, und das Interesse, das die Spielkameraden
ftir naturwissenschaftliche Sammlungen hatten, forderte auch das seinige. Er
lernte von ihnen Pflanzen pressen und begann nun, mit grossem Eifer Feld
und Wald zu durchstreifen , Pflanzen zu sammeln und zu bestimmen, und
— vielfach dabei von seinem Vater unterstutzt — ein Herbarium anzulegen.
Diese mit grosser S org fait zusammengebrachte Sammlung umfasste schon
gegen 300 Arten, als sie ihm gestohlen wurde. Dieser Verlust, der ihm den
ersten grossen Seelenschmerz seines Lebens bereitete, ging ihm so nahe, dass
er ihm die Botanik ftir langere Zeit verleidete. Er konnte sich nicht dazu
entschliessen, eine neue Sammlung der Breslauer Flora anzulegen, ja er be-
gann erst wieder Pflanzen zu sammeln, als es ihm in Wtirzburg darauf an-
kam, Herbar- und Demonstrationsmaterial fiir die Vorlesungen herzustellen.
Dagegen wandte er sich dem zoologischen Gebiete zu und brachte ausser
einer Insektensammlung auch eine solche von Schadeln zusammen. Dabei
wurde diese Seite der Begabung des jungen S. von der Schule aus in keiner
Weise untersttitzt. Der naturwissenschaftliche Unterricht wurde in durchaus
unzureichender Weise und keineswegs anregend ertheilt. Ja, der Lehrer ftir
dieses Fach, rieth — mit den positiven Beweisen fiir die ausserordentlichen
Fahigkeiten des Schiilers in den Handen — diesem dringend ab, sich den
Naturwissenschaften zu widmen; da gabe niemand einen Groschen ftir! —
Wie weit ware wohl jetzt die Pflanzenphysiologie, hatte der SchUler den
Rath des Lehrers befolgt! Und es waren wirklich schlagende Beweise ernster
Studien, nicht etwa dilettantenhafte Liebhabereien , denen der junge Auto-
didakt sich widmete. Der Vater hatte ihm einen griindlichen Zeichenunter-
richt ertheilt, und beim Zeichnen und Malen der mannichfachsten Naturgegen-
stande — wie Pilze, Blumen, Thiere — tibte und scharfte er nicht nur seine
ktinstlerische , sondern auch seine naturwissenschaftliche Begabung. Neben-
her gingen praktische Anatomirtibungen an den verschiedensten Thieren, so-
wie theoretische Studien, denen er einen Theil seiner Nachtruhe opferte.
Zu jenen Studien gehorte auch das der naturphilosophischen Schriften Oken's,
die er mit grossem Eifer in sich aufnahm; sie haben ihm jedoch, so meinte
er spater, nichts geschadet. Vor alien Dingen aber muss hier eine von ihm
verfasste langere Abhandlung »Die Monographic des Flusskrebses« erwahnt
werden. Das Manuskript ist noch jetzt vorhanden. Es ist mit zahlreichen
Zeichnungen versehen, von denen eine ganze Zahl geradezu ktinstlerisch
ausgefuhrt ist. Sein Inhalt ist im Grossen und Ganzen dem jetzigen Stande
der zoologischen Wissenschaft noch heute entsprechend. Und diese Arbeit
264 von Sachs.
wurde ausgefiihrt von einem jungen Obersekundaner, der die Zeit hier-
fiir zwischen den Schulstunden fand! Inzwischen war der Gymnasiast durch
seine Schulgefahrten in Purkinje's l) Haus eingefiihrt worden und zu letzterem
in nahere Beziehung getreten. Dieser hatte die Begabung des Knaben sehr
bald erkannt und ihn mehrfach zur Anfertigung wissenschaftlicher Zeichnungen
herangezogen. Diese nahere Bekanntschaft wurde ihm von Nutzen, als im
Jahre 1848 erst der Vater und im folgenden Jahre auch die Mutter gestorben
waren, und der i7Jahrige junge Mann nun verwaist und viillig mittellos sich
bemiihte, durch Lithographiren, sowie durch Zeichen- und Malunterricht sich
die Mittel nicht nur zum Lebensunterhalt , sondern auch zur Fortsetzung
seiner Gymnasialstudien zu erwerben. Das war nicht leicht, aber es gelang
ihm doch einigermaassen, zumal ihn auch der Bruder etwas unterstiitzte, in-
dem er ihm zu seinen Studien eine allerdings nicht heizbare Dachkammer
anwies. Unter diesen schwierigen Verhaltnissen kam es ihm daher recht ge-
legen, als Purkinje im Jahre 1850 die Aufforderung an ihn richtete, nach Prag
Uberzusiedeln und gegen ein Gehalt von 100 Gulden und freier Station die
Stelle eines Privatassistenten zu tlbernehmen. S. stimmte sofort zu und nach-
dem auch die Vormundschaft schliesslich ihre Einwilligung gegeben hatte,
traf S. am 14. Februar 1851 in Prag ein und fand in der Familie Purkinje's
Aufnahme. Doch zu einer freundlichen Heimat wollten sich ihm das
Purkinje'sche Haus nicht gestalten, da Lehrer und Schtiler zu eigenartige
Naturen waren, die sich menschlich viel zu fern standen, um eine herzliche
Annaherung aufkommen zu Iassen. S. hat nie verhehlt, welche Achtung er
vor der Genialitat Purkinje's hatte und dass er ihm vieles verdankte, er hat
es aber auch nicht verschwiegen, welche schwere Arbeit er im Dienste Pur-
kinje's leisten musste, so dass er wohl mehr gegeben, als empfangen hat Und
niemals hatte er sich trotz seiner gewissenhaftesten Anstrengungen, trotz vor-
ztiglicher Leistungen auch nur eines Wortes der Anerkennung und der Theil-
nahme oder gar der Ermuthigung und des Lobes zu erfreuen. Im wesent-
lichen bestand seine Thatigkeit in der Herstellung von Wandtafeln fiir den
Unterricht und Zeichnungen nach mikroskopischen Praparaten, die er zum
Theil direkt auf dem Stein ausfiihrte; doch gewann er auch durch den
Aufenthalt in dem Laboratorium des Begriinders der experimentellen Physio-
logic eine eingehende Kenntniss von den Forschungsmethoden und von der
Art und Weise des experimentellen Arbeitens, die ihm in spateren Jahren
ausserordendich zu Statten kam. Zunachst allerdings benutzte er den Theil
seiner Zeit, der nicht den Arbeiten Purkinje1 s gewidmet war, zur Vorbereitung
fiir die Maturitatsprtifung und nachdem diese im Herbst 1851 mit sehr gutem
Erfolge bestanden war, zum Studium an der Universitat, zu dem er sich —
zum Gliick fiir die Wissenschaft! — nach langem Schwanken, ob er nicht
lieber naturwissenschaftlicher Zeichner bleiben solle, entschlossen hatte.
Aber wie als Schtiler, so ging er auch als Studio seinen eigenen Weg.
Ein eifriger Kollegbesucher ist er nicht gewesen. Seine botanischen und
zoologischen Studien trieb er privatim, das Studium der Physik und Mathe-
matik ebenfalls ; das Vorlesen des Botanikers Kosteletzky war sogar dasjenige,
das am wenigsten einen Reiz auf ihn auslibte. Einen nennenswerthen Ein-
l) J. £. Purkinje hatte zuerst Philosophic, dann Mcdicin in Prag studirt und war von
1823 ab Professor der Physiologie und Pathologie in Breslau, von 1850 ab Professor der
Physiologie in Prag (gestorben zu Prag 1869).
von Sachs. 265
fluss auf ihn gewann dagegen der hervorragende Herbartianer Robert Zimmer-
mann. Durch diesen, dem der intelligente Student auffiel, und der ihn auch
in sein Haus zog, wurde die schon bei S. vorhandene Anlage zum Philo-
sophiren angeregt und vertieft, und durch ihn wurde er besonders zum Stu-
dium von Locke , Hume, Kant und Herbart veranlasst, und bis an sein
Lebensende gehfirte das Lesen philosophischer Werke zu den Lieblingsbe-
schaftigungen von S. Neben diesen mannigfachen Studien vernachlassigte er
jedoch auch keineswegs seine ktinstlerische Beanlagung und besonders in den
ersten Semestern priifte er sich beim Zeichnen im Antikensaal des Prager
Museums, ob er wohl Talent zum Maler hatte. Nach beendetem Triennium
bereitete er sich trotz seiner ungUnstigen pecuniSren Lage, die er durch
kleinere literarische Arbeiten, Anfertigung von Zeichnungen zu verbessern
suchte, zum Doctorexamen vor, das zu jener Zeit in Prag sehr schwierig und
vor allem sehr zeitraubend war. Im Sommer 1856 erfolgte die Promotion
zum Doctor der Philosophie, zu der der Druck einer Dissertation jedoch nicht
erforderlich war. Wenn wir daher eine Doctorarbeit von S. nicht besitzen,
so liegen uns aber doch eine grosse Zahl naturwissenschaftlicher Aufsatze aus
jener Zeit vor. Es sind das 18 Artikel, die in's Czechische tibersetzt in der
von Purkinje, der Seele der altczechischen Bewegung, gegriindeten Zeitschrift
»Ziva« veroffentlicht wurden. Die erste in deutscher Sprache erschienene
Arbeit war — abgesehen von einem Aufsatz in dem » Lotos « — eine Unter-
suchung tiber die Entwickelungsgeschichte einer Flechte (aus dem December
1853), die in der »Botanischen Zeitung* vom Jahre 1855 erschien. Es zeugt
von dem grossen Scharfblick des Studenten, dass er in dieser Arbeit schon
das symbiotische Verhaltniss zwischen den Pilzen und Algen, die die Flechte
zusammensetzen, erkannte, eine Entdeckung, die der junge S. allerdings noch
nicht aussprach, aber auch noch nicht aussprechen konnte, da erst 15 Jahre
spater auf Grund vieler und umfangreicher Untersuchungen dieses Resultat
sicher gestellt ward.
Da infolge der Verheirathung Emanuel Purkinje's der Raum im Hause
seines Lehrers zu eng wurde, bezog S. einige Zimmer im physiologischen In-
stitut, wodurch der tagliche engere Verkehr zwischen beiden ein Ende er-
reichte. Auch die immer intensiver werdenden czechischen Agitationen Pur-
kinje's und sein oflfen zur Schau getragener Deutschenhass trugen sehr viel
dazu bei, das Verhaltniss zu S., dessen Herz stets begeistert ftir nationale
deutsche Bestrebungen schlug, der ein gltihender Verehrer Bismarck's war,
noch mehr zu lockern. So zog er es denn schliesslich vor, sich ganz von
Purkinje zu trennen und seine Assistentenstellung aufzugeben. Er richtete
sich ein Hauslaboratorium ein, in dem er seine ersten physiologischen Unter-
suchungen begann, wahrend er sich gleichzeitig mit literarischen und zeichne-
rischen Arbeiten das Geld zum Lebensunterhalte verdiente.
Mit dem Auszug aus dem Purkinje'schen Laboratorium fallen auch seine
Bemtihungen wegen seiner Habilitation zusammen. Er wollte sich fur Pflanzen-
physiologie habilitiren und hatte deshalb verschiedene Schwierigkeiten zu iiber-
winden. Denn dieser Zweig der Wissenschaft existirte als selbstandiges Fach
noch nirgends, ja er wurde sogar, wenn er uberhaupt behandelt wurde, ganz
nebenbei abgethan. Besonders war er auch durch die Behandlung, die er in
Schleidens »Grundzligen der Botanik« erfahren hatte, bei der herrschenden
Generation durchaus in Misscredit gerathen. Jedenfalls gab es weder einen
dffentlichen Vertreter der Pflanzenphysiologie, noch waren Laboratorien oder
266 yon Sachs.
Instrumente zum fachgemassen Betrieb derselben vorhanden. Sie lag iiber-
haupt in einer Weise darnieder, dass ihm mit Recht der Ordinarius der Chemie,
Rochleder, den wohlmeinenden Rath gab, lieber etwas anderes als Pflanzen-
physiologie vorzutragen, da man damit ja doch in 2 bis 3 Stunden fertig sein
wurde. Schliesslich gelang es aber S. doch Dank der energischen Bemuhungen
mehrerer Ordinarien, die entgegenstehenden Schwierigkeiten zu beseitigen,
und so war denn S. nach seiner Habilitation im Wintersemester 1857 der
erste Vertreter des Faches, das ihm zu so grossem Ruhm verhelfen soilte.
Die Habilitationsschrift, die ein mehr physikalisches Thema, die Diffusion,
behandelte, ist im Druck nicht erschienen.
Eine wesentliche, von Erfolg begleitete Lehrthatigkeit hat S. als Privat-
docent nicht entfaltet, dagegen war er unermiidlich forschend thatig, indem
er nach Verbesserung der bisherigen mikrochemischen Methoden sich ein-
gehend, und Jahre hindurch die diesbezliglichen Untersuchungen fortsetzend,
mit den Erscheinungen bei der Keimung der Pflanzen beschaftigte. Er wies
darin nach, in welcher Weise die Umbildung und Wanderung der Stoffe
erfolgt, die in den Keimblattern enthalten sind; sie liefern bei der Keimung
das Material fur die Entwickelung und Ausbildung des Embryos, und es ist
sonach die Keimung gewissermaassen nur die Umgestaltung der in den Keim-
blattern vorhandenen Stoffe. Die dabei gewonnenen Resultate stellten ganz
neue Thatsachen fest und brachten Licht in bis dahin ganz unbekannte Vor-
gange. Diese Untersuchungen brachten ihn auch zur Ueberzeugung, dass es
moglich sein miisse, Landpflanzen mit Erfolg in wasserigen Losungen zu
cultiviren. Zwar waren schon mehrfach vor S. Pflanzen in salzhaltigen Wassern
gezogen worden, aber ohne grossen Erfolg. Erst von S. wurde die hohe
Bedeutung dieser Methode erkannt, und es wurde zuerst von ihm gezeigt,
dass es gelingt, in geeigneten wassrigen Losungen Landpflanzen vom kei-
menden Samen an so zu erziehen, dass sie sich normal entwickeln, unter
Vervielfaltigung ihres Samengewichtes alle Organe entfalten und schliess-
lich neue Samen hervorbringen, die wieder keimfahig sind. Anfangs sind
zwar diese Experimente stark angegriffen worden, bald aber wurden sie
von anderen Forschern mit dem gleichen Erfolge ausgefiihrt; die Methode
wurde etwas vervollkommnet und weiter ausgebildet und ist ja von ganz
ausserordentlicher Bedeutung fur die Land- und Forstwirthschaft geworden.
Durch die von S. angegebene Methode wurde die Ernahrungslehre der
Pflanzen begrtindet, und durch diese moderne Ernahrungstheorie haben ja
Land- und Forstwirthschaft einen vollstandigen Umschwung erfahren.
Inzwischen hatten sich fiir S. die Verhaltnisse in Prag zu recht unertrag-
lichen gestaltet. Die czechische Bewegung hatte ihren Hdhepunkt erreicht
und S. sah nicht nur ein, sondern man sagte es ihm auch direct, dass fur
ihn an einen materiellen Erfolg oder gar an ein Weiterkommen nicht zu
denken sei. Sehr gelegen kamen ihm daher die Bemiihungen des Chemikers
Hofrath Stockhardt in Tharandt, ihn fiir die landwirthschaftliche Abtheilung,
die seit 1830 mit der dortigen Forstakademie verbunden war, zu gewinnen.
Stockhardt hatte durch den Zoologen Stein, der frtiher in Tharandt gewesen
war, von den Wasserculturen S.'s erfahren und forderte ihn nun auf, sich zu
dem sachsischen Ministerium in einem langeren (spater auch seitens des
Ministeriums gedruckten) Aufsatze »Ueber den Nutzen der Pflanzenphysiologie
fiir agriculturchemische Anstalten* auszusprechen. Die von S. geheferte Ab-
handlung brachte ihm den Erfolg, dass er in das Laboratorium nach Tharandt
von Sachs. 267
berufen wurde. Er trat dort Ende Wkxz ein und hatte dort die Aufgabe,
seine in Prag begonnenen Versuche, Pflanzen ohne Erde in wassrigen Losungen
vom Samen an bis zur Fruchtreife zu erziehen, in Gemeinschaft mit Stock-
hardt fortzusetzen. Daneben besch&ftigten ihn aber auch unausgesetzt Unter-
suchungen auf anderen Feldem des physiologischen Gebietes. Er begann
seine Ideen tiber die Assimilationsfunktion der Chlorophyllkorper, der Ent-
stehung der Starke in denselben zu beweisen, wahrend er gleichzeitig wichtige
und fundamentale Thatsachen tiber die Function der Wurzeln sowie in bezug
auf die Transpiration zu Tage ffcrderte.
Im emsigsten Eifer war er taglich von frtih 4 Uhr an der Arbeit, fast
jeder Tag brachte ihm eine neue Entdeckung, auf dem einzig und allein
von ihm bestellten Acker, und eine grossere Zahl von Aufsatzen, die in den
» landwirthschaftlichen Versuchsstationen* veroffentlicht sind, legen Zeugniss
hierftir ab. UngestOrt von anderen Botanikem bot sich ihm auch weiter die
Moglichkeit dar, neue Gedanken experimentell zu prtifen und zu neuen Ent-
deckungen heranreifen zu lassen. Die Botaniker waren auf anderen Arbeits-
gebieten thatig, und Nageli erklarte sogar die Arbeiten dieser neuen Richtung
nicht fiir physiologische, sondern fiir agriculturchemische.
Ausser diesen Arbeiten widmete er sich in Tharandt, wo ihm seine
Stellung tlbrigens die Verpflichtung auferlegte, in landwirthschaftlichen Versamm-
lungen populare Vortrage zu halten, auch einem griindlichen Studium der
alteren pflanzenphysiologischen Arbeiten. Diese eingehenden Studien liessen
ihn die vollige Unzulanglichkeit der botanischen Lehrbticher erkennen, und
es entstand in ihm die Absicht, gemeinsam mit anderen Botanikern die ganze
Botanik neu zu bearbeiten.
Schon auf der Naturforscherversammlung in Wien 1856, wo er einen kur-
zen pflanzenphysiologischen Vortrag gehalten hatte, war er mit einigen Haupt-
vertretern der Botanik bekannt geworden, und im Jahre darauf hatte er den
genialen Hofmeister kennen gelernt. Ein Besuch wahrend des Weihnachts-
festes 1858 bei diesem in Leipzig hatte die Bekanntschaft erneuert und ver-
tieft, und seitdem sind beide bis zu Hofmeister's Tode (1877) durch das
Band der Freundschaft verkniipft im engsten wissenschaftlichen und gelegent-
lich auch personlichen Verkehr geblieben. Dem Freunde Hofmeister nun
machte er im Frtihjahr i860 den Vorschlag, dem modernen Stand punkt der
Wissenschaft entsprechend das Gesammtgebiet der Botanik in einem mehr-
bandigen Handbuch zu bearbeiten. Er selbst (ibernahm die Bearbeitung der
Physiologie, wahrend die tibrigen Gebiete unter Hofmeister, de Bary und
Irmisch vertheilt wurden.
Mit den ersten Vorarbeiten zur Physiologie beschaftigt, wurde er im
Wintersemester 1860/61 dazu ausersehen, am Polytechnikum in Chemnitz die
Leitung der landwirthschafdichen Abtheilung, die dort — ahnlich wie in
Tharandt — eingerichtet werden sollte, zu iibernehmen. Im Februar 1861
ging er daher nach Chemnitz. Die Neueinrichtung schien sich indessen zu
verzogern, manche Unzulanglichkeiten machten sich bemerkbar, und so loste
er denn ohne langes Besinnen seine Beziehungen zum sachsischen Landwirth-
schaftsministerium, als er im Marz vom Director der landwirthschaftlichen
Akademie zu Poppelsdorf bei Bonn die Aufforderung erhielt, als Professor
fur Botanik, Zoologie und Mineralogie hinzukommen.
Nachdem er sich in Prag verheirathet hatte, siedelte er im April nach
Bonn tiber. Bei einem sehr bescheidenen Gehalt hielten sich auch sonst die
268 von Sachs.
Mittel, die ihm dort zur VerfUgung gestellt waren, in sehr engen Grenzen, so
dass er sein Untersuchungsmaterial dort meist aus eigener Tasche bezahlen
musste. Auch das Gartchen, das er zu seinen Versuchen benutzen konnte,
war nur klein, doch leistete ihm der einzige, aber intelligente Arbeiter bei
der Bestellung desselben und bei seinen Experimenten recht gute Dienste.
Hier entfaltete er auch zuerst eine sehr erfolgreiche Lehrthatigkeit. EHe
Vorlesungen erfreuten sich des grossten Beifalls und waren ausserordentlich
gut besucht. Da in Folge dessen das botanische Studium in Poppelsdorf
einen lebhaften Aufschwung nahm, so wurde ihm nach zwei Jahren in seiner
Lehrthatigkeit die Erleichterung zu theil, dass er von den Vorlesungen tiber
Zoologie und Mineralogie entbunden wurde; er war nur zu zwei Vorlesungen
verpflichtet, im Winter las er Physiologie und im Sommer Monographic land-
wirthschaftlicher Pflanzen. Auch fand er hier seine ersten Schtiler: seinen
jetzigen Nachfolger Professor Kraus und den Ministerialdirector Dr. Thiel.
Der sechsjahrige Aufenthalt in Bonn gehort zu den an wissenschaftlichen
Untersuchungen und Entdeckungen reichsten Jahren des unermiidlichen For-
schers. Sie sind in zahlreichen Publicationen, die zum Theil in der Flora
erschienen, niedergelegt. Sie behandeln theils Untersuchungen iiber die Nahr-
stoffe der Pflanzen, theils die Stoffumwandelung und -Wanderung in der Pflanze,
vor allem aber wurden die experimentellen Untersuchungen tiber die Ent-
stehung der Starke im Chlorophyll hier in Angriff genommen und der Grund
gelegt zu der jetzt feststehenden Ernahrungslehre der Pflanzen.
Neben diesen hochwichtigen Arbeiten aber setzte sich S. ein monumen-
tales Denkmal in dem vierten Bande des »Handbuchs der Botanik*, in dem
im Jahre 1865 erschienenen »Handbuch der Experimental-Physiologie der
Pflanzen«, das seipen Ruf in der Gelehrtenwelt mit einem Schlage auf das
festeste begrtindete. Und wie sehr dieses Werk ein dringendes Bediirfniss
war, davon legt der Umstand Zeugniss ab, dass es sofort nach seinem Er-
sch einen auch schon vergriffen war! Leider erfuhr es eine zweite Auflage
nicht, doch enthalten die ubrigen grossen Werke, die in der Folgezeit aus
S/s Feder hervorgingen, die wesentlichsten in der »Experimentalphysiologie«
zuerst zusammengestellten Thatsachen in gleicher tibersichtlicher KJarheit.
Ausserordentlich klare Darstellung, tibersichtliche logische Gruppirung des
Stoffes, vollstandig ebenmassige Composition in alien Theilen des Werkes
sind seine Hauptvorziige, die sie mit alien seinen grosseren Werken gemein
haben und diese zu geradezu klassischen Schriften der Botanik stem-
peln! Noch heute ist die allerdings erst nach ftinfjahriger literarischer
Vorarbeit fertiggestellte » Experimental physiologic* der gelesenste Theil des
Handbuches der Botanik, noch heute ist sie ein reicher Born der Anregung
und Belehrung.
Die Hoffnung, den durch Schacht's Tod 1864 frei gewordenen Lehrstuhl
der Botanik in Bonn (ibertragen zu erhalten, erflillte sich nicht. Schacht's Nach-
folger wurde Johannes Hanstein, mit dem sich auch ein freundschaftliches
Verhaltniss anspann, wahrend S. mit dem kranklichen Schacht wenig in Be-
riihrung gekommen war. Da aber durch die Geburt zweier Tochter und
eines Sohnes die pecuniare Lage der Familie sich immer ungiinstiger gestal-
tete, so begrtisste er es mit grosster Freude, als er am Sylvesterabend des
Jahres 1866 die Nachricht erhielt, dass er zum Nachfolger de Barys* in Frei-
burg i. Br. gewahlt worden war. Im Frtihjahre 1867 siedelte er nach dieser
— damals allerdings, wie er spater oft klagte, schlechtsten — Universitat
von Sachs. 260
tiber, um mit dem Sommersemester dort seine Lehrthatigkeit zu beginnen.
Auch hier traf er wieder seinen alten Schtiler Kraus vor und ausserdem den
jetzigen Professor in Bordeaux Millardet, mit dem er bis zu seinem Tode
einen lebhaften, wissenschaftlichen Meinungsaustausch aufrecht erhielt.
Er war nur drei Semester lang in Freiburg, und diese Zeit war fast aus-
schliesslich der Herstellung des »Lehrbuches der Botanik* gewidmet. Mehr
noch als die »Experimentalphysiologie«, die sich naturgemass mehr an die
selbstthatigen Forscher wandte, machte dies Lehrbuch S.'s Namen popular in
fast alien Culturstaaten. Und mehr noch als das erstere ward dieses Werk
einem dringenden Bedtlrfniss in der botanischen Literatur gerecht. Denn seit
den allm&hlich ganzlich veralteten »Grundztigen der Botanik« von Schleiden
war eigentlich kein einziges Lehrbuch grossen Stiles vorhanden, und erst durch
das »nach dem gegenwartigen Zustand« der botanischen Wissenschaft be-
arbeitete Werk von S. wurden die inzwischen festgestellten Ergebnisse der
Forschungen Hofmeister's, Nageli's, Schacht's, ja zum Theil auch Mohl's den
Studirenden der Naturwissenschaften — und auch manchem ihrer Lehrer
zuganglich gemacht. Vor allem wurden auch die wichtigen Entdeckungen
der physiologischen Forschungen des Verfassers selbst in weiteste Kreise ge-
tragen. Und nicht zum mindesten ist es eine werthvolle Eigenschaft des
Buches, dass auch die Jtinger der Wissenschaft mit den streitigen Problemen
und Theorien bekannt gemacht und dadurch zu selbstandigem Nachdenken
veranlasst wurden. Ganz besonderen und ganz allgemein anerkannten Werth
aber erhielt das Buch durch die vorztiglichen Abbildungen, mit denen das
Buch in der reichhaltigsten Weise ausgestattet war (348 in der ersten, 492 in
der letzten Auflage). Diese bisher untibertrofFenen Abbildungen sind zum
allergrossten Theil S.'sche Originale; sehr viele davpn sind das Resultat
langwieriger Untersuchungen. Diese S.'schen Originalfiguren sind gewisser-
massen Gemeingut der botanischen Welt geworden; sie sind — allerdings
gegen den Willen des Verfassers, dessen Erlaubniss zur Reproduction haufig
gar nicht eingeholt wurde — in die botanischen Lehrbticher sammtlicher
cultivirten Lander iibergegangen, und man kann heute kaum ein botanisches
Werk aufschlagen, ohne S.'schen Abbildungen zu begegnen. Bietet das Werk
trotz der ausserordendich klaren Darstellungsweise dem ganz jungen Anfanger
doch wohl manche Schwierigkeit, so machte sich gleichwohl schon nach zwei
Jahren die Herstellung einer zweiten, 1872 der dritten und 1874 der vierten
Auflage nOthig. Diese neuen Auflagen trugen selbstverstandlich den Fort-
schritten der Botanik wahrend dieser Zeit vollkommen Rechnung, sie waren
aber auch von einer steten Vermehrung des Textes und der vorztiglichen
Abbildungen begleitet. Vor allem aber nahm von Auflage zu Auflage die
Darstellung der Physiologie, der eigentlichen Dom&ne des Verfassers, einen
breiteren Raum ein. Zur Fertigstellung einer fiinften Auflage seines auch in
die verschiedensten Sprachen Ubersetzten Lehrbuches konnte er sich jedoch
nicht mehr entschliessen. Die Composition hatte aufgehort, der Ausdruck
seiner Idee zu sein, wie er in der trefllichen Vorrede zu den »Vorlesungen
tiber Pflanzen-Physiologie«, die an die Stelle des physiologischen Theiles seines
Lehrbuches traten, selbst sagte, da die fortschreitende Ausbildung seiner
wissenschaftlichen Ueberzeugungen seine »AufFassung wich tiger Fragen der
Pflanzenphysiologie nach verschiedenen Richtungen hin geanderU hatte. Auch
war es sein Wunsch, einen weiteren Leserkreis in anziehend geschriebenen
Essays mit den bedeutenden Fortschritten der Pflanzenphysiologie bekannt zu
270 von Sachs.
machen. In allgemein verstandlicher freier Darstellung gehalten, in glanzen-
dem Stile geschrieben, in meisterhafter Durchfuhrung entstanden so die »Vor-
lesungen«, in denen er es sich zur Pflicht machte, »seine eigenste Auffassung
des Gegenstandes in den Vordergrund zu stellen; die Horer wollen und
sollen wissen, wie sich das Gesammtbild der Wissenschaft im Kopf des Vor-
tragenden gestaltet, es bleibt dabei Nebensache, ob andere ebenso oder an-
ders denken.« Dieses Meisterwerk hat denn auch in der That nicht nur im
Kreise der Studirenden, sondern auch im gebildeten Laienpublikum Eingang
und weitere Verbreitung gefunden. Die Bearbeitung des anderen Theiles,
der Morphologie und Systematik tibertrug er seinem langjahrigen Schiller und
Freunde Professor Goebel. — Inzwischen hatten sich S.'s aussere Verh<nisse
erheblich geandert. Seines Bleibens war, wie schon erwahnt, nicht lange in
Freiburg. Dim behagten die dortigen Zustande nicht und so folgte er denn
gerne dem Ruf, der von Wtirzburg aus an ihn erging. Er vertauschte im
Herbst 1868 Freiburg mit Wtirzburg, um diese Universitat nicht mehr — auch
kaum einmal vortibergehend wahrend der Ferien — zu verlassen. Trotz der
glanzendsten Berufungen, die im Laufe der nachsten Jahre verhaltnissmassig
oft an ihn ergingen, konnte er sich doch nicht entschliessen, Wtirzburg zu
verlassen, obwohl er selbst fuhlte, dass das Klima seinen nervosen Leiden,
die ihn hefdg qualten, nicht zu tragi ich war. Aber er lehnte sowohl den schon
im nachsten Jahre aus Jena an ihn ergehenden Ruf ab, wie die nach Heidel-
berg 1872, nach Wien 1873, nach Berlin 1877. Auch fur die landwirth-
schaftliche Hochschule der Reichshauptstadt, fiir die Universitat Bonn und
nach Nageli's Tod fur die Universitat Mtinchen suchte man ihn zu gewinnen,
aber er blieb dem im Laufe der Zeit liebgewonnenen Wtirzburger Institut
und dem dort von ihm GeschafFenen treu. Ueberdies iibten die grossen Stadte
gar keine Anziehung auf ihn aus, da er an die Moglichkeit eines intensiven
wissenschaftlichen Lebens in einer solchen nicht recht glaubte. Diese An-
hanglichkeit an Wtirzburg fand ihre Anerkennung seitens der Regierung in
den Verleihungen des Hofrathstitels 1873, des Geheimrathstitels 1877, sowie
mehrerer Orden, mit deren einem die Ftihrung des personlichen Adels ver-
bunden war. Seine Collegen aber ehrten ihn dadurch, dass sie ihm schon
1 87 1 die Rectorwtirde tibertrugen und ihn auch mehrfach Jahre hindurch bis
1895 in den Senat wahlten. In Wtirzburg entfaltete S. seine Lehr- und
Forscherthatigkeit in grossem Maassstabe. Zunachst musste es aber seine
Sorge sein, das Institut, das ursprtinglich nur aus vier Zimmern bestand, zu
vergrossern, da nach der Publication des »Lehrbuches« die Schtiler in grosser
Menge ihm zustromten. Die bayerische Regierung kam ihm dabei in bereit-
williger Weise entgegen und es gelang ihm allmahlich das ganze Haus, das
ursprtinglich bei S.'s Antritt der Wtirzburger Professur ausser dem botanischen
Institut auch noch das pharmakologische, sowie die Poliklinik beherbergt hatte,
allein flir seine Zwecke zu erhalten. Auch erfuhr das Haus selbst durch Auf-
bau zweier Stockwerke und Anbau eines grossen Horsaales eine weitere Ver-
grosserung, sodass nunmehr auch ausserhch die historische Statte der Pflanzen-
physiologie einen einigermaassen ertraglichen Anblick darbietet, wenn sie auch
sonst von den jetzt allgemein tiblichen modernen Prachtbauten der neueren
naturwissenschafdichen Palaste ganz colossal absticht.
In ahnlicher Weise Hess er sich es sehr angelegen sein, den Garten, der
auf ungtinstigstem Terrain — den Mauerresten des alten Festungsglacis —
angelegt war, durch sorgfaltigste Pflege zu uppigem Wachsthum zu bringen;
von Sachs. 271
er ist denn auch im Laufe der Jahre zu einer viel besuchten Zierde der Stadt
Wurzburg geworden.
Hier sammelte sich nun die Schaar der jungen Botaniker aus aller Herren
Lander, um auf dem physiologischen Gebiete der Botanik unter der Leitung
des Meisters experimentell-physiologische Arbeiten selbstthatig auszufiihren.
Die ersten, die im Sommersemester 1870 eintrafen, waren Schmitz, Reinke
und Pfeffer. Mit Ausbruch des Krieges leerten sich auch hier die Saale,
Pfeffer blieb allein zurtick. Bald aber gesellten sich ihm de Vries und Ba-
ranetzky zu und im Laufe der Jahre waren dann noch weiter unter ihm thatig
Amelung, Brefeld, Fr. Darwin, Detlefsen, Dufour, Elfving, Gardiner, Godlewski,
Goebel, Hansen, Hauptfleisch, Heinricher, Klebs, Miliarakis, Moll, Mtiller-
Thurgau, Nagamatsz, Noll, Pedersen, Prand, Scott, Stahl, Vines, Marsh. Ward,
Woronin, Wortmann, Zimmermann und noch einige andere. Eine stattliche
Zahl! Und dabei muss berucksichtigt werden, dass S. in sein Laboratorium
nur solche aufhahm, denen es heiliger Ernst mit ihrer Wissenschaft war und
die gewillt waren, sich ausschiesslich in den Dienst der Botanik zu stellen.
Leicht hatte er die Zahl seiner Schuler ausserordendich vermehren konnen,
wenn es ihm darum zu thun gewesen ware; denn sehr gern hatten viele unter
seiner Leitung eine Doctorarbeit ausgefuhrt, doch schreckten die ungewohn-
lich hohen Anforderungen, die er an die Leistungsfahigkeit seiner Schuler und
an ihre Opferwilligkeit fur die Wissenschaft stellte, fast jeden ab.
Die Zahl der Horer seiner Vorlesungen aber iiberstieg stets weit die 100,
und alle Fakultaten entsandten standige Besucher in sein Auditorium, Von
welchem Feuereifer, von welchem Siegesbewusstsein waren aber auch stets
und alle seine Zuhorer beseelt, wenn er ihnen in seiner glanzenden, fast po-
pularen und doch — oder vielleicht gerade deshalb — ausserordendich klaren
Vortragsweise mit (iberwaltigender Ueberzeugung, immer von seinem Stoffe
begeistert, immer fiir ihn begeisternd die Physiologie vortrug oder Lebens-
bilder aus der Naturgeschichte des Pflanzenreiches ausmalte. Der Vortrag
fast jeder einzigen Stunde war ein oratorisches Meisterstiick ; niemals verliess
er ohne die enthusiastische, in liblicher studentischer Weise dargebrachte Bei-
fallsbezeugung den Horsaal. Welche Sorgfalt verwandte er aber auch t&glich
— bis zum letzten Colleg — auf die Vorbereitung zu seinen Vorlesungen!
Er iiberdachte — stets sprach er vollkommen frei, ohne auch nur die aller-
geringste schriftliche Aufzeichnung oder Notiz — seinen Vorlesungsstoff Ian-
gere Zeit hindurch auf s grtindlichste, so dass er wohl recht hatte, wenn er
sagte, dass ihn jede Vorlesungsstunde 3 Stunden Vorbereitungen koste. Und
mit welch reichhaltigen, im Laufe der Jahre zusammengetragenen, aber auch
bis zum letzten Tage vermehrten Sammlung von belehrendstem Demonstra-
tionsmaterial pflegte er seine ohnehin schon durchaus lichtvollen Vortr&ge
noch verstandlicher zu machen und seinen Worten eine noch zwingendere
Beweiskraft zu geben! Welche Ftille von Tafeln hatte er ftir seine Vorlesungen
gemalt mit Figuren und Abbildungen, deren Einzelheiten von der femsten
Ecke des grossen Horsaales deutlich zu erkennen waren! Viele dieser Tafeln
sind von geradezu kiinstlerischer Vollendung, von einer Pracht der Farben,
von einer Naturwahrheit, wie sie von dem genialsten Maler kaum erreicht,
geschweige iibertroffen werden kann. Es paarte sich bei ihm mit der Scharfe
der Beobachtung des gelibten Forschers ein feines ktinstlerisches Empfinden,
dem er auch durch sein Konnen Ausdruck zu geben vermochte. So war es
denn kein Wunder, dass die Studenten sein Lob hinaustrugen an andere
272
von Sachs.
Universitaten und Propaganda machten fur den Besuch der Alma Julia in
Wiirzburg. Freilich, die Zahl seiner Schuler, der jungen Botaniker, nahm in
den letzten Jahren, als fortgesetzte Kranklichkeit seine Schaffenskraft lahmte,
allmahlich ab, doch zeugen drei stattliche Bande der »Arbeiten des botani-
schen Instituts in Wlirzburg«, sammtlich von hochster wissenschaftlicher Be-
deutung, von der intensiven Thatigkeit des Lehrers und seiner Schuler. Er-
sterer fand aber daneben noch die Moglichkeit, » freilich auf Kosten einiger
Jahre von Arbeitskraft und zum betrachtlichen Schaden der Gesundheiu, flir
die von der koniglichen Akademie der Wissenschaften auf Veranlassung und
mit Unterstiitzung des Konigs von Bayern, Maximilian n., herausgegebene
Geschichte der Wissenschaften in Deutschland die Bearbeitung der »Geschichte
der Botanik« (1875) auszuftihren. Damit schuf er ein Werk, das ihm weit
liber die Kreise seiner Fachgenossen hinaus als glanzendem Schriftsteller all-
gemeinste Anerkennung verschaffte und das vielfach fiir das beste seiner
Blicher gehalten wird. Jedenfalls zeichnet es sich wie alle Publicationen des
Verfassers durch lichtvolle Klarheit aus und steht infolge der eigenartigen
Auffassung und geistigen Verarbeitung des Stoffes thurmhoch iiber den son-
stigen Geschichten der Botanik. Nicht um eine chronologische Aufzahlung
handelte es sich ihm, nachdem er das colossale Material kritisch durchgeprtift
hatte, sondern er suchte seine Hauptaufgabe darin, »die erste Entstehung
wissenschaftlicher Gedanken aufzusuchen und ihre weitere Entwickelung zu
umfassenden Theorien zu verfolgen«, wie er selbst in der Vorrede sagt. Und
er fahrt dann an einer anderen Stelle fort: »Ich habe daher als die eigent-
lichen Trager unserer Geschichte diejenigen Manner in den Vordergrund ge-
stellt, welche nicht bios neue Thatsachen feststellten, sondern fruchtbare Ge-
danken schufen und das empirische Material theoretisch verarbeiteten«. Von
diesem Grundgedanken durchweht ist denn auch S.'s »Geschichte« das Ge-
richt der Botanik geworden *).
Widmete S. im wesentlichen die Wintermonate der Composition seiner
grosseren Werke, so wurden die Sommermonate zur Ausfiihrung experimen-
teller Untersuchungen benutzt, bei denen er theils den schon friiher in Angriff
genommenen Fragen weiter nachging, theils auch neue Gebiete durch seine
Arbeiten erschloss. Alle diese Untersuchungen sind wie die fruheren mit
ausserordentlich scharfsinnigen und meist sehr einfachen Methoden und
Apparaten ausgeflihrt. Manche seiner Methoden sind wohl nicht nur von
Pflanzenphysiologen, sondern auch von anderen Naturforschern tibemommen
worden, aber in keinem pflanzenphysiologischen Institut fehlt sein selbst-
registrirendes Auxanometer (zum Messen des Zuwachses der Pflanzen, den sie
selbst aufzeichnen), und sein Klinostat (ein Drehapparat, der die einseitige
Wirkung der Schwerkraft oder des Lichtes auf die Pflanzen aufzuheben ver-
mag), ganz zu schweigen von den kleineren von ihm ersonnenen Apparaten,
deren Aufzahlung hier indess zu weit fiihren wlirde.
Ebenso ist es unmoglich, an dieser Stelle auch nur in Klirze liber seine
!) Das uns jetzt vorliegende Werk kam Ubrigens in recht origineller Weise zu stand e.
Als das Manuskript — wie mir S. erzShlte — zur Absendung bereit lag und er es eben
einpacken wolltc, blatterte er noch ein wenig darin umher. Dabei missfielen ihm einige
Stellen von Sekunde zu Sekunde immer mehr, so dass er kurz entschlossen den ganzen
Stoss der druckfertigen Bliitter in's Feuer warf. Er hat dann allerdings das zweite Manu-
skript einem Schreiber in ununterbrochenem Zuge in die Feder diktirt und somit dies Buch
wie aus einem Gusse geschaflfen.
i
yon Sachs, 27 1
zahlreicheft wissenschaftlichen publicirten Arbeiten (etwa ioo) zu berichten.
Sie umfassen sammtliche Gebiete der Pflanzenphysiologie und enthalten die
Feststellung nunmehr allgemein anerkannter Thatsachen; Thatsachen, die !
allerdings bisweilen schon gelegentlich von anderen wahrgenommen worden {
waren, deren Bedeutung aber erst von ihm erkannt wurde, deren sichere
Kenntniss wir allein ihm verdanken. Alle diese Arbeiten sind mit derselben
Klarheit, in demselben blendenden Stile geschrieben, wie seine grosseren
Werke; fast alle sind auch heute noch von der hochsten Bedeutung. Die
Feststellung der Entstehung und Thatigkeit des Blattgrtins, der Entstehung
der Starke, der Wanderung dieser und anderer Stoffe bei der Organbildung/
der Thatigkeit der Wurzeln, des Zweckes und der Bedeutung der Transpira- j
tion und vieler, vieler anderer zum Grundbestande der Physiologie gehoriger |
Thatsachen, sowie eine tiefere Einsicht in die Tropismen, die Feststellung der I
Nachwirkung derselben u. s. w. verdanken wir seinen bedeutenden Unter- ]
suchungen. Wie eminent auch vielfach ihr praktischer Werth ist, dafiir moge
folgender kurzer Hinweis gentigen. Von den Landwirthen wurde — auf Lie- . j
big's Veranlassung — alljahriich allein in Deutschland ftir mehrere Millionen J
Thaler Kieselsaure in loslicher Form in die Erde gesteckt, um das Lagern |
des Getreides zu verhindern. S. stellte nun fest, dass Silicium kein Nahrstoff I
der Pflanzen ist, und dass das Lagern nicht durch Mangel an Kieselsaure, j
sondern durch mangelhafte Festigkeit der Stengel infolge zu starker Beschat-
tung durch zu dichte Aussaat bewirkt wird. Die Landwirthe saen nun weiter
und sparen das Geld ftir die Kieselsauredtingung. — Wenn auch das Resultat
seiner Untersuchungen auf einem anderen Gebiet, seine geistreiche Theorie
der Wasserbewegung in den Holzwanden der Pflanzenzellen, die Imbibitions-
theorie, nicht allgemein angenommen wurde, so forderten doch auch diese
Arbeiten viele werthvolle Thatsachen zu Tage. Mit Riicksicht auf die grosse
Zahl der von ihm festgestellten Thatsachen, die iiberdies zu den Fundamenten
der Pflanzenphysiologie gehoren, war es denn durchaus kein Wagniss, wie er
selbst in der Vorrede ftirchtete, als er in den Jahren 1892 und 1893 seine
Abhandlungen tiber Pflanzenphysiologie gesammelt herausgab; Thatsachen
behalten eben immer ihren Werth.
Allmahlich wandte er sich in seinen Publicationen — ohne indess ex-
perimentelle Untersuchungen ganz zu vernachlassigen — mehr theoretischen
Erorterungen zu; sein ktinstlerisch schaffender Geist fand schliesslich mehr
Befriedigung darin, mit seiner gereiften Erfahrung als Meister am stolzen Bau
der Wissenschaft das gesammelte Baumaterial kunstvoll einzufiigen, als neues
Material zusammenzutragen. In diesen Arbeiten erweist er sich denn auch
nicht mehr als Anhanger Darwin's, als welcher er sich, hoch erfreut iiber die
Beseitigung des Dogmas von der Constanz der Arten, noch in der Geschichte
der Botanik zu erkennen gab; dem gereiften Geist konnte die grobsinnliche
Weltauffassung des darwinschen Materialismus nicht Geniige leisten. Er suchte
vielmehr seiner Causalitatsauffassung der Natur auf s eingehendste Ausdruck
zu geben und beabsichtigte seine Anschauungen, die er schon in den »Phy-
siologischen Notizen« (Flora 1892 bis 1896) formulirt hatte, in den gross an-
gelegten »Principien der vegetabilischen Gestaltung« l) zu vertiefen und zu
verallgemeinern, als dem schon Jahre lang schwer Leidenden der Tod Er-
]) Die hierfUr schon gesammelten Notizen hat Herr Prof. Noll zur Zusammenfassung
und Herausgabe erhalten.
Biogr. Jahrb. u. DeuUcber Nekrolog. 2. Bd. 1 8
274
von Sachs.
lOsung brachte. Leider war es ihm nicht vergftnnt, das Manuskript ftir die
»Principien« — wie es sein heisser Wunsch war — fertig zu stellen, aber auch
schon in den »Physiologischen Notizen« (und auch schon in frtiheren Publi-
cationen) beschranken sich seine Erorterungen nicht auf botanische Fragen
allein, sondern er behandelte darin die gesammte Biologie, und seine Ideeh
fanden auch bei Anatomen (v. Kupffer, v. Kolliker) und Zoologen wiirdigende
Anerkennung.
Und alle die vielen Stunden, die das Durchdenken und Niederschreiben
dieser hochgeschatzten Abhandlungen erforderten, musste der von schweren
Krankheiten Heimgesuchte den Tagen formlich abstehlen. Seine rastlose
Thatigkeit, die weder Korper noch Geist schon te, lange Jahre im heissen
Kampfe urn das t&gliche Brod, und schweres Ungliick in der Familie hatte
ihn schliesslich langem Siechthum entgegengeflihrt. Er hat sich aber auch
fast niemals eine Erholung gegonnt, selbst dann kaum, als in spateren Jahren
sich seine pecuni&re Lage gebessert hatte; stets hat er in den Ferien am
intensivsten gearbeitet. Dass der Acker zeitweilig brach liegen muss, dass
die Pflanze eine Ruheperiode durchmachen muss, davon zog er ftir sich fast
niemals die Nutzanwendung. Und wenn er wirklich einmal dem Drangen
seiner Angehorigen und Freunde nachgab, urn Erholung auf einer Reise zu
suchen — sehr bald trieb es ihn wieder zurtick in sein Institut, an seinen
Arbeitstisch ; stets fand viel friiher, als er geplant hatte, die Reise ihren Ab-
schluss. — Wie schwer leidend er aber Jahre lang gewesen sein muss, das
zeigte die Section, durch die eine weitgehende Erkrankung fast aller Organe
festgestellt wurde. Welche riesige Willensenergie muss ihm zu Gebote ge-
standen haben, wenn er trotzdem bis fiinf Wochen vor seinem Tode thatig
sein konnte!
Wo Licht, da ist auch Schatten: doch muss man auch den Werdegang
dieses aussergewohnlichen Menschen im Auge behalten, wenn man seine
Schattenseite gerecht beurtheilen will. Er stand in den letzten Jahren recht
vereinsamt, und gar mancher seiner frtiheren Freunde war ihm durch die
scharfe und personlich werdende Kritik entfremctet worden. Aber wie er
selbst in jeder seiner Arbeit nicht nur seine Beobachtungen und Ideen, son-
dern gewissermaassen auch sich selbst gab, so identificirte er nur zu leicht
auch mit der gegnerischen Arbeit den Gegner, dem dann wohl haufig die
Wunde zu theil wurde, die im Grunde nur jener zugedacht war. Indessen
viel Feind, viel Ehr! Und an wissenschaftlichen Ehrungen ist sein Lebens-
abend sehr reich gewesen. Die verschiedensten Akademien und bedeutende
naturforschende Gesellschaften ernannten ihn zu ihrem Ehrenmitglied, wie er
auch Ehrendoctor der Universit&ten Bonn und Bologna war. Trotz seiner
jahrelangen Leiden machte der nur langsam Dahinschreitende, der in jtingeren
Jahren ein bildschOner Mann gewesen sein soil, noch bis zu seinem Tode
einen fascinirenden Eindruck auf jeden Vortibergehenden und besonders auf
den, der den zwar von Leiden durchfurchten, aber auch ideal durchgeistigten
Ztigen mit dem durchdringenden Blick gegeniibertrat. Jeder musste dann
ftthlen, dass ein ungewOhnlich bedeutender Geist in dieser auch zuletzt noch
imponirenden Erscheinung wohnte. So war denn auch die Trauer, die ihn
zu Grabe leitete, eine tief empfundene und allgemeine. Von warmem Wohl-
wollen ftir seine Mitmenschen erflillt, hatte er so manche Thr&ne getrocknet,
und manche Thrane der Dankbarkeit fiel auf seinen Grabhtigel. Was er aber
der Universitat Wtirzburg geworden war, das fand die warmste Anerkennung
yon Sachs. Heniler.
275
in den begeisterten Worten, die ihr Rektor, Prof. Dr. Schell, dem von seinen
Leiden Erlosten in das Grab nachrief.
Schriftenverzeichniss. 1. Grossere Werke: Handbuch der Experimental-Physio-
logie der Pflanzen. Leipzig 1865. — Lehrbuch der Botanik. Leipzig. 1. Aufl. 1868, 2. Aufl.
1870, 3. Aufl. 1872, 4. Aufl. 1874. (Auch Ubersetzt in's Englische, Franz5sische u. s. w.). —
Geschichte der Botanik vom 16. Jahrhundert bis i860. Mttnchen 1875. (In's Englische
Ubersetzt 1890). — Vorlesungen ttber Pflanzenphysiologie. Leipzig. I. Aufl. 1882, 2. Aufl.
1887. (In s Englische Ubersetzt). — Arbeiten des botanischen Instituts in Wflrzburg. Leipzig.
Erster Band 1874, zweiter Band 1882, dritter Band 1888. — Gesammelte Abhandlungen
tiber Pflanzenphysiologie. Leipzig. Erster Band 1892, zweiter Band 1893. — 2» Kleinere
wissenschaftliche Publicationen : 18 Aufsatze in der »Ziva«, 3 im »Lotos«, 19 Abhand-
lungen in der » Botanischen Zeitung«, 23 in der »Flora«, 5 in den »Berichten der k. k.
Akademie der Wissenschaften zu Wien«, 3 in den » Bench ten der kbnigl. sachs. Gesellschaft
der Wissenschaften «, 5 in den »Landwirthschaftlichen Versuchsstationen«, 4 in den »Annalen
der Land wirthsch aft in den k5nigl. preuss. Staatenc, 4 in den »Berichten des naturhistori-
schen Vereins der preussischen Rheinlande und Westphalens«, 16 in den verschiedenen
Schriften der »Physikalisch-medicinischen Gesellschaft* zu WUrzburg, 21 in den » Arbeiten
des botanischen Instituts in WUrzburg* und noch einige einzelne Aufsatze z. B. in der
» Nature, den »Pomologischen Monatsheften« u. s. w. — Gute Reproductionen seines Bild-
nisses nach Pho tog ram men sind vorhanden in: Julius Sachs von K. GobeL Sonderabdmck
aus »Flora oder Allgem. bot. Zeitung*, Erganzungsband zuro Jahrg. 1897. 84. Band, und
in: Professor Julius von Sachs. Gedachtnissrede, gehalten in der Physikal.-med. Gesellschaft
zu WUrzburg von Dr. Paul Hauptfleiscb. Wttrzburg, Stahel, 1897. — Ausserdem ist von
dem Bildhauer Feile in Wttrzburg eine vorzllglich gelungene Bttste hergestellt worden. —
Werke und Schriften s. auch Bttrsenbl. f. d. deutsch. Buchh. 1897, No. 132.
P. Hauptfleisch-Wtirzburg.
Henzler, Christian (von), Schulmann, * am 29. September 1829 in der
wiirttembergischen Oberamtsstadt Ntirtingen, f 3. August 1897 zu Stuttgart. —
H., der Sohn eines Schuhmachers, wurde im NUrtinger Seminar zum Volks-
schullehrer ausgebildet und blickte bereits auf eine sechsjahrige praktische
Wirksamkeit zurtick, als der Wunsch in ihm aufstieg, sich dem hqheren Schul-
wesen zu widmen. Er bereitete sich von 1854 — 1857 in Stuttgart am Poly-
technikum und in einer privaten »franzosischen Schule« auf die Reallehrer-
prtifung vor, deren ersten Theil er 1857 erstand. 1859 unternahm er zu
seiner weiteren sprachlichen Ausbildung wissenschaftliche Reisen nach P'rank-
reich und England und war dann 2 Jahre lang Hofmeister in Nordamerika.
1 86 1 holte er den zweiten Theil der Reallehrerprufung nach, fand einige Jahre
an der Stuttgarter Realanstalt provisorische Verwendung, besuchte noch kurze
Zeit die Universitaten Bonn und Heidelberg und unterzog sich 1865 mit Er-
folg der Professoratsprtifung sprachlich-historischer Richtung. Alsbald erhieltj
er seine erste definitive Anstellung als Professor flir die realistischen Facher
am Gymnasium in Ellwangen, wurde 187 1 Vorstand der Nurtinger Realschule
und 1873 Rektor der Reutlinger Realanstalt. 1876 wurde er als Oberstudien-
rath und realistischer Referent in die Konigliche Cultministerialabtheilung fUr
Gelehrten- und Realschulen berufen. In einer Zeit, da das Realschulwesen
in Deutschland einen gewaltigen Aufschwung nahm und es gait, diese Fort-
schritte auch nach Wiirttemberg, der uralten Hochburg des Humanismus, zu
iibertragen, sah sich H. vor eine grosse Aufgabe gestellt, an deren Losung er
sich mit betrachtlicher Energie und Gewandtheit betheiligte. Daneben war
er als Mitglied der Commissionen flir die gewerblichen Fortbildungsschulen
und seit 1879 ^r d*e hoheren Madchenschulen thatig. Schriftstellerisch trat
er dagegen nicht hervor. Seine beiden letzten Lebensjahre verbitterte ihm
ein schweres Fussleiden, das ihn zuletzt ganz an das Zimmer fesselte. Doch
18*
276 Henzler. Klemnu Kober.
besorgte er noch von hier aus seine Berufsgeschafte, bis der Tod seiner
Wirksamkeit ein Ziel setzte.
Schw&bische Kronik voni 23, August 1897 (Mittagsblatt), zerstreute sonstige Zeitungs-
notizen, Correspondenzblatt ftlr die Gelehrten- und Realschulen Wiirttembergs 1897. Heft 8.
Seite 297.
Rudolf Krauss.
Klemm, Alfred, wiirttembergischer Alterthumsforscher und Epigraphiker,
* am 8. November 1840 zu Ellwangen, f am 27. Marz 1897 zu Backnang.
— Nachdem K. im evangelischen Stifte zu Tubingen Theologie studirt und
seine Dienstprtifung mit Auszeichnung bestanden hatte, unternahm er eine
Bildungsreise nach Norddeutschland, wurde 1865 Stiftsrepetent, 1869 Dia-
konus in Vaihingen a. d. Enz, 1876 Diakonus und Bezirksschulinspektor in
Geislingen, 1887 Dekan und 1888 zugleich Bezirksschulinspektor in Sulz, 1892
Dekan in Backnang, wo er einer rasch verlaufenden Lungenentziindung zum
Opfer fiel. In Vaihingen begann K. sich mit der heimathlichen Special- und
Lokalgeschichte zu besch&ftigen und zog allmahlich deren verschiedenste Zweige
in den Kreis seiner Studien, denen er mit der Zeit immer grossere Ausdeh-
nung und Vertiefung verlieh. Seine Specialitat war die Baugeschichte und
Epigraphik des wurttembergischen Landes und der angrenzenden Gegenden.
Seine Arbeiten tiber wtirttembergische Baumeister und Bildhauer fanden in
Fachkreisen die verdiente Beachtung. Namentlich verlegte er sich auf das
Sammeln von Steinmetzzeichen. Mit rastlosem Fleiss und scharfem SpUrsinn
durchforschte er alle irgendwie zuganglichen gedruckten, handschriftlichen und
inschriftlichen Quellen, mochten sie noch so entlegen sein. Er sah durch
manche wichtige Entdeckungen seine Mlihe belohnt. Auf diesem Gebiete der
Epigraphik war K. eine Autoritat ersten Ranges. Besondere Flirsorge widmete
er den Ulmer Kunstdenkmalen. Seine zahlreichen kleineren und grosseren
Aufsatze hat er in allerhand Journalen, fachwissenschaftlichen Zeitschriften,
Publicationen von Alterthumsvereinen und Sammelschriften niedergelegt, ohne
jemals seine Kraft zu einem grosseren Werke zusammenzufassen.
Nekrologe in Schwabische Kronik vom 2. April 1897 (Mittagsblatt) und Staats-Anz.
fttr Wttrttemberg vom 30, M&rz 1897.
Rudolf Krauss.
Kober, Franz Quirin (von), Dr., katholischer Theologe, * am 6. Marz
1 82 1 zu Warthausen (im wtirttembergischen Oberamt Biberach), f am 25. Ja-
puar 1897 zu Tubingen. — Er war der Sohn einfacher Landleute, besuchte
die Biberacher Lateinschule und das Ehinger Konvikt, studirte 1840 — 44 im
Ttibinger Wilhelmsstifte Theologie und wurde am 4. September 1845 zum
Priester geweiht. Er war zunachst Vikar in Ulm, seit Mai 1846 Repetent in
Tubingen, wo er zugleich akademische Vorlesungen tiber philologische und
theologische Disciplinen hielt. 1851 erhielt er einen Lehrauftrag flir Pada-
gogik, Didaktik und Epistoralexegese; daneben docirte er katholisches Kirchen-
recht. 1853 wurde er ausserordentlicher Professor, 1857 Doctor theologiae
und im September desselben Jahres Ordinarius; das Kirchenrecht gehftrte nun
auch zu seinem Lehrauftrag. In den ersten Jahren seiner Docentenlaufbahn
verwandte er seine ganze Kraft auf die umfassenden Vorlesungen, die er zu
halten hatte. Er stellte dafiir auf s sorgfaltigste ausgearbeitete Collegienhefte
her, nach denen er sich genau richtete. Spater entfaltete er auch eine reiche
literarische Thatigkeit. Er gehorte zu den eifrigsten Mitarbeitern und Redak-
Kober. Knosp. 277
teuren der (Tlibinger) Theologischen Quartalschrift. Seine meisten Aufeatze
bezogen sich auf das Kirchenrecht und im besonderen auf das kirchliche
Strafrecht. Dieses behandelte er in einer Folge von drei bedeutsamen Schrif-
ten: »Der Kirchenbann* (1857), »Die Suspension der Kirchendiener« (1862),
»Die Deposition und Degradation* (1867), An geschichtliche Auseinander-
setzungen knlipfte er jedesmal ausflihrliche Darlegungen des bestehenden
Rechtes. Diese gediegenen, nur etwas zu breiten Arbeiten sind erst von den
entsprechenden Partien in Hinschius, Kirchenrecht tiberholt worden. K. zeigte
sich in seinen Forderungen fiir Freiheit der katholischen Kirche stets maass-
voll und auf Wahrung des confessionellen Friedens in WUrttemberg bedacht.
Bei Collegen und Schtllern genoss er Liebe und Verehrung. Er war freund-
lichen und wohlwollenden Wesens, wenn auch zuriickhaltend und wortkarg,
hierin und auch sonst ein echter Schwabe. Er klebte an der Scholle und
kam liber die Grenzen seiner engeren Heimath kaum je hinaus. Zeichen aus-
serer Anerkennung brauchte er nicht zu missen. 1878 wurde er zum Rektor
der Universitat fiir das nachste Studienjahr gewahlt, 1895 beging er sein flinf-
zigjahriges Priesterjubilaum. Schon damals krankelte er, im folgenden Sommer
musste er sich pensioniren lassen. Ende October traf ihn ein Schlaganfall,
der ihn der Sprache beraubte. Er hatte noch ein Vierteljahr zu leiden. Am
28. Januar 1897 wurde er in Tubingen mit akademischen Ehren zu Grabe
getragen.
Professor Dr. SagmUller in Theologische Quartalschrift, 79, Jahrg. (1897) S. 569 bis
579; zerstreute Zeitungsnotizen.
Wcrke u. Schriften s. Bftrsenbl. f. d. Deutschen Buchhandel 1897, No. 32.
Rudolf Krauss.
Knosp, Rudolf (von), Grossindustrieller, * am 22. Juni 1820 zu Ludwigs-
burg, f am 26. Marz 1897 zu Stuttgart. — Er besuchte das Lyceum seiner
Vaterstadt und die Gewerbeschule Stuttgarts, trat dann in ein hauptstadtisches
Indigogeschaft als Lehrling ein und war bei* demselben spater als Commis
und Reisender angestellt. Nach seiner 1845 erfolgten ehelichen Verbindung
mit Sophie Schmid aus Basel begriindete er in Cannstatt eine eigene Firma,
die, bald nach Stuttgart verlegt, von den kleinsten Anfangen aus allmahlich
grossartigen Umfang gewann. Durch Intelligenz, Thatkraft und Ausdauer
schwang sich K. zu einem der ersten und reichsten deutschen Handels-
herrn empor. Er rief die deutsche Anilinindustrie in's Leben, indem er zu-
nachst die zuvor nur in Frankreich betriebene Fabrikation verschiedener Indigo-
stoffe einftihrte und dann zur Fabrikation von Theerprodukten (iberging. Die
von ihm hergestellten Erzeugnisse wurden auf mehreren Weltausstellungen
ausgezeichnet. 1873 vereinigte K. sein Geschaft (zugleich mit dem Heinrich
Siegle'schen in Stuttgart) mit der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Lud-
wigshafen a. Rh. Diesem grossten deutschen, den Weltmarkt beherrschenden
Farbenfabrikations-Geschafte widmete er fortan als Vorsitzender des Verwal-
tungsrathes seine Krafte. Ausserdem war er stets bemtiht, die wlirttembergi-
sche Industrie durch Rath und That zu untersttitzen und zu heben. An
zahlreichen Unternehmungen und Grlindungen . betheiligte er sich finanziell,
wie als Vorsitzender oder Mitglied des Aufsichtsrathes. Mit lebhaftem Inter-
esse fiir alle politischen und Verwaltungsangelegenheiten ausgertistet, entzog
er sich den an ihn herantretenden 5ffendichen Pflichten nicht. Er gehiirte
1865 — 71 dem hauptstadtischen Gemeinderath an, ebenso langere Zeit dem
Handels- und Oberhandelsgerichte, zu Ende der sechziger Jahre dem Ge-
2*g Knosp. Kopp.
heimenrath als technischer Beirath. 1868 wurde er vom x. wtirttembergischen
Wahlkreis in das deutsche Zollparlament entsandt; die grossdeutsch-demokra-
tische Partei, deren Erwahlter K. war, drang damals in heftigem Wahlkampf
gegen die deutsche Partei durch. In der Folge lernte er die neu errungene
deutsche Einheit schatzen, hielt jedoch an maassvoll partikularistischen, frei-
sinnigen und freihandlerischen Neigungen zeitlebens fest. Verleihungen von
Titeln (1866 Commerzienrath, 1889 Geheimer Commerzienrath) und Orden
liessen nicht auf sich warten. Aber stets blieb K. der schlichte und beschei-
dene Sohn des Bttrgerthums. In den letzten Jahren zog er sich, von einem
Herzleiden gequalt, mehr von den fiffentlichen Geschaften zurtick. Er weilte mit
Vorliebe auf seinem 1872 erworbenen Herrensitz am Starnberger See. Seine
Leiden steigerten sich schliesslich so sehr, dass das Ende jvillkommen war.
Schwiibische Kronik vom 30. Marz 1897 (Abendblatt), der Beobachter vom 29. Marz
1897, zerstreute Zeitungsnotizen.
Rudolf Krauss.
Kopp, Karl, Bildhauer, * am 24. October 1825 zu Wasseralfingen (im
wtirttembergischen Oberamt Aalen), f am 1. Marz 1897 zu Stuttgart. — Er be-
suchte als Jtinger der Bildhauerkunst das Polytechnikum und die Kunstschule
in Stuttgart, wurde von dem bekannten Architekten Zanth beim Bau des Lust-
schlosses Wilhelma verwendet und verbrachte die Jahre 1850 — 54 zu Paris,
wo er in der ficole des beaux-arts seine Ausbildung vervollstandigte und bei
Lequesne und Toussaint lernte. Seinem Pariser Aufenthalte verdankte er
namentlich sichere Leichtigkeit in der Vortragsweise. 1854 — 1862 war er
Zeichenlehrer an der Fortbildungsschule in Biberach. 1862 wurde er als
Lehrer des Ornamentzeichnens und Modellirens an das Stuttgarter Polytechni-
kum berufen, in welchem Wirkungskreise er, seit 1868 als Professor, bis an
sein Ende verharrte. Mit seinem Hauptamte verband er das eines Lehrers
flir Figurenmodelliren an der Kunstgewerbeschule und eines Mitglieds der
Kommission von Sachverstandigen beim Conservatorium der vaterlandischen
Kunst- und Alterthumsdenkmale. K. war ein tiichtiger und geschatzter Lehrer,
der den ihm eigenen Sinn fiir das Idealistische auch bei seinen Schtilern zu
wecken verstand. Daneben entfaltete er eine emsige produktive Thatigkeit.
Von seinen hauptsachlichen Gruppenwerken , deren Motive er mit Vorliebe
der antiken Mythologie entlehnte, seien Hero und Leander, Der Raub der
Europa, Bacchus und Ariadne hervorgehoben. Ferner lieferte er Werke fiir
Kirchen (z. B. Christus am Kreuz in der Esslinger Frauenkirche) oder Re-
staurationen solcher (z. B. der wtirttembergischen Grafen im Chore der Stutt-
garter Stiftskirche), schuf zahlreiche Grabmonumente und Portratbtisten (z. B.
die 1885 enthtillte Erzbtiste Johann Jakob Moser's in Stuttgart und die 1889
enthiillte Bliste Robert Mayer's vor dem dortigen Polytechnikum). Ausserdem
betheiligte er sich am Ausschmucke verschiedener hauptstadtischer Bauten, so
des Hauptbahnhofes (kolossale Karyatiden an der Fassade), des Polytechni-
kums, des Justizpalastes. Endlich stammen die Figuren an den Fontanen des
Stuttgarter Schlossplatzes, Personificationen von acht schwabischen FlUssen
darstellend, von seiner Hand. Im Dekorativen leistete K., der sonst als aus-
iibender Klinstler ein mittleres Talent war, Verdienstvolles.
Schwabische Kronik vom 2. Marz 1897 (Abendblatt) , Kttnstler- und Conversations-
lexica, handschriftliche Notizen des Herrn Oberstudienraths Dr. Wintterlin, Oberbibliothc-
kars in Stuttgart.
Rudolf Krauss.
Rosenthal-Bonin. Wagner. 2 7Q
Rosenthal-Bonin, Hugo, Schriftsteller, * am 14. October 1840 in Palermo
von deutschen Eltern, f am 7. April 1897 in Stuttgart. — Er widmete sich
in Berlin naturwissenschaftlichen , medicinischen, spater philosophischen Stu-
dien und machte dann als Schiffsarzt weite Reisen nach Stideuropa, Kalifor-
nien und Japan. Nach der Ruckkehr wurde er Schriftsteller, erhielt 1872 bei
der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart Anstellung, war erst an der Re-
daktion von »Ueber Land und Meer« betheiligt und leitete dann lange Zeit
die »Illustrirte Welu, in der er meist auch seine Romane zuerst veroffent-
lichte. Nach Kiirschner's Rucktritt ubernahm er die Redaktion der Spemann'-
schen Zeitschrift »Vom Fels zum Meer«. Die letzten Lebensjahre verbrachte
er als unabhangiger Schriftsteller zu Stuttgart in volliger Zurlickgezogenheit.
Er verfasste ausser kleinen Lustspielen eine lange Reihe von Romanen und
Erzahlungen, deren Stoffe er vorzugsweise den unerschopflichen Erinnerungen
seiner exotischen Fahrten verdankte. Eine lebhafte Phantasie und die Gabe
des Fabulirens, die er auch im geselligen Verkehre bethatigte, machten seine
Erzeugnisse, die ubrigens keinerlei literarische, nur belletristische Bedeutung
haben, zur beliebten Lekttire weiter Kreise.
Die Titel seiner Werke sind vollstandig namhaft gemacht in Franz BrUmmer's Lexicon
der deutschen Dichter und Prosaisten des neunzchnten Jahrhunderts, 4. Ausgabe, III, S. 350
und in Kiirschner's Deutschem Literaturkalender ; die biographischen Nachrichten ebenfalls
bei BrUmmer; vergleichc auch die Notizen in wUrttembergischen Blattern nach Rosenthal-
Bonin's Tod.
Rudolf Krauss.
Wagner, Heinrich, Dr., Architekt, * am 5. October 1834 in Stuttgart,
f am 19. Marz 1897 in Darmstadt. — Er bereitete sich auf dem Stuttgarter
Polytechnikum, auf der Pariser £cole des beaux-arts und in Londoner Bau-
ateliers auf seinen Beruf vor, war sieben Jahre als Lehrer an der Baugewerk-
schule und zugleich als Hilfslehrer am Polytechnikum seiner Vaterstadt thatig
und kam 1869 als Professor fur Architektur an das Darmstadter Polytechni-
kum, welcher emporbltihenden Anstalt er bis zu seinem Tode, zuletzt mit
dem Titel eines Geheimen Bauraths, seine Krafte widmete. Er ertheilte Unter-
richt im Entwerfen, in der Anlage und Einrichtung von Gebauden, sowie in
der Bauftihrung. W. war ein arbeitskraftiger und kenntnissreicher Mann, der
nicht bloss mit alien praktischen, sondern auch mit den wissenschaftlichen
und klinstlerischen Aufgaben seines Faches genau vertraut wrar. Davon legen
auch seine literarischen Leistungen Zeugniss ab. Er lieferte Beitrage zum
deutschen Bauhandbuch, hatte hervorragenden Antheil an der Herausgabe und
Bearbeitung des Handbuchs der Architektur, verfasste ein Werk tiber die
Kunstdenkmaler des Kreises Blidingen. Er war Mitglied des hessischen Kunst-
raths und verschiedener Ausschtisse flir Erhaltung deutscher Baudenkmaler,
ferner ein gesuchter Preisrichter. Als Baumeister hat er eine Reihe dffent-
licher (iebiiude und Privathauser in Stuttgart und Darmstadt aufgeflihrt, in
ersterer Stadt unter anderem die Englische Kirche, in letzterer das Haupt-
gebaude der technischen Hochschule, sein bedeutendstes architektonisches
Werk.
Centralblatt der Bauverwaltung 1897, No. 13, S. 147 f. (woraus auch die Nckrologc
im Schwabischcn Merkur vom 1. April 1897 (Abendblatt) und in anderen wUrttembergi-
schen Zeitungen geschopft sind).
Rudolf Krauss.
2 go Bassermann.
Bassermann, Anton, Landgerichtsprasident, ♦am 18. October 1821 in
Mannheim, f am 22. September 1897 ebendaselbst. — Sohn des Kaufmanns
Ludwig Bassermann, aus einem in Mannheim hochangesehenen Geschlechte
stammend, wahlte B., nachdem er das Lyceum seiner Vaterstadt absolvirt
hatte, die Rechtswissenschaft zum Lebensberufe, wozu er sich von 1841 bis
1845 auf der Universitat Heidelberg vorbereitete. 1848 Rechtspraktikant,
1854, mit Nachlass der zweiten Priifung, Referendar, erhielt er 1856 die
erste Anstellung als Amtsassessor in Heidelberg. 1857 wurde er zum Amts-
richter in Philippsburg ernannt, 1859 in gleicher Eigenschaft nach Rastatt
versetzt, 1864 zum Kreisgerichtsrath in Offenburg, 1869 zum Kreisgerichts-
direktor in Villingen, 1872 zum vorsitzenden Rath beim Kreis- und Hofgericht
Mannheim, 1879 zum Direktor des Landgerichts Mannheim und 1889 zu
dessen Prasidenten befordert. In alien diesen Stellungen erwarb sich B.
nicht nur den Ruf eines gewissenhaften und tiichtigen Beamten und scharf-
sinnigen Juristen, sondern seine reichen Kenntnisse, die leerem Formalismus
abholde Auffassung seines richterlichen Berufes, sein klarer und gesunder
Verstand, sein unbestechlicher Gerechtigkeitssinn liessen ihn als einen der
hervorragendsten Richter des Landes erscheinen, dessen Beispiel und Leitung
von Bedeutung fur die Rechtsprechung des Gerichtshofes war, an dem er so
lange eine hervorragende Thatigkeit entfaltete. Durch den hellen Blick und
die offene, franke, der Derbheit nicht immer entbehrende Form seines Wesens,
wie sie der pfalzischen Bevolkerung eigenthtimlich und lieb ist, gewann B.
in alien Kreisen der Einwohnerschaft der verschiedenen Landestheile, in denen
er amtlich wirkte, Vertrauen und Ansehen. Sein vielseitiges Wissen, sein
Verstandniss ftir die geistigen und wirthschaftlichen Interessen, seine unab-
hangige politische Gesinnung und seine Vaterlandsliebe, an deren Warme
niemand zweifelte, wenn er sie auch nicht in auffalliger Weise zur Schau
trug, hatte schon wahrend seines Aufenthaltes zu Villingen die Aufmerksamkeit
seiner Mitbiirger auf ihn gelenkt, welche ihn zu ihrem Vertreter im Landtag
erwahlten. Zu wiederholten Malen gehorte er fernerhin als Abgeordneter
seiner Vaterstadt Mannheim der zweiten Kammer an, in welcher er sich der
nationalliberalen Fraktion anschloss, deren Programm nach den beiden in
ihrem Namen vereinigten Beziehungen seinen politischen Ueberzeugungen
entsprach. Eine hervorragende Thatigkeit entfaltete B. insbesondere wahrend
des Landtages, dem die Aufgabe gestellt war, das Einfiihrungsgesetz zu den
Reichsjustizgesetzen ftir Baden zu berathen. Es war — wie ein competenter
Beurtheiler sagt — »hauptsachlich mit sein personliches Verdienst, als einer
der Kommissionsberichterstatter, diejenige LCsung herbeigeflihrt zu haben,
welche die praktische Anwendung des in Hinkunft geltenden Rechtes wesent-
lich erleichtert und das Vertrauen der Bevolkerung in die Forterhaltung
einer constanten Rechtsprechung vor jeder unliebsamen. Erschtitterung be-
wahrt hat«.
B. war dem protestantischen Bekenntnisse treu ergeben, dessen freiere
Richtung seiner Sinnesart entsprach, die ihm auch jede Art von Unduldsam-
keit gegen Andersglaubige verbot. Seine Glaubensgenossen ehrten ihn wieder-
holt durch Wahl zum Kirchenaltesten und zum Mitglied der Generalsynode.
Im Jahre 1852 vermahlte sich B, mit Maria Eisenlohr aus Durlach. Sein
Sohn Ernst ist Rechtsanwalt und Mitglied des Reichstages.
Quellen: Dienstakten, Karlsruher Zeitung 1897, No. 470.
F, v. Weech.
ten Brink, von Regenauer. 281
ten Brink, Karl, Fabrikant, * am 20. Januar 1827 in Courcelles sur Aire
(Dep. Meuse), f in Arlen bei Singen (Baden) am 3. December 1897. — In
der Schule von Bar le Due, in dem Gymnasium von Saarbriicken und dem
Polytechnikum von Karlsruhe vorbereitet, erwarb ten B. sich die erforderlichen
technischen Kenntnisse in den Maschinenfabriken von Farcot und von Cail
in Paris und wurde am Ende der i84oer Jahre Vorstand der Eisenbahnwerk-
statte der franzosischen Ostbahn in Montigny. 1861 trat er als Theilhaber
und Leiter in die Spinnerei und Weberei Arlen ein, welche unter seiner Ge-
schaftsfiihrung einen grossarrigen Aufschwung nahm. Sie hat heute 65000 Spin-
deln und 850 Websttihle im Betrieb und beschaftigt 1300 Arbeiter. Seine
Erfindung der kohlenersparenden Feuerung, welche der Flamme an den rich-
tigen Stellen Luft und zwar nur so viel Luft zufuhrt, als zur grossten Warme-
entwickelung zweckmassig ist, die er zuerst bei den Lokomotiven anwandte,
wurde nun auch hier eingeflihrt und fand durch sein Entgegenkommen weite
Verbreitung bei stehenden Kesselanlagen. Er ersann auch Einrichtungen zur
Einfuhrung frischer Luft mit dem nothigen Wassergehalt in die Spinn- und
Websale. Neben dem Aufschwung seiner Fabrikation lag ten B. die Wohl-
fahrt seiner Arbeiter sehr am Herzen. In Erganzung der durch die Reichs-
gesetzgebung geschaffenen Einrichtungen war er nach den verschiedensten
Richtungen bedacht, fur die Gesundheit und Bildung seiner Arbeiter zu sorgen.
In Kochanstalten werden nicht nur zu billigen Preisen einfache Mahlzeiten
bereitet, sondern die Arbeiterfrauen und -Tochter finden auch Gelegenheit,
die Fiihrung einer einfachen Kilche zu erlernen. In einer kleinen Schrift
»Ueber die Ernahrung des Volkes. Ftir meine Arbeiter geschrieben« erlau-
terte er die dabei von ihm angestrebten Ziele. Flir die Arbeiter Hess er
kleine Wohnhauser — nicht in Form von Kolonien, sondern mitten unter
den Dorfhausern — erbauen, welche um billigen Preis an die Arbeiter gegen
allmahliche Abzahlung verkauft werden. Kinderschulen, Heimstatten flir
Madchen, ein nach alien Regeln der Antisepsis eingerichtetes Krankenhaus,
ein Sanatorium, in welchem auch andere unbemittelte Kranke Aufnahme
finden, hat er im Laufe der Zeit in's Leben gerufen und reich dotirt. Ebenso
Ersparnisskassen, in welche fur Arbeiter und Arbeiterinnen nach 5Jahriger
Dienstzeit jahrlich Gratifikationen eingelegt werden, die mit den Dienstjahren
wachsen und mit Zinseszins allmahlich ansehnliche Betrage erreichen. Bei
den von ihm getibten Werken der Wohlthatigkeit verband sich ein klihl be-
rechnender, Utopien und Ueberschwanglichkeiten abholder Verstand, ein
tiberaus scharfer Blick flir das Praktische mit einer auf tiefer Religiositat be-
ruhenden Nachstenliebe, mit edler Herzensgiite und einer Energie, die das
einmal fur richtig Erkannte mit einer vor keinem Hinderniss zuriickweichenden
Consequenz zur Ausftihrung brachte.
Quelle: Bericht Uber einen Vortrag des Oberbauraths Gross in Esslingen. Beilage
zur Badischen Landeszeitung 1898, No. 15.
F. v. Weech.
von Regenauer, Eugen, President der Generalintendanz der Grossh.
Bad. Civilliste, * am 11. Juni 1824 in Karlsruhe, f am 6. December 1897
daselbst. — Sohn des Grossherzogl. Staatsrathes, spateren Finanzministers
Regenauer, machte R. seine Studien auf dem Lyceum zu Karlsruhe, von
1842 — 1846 auf den Universitaten Heidelberg und Munchen. Im Herbst
1847 bestand er die Staatsprtifung und wurde mit dem Pradikat »gut be-
282 von Regenauer.
fahigU unter die Zahl der Kameralpraktikanten aufgenommen. Seine erste
Anstellung fand R. als Hauptzollamtsgehilfe in Mannheim, wo er sich von
seinem Vorgesetzten das Zeugniss erwarb, dass er, ein fleissiger, wissenschaft-
lich gebildeter, intelligenter junger Mann, schon nach Jahresfrist so viel wie
andere, die schon Jahre lang im Zollwesen beschaftigt sind, leiste. Beson-
ders wurde seine erspriessliche Thatigkeit im neuen Rheinhafen wahrend des
mehrtagigen Kampfes zwischen dem Kgl. preussischen Militair zu Ludwigs-
hafen und den Aufstandischen zu Mannheim im Jahre 1849 anerkannt. Im
August 1849 zum Assistenten bei dem gleichen Zollamt ernannt, wurde er
im October zum Hauptsteueramt in Altbreisach versetzt, im November 1850
zum Assistenten im Secretariat der Zolldirection beftirdert und ein Jahr
spater in gleicher Stellung in das Finanzministerium berufen. Von da ging
er im Mai 1852 als Referent mit Sitz und Stimme in das Collegium der
Zolldirection tiber, in welchem er 1853 Assessor, 1856 Finanzrath wurde.
Im Januar 1857 zum Ministerialrath mit dem Titel Legationsrath beim
Ministerium des Grossh. Hauses und der auswartigen Angelegenheiten er-
nannt, wurde er im Juni i860 als Ministerialrath in das Finanzministerium
versetzt. 1868 wurde er Mitglied der Ministerial - Commission fiir die neue
Katastrirung der landwirthschaftlichen Gebaude.
Im October 1870 zum Steuerdirektor befordert, wurde R. noch im
gleichen Monat durch den Kanzler des Norddeutschen Bundes an Stelle des
Geheimraths v. Lessing zur Uebernahme der Leitung der Verwaltung der
indirekten Steuern und des Zollwesens im Elsass berufen, wo er sein be-
deutendes Organisationstalent in aufopfernder Thatigkeit so erfolgreich be-
wahrte, dass die Verwaltung von Elsass - Lothringen seine hervorragende
Arbeitskraft dauernd sich zu erhalten wlinschte. R. aber, der, so erfreulich
und erhebend ihm die Wirksamkeit in dem wiedergewonnenen Reichslande
war, es in erster Reihe fiir seine Pflicht hielt, seine Dienste dem ihm
tiber alles theuren Heimathlande zu widmen, lehnte die an ihn ergangene Auf-
forderung ab und kehrte nach iy^jahrigem Aufenthalte in Strasssburg wieder
in seine Stellung als Steuerdirektor in Karlsruhe zuriick, in welcher er bis zum
September 1880 verblieb. Zu dieser Zeit wurde er durch das Vertrauen
des Grossherzogs von Baden als President der General -Intendanz der Gross-
herzoglichen Civilliste an die Spitze der Hofverwaltung berufen und bewahrte
auch in dieser Stellung, in welcher manche Schwierigkeiten zu tiberwinden,
manche Frictionen auszugleichen waren, sein Verwaltungs- und Finanztalent
und seine unermtidliche Arbeitskraft. Die Vielseitigkeit der ihm obliegenden
Geschafte konnte nur ein Mann beherrschen, der mit einer strengen Ge-
wissenhaftigkeit und einem jede Rticksicht auf sein personliches Befinden
ausser Acht lassenden Pflichtgefuhle eine klare Einsicht in alle Lebensver-
haltnisse und ein stets reges Wohlwollen verband. Die Anerkennung, die
ihm sein Flirst bei manchen Anlassen zollte, wurde ihm mit vollem Rechte
auch im Mai 1890 zu Theil, nachdem er vom Abgang des Hoftheater-
Intendanten Gustav zu Putlitz bis zum Dienstantritt des neuen Intendanten
Dr. Burklin mit der Oberleitung der Hofbiihne betraut gewesen war. In
seiner amtlichen Stellung verstand R. es ganz vortrefflich, die ihm anvertraute
Wahrung der finanziellen Interessen des Grossherzogs und seines Hauses mit
den stets der offentlichen Wohlfahrt zugewandten Wlinschen seines Herrn,
mit den vielen Verpflichtungen, die dem Landesherrn sein hoher fiirstlicher
Beruf auferlegt, mit der Freigebigkeit des Grossherzogs und der Grossherzogin
von Regenauer. Gemebl. 28L3
auf alien Gebieten des Lebens zu vereinigen. Gtitig und wohlwollend gegen
Jedermann, voll warmer Fiirsorge ftir die Armen, ist er Vielen ein Wohl-
thater gewesen, dessen Andenken in dankbaren Herzen fortlebt.
R. gehorte seit 1861 den Verwaltungs - und Aufsichtsorganen der All-
gemeinen Versorgungsanstalt im Grossherzogthum Baden, einer gemein-
niitzigen, auf Gegenseitigkeit beruhenden Gesellschaft, welche Lebensver-
sicherung, Rentengeschafte, Darlehen auf Annuitaten u. dgl. zum Gegenstand
ihrer Thatigkeit macht, an und stand von 1879 ^s zu seinem Tode an der
Spitze der Anstaltsleitung. Er war auch Mitglied des Aufsichtsrathes der
Rheinischen Hypothekenbank in Mannheim.
Seinem Landesflirsten in unverbrlichlicher Hingebung dienend, wie er
dem Staate seine ganze Kraft widmete, ein deutscher Patriot, der sich gliick-
lich schatzte, die Grundung und Erstarkung des Reiches erleben zu diirfen,
war er auch ein glaubiger Katholik und hielt fest und streng an den Satzun-
gen seiner Kirche, jedoch ohne sich der Richtung anzuschliessen, welche
das Glaubensbekenntniss zur Grundlage einer politischen Parteibildung ge-
macht hat. Im personlichen Verkehr war er von herzgewinnender Liebens-
wtirdigkeit. Im Jahre 1885 wurde R. vom Grossherzog durch Verleihung
des erblichen Adels, 1888 durch Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rath
mit dem Pradikat Excellenz ausgezeichnet. — 1854 vermahlte er sich mit
Anna Heine, Tochter des Hofraths Dr. Heine in Kannstadt. Aus dieser Ehe
entstammen ein Sohn, der mit Hinterlassung eines Knaben noch zu des
Vaters Lebzeiten starb, und eine mit dem Professor der Geschichte an der
Universitat Miinchen Dr. Grauert vermahlte Tochter.
Ein schweres und schmerzhaftes Leiden triibte seine letzten Lebensjahre
und zwang ihn, nachdem er, so lange es seine Krafte gestatteten, seinem
Amte vorgestanden, seine Versetzung in den Ruhestand zu erbitten, die am
2. Januar 1897 erfolgte. Nach scheinbarer Erholung erlag er unerwartet
einem Schlaganfall am 6. December des gleichen Jahres.
Quellen: Dienstakten, Karlsruher Zeitung 1897, No. 521.
F. v. Weech.
Gemehl, Berthold, Generalmajor, * am 24. October 1832 zu Bruchsal,
f am 28. Marz 1897 zu Karlsruhe. — Als Studirender der Jurisprudenz trat
G. 1859, als der Ausbruch eines Krieges mit Frankreich drohte, in das Heer,
wurde nach kurzer militarischer Ausbildung zum Lieutenant ernannt und
blieb, auch nachdem die Kriegsgefahr geschwunden war, in der militarischen
Laufbahn. 1866 zum Oberlieutenant und Regimentsadjutanten im badischen
Leibgrenadier-Regiment in wrelcher Stellung er den kurzen Feldzug dieses Jahres
mitmachte, befordert, erhielt er 1870 die Ftihrung der 7. Kompagnie, wurde
am 18. December bei Nuits leicht, am 18. December bei dem Angriff auf
die Ferme la Berch£re schwer verwundet, womit seine Theilnahme am Kriege
ihr Ende erreichte. Im Februar 187 1 zum Hauptmann befordert, trat G.,
in Folge seiner Verwundung zum aktiven Dienst nicht mehr geeignet, als
Adjutant zum Kommando des badischen Gendarmeriecorps liber, wurde 1875
zum Kommandanten des 2. Gendarmeriedistrikts in Freiburg ernannt, 1880
zum Major, 1889 zum Oberstlieutenant, 1891 zum Obersten und Komman-
deur des Gendarmeriecorps, 1895 zum Generalmajor befordert. Er genoss
die hohe Achtung seiner Kameraden, die Liebe und Verehrung seiner Unter-
gebcnen.
284 StttUcl. N. Diez. J, Ch. Diez,
StSlzel, Otto, Generalmajor, * am 13. Januar 18 13 zu Offenburg, f am
17. Marz 1897 zu Karlsruhe. — Im badischen Kadettenhaus als Sohn eines
Gendarmerie -Rittmeisters erzogen, wurde er 1841 Lieutenant, 1847 Ober-
lieutenant, 1855 Hauptmann, 1859 erster Adjutant beim Gouvernement Ra-
statt, 1864 Major. In dieser Stellung machte St. den Krieg von 1866 mit,
1870 als Obersdieutenant zum Kommandeur des aus Landwehrtruppen ge-
bildeten Besatzungsregiments in Rastatt ernannt, wurde er an Stelle des am
18. December bei Nuits gefallenen Obersten v. Renz zum Obersten und Kom-
mandeur des 2. Infanterie-Regiments befordert und machte als soldier die
Kampfe an der Lisaine mit. 187 1 trat er in dieser Stellung in die konigl.
preuss. Armee iiber. 1873 erhielt er den erbetenen Abschied aus dem aktiven
Dienst. 1875 wurde er zum Kommandeur des badischen Gendarmeriecorps
ernannt, welche Stellung er, zum Generalmajor befordert, inne hatte, bis ihn
zunehmende korperliche Leiden 1891 zwangen, in den Ruhestand zu treten. Er
war als tlichtiger und kenntnissreicher Officier und lauterer Charakter allgemein
hochgeschatzt.
Diez, Nikodemus, katholischer Pfarrer in Stockach (Baden), * zu Katten-
horn am Bodensee am 10. October 1806, f am 3. Januar 1897 zu Stockach.
— Armer Rebleute Sohn, kam D. erst im Alter von 18 Jahren an das
Gymnasium in Konstanz und fristete sein Leben durch Stundengeben an jiin-
gere Schuler und durch Untersttitzungen wohlgesinnter Geistlicher (darunter
des Bisthumsverwesers v. Wessenberg und des spateren Freiburger Erzbischofs
v. Vicari) und Konstanzer Burger. Seine weitere Vorbereitung erhielt er an
der Universitat Freiburg und dem dortigen Priesterseminar. 1834 empfing
er die Priesterweihe, und er hatte das GlUck, 1894 den 60. Jahrestag der-
selben in voller RUstigkeit zu feiern. Nach dreizehnjahrigem Wirken als
Vicar und einjahrigem als Pfarrverweser wurde D. 1847 Kaplan in Villingen
und Vorstand der dortigen hoheren Btirgerschule. Mit grosser Entschieden-
heit trat er in den Jahren 1848/49 der revolutionaren Bewegung entgegen
und gewann dadurch das Vertrauen der Civil- und Militarbehorden, welches
ihm moglich machte, seinen Einfluss zu Gunsten der Villinger Burgerschaft
geltend zu machen, als die Reaction hereinbrach. 1850 wurde D. Pfarrer
in Nenzingen, das er 1866 mit Stockach vertauschte, wo er von nun an
bis an sein Lebensende segensreich wirkte. D. war ein Priester, der im
Wessenberg' schen Geiste seines Amtes waltete, sich aber doch nie in direk-
ten Gegensatz zu dem Kirchenregiment stellte. Fiir Schule, Krankenpflege
und Armenfiirsorge bewies er stets ein thatkraftiges Interesse. Vom politi-
schen Leben hielt er sich grundsatzlich fern. Er genoss Vertrauen und Liebe
seiner Pfarrkinder und hohes Ansehen in weiten Kreisen und wurde auch
vom Grossherzog mehrfach ausgezeichnet. Als er im 91. Lebensjahre sich
entschlossen hatte, seine Zuruhesetzung zu erbitten und sich eben anschickte,
das Pfarrhaus, in dem er dreissig Jahre lang gehaust, mit einer Privatwohnung
zu vertauschen, nahm ihn nach kurzer Krankheit ein sanfter Tod hinweg.
Diez, Johann Christoph, katholischer Pfarrer in WalldUrn (Baden), * am
11. August 1826 zu Kupprichhausen im badischen Bezirksamt Tauber-
bischofsheim , f am 12. Februar 1897 in Walldtirn. — Sohn von Bauers-
leuten wahlte D. aus eigenem Antrieb und aus Liebe zum geistlichen Stand
im 19. Lebensjahre 1845 ^as Studium und Uberwand durch grossen Fleiss
J. Ch. Dieti. Degcn. Kraft*. 285
alle Schwierigkeiten, so dass er nach zehn Jahren 1855 die Priesterweihe er-
langen konnte. Von 1864 an wirkte er zuerst als Pfarrverweser, seit 1867 ^s
Stadtpfarrer an dem Wallfahrtsorte Walldlirn. Als im Kriege von 1866 die
Cholera ausbrach, erwarb er sich um die Krankenpflege grosse Verdienste.
Wahrend vieler Jahre war er Abgeordneter zur Kreisversammlung, seit 1872
Dekan des Landkapitels Walldlirn, tiber 32 Jahre stand er dem dortigen
Armenkinderhaus vor, mit besonderer Vorliebe war er in der Krankenseel-
sorge th&tig. Um den Wallfahrtsort erwarb D. sich grosse Verdienste, nament-
lich auch durch die geschmackvolle Restauration der Wallfahrtskirche, wozu
die sehr bedeutenden Geldmittel zum grossen Theile durch seine Bemtihungen
zusammengebracht wurden.
Degen, Ludwig, kathol. Pfarrer in Konstanz, * zu Engen in Baden am
9. August 1839, f zu Konstanz am 28. Februar 1897, studirte in Konstanz
und Freiburg, wurde 1863 zum Priester geweiht, war von 1864 bis 1872
Cooperator und Pfarrverweser in Karlsruhe und — da die wahrend des sog.
Kulturkampfes erlassene Verordnung tiber das Staatsexamen der Geistlichen
seine definitive Anstellung verzogerte — gleichfalls in der Eigenschaft als Pfarr-
verweser bis 1883 in Giiesheim bei Offenburg, Furtwangen und Bruchsal.
1883 wurde er Stadtpfarrer in Bruchsal, 1894 Stadtpfarrer von St. Stephan
in Konstanz. Er war ein sehr untenichteter und eifriger Priester. Mit
grosser Energie besorgte er, als den Altkatholiken in Furtwangen der Mit-
gebrauch der Pfarrkirche zugesprochen wurde, welchen die Kirchenbehorde
fur unzulassig erklarte, den Bau einer Nothkirche fur die Rtimisch - Katholi-
schen, deren festes Zusammenhalten er im Kampfe mit vielen Schwierig-
keiten durchsetzte. Eine kurze schwere Krankheit setzte seinem Leben ein
frlihes Ziel.
Krafft, Wilhelm, Ludwig, Consistorialrath, Professor Dr. theol., * am
8. Sept. 182 1 in Koln, f 7. Januar 1897 zu Bonn. — Nach vollendetem
18. Jahre trat er 1839 *n Bonn das Studium der Theologie an, um es bis
1844 in Berlin zum vorlaufigen akademischen Abschluss zu bringen. Von
da ftihrte ihn eine wissenschaftliche Studienreise nach dem heiligen Lande —
damals ein noch recht umstandliches Unternehmen. Aus ihr ging seine
Jugendschrift liber »Die Topographie Jerusalems« 1846 hervor, mit der er
zugleich in Bonn als Dozent der Theologie sich habilitirte. 1850 wurde er
zum ausserordentiichen Professor ernannt, die Beforderung zum Ordinarius
folgte erst nach 9 Jahren. Auch Albrecht Ritschl, der ein Jahr jtlnger als
K. 1853 als Extraordinarius ihm zur Seite trat, hat bis i860 dort auf die
ordentliche Professur warten mtissen. Im Jahre 1854 Hess K. den ersten
Band seines weitangelegten Werkes: »Die Kirchengeschichte der germanischen
Volker* erscheinen. Es ist leider bei diesem ersten Theile, von den »An-
fangen der christlichen Kirche bei den Germanen«, verblieben. Erst in den
letzten Jahren hat Hauck in seiner » Kirchengeschichte Deutschlands« dasselbe
Gebiet von Grund aus und in durchaus selbstandiger Durchfiihrung zur Dar-
stellung gebracht. Nach einer Monographie tiber »Karl Ktipper, ein Lebens-
bild aus der rheinischen Kirche« (i860) trat K. erst wieder 1876 mit einem
286 Krafft MUller.
gemeinsam mit seinem Bruder Karl bearbeiteten Sammelwerk: »Briefe und
Documente aus der Zeit der Reformation* vor der Oeffentliehkeit hervor.
Daran schloss sich im Lutherjahre 1883 die gediegene Studie tiber »Die
deutsche Bibel vor Luther«, in der er sich ebenso als grlindlichen Kenner
wie als objectiv-niichternen Beurtheiler der romischerseits vielfach recht ten-
denzios verarbeiteten Materialien aufs neue bethatigte. Die 1886 publicirte
»Geschichte der Martyrer der evangelischen Kirche Adolph Clarenbach und
Peter Fliesteden« (1529 in Koln verbrannt), die ich auch als sein Werk ver-
zeichnet fand, stammt jedoch aus der Feder seines Bruders Karl, der sich
— abgesehen von seiner Mitarbeit an den obengenannten »Briefen und Do-
cumenten aus der Zeit der Reformation « — als hervorragender Mitbegriinder
des Bergischen Geschichtsvereins und des Bonner wissenschaftlichen Prediger-
vereins sowie der Evangelischen Bundesorganisation im Wupperthal ein hoch-
geachtetes Andenken in den Rheinlanden gesichert hat. Seit 1881 war
K. Mitglied des Consistoriums der Rheinprovinz, nachdem schon Jahrzehnte
zuvor die Leitung des evangelisch-theologischen Seminars in Bonn seiner
treuen Hand anvertraut war. So wird bei ungezahlten rheinischen Geistlichen
das Gedachtniss des Brtiderpaares, insbesondere des »alten Krafft« in Bonn
fiir lange Zeit unvergessen bleiben.
Kohlschmidt.
MUller, Ferdinand Gottlob Jacob (von), evangelischer Theologe, * am
9. Juni 1 8 16 zu Winnenden (im wurttembergischen Oberamt Waiblingen),
f am 2. Februar 1897 zu Stuttgart. — M.'s Vater war Besitzer einer Kunst-
und Schonfarberei in Winnenden, und in der Lateinschule dieser Stadt
empfing der Knabe seinen ersten Unterricht. Dann wurde er in Blaubeuren
auf das sog. Landexamen vorbereitet, nach dessen Erstehung er 4 Jahre lang
das niedere Seminar Urach besuchte. Herbst 1834 begann er als Z6gling
des Tiibinger Stifts seine theologischen Studien, die er Herbst 1838 durch
die erste Dienstprtifung mit glanzendem Ergebniss zum Abschluss brachte.
Nach zweijahriger Vikariatszeit in MGssingen (Oberamt Rottenburg) unternahm
er eine einjahrige Bildungsreise nach Norddeutschland, Holland, Schweden;
in den Universitatsstadten Bonn und Berlin hielt er sich langere Zeit auf und
horte in letzterer Vorlesungen Schelling's. Februar 1842 in die Heimath
zurtickgekehrt, fand er zunachst wieder im praktischen Kirchendienste provi-
sorische Verwendung und versah dann von Juli 1843 bis September 1845
die Stelle eines Repetenten am Tiibinger Stift. 1844 erhielt er in der zweiten
theologischen Dienstprtifung die hochste Note. Von Stuttgart aus, wo er
vortibergehend Stadtvikar war, wurde er vom Ftirsten von Hohenlohe-Langen-
burg als Patronatsherrn zum Stadtpfarrer von Langenburg ernannt. December
1845 tibernahm er das Amt, das er, seit 1847 m^ ^er Leitung der Diocese
betraut und seit 1852 Dekan, tiber 8 Jahre segensreich und im innigsten
Verkehre mit der ftirstlichen Familie verwaltete. Einen Ruf auf eine ordent-
liche Professur an der Universitat Konigsberg lehnte er ab, da er praktische
Wirksamkeit einer bedeutenden wissenschaftlichen Stellung, der er tibrigens
wohl gewachsen gewesen ware, vorzog. Am 14. Februar 1847 vermahlte er
sich mit Marie Schelling, einer Tochter des Obermedicinalraths Schelling in
MOller. Nttrdlinger. 287
Stuttgart und Nichte des Philosophen; die glUckliche, mit 4 SOhnen und
4 TOchtern gesegnete Ehe wurde schon 1862 durch den Tod der Gattin ge-
lost. 1853 kam M. als Garnisonpfarrer nach Stuttgart, und bald begann er
in der Hauptstadt eine Wirksamkeit im grossen Stile zu entfalten. Zu seinem
Hauptamte eignete er sich vermoge ausserer und innerer Eigenschaften vor-
ztiglich. Nachdem er 1868 zum Feldprobst und Pr&lat ernannt und mit der
Inspection und Leitung des evangelischen Feldprobstei-Sprengels beauftragt
worden war, traf er im Krieg 1870/71 umfassende Ftirsorge ftir die geistliche
Nahrung der im Felde stehenden wiirttembergischen Truppen. Dann gal ten
seine Bemtihungen der Errichtung einer neuen Garnisonkirche in Stuttgart
statt der alten, wenig wttrdigen; 1874 wurde der Bau beschlossen und 1879
das stattliche, im romanischen Stil aufgeftihrte Gotteshaus eingeweiht. Wie
als Prediger und Seelsorger entfaltete er auch eine erspriessliche Thatigkeit
als religioser Lehrer sowohl fiir die Jugend als ftir die Erwachsenen durch
Kinderlehre, Confirmandenunterricht, abendliche Versammlungsstunden ; eine
Zeit lang ertheilte er auch Religionsunterricht an der Oberrealschule und am
Polytechnikum. Schon 1855 in die theologische Prtifungscommission des
k. evangelischen Consistoriums berufen, wurde er 1861 als Oberconsistorial-
rath Mitglied dieser Behorde und betheiligte sich Jahrzehnte lang mit Energie
am wiirttembergischen Kirchenregimente. Namentlich stellte er seine organi-
satorischen Talente in den Dienst des hoheren Madchenschulwesens. 1877
tibernahm er die Vorstandschaft der hierfilr neugeschaffenen Commission,
nachdem er bereits 1865 Commissar beim k. Catharinenstift und 1873 bei
dem damals gegrtindeten Olgastift geworden war. Eine besonders verdienst-
liche Schfipfung M.'s ist das mit dem Catharinenstift in Verbindung stehende
hOhere Lehrerinnenseminar. Neben alien amtlichen Wiirden und Biirden fand
der vielseitige und arbeitsfrohe Mann noch Zeit und Lust, am Stuttgarter
Vereins- und Armenwesen den regsten und thatkr&ftigsten Antheil zu nehmen.
Er that dies im engen Bunde mit der hochseligen Konigin Olga von Wurttem-
berg, deren voiles Vertrauen und hohe Gunst er bis an ihren Tod ge-
noss. Ende 1895 beschloss M., dessen Korperkrafte erschopft waren, seine
offentliche Wirksamkeit, der es an Anerkennungen und Belohnungen aller Art
nicht gefehlt hat. Eine langere Leidenszeit erwartete ihn nun, so dass der
Tod als ein Erloser erschien. M. war kein pietistischer Eiferer, aber ein
fester und (iberzeugter Christ von wtirdevollem Ernste im Wesen, daneben
von weltm&nnischer Gewandtheit im Auftreten.
Nach dem ausfUhrlichen Nekrolog in der Schwabischen Kronik vom 13. Marz 1897
(Sonntagsbeilage) and 17. Marz 1897 (Mittwochsbeilage).
Rudolf Krauss.
Nttrdlinger, Hermann (von), Dr., Oberforstrath und Professor, *am 13. Au«
gust 1 818 zu Stuttgart, f am 19. Januar 1897 zu Ludwigsburg, — Der Vater
N.'s, Oberfinanzrath Julius N., war im wiirttembergischen Finanzministerium lang-
jahriger Referent ftir Forstwesen, so dass der Knabe schon friihzeitig Gelegen-
heit hatte, sich ftir seinen ktinftigen Beruf zu interessiren. Nachdem er das
Stuttgarter Gymnasium besucht, auf der dortigen polytechnischen Schule seine
mathematischen Kenntnisse vervollstandigt und sich im praktischen Forstdienst
etwas umgesehen hatte, studirte er 1838 — 1840 in Tubingen, wo er der
Burschenschaft angehtfrte, Forst- und Naturwissenschaften, und 1840/41 in
Hohenheim Forst- und Landwirthschaft, war 1841/42 Praktikant beim Forst-
288 NBrdlinger.
amt Bebenhausen und erstand 1842 das Staatsexamen. Alsbald erhielt er
einen Ruf als Professor der Forstwirthschaft an die ficole Rdgionale d' Agri-
culture de Grand-Jouan in der Bretagne (Departement Loire-Inferieure). Ehe
er seine neue Stelle antrat, hielt er sich ein Semester in Nancy zum Besuche
der dortigen Forstschule und kurze Zeit in Paris auf. Von Frtihjahr 1843
bis Herbst 1845 lehrte N. in Grand-Jouan, zugleich seinen franzosischen Auf-
enthalt zu wissenschafdichen Reisen im Lande benutzend. Dann (ibernahm
er die zweite forstwirthschaftliche Professur an der wiirttembergischen Akademie
Hohenheim. Nachdem er hierauf einige Jahre im praktischen Staatsforst-
dienste zu Oberstenfeld, Kirchheim unter Teck und Schorndorf verbracht
hatte, kehrte er 1855 als erster forstwirthschaftlicher Professor nach Hohen-
heim zurtick, mit welchem Posten die Verwaltung des dortigen Forstreviers
verbunden war. Sein Lehrauftrag erstreckte sich auf Forstbotanik, Forstschutz,
Forsteinrichtung und Staatsforstwirthschaftslehre. In den beiden erstgenannten
von ihm bevorzugten Fachern leistete er besonders Bedeutendes. 1866 erhielt
er den Titel eines Forstraths. An der Agitation zu Gunsten der Ruckver-
legung des Forststudiums nach Tubingen nahm er lebhaften Antheil und
siedelte, als dieses Ziel erreicht war, 1881 dorthin als ordentliches Mitglied
der staatswissenschaftlichen Facultat liber. 1887 trat er vorgeriickten Alters
wegen als Oberforstrath in den Ruhestand, behielt jedoch noch bis 1891
einen Theil seines Lehrauftrags bei. Seine geistigen Krafte zerfielen in den
letzten Jahren, und er fiel schwerem Siechthum anheim; ausserdem triibte
Familienungliick seinen Lebensabend. Er wurde am 22. Januar 1897 in
Tubingen mit academischem Geprange zu Grabe getragen. Auch im Leben
hatte er Ehrungen in Fiille erfahren. Schon 1851 hatte ihn die Tiibinger
Hochschule zum naturwissenschaftlichen Doctor creirt. Orden, Mitglied-
schaften gelehrter Gesellschaften kamen hinzu. Er war ferner langjahriger
President des wiirttembergischen Forstvereins und spielte auf den Versamm-
lungen deutscher Forstmanner, die ihm wiederholt den Vorsitz tibertrugen,
eine Rolle. N. hat eine emsige literarische Thatigkeit entfaltet. Als Frlichte
seines franzosischen Aufenthaltes erschienen 1845 »M£moire sur les essences
forestiferes de la Bretagne« und 1847 »Essai sur les formations gdologiques
de Grand-Jouan«. Seine deutschen Werke zerfallen in 4 Gruppen. 1. i860
gab er »Die technischen Eigenschaften der Holzer« heraus, welches Buch
seinen wissenschafdichen Ruf begriindet hat. Auf diesem Gebiete wirkte er
bahnbrechend. Bei verhaltnissmassig beschrankten Mitteln sammelte und be-
arbeitete er mit unermtidlichem Fleiss ein grosses Material. Er veroffent-
lichte mehrere Sammlungen von Querschnitten in- und auslandischer Holzer,
so namentlich »Querschnitte von 500 Holzarten« (1852 — 1888, 11 Bande).
2. Ebenso Bedeutendes leistete er im Fache der Forstbotanik. Hierher ge-
horen folgende Arbeiten: »Der Holzring als Grundlage .des Baumkorpers«
(1871), »Deutsche Forstbotanik* (1874/76, 2 Bande), sein umfassendes Haupt-
werk auf diesem Feld, »Anatomische Merkmale der wichtigsten deutschen
Wald- und Gartenholzarten« (1881), »Die gewerblichen Eigenschaften der
H6lzer« (1890), eine gedrangte Zusammenfassung seiner bezliglichen Studien.
3. Als ausgezeichneten Kenner der Entomologie bewahrte sich N. in nach-
stehenden Schriften: »Die kleinen Feinde der Landwirthschaft« (1855, 2.Auf-
lage 1869), »Nachtrage zu Ratzeburg's Forstinsecten (Lebensweise von Forst-
kerfen)« (1856, 2. Auflage 1*880), »Die Kenntniss der wichtigsten kleinen
Feinde der Landwirthschaft« (1871, 2. Auflage 1884). 4. »Lehrbuch des
NtSrdlinger. S&xinger. 289
Forstschutzes« (1884), ein stark angefochtenes Werk. Ausserdem gab er
i860— 1870 die »Kritischen Blatter ftir Forst- und JagdwissenschafU heraus,
deren SpaJten er vorzugsweise mit eigenen Artikeln ftillte. N.'s grosse wissen-
schaftliche Bedeutung gehort mehr einer vergangenen Zeit an, und seine
Leistungen sind in der Gegenwart bereits (iberholt.
Forstrath Graner in Forstwissenschaftliches Centralblatt (Juni) 1897, S. 291 — 297,
Allgemeine Forst- und Jagdzeitung (Mai) 1897, S. 182 f., Conversationslexica.
Werke u. Schriften s. BOrsenbl. f. d. deutschen Buchhandel 1897, No. 27.
Rudolf Krauss.
S&xinger, Johann (von), Dr., Gynakologe, * am 18. Mai 1835 zu Aussig
in Bohmen, f am 30. Marz 1897 in Tubingen. — Als Sohn eines Arztes fasste
er frtihzeitige Neigung zu diesem Beruf und studirte, nachdem er die Gym-
nasien zu Schlackenwerth und Prag-Kleinseite durchlaufen hatte, 1854 — 1859
Medicin an der Prager Universitat. Dann wurde er auf verschiedenen Ab-
theilungen des dortigen allgemeinen Krankenhauses Assistent, spater Secund&r-
arzt und ging schliesslich als Assistent des genialen Gynakologen Seyfert an
die geburtshilfliche Klinik Uber. Damals machte er seinen Namen in wissen-
schafdichen Kreisen durch zahlreiche Publicationen in Fachzeitschriften vor-
theilhaft bekannt. 1862 vermahlte er sich mit der den Gatten Uberlebenden
Rosa Trinks aus Prag; die Ehe blieb kinderlos. 1866 wurde er Assistent an
der geburtshilflichen Klinik fur Aerzte. Hier erwarb er sich reiche Erfah-
rung und grosse technische Gewandtheit in seinem Fach und bildete sich
zum beliebten akademischen Lehrer aus. Junge wiirttembergische Aerzte
pflegten sich damals nach Beendigung ihrer eigentlichen Studien nach Prag
zu begeben, um noch dort einen geburtshilflichen Kurs durchzumachen. So
wurde man im Schwabenland auf S. aufmerksam, und als 1868 die Professur
der Geburtshilfe und Vorstandschaft der geburtshilflichen Klinik an der
Ttibinger Universitat erledigt wurde, erhielt der junge bohmische Docent
diese Stelle, zunachst als ausserordentlicher Professor, schon seit 1869 als
Ordinarius. S. hatte in seinem neuen Wirkungskreise Gelegenheit, sein organisato-
risches Geschick zu zeigen. Die geburtshilfliche Klinik war ausserst primitiv
eingerichtet, die gynakologische erst im Entstehen begriffen. Das alte, bau-
tallige Haus wies die schlimmsten sanitaren Mangel auf, und eine fortgesetzte
Puerperalfieberepidemie wlithete darin. Der Energie S.'s gelang es schliess-
lich, befriedigende Gesundheitsverh<nisse herzustellen, so dass am 26. Septem-
ber 1886 die tausendste Wochnerin entlassen werden konnte, ohne dass eine
in dieser langen Reihe dem Fieber zum Opfer gefallen war. Doch genligte
das alte Clinicum nicht lange mehr dem statigen Zuwachs an Gebarenden
und Kranken. So erstand nach S.'s Angaben ein prachtiger Neubau, der 1890
bezogen wurde, die sogenannte k. Universitats-Frauenklinik, deren gynakolo-
gische und geburtshilfliche Abtheilungen zusammen 135 Betten hatten. Durch
sein freundliches, leutseliges Wesen machte sich S. bei seinen Patientinnen
sehr beliebt. Als Lehrer war er nicht weniger geschatzt. FUr seine Wissen-
schaft begeistert, wusste er auf seine Schiiler begeisternd zu wirken. Er ver-
ftigte tiber einen klaren, fliessenden Vortrag. Er war ein vorzliglicher Dia-
gnostiker und besass jene Sicherheit des Urtheils, die allein aus grosser
Erfahrung hervorgeht. Bei allem Geschick im Operiren vermied er doch
jedes vorzeitige und iiberflussige operative Eingreifen. Er war im ganzen
conservativ und hielt sich an die festen Regeln der Prager Schule ftir geburts-
Blogr. Jahrb. u. Deatscher Nekrol^g*. 2. Bd. XQ
2oo SSxinger. Straubenmllller.
hilfliches Handeln. Die Wichtigkeit dieser machte er auch seinen Schiilem
einleuchtend, deren Erfahrung und Anschauung er mit der grossten Liberalitat
forderte, und die er so hauptsachlich zu ttichtigen Praktikern heranzog. Er
selbst trat litterarisch nur noch mit einigen kleineren Arbeiten hervor. Seine
Absicht, eine geburtshilfliche Operationslehre erscheinen zu lassen, wurde nicht
ausgefuhrt. Doch wurde das wissenschaftliche Material seiner Klinik in vielen
Dissertationen von Schfllern und in Arbeiten von Assistenzarzten verwerthet.
S. war lange Jahre Mitglied des academischen Verwaltungsausschusses, Vor-
stand der medicinischen Priifungscommission, 1882/83 Rector magnificus,
zuletzt Senior seiner Facultat. Durch Ordensverleihungen und andere Ehrun-
gen fand sein Wirken Anerkennung. November 1893 feierte er das Jubilaum
seiner funfundzwanzigjahrigen Lehrthatigkeit in Tubingen. Um das gesellige
Leben des Universitatsstadtchens erwarb er sich, namentlich als Vorstand der
Museumsgesellschaft, Verdienste. Im Marz 1897 wurde der scheinbar kern-
gesunde Mann von einer Bauchfellentztindung befallen, der er binnen 14 Tagen
erlag. Die irdischen Reste wurden nach Prag gebracht und in der dortigen
Familiengruft beigesetzt.
Hauff in Medicinisches Correspondenzblatt des Wtirttembergischen arztlichen Landes-
vereins, Bd. LXVH (1897), No. 37, S. 337— 341 (mit Bildniss), SchwBbische Kronik vom
5. April 1897 (Abendblatt).
Rudolf Krauss.
Straubenmiiller, Johann, Schulmann und Dichter, * am 11. Mai 18 14 zu
Schwabisch Gmiind, f Anfangs November 1897 zu New- York. — Das zwolfte
Kind eines Handwerkers, wurde er fiir den Lehrerstand bestimmt. Nach Ab-
solvirung des katholischen Schullehrerseminars amtete er zu Ellwangen, Stutt-
gart, Gmiind und Horb. Bald nahm er an der politischen Bewegung theil
und verlieh in Gedichten, die namentlich durch Hermann Kurz1 Vermittelung
in Lewald's Europa, doch auch in sonstigen Tagesblattern Aufhahme fanden,
seinen Gesinnungen lebhaften Ausdruck. Es ging sogar das Gerticht, er rtiste
eine Freischaar aus, mit der er sich am badischen Aufstande betheiligen
wolle. So wurde ihm der Process gemacht, der damit endigte, dass er zur
Auswanderung »begnadigt« wurde. Vergebens bemiihten sich Gonner St.'s,
ihm eine Stelle in der Schweiz zu verschaffen. Als ihm eine Unterkunft an
einer Stuttgarter Lehranstalt in Aussicht stand, hinderte es der Minister
Duvernoy mit der Erklarung, solange der Straubenmiiller im Lande sei, gebe
es keine Ruhe. So musste er sich zur Uebersiedelung nach Amerika ent-
schliessen, die er 1852 mit Weib und Kind bewerkstelligte. Er erhielt in
Baltimore den Posten eines Lehrers und Organisten der St. Michaelsgemeinde.
1863 wurde er Director der »Freien deutschen Schule« in New-York. Je
weniger er seine Ideale in Amerika verwirklicht fand, mit desto treuerer Liebe
hing er an seiner alten Heimat. Er wirkte darum nach Kraften fiir Ver-
breitung deutscher Sprache und Sitte in Nordamerika. Als Dichter gehdrte er
zu den bescheidenen Talenten. Er veroffentlichte 1848 »Gedichte fur Lehrer«,
185 1 »Kinderlieder« (mit eigenen Compositionen), 1859 die erzahlende Dich-
tung »Pocohontas, oder: Die Griindung von Virginien«, 1867 »Gedichte ftir
die liebe Jugend« und 1889 gesammelte Gedichte unter dem Titel »Herbst-
rosen«.
Franz Brlimmer, Lexicon der deutschen Dichter und Prosaisten des 19. Jahrhunderts,
4, Aus e, IV, S. 164 f.f zerstreute Zeitungsnotizen.
Rudolf Krauss.
Freihcrr von Reitzenstein. 201
Reitzenstein, Friedrich Freiherr von, * am 26. Marz 1834 in Berlin,
f am 4. Februar 1897 im 63. Lebensjahre zu Freiburg i. B. — Ein Mann,
der sich durch seine Bestrebungen auf gemeinntttzigem Gebiete ein unver-
gangliches Verdienst erworben hat. R. ward als Sohn des Majors Freiherrn
Karl von Reitzenstein geboren, besuchte, nachdem er die Reifepriifung am
Gymnasium schon mit 1 6 Jahren bestanden, die Universitaten Berlin und Halle,
war als Referendar bei der Regierung in Konigsberg thatig, desgleichen
langere Zeit als Assessor, bis er zum zweiten Burgermeister dieser Stadt ge-
wahlt wurde, wo er reiche Gelegenheit zu einem verdienstvollen Wirken
fand. In dieser kommunalen Stellung verheirathete sich R. mit der Freiin
Claudia von Reitzenstein aus Miinchen. Nach dem deutsch-franzosischen
Kfiege wurde er als Ober-Regierungsrath nach Metz berufen und in Anerkennung
seiner besonderen Bewahrung unter schwierigen politischen Verhaltnissen im
Jahre 1877 zum Bezirksprasidenten von Lothringen ernannt. Von diesem Amte
trat er jedoch bereits nach drei Jahren aus Gesundheitsrticksichten zurtick, um
sich nunmehr dauernd in Freiburg i. B. niederzulassen und dort bis zu seinem
Ableben ganz in den Dienst wissenschaftlicher und praktischer Untersuchungen
auf dem Gebiete der offentlichen Wohlfahrtspflege zu stellen.
In besonders hervorragender Weise widmete er seine Zeit und Kraft den
Bestrebungen des » Deutschen Vereins fUr Armenpflege und Wohlth&tigkeit«,
dessen erster stellvertretender Vorsitzender er bis zu seinem Tode war, des-
gleichen als Ausschussmitglied dem »Verein fur Socialpolitik«. Er gab den
ersten Anstoss zu der 1892 erfolgten Grtindung der »Arbeitsnachweis-Anstalt«
in Freiburg i. B. ; auch ihrem Vorstande gehorte er bis zuletzt an. Ausserdem
war er Mitglied des evangelischen Kirchengemeinderaths, des evangelischen
Arbeitervereins, des Arbeiterbildungsvereins, des Vereins gegen Haus- und
Strassenbettel, der Herberge zur Heimath, des Schutzvereins fiir entlassene
Strafgefangene u. a. m. (sammtlich zu Freiburg i. B.).
R. war ein Mann von unermtidlicher Schaffenskraft ; selbst wahrend seines
Lebensabends beschaftigte er sich ununterbrochen mit ernsten, vielfach grund-
legenden wissenschaftlichen Arbeiten, die ihn bald in die Reihe der Ftihrer
auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege und Socialpolitik filhrten.
Von seinen, vorwiegend in fachlichen und wissenschafdichen Sammel-
werken erschienenen zahlreichen Schriften heben wir folgende hervor:
1. Die Armengesetzgebung Frankreichs in den Grundzttgen ihrer historischen Ent-
wickelung. Leipzig 1881. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuche fUr Gesetzgebung , Ver-
waltung und Volkswirthschaft.)
2. Agrarische Zust&nde in Frankreich und England. Auf Grund der neuen Enqueten
dargestellt von F. Frhr. v. Reitzenstein und Erwin Nasse. Leipzig 1884. (A. u. d. T.:
Schriften des Vereins fttr Socialpolitik, Bd, XXVII.)
3. Die landliche Armenpflege und ihre Reform. Verhandlungen des deutschen Ver-
eins fttr Armenpflege und WohlthStigkeit, sowie der von ihm niedergesetzten Kommission.
Im Auftrage des Vereins und der Kommission berausgegeben von F. Frhr. v. Reitzenstein.
2 Theile und Anhang in 1 Bande. Freiburg i. B. 1887.
4. Beschaftigung arbeitsloser Armer und Arbeitsnachweis. Freiburg i. B. 1887.
5. Das deutscbe Wegerecht in seinen Grundziigen. Mit Erweiterungen versehener
Abdruck aus ^Stengel, Wdrterbuch des deutschen Verwaltungsrechts*. Freiburg i. B. 189X).
Dasselbe, zweite mit einem Nachtrag versehene Ausgabe. Ebenda 1892.
6. Arbeiterversicherung, Armenpflege und Armenreform. Sondergutachten fiber die
Frage: In welcher Weise wirkt die neue soziale Gesetzgebung auf die Armengesetzgebung
und Armenpflege ein? zu dem von Freund dem deutschen Verein fttr Armenpflege etc.
erstatteten Referate verfasst. Freiburg i. B. 1895.
19*
2Q2 Freiherr von Reitzenstein. Bardey.
Die letzten beiden Lebensjahre widmete der Verstorbene vorwiegend der
Frage des Arbeitsnachweises, fur die er ein ungewohnlich reiches Material
gesammelt hatte. Das Ergebniss dieses Studiums erschien nach seinem Tode
unter dem Titel:
7. Der Arbeitsnachweis. Seine Entwickelung und Gestaltung im In- und Auslande.
Nach dem Tode des Verfassers herausgegeben von Dr. Rich. Freund. Berlin 1897. (A.
u. d. T. : Schriften der Centralstelle fur Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen, No. 11.)
Zu erwahnen waren auch noch die seit 1891 von Reitzenstein miindlich
zu Beginn der Jahresversammlungen des Deutschen Vereins fiir Armenpflege
und Wohlthatigkeit erstatteten, sodann am Eingange der Verhandlungen (zu-
letzt flir 1895) abgedruckten Berichte liber
8. »Die neueren Entwickelungen und Bestrebungen , welche im Gebiete des Anritn-
wesens bei den fttr Deutschland wichtigsten Staaten des Auslandes hervorgetreten sind.e
Auch in dem Dresdener »Helfer«, sowie in der dortigen »Social-Cor-
respondenz« finden wir viele Beitrage von ihm.
Die Ttibinger staatswissenschaftliche Fakultat ernannte Fr. v. R. 1888
im Hinblick auf die wissenschaftliche Bedeutung seiner Arbeiten zum Ehren-
doktor. Auch sonstige hohe Auszeichnungen wurden ihm zu Theil. Sein
Andenken wird in den weitesten Kreisen treu bewahrt bleiben.
E. Blenck.
Bardey, Ernst, Dr., ein in weiten Kreisen bekannter Schulmathematiker,
* am 21. Mai 1828 im Pfarrdorfe Muchow (Amt Neustadt in Mecklenburg-
Schwerin), f am 1. April 1897 in Bad Stuer (in Mecklenburg) im 69. Lebens-
jahre. — B., Sohn des Pastors seines Geburtsortes, absolvirte das Gymnasium
zu Parchim und studirte dann, ganz mittellos und unter den grossten Ent-
behrungen, nur auf Privatstunden, Konvikt und Stipendien angewiesen — der
Vater war frtih gestorben — von Ostern 1849 bis 1852 in Rostock und von
Ostern 1852 bis 1855 in Konigsberg, wo Richelot und Hesse Mathematik
und Neumann Physik lehrten. Schwer an Gelenkrheumatismus erkrankt,
reiste er April 1855 Sanz gelahmt nach der von seinem Bruder verwalteten
Kaltwasseranstalt Stuer, spater nach seinem Heimathsorte, wo er bis 1861
krank darniederlag. Seinen einst kraftigen Korper vermochte er nur an
Krticken mlihsam fortzuschleppen. Als sich sein Zustand etwas gebessert hatte,
nahm er eine Hauslehrerstelle, erst in Neu-Stuer, dann in Hoppenrade bei
Schwerin an. Spater ging er von da als Privatlehrer nach Brandenburg a./H.,
wo ein anderer Bruder als Zahnarzt ansassig war. Wahrend seines dortigen
Aufenthalts erschienen bei B. G. Teubner in Leipzig seine »Algebraischen
Gleichungen« (1868), seine »Methodisch geordnete Aufgabensammlung iiber
alle Theile der Elementar-Arithmetik« (187 1) und seine »Quadratische
Gleichungen« (1871). B. fand in Brandenburg durch Privatstunden seinen
guten Unterhalt, zumal ihm seine Blicher auch damals schon etwas Honorar
einbrachten. Doch wurde durch die angestrengte Arbeit sein Gesundheits-
zustand wieder merklich schwacher; er siedelte deshalb im Juni 1878 wieder
nach Bad Stuer liber und lebte nur seinen Biichern. Im Jahre 1881 gab
er noch seine »Arithmetischen Aufgaben nebst Lehrbuch der Arithmetik«
heraus. Seine Verhaltnisse waren jetzt so, dass er ganz ohne pekuniare Sorgen
leben konnte. Trotz des gebrechlichen Korpers hat B. es dann auf ein
Lebensaltcr von 69 Jahren gebracht, die letzten zehn allerdings wieder unter
traurigen korperlichen und auch geistigen Verhiiltnisscn.
Bardey. Joest 203
Seinen Ruf als Schulmathematiker hat B. durch seine beiden arithme-
tischen Aufgabensammlungen begriindet. Die grosse »Methodisch geordnete
Aufgabensammlung« ist gegenwartig in 23, die kleinere Ausgabe in 10 Auf-
lagen an einem grossen Theile der hoheren Schulen Deutschlands verbreitet;
die friiher vielgebrauchten und beriihmten Sammlungen von Meier Hirsch und
Heis sind durch diese zu einem guten Theil verdrangt. Ihr wesentlicher Vor-
zug bestand darin, dass sie mehr als jene plan- und stufenmassig vom Leichten
zum Schwierigen, vom Einfachen zum Verwickelten fortschreiten. Ohne
Zweifel hat B., obgleich ganz ausserhalb des offentlichen Schuldienstes stehend,
einen gTOssen Einfluss auf den Unterricht in der Arithmetik und Algebra
wahrend der letzten drei Jahrzehnte ausgetibt, und in einer Geschichte des
mathematischen Unterrichts wird sein Name immer mit Ehren genannt
werden.
Vgl. Hoffmann's Zeitschrift ftir mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht
1897, 28. Jahrg., 5. Heft, S. 392—395 und 1898, 29. Jahrg., 4. Heft, S. 241—259, mit Portr.
W. Wolkenhauer.
Joest, Wilhelm, Professor, Dr., Ethnolog und Forschungsreisender, * am
15. Miirz 1852 zu Koln als Sohn des Geh. Kommerzienraths Eduard Joest,
f am 25. November 1897 auf der zu Melanesien gehorigen Santa Cruz-Insel
im besten Mannesalter. Im Mai 1897 hatte er Berlin verlassen, um auf drei-
jahrigen Reisen weniger bekannte Inseln des Grossen Ozeans zu besuchen.
Da kam noch vor Schluss des Jahres die traurige Kunde, dass er auf den
Santa Cruz-Inseln, im Norden der Neuen Hebriden, einem Herzschlag er-
legen sei.
Nach Ablegung des Abiturientenexamens trat J. als Freiwilliger in das
Konigshusarenregiment zu Bonn ein, um in diesem 1870 den Krieg gegen
Frankreich mitzumachen. Seinen Neigungen folgend studirte er nach Beendi-
gung des Krieges in Bonn, Heidelberg und Berlin Naturwissenschaften und
Sprachen, wobei schon damals seine Vorliebe ftir Lander- und Volkerkunde
sich zeigte. Da ihm die grossen Mittel seines Vaters die freiste Bewegung
gestatteten, so ging er nach beendigten Studien auf Reisen, die ihn nach
alien Erdtheilen ftihrten und auf denen er sich zu einem ttichtigen Ethno-
graphen ausbildete. J.'s erste grosse Reise (1874) war Aegypten und anderen
afrikanischen Mittelmeerlandern zugewandt. Von 1876 bis 1879 besuchte er
dann Nordamerika, Kanada, Mexiko, Mittelamerika, Peru, Bolivia, die Ata-
camawtiste, Chile, die Magellanstrasse, Buenos-Aires, ging tiber die Kordilleren
nach Valparaiso und Santiago und wieder zuriick nach Buenos-Aires; es
folgten Uruguay, Paraguay und Rio Grande do Sul mit seinen deutschen An-
siedelungen. Ueber Rio de Janeiro und Pernambuco kehrte J. 1878 nach
Europa zuriick. Kaum hatte er in der Heimat seine ethnographischen und
naturwissenschaftlichen Sammlungen geordnet, als er seine zweite Reise an-
trat, die nach Asien gerichtet war. Er begab sich zuerst nach Ceylon, durch-
reiste dann Indien bis zum Himalaya, begleitete das britische Heer 1879 au^
dessen Feldzuge nach Afghanistan, ging nach Birma und Siam, beschaftigte
sich auf Borneo, Ceram, Celebes mit dem Studium der wilden Volkerstamme,
wohnte dem Kriege der Hollander gegen Atschin bei, durchreiste Kambodscha
und die Philippinen und lebte langere Zeit auf Formosa. Von Peking aus
unternahm er dann einen Ausflug in die Mongolei, besuchte Japan und kehrte
1881 vom russischen Hafen Wladiwostok durch die Mandschurei, Mongolei
und durch Sibirien nach Koln zuriick. Die Berichte, die J. von den einzelnen
2g4 Joest. Baumgarten.
Haltestellen auf seiner Weltreise in die Heimat schickte (zum grossen Theil
in der »K6lnischen Zeitung« erschienen), machten ihn rtihmlich bekannt. Den
letzten Abschnitt seiner Weltreise schilderte er in dem Buche »Aus Japan
nach Deutschland durch Sibirien« (Koln 1883) in lebendigen Farben und oft
mit kraftigem Humor, dabei haufig eine scharfe Kritik tibend. Mit seiner Studie
»Das Holontalo, Gossen und grammatische Skizzen. Ein Beitrag zur Kennt-
niss der Sprachen von Celebes« (1884) erwarb er sich noch nachtraglich
1883 in Leipzig den philosophischen Doktortitel.
Nachdem J. wahrend des Winters 1882/83 unter Bastian's, Kiepert's
und Virchow's Leitung seine wissenschaftlichen Kenntnisse noch durch ein-
gehende Studien erganzt hatte, trat er Ende 1883 seine dritte Reise an.
Afrika und die Stidsee-Inseln waren sein Ziel. Nachdem er zunachst Madeira,
dann ein Jahrlang das stidliche und ostliche Afrika bereist hatte, zwangen
ihn fortwahrende heftige Fieberanfalle, seine Siidseereise vorerst aufzugeben.
Seine von dieser Reise an die »Kolnische Zeitung« gerichteten und Aufsehen
erregenden Berichte erschienen iiberarbeitet und erweitert 1885 unter dem
Titel »Um Afrika« als ein selbstandiges Buch.
Es entstand nun eine, langere Pause in den Reisen J.'s. Im Marz 1885
verheirathete er sich und nahm seinen Wohnsitz in Berlin, wo er sich ein
neues prachtiges Haus einrichtete, das er mit dem kunstgewerblichen Theile
seiner gesammelten Schatze in einer so originellen, aber gefalligen und an-
heimelnden Weise ausschmiickte, dass seine Wohnung zugleich einem kleinen
Museum glich. Den grossten Theil seiner ethnographischen Sammlung
schenkte er an die Museen in Berlin, Dresden, Karlsruhe, Braunschweig,
Leyden, Kopenhagen u. a. Er selbst widmete sich nun vor allem der wissen-
schaftlichen Bearbeitung seiner eingeheimsten Schatze. Von seinen selbst-
standigen Werken seien hier noch folgende aufgefiihrt, zunachst das grosse
Prachtwerk »Tatowiren, Narbenzeichnen und K6rperbemalen« (Berlin 1887);
es folgten dann: »Die aussereuropaische deutsche Presse, nebst einem Ver-
zeichniss sammtlicher ausserhalb Europas erscheinenden deutschen Zeitungen
und Zeitschriften« (Koln 1888); »Spanische Stiergefechte. Eine kulturge-
schichtliche Skizze« (Berlin 1889); »Weltfahrten« (3 Bande, Berlin 1895), e*ne
Sammlung von wissenschaftlichen Aufsatzen, meist ethnographischen Inhalts.
Im Beginne des Jahres 1889 unternahm J. abermals eine grossere Reise,
die ihn noch einmal nach Slidamerika, und zwar nach Guayana, fiihren sollte.
Die von dieser Reise mitgebrachten reichen Sammlungen schenkte er wieder
dem Berliner Museum fiir Volkerkunde, die wissenschaftlichen Ergebnisse legte
er in der Schrift »Ethnographisches und Verwandtes aus Guyana « (Leyden
1893) nieder. Von seiner letzten Reise sollte er nicht zurlickkehren ; zu frtth
fiir die Wissenschaft ist er auf jener einsamen SUdseeinsel von uns geschieden.
Zumal die deutschen ethnographischen Sammlungen sind J. zu grossem Dank
verpflichtet.
Vgl. Globus, LXXIII. Bd.f 1898, mit PortrMt; femer Deutsche Rundschau fttr Geogr.
u. Statistik, 1887, IX, mit Portrat.
W. Wolkenhauer.
Baumgarten, Johannes, Dr., Professor am Gymnasium in Koblenz,
* am 29. September 1829 zu Aachen, f am 22. April 1897 daselbst im
Alter von 75 Jahren. — Er gait fiir einen der besten Kenner der franzSsi-
schen Sprache und Literatur. B. studirte in Bonn und war dann langere
Zeit in Belgien und Frankreich; 1859 ward er Lehrer am Koblenzer Gym-
Baumgarten. Liebenow. Wolter. 205
nasium. B. war schriftstellerisch ausserordentlich thatig. Von seinen sprach-
lichen Arbeiten sind zu nennen: Glossaire des idiomes populaires du Nord et
du Centre de la France; La France comique et populaire; Anthologie poly-
technique et militaire; Les Mystdres comiques de la province; La France
contemporaine ; A travers la France nouvelle; La France qui rit u. a. Auch
mehrere Reiseschilderungen und Reisefiihrer veroffentlichte er, so: »Abenteuer-
leben in Guyana und am Amazonas* (2. Aufl. 1881); »Der Orients (1882);
»Amerika« (1882); » Koblenz und seine Umgebung« (2. Aufl. 1880) u. a.
W. Wolkenhauer.
Liebenow, Wilhelm, Geheimer Regierungsrath und Titular-Professor, ein
durch seine zahlreichen Karten in weiten Kreisen bekannter Kartograph, * am
13. October 1822 zu Schonfliess in der Provinz Brandenburg, f am 17. Juli
1897 zu Schoneberg bei Berlin im Alter von 74 Jahren. — L. kam 1841
nach Berlin, um bei Ritter, Dove und Mitscherlich Vorlesungen zu h6ren und
spater, nach kurzer aktiver Dienstzeit, als Ingenieur-Geograph bei der preussi-
schen Landesaufnahme thatig zu sein. Im Jahre 1854 trat er in das preussi-
sche Ministerium fiir Handel, Gewerbe und dffendiche Arbeiten, in dem er
spater viele Jahre Vorstand des kartographischen Bureaus fur die Eisenbahn-
abtheilung und der Plankammer ftir die Bauabtheilung war. In dieser Dienst-
stellung lag ihm die Bearbeitung der zahlreichen kartographischen Arbeiten
ob, die vom Ministerium der offentlichen Arbeiten herausgegeben werden,
insbesondere auch die »Karte von Centraleuropa zur Uebersicht der Eisen-
bahnen« (1. Blatt, 1 : 1 250000), die jahrlich erscheint. Bemerkenswerthe Ar-
beiten aus L.'s frtihester kartographischer Thatigkeit sind seine Karten tiber
Galilaa ftir K. Ritter's Erdkunde und seine Skizzen und Modelle zu Mitscher-
Hch's Studien iiber die vulkanische Eifel. Nach Abtretung der Hohenzoller-
schen Lande an Preussen fertigte er auf Anregung Alex. v. Humboldt's eine
Specialkarte von Hohenzollern (1 : 100000, 1854) an, die Friedrich Wilhelm IV.
gewidmet wurde. L.'s umfassendstes und bekanntestes Werk ist die »Special-
karte von Mitteleuropa« im Maassstab 1 1300000, in 164 Bl,, lith. und kol.,
Hannover 1869 — 1885. Die ersten 20 Blatter dieser Karte, die das Gebiet
zwischen Rhein und Paris darstellen, waren 1870 bei Ausbruch des Krieges
soeben erschienen und haben nach Moltke's Aeusserung ftir das rasche und
sichere VorrUcken der deutschen Truppen die wichtigsten Dienste geleistet.
Der Verstorbene war 1871 auch Mitarbeiter im Hauptquartier an der Fest-
legung der neuen deutsch-franzosischen Grenze. Andere bekannte Karten
von L. sind noch: Karte von Schlesien, Specialkarte vom Riesengebirge,
Karte vom preussischen Staate (6. Auflage 1876), Karte von Rheinland und
Westfalen, Verkehrskarte von Oesterreich und Ungarn, Karte von Westdeutsch-
land u. a. Bei seinem Uebertritt in den Ruhestand im Jahre 1894 wurde L.,
nachdem er frtiher schon den Titel Geheimer Rechnungsrath und Professor
erhalten hatte, zum Geheimen Regierungsrath ernannt.
Vgl. Globus, 1897, LXXII. Bd.
W. Wolkenhauer.
Wolter, Charlotte, verwittwete Grafin O' Sullivan, k. u. k. Hofschau-
spielerin am Burgtheater, * am 1. Marz 1834 in Koln a. Rh., f am 14, Juni
1897 in Wien. — Die grcisste deutsche Tragodin ihrer Zeit hat aus unge-
mein armlichen und traurigen Verhaltnissen sich emporgearbeitet ; ihre Wiege
soil in der Werkstatt eines mit Kindern reicher, als mit GlUcksgtitern ge-
296 Wolter.
segneten Schneiders gestanden haben. Wie die schwer nachzuprlifende Fama
weiter meldet, soil sie als Zehnjahrige zufallig in das Theater ihrer Vater-
stadt gekommen sein, beim Vortibergehen vom Balletmeister halb im Scherz
aufgefordert, mitzustatiren. Von Stund an Hess sie der Coulissenzauber
nicht mehr los. Mit 16 Jahren ging sie abenteuerlustig in die weite Welt.
Dire erste Lehrerin, eine sonst wenig bekannte Burgschauspielerin Frau Gott-
dank in Wien, richtete ihr Augenmerk insbesondere auf schtine Plastik der
Bewegungen. Ihr erstes belangreicheres Auftreten fand am 25. Mai 1857 in
Ofen statt, wo sie am deutschen Festungstheater die Jane Eyre gab. Der
Director stellte bald darauf die Zahlungen ein. Die Gesellschaft wagte sich
nothgedrungen auf Wanderfahrten , die u. A. nach Stuhlweissenburg fuhrten.
Diese Schmieren-Wirthschaft brachte der jungen W. nur Demttthigungen und
Enttauschungen. Sie musste ihre geringen Habseligkeiten verpfanden. Gleich-
wohl sollte sie im Strassenkleid die »Jungfrau von Orleans« darstellen, und
als sie Miene machte, sich zu weigern, Hess sie der Stuhlrichter durch be-
waffhete Panduren auf die Btihne ftihren und zum Spiele zwingen. Am
nachsten Morgen war sie verschwunden, durchgegangen. Eine Weile spater
taucht sie wieder in Wien auf. Hier gonnte ihr Nestroy an dem dazumal
von ihm geleiteten Carltheater gegen ein Monatsgehalt von fttnfzig Gulden
ein hochst bescheidenes Unterkommen fiir Anmelde- und Zofenrollen, die
man ihr lediglich ihrer Schonheit willen anvertraute; sonst gait sie nicht nur
fiir vollkommen talentlos, sie war das Stichblatt schnoder Spasse ftir den
Director und die Modesoubretten. »Ich gehorte zu jenen Personen«, so be-
kannte hernach Anna Grobecker, »die Charlotte W. gar kein Talent zu-
trauten. Ich sah sie zum erstenmal in der Rolle eines Kammermadchens in
der »Liebschaft in Briefen* und fallte trotz ihrer bestechenden Erscheinung
ein abfalliges Urtheil. Dass sie dort nicht am Platze war, ahnte meine Weis-
heit damals nicht und so konnte ich es nicht lassen, sie nach Herzenslust
zu bekritteln. Sie trat meiner Meinung nach zu vornehm ein, geruhte einen
Brief abzugeben, warf einen gelangweilten Blick in das Publikum und ging
gravitatisch ab, als ob sie zwei Schlepptrager hinter sich hatte. Mein Gott,
dachte ich, der fehlt auch alles zur Kammerzofe. Unser Regisseur, der alte
Papa Lang, gab mir auch vollstandig Recht, als ich ihm sagte: »Frl. W. ist
zwar sehr schon, aber sie hat meiner Ansicht nach keinen Funken Talent U
Frau von Wassowitsch, unsere Anstandsdame und eine Lehrerin der W., war
ausser sich tiber meine Aeusserung und rief entriistet: »Was, die W. hat
kein Talent? Sie hat Talent und sogar ein bedeutendes, von dem die Welt
noch einmal reden wird. Ihr werdet es sehen, sie wird nachstens in Brtinn
die Maria Stuart spielen*. »Na, das wird nett werden«, rief die Grobecker
und der alte Prakticus Lang stimmte lachend mit ein. Unbeirrt durch
solche Meinungen und Gegenmeinungen der Kameraden hatte der feine
Kenner und Kritiker Rudolph Valdek dem verkannten Talente seinen Bei-
stand angedeihen lassen. Im Herbst 1858 forderte ihn der Wiener Literat
Cajetan Cerri auf, sich der vielbespottelten anzunehmen. Die W. war in-
dessen Valdek selbst schon vorher aufgefallen, sowohl durch die angeborenen,
ausserordentlichen Naturgaben, wie durch die erstaunliche Unbeholfenheit im
Gebrauch dieser elementaren Mittel der Darstellung. »Ein Kopf, dessen
Profil die schonste Kamee wlirde abgegeben haben, eine mittelgrosse Gestalt
von bestem Geftige, eine wohllautende Stimme und dabei dte Schonheit wie
verschleiert durch einen gleichsam unbeweglichen Ausdruck, der Gang ver-
Woltcr.
297
nachlassigt, Laut- und Satzbildung in hohem Grade mangelhaft. Was Wunder,
wenn eine Erscheinung, wo die Natur so viel versprach und der Geist so
wenig zu halten schien, mit Befremden bemerkt und ihr Name in nicht be-
neidenswerther Weise bekannt wurde. Dabei war dieses Frl. W. nicht mehr
in der ersten Jugendblttte, denn sie stand in der Mitte der Zwanziger. Sie
war auch keine Anfangerin, denn seit wohl zehn Jahren gehorte sie der
Btthne an. Im Carltheater trat sie nur selten und stets nur in unbedeuten-
den Rollen auf. Dagegen war sie jeden Abend im Zuschauerraum zu sehen.
In der ersten Gallerie, in der Mitte derselben, sass sie da und sah aufmerk-
sam ihren Collegen zu, die drunten Comodie spiel ten, wobei manchmal ein
Zug von leisem Spott tiber ihre Lippen glitt.« Ein oder zwei Jahre waren
in so unergiebiger Weise verstrichen, als ein Gastspiel Emil Devrients im
Carltheater eine Wende im Leben der W. herbeifiihrte. »Aushilfsweise«
hatte sie die Elisabeth in Richard III. zu tibernehmen: » welch seltsame Ver-
wandlung! Sie sprach zwar so schlecht, wie gewohnlich, aber mit welchem
Nachdruck. Wie edel war ihre Haltung, wie gross, frei und sch6n ihre
ArmbewegungenU Es hiess, sie hatte damals die Aufmerksamkeit von
Devrient erregt, wie ein ander Mai bei einem Gastspiel von Hendrichs in
» Macbeth « ihre Hexe dem Berliner Heldenspieler Eindruck machte. Ge-
holfen hatten ihr diese beiden Begegnungen wenig, wenn sie sich nicht be-
herzt entschlossen hatte, das Carltheater so schnell als moglich zu verlassen,
fleissig an ihrer Ausbildung zu arbeiten, grosse Rollen zu lernen und vor
Allem die rechte Statte filr die Bethatigung ihrer Kraft zu suchen. In diesen
Tagen wurde Valdek mit ihr bekannt. Sie wohnte unweit der Leopold-
stadter Kirche sehr bescheiden in der Jagerzeile. Ausser einem halbdutzend
tragischer Rollen (Adrienne Lecouvreur, Maria Stuart etc.) lernte sie dazu-
mal auch Franzosisch »mit eigenthtimlich gelassener Zuversicht und ohne
von ihrer sonstigen Lebenslust was abzubrechen. Zu gute kam ihr, dass
sie seit vielen Jahren mit der Btthne vertraut war. Sie wusste das Hand-
werk in der Kunst zu schatzen und mit takt fester Ausdauer auszuiiben.
Manchmal kam sie mir vor, wie eine junge Wittwe, die wieder Bjaut ge-
worden. Sie war Schauspielerin geworden und wollte es in hoherem Sinne
wieder werden.« Nun gait es vor Allem, den damaligen Director des Burg-
theaters, Laube, auf die W. aufmerksam zu machen. Es dauerte indessen
noch geraume Zeit und bedurfte wiederholter Mahnungen, bis Laube Valdek's
Wink beachtete. Als er die W. endlich, in einem Zofenrollchen, gesehen,
sagte er Tags darauf zu Valdek: »Sie haben Recht. Sie ist eine bildschone
Person. Keine in unserem Burgtheater kann sich darin mit ihr messen.
Auch scheint Talent in ihr zu stecken. Sagen sie ihr, sie soil zu mir
kommen«. Eine lange Unterredung mit der W. bestarkte Laube in seiner
giinstigen Ansicht. Nun hiess es weiter, ein Gastspiel auf einer fremden
Buhne zu veranlassen, das Laube mitmachen wollte. Valdek's erste Bemtthun-
gen schlugen fehl; geradezu entrtistet schrieb ihm der Director des Breslauer
Stadttheaters: ^50 Gulden flir ein Debut? Ein solches Honorar wtirde viel-
leicht einer Frau Rettich zugestanden, niemals aber einer unbekannten An-
fangerin, die hochstens umsonst auftreten dlirfe.« »Umsonst« waren aber
naher drei (der W. vom Maler Aigner vermittelte) Gastvorstellungen in Briinn
zu haben. Als Vertrauensmann Laube's fuhr Valdek zu diesen Proberollen.
Der Erfolg war echt und stark. Das Gastspiel wurde verlangert. Vergntigt
bench tete Valdek so glinstig, dass Laube beim damaligen Oberstkammerer
298 Wolter.
Grafen Lanckoronski auf Grund dieses Gutachtens das Engagement der W.
ftir das Burgtheater beantragte. Vergebens. Der hohe Herr gerieth bei
dem Ansinnen, die Hofblihne durch eine »NichtbertihmtheiU des Carl-
theaters zu behelligen, in drollige Entriistung. In Folge dieser schroffen
Abweisung musste sich die W. nach Berlin wenden, wo sie am Victoria-
theater, unter dem frtiheren Director der Wiener Hofoper, Cornet, auftreten
sollte. Auch hier fehltees zunachst nicht an Hemmungen. Ihre Debutrolle
musste abgesetzt werden, da der erste Liebhaber erklarte, mit »dieser Person*
schlechterdings nicht auftreten zu wollen, das sei die »personifizirte Talent-
losigkeiU. Am nachsten Tag fallt der hochnasige Liebhaber durch, wahrend
die W. in der Neuigkeit des folgenden Abends gefiel. Sie spielt nun Rolle
auf Rolle, singt einmal auch in einem Vaudeville, lernt eifrig unter dem
wackeren Regisseur Hein und bei Frau Perroni - Glassbrenner, und erregt
grossere Aufmerksamkeit in dem Schauspiel »Ninon de TEnclos«. In Folge
dessen rath Frau Perroni - Glassbrenner der W. , den Generalintendanten
von Htilsen zu besuchen und sich um das nach Lina Fuhr erledigte Fach
am koniglichen Schau spiel haus zu bewerben. Herr von Htilsen empfangt
die Unbekannte freundlich und verbllifft sie im Verlauf des Gespraches durch
den pldtzlichen Anruf: »Stehen Sie einmal auf«. Die W. meint, der Sessel
sei schadhaft geworden oder dgl. und erhebt sich eilig. Der friihere Garde-
lieutenant mustert sie einen Augenblick scharf, dann sagt er gemessenen
Tones: »Ich kann Sie nicht engagiren; Sie sind mir zu klein; auch habe ich
bereits Frau Kierschner in Betracht gezogen«. Auch einem anderen Theater-
leiter flosste die Statur der W. ursprtinglich Bedenken ein. Dingelstedt war von
Weimar nach Berlin gekommen, um im Victoriatheater seine Bearbeitung
von Shakespeare's »Wintermarchen« zu (iberwachen. Als ihm ftir die Her-
mione die W. empfohlen wurde, sagte er verdriesslich zum Regisseur: »Die
soil die Hermione spielen? Sie ist ftir diese Rolle um einen Kopf zu klein*.
Ruhig erwiderte Hein: »Warten Sie nur! Nach der ersten Scene wird sie
um zwei Kopfe grosser erscheinen«. Hein behielt Recht. Die Hermione der
W. wur^e eine Berliner Sehenswlirdigkeit. Ch£ri Maurice, der sie im Winter
1860/61 sah, engagirte sie auf diese Leistung hin sofort fest auf drei Jahre
nach Hamburg, wo sie am 19. August 1861 zum ersten Mai als Adrienne
Lecouvreur mit durchgreifendem Erfolg auftrat; dann spiel te sie nach Mau-
rice^ Bericht »DieWaise aus Lowood«, » Deborah*, »Marie Anne, das Weib
aus dem Volke«, vor Allem aber die Hermione, die im Lauf einer
Saison dreissig Mai gegeben wurde. »Versuche, Charlotte im Lustspiel zu
verwenden, wollten nicht recht gelingen. Die fur die Tragodie pradestinirte
Ktinstierin konnte an meiner Biihne in dieser Gattung, welche meine Con-
cession verbot, — erst 1866 trat Theaterfreiheit ein — , das Feld wo spater
ihre schonsten Lorbeeren bllihten, nicht finden«. Laube setzte nun alles
daran, die W. am Burgtheater wenigstens gastiren zu lassen: im Juni 1861
trat sie als Adrienne Lecouvreur, Jane Eyre, in der »Waisen aus Lowood« und
der »Rudand« in Graf Essex auf, vom Publikum sofort mit grosser Warme
willkommen geheissen, in der Kritik von Friedrich Uhl in ihrer Bedeutung
und Begabung ftir die Tragodie richtig erkannt: »Die Aussprache* — der
geborenen Rheinlanderin — »ist noch nicht genug dialektrein und manch-
mal wird der Effect, der sich mit der Melodie der Sprache erreichen lasst,
der bestimmten Umgrenzung des Wortes geopfert; allein wir haben nur
wenig Schauspielerinnen die Adrienne so effectvoll in Haltung, Mimik imd
Wolter.
299
leidenschaftlicher Entwicklung, namentlich nicht den letzten Akt so einheit-
lich stark und wahr darstellen gesehen«. Neben so entschiedenem Lob
fehlte auch makelnde Gegnerschaft nicht. Allein Laube zweifelte keinen
Augenblick an der schopferischen Kraft der W. und er wusste nun auch
den ehedem so sproden Oberstkammerer von dem Werth der aufstrebenden
Grosse flir das Burgtheater zu tiberzeugen. Chtfri Maurice, der bis dahin
alien Bitten Dritter um Losung des dreijahrigen Contractes der W. Wider-
stand geleistet, liess sich endlich durch die Thranen der Ktinstlerin rUhren,
sie vom 1. Juni 1862 ab freizugeben. Sie musste sich nur verpflichten, drei
Jahre nacheinander ein einmonatliches Gastspiel im Thaliatheater zu ab-
solviren. Ihre letzte Hamburger Rolle war gleich der ersten Adrienne
Lecouvreur. Am 12. Juni 1862 erschien die W. in der Rolle der Iphigenie
als Mitglied des Burgtheaters, dem sie fortan durch voile 35 Jahre ange-
horte: als Liebling aller Kunstfreunde, als die starkste Stiitze der Tragodie,
in den Dichtungen der Klassiker von Sophokles bis auf Shakespeare, Racine,
Lessing, Schiller, Goethe, ebenso ausserordentlich wie in den neueren und
neuesten Dramen von Grillparzer, Hebbel, Otto Ludwig, Wilbrandt, Dumas
fils, Sardou, Augier etc. In 127 Rollen ist sie 2109 Mai aufgetreten. Gast-
spiele und Ehrengastspiele fiihrten sie zunachst in die osterreichischen Landes-
hauptstadte Prag, Pest, Graz, Innsbruck, Brtinn; weiter nach Berlin, Koln,
Miinchen, Weimar, Coburg etc., von wo sie Orden, Widmungsgeschenke und
unzahlige Kranze heimbrachte, mit deren Schleifen sie das Stiegenhaus ihrer
Hietzinger Villa buchstablich tapezirte. Nach Amerika ging sie trotz locken-
der Anerbietungen niemals. Den fragwiirdigen Ruhm der Wander virtuosin
hat sie stets verschmaht.
Angesichts solcher Erfolge und Leistungen begreift man das stolzbeschei-
dene Wort, mit dem sie einem Biographen auf die Bitte um Einzelheiten aus
ihrem kunstlerischem Werdegang erwiderte: »Meine ganze Theatercarriere liegt
vor den Augen des Publicums. Sie ist ein aufgeschlagenes Buch. Lesen auch
Sie daraus«. Ueberblickt man diesem Rathe gemass das (von Albert J. Weltner
'veroffentlichte) statistische Verzeichniss ihrer Burgtheaterrollen der Zeitfolge
nach, dann zeigt sich, dass Laube die W. nicht nur in classischen Charakteren,
als jugendliche heroische Liebhaberin und Heldenspielerin hinausstellte.
Neben der Iphigenie, der Jungfrau von Orleans, der Julia, Maria Stuart, dem
Clarchen, der Hero, der Prinzessin im »Tasso«, Sappho, Phadra, Preciosa,
Orsina, Lady Macbeth erprobte er Grosse und Grenze ihrer Kraft im alteren
deutschen und franzosischen Schauspiel; er liess sie selbst im Lustspiel, in
Moreto's Donna Diana, Bauernfeld's »B(irgerlich und Romantisclu, Topfer's
»Rosenmuller und Finkec sich versuchen; er brachte endlich nur ftir sie ge-
dachte und gemachte » Wolter- St(icke«, wie Mautner's Eglantine, Weilen's
Edda, Mosenthal^ Pietra etc., ihren Paraderollen zuliebe, zur Auffiihrung. Alle
klinstlerischen Schopfungen der W. in diesem ersten Jahrftinft ihrer Burg-
theater-Zeit (1862 — 1867) tiberglanzte jedoch ihre Kriemhild in den beiden
ersten Theilen von Hebbel's Nibelungen-Trilogie. Laube hatte die machtige
Dichtung viel zu lange zuriickgedrangt, angeblich, weil ihm die rechte Dar-
stellerin ftir die Braut und Wittwe Siegfrieds ^fehlte. Mit der W. errang
Hebbers Werk nun endlich eine geradezu triumphale Aufnahme. Als Tochter
Utens von gewinnender Sittsamkeit; vor dem Mtinster mit Brunhild, wo sich
die Koniginnen schalten, von einer im Burgtheater bis dahin unerhorten Wild-
heit; am Sarge Siegfrieds zusammenbrechend mit dem dazumal zum ersten-
300 Wolter.
mal vernommenen, theatergeschichtlich gewordenen »Wolter-Schrei« tiberwal-
tigte und Uberzeugte sie durch die Wahrheit dieser fessellos hinrasenden, damo-
nischen Naturkraft zumal das jtingere Geschlecht. Vergebens hohnte der seither
besser belehrte Ludwig Speidel solche und ahnliche Offenbarungen ihres ge-
waltigen Naturells als »groben Naturalismus«. »Kurze eckige Bewegungen«, so
schrieb er 1864, also schon nach ihrer Kriemhild, tiber ihre Deborah, »die
einander in der unschonsten Weise schneiden; gewaltsame Ausrenkungen des
Satzbaues, grelle Naturschreie, wie sie der Gipfel der Lust und die Spitze
des Schmerzes bezeichnen, vor denen aber die Muse, welche auch die Lei-
denschaft schon will, die Ohren verstopftU Der Kritiker vergass bei diesem
maasslos absprechenden Urtheil, dass der in gigantischen Wasserstttrzen nieder-
tosende Rheinfall bei Schaffhausen durch andere Reize wirkt, als die maje-
statische Ruhe des Rheinstroms bei Koln. Er tlbersah zugleich, was dem
weisesten und grossten Kenner Altwiens, dem greisen Grillparzer, in seiner
einsamen Zelle nicht entging: die Nothwendigkeit der neuen Spiel weise.
Grillparzer begriff es, dass die Sappho der W. alle frtiheren DarstelVerinnen
in manchen Beziehungen (Iberragte, »obschon die Schrdder diese Rolle un-
tibertrefflich und mit grossartigem Schwung gab und eine Kraft der Rede,
des Organs und Ausdrucks hatte, mit einem Wort eine Meisterin der Decla-
mation war, wie sie sich kaum wieder findet Allein es war dem Geist des
Sttickes entgegen, dass altere oder reizlose Frauen diese Rolle spielten, weil
Entsagung in der Liebe von Seiten der Frau in reiferen Jahren allzusehr in
der Ordnung der Natur liegt, als dass dadurch das Hauptinteresse nicht von
der Heldin abgleiten und auf die jtingere Melitta tibergehen musste.« Er hob
auch gerecht und mild den Unterschied zwischen dem akademischen, hohen-
priesterlichen Wesen einer Rettich und der Leidenschaft der jtlngeren He-
roine hervor: » Julie Rettich «, so sagte Grillparzer zu Frau v. Littrow-
Bischoff, »war eine hochbegabte Frau, in ihrer Jugend ein vortreffliches, tiber
jeden Tadel erhabenes Madchen und sie hat alles geleistet, was heller Ver-
stand, hohes Talent, wahre Bildung und ein vortreffliches Genie zu leisten
vermogen. Aber eben den Anlauf der Begeisterung — welcher oft*
dem ihrigen weit untergeordneten Charakteren zu Gebote steht — den An-
lauf der Begeisterung zu nehmen, dazu fehlte ihr die Fahigkeit. Sie ver-
setzte haufig auf den Boden der Reflexion, was der Phantasie angehoren
sollte, und wenn sie den Ausbruch der Leidenschaft mit machtigen Mitt ein
auch darzustellen wusste, derAusdruck der leidenschaftlichen Natur
lag ihrem Wesen fern, wie auch ein gewisser Reiz der Anmuth und Lieb-
lichkeit, obschon sie eine interessante, bedeutende, ja eine schone Erschei-
nung war!* Als die Zeitungen die Lady Macbeth der Wolter tadelten, schenkte
Grillparzer diesen Verdammungsworten keinen Glauben : »Ich denke, mir wtirde
ihre Auffassung dieser Rolle gefallen haben«. Und noch bevor er die von
Frau v. Littrow in seine enge Klause gefiihrte W. bei sich begrtisst hatte — ,
»wie ein alter Marchenkonig, der sich vaterlich-freudig tiber die glanzende,
lebensvolle Erscheinung des auf dem niedrigen Sessel ihm gleichsam zu Fiissen
sitzenden Feenkindes mit dem Korallen-Diadem neigte« — ausserte er: »Solch
eine Schauspielerin, welche Anmuth und Talent vereint, hatte mich, wenn sie
mir in meiner Jugend begegnet ware, schon durch den Wunsch, wie wtirde
sie Dies und Jenes spielen, zu Vielem begeistert und angeregt, zu Dichtun-
gen bestimmt, welche durch den Hauch der Personlichkeit wachge-
rufen werden und welche, weil mir in den Jahren, da ich productiv war,
eine solche fehlte, unterbliebenc.
Wolter. 301
Dichtergrossen, wie Grillparzer und Hebbel, begegneten unter den jiin-
gern Dramatikern der W. nicht mehr. Allein die edleren unter ihnen, Wil-
brandt und Nissel, sahen ihre Eingebungen durch diesen von Grillparzer mit
Recht so hochgeriihmten »Hauch der PersonlichkeiU in ungeahnte Hohen
gehoben: die W. hat die rasende Sinnlichkeit der Messalina durch Schdnheit
geadelt, durch das Naturrecht heidnischen Tumultes heissen Blutes, trotziger
Abkehr von dem stoischen Tugendstolz der Contrastfigur Arria zu einer so
einzigen Gestalt herausgearbeitet, dass sie alle Zuschauer, selbst die Gegner
des Dramas, fortriss, Makart zur malerischen Nachbildung dieses unerreich-
baren Urbildes anregte, Wilbrandt aber zu mehr als einem Preislied auf ihre
Kunst und Art entziindete: — niemals zu einem besseren und aufrichtigeren,
als dem Festgruss zu Ehren ihres 2 5Jahrigen (1867 feierlich begangenen) Burg-
theater- Jubilaums :
Rdmische Kraft, die mit den Gdttern ringt,
Griechische Schttnheit, die noch Frevel adelt,
Ein deutsch Gewissen, das belehrt, getadelt
Rastlosen Kampfes Kunst und Stolz bezwingt,
So kenn' ich Dich, so dank* ich Dir von Herzen
Verkund'rin httchster Wonnen, tiefster Schmerzen.
Diesen Hymnus stimmte nicht nur der Dichter und Kenner an. Die
Verse waren zugleich das Ehrenzeugniss des Directors. Unter Wilbrandt, wie
zuvor unter Laube und Dingelstedt, wie hernach unter Forster und Burck-
hard war die W., eiferstichtig darauf bedacht, unbestritten als die erste tra-
gische Schauspielerin des Burgtheaters sich zu behaupten, nimmermiide ge-
wesen im Dienste ihrer Kunst. Laube's harte Zucht beherzigend , • miihte sie
sich bis an das Ende ihrer Laufbahn — zuletzt mit vollem Gelingen — die
Idiotismen der Kolner mundartlichen Aussprache abzustreifen , die Rhythmik
des Verses, die Melodik der »gesetzlich klaren Rede« sich zu eigen zu
machen. Die ehedem ihrer Uberstlirzten Vortragsweise halber so herb An-
gelassene beherrschte in den siebziger und achtziger Jahren gebundene und
ungebundene Rede mit gleicher Ueberlegenheit: das »Parzenlied« in der
Iphigenia wirkte in ihrem Munde wie Musik (wohlgemerkt : nicht wie Gesang);
die Prosa Lessing's, vordem eine Klippe W.'scher Kunst, trug sie spaterhin
zum Gipfel ihres Konnens. Hatte Laube's Einfluss die W. sprechen lehren,
so hob Dingelstedt's auf das fertige BUhnenbild gerichteter Sinn ihre an-
geborene Gabe, Haltung und Tracht ktinstlerisch zu bilden, Niemand hat
diese Fahigkeit feiner gewiirdigt, als der feinste Wiener Kritiker bildender
Kunst, Ludwig Hevesi : » Laube, der Ausstattungsfeind, fiihrte ein gesprochenes
Theater, erst unter Dingelstedt sah man ein gestimmtes Theater. Gestimmt,
in Wien, auf Hans Makart. Der erste Laut von ihren Lippen fuhr elemen-
tar durch die tausend Herzen und, ehe man noch etwas gesehen, war man
auf den tragischen Ton gestimmt. Durch alle Fibern rieselte der Schauer,
den dieses Organ weckte, als eine Empfindung sinnlicher Wohligkeit, farbiger
Warme. Das ist das tonende Bild, modemer Zeiten, denn auch Bild war sie
und war es mit unwiderstehlicher Machtfiille. Von Iphigenia bis zur Fedora,
von Maria Stuart bis zu Helena: Bild um Bild, und immer eine andere
Schonheit.« Solcherart trat sie in stetig steigender Entwicklung an immer
neue Aufgaben, Fehlschlage gab es nur, wenn sie ihrem Wesen vollig fremde
Rollen (die Jiidin von Toledo, Libussa, Sidonie in Fromont jun. und
Risler sen.) sich aufreden Hess. Desto voller in ihrem Element in damoni-
schen, uberlebensgrosscn Gestalten, in Shakespeare's Historien, in Goethe's
jO 2 Wolter.
Faust. Erstaunt wahnte man jahrelang, dass das Alter keine Gewalt iiber
sie habe. Ihr Zauber verstarkte sich. »Nicht nur in dem Orgelton ihres
Organs, das von den Schmeicheltonen der Cantilene bis zum Donnerhall des
Dies irae als »boses Gewissen« im Faust sich steigern konnte; nicht nur*,
wie ich gleich nach ihrem Heimgang in der Allg. Ztg. schrieb, »in der Pla-
stik ihrer Posen, die Zug und Stil und zugleich voile Glaubwlirdigkeit und
Naturtreue offenbarten, wie die Meisterstiicke griechischer Bildnerkunst — sie
hielt uns in wachsender Liebe und Bewunderung fest durch den »Ernst, den
keine Mtihe bleicheU. Sie hat die Geschenke einer iiberreichen Natur aus-
gemtinzt im Dienste einer grossen, kerndeutschen, das heisst congenial in den
Geist Aller sich vertiefenden Kunsttibung. Denn ihren classischen Schopfun-
gen ebenblirtig waren ihre britischen Charaktere, unter denen ihre Lady Mac-
beth obenan steht. Ihren antiken Gestalten gesellte sie Typen, wie Sardou's
Georgette: eine Cocottenfigur, derengleichen ich niemals tiberlegener, ausge-
lassener, leichtbliitiger irgendwo auf dem franzosischen Theater gesehen habe.
Und den Heroinen, Manaden, Teufelinnen ihrer jiingeren Jahre, der Konigin
Margarethe in den Konigsdramen, Wilbrandt's Messalina und der Volandinne
in Kriemhilds Rache folgten in ihren letzten Lebensjahren Matronen: eine Lea
in den Makkabaern, eine Volumnia im Coriolan, die Pastorin in Richard
Voss' Neuer Zeit und die Hamburger Patricierin in Philippi's Dornenweg —
Erscheinungen von gehaltener Wiirde, wie ich sie vorher und nachher weder
auf der deutschen, noch auf einer anderen Btihne je zu Gesicht bekommen.
Und was nicht zu vergessen ist: die Wolter war in alledem Original. Sehr
empfanglich fiir gute kiinstlerische Rathschlage ihrer Directoren und Kame-
raden, von Laube und Dingelstedt bis auf Wilbrandt, Forster, Sonnenthal
und Berger, ahmte sie niemals einen fremden Ton, irgendein heimisches oder
auslandisches Muster nach. I am myself alone durfte sie mit Shakespeare's
Konig sagen. In Costume-Fragen hat sie Makart manche Anregung zu dan-
ken. In der Auffassung einzelner Stellen hat sie die Kenner - Ansicht ihres
edlen, auch kiinstlerisch edel empfindenden Gatten (des belgischen Grafen
O'Sullivan) beherzigt. Im Ganzen hat sie ihr Bestes, Eigenstes nur aus sich
selbst geschopft.*
1894 musste die W. zum erstenmal ihre Wirksamkeit am Burgtheater
unterbrechen. Ein alteres chronisches Nierenleiden trat plotzlich acut so
heftig und qualvoll auf, dass die Aerzte die Moglichkeit eines Wiederauftretens
bezweifelten, jedesfalls im Interesse ihres physischen Befindens am liebsten
ein- fur allemal ausgeschlossen hatten. Starker, als der Wunsch nach Ge-
nesung, war indessen die Sehnsucht nach dem iiber Alles geliebten Berufe.
Im Winter 1895/96 trat sie, zunachst in der »Sappho«, auf, mit iiberstrtimen-
der Herzlichkeit willkommen geheissen von der Burgtheater- Gemeinde. Mit
hochster Selbstiiberwindung spielte sie nun u. A. auch als neue Rolle die
Johanna Wedekind im Dornenweg untibertrefflich. Hier war einmal der Geist
starker, als das Fleisch, In den Ferien verschlimmerte sich aber ihr Zustand
wieder und nun begann ein monatelanges , martervolles Siechthum, dem ein
barmherziger Tod erst am 14. Juni 1897 ein Ziel setzte. Ihrem letzten
Wunsche gemass wurde sie in ihrem reichen goldverzierten Costume als Iphi-
genie in den Sarg gebettet und an der Seite ihres ihr im Tode vorangegan-
genen Gemahls auf dem Hietzinger Ortsfriedhof bestattet. Der damalige
Direktor des Burgtheaters, Dr. Burckhard, widmete ihr die folgende wiirdige
Grabrede :
Wolter.
303
» Charlotte Wolter, die grosse, unsterbliche Ktinstlerin, die so oft im
Leben spielend den Tod besiegt hat, indem sie seine Schauer verklarend in
die befreienden Regionen ihrer Kunst erhob, sie ist dem Furchtbaren nun
doch erlegen. Nicht mit sanftem Kusse schloss er diese Augen, nach heissem
Kampfe hat er sie gebrochen. » Dieses Ringens blutige Qual« — sie blieb
ihr nicht erspart. Nur widerstrebend verliess die Seele den Korper, aus
dessen Antlitz bis zu den letzten Augenblicken der Schimmer antiker Schon-
heit widerstrahlte; der Hauch des Odems straubte sich, fur immer diesem
klassisch geformten Munde zu entschweben, der ihm tausend- und tausendmal
ein wundervolles Instrument gewesen, das er bald in melodischen Glocken-
klangen erklingend, bald in machtigem Orgeltone dahinbrausend mit den
herrlichsten Symphonien belebte, jetzt alle Sinne zu begeistertem Jubel hin-
reissend, jetzt die Herzen der athemlos Lauschenden mit den Schauern heisse-
ster Leidenschaft erfiillend — das Leben floh nur zogernd aus der abgeklarten
Harmonie, die inmitten des dissonirenden Weltgetriebes sich in dieser Kiinstler-
brust aufgebaut hatte.
Wie hast du dich selbst erfasst, Charlotte Wolter, da du gewunscht, nicht
in den Farben der Trauer den Weg des Todes zu beschreiten, sondern mit
hellem Schimmer die Raume ftillen zu lassen, von denen die letzte Fahrt
dich hieherfiihrte, so den Gedanken, den Altmeister Goethe in seiner Ge-
dachtnissrede zum briiderlichen Andenken Wieland's geaussert, fiir dich nach-
empfindend: »Ein festlich geschmiickter Saal, mit bunten Teppichen und
munteren Kranzen, so froh und klar als dein Leben, moge vor den Augen
deiner trauernden Freunde erscheinen«.
Was das Leben an Gliick, an Liebe, an Ehre, an Ruhm bieten kann, es
ward dir, Charlotte Wolter, in reichstem Maasse zu theil. Nach kurzem
Kampfe, wie er wohl noch keiner Kiinstlerseele erspart blieb, bist du in
raschem Fluge zu den lichten Sonnenhohen ewigen Ruhmes emporgeschnellt ;
es war dir gegonnt, durch Jahre an der Seite eines feinsinnigen, dich und
deine hehre Kunst voll wtirdigenden Gatten dahinzuwandeln, der mit zarter
Fursorge deine Pfade ebnete. Tausende, Tausende haben dir zugejubelt und
dich geliebt und verehrt, wie selten Menschen geliebt und verehrt werden;
durch grosse Reiche, iiber weite Meere hin flog der Ruhm deines Namens
und deiner Kunst; du warst durch Decennien der belebende Mittelpunkt, um
den sich ein grosses Kunstinstitut, ja um den sich die dramatische Production
eines ganzen Volkes drehte.
Aber hast du Grosses von deiner Zeit empfangen, so hast du es nur
erhalten, weil du ihr Grosses gegeben hast. Gedenken wir der schonsten,
der erhabensten Eindriicke unseres Lebens, Charlotte Wolter, so werden wir
stets auch deines Namens gedenken, und hast du uns durch dein Scheiden
Vieles genommen, so hast du uns Vieles gelassen: den reichen Schatz unver-
ganglicher Erinnerungen an die Kunstlerin, mit der gelebt, von der empfangen
zu haben, noch spatere Geschlechter uns neiden dtirfen. Nimm unseren Dank
fiir Alles, was dein Genius so iiberreich uns gespendet: durch Jahrhunderte
wird dein Name ein Leitstern sein fiir Alle, die in der Schauspielkunst das
Hochste anstreben.«
Quellen: Rudolf Valdek: Deutsche Zeitung, Wien, 14. Mai 1887. — Laube:
Das Burgtheater. — Aus dem perstinlichen Verkehr mit Franz Grillparzer von Auguste
v. Littrow-Bischoff. Wien 1873, S. 54ff«t I02ff. — M. Ehrenfeld: Charlotte
Wolter, Wien 1887 (eine nur einzelner stoflflicher Angaben halber zu erwahnende Ge-
legenheitsschrift). — Adolf Wilbrandt: Neue Gedichte (»Aus dem Burgtheater*, Char-
3°4
Wolter. Petiold. Valentin. Schflnlank.
lotte Wolter, 1874, 1887). — Charlotte Wolter. Nacbruf von Ludwig Hevesi. Wie-
ner Fremdenblatt vom 15. Juni 1897. — Neue freie Presse vom 15. Juni 1897 (mit Albert
J, Weltner's Rollenverzeichniss der Wolter). Ebenda: 17. Juni: Charlotte Wolter
1834 — 1897 von Ludwig Speidel und Bericht ttber ihre Leichenfeier. — Charlotte
Wolter von Paul Schlenther, Vossische Zeitung vom 15. Juni 1897. — Leo Hirsch-
feld: Charlotte Wolter. Ein Erinnerungsblatt mit Illustrationen und einer statistischen
Rollentabelle, Wien 1897. — Alexander v. Weilen: Allgemeine Deutsche Biographie
s. v. Wolter. — Die Bilder und B lis ten der Wolter (von Makart, Canon. Angeli, Tilg-
ner etc.) waren in der Wiener Theaterausstellung in einem besonderen Woltenimmer ver-
einigt und in Karl Glossy's Katalog dieser Ausstellung verzeichnet. — Nach dem Tode der
W. wurden ihre reichen Kunstschatze , einschliesslich sammtlicher Portrats ihres Gemahls
und der Meisterin, von H. O. Miethke versteigert: der Katalog ihres Nachlasses
(Wien, H. O. Miethke, 1898) reproducirt Makart's Bild der W. als Messalina, Angeli's
W.-PortrSt, Canon's W.-BUd, Matsch's Oelbild Charlotte W. als Sappho, die W.-Btiste von
Tilgner. — Bildnisse der W. sind auch in der Portrat-Gallerie des Burgtheaters und im
Wiener stfldtischen Museum.
Anton Bettelheim.
Petzold, Wilhelm, Dr., ein verdienstvoller Forderer der Schulgeographie,
Professor an der Ober-Realschule in Braunschweig, * am 8. Februar 1848 im
Pfarrhause zu Keutschen bei Weissenfels, f am 24. Juli 1897 wahrend eines
Ferienaufenthaltes zu Pouch bei Bitterfeld (Provinz Sachsen). — P. erhielt
seine Vorbildung auf der Landesschule zu Schulpforta, studirte in Halle,
machte 1870 den Feldzug mit und war hiernach als Lehrer in Neubranden-
burg und Weissenburg (im Elsass) thatig. Nach einem abermaligen kurzen
Studium in Halle wurde er dann an die Ober-Realschule in Braunschweig
berufen. Ausser mehreren schulgeographischen Aufsatzen schrieb er einen
»Leitfaden ftir den Unterricht in der astronomischen Geographie « (1885,
2. Aufl. 1 891) nebst Fragen und Aufgaben (mit Losungen) aus dem Gebiete
der astronomischen Geographie (1892) und gab kurz vor seinem Tode mit
Professor R. Lehmann den trefflichen »Atlas ftir Mittel- und Oberklassen
hftherer Lehranstalten* (Leipzig 1897) heraus. Das Lehrbuch der Geographie
von Baenitz und Kopka gab er neu heraus, revidirte die Bamberg*schen Schul-
wandkarten und war auchMitarbeiter am Skobel'schen Handbuch zu Andree's
Handatlas.
Vgl. Padagogisches Archiv von E. Dahn 1897, S. 643/44.
W. Wolkenhauer.
Valentin, Joh., Dr., ein junger deutscher Naturforscher, * in Frank-
furt a. M. , verungllickte am 10. December 1897 auf einer wissenschaft-
lichen Reise nach Chubut in Patagonien (bei Aguade de Reyes, einem
Punkte, der 85 km von Rawson, der Hauptstadt von Chubut, entfernt ist). —
V. studirte in Strassburg und promovirte hier 1889 zum Dr. phil. Ende 1893
folgte er einem Rufe an das Museum von La Plata und wurde April 1895
Sectionschef ftir Geologie und Mineralogie am Nationalmuseum in Buenos
Aires.
Vgl. Globus 1898, LXXIII. Bd. w Wolkenhauer.
SchOnlank, William, Grosskaufmann und Generalconsul ftir Salvador und
Haiti, * am 6. August 18 14 in der kleinen Stadt Markisch-Friedland als Sohn
einer jtidischen Familie in kleinen Verhaltnissen, f am 23. December 1897 in
dem hohen Alter von 84 Jahren zu Berlin. — Sch. hatte es verstanden, sich
durch eigene Kraft, Rtihrigkeit, kluge Berechnung und unternehmenden Geist
Schtfnlank. Moericke. von Rutimer.
305
zu 'grossem Reichthum und zum Chef des urn den deutschen Handel ver-
dienten Indigo -Importhauses Sal. Schonlank Sohne emporzuarbeiten. Seiner
ktihnen Initiative war es zu danken, dass das Indigo- und Farbwaarengeschaft,
welches friiher von England abhangig war, dem deutschen Markte erobert
wurde; er hatte ein gutes Stlick der indischen Production in seiner Hand.
Durch seine iiberseeischen Handelsverbindungen zu allem, was Natur- und
Volkerkunde pflegte und fBrderte, in Beziehung getreten (Gesellschaft fiir Erd-
kunde, Museum fiir Volkerkunde, Museum fiir Volkstrachten, Zoologischer
Garten, Handelsgeographischer Verein u. a. in Berlin), wurde er alien dahin
gerichteten Bestrebungen seit seinem Rticktritt von den kaufmannischen Ge-
schaften ein verstandnissvoller Mitarbeiter und freigebiger Gonner. 1878 ge-
horte S. zu den sieben Stiftern des Centralvereins fiir Handelsgeographie.
Auch Nordenskiold's Expeditionen und andere Forschungsreisende fanden
seine Unterstutzung. Wissenschaftlichen Versammlungen bereitete er gern
einen gastfreundschaftlichen Empfang. So wurde er allmahlich fast unentbehr-
lich fiir grosse Unternehmungen ; man wahlte ihn in die Vorstande vieler
wissenschaftlicher Gesellschaften und tiberliess ihm mehrfach auch die Ver-
tretung im Auslande. Der Berliner Gesellschaft fiir Erdkunde hat er ein
Legat von 50000 Mark als » William Schonlank Stiftung* hinterlassen.
Vergl. Export 1898, No. 1; Verh. d. Berliner Ges. f. Anthrop. etc. 1898, S. 27/28.
W. Wolkenhauer.
Moericke, Wilhelm, Dr., Privatdocent der Mineralogie an der Universitat
Freiburg i. Br., f am 8. November 1897 daselbst. — Nachdem M., der aus
Stuttgart stammt, 1889 promovirt hatte, ging er nach Chile zu wissenschaft-
lichen Studien und wurde einer der besten Kenner der chilenischen Anden,
Uber die er mehrere fachwissenschaftliche Arbeiten veroffentlicht hat.
Leopoldina 1897, S. 163.
W. Wolkenhauer.
Ruthner, Anton von, Dr., hervorragender Alpenforscher und geographi-
scher Schriftsteller, * am 21. Sept. 181 7 zu Wien, f am 16. Dezember 1897
zu Salzburg, 80 Jahre alt. — R. erhielt seine Vorbildung auf dem Gymnasium
zu Linz und im Stifte Kremsmiinster und studirte in Wien die Rechte; von
1848 bis 187 1 war er Hof- und Gerichtsadvokat in Wien, 1873 iibernahm
er eine Advokatur in Steyr in Oberosterreich und 1875 eine solche in Salz-
burg und wurde hier 1878 zum Notar ernannt. Schon als Jiingling hatte
R. einige Ausfliige in das naheliegende Alpengebiet unternommen, bereits
1841 als junger Doctor den Gross -Venediger bestiegen, aber erst 1852 be-
gann er systematise!! die Durchforschung und Besteigung der osterreichi-
schen Alpen zu betreiben. Ueber 300 Hochgipfel und Hochpasse hat er be-
treten und iiberschritten, darunter viele, auf denen vor ihm noch keines Men-
schen Fuss gestanden. Im Jahre 1862 war R. Mitbegriinder des osterreichi-
schen Alpenvereins, zu dessen Prasidenten er ftinfmal gewahlt wurde. Noch
grosser wie als thatiger Erschliesser wurde sein Ruf als Schriftsteller. Neben
zahlreichen Aufsatzen in verschiedenen Zeitungen, den Jahrbuchern des Oester-
reichischen Alpenvereins und in den Mittheilungen der Wiener Geographischen
Gesellschaft veroffentlichte er eine lange Reihe selbstandiger Werke, von denen
hier nur die folgenden hervorgehoben werden sollen: »Die Alpenlander
Oesterreichs und der Schweiz. Eine Parallele der Naturschonheiten des oster-
reichischen und Schweizer Hochlandes« (Wien 1843); »Aus den Tauern.
Biogr. Jabrb. n. DeuUcher Nekrolog. 2. Bd. 20
jo6 von R^thner. Vogel. Graf Thun-Hohenstein.
Berg- und Gletscherreisen in den osterreichischen Hochalpen* (Wien 1864,
neue Folge 1869); »Das Kaiserthum Oesterreich* (Wien 1871 — 1879), ein
geographisch-ethnographisches Prachtwerk. Auch an dem vom Kronprinzen
Rudolf von Oesterreich ins Leben gerufenen Prachtwerk »Die Oesterreichisch-
Ungarische Monarchic in Wort und Bild« war R. Mitarbeiter; er schrieb die
Schilderung von zwei Salzburger Landestheilen, des prachtigen Pinzgaues und
Lungaues. Der Verstorbene war Ehrenmitglied der Wiener Geogr. Gesell-
schaft und Inhaber der osterreichischen goldenen Medaille flir Kunst und
Wissenschaft, sowie der preussischen goldenen Medaille fiir Wissenscliaft.
Vgl. Deutsche Rundschau f. Geogr. u. Statistik, Wien, 1888, X, mit Portrat; Mitth.
d. Deutsch-Oesterr. Alpenvereins 1897, No. 24.
W. Wolkenhauer.
Vogel, Karl, Dr., hervorragender Topograph, * am 4. Mai 1828 zu Hers-
feld in Hessen, f am 17. Juli 1897 zu Gotha im eben vollendeten 69. Le-
bensjahre nach langerem Leiden. — Die deutsche Kartographie hat in dem
Verstorbenen einen ihrer bekanntesten und ttichtigsten Vertreter verloren.
V. bildete sich zum Landmesser aus und war schon in friihem Lebensalter,
1846 bis 185 1, bei der topographischen Landesaufnahme von Kurhessen unter
der trefflichen Leitung des Oberst Wieggrebe thatig. Nachdem er dann flir
den Herzog Ernst von Koburg-Gotha fiir ein beabsichtigtes Kriegswerk einen
Atlas liber die Schlachtfelder in Schleswig-Holstein (welches Werk jedoch
nicht zur Ausgabe gelangte) angefertigt hatte, trat er am 1. Februar 1853 als
Mitarbeiter in die Gothaer geographische Anstalt von Justus Perthes ein, der
er dann 44 Jahre, freilich in den letzten Jahren schweren Leidens nur noch
als Invalide, angehort hat. Mit Aug. Petermann, Ernst Behm, Hermann
Berghaus gehorte V. zu den Mannern, denen die geographische Anstalt von
Justus Perthes die hohe Bllithe der letzten Jahrzehnte verdankte. Neben
mehreren Karten tiber den Thuringer Wald (1865/66) und seiner Mitarbeit an
den Terrainbildern fiir die Schul- und flir andere kleine Atlanten des Instituts
ist vor allem seine Mitwirkung an der Neubearbeitung des weltbekannten
Stieler'schen Handatlas (seit 1862) hervorzuheben : die Karten der mittel-
und sudeuropaischen Staaten, von den 95 Blattern des Atlas 35, sind V.'s
eigenste Arbeit. V.'s Meisterschaft liegt vor allem in der grossen Zuverlassig-
keit und Treue seiner Karten in alien Einzelheiten. Als die Glanzarbeit V.'s
aber ist die »Karte des Deutschen Reichs« in 27 Blattern im Maassstabe
1 : 500 000, die unter seiner Leitung in zwdlfjahriger Arbeit 1893 vollendet
wurde, zu nennen. Als einer ihrer grossten Vorztige gilt die ungemein grosse
Einheitlichkeit ihrer Darstellung und sie bildet das schonste Denkmal, das er
sich selbst gesetzt hat. Auch literarisch ist V. vielfach thatig gewesen, indem
er in Petermann's Mittheilungen zu seinen eigenen Karten Commentare gab,
oder fremde Kartenwerke anzeigte und kritisirte. Auf dem m. Internationalen
Geographen-Congress in Venedig im Jahre 1881 wurde V. fiir seine Leistungen
die grosse Medaille zuerkannt und die Universitat Marburg ehrte ihn 1891
durch Ernennung zum Doctor philosophiae honoris causa.
Vgl. Deutsche Rundschau f. Geogr. u. Statistik, Wien 1892, XIV, mit Portrat, und
Petermann's Mitth. 1897, No. 8.
W. Wolkenhauer.
Thun-Hohenstein , Graf Sigmund, der langjahrige Landespr&sident des
Herzogthums Salzburg, * am 11. Juni 1827 a's Sohn des Grafen Josef
Mathias, vom Majorat Klosterle, aus dessen Ehe mit Franziska, geb. Grafin
Graf Thun-Hohenstein, 307
Thun vom Zweige Thun-Benatak-Ronsburg, f am 7. September 1897 in Salz-
burg. — Er begann seine Carriere in der Armee; als Oberlieutenant im g.Husaren-
Regimente bekam er fur sein ausgezeichnetes Verhalten im ungarischen Feld-
zuge 1849 die kaiserliche Belobung. Indess verliess er den Milit&rdienst sp&ter-
hin und wandte sich dem politischen Leben zu. Der deutsche Grossgrund-
besitz in Bohmen entsandte ihn im Jahre 1867 in den bohmischen Landes-
ausschuss, wo er als Stellvertreter des Oberstlandmarschalls Flirsten Adolf
Auersperg thatig war. Diese gemeinsame Thatigkeit mit dem spateren
Ministerprasidenten mag auch wohl den Grand dazu gelegt haben, dass Graf
Th. in den politischen Verwaltungsdienst berufen wurde. Ftirst Auersperg
wurde im Jahre 1870 als Landesprasident nach Salzburg berufen, auf denselben
Posten, den zwei Jahre s pater Graf Th. einnahm. Im Jahre 1870 mit der
Wurde eines Geheimen Rathes bekleidet und durch Verleihung des Ordens der
Eisernen Krone erster Klasse ausgezeichnet, wurde Graf Th. im September
1870 zunachst zur Nachfolge des Freiherrn v. Poche als S tat thai ter nach
Briinn berufen. Im October 1872, unter dem Cabinet Auersperg, wurde
Graf Th. zum Landesprasidenten des Herzogthums Salzburg ernannt und
diese Stelle bekleidete er, mit dem Titel eines Statthalters ausgezeichnet,
bis zu seinem Tode* Graf Th. war weit weniger Politiker, als Verwaltungs-
beamter, seine Statth a] terse haft wird Salzburg noch auf lange hinaus in
bestem Andenken bleiben. Die wirthschaftliche Kraftigung dieses Landchens,
seine Eroffnung ftir den Fremdenverkehr ist in betrachtlichem Maasse auch
dem eifrigen, unverdrossenen Wirken Graf Th.'s zu danken. In die Zeit
seiner Statthalterschaft iallt die Eroffnung der Giselabahn, der Bau der Salz-
burger Lokalbahn, der Ober - Pinzgauer Lokalbahn, der Gaisbergbahn und
anderer Bergbahnen und sonstiger Anlagen, durch die der Fremdenverkehr
Salzburgs, der Stadt wie des Kronlandes, auf eine vorher kaum geahnte Hfche
gebracht wurde. Graf Th. war flir diese Bemtihungen rastlos thatig, die
starre, unfruchtbare Bureaukratie konnte in ihm keinen Vertreter erblicken.
Welch frischen Sinn er ftir den modernen Fortschritt hatte, das zeigte unter
anderem sein Eifer fur das Zustandekommen der Elektricitatswerke in Salz-
burg und des elektrischen Monchsberg-Aufzuges. Daneben vernachlassigte er
aber auch nicht die kunstgewerbliche Hebung des Landes, die Salzburger
Museen schatzten in ihm einen treuen Forderer. Dass er auf Seite des
liberalen Deutschthums stand, das zeigte er wiederholt, unter anderem bei
der Begriissungsrede in einer Generalversammlung, die der Deutsche und
Oesterreichische Alpenverein in Salzburg abhielt. Spaterhin freilich, mit dem
Vordringen des Klerikalismus, glaubte auch er sich veranlasst, mit dieser Be-
wegung zu paktiren, schon mit Riicksicht auf das Anwachsen des klerikalen
Einflusses im Salzburger Landtage. Und so unterschieden sich seine An-
sprachen an die in Salzburg im August 1894 bezw. 1896 abgehaltenen Ver-
sammlungen der Leo-Gesellschaft und des Katholikentages recht merklich
von der seiner Zeit viel bemerkten Alpenvereins-Rede. Freilich fallt in
die Zwischenzeit ein ziemlich tiefgehender Systemwechsel, tiber den der Chef
der Landesregierung sich nicht ganz hinwegsetzen konnte. In der Ansprache
an den Salzburger Katholikentag bemerkte er, dieErstarkung des religiosen Geistes
sei berufen, die Befreiung aus den Fesseln des Materialismus zu bringen, der
sonst der Menschheit den Untergang bereiten mtisste. Die Bestrebungen des
Katholikentages entsprachen den BedUrfnissen der Gegenwart. Als Vertreter
der Regierung konne er den aufrichtigen Wunsch beifilgen, dass die hohen
20*
*o8 Graf Thun-Hohen9tein. Freihenr von Kosjek.
Ziele des Katholikentages zum Wohle der Katholiken wie der Gesammt-
bevolkerung Oesterreichs ihre Verwirklichung finden mogen. Diese Ansprache
gab dann Anlass zu einer bei Wiederzusammentritt des Reichsrathes am
i. October 1896 vom Abgeordneten Graf Kuenburg eingebrachten Inter-
pellation, die am 6. d. M. vom MinisterprSsidenten Grafen Badeni dahin be-
an twortet wurde, die Begrtissung sei mit Zustimmung der Regierung erfolgt,
doch sei daraus nicht zu schliessen, dass die Regierung sich mit alien Ver-
handlungen und BeschlUssen des Katholikentages identificire. Graf Th. war
schon langere Zeit vor seinem Tode leidend. Aus Gastein, seinem alljkhr-
lichen Sommeraufenthalte, wurde er auf seinen Wunsch nach Salzburg zurtick-
gebracht. Sein Zustand verschlimmerte sich immer mehr und am 7. Septem-
ber 1897 verschied er. Seiner am 10. Juli 185$ in Wieschitz geschlossenen
Ehe mit Mathilde geb. Gr&fin Nostiz - Rieneck entsprossen zwei Sohne, die
Grafen Josef und Felix Thun-Hohenstein.
Heinrich Adler.
Kosjek, Gustav, Freiherr von, Diplomat, zuletzt bevollmachtigter Ge-
sandter am griechischen Hofe, ein trefflicher Kenner der Verhkltnisse des
Orients, in dem er den grossten Theil seines Lebens verbrachte; * am
17. August 1838 zu Mittertrixen (Karnthen), f am 2. Februar 1897. —
Er war Zogling der Orientalischen Akademie und begann seine Laufbahn
am 2. November 1859 beim Consulate Galatz, von wo er schon am 11. De-
cember d. J. al6 Dolmetsch -Adjunct zur damaligen Internuntiatur nach Con-
Stantinopel versetzt wurde. Dort rlickte er allmahlich bis zum zweiten
Dolmetsch (20. December 1869) mit dem Titel und Charakter eines Le-
gations - Sekretars vor und wurde am 15. April 1870 in den erblichen
Ritterstand erhoben. Im Laufe der Jahre wurde er erster Dolmetsch und
bekam im Jahre 1877 den Charakter eines Legationsrathes verliehen. In
demselben Jahre fungirte er auch als Generalconsul in Rustschuk, und er-
regte damals durch seine Unerschrockenheit wie auch durch seine auf-
opfernde Flirsorge ftlr die dortige osterreichisch-ungarische Kolonie allge-
meine Aufmerksamkeit. Im Juni 1878 war er dem Berliner Congresse
zugetheilt und wurde danach in den Freihermstand erhoben. Ebenso war
er auch bei der im selben Jahre in Constantinopel abgehaltenen ostrume-
lischen Conferenz thatig. Am 31. October 1881 wurde er als diplomatischer
Agent und Generalconsul I. Kl. nach Kairo versetzt, wo er die Leitung des
General -Consulats iibernahm, und schon am 5. Februar 1883 mit dem Titel
und Charakter eines ausserordentlichen Gesandten und bevollmachtigten Mini-
sters bekleidet; sein Wirken in Aegypten fiel also in eine ungemein bewegte
Zeit. Am 4. Marz 1883 wurde er als ausserordentlicher Gesandter und bevoll-
machtigter Minister nach Teheran versetzt, bis er schliesslich am 26. August
1887 als Gesandter beim griechischen Hofe beglaubigt wurde. Das aus-
wartige Amt in Wien besass in ihm einen gediegenen Kenner des Orients;
die beste Zeit seines Lebens hatte er dort verbracht und die Wirksamkeit
auf den vielen Posten, auf die man ihn berief, von Galatz und Athen bis
Teheran, gaben ihm reichlich Gelegenheit, mit scharfem, offenem Blick die
Eigenheiten der verschiedenen Staatsgebilde und Volker des Ostens kennen
zu lernen. Baron K. besass zahlreiche Auszeichnungen ; am 14. Juni 1891
wurde ihm auch noch das Grosskreuz des Franz Josef- Ordens, am 30. Juli
die Wtirde eines Geheimen Rathes verliehen. Am 10. September 1867
Freiherr von Kosjek. Klee. Richter. 309
vermahlte er sich in Bujukdere mit Eveline von Klezl, Tochter cles Regie-
rungs - Rathes Peter Edlen v. Klezl. Der Ehe entstammten 2 Sohne und
2 Tochter.
Heinrich Adler.
Klee, Elisabeth, * am 19. Juli 1842 in Posen, f am 10. September 1897
in der Heilanstalt Untergoltsch bei Rodewisch im Konigreich Sachsen. — Sie
war die Tochter des Geheimen Ober-Regierungsraths und Prasiclenten des
Consistoriums der Provinz Posen, Dr. Klee, dessen Tod (1855) den ersten
finsteren Schatten in die sonnige Kindheit der Tochter warf. Diese zog
nun mit ihrer Familie nach Halle a. S., und nachdem sie drei Jahre spater
auch ihre Mutter durch den Tod verloren hatte, trat sie im September 1859
in das Gouvernanten-Institut zu Droyssig ein, um sich zur Erzieherin aus-
zubilden. Aber schon zu Ostern i860 musste sie eines heftigen dreimonat-
lichen Leidens wegen das Institut verlassen und zunachst ftir die Wieder-
herstellung ihrer Gesundheit sorgen. Sie ftihrte daher in den folgenden Jahren
eine Art Wanderleben, theils in Kurorten, theils in den Hausern von Freun-
den und Verwandten, deren Kinder sie unterrichtete. Um diese Thatigkeit
auch auf die ihr ferner stehende Jugend ausdehnen zu konnen, legte sie im
Herbste 1866 ihr Lehrerinnenexamen in Danzig ab und wurde zu Ostern 1867
als Lehrerin an einer Privattochterschule in dieser Stadt angestellt. Aber
schon nach anderthalb Jahren musste sie auf den Rath der Aerzte ihren
Beruf aufgeben und im Suden Heilung von ihren Leiden suchen. Das Hoch-
gebirge wurde die Geburtsstatte der Schriftstellerin; doch erst in Dresden, wo
sie 1874 ihren dauernden Wohnsitz nahm, gelangte ihr Jugendsehnen , litera-
risch wirken zu konnen, zu voller und freier Entfaltung und Befriedigung.
Das Hauptgebiet ihrer schriftstellerischen Thatigkeit ist die einfache Erzahlung,
die sich auf sittlich-religiosem Grunde aufbaut; z. B. »Ueberwunden« (1878);
»Die Heimath im Hochland« (1880); »Durch!« (1880); »Ein Vermachtniss«
(1880); »Lehrjahre des Lebens« (1881); »Sein und Schein« (1885); 5>^in
VierblatU (1886). Das letzte Jahrzehnt ihres Lebens zeitigte keine novellisti-
schen Friichte mehr; ein kranklicher Korper legte dem sonst regen Geiste doch
seine Fesseln an.
Fers&nliche Mittheilungen.
Franz Briimmer.
Richter, Albert, Schulmann und padagogischer Schriftsteller, * am 7. Fe-
bruar 1838 in Lichtensee bei Grossenhain im Konigreich Sachsen, f am
29. Juni 1897 in Hockendorf bei Tharand. — R. stammte aus einem Lehrer-
hause und widmete sich selbst seit 1853 auf dem Seminar in Dresden-Friedrich-
stadt dem Lehrerberufe. Noch ehe er den Seminarcursus ganz beendet hatte,
ubertrug die Behorde ihm schon 1857 wegen seines grossen Lehrgeschicks
und seiner musikalischen Tiichtigkeit die Verwaltung einer Lehrerstelle in
Hockendorf. Von hier ging R. i860 nach Leipzig, wo er an mehreren
Schulen thatig war (zuletzt als Oberlehrer an der Rcalschule), bis er 1874
zum Direktor der dortigen ersten hoheren Madchen-Blirgerschule ernannt
wurde, die er mit Umsicht und grosser Treue 23 Jahre leitete. Zu Ende des
Jahres 1895 wurde er auf's Krankenlager geworfcn; aber selbst eine schwere
Operation gab ihm die alte Gesundheit nicht wieder, und wahrend eines Er-
holungs-Aufenthalts in Hockendorf nahm ihn der Tod hinweg. — R.'s Thatig-
3io
Richter. Bach.
keit ist fiir die Entwickelung des Leipziger und weiterhin des sachsischen
Schulwesens von Bedeutung gewesen; er gehorte zu Jenen, die durch ihre
scharfen Angriffe auf die liberlebten Formen des sachsischen Volksschulwesens
dessen Reorganisation, wie sie im Schulgesetz von 1873 ihren Ausdruck fand,
in die Wege leiteten; er war einer der ersten, der die Einftihrung der obli-
gatorischen Fortbildungsschule forderte und diese Forderung durch Wort und
Schrift mit Erfolg vertrat. Aeusserst vielseitig war seine schriftstellerische
Thatigkeit; er redigirte nicht nur den »Praktischen Schulmann« (seit 1874)
und daneben spater den »Padagogischen Jahresbericht«, sondern bot auch
der Lehrerwelt in einer Reihe von selbstandigen Schriften eine Flille von
Anregungen. Wir erwahnen hier nur seine preisgekronte Schrift »Der Unter-
richt in der Muttersprache und seine nationale Bedeutung« (1872), ferner
»Ziel, Umfang und Form des grammatischen Unterrichts in der Volksschule«
(2. Aufl. 1886), »Bilder aus der deutschen Culturgeschichte« (2. Aufl. 1884),
^Deutsche Redensarten. Sprachlich und culturgeschichtlich erlautert« (1889)
und vor alien sein »Quellenbuch zur deutschen Geschichte« (1888).
Sonntagsblatt der Preussischen Lehrer-Zeitung, Jahrgang 1897, S. 321 flf.
Franz Briimmer.
Bach, Franz Theodor, Schulmann, * am 7. August 1833 in Breslau, f in
der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1897 in Berlin. — Der Vater, Nikolaus B., war
seiner Zeit Oberlehrer und Professor am Matthiasgymnasium in Breslau, die
Mutter eine Tochter des bekannten Prasidenten Gottfried Theodor von Hippel,
des Verfassers des koniglichen »Aufruf an mein Volk« (1813). Theodor B.
erhielt seine Schulbildung auf dem Gymnasium in Bromberg, studirte an der
Universitat Breslau Philologie und arbeitete unter Rossbach, Schneider und
Haase in dem Breslauer philologischen Seminar. Nach Beendigung seiner
Studien war B. eine Zeit lang Hauslehrer, erwarb sich mit der Schrift »Me-
letemata Platonica« 1858 die Doktorwiirde, legte kurz darauf die Oberlehrer-
prlifung ab und erhielt i860 eine Lehrerstelle am Gymnasium in Lauban.
Schon nach zwei Jahren kehrte er nach Breslau zurtick, urn das Rektorat der
ersten Mittelschule zu ubernehmen; der ihm gleichzeitig gewordene Auftrag,
diese Schule auf die Stufe einer hoheren Burgerschule zu bringen, war es
wesentlich, der B. dem Realschulwesen zufiihrte, bei welchem er in der Folge
dauernd verblieb. Noch eine andere Aufgabe erwuchs ihm in Breslau. Von
jeher ein Freund und Forderer des Turnens, wurde er in den Turnrath ge-
wahlt und vom Oberbiirgermeister Hobrecht damit betraut, das Breslauer
Schulturnen neu zu ordnen, welche Aufgabe er mit Verstandniss und Ge-
schick zu losen verstand. Diesem Unterrichtszweige dienen auch seine Schrif-
ten »Wanderungen, Turnfahrten und Schulerreisen« (1884) unc^ SGm Lehrbuch
der »Schulgesundheitspflege« (1889), das er mit dem bewahrten Medicinal-
beamten und Hygienfker Hermann Eulenburg verfasste, und das fur das beste
Werk seiner Art gilt. Inzwischen war der Oberbiirgermeister Hobrecht 1872
in die gleiche Stellung der Reichshauptstadt berufen worden, und schon 1874
zog er B. nach Berlin, wo ihm zunachst die Direktion der Sophien-Realschule
(ibertragen wurde, bis man ihn 1880 an die Spitze des neu begrlindeten
Falk-Realgymnasiums stellte, das er bis zu seinem Uebertritt in den Ruhe-
stand 1896 leitcte. — Die meisten literarischen Arbeiten B.'s sind Gelegen-
heitsschriften, so die »Grtindung und Entwickelung der Breslauer Burschen-
schaft« (1867) und »J. H. Deinhardu (1884), ein Lebensbild seines Lehrers.
Bach. Zintgraff. 31 1
Eine ganze Gruppe von Schriften hat B.'s Grossvater G. Th. v. Hippel zum
Gegenstande. Bei Gelegenheit der Funfzigjahrfeier des Beginnes der Freiheits-
kriege veroffentlichte er liber »Gottlob Theodor von Hippel« (1863) ein aus-
fiihrliches Lebensbild. Spater erganzte er dasselbe durch zwei Abhandlungen
»Denknisse und Erinnerungen aus der Zeit der Erniedrigung Preussens« (1886)
und »Denknisse und Erinnerungen aus der Zeit der Erhebung Preussens«
(1887), die wesentlich Ausziige aus den nachgelassenen Aufzeichnungen, Brie-
fen und Denkschriften Hipper s enthalten.
Dr. Fritz Abraham: Franz Theodor Bach. Gedachtnissrede. Berlin 1898. — Vossi-
schc Zeitung vom 11. Juli 1897.
Franz Brtimmer.
Zintgraff, Eugen, Afrikareisender , * am 16. Januar 1858 in Diisseldorf,
f am 3. December 1897 auf Teneriffa. — Z. besuchte in Diisseldorf das Gym-
nasium und vollendete seine Gymnasialbildung in Bielefeld. Dann bezog er die
Universitat Strassburg, wo er zugleich seinen einjahrigen Dienst bei den Ulanen
ableistete. Er studierte dann weiter in Bonn, Berlin und Greifswald und machte
seinen juristischen Doktor in Heidelberg. Dann beschaftigte er sich einige Zeit
in Berlin journalistisch und bereitete sich durch Sprachstudien und geographische
Studien fur eine Afrikareise vor, die er 1884 mit dem Oesterreicher Chavanne
nach dem unteren Congo antrat. Er hat in seinem Buch Nord-Kamerun er-
zahlt, wie beim Abschluss dieser ersten, nicht durchaus gliicklich verlaufenen
Reise zuerst die Kunde von dem Flusse Ubangi zu ihm drang, den der
Missionar Grenfell eben bis in die Breite von Kamerun befahren hatte. »Hatte
es mich hinausgetrieben, ohne dass ich die Wirklichkeit kannte, wievielmehr
musste dies jetzt der Fall sein, nachdem Afrika fur mich nicht mehr ein
verschleiertes Bild war!« Er begeisterte sich ftir den Gedanken einer Expedi-
tion in das Hinterland von Kamerun unter deutscher Flagge. Er legte am
11. December 1885 dem Auswartigen Amt den Plan vor, auf dem Kongo
und Ubangi oder einem anderen schiffbaren Nebenfluss des Kongo bis zum
Ende der Schiffbarkeit vorzudringen und mit einem Stamm von 20 bis 30
Schwarzen von dorther den Marsch tiber Land nach Kamerun anzutreten.
Eine ahnliche Anregung gab einen Monat spater auch die Deutsche Afrika-
nische Gesellschaft. Man lehnte indessen diesen Plan ab, wie man auch
spater daran festhielt, den Weg ins Innere nur von der Ktiste zu nehmen.
Den Anlass zu dieser Beschrankung haben wesentlich die kameruner Firmen
gegeben, denen es praktischer schien, ihr Handelsgebiet von der Ktiste her
auszudehnen. Dafiir wurde Z. der Vorschlag gemacht, zunachst kleinere Vor-
stosse zur Erforschung des Kustenhinterlandes zu machen, um dann spater
grossere Expeditionen ins Hinterland zu ftihren. Z. verliess am 1. Mai 1886
Europa und war am 15. Juni in Kamerun, wo damals von Soden als Gou-
verneur amtete. Z. machte in diesem Jahr noch vier Vorstosse mit Unter-
stutzung befreundeter Hauptlinge. Die Reise zum oberen Wuri fiihrte ihn
zum ersten Mai tiber die Schwelle des damals nahe bei der Ktiste beginnen-
den Hinterlandes, und als er im Frtihling 1887 nach Berlin reiste, um grossere
Plane zu vertreten, konnte er darauf hinweisen, dass der nordliche Theil des
Schutzgebietes in einem Halbmesser von etwa 125 Kilometer in den Kiisten-
gebieten durchreist war und die Durchgangspunkte wichtiger Handelsstrassen
nach dem Inneren gefunden waren. Bei der damaligen Beschranktheit der
Mittel musste er froh sein, aus seinem Netze vorgeschobener Stationen, deren
•j 1 2 Zintgraff.
Plan er der Kolonialabtheilung vorlegte, wenigstens eine einzige zu verwirk-
Hchen. Auf verschiedenen Wegen gingen er und Lieutenant Zeuner im De-
cember 1887 zum Elephantensee und griindeten dort die Barombi - Station,
Die Geschichte dieser Griindung, wie sie Z. in seinem Buche »Nord-Kamerun«
gegeben hat, gehort zu den anziehendsten, auch rein menschlich ansprechend-
sten Kapiteln unserer Afrika-Literatur. Man begreift das Geftihl, mit dem Z.
am Schluss seines zweiten Kapitels ausruft: »Jahre sind seit jenem Tage dahin
gegangen, wo ich zum ersten Mai das Krachen der durch unsere Schwarzen
zu Falle gebrachten Urwaldriesen vernommen habe. Mancher harten Arbeit,
die ein wechselvolles, vieljahriges Expeditionsleben mit sich bringt, habe ich
mich stets mit Begeisterung und Eifer unterzogen. Nie aber wieder empfand
ich eine so tiefinnerliche Befriedigung beim Schaffen, wie gerade damals auf
der Barombistation.« Die Barombistation war die erste ihrer Art, sie ist ge-
diehen und wurde in mancher Beziehung das Muster ftir andere tiefer im
Innern begrlindete. Von hier aus machte Z. im Februar 1888 seinen ersten
Vorstoss nach Batom, wo er die ersten Schwierigkeiten desAnstiegs aus dem
KUstentiefland zum Hochland kennen lernte, und die viel grosseren Schwie-
rigkeiten wenigstens ahnen konnte, die sich in der verworrenen Volkerlagerung,
alle 40 — 50 km eine neue Mundart und dabei Mangel einer allgemein ver-
standenen Handelssprache, und in dem Wettbewerb der Handelsmonopole
einzelner Stamme einst dem weiteren Vordringen entgegenstellen sollten. Ein
zweiter Vorstoss flihrte ihn im Juli 1888 bereits in ein Gebiet weit abweichen-
der Vdlker, wo jenseits Batom die Kiistendorfer mit ihren an breiter Strasse
neben einander stehenden Rohrhlitten den zerstreut liegenden Gehoften Platz
machen. Es ausserte sich darin der Baustil der Banyang, des kriegerischen
Volkes, dessen Gefahrlichkeit das Gerllcht bis zur Kuste getragen hatte und
durch dessen Land Z. und Zeuner nach einem wochenlangen gezwungenen
Aufenthalt, verstarkt durch Lagosleute, die Z. von der Kuste geholt hatte,
mit Waffengewalt zum ersten Mai ins Grasland den Weg bahnten. Der Tag,
an dem Z.'s aus dem Inneren stammender Dolmetscher einen in hellen braun-
lichen Tonen tiber die dunkelgrtinen Waldberge hervorsteigenden fernen Ho-
henzug mit den Worten begrtisst: »Look Massa, my country, grass live for
topside: Sieh, Herr, meine Heimat, dort oben wachst Gras«, war der wich-
tigste in seinem afrikanischen Leben, zugleich ein bedeutsamer Tag in der
Geschichte unserer Kolonie Kamerun. Seine ziemlich geradlinig nordwarts
von Kamerun durchgeftihrten Vorstosse brachten ihn hier mit den ersten Stam-
men des Graslandes, den Babd, in Beruhrung. Kolantisse als Friedenszeichen,
seltsam geformte Messer, lange kunstvolle von ihrem Trager unzertrennliche
Tabakspfeifen, viereckige LehmhUtten mit Pyramidendacheni, Hirsenbier, be-
zeichneten den Eintritt in den Einflussbereich der sudanesischen Kultur,
hydrographisch den Uebergang aus dem Gebiete der Kamerunfliisse in das
obere Becken des Kalabar, wirthschaftsgeographisch die Erreichung des Ur-
sprungsgebietes jener Masse von Palmol, die den Kalabar und Gen. den
Namen »Oelfllisse« verschafft haben. Am 12. Januar 1889 betrat Z. das
Grasland. »Das daXotrca! SaXarra! der xenophontischen Schaaren kann nicht
froher erklungen sein als das Grass ! Grass ! • Massa ! meiner Trager, die unter
diesem Freudengeheul, alle Mtldigkeit vergessend, die bequemen Pfade des
Graslandes dahin eilten.« Bald darauf war Bali erreicht, wo die kraftige Ge-
stalt des Hauptlings Garrega und der Empfang im Kreise von einigen Tausend
ebenso kraftigen Hochlandssohnen verklindeten, dass mit der Erreichung Stid-
Zintgraff. 2 1 3
Adamauas die schwersten Aufgaben der Expedition erst anhuben. Zuerst
folgte der lange gezwungene Aufenthalt in Bali, darauf der Bau der Station
Baliburg — »selten ward wohl auf so vergntigte Art gebaut« — und die
Beziehungen zu den Bali gestalteten sich ganz harmonisch ; aber aufdereinen
Seite war die Verbindung mit der Barombistation unterbrochen, wo Zeuner
kommandirte, und auf der anderen Seite verschloss die Unlust Garregas, den
weissen Gast dem Benue zu ziehen zu lassen, alle Wege, und in dem behag-
lichen Ruheleben drohte die Unternehmungslust seiner Leute vollstandig ein-
zuschlafen. Da riss Z. in einem geschickten Kriegspalaver, das in einem
wilden Kriegstanz mit dem Ruf Benue! Benue! endigte, seine Leute sammt
den Bali mit und am 26. April 1889 befand er sich auf dem Marsch, der
nicht ohne Schwierigkeit und Irrwege, aber ohne Kampfe nach Donga und
von da nach Jola flihrte. Z. hatte diesen Weg barfuss zu machen, da sein
Schuhwerk aufgebraucht war. In dem unbewohnten Lande zwischen dem
Gebiet der unabhangigen Stamme und dem slidlichsten Sultanat Adamauas,
Takiim, hatte er mit Mangel an Lebensmitteln zu kampfen. Aber er fand
in Adamaua bessere Wege, leichtere Verpflegung und erreichte am 28. Mai
Donga und damit die Verbindung. mit Flegels Benuereise. Er legte sich hier
Flegels in Adamaua landesliblichen Namen Abder Rahman bei. In Ibi sah er
den Benue, den ersten Dampfer und wurde in der englischen Handelsstation
freundlich aufgenommen. Von hier konnte er die Erreichung seines Zieles
nach Berlin melden. Von seiner Bereitwilligkeit gleich weiter zum Tsadsee
zu gehen, wurde kein Gebrauch gemacht. Er kehrte um, nachdem er 9 tiber-
fltissige Weileute nach Kamerun gesandt hatte, und machte von Gaschaka aus
einen Abstecher nach Jola, um tiber Bagnio, Flegels stidlichsten Punkt, zu-
rUckzukehren, was ihm versagt wurde*
So ftihrte er seine Karawane tiber Takum nach Bali zurtick. Nach manchen
Hungertagen und einem heftigen Hagelsturm auf der H6he von Mabni, der
ihm 16 Leute kostete, traf Z. im September in Baliburg ein und zog bald
unter Zurticklassung einer kleinen Besatzung nach der Kiiste weiter, nicht
ohne noch einmal einen Angriff der Banyang erfahren zu haben. Am 5. Januar
1890 traf er in Kamerun ein. Auf der Riickreise nach Deutschland ftihrte er
seine Weijungen selbst nach Monrovia zurtick und suchte dann in Berlin
personlich seine Auffassung zu vertreten, dass die Verbindung mit den Bali-
landern im wirthschaftlichen und Verwaltungsinteresse der Kolonie offen ge-
halten werden mtisse, da sie als Handels- und als Rekrutirungsgebiete fur die
Plantagen und die Schutztruppe wichtig seien. Z. schlug nun vor, in Baliburg
eine dauernde Vertretung einzurichten, und zugleich eine Handelsstation dort
in's Leben zu rufen. Das letztere unternahm die kameruner Firma Jantzen
und Thormahlen und das Auswartige Amt entschloss sich, eine neue Expedi-
tion nach Bali zu schicken und Z. dort als Commissar fur die ndrdliche
Gegend der Kolonie einzusetzen, dem aufgetragen wurde, mit den Haupt-
lingen freundliche Beziehungen anzukntipfen, Ruhe und Ordnung im Hinter-
land aufrecht zu erhalten, ftir offene Strassen und sicheren Verkehr nach der
Ktiste zu sorgen und den Handel des Hinterlandes nach der Ktiste von Ka-
merun zu leiten. Nach halbjahrigem Aufenthalt in Deutschland trat Z. am
1. September 1890 seine Reise an. An die Stelle seines treuen Gefahrten
Zeuner, der am 23. April 1890 auf der Rhede von Lagos am Tropenfieber
gestorben war, trat Lieutenant von Spangenberg, und Landwirth Huwe wurde
als Expeditionsmeister angenommen. Die Handelsexpedition leitete unter dem
314 Zintgraff.
Befehl Z.'s Nehber. Nach ausserst miihsamer Anwerbung von Wei-Leuten
musterte die Expedition 7 Europaer und 375 Afrikaner. Nachdem auf der
Barombistation noch Maassregeln fiir die Erweiterung der Anpflanzungen
getroffen waren, aus deren Ertrag ein Theil der Ernahrung dieser Mann-
schaft bestritten werden sollte, und der vorausgesandte Lieutenant von
Spangenberg die gttnstigsten Nachrichten fiber die Gesinnungen der Banyang
gebracht hatte, brach Ende November die Expedition auf. Z. fiihrte die
letzte Abtheilung, bei der sich auch die nun in ihre Heimath zuriick-
kehrenden Bali befanden. Am 9. December traf er in Bali ein, wo er ebenso
freundlich wie friiher empfangen wurde. Aber in den umgebenden Landchen
war die Stimmung nicht ebenso gtlnstig. In Bafut wurden zwei Boten Z.'s
ermordet, und Z. glaubte die benachbarten Haupdinge von Bafut und Bandeng
zuchtigen zu sollen. Mit UnterstUtzung von 5000 Bali griff er sie am 31. Januar
an und erstiirmte Bandeng; auf dem Rtickmarsch aber wurde er vom grossten
Theil seiner Leute abgedrangt, diese angegriffen und 4 Europaer, 68 Wei und
100 Bali getOdtet. Zugleich fielen andere Nachbarstamme den Siegera zu,
und die Verluste an Munition liessen im Fall eines Angriffes Schlimmes be-
furchten. Z. hatte schon Ende Januar, als die Lage drohend wurde, die
Kolonialverwaltung gebeten, die auf der Barombistation lagernde Reserve-
Munition seiner Expedition nach Bali oder Banyang zu senden. Es geschah
nicht, auch nachdem Gertichte von dem unglticklichen Gefecht vom 31. Ja-
nuar in Kamerun angelangt waren. Z. wartete 14 Tage vergebens, bis er
selbst nach Kamerun ging und nun endlich die Absendung der Munition be-
wirkte. Die Ursache des Zogerns der Kolonialverwaltung, an deren Spitze
damals der Gouverneur Zimmerer stand, kann der Unbetheiligte nur in der
verschiedenen Auslegung der Selbstandigjceit gegenliber der Kolonialverwaltung
von Kamerun suchen, die Z. sich in Berlin eigens hatte verbriefen lassen. Auch
scheinen Z.'s Ansichten iiber die Bedeutung seiner Beziehungen zu den Bali fur
die Kolonie, sowohl in Kamerun wie in Berlin nicht mehr ganz getheilt worden
zu sein. Es ist aber nicht zweifelhaft, dass der Aufschub jeglicher Hilfeleistung
die Wiederherstellung des in dem Gefecht bei Bandeng erschtitterten Einflusses
der Deutschen im Hinterland von Kamerun sehr erschwert hat, und dem deut-
schen Ansehen iiberhaupt abtraglich gewesen ist. Noch in anderen Beziehungen
erhob Z. Vorwtirfe gegen die kameruner Verwaltung, besonders gegen den
Gouverneur Zimmerer. Das fiir die Entwickelung der Kolonie so nothwendige
Herabftihren der Bali soil dieser eher gehindert, als gefOrdert haben. Kleinere
Beschwerden, die er in einer (ohne Jahreszahl) zu Hamburg erschienenen Schrift
»Meine Beschwerden gegen das Kaiserliche Gouvernement in Kamerun. Bei-
trage zu dem derzeitigen bureaukratischen Regime in der Kamerunkolonie« erhob,
bekundeten seine tiefe Verstimmung gegen die leitenden Beamten in Kamerun
und zuletzt auch gegen die Kolonialabtheilung im Auswartigen Amt, die seine
Klagen unbeachtet liess. Nachdem er in dieser Schrift beherzigenswerthe
Winke tiber die Reform unserer Kolonialbeamtenschaft mit grosser Aufrichtig-
keit ausgesprochen und besonders die damalige Verwaltung von Kamerun als
unfahig bezeichnet hatte, war nattirlich seines Verbleibens im Dienst der von
ihm mit so grossem Misstrauen betrachteten Verwaltung nicht langer. Z.,
der Todtgeglaubte, war am 1. Marz in Kamerun eingetroffen. Der lang-
jahrige Gefahrte Z.'s, G. Conrau, der zuerst in dieser kritischen Zeit nach
dem unglticklichen Gefecht vom Januar 1891 mit Z. in Verbindung trat, und
mit ihm nach Baliburg zuriickkehrte, schildert sein damaliges Wesen in fol-
Zintgraff. 315
genden Worten: »Er besass eine Energie, wie man sie selten findet, mit der
sich eine vornehme Denkungsweise paarte. Seine Unerschrockenheit und
Geistesgegenwart hat den Negern gewaltig imponirt und wurde oft von ihnen
besprochen. . . . Sein Einfluss auf die Bali war durch das Gefecht nicht nur
nicht abgeschwacht, sondern im Gegentheil gewachsen. Seine Energie und
Unerschrockenheit hatten einen zu grossen Eindruck auf sie gemacht
Er war einer der besten Fussganger. Er hat auch hierdurch den Negern, die
selbst ausgezeichnet zu Fusse sind, sehr imponirt. Massa Doctor sabe walk
too much, passes us all, horte man sehr oft. Mit den Negern verstand er
vorztlglich umzugehen und fertig zu werden. Er wusste vortrefflich seine
Plane ihnen gegentiber durchzusetzen. Bei diesen Verhandlungen kamen ihm
sein Humor und sein oft sarkastischer Witz sehr zu statten.*
Z. verband mit seinem Bericht iiber das Gefecht, den er demAuswartigen
Amt einsandte, den Antrag die Bali mit 2000 Mausergewehren zu bewaffnen und
die gefallenen Europaer zu ersetzen. Zugleich kam er auf den Plan zurlick,
Mundame am oberen Ende der allerdings unsicheren Schiffbarkeit des Mungo
mit Bali durch eine Strasse zu verbinden. Die Kolonialverwaltung schien aber
Z/s Entwlirfen Zweifel entgegenzusetzen, dieser ging nach Barombi zuriick, um
Bali naher zu sein und begann dort mit der Ausbesserung des Weges in's Innere.
Er kam am 23. August mit Lieutenant Hutter nach Bali zuriick, und langsam
folgten die verlangten Gewehre, mit denen die waffenfahige Balimannschaft ein-
exercirt wurde. Gleich in den ersten Wochen schloss Z. einen Vertrag mit
Garega ab, in dem dieser Z., dem weissen Freund, die Ausltbung aller Gewalt
Uber die Balilander tibertrug. Der merkwlirdige Vertrag ist in »Nordkamerun«
S. 395 f. abgedruckt. Ende 1891 traf in Lieutenant Steinacker ein zweiter
Officier ftir die sich mehrenden Aufgaben ein, doch wurde der frtiher befoh-
lene Vorstoss zum Tsadsee, den Z. vorbereitet hatte, vom Auswartigen Amte
wieder abbestellt. Eine ruhrartige Seuche, die anfanglich eine gewaltige Sterb-
lichkeit unter den Bali hervorgerufen hatte, wurde liberstanden und die Ver-
haltnisse entwickelten sich in jeder Weise glinstig; Z. verwaltete vollstandig
unabhangig ein rasch sich erweiterndes Gebiet. Er legte Stationen in Tinto
bei den Banyang und in Mundame an, wohin Jantzen und Thormalen auf dem
Mungo einen Schleppdampfer gehen liessen, und auf den dazwischen gebauten
Wegen wuchs der friedliche Verkehr, wahrend besonders in Barombi der
eigene Anbau Fortschritte machte. Es fehlte nur die Uebereinstimmung mit
der Kolonialverwaltung, deren Mangel besonders hervortrat, als Bali, die mit
Steinacker an die Kiiste gegangen waren, von den Dualla misshandelt wur-
den und die Kolonialverwaltung ablehnte, eine Untersuchung zu erfiffnen. Z.
reiste nach Europa, fand aber, dass man in Berlin sich auf die Seite der,
kameruner Beamten stellte, nahm und empfing 1892 seine Entlassung. Seinem
Versuch, die Culturarbeit im Hinterland durch Anleitung zur Anlage von Pflan-
zungen an der Strasse Mundame-Bali durch Eingeborene und durch Schulung
von Balileuten im Plantagenbau, ferner durch wissenschaftliche Beobachtungen
fortzusetzen, versagte das Auswartige Amt die Genehmigung mit der Begriindung,
dass es nicht im Interesse der geordneten Verwaltung der Kolonie liege, Z.
jetzt oder in den nachsten zwei Jahren dorthin zuriickkehren zu lassen. Z.
Hess sich darauf fiir einige Zeit in Neu-Babelsberg nieder, hielt Vortrage Uber
seine Reisen und schrieb sein Buch »Nordkamerun«, das 1895 in Berlin er-
schien. 1893 war er nach Transvaal gegangen, um die Verhaltnisse der
Goldfelder kennen zu lernen, und 1896 bot sich. ihm endlich die Gelegenheit
2 1 6 Zintgraff.
dar, als Direktor der Pflanzungsgesellschaft Victoria mit Esser und Hosch
nach Kamerun zurtickzukehren. Er ging neuerdings daran, aus den Bali einen
Stamm von tiichtigen Arbeitern auf Pflanzungen heranzuziehen und schien
vor dem erhofften Erfolge zu stehen, als er im Spatjahr 1897 wegen Krank-
heit Urlaub nehmen musste. Sein Humor, der ihn nie, auch nicht in den
Tagen der Sorge und des Ungemaches, verlassen hatte, verliess ihn auch
nicht auf dem Sterbebette. Man erzahlt, dass, nachdem er vorher angeordnet
hatte, man solle seine Ankunft nach Hause melden, er bei der plotzlichen
Verschlimmerung seines Zustandes befohlen habe: »Kabelt nach Hause, ich
kann wegen Todesfall nicht kommen«.
Z. ist unter den jtingeren deutschen Afrikareisenden, deren Thatigkeit in
die koloniale Aera fallt, einer der hervorragendsten. Er ist ein Vertreter der
besten Eigenschaften dieser jtingeren Generation. Z. war nicht in erster Linie
Gelehrter. Sein Verhaltniss zu Afrika auch war nicht das des ktihlen Beobach-
ters. Er stand Afrika mit einer tiefen Neigung gegentiber. Afrika hatte fur ihn
eine unschatzbare Eigenschaft, die ihm viele Unannehmlichkeiten aufwog: »hier
muss der Mensch die Maske fallen lassen und seinen wahren Charakter zei-
gen; hier weist es sich aus, wer wahrhaft vornehm und gebildet, und wer
nur mit Cultur oberflachlich tibertiincht ist.« Er hatte, wie seine Laufbahn
zeigt, alle seine Krafte in den Dienst Afrikas gestellt. »Dort ein tuchtiges
Stuck Culturarbeit zu schaffen, war das Ziel, das er unentwegt im Auge be-
hielt. Nachdem er aus dem Regierungsdienst geschieden war, baute er Plan
auf Plan mit unermudlichem Eifer, um sich ein neues Wirkungsfeld in der
Kolonie zu schaffen. Der Tod riss ihn weg, als er eben die selbstandige
Arbeit fur ein grosseres Plantagenunternehmen begonnen hatte. Man kann
die Frage aufwerfen, ob er nicht zu sturmisch und zu rastlos ftir eine solche
Stellung war, die viel Geduld und Ausdauer verlangt. Mit seinem Unter-
nehmungsgeist und seiner den europaischen Comfort verschmahenden An-
spruchslosigkeit war er mehr geschaffen, Expeditionen zu flihren oder Stationen
in ausgesetzter Lage zu befehligen. Dazu kam seine Fahigkeit, mit den Ne-
gern zu verkehren. Eine Grausamkeit gegen die Neger hat er sich nie zu
Schulden kommen lassen. Er strafte wohl streng, wenn es nothwendig war,
die Leute durften ihm aber auch alle ihre kleinen Sorgen und Wunsche vor-
tragen, er lieh jedem ein geduldiges Ohr und half, wo er nur konnte. Er
war geftlrchtet und geliebu (Conrau). So gut er mit den Negern umgehen
konnte, so wenig verstand er dies denen gegentiber, in deren Hand damals
das Geschick der Kolonie ruhte. Diese tadelten seine Ueberhebung und
hielten seine Plane fur utopisch. Er war zu wenig schmiegsam und nach-
giebig, konnte sich nur schlecht einem anderen beugen, war zu sehr eine
Herrennatur. Man horte ihn wohl sagen: »Ich werde die Leute mit That-
sachen ohrfeigen.« Dabei vergass er leider, dass dieselbe Thatsache von ver-
schiedenen Beurtheilern entgegengesetzt gedeutet und geschatzt wird, ebenso
wie er libersah, dass, wenn er rucksichtslos das durchzusetzen suchte, was er
flir Recht hielt, abweichende Meinungen tiber das Rechte ebenso rucksichts-
los sich unter heftiger Gegnerschaft verwirklichen wollten. Wer mfichte in-
dessen angesichts der Entwickelung der Verhaltnisse in Kamerun laugnen,
dass Z.'s Ansichten und Vorgehen in den Hauptpunkten gerechtfertigt
worden sind? Sein einstiger Gehilfe Hutter hat 1893 in der Kolonial-
zeitung den Bali als Soldatenmaterial und den Ergebnissen ihres Exercitiums
ein Lob gespendet, das Z.'s optimistischen AufTassungen entspricht. Dass
ZihtgrafF. 3 1 j
Kamerun nicht auf die Dauer sich mit einer Truppe von Wei- oder Dahomey-
sklaven behelfen kann, haben die Ereignisse, besonders bei den verungltickten
Expeditionen von Gravenreuth und Ramsay, nur zu deudich gezeigt. Und
welcher Vortheil es ftir die ganze Kolonie gewesen ware, wenn die Anfange
Z.'s mit der Schulung der Neger im kleinen und grossen Plantagenbau besserer
Fortfdhrung und Untersttitzung gewurdigt worden waren, lehrt die Geschichte
jeder Pflanzung auf dem Boden von Kamerun. Auch was Z. in dem Schluss-
abschnitt seines Buches iiber Reisetechnik sagt, ist als gesund und praktisch
anerkannt worden, wenn auch nicht viele Z. in der absoluten Enthaltung vom
Alkohol folgen oder seine Grundsatze uber den Verkehr mit den Negern in
alien Einzelheiten billigen werden.
In rein politischer Beziehung hat Z. ebenso wie die gleichzeitig mit ihm
auf slidlicheren Wegen dem Benue zustrebenden Kund und Tappenbeck nicht
das geleistet, was man bei seiner Aussendung erwartet hatte. Die Schwierig-
keit des Vordringens war in jenen Jahren noch zu gross; war doch Kamerun
gerade die Stelle, wo das unbekannte Innere des Erdtheils am nachsten an
die KUste herantrat. Zugleich waren die Mittel zu gering. Daher die merk-
wiirdige Aehnlichkeit der Schicksale der Z.'schen Bemtihungen mit denen der
Kund- und Tappenbeck'schen Expedition: Zu frtthe Ablenkung vom Vor-
dringen nach Osten und an den Tsadsee, kriegerische Verwickelungen, Rtick-
schlage. Dass Z., als er zum zweiten Mai mit starkerer Macht in's Grasland
vordrang, sich zu fruh von Garrega in Krieg mit anderen Stammen ver-
wickeln Hess, ist ihm mit Recht als ein Fehler angerechnet worden. Der
Misserfolg dieses zweiten Vorstosses ist einer der Griinde, dass die Deutschen
von den Franzosen am Schari uberholt wurden und tiberhaupt bis 1894 nicht
uber den 1 5 ° 6. L. vorgedrungen waren.
Z.'s wissenschaftliche Ausbildung zum Afrikareisenden war nicht so, wie
man sie in der Zeit Barth's, Nachtigal's und Schweinfurth's fiir nothwendig
gehalten hat. Seine Anlagen und Neigungen lagen mehr nach der praktischen
Seite, und was es hier zu beobachten gab, das hat er scharf gesehen, richtig
beurtheilt und klar geschildert. Der Boden, soweit er ftir Pflanzungszwecke
geeignet war, die Pflanzen und Thiere soweit sie dem Menschen ntitzen konn-
ten, vor allem aber die Eingeborenen mit ihren Fehlern und Tugenden fes-
selten seine Aufmerksamkeit. Seine Berichte enthalten dartiber sehr grund-
liche Ausfiihrungen, und das einzige grossere Werk, das er hinterlassen hat,
ist eine Fundgrube von schonen ethnographischen Beobachtungen. Aber gerade
durch dieses Buch weht ein freier, froher Geist, der uns sagt: Es ist das
Buch eines Pfadfinders und Urbarmachers, der die praktischste Kolonialpolitik
treibt. »Bei schdnem trockenen Wetter, in bester Gesundheit, ein noch un-
bekanntes Ziel vor Augen, gefolgt von seiner Tragerschar durch Afrika zu
marschieren, das ist das Schonste, was man sich auf Gottes Welt denken
kann.« Man erkennt zwar an manchen Stellen, dass das Buch in einer kurzen
Pause zwischen zwei Perioden grosser praktischer Thatigkeit ausgearbeitet wurde.
Es ist nicht als Ganzes so sorgsam gefeilt, wie Barth's oder Nachtigal's Werke.
Doch zeigt es eine ausgesprochene schriftstellerische Begabung in seiner ge-
drangten, plastischen Sprache, die fesselt und mitreisst. Die Schilderung der
Elephantenjagd in Mabum an der Grenze der Banyang gehort zu den Ka-
binetsstticken afrikanischer Natur- und Volkerzeichnung, aber nicht minder
auch die Schilderung des Schwerttanzes im Hochlandnebel bei den ersten
Graslandbewohnern, deren Dorf er betritt, und der endlosen Palmweingelage
318 Zintgraff. Graf Wimpffen,
der Bali, »wo alles auf Kommers und Rundgesang zugeschnitten ist.« Wir
empfinden mit ihm lebhaft die Wohlthat, nach wochenlanger Waldwanderung
den ins Baliland ftihrenden Pfad viele Kilometer durch das frische Gras hin
mit den Augen verfolgen zu konnen, wie er auf Kammen hinfdhrte, in Sen-
kungen hinabstieg und Hohen hinaufkletterte ; wir freuen uns mit ihm des
Blickes auf die zahlreichen grtinen Flecken der Siedelungen auf den Anhohen
des welligen Landes und der ersten Antilopen, die den Weg kreuzen. Gerade
die Fahigkeit, uns mitten in eine fremde Welt hineinzuversetzen, zeichnet Z.'s
Buch in besonderem Maasse aus. Nach seiner afrikanischen Erstlingsarbeit:
Der untere Kongo von Banana bis Vivi, die in den Mittheilungen der Hamburger
Geographischen Gesellschaft 1885/86 erschien, hat Z. eine Reihe von Reise-
berichten in den Mittheilungen aus den deutschen Schutzgebieten von 1888 bis
1890, im Export 1891, in den deutschen Kolonialblattern 1892, veroffent-
licht. Im »Ausland« 1890 erschien von ihm ein Aufsatz »Ueber Gesten und
Mienenspiel der Neger« und in den Mittheilungen aus den deutschen Schutz-
gebieten veroffentlichte er 1890 Meteorologische Beobachtungen auf der Bali-
station, Die geographischen Zeitschriften enthalten in der Periode 1885 bis
1893 eine grosse Anzahl von kleineren Berichten liber Z.'s Reisen. Ueber
Z/s kolonialpolitische Thatigkeit vgl. besonders die im Deutschen KoloniaJ-
blatt Bd. V. veroffentlichte Denkschrift zum Abkommen vom 15. Marz 1894.
Kurze Biographien Z.'s steben in der Rundschau f. Geographic XIV, und in Weid-
mann's Deutsche Manner in Afrika, 1894. Ebendas. auch Bildnisse. Ein gutes Bildniss
steht vor »Nordkamerun«. Fttr die vorliegende Arbeit habe ich Privatmittheilungen ver-
werthen kttnnen, deren Einsendern ich herzlich danke.
Friedrich Ratzel.
Wimpffen, Victor, Graf, k. k. Hofrath und Corvettenkapitan a. D., * am
24. Juli 1834 in Hietzing (Wien) als Sohn des 1870 verstorbenen Feldzeug-
meisters Grafen Franz Wimpffen, f am 22. Mai 1897 zu Battaglia. — Sein Vater
hatte ftir seine Leistungen im italienischen Feldzuge 1848^49 Ritter- und Kom-
mandurkreuz des Maria Theresien-Ordens erhalten. Er war mit Maria geb.
Freiin von Eskeles vermahlt. Graf Victor v. W. war schon 1849 ^s Volontar
im Hauptquartier seines Vaters thatig. Er trat dann, 1850, als Seekadett in
die osterreichische Marine, und rettete in dieser Stellung einen franzosischen
Kauffahrer vor dem Untergange. Die franzosische Regierung zeichnete den
jungen Seemann dafiir mit dem Kreuze der Ehrenlegion aus. Ende 1851
Fregatten-, 1854 Linienschiffs-Fahnrich, wurde er 1857 zum Fregattenlieutenant
ernannt. Er unternahm grossere Seereisen, so 1857/58 auf der Corvette
»Carolina«, und berichtete darliber in dem Buche: »Skizzen aus einem Tage-
buche« (1859; 2. Aufl. 1870, Verlag Zamarski). Im Jahre 1859 erhielt er,
dem Generalstab der » ersten Armee« zugetheilt, fur sein Verhalten bei
Solferino die kaiserliche Anerkennung ausgedriickt. Im Jahre 1866, bei
Lissa, zeichnete er sich als Kommandant des Dampfers »Stadium« aus. In
seiner Brochure liber die Schlacht bei Lissa (»Lissa, 20. Juli i866«, Verlag
Ferrari, Bozen) bewahrte er abermals seine Federgewandtheit. Mit dem Feld-
zuge 1866 beschloss Graf W. seine militarische Laufbahn. Er verliess den
Militardienst unter Erhalt des Ranges eines Corvettenkapitans. Im Jahre 1 868
folgte er noch einer Sendung nach London als Vertreter der osterreichischen
Marine bei der International en Conferenz der Hilfsvereine des Rothen
Kreuzes und wurde bei seiner Rlickkehr mit dem Orden der Eisemen Krone
III. Kl. ausgezeichnet. Die Reisen in seiner Jugendzeit hatten in ihm Sinn
Graf Wimpffen. Graf Wolkenstein* Frciherr von Eichhoff. jig
und Verstandniss fiir das moderne Verkehrsleben gefordert. So fand er sich
bald in seine neue Stellung als Prasident der damals neu gebauten Nieder-
osterreichischen Siidwestbahnen und folgte um so lieber der Berufung als
Hofrath und Generalinspektor des Telegraphenwesens in's Handelsministerium
im Jahre 1876, wo er bis Mitte 1880 thatig war. Ihm dankt man die Ein-
fiihrung des telegraphischen Worttarifes in Oesterreich, der fiir den Fiskus
wie fiir das telegraphische Bedlirfniss des Publikums gleich willkommen war.
Auch sonst zeigte er durch zahlreiche Verbesserungen seinen praktischen
Blick und erwarb sich speciell um die Telegraphistinnen durch Begriindung
ihrer Altersversorgung grosse Verdienste. Graf W. war seiner Zeit durch seine
eifrige Mitarbeit in zahlreichen kiinsderischen Vereinigungen und bei gesell-
schaftlichen Veranstaltungen eine vielgekannte Personlichkeit. Mehrere Jahr-
zehnte war er als Administrator der Ersten Oesterreichischen Donau-Dampf-
schiffiahrts - Gesellschaft thatig. Er verschied auf seinem Gute Battaglia (in
Oberitalien). Als Besitzer der Guter Kainberg, Reitenau und Eichberg hatte
er sich grosse Verdienste um die Hebung der steirischen Fischzucht er-
worben. Seiner Ehe mit Anastasia Freiin von Sina entsprossen die Grafin
Hedwig Anastasia Iphigenie und die Grafen Siegfried Simon Franz und Simon
Alf. Victor.
Heinrich Adler.
Wolkenstein, Heinrich, Graf, Oberstjagermeister des Kaisers Franz
Josef, * am 7. Januar 1841 als Sohn des bohmischen Herrschaftsbesitzers
Grafen Karl Wolkenstein, f am 11. Februar 1897 zu Wien. — Er trat noch in
den funfziger Jahren in die Armee und riickte dort allmahlich bis zum Major
(1. Mai 1880) vor, Als solcher war er auch als Fltigeladjutant des Kaisers
bis zum Jahre 1884 thatig, wo er zum Oberstlieutenant befordert wurde.
Im Jahre 1886 trat er mit dem Titel eines Obersten in Disponibilitiit. Er
wurde zum Oberst-Ktichenmeister ernannt und mit der Wlirde eines Geheimen
Rathes ausgezeichnet. Die Stelle eines Oberst-Klichenmeisters bekleidete er
bis zum 21. Januar 1897. Damals — man brachte das mit gewissen System-
£nderungen in der Verwaltung des Hofstaates in Verbindung — wurde er
seiner Stellung enthoben und1 zum Oberstjagermeister ernannt. In der Nacht
vom 11. auf den 12. Februar 1897 machte er seinem Leben mit einem
Schuss aus einem Kugelstutzen ein Ende. Von anderer Seite wurde sein
jahes Ende auf schweres Leiden zuriickgefiihrt. Der Verschiedene war ein
j lingerer Bruder des Botschafters in Paris, Grafen Anton Wolkenstein.
Heinrich Adler.
Eichhoff, Josef, Freiherr von, osterreichischer Politiker, * als Sohn des
Hofkammer-Prasidenten Peter Josef Freiherrn von Eichhoff am 28. October 1822,
f am 17. November 1897. — In den Jahren 1835 — 1840 versuchte esE.'s Vater
mit kr&ftiger, fester Hand, die trostlose Lage des osterreichischen Staatshaus-
haltes zu bessern. Peter Josef Eichhoff wurde im Jahre 1834 in den oster-
reichischen Ritterstand — die Familie Eichhoff stammt aus Bonn — und 1836
in den Freiherrnstand erhoben und im Jahre 1839 zum ungarischen In-
digena und Magnaten ernannt. Als Vertreter des verfassungstreuen mahri-
schen Grossgrundbesitzes trat Baron E. 1863 in den mahrischeri Landtag,
der ihn dann viele Jahre hindurch in den Reichsrath entsandte. Dort be-
sass er lange Zeit eine fuhrende Stelle als Obmann der liberalen Centrums-
partei; seine maassvoll liberalen Anschauungen waren von grosser Bedeutung
320 Freiherr von EichhofT. Gerhard.
auch fur die mehr fortschrittlichen Parteien der Linken. Seit 23. October
1823 mit Marie Rosalie, geb. Grafin v. Hohenwart zu Gerlachstein, vermahlt,
also Schwager des Grafen Hohenwart, stand er immerhin in der ersten Reihe
des Kampfes, der im Sommer 1871 gegen die Vorbereitung der Fundamental-
artikel entbrannte. Nach dem Sturze Hohenwart's wurde Baron E. vielfach
in die Kabinetscombinationen einbezogen, als Ministerprasident oder als
Minister des Inneren. In der Aera Taaffe zog E. sich dann vollig auf seine
Stellung als Fiihrer des verfassungstreuen mahrischen Grossgrundbesitzes im
mahrischen Landtage zuriick, bis er schliesslich, am 1. November 1892, in
das Herrenhaus benifen wurde. Im Jahre 1872 wurde er mit der Wtirde
eines Geheimen Rathes bekleidet. Seine Gemahlin verschied zwei Jahre vor
ihm. Ihrer Ehe entsprossen Freiherr Josef und Freiin Clara. Die Allodial-
herrschaften Czekin, Winar, Roketnitz und Przekawalk in Mahren sind frei-
herrlich Eichhoff* sche Besitzung.
Heinrich Adler.
Gerhard, Johannes Dietrich Adolar, Rechtsanwalt und Schriftsteller, *am
17. Juni 1825 in Leipzig, f am 8. Mai 1897 daselbst. — Er war der dritte Sohn
des bekannten Legationsraths Wilhelm G., eines Weimaraners , der sich der
Freundschaft und Gunst Goethe's ruhmen durfte, und der sich durch Ueber-
setzungen serbischer und schottischer Balladen, durch Uebertragungen aus dem
Mittelhochdeutschen, sowie durch eigene Gedichte, von denen viele Volkslieder
geworden, in der deutschen Literatur einen Platz gesichert hat. In dem Hause
des Vaters, in welchem Gelehrte und Kiinstler geselligen Verkehr pflegten und
gastliche Aufnahme fanden, gab es viele poetisch anregende Beziehungen, und
in dieser geistigen Atmosphare wuchs Adolar G. auf. Nach Absolvirung des
Gymnasiums studirte er in Jena und Leipzig unter Wachter, Albrecht, Giintter
u. A. Jurisprudenz und erlangte nach Abschluss seiner Studien die nur selten
gewahrte erste Censur. Bald darauf (1856) Hess er sich in Leipzig als Rechts-
anwalt nieder. Er war namentlich als Vertheidiger beim Schwurgericht eine
gesuchte Personlichkeit, da er bei rascher Geistesgegenwart die Gabe der
freien und schwunghaften Rede in hohem Grade besass. Als warmer Literatur-
freund und einer der besten Literaturkenner wandte er seine Aufmerksamkeit
den Rechtsfragen zu, welche dieses Gebiet betrafen, und als das Urheber-
gesetz vom Jahre 1871 fur das geistige Eigenthum einen festen Rechtsboden
geschaffen, da war er mit Ernst Wichert, Karl Batz u. A. unter den ersten,
welche die Grtindung der »Genossenschaft dramatischer Autoren und Com-
ponisten* durchsetzten. Und als sich diese 1871 in Leipzig constituirt hatte,
wurde G. der Syndikus derselben und nahm sich ihrer Interessen mit Sach-
kenntniss und grosser Uneigenniitzigkeit an. Im Jahre 1884 legte G. das
Syndikat nieder, und da er auch in demselben Jahre Wittwer geworden war,
gab er auch seine Thatigkeit als Rechtsanwalt auf und lebte nun hinfort
ganz der Literatur und der Dichtung. Er konnte sich schon frliher manches
schonen Erfolges als Poet ruhmen. Das Festspiel » Victoria regia« (1858), das
er fur die Berliner BUhne zur Vermahlungsfeier des Prinzen Friedrich Wilhelm
von Preussen und der Prinzessin Victoria von England geschrieben, wurde
mit dem ersten Preise gekront und in den Festmonaten in Berlin wieder-
holt aufgeftihrt. Eine epische Dichtung »Der Erloser« Hess er unter dem
Namen Gerhard Ger (1885) erscheinen, wahrend ein Theil seiner »Gedichte«
erst nach seinem Tode herausgegeben ward (1898). Im Jahre 1894 erlitt G.
Gerhard. Deeckc, 321
einen Schlaganfall, der ihn linksseitig lahmte, aber geistig blieb er bis wenige
Monate vor seinem Tode noch rege und schaffend. Er war ein Mann von
edlem Charakter und den strengsten Grundsatzen, eine Natur, die sich mehr
nach innen kehrte, ja fast zur Hypochondrie neigte und niemals die offent-
liche Anerkennung herausforderte.
Nach Mittheilungen aus der Familie. — Rudolf von Gottschall's Nachruf im »Leip-
zigcr Tageblatt und Anzeiger* vom 11. Mai 1897.
Franz Briimmer.
Deecke, Wilhelm, * am 1. April 1831 in Llibeck, f am 2. Januar 1897
in Strassburg i. E. — Er war der Sohn des Professors Dr. Deecke, der die
freie Hansestadt auch 1848 im Frankfurter Parlament vertrat. Nach Absol-
virung des Katharineums bezog D. schon mit 17 Jahren die Universitat
Leipzig, wo er sich dem Studium der Philologie — und zwar in weitestem
Umfange — widmete. Im Herbst 1849 &nS er nach Berlin, wo er bis 1852
seine Studien fortsetzte, die sich hier auch auf Alterthumskunde und ver-
gleichende Sprachwissenschaft ausdehnte. Ohne seine Studien durch irgend
ein Examen zum Abschluss gebracht zu haben, aber doch mit einem univer-
sellen Wissen ausgestattet, kehrte er nach Llibeck zurlick, wo er vertretungs-
weise Unterricht im Lateinischen am Katharineum ertheilte, 1855 aber die
Leitung der Ernestinenschulej einer hoheren Madchenschule, iibernahm. Diese,
urspriinglich nur fur wenige Jahre beabsichtigte Thatigkeit wurde ihm mehr
und mehr lieb, so dass er, nachdem er seinen Hausstand gegrundet hatte,
15 Jahre in derselben verharrte. Diese Zeit wurde nicht nur durch seine
amtliche Thatigkeit, sondern auch durch eifrige Beschaftigung mit den friiher
erwahlten wissenschaftlichen Fachern, durch Reisen nach England, Frankreich,
Holland und Italien, durch die Theilnahme am offentlichen Leben, durch
Wirksamkeit in der Oberschulbehorde (seit 1865) u. a. ausgefiillt und durch
innigen Verkehr mit Emanuel Geibel und anderen bedeutenden Mannern ver-
schont. Auch als Schriftsteller bethatigte er sich, besonders in seinem Buch
tiber » Deutsche Verwandtschaftsnamen« (1870). Nachdem er 1870 die preussi-
sche Oberlehrerprlifung bestanden und sich in Leipzig die Doktorwiirde er-
worben hatte, erhielt er noch in demselben Jahre eine Stelle als Oberlehrer
an der Realschule I. Ordnung in Elberfeld, aber schon 1871 wurde er als
Mitdirektor des kaiserlichen Lyceums nach Strassburg i. E. berufen. Er
brachte diese Anstalt, deren Leitung er von 1879 an ^Gin fiihrte, zu hoher
Bliithe, so dass die Schiilerzahl von etwa 100 in drei Jahren auf 500 wuchs. Als
aber Meinungsverschiedenheiten liber principielle Schulfragen zwischen dem
Statthalter Edwin von Manteuffel und D. entstanden und der letztere
seine Ansicht in den »Plaudereien liber Schule und Haus« (2 Hefte, 1884)
ruhig und wurdevoll vertheidigte, wurde der Wirksamkeit D.'s in Strassburg
schnell ein Ende bereitet und er als Direktor des Gymnasiums nach Buchs-
weiler im Unter-Elsass versetzt (1884). Erst funf Jahre spater trat er durch
seine Ernennung zum Direktor des grossen Gymnasiums in Mlilhausen —
unter dem Statthalter Flirsten Hohenlohe-Schillingsftirst — wieder in eine
Stellung ein, die der friiher eingenommenen gleichwerthig war, und die er
bis zu seinem Tode inne hatte. Ein schweres Leiden machte Ende d. J.
1896 seine Ueberflihrung in das Diakonissenhaus zu Strassburg nothig, und
hier ist er wenige Stunden vor der beabsichtigten Operation verschieden. —
D. gait, als Verfasscr der genauesten »Jahresberichte liber die Fortschritte
Blogr. Jabrb. a. Deutschtr Nekrolog. 2. Bd. 2 I
322 Deccke. Bode.
der lateinischen Sprachkunde« (1875 — 95), als einer der besten Kenner dieser
Sprache. Infolge dessen wurde er ersucht, eine »Lateinische Grammatik mit
Erlauterungen« (1893) zu schreiben. Sein Hauptverdienst liegt in seinen
Forschungen auf dem Gebiete der etruskischen Sprache und Alterthtimer,
deren Resultate er in dem dreibandigen Werke »Etruskische Forschungen «
(1875 — 84), in dem Buche tiber »Die Falisker* (1888) und anderen Ver-
offentlichungen niedergelegt hat. Den intimen Beziehungen zu seiner Vater-
stadt entstammten seine biographischen Arbeiten »Wilhelm von Bippen, ein
Gelehrtenleben« (1867) und »Aus meinen Erinnerungen an Emanuel Geibel«
(1885), sowie auch eine Sammlung seiner Gedichte »Heimathklange« (1870).
Ltlbeckische Blatter, Jabrg. 1897, No. 2 u. $ vom 10. und 31. Januar. — Jahresbericht
des Gymnasiums zu Mulhausen im Elsass 1896 — 97.
Franz Briimmer.
Bode, Richard Werner, * am 1. August 1842 in Halberstadt, f am
14. Juli 1897, durch langere Krankheit vom Sitz seiner Amtsthatigkeit fern
gehalten, in Blankenburg am Harz als vortragender Rath im Ministerium der
offentlichen Arbeiten und Geheimer Baurath. Allzufrlih hat der Tod einen
hochbegabten Mann abberufen, dem nach pflichttreuem und an Erfolg
reichem Wirken eine bedeutende Zukunft vorbehalten schien. Er genoss
seine Schulbildung auf dem Gymnasium zu Halberstadt, bezog 1863 die
Konigliche Bauakademie in Berlin und bestand Ende 1865 die erste Staats-
prlifung. Schon als Baufiihrer entschied er sich ftir das Eisenbahnfach , in
welchem auch sein Vater als oberster Baubeamter der Magdeburg -Halber-
stadter Eisenbahngesellschaft hervorragend thatig war. Seine Baumeister-
priifung legte B. kurz vor dem Ausbruch des deutsch-franzosischen Krieges
ab. Nachdem er wahrend des osterreichischen Feldzuges der Executivcom-
mission fur grossere Truppentransporte im grossen Hauptquartier beigeordnet
war, wurde er 1870 als Officier der Landwehr der zweiten Feldeisenbahn-
Abtheilung zugetheilt und erwarb auf franzosischem Boden das eiserne Kreuz.
Nach Beendigung des Krieges und kurzer Thatigkeit bei Privateisenbahnbauten
wurde er 1873 auf seinen Wunsch in den preussischen Staatseisenbahn-
dienst berufen, in der Folge als Abtheilungsbaumeister beim Bau der Linie
Berlin-Nordhausen, von 1 880 ab beim Bau der Gebirgsbahn Erfurt-Rietschen-
hausen — zum Theil unter aussergewohnlich schwierigen Verhaltnissen —
beschaftigt und nach gliicklicher Losung der ihm gestellten Aufgaben durch
Verleihung des Rothen Adler-Ordens sowie des sachsisch-ernestinischen Haus-
ordens ausgezeichnet. 1882 in die etatmassige Stelle eines Eisenbahn-Bau-
und Betriebsinspectors eingertickt, wurde er 1885 als Hilfsarbeiter und Be-
triebsdecernent an das damals durch den Umbau des Bahnhofs Halle stark
belastete Betriebsamt Magdeburg (Wittenberge-Leipzig) versetzt, 1890 zum
Regierungs- und Baurath, Vorsteher des betriebstechnischen Bureaus und
BahnbevoUmachtigten der Koniglichen Eisenbahndirection Magdeburg und
1892 zum Mitgliede dieser Behorde befordert. Die von ihm in jeder Stellung
bewiesene Umsicht und Leistungsfahigkeit, seine umfassenden Kenntnisse im
Eisenbahnbau und -Betriebe, seine Gewandtheit im dienstlichen und ausser-
dienstlichen Verkehr veranlassten 1893 seine Entsendung zur Weltausstellung
in Chicago als Berichterstatter liber amerikanische Bahn- und Bahnhofsanlagen
und 1894 — nach vorlibergehender Beschaftigung im Reichs-Eisenbahnamt —
seine Berufung in das Ministerium der offentlichen Arbeiten als technischer
Bode. Bauer. 323
Referent fur die Directionsbezirke Halle und Magdeburg und als Referent fur
militarische Angelegenheiten, in denen er infolge seiner friiheren Thatigkeit
besonders erfahren war. Am 1. April 1895 wurde B. gelegentlich der Neu-
ordnung der Staatseisenbahnverwaltung zum Geheimen Baurath und vor-
tragenden Rath ernannt. B. war ein Mann von ausgezeichneter That und
Willenskraft. Auch ausserhalb seines amtlichen Wirkungskreises hat er be-
reitwilligst sein Konnen und Wissen in den Dienst seines Faches und seiner
Fachgenossen gestellt. Langere Zeit war er Vorsitzender des Magdeburger
Architekten- und Ingenieurvereins und gehorte nach seiner Uebersiedelung
nach Berlin auch dem Vorstande des Berliner Architektenvereins an. Ueberall
hat ihm sein offenes, zuverlassiges und wohlwollendes Wesen Freunde er-
worben und die Liebe und Hochachtung seiner Mitarbeiter und Berufsgenossen
gesichert. Als besonderer Beweis seiner Herzensgiite ist noch der Eifer her-
vorzuheben, mit welchem er stets bis zur Grenze des Moglichen fur das Wohl
seiner Untergebenen eintrat, die ihm dafiir, trotz seiner Strenge bei vorkom-
menden Verschuldungen, seltene Anhanglichkeit und Verehrung bewahrten.
Seit 1872 war der Verstorbene in gliicklichster Ehe verheirathet. Von vier
Kindern sind ihm drei im Tode vorausgegangen. Der erst vor Jahresfrist
erlittene Verlust seiner altesten, ihm besonders vertrauten Tochter hat die
Widerstandskraft des einst so kernigen Mannes gebrochen, und einen Tag
bevor er das Fest der silbernen Hochzeit hatten feiern sollen, wurde er unter
Betheiligung zahlreicher Freunde und Amtsgenossen in Suhl in der Familien-
gruft beigesetzt.
Centralblatt der Bauverwaltung XVII, No. 30.
Bauer, Julius Bruno, Militar und Schriftsteller, * am 27. Februar 1843
als Sohn des Packhofskommissars Andreas B., der als Sergeant im Braunschwei-
gischen Truppencorps den Feldzug von 1815 mitgemacht hatte (f 1874), in
Braunschweig, f am 15. September 1897 in Bad Oeynhausen. — Er besuchte
das Gymnasium seiner Vaterstadt, das er Ostern i860 mit gutem Zeugnisse
verliess, um als Einjahrig-Freiwilliger am 1. April d. J. beim Braunschweigischen
Infanterie- Regimen te einzutreten. Am 1. October i860 wurde er zum Vice-
korporal, 6. April 1861 zum Portepeefahnrich, 5. November 1862 zum Second-
lieutenant ernannt. Als solcher nahm er 1866 an dem Marsche nach Bayern
Theil. Wahrend des Feldzuges gegen Frankreich, wo er bei Gravelotte, der
Cernirung von Metz, bei Langres, Vandome, Le Mans u. s. w. mitfocht und sich
das eiserne Kreuz errang — spater erhielt er auch das Ritterkreuz des Ordens
Heinrichs des Lowen — , wurde er unterm 5. Januar 1871 zum Premier-Lieute-
nant befordert. Am 30. April 1877 wurde er zum Hauptmann und Compagnie-
chef ernannt. Ein paar Jahre darauf, im September 1879, vermahlte er sich mit
Leopoldine Abel, Tochter des Justizraths Abel in Hannover. Durch einen
ungliicklichen Sturz mit dem Pferde, den er am 12. Mai 1880 an der Spitze
seiner Compagnie erlitt, zog er sich einen Bruch des rechten Unterschenkels
zu, der zwar heilte, aber heftige neuralgische Schmerzen zuruckliess. Diese
verschlimmerten sich derartig, dass er seit April 1882 seinen Dienst nicht mehr
versehen konnte. Die Bader, die er besuchte, blieben ohne Erfolg; es trat
ein Rlickenmarksleiden hinzu, das eine allmahliche Lahmung beider Beine
zur Folge hatte. Da man den tiichtigen Officier dem Regimente zu erhalten
wtinschte, so wurde er diesem unterm 29. Januar 1883 zunachst aggregirt.
Da sich das Leiden aber nicht besserte, so erhielt er unterm 3. October d. J.
21*
324 Bauer. Franz.
den erbetenen Abschied mit Pension und der Regimen tsuniform. Spater
(8. Mai 1890) verlieh ihm Prinz Albrecht als Regent des Herzogthums Braun-
schweig noch den Charakter als Major. Nach seiner Entlassung siedelte B.
nach Bad Oeynhausen liber, wo er nach langem, schwerem Leiden gestorben
ist. Sein trauriger Zustand hinderte ihn aber nicht an reger geistiger Thatig-
keit. Er besass eine vielseitige geistige Bildung und konnte im personlichen
Verkehre trotz einer starken satirischen A der eine grosse Liebenswiirdigkeit
entfalten. Als Schriftsteller ist er offentlich zuerst nach dem Tode Herzog
Wilhelms mit zwei kleinen Schriften hervorgetreten : »Hohenstaufen — Welfen
und Hohenzollern, eine historisch-kritische Studie« (Hannover, 1885) und »Der
preussische Antrag bezuglich der braunschweigischen Erfolgefrage und seine
Consequenzen, ein Mahnruf« (Hannover, 1885), in denen er einem friedlichen
Ausgleiche zwischen Hohenzollern und Welfen das Wort redet und fur das
Recht des Herzogs von Cumberland auf den Braunschweigischen Herzogsthron
im Interesse der deutschen Monarchien mit Warme eintritt. Es folgten dann
noch zwei Abhandlungen aus der vaterlandischen Geschichte: »Die Braun-
schweig-Ltineburger in den Tiirkenkriegen des 17. Jahrhunderts« (Hannover,
1885) und »Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig in seiner geschicht-
lichen Bedeutung« (Hannover, 1891), die nicht so sehr fur die historische
Wissenschaft wie flir die gut volksthumliche Literatur eine Bereicherung be-
deuten. Als die griindlichste und umfassendste seiner Schriften ist wohl »Der
Einfluss Frankreichs auf die preussische Politik und die Entwickelung des
preussischen Staats« (Hannover, 1888) zu betrachten.
P. Zimmermann.
Franz, Hermann, Geheimer Oberbaurath, * am 12. December 1827,
f am 20. Juli 1897 in Berlin. — Nachdem er im Jahre 1847 die Feldmesser-
priifung bestanden hatte, wurde er bei Eisenbahnvorarbeiten in Pommern be-
schaftigt und hierdurch einer Verwaltung zugefuhrt, in der er bis zu seinem
Uebertritt in den Ruhestand mit kurzen Unterbrechungen thatig war. Die
Baumeisterprlifung legte er im Jahre 1857 ab; die Ernennung zum Eisenbahn-
Baumeister erfolgte am 18. Februar 1864, die zum Bauinspektor am 4. De-
cember 1865 und die zum Regierungs- und Baurath am 9. Marz 1870. Be-
reits im Jahre 1869 war F. technisches Mitglied des Eisenbahn-Commissariats
in Kdln geworden, und es begann Hermit die lange Reihe der Jahre, in
denen sich die vielseitige Begabung des Verstorbenen in hervorragender Weise
bewahrte. Im Jahre 1873 wurde er als vortragender Rath in die Eisenbahn-
Abtheilung des Ministeriums der offentlichen Arbeiten berufen, 1876 erfolgte
seine Ernennung zum Geheimen Oberbaurath; lange Jahre hindurch war er
Mitglied des technischen Ober-Prufungsamts. Vermoge seiner nicht aus dem
Gleichgewicht zu bringenden besonnenen Ruhe, gepaart mit Herzensglite und
milder Gesinnung wirkte der Verstorbene stets ausgleichend und die Sache
fordernd. Sein Leben gleicht vom Anfang bis zum Ende einer kostlichen,
edlen Harmonie. Leider endete diese in krassester Weise, indem der Ver-
storbene am 20. Juli bei seinem ersten Ausgang in Berlin, nach der Ruck-
kehr von einer Rheinreise, auf dem Potsdamer Platze von einem Wagen
iiberfahren wurde und, ohne wieder voll zum Bewusstsein gekommen zu sein,
drei Tage spater an den Folgen dieses Unfalles verstarb.
Centr.ilblatt der Bauverwaltung XVII, No. 31.
Graf von Neipperg. 325
Neipperg, Erwin Franz Ludwig Bernhard Ernst Graf von, oster-
reichischer General, * am 6. April 1813, f am 2. Marz 1897 auf Schloss
Schwaigern. — Der Vater des Grafen Erwin N. ist jener Graf Adam,
der, 1 81 5 der Kaiserin Maria Louise als Begleiter auf ihrer Reise nach
Parma mitgegeben, die Gunst der Gemahlin Napoleons I. gewann und sie
nach dessen Tode 1821 als Gattin heimfuhrte. Die Sohne des Grafen
aus erster Ehe trugen den alten Namen der Familie, die einem ritter-
lichen Geschlechte aus Schwaben entstammt; die aus der Ehe mit Maria
Louise hervorgegangenen Kinder erhielten den Namen von Grafen von
Montenuovo (italienische Uebersetzung von Neuberg = Neipperg) und die-
ser Zweig ist seit 1864 gefurstet. Zu den alten Familienbesitzungen der
Neipperg'schen Familie gehort das Gut Schwaigern in Wurttemberg und hier
wurde der spatere osterreichische General Graf Erwin, geboren und hier ver-
schied er auch als 84Jahriger Greis. Seine militarische Bildung erhielt er in
der k. k. Ingenieur-Akademie zu Wien und trat 1830 in das osterreichische
Husaren-Regiment No. 8 als Lieutenant, wurde 1836 Rittmeister, 1847 Major,
in welcher Eigenschaft er 1848 bei dem Kampfe um Krakau und spater bei
der Einnahme Wiens thatig war. Im Feldzuge von 1849 stand er unter
Radetzky in Italien. Dann stieg er 1850 zum Obersten, 1854 zum General-
major und 1863 zum Feldmarschalllieutenant auf. In letzterer Eigenschaft
nahm er an dem Feldzuge gegen Danemark Theil, war bei der Berennung
von Fridericia thatig, besetzte die Festung und commandirte am 8. Marz bei
Veile die linke Angriffscolonne. Da er seit 1864 Commandant der Bundes-
festung Mainz war, so ergab es sich von selbst, dass er 1866 das Commando
einer Abtheilung auf dem westdeutschen Kriegsschauplatze ubernahm. Es
war das die 4. Division des achten Bundescorps, das bekanntlich von dem
Prinzen Alexander von Hessen befehligt wrurde. Nach dem Siege von
Kissingen am 10. Juli zog es der preussische General Vogel von Falckenstein
vor, die geschlagenen Bayern unverfolgt zu lassen und sich dem ^Springer
auf dem SchachbretU vergleichbar mit grosser Schnelligkeit gegen Frankfurt
auf das achte Bundescorps (Oesterreicher, Hessen, Wtirttemberger, Badenser
und Nassauer) zu werfen. Dabei stiess die vordere preussische Division
Goben bei Lausach zuerst auf die Hessen-Darmstadter unter Generallieutenant
Perglas, schlug sie aus dem Felde und ilir nachster Stoss traf bei Aschaffen-
burg die Division des Grafen N. Diese bestand eigentlich aus der oster-
reichischen Brigade Hahn und aus der nassauischen Brigade, letztere aber
war auf Wunsch ihres Herzogs zur Vertheidigung Wiesbadens abcommandirt.
Graf N. konnte aber hoffen, dass er bei der Vertheidigung Aschaffenburgs
nicht bloss auf seine Oesterreicher, sondern auch auf die Hessen unter Perglas
zahlen konne, die, wenn auch geschlagen, doch nach Abrede seinen Rucken
und seine Flanke decken konnten. So wollte er Aschaffenburg und seine
wichtigen Mainbrticken halten, bis auch die Wtirttemberger und Badenser zur
Stelle seien. Goben zogerte nicht, ihn in der Frlihe des 14. Juli rustig an-
zugreifen und da N. nur iiber 7 Bataillone gegen 13 feindliche verfligte, so
sah er seine Truppen nach tapferem Widerstande auf der rechten Flanke urn-
gangen und somit in Gefahr, von den Mainbrticken abgeschnitten und ge-
fangen zu werden. Zu spat erfuhr er, dass Perglas die Hessen ohne jeden
Anlass mainabwarts weggefiihrt und ihn schmahlich im Stiche gelassen hatte.
Ein Theil der Oesterreicher zog nun tiber die Mainbrticken ab, aber da sich
die Preussen der naheren derselben rasch bemachtigten, fielen die noch
-j 2 6 Graf von Neipperg. Graf Chorinsky.
weiter zurtickgebliebenen osterreichischen Abtheilungen dem Feinde in die
Hand. N.'s Anordnungen waren sachgemass gewesen; man konnte ihm
hochstens zum Vorwurfe machen, dass er als rangalterer General dem hessi-
schen General nicht bestimmte Befehle gesendet hatte; aber da ihm der
Oberbefehl nicht ausdrlicklich ubertragen war, wollte er den Bundesgenossen
nicht durch eine Eigenmachtigkeit verletzen und vertraute auf dessen milita-
risches Pflichtgefuhl. So trifft ihn denn keine Schuld an dem Verluste des
Treffens. An dem Gefechte von Tauber-Bischofsheim am 24. Juli nahm die
Division Neipperg nur in der Reserve und durch ihre Artillerie Theil, bei
Gerchsheim am 25. Juli erhielt sie noch vor ihrem Eingreifen von dem Corps-
Commandanten Prinzen von Hessen den Befehl zum Ruckzuge — diesmal
hatten namlich wieder die Badenser vorschnell den Kampfplatz verlassen und
den Verlust des Gefechtes herbeigefiihrt. Unter diesen Umstanden hatte
FML. Graf N. keine Lorbeeren holen konnen, aber liberall das Seinige ge-
than; die Verleihung des Leopoldordens durch den Kaiser sollte das be-
kunden. Er Ubernahm 1867 das Commando der 14. Division in Pressburg,
1869 auf kurze Zeit das Generalcommando in Wien, bis er 1869 an die
Spitze des Armeecorps in Lemberg trat. Der Ausbildung seines Corps wid-
mete er sich mit allem Eifer, und wurde als solcher 1869 Geheimer Rath,
1870 General der Cavallerie. Im Jahre 1878 erhielt er die Ehrenstellung
eines Capitans der k. u. k. Trabanten-Leibgarde und wurde 1879 lebens-
langliches Mitglied des Herrenhauses. Seit 1873 Ritter des Goldenen Vliesses
erhielt er aUs Anlass seines 6ojahrigen Dienstjubilaums im Heere das Gross-
kreuz des Stephansordens. Bis in sein hohes Alter rtistig und geistig thatig,
verschied er am 2. Marz 1897 als altester General der osterreichisch-ungari-
schen Armee.
H. Friedjung.
Chorinsky, Karl Graf, Mitglied des osterreichischen Herrenhauses und
President des Wiener Oberlandesgerichts, * am 18. October 1838, f am
10. September 1897. — Ch. studirte an der Wiener Universitat, trat sodann
in den Staatsdienst und widmete sich der richterlichen Laufbahn. Nach
mehrjahriger Thatigkeit zu Wien und Krems wurde er 1874 Landesgerichts-
rath und 1881 Oberlandesgerichtsrath in \Vien. Im Jahre 1878 trat er durch
die Wahl des Landgemeindenbezirks Werfen in den Salzburger Landtag, bald
darauf, 1880, wurde er vom Kaiser zum Landeshauptmann von Salzburg er-
nannt. Gemeinsam mit Lienbacher leitete er die clericale Partei in Salzburg.
Bald aber stellte sich heftige personliche Gegnerschaft zwischen den beiden
Mannern ein, zumal da Ch. mit Umgehung Lienbacher's 1886 mit der Leitung
des Landesgerichts in Salzburg betraut wurde.
Dieser Gegensatz verscharfte sich, als Lienbacher immer bestimmter
gegen die slavenfreundliche Politik der Clericalen auftrat, und fuhrte bei der
Wahl von 1890 zu einem Siege der Anschauungen Lienbacher's. 1887 wurde
Ch. zum lebenslanglichen Mitgliede des Herrenhauses ernannt und erhielt
im Herbst 1890 die Stelle eines Prasidenten des Oberlandesgerichts in
Wien.
Im Herrenhause nahm er neben dem Grafen Belcredi eine leitende Stel-
lung in der conservativ-clericalen Partei ein und betheiligte sich zu wieder-
holten Malen bei der Berathung legislatorischer Aufgaben. Er gehorte jener
Richtung der clericalen Partei an, welche im Sinne Hitze's und Hertling's
Graf Chorinsky, Pfeiffer. Rittershaus. 327
den socialen Aufgaben des Staates besondere Aufmerksamkeit zuwendet.
In einer Rede im Herrenhause, in der er fiir das Hoferecht eintrat, sagte er:
auch die Rechtsprechung bediirfe eines Tropfens sociajen Oeles, der rein
privatrechtliche Standpunkt sei in ihr nicht immer festzuhalten. In den
schriftstellerischen Arbeiten Ch.'s trat neben dieser Gesinnung auch eine
schroffe Ablehnung des liberalen Standpunktes zu Tage. Unter seinen
Schriften sind zu nennen: »Wucher in Oesterreich«, Wien 1877; »Das No-
tariat und die Verlassenschaftsabhandlung in Oesterreich«, 1877; »Das Vor-
mundschaftsrecht in Oesterreich vom 16. Jahrh. bis zum Erscheinen des
Josefinischen Gesetzbuches«, Wien 1878; »Der osterr. Executionsprocess. Ein
Beitrag zur Geschichte der allgemeinen Gerichtsordnung«, Wien 1879.
Pfeiffer, Franz, osterreichischer Abgeordneter, * in Rumburg (Deutsch-
Bohmen) 1832, f in Wien am 13. Februar 1897. — Er widmete sich in
Prag technischen Studien und betheiligte sich an der Bewegung von 1848,
trat 1849 als Cadett in die osterreichische Armee und machte den Feldzug
von 1849 in Ungarn und den von 1859 in Italien mit. Im Jahre 1861 nahm
er als Oberlieutenant den Abschied und leitete von da an sein Gut Aujed
bei Tuschkau. Er wurde vom bohmischen Grossgrundbesitze 1872 in den
Landtag gewahlt, dem er bis 1882 angehorte; dieselbe Wahlcurie vertrat er
1879 — J88s im Reichsrathe. Dem bohmischen Landtage gehorte er auch in
der jetzt tagenden Session an. Er erwarb sich dadurch Verdienste, dass er
sich an der Organisation der deutschen Landwirthe Bohmens kraftig bethei-
ligte, so dass er von der Griindung an President des landwirthschaftlichen
Central verbandes der Deutschen Bohmens war. Alle wirthschaftlichen und
nationalen Anregungen und Reformen fanden in ihm einen eifrigen Forderer.
So stellte er sich an die Spitze der Action, die darauf drang, dass der boh-
mische Landesculturrath (die hochste landwirthschaftliche Behorde Bohmens)
in eine deutsche und eine tschechische Section getheilt wurde. Als dies
durch den Ausgleich von 1890 erreicht war, wurde er von seinen Stammes-
genossen zum Prasidenten der deutschen Section gewahlt, eine Stelle, die er
bis an seinen Tod 1897 bekleidete. Sein Leichnam wurde in Gotha ver-
brannt.
Rittershaus, Emil, Dichter, * am 3. April 1834, f am 8. Marz 1897 in
Barmen. — Er stammt aus einem der altesten Geschlechter des bergischen
Landes. Sein Vater, ein Bandfabrikant, erzog den Knaben in ernst - christ-
lichem Sinn. Seine Mutter verlor er, als er 6 Jahre alt war; an ihrer Stelle
ubernahm die Grossmutter das Werk der Erziehung. In ihrem Hause wurde
R. durch den Privatlehrer Borckel fiir die Stadtschule vorbereitet, die er von
1842 — 1848 besuchte. Sein Wunsch, Naturwissenschaft zu studiren, konnte
nicht erftillt werden. Er musste in das vaterliche Geschaft treten und Kauf-
mann werden. Im Alter von 19 Jahren machte er bereits grossere Reisen
fiir dasselbe. 1854 verlobte er sich mit Hedwig Lukas aus Elberfeld,
heirathete 1856 und grundete ein eigenes Agentur- und Commissionsgeschaft
in Elberfeld, 6 Jahre spater siedelte er mit seiner Familie dauernd nach
Barmen iiber. Zwischen geschaftlichen Arbeiten und dichterischer Thatigkeit
floss sein Leben ruhig dahin. Tags war er Kaufmann, abends Poet und
Schriftsteller. Er schrieb Kunstberichte fiir die Zeitschrift »Ueber Land und
Meer«, correspondirte mit verschiedenen Zeitungen des In- und Auslandes
328 Rittershaus.
und dichtete herzige Lieder. Gegen Ende der sechziger Jahre hatte er eine
schwere geschaftliche Krisis durchzumachen, die er mit Hilfe treuer Freunde
gliicklich uberstand. Bei aller geschaftlichen und poetischen Arbeit vergass
er die Pflichten des BUrgers nicht. Unter anderem rief er den »Verein fiir
wissenschaftliche Vorlesungen« und den »Allgemeinen Btirgerverein* zu
Barmen in's Leben; im letzteren war er bis an sein Ende Vorsitzender.
Dabei war er ein thatiges Mitglied der Loge, insbesondere der Loge
»Lessing« zu Barmen, in der er eine lange Reihe von Jahren den ersten
Hammer ftihrte. Manche Reise machte er im Dienste der Kunst und
Wissenschaft, indem er Vortrage oder poetische Ansprachen hielt. 1885
erkrankte R. an einem schmerzlichen Herzleiden, fiir das er in Wiesbaden
Genesung fand. 1888 half er den Frlihstticksverein fiir arme Kinder griin-
den und stellte seine Muse in dessen Dienst. 1894 feierte er unter grosser
Betheiligung von nah und fern seinen sechzigsten Geburtstag. Leider verior
er schon ein Jahr darauf seine inniggeliebte Frau, die eine echte Stiitze seines
Daseins war, und die ihm sieben Kinder geschenkt hat, von denen heute
noch sechs, drei Sohne und drei Tochter, am Leben sind. Der Verlust der
Gattin schmerzte ihn tief, zudem hatte sich das alte Leiden wieder einge-
stellt, das sich bei seinem untrostlichen Seelenzustand immer mehr ver-
schlimmerte. Seine Pflege libernahm an Stelle der Heimgegangenen die
Schwester seines Schwiegersohns, des Professors Schaper in Berlin. In den
ersten Monaten des Jahres 1897 steigerten sich die Athmungsbeschwerden in
unertraglicher Weise, bis der Tod ihnen am 8. Marz ein Ende machte.
Gleich nach seinem Heimgange bildete sich ein Comitd zur Errichtung eines
Denkmals fiir den Dichter in den Anlagen seiner Vaterstadt Barmen, dessen
Ausfiihrung vor kurzem dem Professor Schaper libertragen worden ist
Ueber R.'s poetischen Werdegang ist folgendes zu berichten. Die erste
Einwirkung auf den Knaben iibte seine Mutter aus. Von ihr hatte er die
Lust zum Fabuliren und die rheinische Frohnatur geerbt. Stundenlang sass
er als Kind zu ihren Fiissen und horte ihren Liedern- und Marchenerzahlun-
gen zu; bei ihr lernte er auch die ersten fiir sein junges Fassungsvermogen
passenden Gedichte. Er selbst hat den Einfluss seiner Mutter nie vergessen,
und noch in spateren Jahren sagt er von ihr, dass s i e die Saat zu seinen
Liedern in seine Brust gestreut habe. Dem Vater verdankt er seine Lust
und Liebe an der Natur. Schon friih nahm ihn dieser mit in Wald und
Feld, lehrte ihn der Vogel Sang, der Blumen Sprache, der Blatter Rauschen
verstehen. Einen weiteren Einfluss auf des Knaben Gemtith iibte sein Privat-
lehrer Fr. von Borckel aus. Er wusste mit den Gaben der deutschen Muse,
besonders durch Gedichte Herder's, Klopstock's und Holty's, und durch
Schilderungen ferner Lander, die er aus eigener Erfahrung kannte, des Jungen
Phantasie anzuregen und zu nahren. In der Stadtschule wirkte sein Lehrer
Ewich dtirch Vorlesung und Erklarung Arndt'scher Poesien auf das junge
Gemlith ein, und in der Nachbarschaft seines elterlichen Hauses setzte Frau
Ungermann, eine Marketenderin aus den Freiheitskriegen, durch Schilderungen
ihrer Erlebnisse seine Phantasie in lebhafte Thatigkeit. Was Wunder, wenn
der Knabe schon frtih seine Dichterschwingen zu regen versuchte, wenn er
schon als Schtiler der unteren Klassen sich im Versemachen tibte! Man er-
zahlt, dass R. schon als Junge von zehn Jahren die Gesellschaft, in die ihn
sein Vater mitgenommen, durch seine Improvisation — ein besonderes Talent
des Dichters — in Erstaunen gesetzt habe. — Mit dem Eintritt in den
Rittershaus. ^20
Kaufmannsstand liess sich seine Liebe zur Dichtkunst nicht bannen. Durch
fleissiges Studium der Literatur fiillte er die Abendstunden aus: Freiligrath,
Geibel, Grtin, Herwegh, Dingelstedt und Prutz waren dem herangereiften
Knaben schon bekannt, und das Feuer dieser freisinnigen Poeten ging auch
in seine Adern tiber. In einer Reihe von Gedichten, die er unter dem
Mantel der Anonymitat in den Lokalblattern erscheinen liess, machte er
seinen Gedanken Luft. Neue Nahrung erhielten seine poetischen Neigungen
durch den Anschluss an die alteren Dichter des Wupperthals, an Friedrich
Rober, Reinhart Neuhaus, Adolf Schults und an den Maler Seel. Unter den
Anregungen dieses Kreises, in den auch sein Freund Karl Siebel trat, ver-
gingen sechs Jahre fleissigster Thatigkeit, und die Entwickelung des Poeten
R. machte grosse Fortschritte und gab sich in einer Reihe von Gedichten
kund. An Prutz, Gutzkow, Meissner, Vischer u. A. sandte er seine Verse,
und die Urtheile dieser ihm wohlgesinnten Manner reiften ihn mehr und
mehr. Geschaftliche Reisen, die ihn durch ganz Westeuropa ftihrten, brach-
ten ihm eine reiche Welt- und Menschenkenntniss ein und machten ihn schon
friih mit manchen gleichlebenden Dichtern persGnlich bekannt. Die religiosen
und politischen Stromungen Ende der vierziger Jahre blieben auch fiir ihn
nicht ohne Einwirkung; doch trat er mit seinen Gedichten nicht so in den
Vordergrund wie seine Freunde Neuhaus und Siebel. Seine immer zur Ver-
mittelung neigende Gemtlthsanlage machte es ihm unmoglich , Dichter irgend
einer Partei zu sein. Freiligrath, den er in London kennen lernte, den er
verehrte und dem er bis an dessen Ende nahe stand, war es besonders, der
seine freiheitlichen Anschauungen in die rechten Bahnen lenkte. — Einen
ganz besondern, wohl den bedeutendsten Einfluss auf seine Dichternatur hat
seine von ihm innigst geliebte Gattin vom Beginn ihrer Bekanntschaft bis an
ihr Lebensende ausgeiibt. Hatte er sich bis zum Jahre 1854 in der Sturm-
und Drangperiode befunden, so begann mit der Zeit seiner Verlobung seine
Dichtkunst einen hoheren Schwung zu nehmen; die Tone seiner Leyer er-
klangen voller und harmonischer, und seine geliebte Hedwig wusste sie immer
von neuem in Schwingung zu bringen. Alle seine Lieder gipfeln von da ab
in der Schilderung der Liebe zu seiner Braut, seiner Anhanglichkeit an Frau
und Kinder und eines glticklichen Familienlebens. Auf seinen ferneren Reisen,
die er seit 1856 fur das eigene Geschaft zu machen hatte, lernte er weitere
hervorragende politische und dichterische Personlichkeiten kennen, die seine
Phantasie nach verschiedenen Seiten befruchteten. Bedeutende Geister der
Kunst und der Feder verkehrten seit dem Jahre 1862 in seinem Hause zu
Barmen, darunter Bogumil Goltz, Emil Devrient, Karl Vogt, Marie Seebach,
Robert Prutz, Paul Lindau, die Maler Scheuren, Tidemand, Valentin u. A.
Mit den Dichtern Keller, Groth, Storm, Hoffmann, Geibel, Scheffel, Gottfried
und Johanna Kinkel, Annette von Droste-Hiilshoff u. A. stand er in person-
lichem oder schriftlichem Verkehr. Alle diese Geistesgrossen haben mehr
oder weniger anregend, fordernd und veredelnd auf ihn gewirkt. Im Wesent-
lichen aber hat sich R. an Goethe, Geibel, Rtickert, Freiligrath und Her-
wegh, sowie am Umgang mit dem Dichter Siebel und dem Maler Seel ge-
bildet. — Die epische Poesie ist bei R. nur durch Bilder und poetische Er-
zahlungen vertreten, von denen nach seiner eigenen Angabe nur wenige
wirklich gelungen sind. Der Hauptwerth des Dichters liegt in seiner Lyrik,
die auch den grossten Theil seiner Werke ausfullt. Auf der Grenze Rhein-
lands und Westfalens geboren und lebend, hat er in treuer Liebe zur Heimat
330
Rittershaus.
des Rheines Herrlichkeit und Westfalens markige Kraft gepriesen. Aber wie
wenige hat er auch den traulichen Reiz und das stille Gltick des deutschen
Hauses, deutsche Liebe, deutsche Freundschaft, deutschen Frohsinn besungen,
und iiber den Rahmen von Haus und Heimat hinaus hat er die flammenden
und erhebenden Worte seiner Dichtung in den Dienst der idealen Machte
deutschen Volkslebens gestellt, so dass er mit Recht tiber den engen Kreis
der Heimath hinausgehoben und ein deutscher Dichter genannt werden kann.
Wenn sich auch unter dem Weizen seiner Dichtungen hie und da Spreu
findet — er selbst hat sich das niemals verhehlt — so athmen doch alle
einen Uberzeugungstreuen, warmen Ton, der im Herzen des Lesers und
Horers Wiederhall finden muss. Formell gehoren die R/schen Gedichte zu
dem Besten, was die deutsche Lyrik hervorgebracht hat. Die Verse sind
leicht und flussig geschrieben. Versmaass, Strophenzahl und Reime zeigen
reiche Abwechselung. Eine grosse Gewandtheit und dabei doch erstaunliche
Natiirlichkeit offenbart sich im Gebrauch der dichterischen Sprache, die sich
durch Bilderreichthum auszeichnet und in nicht wenigen Gedichten einen
sanglichen Charakter annimmt. Mit Recht sagt daher der Professor und
Literarhistoriker Dr. Kreyssig von ihm: »Die Virtuositat seiner Sprache, die
leichte, freie Behandlung des Reims wird von keinem Zeitgenossen iiber-
troffen und von nicht mehr als einem halben Dutzend erreicht.* Manche
seiner Gedichte sind bereits komponirt, viele verdienen es, noch in Musik
gesetzt zu werden.
Was nun die lyrischen Dichtungen R.'s im einzelnen betrifft, so nehmen
die Naturlieder und die Reflexionen liber die Natur einen breiten Raum ein.
Der Dichter feiert in reizender Weise den Einzug des Frtihlings, schildert in
gliihenden Farben den Lenzmorgen, den Lenzabend und die Lenznacht und
malt das Leben und Treiben, Kampfen und Siegen der Friihlingsnatur in
lebendigen Strichen. Zartere Tone verwendet er bei der [Beschreibung des
Sommers, besonders bei Schilderung der vom sanften Mondschein durch-
flossenen Sommernachte, wahrend in den Herbstliedern der Harfenton der
Wehmuth suss klagend wiederklingt. Bei seinen Reflexionen uber das Ver-
haltniss der Natur zum Menschen ist er zu tiefen Gedanken gekommen, denen
er Uberall einen stimmungsvollen Ausdruck verleiht.
Den Lenz lasst er zur Freude mahnen, den Sommer zum Genuss rufen.
Darum heisst es bei ihm, Missmuth und Kleinmuth bei Seite zu setzen, sich
der Liebe und Lust zu ergeben und der Freude scheme Lippen zu kilssen
mit einem Kuss, der bis in's Mark zu spliren ist. Die fallenden Blatter sind
ihm ein Sinnbild begrabener Hoffnungen und bitterer Enttauschungen. Doch
wie die Herbstesnebel manchmal den milden Sonnenstrahlen weichen miissen,
so sollen auch Gemiith und Sinn des Menschen sich im Herbste des Lebens
freuen, und die Seele soil die letzten milden Sonnenstrahlen in sich schltirfen.
Auch zu Gott setzt der Dichter die Natur in Beziehung. — Umfangreicher
als die Naturlieder sind die Lieder, die der Liebe, speciell der Liebe des
Weibes und zum Weibe gewidmet sind. Sie sind vor allem wahr; denn hier
steht R. auf dem Boden der Wirklichkeit und der eigenen Erfahrung. In
schwarmerischer Weise singt er von der jungen Liebe; in begeisterten Versen
schildert er die Maienseligkeit, die Zeit der Liebestraume, und in gliihenden
Farben malt er die Rosen, die auf der Liebsten Wangen bltihen. Leiden-
schaftlich wird die Sprache, wenn er das Werben und Ringen um das Mad-
chen schildert, in dessen braunen Augen fur ihn seine Lebenssonne, sein
Rittcrsfaaus. 23 1
Lebensgluck liegt. In tiberschwanglichen Tonen klingt das Gestandniss der
Liebe und die Freude uber die Erhorung aus. Ernster und bestimmter wird
der Ausdruck in der Charakterisirung der echten, dauernden Liebe, der Liebe
zwischen Mann und Weib, die nach ihm aushalt in Schmerz und Leid und
dauert bis zum Tod. Ausser dieser Liebe preist er in gltihenden Worten
die Freundesliebe und die allgemeine Menschenliebe. Letztere predigt er
besonders in seinen maurerischen Gedichten mit laut vernehmbarer Stimme. —
In seinen Vaterlandsliedern zeigt sich der Dichter als ein Verehrer und be-
geisterter Anhanger der deutschen Freiheits- und Einigkeitsbestrebungen.
Dabei ist er ein Feind aller verschwommenen Ideen und Reden, mit denen
nichts erreicht wird. Schon 1861 kiindet er in prophetischem Geist die Neu-
gestaltung der deutschen Verhaltnisse durch Blut und Eisen an, 1866 legt er
sein Veto gegen eine Zweitheilung Deutschlands ein und verlangt Ende der
sechziger Jahre ein Vaterland, das eins in seinen Stammen, frei im Geiste
sei. Wahrend der Jahre 70/71 liess er seine Harfe in hoher patriotischer
Begeisterung erklingen, und die Erfiillung seiner Prophezeiung fachte ihn zu
Freuden- und Dankliedern an. Wie fest er zu Kaiser und Reich stand, hat
er in seinen zur Einweihung des Nationaldenkmals auf dem Niederwald ge-
schriebenen und anderen Liedern deutlich ausgedriickt. — Spricht sich in
den Natur-, Liebes- und Vaterlandsliedern durchschnittlich eine ernste Stim-
mung aus, so gewahren die Gesange, die der Dichter der Freude und dem
Weine widmet, einen Einblick in seine Frohnatur, und an manchen Stellen
tritt dabei der Humorist hervor. »Will zechen, lieben, leben am Rhein, am
deutschen Rhein«, das ist der Grundton, der sich durch alle diese Lieder,
besonders durch die Sammlung »Am Rhein und beim Wein« hindurchzieht.
R. kennt und besingt die verschiedensten Sorten des Rheinweins neben ihren
begeisternden Wirkungen und bringt alles in echt poetischer Weise zur An-
schauung. Aber auch dem Moselwein ist er nicht abhold, besonders liebt er
das schlanke Moselblumchen. In humoristischer Weise giebt er Lehren, wie
viel, wann und was fur Wein man trinken soil. — Die echt mannliche An-
schauung des Dichters vom Leben spiegeln eine lange Reihe von Gedichten
wieder — »Gedenke zu leben !« Dies Wort Goethe's setzt er an die Spitze
seiner ersten Gedichtsammlung, und in einem seiner Gedichte ruft er selbst
aus: Lass leben stets den Zweck des Lebens sein; die Gegenwart ist dein!
— Leben ist fiir ihn ein stetes Ringen und Streben. Es erfordert Manner,
die Vertrauen zu sich selbst haben und auch im Ungllick Geisteskraft und
Herzensmuth bewahren. Kommt auf tausend Schmerzen nach seiner Meinung
nur eine Lust, so muss der Mensch auf seinem Lebensweg sich selbst die
Rosen streuen und das Gliick der Stunde ergreifen. Einen besonderen Werth
legt R. auf die Pflichterfullung ; denn sie schafft inneren Frieden und ein rein
Gewissen. Wenn auch die Sorgen des Lebens das Herz bedriicken, so soil
man doch den Muth nicht sinken lassen, sich in das Geschick ergeben und
auf bessere Zeiten hoffen. Dabei verlangt der Dichter, dass ein echter Mann
immer seinen Weg gerade aus gehe. Er verurtheilt die niedere, knechtische
Gesinnung und ist ein aufrichtiger Freund der Wahrheit. Er ermahnt, den
jugendlichen Sinn sich zu bewahren, wenn auch das Alter graue Faden in
die Locken flicht. — Zum Schluss sei noch auf die religiose Seite hingewiesen,
die uns in R.'s Lyrik entgegentritt. Wir begegnen da einem Entwickelungs-
gang vom krassesten Rationalismus bis zum strengsten Positivismus, der in
den Worten gipfelt: Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben. In
332 Rittershaus. Nehls.
diesem Glauben wurzeln auch die Gedichte, in denen R. seinem festen Gott-
vertrauen Ausdruck verleiht, in dem er voll Ergebung ausrufen kann: So wie
es kam, so war es gut. — Ausser der grossen Menge lyrischer Ergiisse, die
die verschiedensten Gebiete des menschlichen Denkens, Empfindens und
Glaubens bertihren, ist die R.'sche Muse in einer langen Reihe von Gelegen-
heitsgedichten hervorgetreten, die alle den Stempel der Wahrheit und Schon-
heit an sich tragen und zum Theil in die Sammlungen aufgenommen sind.
Im Buchhandel sind von E. R. folgende Gedichtsammlungen erschienen:
Gedichte, 8. Auflage (Eduard Trewendt, Breslau).
Neue Gedichte, 5. Auflage (E. Keil's Nachfolger, Leipzig).
Am Rhein und beim Wein, 3. Auflage (Strauss, Bonn).
Buch der Leidenschaft, 4. Auflage; Aus den Sommertagcn, 4. Auflage (Schuke [Schwarz]
Oldenburg).
Freimaurerische Dichtungen, 5. Auflage; In Bruderliebe und Brudertreue, 3. Auflage
(Max Hesse, Leipzig).
Werke u. Schriften s. BSrsenblatt f. d. deutsch. Buchhandel. 1897. No. 57.
Dr. G. Hoerter, Barmen.
Nehls, Johann Christian, Wasserbau-Direktor. * am 29. September 1841
in dem Dorfe Schtilp bei Nortorf in Holstein, f am 5. September 1897 zu
Wilhelmshohe. — In landlichen Verhaltnissen aufgewachsen, sprach er spater
auch oft und mit Liebe von der einfachen Entwickelung seiner Jugendzeit;
doch konnte der rege Geist des Heranwachsenden durch das Einleben in die
heimatlichen Verhaltnisse nicht befriedigt werden. Wahrend Eltern und
Lehrer seiner Begabung genug zu thun glaubten, indem sie ihn statt des
landwirthschaftlichen Berufes den eines Volksschullehrers ergreifen liessen,
gingen seine eigenen Wiinsche wesentlich weiter. Entschiedene Neigung zu
mathematischen und technischen Studien liess N. alle Schvvierigkeiten tiber-
winden; nach einer Vorbereitungszeit, die er in Gottingen verlebte, bezog er
1 861 die technische Hochschule in Hannover und bestand nach Abschluss
seiner Studien die erste hannoversche Staatsprufung. In die Praxis einge-
treten, fand er 1868 bei dem Ausbau des Sandthorhafens in Hamburg eine
Anstellung, die fur sein Leben entscheidende Bedeutung gewinnen sollte.
Johannes Dalmann, der Urn- und Ausgestalter des hamburgischen Strom- und
Hafenbauwesens , stand damals auf dem Hohepunkt seiner Wirksamkeit als
Wasserbau-Direktor und wusste die tlichtigen Leistungen seines jungen Mit-
arbeiters zu schatzen. 187 1 wurde N. zum technischen Bureauvorsteher der
Section fur Strom- und Hafenbau erwahlt, und er fiihlte sich in dieser Stellung
an der Seite Dalmann's so wohl, dass er 1873 einen auf Grund seiner fach-
schriftstellerischen Leistungen an ihn ergangenen Ruf, als Professor an die
technische Hochschule nach Riga uberzusiedeln, ablehnte. Am 1. April 1875
wurde er zum hamburgischen Wasserbauinspektor ernannt, und als in dem-
selben Jahre Dalmann nach rasch sich entwickelnder Krankheit gestorben war,
ward N. im Alter von 34 Jahren zum Wasserbau-Direktor erwahlt. Fast
gleichzeitig stellte sich, zum Theil wenigstens veranlasst durch jahrelange
Ueberarbeitung, eine tiickische Lungenkrankheit ein, die N. in den Jahren
1876 und 1877 zu wiederholtem langdauerndem Aufenthalt in Italien zwang.
Er genas zwar, aber die Folgen dieser Krankheit sind nie dauernd behoben
worden, und es bedurfte der eisernen Natur des Verstorbenen , um trotz
wiederholter korperlicher Beschwerden durch voile zwei Jahrzehnte die
Lasten seiner verantwortungsreichen Stellung mit Erfolg zu tragen. Die mit
Nehls. v. Rziha.
333
der ganz ungewohnlichen Entwickelung des Hamburger Hafens Schritt hal-
tende hauptamtliche Thatigkeit des Wasserbau-Direktors N. bedarf keiner
eingehenden Erlauterung und Wurdigung. Scharfe Urtheilskraft, Geradheit
des Charakters und der Mangel jedes kleinlichen Ehrgeizes kennzeichnen die
Wirksamkeit des Verstorbenen. Diese Eigenschaften kamen indessen auch
ausserhalb des engeren Wirkungskreises, bei Verhandlungen mit auswartigen
Behorden, bei den Elbstrombereisungen und bei seiner Thatigkeit als standiges
ausserordentliches Mitglied der Koniglichen preussischen Akademie des Bau-
wesens in hervorragender Weise zur Geltung. Wie an den Verhandlungen
der Akademie des Bauwesens, zu deren Mitglied N. 1880 vom Kaiser und
Konig ernannt ward, hat er auch an den Arbeiten des 1892 vom Kaiser ein-
gesetzten Ausschusses zur Untersuchung der Wasserverhaltnisse in den der
Ueberschwemmungsgefahr besonders ausgesetzten Flussgebieten lebhaften An-
theil genommen. Schriftstellerisch hat sich N. auf technischem Gebiete be-
kannt gemacht durch die 1878 veroffentlichte Uebersetzung von Stevenson's
» Illumination of Lighthouses*, der er auf Grund eigener Arbeiten wesentliche
Zusatze beifiigte. Aus neuerer Zeit ist die in dem hydrologischen Jahresbe-
richte von der Elbe 1896 enthaltene Bearbeitung der Sturmfluthen in der
Elbe zu erwahnen. Verschiedenen in Zeitschriften veroffentlichten Arbeiten
technischen Inhalts schliessen sich dann rein theoretische Arbeiten an. Als
grossere Werke sind auf diesem Gebiete u. a. zu erwahnen: »Graphische
Integration^ Hannover 1877, unc* »Der einfache Balken auf zwei Endstlitzen
unter ruhender und bewegter Last«, Hamburg 1885. N. hat dauernd einen
Theil seiner Mussezeit mathematischen Studien gewidmet und namentlich auf
dem Gebiete der graphischen Integration mit Erfolg selbstandig gearbeitet.
Der Zug nach den exakten Wissenschaften fand fur das Wesen des Verstor-
benen tibrigens eine vortheilhafte Erganzung durch seine Vorliebe fiir die
scheme Literatur. N. war mit den Schatzen unserer Nationalliteratur in tiber-
raschender Weise vertraut und hat sein Verweilen im SQden erfolgreich dazu
benutzt, sich auch mit der italienischen Sprache und Literatur bekannt zu
machen. Dieser doppelten Richtung seiner Neigungen entsprach sein ganzes
Wesen: Klugheit, gepaart mit Freundlichkeit.
Centralblatt der Bauverwaltung XVII, No. 37. — n —
Rziha, Franz v., Professor des Eisenbahn- und Tunnelbaues an der Wiener
technischen Hochschule, Hofrath, * am 28. Marz 1831 in Hainspach in Bohmen,
f am 22. Juni 1897 in der Umgebung von Wien auf dem Semmering. — R. be-
suchte die technische Hochschule in Prag, trat 1851 beim Baue der Semmering-
bahn in die Praxis, ging dann zum Bau der Karstbahn und zeichnete sich schon
damals bei der Durchftihrung schwieriger Tunnelbauten aus. Im Jahre 1856
wurde er zum Bau der Wilhelmsbahn nach Preussen, und zwar zunachst zum
Bau des Czernitzer Tunnels bei Ratibor berufen. Von 1857 ab baute er sodann
als Unternehmer an der Ruhr-Sieg-Bahn in Westfalen und trat 1861 in den
Braunschweiger Staatsdienst , wo er zuerst als Oberingenieur beim Bau der
Linie Kreiensen-Holzminden und von 1866 ab als Herzoglicher Oberberg-
meister in der Verwaltung der umfangreichen staatlichen Kohlengruben thatig
war. In die Zeit seines Aufenthaltes in Deutschland fallt die von R. zuerst
durchgeflihrte Anwendung des Eisens beim Tunnelbau und die Erfindung der
nach ihm benannten Tunnelbau-Methode, die er zum ersten Male 1861 beim
Bau der Bahn von Kreiensen nach Holzminden anwandte. Im Jahre 1869
334 v# Rziha.
kehrte R. in Folge des Verkaufes der braunschweigischen Staatsgruben nach
Oesterreich zuriick, machte die Vorarbeiten zu mehreren grossen Bahnstrecken
in Bohmen und den benachbarten Theilen von Sachsen, baute als Unter-
nehmer die Strecken: Prag-Lieben, Rumburg-Schluckenau, Rumburg-Ebersbach
und Dux-Kommotau und wurde 1874 unter dem Minister Banhans als Ober-
ingenieur in das k. k. Handelsministerium berufen. 1878 erfolgte seine Er-
nennung zum Professor des Eisenbahn- und Tunnelbaues an der technischen
Hochschule in Wien, und hier hat er in den nahezu 20 Jahren seiner Lehr-
thatigkeit eine grosse Zahl von osterreichischen Eisenbahningenieuren heran-
gebildet. Seine Bedeutung auf dem Gebiete des Eisenbahnbaues ist nament-
lich von Max Maria v. Weber in seiner Geschichte des Eisenbahnwesens her-
vorgehoben und gewiirdigt worden. R. war wohl der bedeutendste Fachmann
auf dem Gebiete des Tunnelbaues. 1871 erschien sein »Lehrbuch der Tunnel-
baukunst«, ein geradezu klassisches Werk, durch welches dieser Wissenszweig
eigentlich erst begnindet und aus dem Stande des blossen Handwerks empor-
gehoben wurde. Seine spateren schriftstellerischen Arbeiten sind ungemein
zahlreich, wenn sie auch nicht mehr die Bedeutung jenes Hauptwerkes er-
reichen. Sie sind zum grossen Theile durch die Pflege der geschichtlichen
Richtung ausgezeichnet, und insbesondere sein dreibandiges Werk liber Eisen-
bahn-Ober- und Unterbau zeugt von der grossen Grlindlichkeit, mit der R.
dem Quellenstudium nachging, und von dem philosophischen Geiste, den er
in die Behandlung technischer Aufgaben legte. Seine letzten Forschungen
waren einer wissenschaftlichen Vertiefung der Gewinnungsarbeiten im Erdbaue
gewidmet. Hierher gehdren die Abhandlungen uber Gewinnungs- und Bohr-
festigkeit, iiber Sprengarbeit, uber die menschliche Arbeitsleistung im Taglohne
u. s. w. Er war eifrig an dem weiteren Ausbau dieser wissenschaftlichen Aus-
gestaltung der Lehre vom Erdbau thatig und sein rastlos arbeitender Geist
fand hier immer wieder neue Fragen und Aufgaben, die er in den Bereich
seiner Untersuchungen zog. Aber auch an den grosseren Bauausfiihrungen,
die wahrend der Zeit seiner Professur in Oesterreich vorfielen, nahm R. regen
Antheil und war dabei vielfach als Sachverstandiger und Berather thatig, so
beim Bau des Arlberg-Tunnels, bei der Bewaltigung des Wassereinbruches in
den Ossegger Schachten u. s. w. Ueber mehrere ftir das Wiener Gemeinwesen
wichtige technische Fragen hat er Gutachten abgegeben, so uber die Wasser-
versorgung, iiber die Nothwendigkeit, sammtliche Arbeiten der Wiener Ver-
kehrsanlagen nach einem einheitlichen Plane durchzufiihren u. s. w. Die
wissenschaftlichen Bestrebungen und praktischen Leistungen R.'s wurden vom
Kaiser durch die Verleihung des Franz-Josefs-Ordens, des Ordens der eisernen
Krone und des Hofrathstitels, sowie durch die Erhebung in den Ritterstand,
von den Konigen von Preussen, Sachsen und Bayern durch Ordensauszeich-
nungen anerkannt. Der Berliner Verein ftir Eisenbahnkunde ernannte ihn zu
seinem korrespondirenden Mitgliede. An der Statte, wo R. als junger Tech-
niker unter Meister Ghega's Leitung zum ersten Male im Dienste des ge-
fltigelten Rades stand, fand er auch seine letzte Ruhestatte. Nur eine kurze
Strecke abseits von der grossen Schienenstrasse, die er bauen half, bei Maria-
Schutz im Semmeringgebiete, liegt sein Grab, ringsum eingeschlossen von den
Bergen, durch welche er der Lokomotive einstmals den Weg bahnte. An
der Leichenfeier des Meisters nahmen die Techniker Oesterreichs in ent-
sprechender Vertretung Antheil. Schtiler, die schon vor langen Jahren des
Meisters Kunst von ihm selbst erlernt, und zahlreiche Vertreter der hohen
v. Rziha. Hammer. Richter.
335
Schule, an welcher er bis zu seinem Tode gewirkt hat, Professoren, Assistenten
und Horer gaben ihm das letzte Geleite. Die Siidbahn-Gesellschaft hatte
einen Sonderzug gestellt, der die zahlreichen Trauergaste nach der Station
Semmering brachte.
Centralblatt der Bauverwaltung XVII, No. 37. — R. ▼. Reckenschuss: Zeitschr. des
Oest. Ingenicur- und Architekten-Vereins 1897, No. 21.
Hammer, Karl, Direktor der Koniglichen Kunstgewerbeschule in Ntirnberg,
* am 6. Marz 1845 'n Ntirnberg, f am 16. Juli 1897 ebenda, wenige Monate
nach Vollendung des von ihm und Konradin Walther in den edelsten Formen
der deutschen Renaissance erbauten neuen Schulgebaudes, das bei dem be-
deutenden Aufschwunge, den die im 17. Jahrhundert gegriindete Malerakade-
mie im Laufe unseres Jahrhunderts als Pflegstatte des Kunstgewerbes genom-
men hatte, schon langst ein dringendes Bediirfniss war. In seiner Vaterstadt,
an der damals von v. Kreling geleiteten Niirnberger Kunstgewerbeschule zum
Kiinstler erzogen, iibernahm H. deren Leitung im Jahre 1885, nachdem er
eine Reihe von Jahren (1872 bis 1878) als Beamter der Vorbildersammlung
des bayerischen Gewerbemuseums in Ntirnberg und nachher als Professor der
Grossherzoglichen Kunstgewerbeschule in Karlsruhe thatig gewesen war. Hier
wie in den zwolf Jahren seiner Niirnberger Lehrthatigkeit war es ihm vor-
nehmlich darum zu thun, die Schliler dazu anzuregen, in liebevoller Anleh-
nung an die Werke der Vergangenheit, vor allem an die mustergiltigen
Schopfungen der deutschen Renaissance, in frischer und unmittelbarer Weise
selbstschopferisch thatig zu sein. Das Hauptgewicht legte er auf die Farbe,
und seinen eigenen Schopfungen ist eine besonders malerische Wirkung eigen.
Er war eine echt decorative Kraft und da am grossten, wo es sich um rein
decorative Aufgaben handelte. Bei Festziigen und Saalausschmtickungen hatte
man Gelegenheit, seine Kunst auf diesem Gebiete zu bewundern. Von seinen
Arbeiten, welche den verschiedensten Zweigen des Kunstgewerbes angehoren,
seien die in grosser Zahl geschaffenen Diplome und Ehrenurkunden, die in
den letzten Jahren fur das Germanische Museum, das Rathhaus .und die
Christuskirche in Nlimberg ausgefiihrten Glasmalereien und die Wandmalereien
zur inneren Ausstattung des Niirnberger Hofes (Tucherbrau) in Berlin beson-
ders hervorgehoben. Die Stadt Niirnberg hat mit H., den sie mit Stolz den
Ihren nennt, eine ihrer tiichtigsten kunstlerischen Krafte verloren, und mit
ihr beklagt das deutsche Kunstgewerbe den friihen Heimgang des Verewigten.
Centralblatt der Bauverwaltung XVII, S. 347. — Jahresbericht der Konigl. Kunst-
gewerbeschule in NUrnberg 1898.
Richter, Albert, Vicebiirgermeister von Wien, * am 1. November 1843
zu Chotzen in Bohmen, f am 3. Marz 1897 zu Wien. Die Familie R.'s
stammt aus Schlesien; er wurde in Bohmen geboren, aber durch Erziehung
und Lebensauffassung ging er ganz in Wiener Art auf. Er besuchte das
Gymnasium zu Wien und zu Melk, studirte an der Wiener Universitat zuerst
Medicin, bald aber Jura und erwarb hier den Doctorgrad der Rechte. Nicht
lange darauf trat er als Concipient in die Advocaturkanzlei des damaligen
Gemeinderathes und spateren Biirgermeisters von Wien, Prix. Dies wurde
fiir seine ganze Zukunft entscheidend ; denn nachdem er sich selbst als Ad-
vocat in Wien niedergelassen hatte, wurde er unter Forderung Prix' 1885
in den Wiener Gemeinderath gewahlt und stand bald als einer der fahigsten
•j -j 6 Richter.
und streitbarsten Anhanger des energischen Mannes inmitten der leidenschaft-
lichen Parteikampfe der Stadt. In der Discussion stellte R., dessen Starke
eine kraftige, stets durch Laune gewlirzte Dialectik war, seinen Mann; dabei
befahigte ihn seine rasche Auffassung, sich in die mannigfachen Beziehungen
eines grossen Gemeinwesens schnell hineinzuarbeiten. Wichtige Referate, be-
sonders das tiber die Wasserversorgung Wiens, wurden ihm anvertraut; und
er war ebenso schnell bereit, sich nach kurzer Orientirung in der Materie
eine allgemeine, fur die Discussion ausreichende Kenntniss zu erwerben, als
sich bei wichtigen Anlassen in griindliche Studien zu vertiefen. Das war
seine Starke und seine Schwache; er nahm es ernst mit ernsten Dingen,
aber er konnte sich auch mit aller ausserer Sicherheit in eine Discussion
liber Gegenstande stlirzen, die er nicht beherrschte, was er jedoch nur
that, wenn ein tactisches Interesse der liberalen Partei ihn dazu zwang, der
er sich mit Warme anschloss. Mit alien diesen Eigenschaften war er ganz
darnach geartet, um bei den heftigen Debatten im Wiener Gemeinderathe
und bald darauf im niederosterreichischen Landtage dem Flihrer der Antise-
miten Lueger Widerpart zu halten. Er gab diesem Gegner nur wenig an
Frische und Schlagfertigkeit, an Laune und Treffsicherheit des Ausdruckes
nach, wenn er auch dessen erstaunliche Zahigkeit in der Agitation nicht be-
sass; dabei hielt R. stets die Grenzen der Schicklichkeit ein und verharrte
stetig auf seinem politischen Standpunkte, Riicksichten, deren souveraner
Nichtbeachtung in der Sache, wie in der Form Lueger einen guten Theil
seiner agitatorischen Erfolge verdankt. Insbesondere waren die Debatten
liber die 1891 beschlossene Einverleibung der Vororte in Wien und liber die
Schaffung von Gross -Wien ein fortgesetztes Duell der Wortflihrer der beiden
Parteien, da R. 1891 Referent liber dieses Gesetz im niederosterreichischen
Landtag war. Als Gross -Wien gebildet war, drang Btirgermeister Prix ent-
schieden darauf, dass ihm R. nunmehr als zweiter Viceblirgermeister , neben
Borschke als erstem, als Gehlilfe zur Seite gesetzt werde. Der Burgermeister
hatte sich nicht getauscht, denn wahrend Borschke kurz darauf siechte und
bald nachher starb, war R. bei seiner Gewandtheit und nie versagenden
Arbeitslust seine eigentliche Stlitze bei den legislatorischen und organisatori-
schen Arbeiten in der Einrichtung des grossen Gemeinwesens. So rlickte R.
an Borschkes Stelle zum ersten Viceblirgermeister vor. Als Prix 1894, den
Aufregungen seines seines Amtes erliegend, unerwartet durch einen Herzschlag
hinweggerafft wurde, besass R. nun die Anwartschaft auf das Amt des Blirger-
meisters, das nach der Gemeindeverfassung Wiens eine weit grossere Selbststiin-
digkeit und hohere politische Bedeutung besitzt, als das des Oberblirgermeisters
in reichsdeutschen Stadten. Da trat ihm ein Umstand aus seinem Familien-
leben storend in den Weg. Er hatte sich als junger Mann mit einem Mild-
chen aus einer armen judischen Familie verlobt, war, da die Familie der
Braut sich deren Uebertritte zum Christenthum widersetzte und nach oster-
reichischen Gesetzen eine Ehe zwischen Christen und Juden verboten ist,
confessionslos geworden und hatte so eine Nothcivilehe eingegangen. Trotz
des wiederholten Drangens seines voraussichtigen Freundes Prix hatte er stets
hinausgeschoben, was wohl gleich ursprlinglich seine Absicht gewesen war,
zu gelegener Zeit wieder den formellen Schritt der Rlickkehr zur katholischen
Kirche zu machen. Dies nun tlirmte sich ihm als Hemmnis zur Erlangung
des hochsten Gemeindeamtes auf: ein confessionsloser Blirgermeister Wiens ist
in Oesterreich schwerer moglich, als selbst ein protestantisches Oberhaupt.
Ricbter.
337
Wien schien ihm indessen eine Messe werth und er beeilte sich unmittelbar
nach dem Tode Prix' 1894, die Anstalten zu seinem Wiedereintritte in die
Kirche und zur kirchlichen Einsegnung seiner Ehe zu treffen. Die kirchlichen
Behorden gingen nicht allzurasch auf sein Verlangen ein und die Biirgermeister-
wahl musste stattfinden, bevor seine Absicht erflillt war. Die liberate Mehr-
heit des Gemeinderathes wahlte ihn zwar nahezu einstimmig zum Biirger-
meister, aber die Regierung verweigerte mit dem ausdriicklichen Hinweis auf
jene Verhaltnisse die Bestatigung.
Und nun ergossen sich liber R. von alien Seiten gehassige Anklagen.
Viele Liberale, und gerade die unbefugtesten , bezeichneten es als Verleug-
nung seiner Grundsatze, dass er in diesem Augenblicke eine confessionelle
Ehe eingehen wollte, und Clericale wie Antisemiten stiirzten sich hohnisch
auf ihren energischen und oft schonungslosen Gegner, urn ihm den Weg zu
seinem Ziele fur immer zu verrammeln. R. bat unter diesen Umstiinden selbst
seine Freunde, von seiner beabsichtigten Wiederwahl abzusehen und forderte
zur Wahl seines Freundes Griibl zum Burgermeister auf, neben dem er erster
Vicebiirgermeister blieb. Die gelassene Wiirde, mit der R. damals die bos-
artigsten Angriffe, von denen auch seine Familie nicht verschont blieb, hin-
nahm, versohnte viele, die sich sonst an seiner parteimassigen Auffassung po-
litischer Dinge gestossen hatten.
Griibl blieb kaum ein Jahr Blirgermeister. Denn bei der Drittelergan-
zung des Gemeinderathes siegten die Antisemiten. Den Liberalen blieb nur
eine kleine, in sich uneinige Mehrheit, und als R. bei der nothwendig ge-
wordenen Neuwahl am 15. Mai 1895 bios mit einer Stimme Majoritat aber-
mals zum Vicebiirgermeister gewahlt wurde, lehnte er das Amt ab. Die libe-
rale Mehrheit war bereits so zerbrockelt, dass darauf durch den Uebertritt
einiger ihrer Mitglieder Lueger zum Vicebiirgermeister gewahlt wurde. Dies
gab den Anlass zum Riicktritte GrUbl's vom Biirgermeisteramt und in wei-
terer Folge zur Auflosung des Gemeinderathes.
Bei den Neuwahlen entfaltete R., dem in dieser bewegten Zeit die Lei-
tung der liberalen Partei zufiel, eine ausserordentliche Thatigkeit, aber seine
Sache unterlag, und in der neugewahlten Korperschaft wurde Lueger 1896
zum Burgermeister gewahlt.
R/s Gesundheit hatte unter diesen Aufregungen schwer gelitten, zumal
da ihm bei der gehassigen und personlichen Art der Wiener Parteikampfe
keinerlei Bitterkeit erspart blieb. Eine schwere Krankheit befiel ihn, von der
er scheinbar genas. Er legte nun am 27. November 1896 sein Gemeinde-
rathsmandat nieder, um sich ganz seinem Berufe als Advokat zu widmen,
den er zur schweren Schadigung seiner Vermogensverhaltnisse wahrend seines
aufreibenden politischen Wirkens hatte vernachiassigen miissen. Aber sein
Zustand verschlimmerte sich immer mehr, und sein Krankenbett wurde von
der Sorge fiir seine zahlreiche mittellose Familie verdiistert. Einem Freunde
sagte er wenige Tage vor seinem Tode: »Auf alien Vieren mochte ich krie-
chen — nur leben mochte ich — wegen meiner Familie !« Als er am
3. Marz 1897 starb, war die Trauer liber das Hinscheiden des kraftigen
Mannes allgemein. So viel Hass sich auch gegen seine politische Thatigkeit
ge^ussert hatte, so war er doch bei seinen Gegnern personlich nicht unbeliebt,
da die humoristische Art, mit der er sich auch nach hitzigen Debatten mit
ihnen auseinanderzusetzen verstand, Vieles gut zu machen wusste. Seine Gesin-
nungsgenossen schatzten sein herzliches und gewinnendes Wesen, seine frische
Blogr. Jahrb. u. Deutscher Nekrolojr. 2. Bd. 2 2
338 Richter. Mayr. Bernays.
Laune und freuten sich seiner kraftigen, stets natlirlichen Personlichkeit. Da
er trotz der Bekleidung zahlreicher Ehrenstellen seine Angehorigen fast in
Durftigkeit zuruckliess, so mussten auch seine Gegner anerkennen, dass die
Motive seines offentlichen Wirkens rein gewesen waren.
Heinrich Friedjung.
Mayr, Ambros, Dr., osterreichischer Abgeordneter, * am 8. Mai 1849 in
Sill (Tirol), f am 30. October 1897 zu Wien. — M. studirte in Salzburg, Inns-
bruck und Wien, wurde Gymnasialprofessor in Komotau, Bozen, Troppau und
zuletzt in Trient. Im Jahre 1897 wurde er von den Landgemeinden Schwaz
in Tirol in's Abgeordnetenhaus entsendet, wo er sich der clericalen Partei
anschloss. Er gab mehrere Biindchen lyrischer Gedichte heraus, eines unter
dem Namen »Hundert Lieder«, ein anderes »Selige Stunden«. Unter dem
Titel »Tiroler Dichterbuch* erschien eine von ihm veranstaltete Sammlung
von Gedichten Tiroler Autoren. Von zeitgeschichtlichem Werthe ist die von
ihm verdffentlichte Biographie seines Landsmannes Hans Perthalers, des her-
vorragendsten Mitarbeiters Schmerling's bei dem Entwurfe der osterreichischen
Verfassung von 1861.
Be mays, Michael, Universitats -Professor der Literaturgeschichte, * am
27. November 1834 zu Hamburg, f am 25. Februar 1897 zu Karlsruhe.
— Sein Vater, Isaac Bernays (1793 bis 1849), war geistlicher Beamter
der israelitischen Gemeinde; in Folge seines friihen Todes hat sein Ein-
fluss kaum Spuren in dem Leben des Sohnes hinterlassen. Dagegen hing
Michael mit schwarmerischer Liebe an seiner Mutter Sara (1803 bis 1858);
denn sie erkannte schon friih die Begabung ihres jtingsten Sohnes und
hat seine Entwicklung wesentlich gefordert, wie er denn ihrem wohllau-
tenden Vortrage die Anfange seiner spateren Meisterschaft der Rede ver-
dankte. Den ersten Unterricht erhielt B. in einer kleineren Schule, spater
durch Privatlehrer, von denen er Dr. Reinstorff in dankbarer Erinnerung be-
hielt. Nur die oberste Klasse des Gymnasiums hat er besucht. Trotzdem
waren diese zwei Jahre von wesentlicher Bedeutung ftir ihn; denn in dem
Direktor Dr. Friedrich Karl Kraft und Professor Ullrich gewann er Lehrer,
die mit begeisterter Hingabe an die Ideale der humanistischen Bildung ein
warmes personliches Interesse fur ihre Schiiler verbanden. Beweis dafiir ist
die Art, wie Kraft den begabten B. zur Hilfeleistung bei eigener wissenschaft-
licher Arbeit heranzuziehen wusste, und wie andererseits die Schiiler ihren
Direktor unter dem philologischen Beirathe Ullrichs und der dramaturgischen
Hilfe Carl Topfers mit einer Auffiihrung der Sophokleischen »Antigone« in
griechischer Sprache feierten, von deren wlirdevollem Eindruck nicht nur da-
malige Berichte, sondern auch B.'s eigenes Tagebuch noch 32 Jahre spater
bei Gelegenheit einer ahnlichen mtinchener Auffiihrung Zeugniss ablegt. B.
war die Rolle des Kreon zugefallen. Aber auch abgesehen von dieser ausser-
ordentlichen Gelegenheit wurde er auf dem Johanneum wie auf das sorg-
faltige Studium des Wortes, so auch auf feine Ausbildung eines sinngemassen
und wohllautenden Vortrags hingewiesen. Eine »Rede(ibung« pflegte das
Schuljahr zu beschliessen, und so lesen wir in dem Programm dieses feier-
lichen Schulaktes vom 31. Marz 1853: »M. B., abgehender Primaner, wird
in einem deutschen Vortrage liber Goethes Torquato Tasso das Wechselver-
haltniss, in welchem der Dichter und sein Werk steht, zu entwickeln ver-
suchen, und am Schluss von der Schule und ihren Lehrern Abschied nehmen*.
Bemays. 339
Trotz des vorztiglichen Abgangszeugnisses, das Direktor Kraft dem
»\vackern, hoffnungsvollen Jiingling« mitgeben konnte, gelang es B. nur mit
Miihe, seinen Herzenswunsch, eine Universitat zu beziehen, durchzusetzen.
Seine Vormiinder hatten ihn zum Kaufmann bestimmt und wurden darin von
seinem 10 Jahre alteren Bruder Jakob, dem beriihmten Bonner Philologen
(1824 — 1881), bestarkt. Hier ist der erste Grund zu der spateren Verstim-
mung zwischen den Brtidern zu suchen, und Michael hat von diesem Zeit-
punkte an seinen weileren Bildungsgang weniger unter dem Einfluss, als viel-
mehr im Gegensatze zu Jakob gewahlt. Erschwert wurde dies wesentlich
durch die beschrankten Mittel, die B. zu Gebote standen. ThatkTaftig nahm
sich aber Direktor Kraft seiner an; er erwirkte ihm das AverhofTsche Stipendium
und empfahl ihn so warm, dass B. bei alien Professoren die freundlichste
Aufnahme fand. Das Sommersemester 1853 verbrachte B. als Studiosus der
Rechtswissenschaft in Bonn; aber neben den Institutionen bei Bbcking horte
er schon hier althochdeutsche Grammatik bei Diez und Geschichte der Reli-
gion der Griechen bei Leopold Schmidt. Auch in Heidelberg, wohin er sich
auf seines Bruders Jakob Rath von Bonn aus wandte, Hess er sich am 7. No-
vember 1853 als Jurist immatrikuliren; doch entdecken wir in den Vorlesungen,
die er hier belegte, keine Berechtigung mehr zu dieser Bezeichnung, vielmehr
pragt sich sein Ziel jetzt in der Wahl seiner Kollegien deutlich aus: ein urn-
fassendes Studium der deutschen Literatur im Zusammenhang mit der poli-
tischen Geschichte und auf der Grundlage der klassischen Philologie. So
horte er in den Jahren 1854 — 56 neben manchem spezielleren Colleg bei
A. Holtzmann Geschichte der deutschen Literatur, bei L. Hausser deutsche
Geschichte und bei J. Chr. F. Bahr griechische und romische Literatur. Der
Genuss und die Anregung dieser Vorlesungen war freilich nur massig; viel
werthvoller war ihm der personliche Umgang mit den genannten Lehrern,
ferner mit Gervinus, Geh. Rath v. Leonhard u. A., sowie die uneingeschrankte
Benlitzung der Universitats-Bibliothek. In engem Freundeskreise, zu dem
auch Treitschke gehorte, hielt B. im Winter 1854/55 seinen ersten Vortrags-
cyklus iiber deutsche Literaturgeschichte, der ihm die freudigste Anerkennung
seiner Horer eintrug. Ein Verleger forderte ihn auf, Oesers Kunstgeschichte
neu zu bearbeiten; Gervinus sollte die Einleitung dazu schreiben — allein
in B. liberwog die Lust zu lernen weitaus den Drang zur eigenen literarischen
Bethatigung. Auch nachdem er am 20. Mai 1856 summa cum laude promo-
virt hatte1), als Gervinus, Lobell und andere berufene Manner ihn drangten,
sich als Privatdocent zu habilitiren, konnte er sich nicht genug thun in un-
ermudlicher Arbeit einer vielverheissenden Vorbereitung und verzichtete noch
anderthalb Jahrzehnte lang auf ein Hervortreten als akademischer Lehrer.
Kurz nach seiner Promotion that B. einen Schritt, der ihm ein inneres
Bedtirfniss befriedigte, seine aussere Lage aber in ungtinstiger Weise be-
einflusste. Am 21. August 1856 Hess er sich zu Mainz von dem zwei-
ten evangelischen Pfarrer Vonweiler taufen; seine Pathen waren Henriette
Feuerbach, geb. Heydenreich, vertreten durch den Mainzer Advokaten Dr.
Heinrich Bemays, und der Kaufmann August Friedrich Hoster. Dass innere
l) Nach einer gefalligen Mittheilung des Sekretariats der Universitat Heidelberg hat
B. ohne Dissertation promovirt, wie das damals dort mbglich war. Seine Examinatoren
waren Bahr, Rcichlin-Meldegg, Hausser, KirchbofT, Stark, Rau, Holtzmann, Kortttm, Bunsen,
Bronn, Leonhard.
22*
340 Bernays.
Ueberzeugung und keine aussere Riicksicht ihn bei diescm Schritte leitete,
erhellt am klarsten aus dem grossen Opferr das er damit brachte, aus dem
volligen Bruch mit seiner ganzen Familie, selbst der geliebten Mutter. Hatte
er auch gerade in seinem Vaterhause seinen starken religiosen Sinn festigen
und ausbilden konnen, so herrschte dort doch die strenge Rechtglaubigkeit
des alten Testaments. So war er den Seinen jetzt ein Abtriinniger, von dem
sie ganzlich die Hand abzogen. Er aber hat sich noch in spateren Jahren
zu dem Entschlusse geneigt, Prediger zu werden, und stets die lebendige
Ueberzeugung vertreten: »Die grosste Thatsache in der Geschichte der
Erdenvolker — das Christenthum.«
Nach seinem Uebertritt zum Christenthume waren die Verhaltnisse, in
denen B. in Bonn lebte, bei einer driickenden pekuniaren Lage und grossen,
damit verbundenen Entbehrungen nur ertraglich durch die Fiille geistiger
Anregung und warmer personlicher Freundschaft, die sie ihm brachten.
Ritschl, der ihm einmal eine Unterredung mit Jakob Grimm vermittelte,
Welcker, dem er sein Festspiel zu Schillers Saculartag widmete, Simrock, bei
dessen Tode er von vielen als der berufenste Nachfolger erklart wurde, waren
jetzt, nach dem Abschluss seiner Studentenzeit, seine Lehrer und Gonner,
aus deren Umgang er reichen Gewinn zog. In den rheinischen Kiinstler-
kreisen, bei Vautier und Sohn, fand er verstandnissvolle Horer und Freunde.
Mit Henriette Feuerbach verbanden ihn innige Beziehungen, und flir ihres
Stiefsohnes kiinstlerische Grosse trat er friih mit nachdriicklicher Ueber-
zeugung ein. Auch von seiner Freundschaft mit Friederike Gossmann (Frau
v. Prokesch-Osten) haben wir im Cottaschen »Morgenblatt« 1863 und 1865
sachlich wie personlich ansprechende Belege. Seine Liebe zur Musik fand
in den rheinischen Musikfesten reiche Anregung und in Clara Schumann
eine Ktinstlerin, deren menschlicher Adel ihn unwiderstehlich auch an die
Person fesselte. Und an Beziehungen zu den vornehmsten Kreisen, in deren
sicherem, gemessen freien Wesen sich B. immer besonders wohl fuhlte, fehlte
es ebenfalls nicht; so gehorten General von Strubberg in Coblenz und vor
allem der Gouverneur von Mainz, Prinz von Gliicksburg, zu seinen Gonnern,
bei denen er wiederholt weilte; das Andenken, das ihm der Prinz von Gliicks-
burg geschenkt, eine Ausgabe des »Faust«, die B. immer hoch in Ehren hielt,
haben ihm liebende Hande noch in den Sarg mitgegeben.
Was ihm aber diese rheinischen Jahre am reichsten verschonte, war sein
herzlicher Verkehr im Hause des alten Ernst Moritz Arndt, zu dessen Enkelin
Lotte er eine innige Neigung fasste. Oft kam er nach der Verlobung zu ihr
nach Trier und verlebte dort seine gliicklichsten Tage; um so tiefer musste
es ihn treffen, als Lotte die Verbindung wieder loste, um einem anderen
Manne die Hand zu reichen. —
So abgeneigt B. der eiligen Arbeit der Journalistik war, so drangte ihn
doch der Zwang der Verhaltnisse, auf diesem Wege einigen Verdienst zu
suchen. Das Schriftenverzeichniss, das G. Witkowski dem 2. Bande von B.'s
»Schriften zur Kritik und Literaturgeschichte« mit der dankenswerthesten
Sorgfalt beigesteuert hat, lasst uns erkennen, wie B. in den Jahren 1862 — 1872
in den angesehensten Organen der deutschen Presse, im »Morgenblatt«, den
»Grenzboten«, der »K6lnischen Zeitung«, der »Allgemeinen Zeitung« und
»Im neuen Reich«, eine Reihe von Aufsatzen und Besprechungen veroffent-
lichte, die ohne jenen ausseren Zwang grossentheils wohl schwerlich ent-
standen waren; wenigstens verschwinden mit seiner Ernennung zum Professor
Bernays. 34 1
solche Arbeiten des Tages vollstandig aus seinen Werken. Aber keiner der
Gegenstande, mit denen sich B. in diesen Artikeln beschaftigt, ist unbedeutend
und unwiirdig seines klarenden Wortes, und gerade diese rasch verfassten
Gelegenheitsarbeiten gelangen ihm nach Alfred Doves eher scharfem als liebe-
vollem Urtheil schriftstellerisch am ungezwungensten und besten. Trotzdem
konnte er sich nicht entschliessen , seine Krafte nach dieser Seite zu binden.
Sowohl einen Antrag, in die Redaction der »Preussischen Jahrbiicher* ein-
zutreten, wie Gustav Freytags Einladung, die Besprechung der Biicher philo-
logischen Inhalts fur die »Grenzboten« zu iibernehmen, lehnte er ab. Sein
ganzes Wesen drangte ihn zur Wirksamkeit mit dem gesprochenen, nicht dem
geschriebenen Worte.
War es ihm seit seinen Heidelberger Studententagen der reinste Genuss
geblieben, im Kreise Gleichgesinnter die Werke unserer grossen Dichter oder
die eigene historische Auffassung der Entwickelung unserer Literatur vorzu-
tragen, so musste ihm jetzt die im engeren Kreise oft bewahrte und be-
wunderte Kunst der Rede die aussere Grundlage seiner Existenz bieten. Sein
standiger Wohnsitz blieb Bonn; aber seine Vortragsreisen fiihrten ihn durch
die verschiedensten Theile Deutschlands und liessen ihn manche neue, be-
deutungsvolle Bekanntschaft und Freundschaft schliessen. Gewohnlich hielt
er einen Cyklus von Vortragen, hauptsachlich liber Goethe, Schiller, Klopstock,
Lessing. Der natlirliche Ausgangspunkt seiner Fahrten waren die rheinischen
Stadte von Koln bis Mainz; doch kam er auch nach Karlsruhe, wo er schon
damals die Theilnahme des grossherzoglichen Hofes erfuhr, nach Stuttgart,
wo Morike ihm zu seinem Stolze das brtiderliche Du antrug, nach Frankfurt,
nach Weimar, wo ihn Preller, die Odyssee in der Hand, zeichnete, nach
Llibeck, wo er mit Geibel verkehrte, und Bremen, wo er mit Gildemeister
feste Freundschaft schloss. Den angenehmsten Kreis fand er jedoch in Leipzig,
wo er viel bei Brockhaus, vor allem aber mit Salomon Hirzel verkehrte.
Was dieser letztere ihm gewesen, das charakterisiren am besten seine Tage-
buchaufzeichnungen bei Hirzels Tode: »Der Hingang Hirzels ist fur mich
eines jener Ereignisse, die einen ganzen Kreis werther und wiirdiger Lebens-
beziehungen zerstoren, die eine ganze Reihe von Zustanden, welche in das
gesammte Dasein innigst verschlungen waren, traurig abschliessen. Im Jahre
1862 ward unsere personliche Verbindung eingeleitet. Wahrend meines
spateren Aufenthaltes in Leipzig vergingen selten einige Tage, in denen wir
uns nicht personlich beruhrten. Das Verhaltniss, das sich zwischen uns bil-
dete, war nicht bios ein solches, wie es aus der Gemeinsamkeit wissenschaft-
licher Neigungen zu entstehen pflegt; es hatte einen viel hoheren mensch-
lichen Werth und eine innerlichere Bedeutung. Ich unternahm in jenen
Jahren nichts, an dem er nicht, fordernd oder rathend, Antheil gehabt hatte.
Nur meinetwegen kam er spater nach Mtinchen, es geschah zuletzt im Jahre
1875. Der Ton, auf den unser Verkehr gestimmt war, blieb immer derselbe.
Obgleich eigentlich meist von gewichtigen und ernsten Dingen zwischen uns
die Rede war, so ging doch eine Grundstimmung von Heiterkeit durch unsere
Unterhaltungen und Verhandlungen. Wie von einer sicheren Hohe herab
liess Hirzel nach alien Seiten hin seinen Humor, seine Ironie, seinen oft ver-
nichtenden Witz spielen und treffen. Dabei blieb sein Urtheil fest und ge-
messen; und immer gleich bewunderungswlirdig blieb die Klarheit desBlicks,
den er mit derselben Sicherheit auf Menschen und Dinge, auf die Zustande
des Lebens wie der Wissenschaft richtete. Hirzels eigentlicher Freundeskreis
342 Bernays.
gehorte einer alteren Generation an, unter den jlingeren stand ich ihm aber
wohl am nachsten «
Neben Hirzel waren es in Leipzig Freytag, Springer, Dove, Jahn, Zarncke
u. a. m., die mit freundschaftlicher Theilnahme und vollem Verstandniss fiir
die Bedeutung seiner Aufgabe seinen Bestrebungen folgten. Joachim Meyer
sprach kurz vor seinem Tode den Wunsch aus, B. moge die Herausgabe seines
Nachlasses besorgen. Jahn bestimmte, dass B. aus seiner reichen Bibliothek
sich auswahlen diirfe, was ihm forderlich sein konnte. Ausserhalb der ge-
lehrten Kreise aber gewann B. in dem Erbprinzen von Meiningen, dem er
damals englischen Unterricht gab, einen treuen Freund fur's Leben, mit dem
er trotz der raumlichen Entfernung und seltenen personlichen Beriihrung auch
spaterhin in reger brieflicher Aussprache, namentlich liber Politik, verbunden
blieb. Jetzt trat B. auch mit zwei ausgereiften, ergebnissreichen Werken
hervor. Seine Schrift »Ueber Kritik und Geschichte des Goetheschen Textes*
(1866), die Nicolaus Delius gewidmet war, wie seine Ausgabe von »Goethes
Briefen an Friedrich August Wolf« (1868), die er Heinrich von Sybel zueig-
nete, musste den Wunsch, ihn auf dem Katheder zu sehen, noch bestarken.
Endlich entschloss er sich zur Habilitation, Zarncke war ihm dabei behilflich,
und am 4. November 1872 ward ihm die venia legendi fiir das Fach der
Geschichte der neueren Literatur ertheilt.
Der Erfolg von B.'s Vorlesungen an der Universitat in Leipzig war ganz
ausserordentlich, obgleich man zuerst dartiber spottelte, dass er mehr als vier
Stunden allein der Betrachtung Klopstocks widmete. Aber nicht bios die
Studenten stromten schaarenweise in seine Horsale, auch die maassgebenden
Kreise schenkten ihm sofort die gebuhrende Beachtung. Ministerialrath Dr.
von Volk, der sich als Referent liber die Universitaten die grossten Verdienste
um Bayern und um die Wissenschaft erworben hat, bemlihte sich, B. nach
Bayern zu ziehen. In Wlirzburg sollte ihm eine Professur errichtet werden;
doch ausserte Konig Ludwig II., als er von B.'s Bedeutung horte, den Wunsch,
ihn nach Mlinchen selbst zu berufen. So wurde Carriere zur Begutachtung
nach Leipzig gesandt; seinem Vorschlage stimmte die philosophische Fakultat
Mlinchen zu, und so konnte schon am 19. Juni I873 B. seine Antrittsvorlesung
als ausserordentlicher Professor an der Universitat Mlinchen halten. Ein
halbes Jahr spater, am 7. Februar 1874, unter dem Rectorate W. H. Riehls,
wurde B. zum »ordentlichen Professor fiir neuere Sprachen und Literaturen*
ernannt.
»Freuen Sie sich mit mir!« schrieb damals B. in froher Genugthuung an
seinen vaterlichen Freund Hirzel. »Und zwar nicht bios meinetwegen!
Durch meine Ernennung ist zugleich den Studien, die ich vertrete, fiir immer
ein Ordinariat gesichert. Es ist also wahrhaft ein Sieg erfochten, und der
Traum meiner Jugend in Erflillung gegangen.« Mit Recht konnte B. so
sprechen. Denn wenn ihm jetzt die erste ordentliche Professur fur sein Fach
in Deutschland zu theil wurde, so durfte er sich sagen, dass er dieses Fach
von seinen Gymnasiastentagen an erst begrlinden geholfen. »Bei alien meinen
Arbeiten«, schreibt er einmal im Jahre 1875 — doch es gilt schon fiir seine
frliheste Zeit — , »bei alien meinen Arbeiten verfolge ich den einen Zweck:
die Verbindung der Literaturgeschichte mit der philologischen Kritik zu be-
grlinden. Diesem Zwecke ist auch meine akademische Thatigkeit gewidmet,
mit welcher ich es tiberaus ernst nehme. Das Katheder ist der Ort, wo ich
mich am liebsten und am freisten mittheile, und den Pflichten des akademi-
Bernays. 343
schen Lehrers mitssen die Wiinsche des Schriftstellers sich unbedingt unter-
ordnen.« »Das Lehren mit lebendigem Worte«, schreibt er ein ander
Mai an einen Freund, »der Verkehr mit einem jugendlichen Kreise, in
welchem wenigstens die Besten zu geistigem Sein und Schaffen aufstre-
ben, dieser rege Wechsel von geistigem Empfangen und wissenschaftlicher
Mittheilung — das alles ist mir zum unentbehrlichen Elemente des Daseins
geworden.«
So konnte nun B. in wtirdigem Wirkungskreise frei seine Krafte entfalten,
und wenn wir seine Charakteristik von Friedrich August Wolf als Lehrer
lesen, steigt uns unwillktirlich das Bild seiner eigenen unvergleichlich person-
lichen, unmittelbaren Wirkung auf. Karl Stieler, der, damals B.'s Horer, mit
klarem Blick seine Berufung als »eine That in der akademischen Geschichte
Munchens* bezeichnete, hat uns in der »Schlesischen Zeitung« ein anschau-
liches Bild der eigenartigen Weise von B.'s Auftreten gezeichnet: »Mit dem Ernst
eines Priesters, der sein Amt beginnt, mit einer Sammlung, die ihm eine formliche
Immunitat verleiht, schreitet der hagere gedankenvolle Mann durch die Reihen
seiner Schliler, den Blick zu Boden gesenkt, schon jetzt ganz in den Gegenstand
versunken. Diese verschlossene Kraft aber wird mit einem Male lebendig, sowie
er auf das Katheder tritt, und zeigt sich in einer Gliederung, die von dem leise-
sten Herzenslaut bis an die Grenze elementarer Gewalt reicht. B. liest gegen-
wartig iiber die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts; nicht liber Klopstock,
Lessing, Goethe und Schiller, sondern in seiner Hand gestaltet sich der be-
deutende Stoff zu jener grossen inneren Einheit, die nur der echte historische
Blick erkennt. Den geheimsten Zusammenhang mit der Seele des Volkes und
der Geschichte der Zeit deckt er uns auf. Wir leben nicht nur in der Mitte
jener grossen Schopfungen, sondern in der Mitte jenes grossen Schaffens selbst.
Das Einzelnste, das Kleinste erhalt seine Beziehung zum Ganzen. Neben
diesem geistigen Gehalte aber steht ein Form talent, das kunstlerisch im
hochsten Sinne des Wortes ist. Der veredelnde Einfluss, den der stete Ver-
kehr mit den Besten unsereres Volkes tibt, tritt alien thalben ungesucht hervor
und hat der Sprache eine Lauterung gegeben, die mehr ist als akademische
Formvollendung. B. spricht vollig frei, aber das Charakteristische an seinem
Vortrage ist nicht, dass er dies kann, sondern dass er es nicht anders konnte;
so sehr ist er mit dem Stoffe eins, so sehr giebt er aus der inneren Fiille,
dass jede aussere Handhabe ihn nur hemmen mtisste. Man ftihlt es wohl,
dass diese Rede nicht vorbereitet ist nach dem engen Maassstabe einer
Stunde; in der Jahre langen Arbeit, in der einsamen Vertiefung eines ganzen
Lebens, in der schrankenlosen Liebe fur seinen Stoff liegt die wahre Vorbe-
reitung zum Lehrer «. . . . Dabei imponirte die ungeheure Weite und Zu-
verlassigkeit seines staunenswerthen Gedachtnisses dem Schtiler so, dass er in
den Ruf ausbricht: »Er ist allwissend in unserer Literature
In der That hatte dieses unvergleichliche Gedachtniss einen -nicht un-
wesentlichen Antheil an der souveranen Sicherheit von B.'s Auftreten. Es
ermoglichte ihm ohne jeden schriftlichen Behelf jederzeit die Anfuhrung
jedes erwiinschten Citates, jede entlegenste Combination; ja sogar umfang-
reiche Werke Goethes und Schillers, aber auch ganze Gesange aus Homer
und Dante, ganze Scenen aus Sophokles und Shakespeare waren ihm mit
unfehlbarer Sicherheit eingepragt, von der Unzahl kleinerer Gedichte aus
alien Literaturen, die er auswendig wusste, ganz zu geschweigen. Und wie
verstand er es, sie vorzutragen! Er war mit seinem machtvollen und bieg-
344 Bernays.
samen Organ zweifellos einer der bedeutendstcn Recitatoren seiner Zeit.
Wie er seine wissenschaftlichen Untersuchungen in einer geradezu kiinst-
lerischen Ausgestaltung bot und in feiner Zuspitzung, in klarer objektiver
Gestaltung, vor allem aber in stromendem Pathos jede gewollte Wirkung
erzielte, so verstand er auch vieles durch den blosen Vortrag zu verdeut-
lichen, was keine kritische Ausflihrung hatte klar machen konnen. Kein
Wunder, dass in Mlinchen wie in Leipzig sein grosses Kolleg stets von
Hunderten von Horern aller Fakultaten besucht warl »Der lauschenden
Jugend entging das Gewollte an so hoher Kunst, das Selbstgetallige an so
vielem Reize keineswegs«, sagt Alfred Dove treffend; »aber der im Grunde
echte Schwung der Begeisterung riss sie nichtdestoweniger mit sich fort —
in dieser Weise ward ihr ahnliches niemals geboten. «
Damit ist aber B.'s Bedeutung als Lehrer keineswegs erschopfend ge-
kennzeichnet. Sein Eigenstes gab er vielmehr erst im engeren Kreise seiner
Schtiler im Seminar, dessen Uebungen er in seiner eigenen ungemein reichen
Bibliothek abhielt. Der ganze Nachdruck lag hier auf der personlichen An-
regung und Mitteilung, auf Erweckung der Selbstthatigkeit der Theilnehmer.
Die zwanglosesten Wanderungen durch die weitesten Gebiete der Literatur-
geschichte wechselten mit der sorgsamsten Untersuchung methodisch lehrreicher
Einzelheiten, unterstiitzt von dem Anschauungsmaterial des grossen Biicher-
schatzes, der noch jetzt durch die Pietat und Selbstlosigkeit der Wittwe
ungetheilt erhalten geblieben ist. Auf jedes Einzelnen Eigenart wurde
Rticksicht genommen und ihr neue Nahrung geboten; kurz, es sollte alles
lebendige Anregung, nicht autoritativer Unterricht sein. Und ahnlich ge-
staltete sich das meist nur vor einer kleinen Horerschaar abgehaltene
Shakespeare-Kolleg, das B. stets besondere Freude machte. Auch hier
konnte er zwanglos mit, nicht zu seinen Horern sprechen; auch hier liess
er in freiem Wechsel bald textkritische, grammatische oder metrische Einzel-
heiten, bald weitausgreifende Quellenuntersuchungen, bald asthetisch-kritische
Betrachtungen in den Vordergrund treten. »Keine Frage«, bemerkt er einmal
in seinem Tagebuch, in dem er sich mit peinlicher Gewissenhaftigkeit liber
Werth oder Unwrerth seiner Kollegien selbst Rechenschaft ablegte, » keine
Frage, dass ich dann das Beste und Meiste gebe, wenn aller aussere Ap-
parat der sog. Vorlesung wegfallt.«
So fiihlte sich B. ganz eingewoben in die Lebensthatigkeit, die er selbst
als sein hochstes Lebensbediirfniss bezeichnet hat. Trotzdem blieb ihm in
seinen damaligen Verhaltnissen zeitweilig ein gewisses Geftihl der Entbehrung
nicht erspart, das ihm einmal in einem schonen Briefe an seinen Freund Uhde
das Gestandnis entriss: »Ich bedarf in meinem Leben, dem keine heitere
Jugendzeit vorangegangen, und das auch noch jetzt fast alles das entbehrt,
was der grosse Haufe der Menschen Gluck zu nennen pflegt — auch ich
bedarf oft genug der ermunternden und aufrichtenden Teilnahme. Ich sage
das nicht im Sinne der Klage, diese ist mir ganzlich fremd, und die Art
meines Lebens und Thuns mochte ich mit keiner anderen — und wenn
mir der hochste Preis geboten wtirde — jemals vertauschen. . . . Oft verwundere
ich mich dariiber, wie ich mir so viele Frische und Heiterkeit habe erhalten
konnen. Aber diese Heiterkeit hat auch wenig gemein mit dem, was man
herkommlicherweise so nennt. Sie ist ganz geistiger Art, sie fliesst aus der
innigen Verbindung, in welche ich mein Leben mit meiner Wissenschaft
gebracht habe. Die mit jedem Tage neu aufwachende Liebe zu dem, was
Bernays. 345
mir Wissenschaft ist, entschadigt mich fiir alles, was ich ehedem im Kampfe
des Lebens gelitten, fUr alles, was ich jetzt entbehre.«
Erst am 4. Dezember 1880 gewann B. durch die Vermahlung mit der
Wittwe Hermann Uhdes, Luise, geb. Rtibke, ein eigenes Heim, das dem
rastlos thatigen Manne in der treuen Ftirsorge einer verstandnissvollen Gattin das
hausliche Behagen bot, das er solange entbehrt hatte. War es ihm schon
vorher Bedtirfhiss gewesen, am geselligen Leben regen Anteil zu nehmen, so
wurde jetzt sein eigenes Haus der Mittelpunkt eines der geistigen Bedeutung
wie der Zahl nach gleich hervorragenden Kreises. Von den Kollegen standen
ihm Bursian, Christ, Wolfflin, Giesebrecht, Brinz, Ratzel, Rudolf Scholl, Halm
besonders nahe. Zu dem Kaulbach'schen Hause, namentlich auch zu Frau
v. V6lk und ihrem geistvollen Gatten unterhielt er rege Beziehungen. Von
der alten Frau von Thiersch liess er sich noch mancherlei von der klassischen
Vergangenheit des literarischen Deutschland erzahlen; an Lady Blennerhassets
literarischen Arbeiten nahm er den regsten Antheil und wies sie immer wieder
auf Chateaubriand als wtirdigsten Gegenstand ihrer geistvollen Darstellung
hin. Wilhelm Hertz war ihm als Mensch und Dichter gleich werth; Ludwig
Laistners frtiher Tod bereitete ihm tiefen Schmerz. Mit Conrad Fiedler, der
spater ein so jahes Ende finden sollte,verkehrte er besonders gem: »Im Ge-
sprache mit ihm weiss man doch, wozu man die Lippen bewegt. Er ist
wirklich ein bedeutender und selbststandiger Denker. . . . einer der gehalt-
reichsten Menschen, die jetzt leben. « Sehr innig war das Verhaltniss zu
Paul Heyse; sie kamen sehr viel zusammen, besprachen sich tlber ihre
Arbeiten und gerne nahm Heyse bei seinen Uebersetzungen des Freundes
Rath in Anspruch. Heyse ist auch neben dem Erbprinzen von Meiningen
Pathe von B.'s Sohne Ulrich, der neben einer Tochter Marie in dem behag-
lichen Hause an der Fttrstenstrasse heranwuchs.
Nicht nur Gelehrte und Dichter, auch Schauspieler und Musiker weilten
oft in dem B.'schen Kreise. Hermine Bland konnte im gewissen Sinne sogar
seine Schtilerin genannt werden; beim Einstudieren ihrer vornehmsten Rollen
wie Iphigenie, Leonore von Este u. a. stand B. ihr mit seiner eingehenden
Interpretation und seiner vollendeten Vortragskunst lange zur Seite. Die
edle Art dieser bedeutenden Ktinstlerin entsprach seinem Wesen in seltenem
Maasse; sonst freilich hat er, abgesehen von Lewinsky, Sonnenthal und
wenigen andern Ktinstlern, sich wenig an schauspielerischen Leistungen
erbaut. Sein Stilgefiihl wurde durch die immer haufiger getibte Uebertragung
modern realistischer Kunstiibung auf die klassischen Dramen empfindlich ver-
letzt, und solch »denkender Kiinstler« war ihm ein Greuel. W&hrend er sich
daher mit den Jahren, im Genusse der Dramatiker aller Zeiten am unge-
trtibtesten sich selbst gentlgend, dem Schauspiel der Btihne immer mehr
entfremdete, wurde sein Verhaltniss zur Musik immer inniger und fester.
Schon aus dem Jahre 1862 haben wir in dem »Verbindenden Texte
ftir Beethovens Musik zu Goethes Egmont« einen Beweis, mit welchem Ernste
sich B. in die gewaltigen Werke der Tonkunst vertiefte. Diese Verse, denen
wie den Ubrigen Festspielen B.'s — »zur S&cularfeier von Schillers Geburts-
tag« (1859), »Shakespeares Geburt« (1864), »Prolog zu Mozarts Requiem*
(1892) — mehr die rhetorische Macht und Wlirde der Sprache und der
Gedanken, als eigentlich dichterische Eigenschaften das Geprage geben, ent-
standen auf Otto Jahns Anregung, um den nlichternen Verbindungstext
F. Mosengeils zu ersetzen — ein Zweck, den sie in der angemessensten
346 JJenuys.
Weise erfullten. Zu einer noch wirksameren Theilnahme an musikalischen
Fragen musste sich aber B. angeregt fiihlen, als er in Mtinchen in den
Bannkreis Richard Wagners drat. Durch seinen Verkehr mit Levy, Porges
u. a. wurde B. immer defer in die Bestrebungen des Meisters hineingezogen;
selten versaumte er eine AufRihrung seiner Werke an der MUnchener Oper
und versenkte sich mit tiefer Bewunderung in die grossartige Personlichkeit,
die sich ihm hier offenbarte. Zwar hat er sich eine gewisse Zurtickhaltung
gegentiber den ktinstlerischen Neuerungen Wagners bewahrt; seine Worte fiir
die Errichtung einer Schule fiir Musik und Drama in Bayreuth sind rein sach-
lich und vorsichtig abgewogen. Aber bei seinen wiederholten Bertihrungen mit
Richard Wagner selbst, als dessen Gast er mehrfach in Wahnfried weilte,
empfand er den vollen Zauber einer genialen Personlichkeit, und riickhaltlos
huldigte er dem reinen Ktinstlerthum in dem Schopfer des Tondramas.
»Wie alle Ktinstler hftchsten Ranges «, schreibt B. einmal an Uhde, »wendet
sich Wagner unmittelbar an die Phantasie. Er ware schon allein deshalb
hochzuhalten, weil er einer von den Wenigen ist, die noch einen reinen
Enthusiasmus zu entziinden wissen.c Und in tiefer Ergriffenheit hat B. bei
der Nachricht von Wagners Tode in seinem Kolleg dem grossen Toten einen
Nachruf geweiht, der zu dem Wiirdigsten und Besten gehort, was Uber
Wagner gesagt worden ist. Ohne sich auf einzelne Fragen einzulassen, stellte
hier B. den Meister als unsterbliches Muster hin dessen, »was der wollende
Mensch vermag*. Die menschliche GrOsse mit ihrem unerschtitterlich sieg-
haften Willen stand ihm noch hoher als die ktinstlerischen Ziele Wagners.
Damals war B. der einzige Professor einer Universitat, der auf seinem
Katheder von Wagner zu sprechen sich gedrungen fiihlte; durch diese That-
sache erhoht sich noch das Gewicht seiner Worte.
Mochte aber B. mit noch so ernster Hingabe sich in Wagners neue
Kunstform einzuleben bemtihen, den reinsten Genuss bot ihm doch »Fideliot,
bot ihm die Musik, wo sie ihm als Herrscherin, als Selbstzweck entgegen
trat. »Mir wird die Musik immer mehr Bedlirfniss«, schreibt er im Jahre
1877 aus Mtinchen. »Die Tone umspiilen mir den Geist wie sanftigende
Wellen; er lasst sich gelind von ihnen forttragen, und doch ist es keines-
wegs ein wolllistiges Nichtsthun, dem er sich hingiebt. Denn ich verstehe
von der Musik gerade so viel, urn der Entwicklung der musikalischen Ge-
danken folgen zu konnen, aber nicht genug, um mir liberall von den Mitteln
der Ausftihrung Rechenschaft zu geben. So finde ich erquickende Be-
schwichtigung und zugleich eine Anregung, die den Geist beschaftigt, ohne
ihn zu eigentlicher Thatigkeit zu spannen. Keiner Kunst gegentiber ist mein
Urtheil oder vielmehr meine Empfindung so streng als bei dieser. Diese
Strenge gilt aber nicht dem Vortrag, sondern dem Gehalt des Vorgetragenen.
Eben weil ich von der Technik der musikalischen Behandlung, die ja dem
Kenner schon an und fiir sich ein Interesse abgewinnen kann, zu wenig
verstehe, so kann mich nur der lebendige Gedanken- und Empfindungsgehalt,
der die Formen erftillt, bertihren und ergreifen. Hier habe ich das Recht,
wirklich nur mit dem Trefflichsten vorlieb zu nehmen. Und in welcher
Kunst ist das Treffliche so reichlich ausgesaet wie in dieser?«
Die musikalischen Darbietungen von Eduard Reuss, die ihm die letzten
Werke Beethovens immer mehr erschlossen, gehorten dann in den Tagen
seiner Musse in Karlsruhe zu seinen reinsten Geniissen. Aber auch in
Mtinchen hat er eine Reihe von Musikern an sich zu ziehen gewusst, und
Bernays. 347
die Liebe zur Musik, die besonders aus Shakespeare immer gerne neue Nah-
rung sog, hat in seiner ganzen Art der Geselligkeit unverkennbare Spuren
hinterlassen.
So vereinigten sich klinstlerische und wissenschaftliche Interessen in
seinem Hause, urn es zu einem Sammelpunkte zu machen, an dem durch-
reisende Manner von Bedeutung wie Paul Stapfer, Frz. X. Kraus, Waitz,
Liszt u. s. w. immer einen Theil der geistigen Elite Mtinchens anzutreffen
sicher sein durften. Daneben aber zog B. auch diejenigen von seinen
Schiilern, die ihm im Seminar naher getreten waren, ebenfalls in den
personlichen Verkehr mit ein und lebte im vollsten Behagen, wenn er von
seinen geistigen Schatzen anderen verschwenderisch mittheilen konnte. Schon
im Winter 1879/80 hielt er alle 14 Tage in einem auserlesenen Kreise an
einem Abende Vortrage tiber und aus Goethes Faust. Solche Recitationen
pflegten spater seine Gesellschaftsabende im eigenen Hause abzuschliessen,
wahrend er seit der Uebernahme des akademischen Lehramtes wie auf
journalistische Bethatigung, so auch auf offentliche Vortrage ganzlich ver-
zichtet hatte.
Nur dreimal noch ist B. mit Vortragen vor ein grosseres Publikum ge-
treten, jedesmal einem ausseren Anlass folgend. Im Marz 1880 forderte ihn
Ltitzow auf, nach Wien zu kommen, wo durch Karl Tomascheks Tod die
Professur fur Literaturgeschichte erledigt war. Man hoffte, B. daflir gewinnen
zu konnen, und die Studentenschaft feierte ihn, nachdem er drei Vortrage
in Wien gehalten hatte (iiber die Epochen der Goethe'schen Lyrik, tiber den
II. Theil des »Faust« und tiber Lessing's Stil), bereits mit jugendlicher Zu-
versicht als den Ihren. Aber die Sache zerschlug sich; dauemder Gewinn
jener Wiener Tage aber blieb neben anderen neuen Beziehungen u. a. auch
zu Brahms, eine herzliche Freundschaft mit Lewinsky.
Widerwillig (ibernahm B. im Jahre 1889 den Festvortrag bei jener be-
deutungsvollen Generalversammlung der Goethe -Gesellschaft in Weimar,
welche die Erweiterung des Goethe- Archivs zum Goethe- Schiller- Archiv
brachte. Keine Zeile ist uns in B.'s Handschrift von dieser Rede liber
Goethe's Farbenlehre erhalten; nur im Kopfe hatte er sie ausgearbeitet und
auf die Stiitze schriftlicher Fixirung verzichtet. Aber indem sie die Ge-
schichte der Farbenlehre nur als ein Symbol der Geschichte des Wissens
uberhaupt betrachtete, erschloss sie in uberraschend eindringlicher Weise die
Bedeutung eines grossen Arbeitsfeldes Goethe's, das sonst nur allzu sehr
unterschatzt wird.
Zum letzten Male sprach B. vor der breiten OefTentlichkeit bei der Ent-
htillung des Scheffeldenkmals in Karlsruhe am 19. November 1892. Auch
zu dieser Festrede hatte er sich nur ungern bestimmen lassen, aber sie be-
wahrte noch einmal die hinreissende Macht seiner Rede und seine grossen,
weiten Gesichtspunkte bei jedem sich ihm bietenden Gegenstande. »Im
Zeitlichen das Ewige zu erforschen, das ist die Aufgabe aller Geschichte und
vor allem der Literaturgeschichte« — unter diesem Motto stehen alle Aeuse-
rungen seiner unermiidlichen Thatigkeit. — —
In Mtinchen verlief B.'s Leben in gleichmassigen Bahnen. Die Lehr-
thatigkeit befriedigte ihn; das regste gesellige Leben umgab ihn; eine aus-
gebreitete Korrespondenz verband ihn mit einer aussergewohnlichen Anzahl
bedeutender Zeitgenossen. Verschiedene Reisen nach der Schweiz, nach
Hamburg, Dresden, Frankfurt brachten ihn mit alten und neuen Freunden in
348 Bernays.
Bertihrung, mit Adolf Stern, Devrient, Stockhausen, Haym, K6hler, Simson
u. a. m. Den Herbst pflegte er in Baden-Baden zuzubringen. Dort versammelte
sich wahrend der Anwesenheit der Kaiserin Augusta ein auserlesener Kreis,
in dem B. gern verkehrte; auch von der Kaiserin selbst wurde er wiederholt
empfangen. Karlsruhe war dann der.Ort, der ihm bei seinem Riicktritt
vom Lehramte am besten die gewUnschte Musse zu versprechen schien.
Verschiedene Umstande wirkten zusammen, den Mann, der so ganz in
seiner akademischen Thatigkeit aufzugehen schien, zu dem Entschlusse zu
bringen, seine Professur niederzulegen und Mtinchen zu verlassen. B. ftthlte
die Verpflichtung, auch in der Schrift dauernd einen Theil der Schatze
niederzulegen, die er bisher nur mtindlich ausgestreut. Seine innige Hingabe
an die Lehrthatigkeit aber Hess ihm dazu keine Musse, und so entsagte er
ihr mit kraftvollem Entschluss. Allerlei personliche Momente kamen hinzu,
die auf beiden Seiten, bei dem Scheidenden wie den Verlassenen, eine ge-
wisse Verstimmung zurtickliessen. Mit Bektimmerniss sahen viele seiner Ge-
treuen voraus, dass er bei seiner Eigenart doch nicht zu dem verheissenen
grossen, zusammenfassenden Werke kommen werde, dass er dem besten
Theile seiner Wirksamkeit ohne gleichwerthigen Ersatz sich selbst entriss.
Trotzdem konnte ihn nichts mehr von seinem Entschluss, der seit dem Tode
des von ihm innig verehrten Konigs Ludwig II* in ihm reifte, abbringen:
am 11. Marz 1890 hielt er seine Abschiedsvorlesung unter einem Zudrang
und unter Huldigungen der Studentenschaft, wie sie nicht leicht einen anderen
Lehrer zu Theil geworden sind.
Ftir die Geselligkeit, die er in Mtinchen aufgegeben, fand B. in Karls-
ruhe Ersatz durch einen Freundeskreis, in dem neben manchen Mitgliedern
der Hofgesellschaft Eduard Reuss, der Pianist, voranstand, zu dem sich aber
auch haufig Uhlig, Wunderlich, Frhr. v. Waldberg aus Heidelberg, Brandl
aus Strassburg und mancher andere feme Freund oder Schtiler besuchsweise
gesellte. Die Sammlung der »Schriften zur Kritik und Literaturgeschichtec
ward mit einem gehaltvollen, Erich Schmidt zugeeigneten , Bande erfiffnet
(1895); seinen Fachgenossen war B. mit der unvergleichlichen Fttlle seines
Wissens ein stets htilfsbereiter und fast untrliglicher Berather. Einen beson-
deren Reiz aber gewann das Leben der letzten Jahre durch den Verkehr mit
dem grossherzoglichen Paare. Dieser Verkehr gestaltete sich durch das ver-
trauen- und verstandnissvolle Entgegenkommen der hohen Herrschaften und
durch B.'s Freiheit von jeder amtlichen Stellung ungezwungen und wahrhaft
freundschaftlich. Oft verbrachte B. Sonntags einige Stunden des Abends
allein bei dem grossherzoglichen Paare. Das waren fiir ihn stets kostliche
Stunden. Das Gesprach bewegte sich frei und riickhaltlos tiber die wichtig-
sten Dinge; die grdssten Werke unserer klassischen Dichter, aber auch
Wordsworth u. a., wurden durchgenommen. B. durfte sich ganz unbefangen
gehen lassen, weil er sicher war, immer verstanden zu werden.
So gestalteten 'sich die letzten Jahre seines Lebens ruhig und erquick-
lich; er hat seinen folgenschweren Schritt vom Jahre 1890 nicht bereut. Un-
erwartet rasch nahte das Ende heran. Im Februar 1897 erkrankte er schwer,
nachdem vorher nur die Vertrautesten geahnt hatten, dass ein inneres Leiden
unaufhaltsame Fortschritte machte. Stundenlang recitirte er im Fieber Verse
aus seinen geliebten Dichtern. Die letzte Freude war ihm der theilnehmende
Besuch des Grossherzogs. Am 25. Februar 1897 verschied er an einer
Herzlahmung.
Bernays. 349
Die Betheiligung an seiner Bestattung war nur gering, wie ihm ja auch
in seinem Leben nicht viele SUissere Ehren zu Theil geworden waren l). Aber
herbeigeeilte Schiiler und Nachfolger, Muncker aus Miinchen und Witkowski
aus Leipzig, sprachen an seinem Grabe in warmen Worten aus, was ihre
Universitaten und was die Wissenschaft an dem Verstorbenen besessen. Und
schon bei B.'s Rticktritt von seiner Professur hatte Erich Schmidt im Namen
eines grossen Kreises von Fachgenossen in einer nun zum Mnemeion ge-
wordenen Adresse in scharfen Strichen die Bedeutung B.'s als eines der her-
vonragendsten Begrlinder seiner ebenso gelehrt wie schwungvoll erfassten
Discipiin gezeichnet.
»Der durch Wort und Schrift fiir die philologische Begrtindung der
neueren Literaturgeschichte Wirkende — so darf ich mich ohne Anmaassung
nennen. Habe ich ein Verdienst, so besteht es darin, dass ich die im Studium
der altklassischen Literatur erworbenen, streng kritischen Grundsatze auf das
Studium der neueren zu (ibertragen suche.« So schrieb B. im Jahre 1877
an einen Freund, und seine Schriften sind der bleibende Beleg fiir die Be-
rechtigung dieser Worte. Sie verwenden auf jede Silbe der neueren Autoren
dieselbe Sorgfalt, die man bisher nur den Alten zu widmen gewohnt war, ja
die gar manchem nur beim klassischen Alterthume berechtigt, in ihrer Ueber-
tragung auf die Neuzeit aber tiberfliissig oder wichtigthuerisch und pedantisch
erschien. Fiir B. aber war die Kritik, das Absondern des Echten vom Un-
echten, auch hier nach Goethe's Wort in der Geschichte der Farbenlehre
»wohl die hochste Function des Verstandes«, und indem er sie in glanzender
Weise an seinen Texten exprobte, gelangte er zu einer Tiefe der Einsicht in
das Schaffen des Dichters und das Werden des Kunstwerkes, die ihm liber
die Einzelheiten textkritischer Fragen hinaus die weitesten und freiesten Aus-
blicke Uber die Geschichte des menschlichen Geistes eroflfnete. Oft hat er
betont: wissenschaftliche Werke gewinnen Dauer durch ihre Form, ktinst-
lerische durch ihren Gehalt. Aber »aus der vollkommenen geistigen Durch-
dringung des Stoffes muss sich die Form ergeben*. (Zur Lehre von den
Citaten und No ten.) So muss also die voile Erklarung der Form bis in ihre
kleinsten Ztige auch zur sicheren Erkenntniss des Gehaltes bis in seine leise-
sten Aeusserungen flihren. Niemand hat diese gegenseitige Bedingung von
Form und Gehalt klarer formulirt, als Schiller, von der Wichtigkeit der Pro-
sodie sprechend, in seinem Briefe an Goethe vom 9. August 1799: »Es hat
mit der Reinheit des Silbenmaasses die eigene Bewandtniss, dass sie zu einer
sinnlichen Darstellung der inneren Nothwendigkeit des Gedankens dient, da
im Gegentheil eine Lizenz gegen das Silbenmaass eine gewisse Willkttrlichkeit
fiihlbar macht. Aus diesem Gesichtspunkt ist sie ein grosses Moment und
bertihrt sich mit den innersten Kunstgesetzen.« Aus diesem Gesichtspunkte
leitete auch B. die Berechtigung und Pflicht zur sorgsamen Kritik der sprach-
lichen Form ab und hat dadurch seiner Wissenschaft in seinen textkritischen
Arbeiten, die in geringem Umfang eine Ftille mlihsamer Sorgfalt und geist-
voller Combination zusammenfassen, die einzig sichere Grundlage erobern helfen.
Es darf bei den textreinigenden Bemtihungen B.'s seiner Vorganger nicht
vergessen werden. Lachmann's Lessingausgabe, mag sie jetzt auch noch
') Am 31. December 1879 war ihm der bayerische Orden vom hi. Michael 1, Kl.
(a. O.), am 19. November 1892 das Commandeurkreuz 2. KL des badischen Ordens vom
Zahringer LOwen verliehen worden.
350 Bcrnays.
reiche Verbesserungen erfahren, und Joachim Meyer's Bemuhungen urn Schiller
hatten zuerst den richtigen methodischen Weg gezeigt. Ftir Goethe hat ihn
B. als erster betreten und mit einer Energie und Umsicht gesaubert, dass
man getrost sagen kann: ohne ihn ware die grosse Weimarer Goetheausgabe
nicht moglich geworden. Adolf Scholl hebt denn auch seine Anzeige von
B.'s Schrift »Ueber Kritik und Geschichte des Goethe'schen Textes* (»Grenz-
boten* 1867) mit den Worten an: »M. B. hat in der vorstehenden Schrift
nicht etwa einen Beitrag zur Kritik des Goethe'schen Textes geliefert, sondern
die Kritik, welche diesen Namen verdient, erst begrtindet und die bisherige
bodenlose Kritik beseitigt.« Und nachdem er die reichen Ergebnisse der
Untersuchung, welche die ganze verschlungene Filiation der verschiedenen
Ausgaben und damit die Quelle der spateren Textverderbnisse wie die Wege
zu ihrer Heilung nachweist, charakterisirt und ihren Triumph fiber Diintzer's
mangelhafte Versuche verkiindet hat, betont er nachdrticklich, dass nicht un-
verdientes Findergliick zu so sicheren Res ul tat en gefiihrt hatte; nein, »gerade
die methodische Verkniipfung der ausseren Kritik mit der inneren ist das
Verdienst von B.«.
Noch in einem zweiten Punkte sollte B. der grossen Goetheausgabe,
deren Entstehen wir jetzt mit sicherer Siegeszuversicht verfolgen, den Leit-
punkt geben, lange bevor noch an sie zu denken war, durch seinen und
Salomon Hirzels »Jungen Goethe « (1875). ***er war n*cht nur ein grtindlich
gereinigter Text, so weit erreichbar die Urform der Werke des Sttirmers und
Drangers geboten, hier waren zum ersten Male die Briefe mit den poetischen
Werken zu untheilbarer Einheit zusammengefasst, die Erkenntniss der vollen
Personlichkeit, nicht bios der asthetische Genuss an den Dichtungen der
Zweck des ganzen Buches, Wie viel des Verdienstes jedem einzelnen von
den beiden Herausgebern der Sammlung zukommt, bleibt unentschieden ; sie
treten beide mit ihren gewissenhaften Bemtihungen um die Reinheit des
Textes, um die Sicherung zweifelhafter Datirungen u. s. w. vollst&ndig hinter
dem Dichter zuriick. Nur die Einleitung, die eine Ftille von Anregungen und
Anleitungen nicht bios zum Verst&ndniss des jungen Goethe in weitumfas-
senden Ausflihrungen enth<, hat B. unterzeichnet. So darf man denn auch
ihm in erster Linie danken, dass dies kostliche Buch den Anstoss gab zu
einer nachhaltigen Erfrischung der Goethe-Studien.
Charakteristisch ist das Bibliothekzeichen , das sich B. w&hlte: der Kopf
Goethe's neben dem Homer's. Wie in alien seinen die ganze Weltliteratur
umspannenden Studien, so hielt er auch bei der Betrachtung Goethe's, der
ihm immer im Mittelpunkte des Interesses stand, den Blick auf das Alterthum
zurtickgewendet. Aber nicht bios Goethe's Verhaltniss zur klassischen Phi-
lologie, zur homerischen und der gesammten antiken Welt entwickelt B. in
der Einleitung zu seiner Ausgabe der »Briefe Goethe's an Friedrich August
Wolf* (1868), er sucht vielmehr zugleich die schopferische Kraft der ver-
jtingten Alterthumswissenschaft an einem leuchtenden Beispiele zu erklaren.
Und welche Bedeutung der deutsche Homer ftir die gesammte deutsche
Dichtung und Bildung besitzt, welch harten und zahen Ringens es bedurfte,
um diesen kdstlichen Gewinn zu erlangen, das hat er in der Einleitung zu
seiner mustergliltigen Jubilaumsausgabe der altesten Gestalt der Vossischen
Odyssee (1881) auf das anziehendste geschildert. Ihm gentigte es nicht, eine
Dichtung in ihrer Zeit zu begreifen; er glaubte sie erst dann zu besitzen,
wenn er auch den Wandel ihrer Wirksamkeit in den verschiedenen Zeiten
Beroays. 3*1
und Valkern verfolgt hatte. »Homer in der Weltliteratur«, das ist das grosse
Lebenswerk, das er liebevoll lange Jahre im Sinne trug und das ungeschrieben
mit ihm ins Grab gesunken ist.
Die zweite grosse Aufgabe, die zu losen kaum ein anderer so berufen
war wie er, war eine zusammenfassende Biographie Goethe's. Wer die schon
erwahnten Arbeiten tiber Goethe abwagt und die in einer Reihe von Auf-
satzen, namentlich der fast den Umfang eines Buches erreichenden Ab-
handlung tiber den »franzosischen und deutschen Mahomet* (1893/94)
niedergelegten Betrachtungen hinzunimmt, wer theilnehmen durfte an seinen
mtindlichen Auseinandersetzungen tiber die einzelnen Dichtungen Goethe's
und dabei erfahren hat, wie innig er die Schonheiten Goethe'scher Lyrik
seinen Horern recitirend »vorflihlte«, wie er selbst sproden Werken wie der
»Nattirlichen Tochter*, den Maskenztigen oder der Farbenlehre das innere
Leben abzulauschen verstand, und wie scharfsinnig er die Einheit der
Goethe'schen Personlichkeit als Dichter, Gelehrter und Mensch darzuthun
wusste, der wird das Unterbleiben dieses Werkes fast ebenso beklagen wie
den ungeschriebenen »Homer in der Weltliteratur*. Nur einen kurzen Abriss
von Goethe's Leben hat B. in der »Allgemeinen deutschen Biographies (1879)
gegeben; so schon uns darin das Werden des jungen Goethe entwickelt ist,
so schmerzlich empfinden wir bei der Behandlung des machtigen Mannes und
des olympischen Greises die Beengung des knapp zugemessenen Raumes und
den Drang des festges tell ten Termins, unter dem arbeitend B. oft kaum anzu-
deuten vermochte, was er zu sagen gehabt hatte. Und wohldurchdacht,
aber unausgefiihrt hat B. noch ein drittes Werk mit sich ins Grab ge-
nommen, eine Wtirdigung seines geliebten Wordsworth, den er auch den
Deutschen naher bringen wollte.
Denn nicht auf die heimische und antike Literatur beschrankte sich die
Gelehrsamkeit und das Interesse des unermtidlichen Mannes; in gleicher
Weise war er in der englischen und den romanischen Literaturen zu Hause.
Nie erblickte er die erste Aufgabe der Kritik im Zersetzen und Bemangeln
des Unvollkommenen, sondern in der reinen Loslosung des Bleibenden aus
den Schlacken des Verganglichen. Mit unvergleichlichem Anempfindungs-
vermogen ergriff er daher von Herzen das Schone und Bedeutende, wo er
es fand, und verstand so ganz einzigartig auch in den Geist fremder Litera-
turen einzudringen, ihre Vorztige und Eigenart zu erfassen und zu erleuchten
und dabei doch vornehmlich germanischem Wesen zu huldigen. In seinen
ersten Lehrsemestern las er eigene ColJegien tiber die Tragodie Frankreichs
und Englands; spater losten sich diese Studien, wie die zur spanischen und
italienischen Literatur, zu weit ausgreifenden Excursen in den Vorlesungen
tiber die deutsche Literaturgeschichte vom Zeitalter des Humanismus bis zu
Goethe's Tode auf, woneben sich nur noch ein zweistiindiges Shakespeare-
Colleg und das Seminar erhielten. Shakespeare ist denn auch, wenn wir
von der grossen Auseinandersetzung mit der franzosischen TragOdie anlasslich
der Goethe'schen Mahomettibersetzung absehen, der einzige moderne Dichter
des Auslandes, dem B. eine grossere schriftstellerische Arbeit gewidmet hat.
Wie meistens geht B. auch in dem Buche »Zur Textgeschichte des
Schlegel'schen Shakespeare « (1872) von textkritischen Fragen aus; und wieder
gestaltet sich die grtindliche sorgsame Textreinigung, der wir seine muster-
hafte Ausgabe der Schlegel-Tieck'schen Uebersetzung (1891) verdanken, nicht
bios zu der Entstehungsgeschichte eines hervorragenden Werkes, sondern zu
352 Beraays.
einer Erklarung der nach Luther und Voss noch moglichen dritten Art der
Uebersetzungskunst, die diese beiden entgegengesetzten Meister zu versohnen
weiss. B. entfaltet hier den ganzen Reiz, der nie ausbleibt, wo ein frucht-
verheissendes Werden sich darstellt, und zeigt uns »das Erwachsen und die
schrittweise Ausbildung einer Kunst, die, nahe an die Wissenschaft rlihrend,
dazu mitwirken sollte, die Weltstellung zu begriinden, welche seit dem Be-
ginne des Jahrhunderts unsere Literatur aus eigener Kraft unter den Litera-
turen der Erdenvolker behaupteu. Nirgends hat B. glanzender bewahrt als
hier, wie er, nach Eugen Wolffs treffendem Wort, »die Andacht zum Kleinen
und Kleinsten mit Geist und weit ausschauenclem Blick vereinU.
Wie die Vossische Odyssee ist hier der Schlegel'sche Shakespeare als
ein Werk unserer vaterlandischen Literatur beleuchtet. Und wie in jener
Einleitung, wie in den meisten grosseren Arbeiten B.'s fiihrt uns auch hier
der Gang der Untersuchung auf vielfach verschlungenen Pfaden, manch un-
beachteten Ausblick beruhrend, unter mancherlei scheinbarem und wirklichen
Umweg ans Ziel. Diese Neigung, Entlegenes iiberraschend, aber doch stets
zur inneren Bereicherung in die Darstellung einzubeziehen, hat sich am
deutlichsten in B.'s letzten Arbeiten, den geistvollen Bemerkungen »Zur Lehre
von den Citaten und Noten« (1892) und der Untersuchung des »Franzosischen
und deutschen MaJiomet«, ausgepragt; im Kerne war sie aber auch schon
in seinen friihesten Schriften zu bemerken, und nicht mit Unrecht sagt
Albert Koster: »Seine Schriftstellerei hat keine Geschichte gehabt; sein
erstes Werk ist geradeso geartet und so reif wie sein letztes.« Sein Stil hat
sich wenig gewandelt; an gewahlter Sorgfalt und ausserer Klangfulle kann
er kaum ubertroffen werden, aber es mangelt ihm an der leichten Anmuth,
die ungezwungen und wechselreich mit der Gegenwart entsteht und den
Augenblick festhalt. Der ganze Vortrag ist wiirdevoll pathetisch. Es fehlen
alle leichteren Tone, und wro einmal ein Scherz versucht wird, gerath er
meist allzu ernsthaft und ungrazios. Mit Recht hat B. selbst einmal gesagt,
dass ihm »unter alien Deutschen nur Gottsched an Witzmangel gleichkommt.s
Er kann nur in festlicher Weihe als ein fast priesterlicher Redner alle seine
Gegenstande sub specie aeternitatis beleuchten. So sind seine Schriften bei
der wurdevollen Gemessenheit und anspruchsvollen Breite ihrer Form wie
der Ueberfiille ihres Gehaltes, die das Wesentliche manchmal fast von den
Beigaben uberwuchern lasst, nur mit gesammeltem Ernste und hingebender
Arbeit zu lesen.
So stellt der Schriftsteller hohe Anforderungen an seine Leser; so that
es auch der Mensch gegeniiber seiner Umgebung. Er ging so vollig auf im
Dienste der schonen Literature dass er sich auch im Alltagsleben diesem
Bannkreis nicht zu entziehen vermochte. Er forderte von seinem Kreise
riickhaltloses Eingehen auf seine Interessen, wrahrend ihm, sich anderen an-
zupassen, nicht beschieden war. Er bedurfte zum vollen Wohlgefiihle nicht
bios ruhiger Arbeit im Dienste der Wissenschaft, sondern auch lauter Zu-
stimmung und Anerkennung. Das hat ihm manche Spotter erweckt, die
solch selbstbewusster Einseitigkeit verstandnisslos gegeniiberstanden. Aber
gerade aus dieser Einseitigkeit sog er seine Kraft. Seine Grosse beruhte
nicht so sehr auf einer schopferischen Genialitat, als auf einer bewunderungs-
wiirdigen Concentrirung aller Krafte seines eisernen Willens auf die eine
grosse Lebensaufgabe, der er seine hervorragenden Geistesgaben dienstbar
machte. Solche Grosse wird immer selbstbewusst sein, und wenn dies
Bernays. 353
Selbstgefiihl auch bei B. manchmal in befremdenden Formen zum Ausdruck
kam, so hinderte es ihn doch nie, neidlos das Verdienst anderer anzuerkennen,
weil es eben seinen Ursprung in einer ehrlichen, lebendigen Begeisterung fiir
alles Scheme und Grosse hatte. Er huldigte Uberall nur der Macht seiner
Wissenschaft und dem Genius der Dichtkunst als ein enthusiastischer Diener
und forderte auch von anderen eifrig den schuldigen Tribut ein, den er selbst
so gerne entrichtete.
Die innere Selbstlosigkeit seines manchmal sich so selbstgeiallig ge-
berdenden Wesens tritt nirgends tiberzeugender vor Augen, als bei einem
kritischen Ueberblick liber seine Werke. Sie alle sind entweder mlihselige
Textreinigungen oder Einleitungen und Anmerkungen zu den grossen
Dichtern der Weltliteratur, sie alle ordnen sich dem hoheren Werke unter,
dem sie dienen. Man hat diesen Charakter einer fortlaufenden Anmerkungs-
schriftstellerei tadelnd auf ein Unvermogen zu eigenen grossen zusammen-
fassenden Werken zurtickgeftthrt, und gewiss ist die Schwache, die darin
liegt, nicht zu verkennen. Wer aber naher zusieht und all die Anregungen
und Hinweise nur einigermassen verfolgt, die hier dieser vielseitigste Literatur-
kenner unserer Zeit verstreut, wer ausserdem weiss, welch weitreichende, viel
umfassende und doch in sich gerundete Betrachtungen B. in seinen Collegien
seinen Horern bot, der kann sich auch der Erkenntniss nicht verschliessen,
dass wir in dem, was B. geschrieben, oft nur Kapiteltiberschriften, kaum
Bruchstlicke der Werke besitzen, die er zu schreiben befahigt war. Nicht
nur die Lust an mlindlicher Mittheilung, an personlicher Wirkung, worin er
denn auch sein Hochstes geleistet hat, lahmte seine literarische Produktions-
kraft, sondern vor allem die unermtidliche Freude am Vorwartsstreben, am
eigenen Lernen. Nicht die errungene Erkenntniss war seine grosste Freude,
»ihn reizte die Untersuchung, das Finden* (Max Koch.) Mit Lessing wiirde
er flir den Besitz der vollen Wahrheit doch nicht das Streben nach Wahrheit
hingegeben haben. »Die ganze ungeheure Masse des Gelesenen ist ihm
immer nur Mittel zum Zwecke einer harmonischen Ausbildung seiner Per-
sonlichkeiU (Albert Koster). Und so wird jeder, der ihn gekannt, mit
August Sauer die tiefe personliche Bedeutung einer Stelle in seinem Aufcatz
»Zur Kenntniss Jakob Grimms* empfinden, »die daran riihrt, was wir die
Tragik seines Lebens nennen dtirfen*: »Wenn ihn die Wonne des Lernens
wie mit damonischer Gewalt tibermeisterte, dann ward sie wohl zuweilen
auch ihm getrlibt durch die Erkenntniss, die selbst dem reichsten und em-
pfanglichsten Geiste aufgenothigt wird. Denn selbst ein solcher muss zu der
triiben Einsicht gelangen, wie eng begrenzt das Auffassungsvermogen bleibt,
mit welchem der Mensch sich dem unbegrenzbaren Reichthum der Wissen-
schaft gegentiber stellt. Und wer, der aus innerem Drange den Machten
der Kunst und Wissenschaft dient, wer hat ihn nicht empfunden den edlen
Schmerz, der unvermeidlich uns ergreift bei dem Gedanken, dass wir in
das Dunkel des Todes eingehen mtissen, ehe wir so manches Hohe und
Hochste, das der gottdurchdrungene Menschensinn geschaffen, uns aneignen
konntenU
Wenn B. sich in dieser Gesinnung mit voller Hingabe dem Dienste der
Wissenschaft weihte, so hat er dadurch doch nicht den Zusammenhang mit
den grossen Fragen des offentlichen Lebens verloren. In seinen Abschieds-
worten am 11. M^rz 1890 sprach er die bedeutsamen Worte: »Ich kann das
Verhaltniss deutscher Wissenschaft zum deutschen Leben nicht denken, ohne
Blogr. Jahrb. a. DeaUchtr Nekrolog. 2. Bd. 23
^54 Bernays.
von neuem es mir zu vergegenwartigen, dass die deutsche Wissenschaft un-
geheure ethisch nationale Aufgaben zu losen hat.« In diesem Sinne hatte
er stets seine Aufgabe erfasst. Mit historischem Tiefblick wusste er die Be-
ziehungen der Literatur zur politischen Geschichte darzulegen, und wohl kein
anderer hat den Anteil unserer Dichtung und Wissenschaft an der Erhebung
des deutschen Wesens gegen Napoleon I. und III. und an der Einigung
Deutschlands so begeistert und iiberzeugend geschildert wie er. Und nicht
bios Hterarhistorische Gedenktage wie der ioo. Geburtstag Uhlands oder der
ioo. Todestag Lessings gaben ihm Anlass, den Gang seiner Vorlesungen mit,
dem Genius der Stunde geweihten, Betrachtungen zu unterbrechen ; auch den
1 8. Januar Hess er kaum je vorlibergehen, ohne des Tages als Geburtstag
des neuen Reiches in wtirdigen, oft hinreissenden Ausftihrungen zu gedenken.
Die Aufzeichnungen seiner Tagebticher verrathen, mit welch gespannter Aufrnerk-
samkeit er dem politischen Leben folgte, stets von gllihender nationaler Begeiste-
rung erfiillt. »Wer sollte sich nicht aufgerufen fuhlen«, schreibt er i. J. 1878
ziirnend, »gegen die wiederbeginnende Selbstzerfleischung Deutschlands zu reden
und zu handeln? Welche Zerfahrenheit der Gesinnungen ! Welche Umnachtung
der Geister! Das ist noch immer dasselbe Volk, das den 30jahrigen Krieg
erzeugte.« Und im Marz des Jahres 1888 findet sich folgender Eintrag:
»Ich gedachte fortwahrend der grossen Wendung in den Geschicken des
deutschen Reiches. Unwillktihrlich erinnere ich mich der Worte Niebuhrs
aus dem Jahre 1830, die ich schon einmal in einem politischen Aufsatze
angewandt: Griechenland — das Deutschland des Alterthums — absit omen!«
Mit Bektimmerniss verfolgte er das Erstarken des Ultramontanismus, der ihin
zuerst im Jahre 1870 als die grosste Gefahr Deutschlands erschienen war.
Lag ihm auch seinem Wesen nach der Humanismus naher als die Refor-
mation, Erasmus naher als Luther, so war es doch seine unzerstdrbare
Ueberzeugung : »In der Reformation hat der deutsche Geist seinen Ausdruck
gefunden. Sie ist die Bedingung fiir alles Grosse geworden, was der
deutsche Genius seitdem geleistet.« So musste ihn denn der Uebergang des
Presidiums des deutschen Reichstages an einen Ultramontanen mit dem tief-
sten Schmerze erflillen.
Wenn B. so den Gefahren der inneren Zwietracht und der ausseren Politik
sorgend den Blick zuwandte, so erschien ihm doch die soziale Bewegung der
Gegenwart in noch hoherem Grade bestimmt, die Zukunft der ganzen Welt
zu beherrschen. Auch auf diesem Gebiete wusste er die Erscheinungen seiner
Zeit stets im Zusammenhange mit dem ganzen politisch-socialen Zustande des
Jahrhunderts zu betrachten. »Ein weltgeschichtlicher Gegenschlag gegen die
franzosische Revolution und ihre Prinzipien oder eine gewaltsame Fortbildung
derselben bereitet sich vor«, schrieb er i. J. 1878 an einen Freund
»Die Frage nach Recht und Besitz nimmt eine greifbare, furchtbar drohende
Gestalt an. Doch vertraue ich fest auf den endlichen Sieg der erhaltenden
Krafte; denn in den Massen der Gegner ist offenbar nur ein sinnliches Ver-
langen, aber keine lebengebende Idee machtig.«
Bei diesen tief begrtindeten Anschauungen, bei dieser warmen Ergriffen-
heit von der Grosse der Zeit, in der er lebte, mag es verwunderlich er-
scheinen, dass er sich darauf beschrankte, in seiner Lehrthatigkeit stets die
nationalen Gesichtspunkte zu betonen, und auf ein selbstandiges Eingreifen in
das politische Leben verzichtete. »Aber ein jeder dient dem Vaterlande auf
seine Weise«, flihrte er dem gegentiber schon in seiner ersten Schrift (1866)
Bemays. Mertens. 355
aus. »Nicht alien wird es beschieden, mit dem Wort oder mit dem Schwert
unmittelbar zu kampfen fUr die Entscheidung der grossen Angelegenheiten,
an welche das Schicksal der Nation gekntipft ist. Auch wir, die der stillen,
aber nie stillstehenden geistigen Arbeit hingegeben sind, auch wir dienen
dem Vaterlande; zu seinem Wohle, zu seinem Ruhme muss alles ausschlagen,
was wir Heilsames und Wlirdiges unternehmen. In der glorreichen Zeit, die
liber Deutschland leuchtend heraufzusteigen beginnt, soil das lebendige Fort-
wirken der grossen Geister, die uns eine neue Epoche der Bildung begrttndet
haben, alien Kreisen unseres Volkes einen immer reicheren geistigen Segen
bringen.* Und so glaubte er auch hier Goethe recht zu verstehen, wie er
in der Universalitat seiner Literaturstudien Goethes Gedanken einer Welt-
literatur folgte. B. hat uns begreifen gelehrt, dass Goethe im hochsten Sinne
wahren Patriotismus bewahrte, als er bei dem politischen Zusammenbruch
im ganzen alten Reiche imermlidlich in strenger Arbeit nicht bios die eigene
geistige Freiheit behauptete, sondern sie auch anderen Genossen wie
Fr. Aug. Wolf durch seine Ermuthigung und sein Beispiel wiedergewann
und somit die Kraft festigte und starkte, die allein Deutschlands Wieder-
geburt ermoglicht hat. So konnte fiir B. auch wieder Goethe der Heros sein,
unter dessen Zeichen er auch das neue Reich erblickte. In diesem Sinne er-
hob er im August 1 871 als erster seine Stimme fiir die Grtindung einer Goethe-
gesellschaft. Ist auch dieser Gedanke erst viele Jahre spelter verwirklicht
worden, so wird doch ein Geschichtschreiber der Nachwirkung Goethes in
Deutschland stets nachdriicklich auf diese Anregung hinweisen mtissen. Sie
giebt der Bedeutung, die unsere Dichtung fiir das gesammte deutsche Volks-
leben besitzt, den sinnenfalligsten, klarsten Ausdruck; sie ist auch eine schone
Probe, von welch hohen, weit tiber die Grenzen seiner Fachwissenschaft
hinausweisenden Gesichtspunkten aus B. seine Lebensaufgabe erfasst hatte,
die er denn auch, trotz der Nichtvollendung so manchen Werkes, das er ver-
heissen, in lebendig fortwirkender Weise gelost hat.
Ein sehr ahnliches und charakteristisches Portrat B.'s ist dem 2. Bande seiner »Schriftcn
xur Kritik und Literaturgeschichtec beigegeben, der auch, wie erwahnt, ein zuverlassiges,
von G. Witkowski zusammengestelltes Schriftenverzeichniss en t halt Von den in Tages-
blattern und Zeitschriften erschienenen Nekrologen mogen hervorgehoben sein die Aufsatzc
von Hermann Uhde, B.*s Stiefsohne, im »Biographischen Jahrbuch«, 1. Jahrgang, S. I7*ff.;
von G. Witkowski im »Magazin fiir Literatur* 1897, No. 10; von Alfred Dove in der
Bcilage zur »Allg. Ztg.« 1897, No. 46; von Max Koch im Shakespeare-Jahrbuch, 33. Jahrg.,
S. 260 ff.
Erich Petzet.
Mertens, Franz, Architekt, * 1808 in Dtisseldorf, f am 30. Mai 1897 in Berlin
im 90. Lebensjahre. — Man darf ihn den Begriinder der Geschichte der mittel-
alterlichen Baukunst nennen. Nachdem er aus Darstellungen mittelalterlicher
Kirchen in den Werken von Wiebeking und Chapuy erkannt hatte, dass der
Ursprung der sog. gothischen Baukunst nicht, wie man bis dahin annahm,
in Deutschland, England oder Spanien, sondern in Nord-Frankreich zu
suchen sei, ist er unermtidlich in Erforschung der mittelalterlichen Baudenk-
maler thatig gewesen. Freilich sind die ausseren Erfolge, die seine ersten
verdienstvollen Untersuchungen und Ver6ffentlichungen erwarten liessen, nicht
in Erfiillung gegangen. Personliche Fehden, drlickende materielle Sorgen,
in die er gerathen war, und liberhaupt ein hoffnungsloses Missverhaltniss
zur Aussenwelt haben lahmend auf seine rastlose Arbeit eingewirkt und ver-
23*
356 Mertens.
ursacht, dass sein Name wie seine Thaten sogar manchem Kunstgelehrten
bis heute unbekannt geblieben sind. Auf der Berliner Bauakademie aus-
gebildet, gab er 1835 das Baufach zu Gunsten der Kunstforschung auf und
ging, nachdem er in demselben Jahre in Kugler's » Museum* einen kritischen
Aufsatz liber seine bisherigen Studien veroffentlicht hatte, nach Paris. Von
dort aus nahm er griindliche Untersuchungen der mittelalterlichen Baudenk-
maler vor mnd arbeitete bis 1840 ein vollstandiges chronologisches und geo-
graphisches System der mittelalterlichen Baukunst des Abendlandes aus, ge-
ordnet nach Stilen, Volksstammen, Schulen und Provinzialismen sowie nach
Schopfungs- und Nachahmungsbauten, und zwar in dem Sinne, dass die
romanische Baukunst (zuerst der Schule von Franzien, dann auch der Schule
der Normandie) hinsichtlich der Massentheilung und der Gewolbesysteme im
n, und 12. Jahrhundert die Gothik vorgebildet h&tte. Der Uebergang zur
Gothik habe sich 1235 bis 1250 an der Abteikirche von St. Denis voll-
zogen, die weitere Ausbildung des neuen Stiles sei dann an anderen Bau-
werken Frankreichs, seine Ausbreitung schliesslich seit 11 74 in England, seit
1208 und in durchgebildeter Weise seit 1227 in Deutschland erfolgt, und
zwar damit, dass durch ihn die bis dahin herrschenden abendlandischen
Schulen aus ihrer Uebung verdrangt worden seien. — Fast gleichzeitig mit
M. und unabhangig von ihm, jedoch ohne griindliche Ausfiihrung, ausserte
librigens 1835 Wetter in Mainz, dass die sog. gothische Baukunst aus Frank-
reich stammen mtisse, und Dahl veroflTentlichte eine Urkunde liber die
gothische Stiftskirche in Wimpfen, nach welcher diese (um 1262 bis 1278)
von einem aus Paris gekommenen geschickten (deutschen) Baumeister in
franzosischer Bauart errichtet sei. Auch zeigte sich spater, dass schon 1809
der Englander Wittington auf die seit 1235 erbaute Abteikirche in St. Denis
als wahrscheinlich sUtesten gothischen Bau hingewiesen hatte. Hatte M.
bereits in Frankreich, u. a. bei Mdrimde, Eifersucht wegen seiner ergebniss-
reichen Forschung erfahren, so erging es ihm ahnlich in Deutschland, wo
Kugler und Schnaase frtiher gehegte Anschauungen den M.'schen Ent-
deckungen gegenliber aufgeben mussten und aufgaben, ohne M.'s Vorrang
in dieser Beziehung anzuerkennen. Diese Versagung gebtihrender Anerkennung
tragt wesentlich Schuld an seiner Verbitterung und an seinem Misstrauen
gegen die Aussenwelt. M. schrieb dann auch Baugeschichtliches Uber Prag,
Salzburg und Serbien und verfasste sonst noch kleinere wissenschaftliche
Schriften. Als Hauptarbeit seines Lebens hatte der Verstorbene ein grosses
Werk Uber die Baukunst des Mittelalters in Angriff genommen, von dem aber
nur die chronographischen Tafeln liber Deutschland nebst Text (Berlin 1851)
und die Denkmalkarte nebst Text (Berlin 1864 und 1876) zur Herausgabe
kamen. Das Uebrige sowie eine verbesserte Ausgabe der Tafeln iiber
Deutschland hielt er misstrauisch zurtick, und es ist unbekannt, was er
testamentarisch tiber etwaige VeroflFentlichung der Bruchstticke dieses Werkes
bestimmt hat. Seine letzten Veroffendichungen betrafen die Griindung des
Kolner Domes und den ersten Kolner Dombaumeister (Zeitschrift ftir Bau-
wesen 1862) sowie die Grenze deutscher und franzosischer Baukunst in
Lothringen (Deutsche Bauzeitung 1870). — Der verdiente Forscher ruht
nun in kiihler Erde aus von seiner rastlosen Arbeit. Eine kleine Schaar
von Anhangern und Freunden nur gab seiner sterblichen Hiille auf den
katholischen Friedhof in Weissensee das letzte Geleit. Sein Name aber wird,
unzertrennlich von der Forschung mittelalterlicher Architekturgeschichte, fort-
Mertens. Loenartz. Krancke. «j
leben und an Anerkennung und Bedeutung gewinnen von Geschlecht zu Ge-
schlecht.
Centralblatt der Bauverwaltung XVII, 23. Mff.
Loenartz, Jakob, Geheimer Baurath, * am 5. M&rz 1835 *n Ernst an der
Mosel als Sohn eines Weingutsbesitzers, f am 31. Oktober 1897 in Magdeburg.
— Urspriinglich flir den Beruf des Vaters bestimmt, wandte er sich spater
aus eigenstem Antriebe dem Studium des Baufaches mit bestem Erfolge zu.
Er wurde im April 1861 zum Bauflihrer, im Marz 1864 zum Feldmesser
und im Januar 1869 zum Baumeister ernannt. Als Bauflihrer war er bei
dem Bau verschiedener Strassen und Bahnlinien im Rheinlande sowie mit
Wasserbauten an Rhein und Mosel beschaftigt, als Baumeister kurze Zeit bei
der stadtischen Verwaltung in Berlin. Im Marz 1869 siedelte er dann nach
Ungarn tiber, das ihm sechs Jahre lang eine neue Heimath und ein Feld
reicher Thatigkeit werden sollte. Er hat dort anfangs als Abtheilungs-, dann
als Ober- und Chefingenieur bei zahlreichen Bahnbauten mitgewirkt und
sprach stets mit besonderer Freude von dieser Zeit frohlichen Schaffens. Im
Juni 1875 *n den preussischen Staatsdienst zurlickgekehrt, Ubernahm er die
Kreisbaumeisterstelle in Frankenstein in Schlesien, wo er im September 1875
zum Kreisbaumeister ernannt wurde. Im Januar 1878 trat er zur Elbstrom-
bau verwaltung tiber, wurde im Juni 1878 zum Wasserbauinspektpr ernannt
und waltete bis Juli 1882 als standiger Vertreter des Elbstrombaudirektors.
Dann wurde er als Regierungs- und Baurath nach Gumbinnen berufen, wo
er ftinf Jahre thatig war. Im November 1887 erfolgte auf seinen Wunsch
seine Versetzung in gleicher Eigenschaft nach Danzig und im Juli 1 889 nach
Oppeln. 1890 ward ihm der Rothe Adler-Orden und im December 1891
der Charakter als Geheimer Baurath verliehen. In seiner Stellung in Oppeln
hat der Verstorbene sich besondere Verdienste durch den Ausbau des
Klodnitz-Canals erworben. Auch fand er hier reichlich Gelegenheit, seine in
Ungarn erworbenen Kenntnisse bei den zahreichen Bahnbauten in den ober-
schlesischen Industriebezirken zu verwerthen. Eine mit grossem Fleisse zu-
sammengetragene Denkschrift tiber die Neisse entstammt gleichfalls dieser
Zeit, und auch an den Arbeiten zur Canalisirung der oberen Oder hat er
thatigen Antheil genommen. Am 1. Juli 1896 wurde er als Elbstrombau-
direktor nach Magdeburg berufen, und gerade diese Versetzung in einen
ihm besonders zusagenden Wirkungskreis war ihm, wie er oft und gern aus-
sprach, eine grosse Freude. Er betrachtete sie als ein Zeichen ganz be-
sonderen Wohlwollens seiner vorgesetzten BehOrde. In der schOnen Luft
des Elbstromes und auf den Dampferfahrten, die der neue Dienst mit sich
brachte, hoffte er Heilung zu finden von einem Unterleibs- und Magenleiden,
das er sich bei den ungezahlten anstrengenden Wagenfahrten in seinem
frtiheren Wirkungskreise zugezogen hatte. Die Hoflfhung erftillte sich leider
nicht. Asthma und Herzkrankheit gesellten sich hinzu und rafften ihn un-
erwartet mitten aus freudigem Schaffen hinweg.
Centralblatt der Bauverwaltung XVII, 45 A.
Bauer.
Krancke, Theodor, Geheimer Baurath, * am 18. Februar 1820 in
Hannover, f am 28. Januar 1897 zu Berlin im hohen Alter von fast 77
Jahren. — Abermals hat sich die Graft geschlossen liber einem jener nur
noch. wenigen Veteranen des Eisenbahnwesens, deren ganzer Lebensweg ge-
358
Krancke.
wissermaassen Schritt hielt mit der Entwickelung ihres Faches. K. genoss
seine Schulbildung auf dem Lyceum und bezog dann die polytechnische
Schule seiner Vaterstadt. Im Jahre 1845 zum hannoverschen Bauconducteur
ernannt, baute er die Kettenbriicke in Hameln, was die Veranlassung gab,
dass die Stadt Mannheim ihn bald darauf mit dem Bau der dortigen Ketten-
briicke betraute, neben der Hamelner Briicke eines der ersten Bauwerke
dieser Gattung in Deutschland. Nachdem er dann als Ingenieur im Dienste
der Hannoverschen Staatsbahn die Leinebrlicken bei Herrenhausen ausgefuhrt
und bei den Bauten der Slidbahn thatig gewesen war, wurde er 1854 zum
Betriebsinspector, 1856 zum Betriebsdirector in Gottingen ernannt und als
solcher 1864 nach Bremen versetzt. 1866 trat er in den preussischen Staats-
dienst liber, verliess diesen aber bereits im folgenden Jahre, um als Betriebs-
director und Mitglied des Directoriums der Magdeburg-Leipziger Bahn nach
Magdeburg uberzusiedeln. Nach der Verstaatlichung des Magdeburg-Halber-
stadter Unternehmens im Jahre 1880 trat er als Regierungs- und Baurath
wieder in den preussischen Staatsdienst ein, wurde 1881 als Oberbaurath
und Diligent der III. Abtheilung an die Direction Berlin versetzt und ver-
blieb in dieser Stellung — seit 1885 als Vertreter des Prasidenten — , bis
er am 1. April 1895 bei der Neuordnung der Staatsbahnverwaltung als Ge-
heimer Baurath zur Verftigung gestellt wurde. K. war als Zeitgenosse von
Funk, Durlach und Buresch an dem Ausbau des hannoverschen Bahnnetzes
hervorragend betheiligt und war demnachst in Bremen und Magdeburg fast
ausschliesslich im Betriebe thatig, bis ihn sein Wirkungskreis in Berlin wieder
mehr der Bauthatigkeit nahe brachte. In dieser Zeit entwickelte er auch im
geschaftsfiihrenden Ausschuss des Vereins deutscher Eisenbahn-Verwaltungen
eine umfassende Thatigkeit. Seine reiche Erfahrung auf fast alien Gebieten
des Eisenbahnwesens, seine Liebenswiirdigkeit im dienstlichen Verkehr, seine
selbst im vorgertickten Lebensalter noch erstaunliche geistige Frische sicherten
ihm stets allseitige Anerkennung, die von Seiten des Staates auch durch
Verleihung des Rothen Adler-Ordens III. Klasse mit der Schleife und des
Kronen-Ordens II. Klasse Ausdruck fand. Man wlirde aber kein vollstandiges
Bild von der Personlichkeit des Verstorbenen gewinnen, wenn man ihn
lediglich im Lichte seines fachlichen Wirkens betrachten wollte. Er war eine
reich veranlagte Natur, in kiinstlerischer Beziehung wie im geselligen Verkehr.
Besonders seine musikalische Begabung, verbunden mit einer herrlichen Bass-
stimme, kam schon im Kunstlerverein in Hannover hervorragend zur Geltung
und ftihrte zu engeren Beziehungen mit namhaften Musikern und Ktinstlem,
wie Marschner, Lachner, Niemann und Wachtel, wahrend als sein vertrautester
Freund aus jener Zeit der jugendfrische »alte Haase« zu nennen ist In
geselligen Kreisen war er infolge seiner liebenswlirdigen personlichen Eigen-
schaften (iberaus beliebt, namentlich auch wegen seines Humors, der beson-
ders in gelegentlichen launigen Tischreden zum Ausdruck kam. Auch seine
Wirksamkeit als Vorsitzender des Magdeburger Architekten- und Ingenieur-
vereins lebt in dankbarer Erinnerung. Trotz seiner umfangreichen geschaft-
lichen Thatigkeit fand K. doch Zeit, sich einem ausserordentlich glucklichen
Familienleben mit voller Hingabe zu widmen, die ihm denn auch in den
schweren Tagen des langen Leidens, das ihn endlich dahingerafft hat, von
den Seinigen mit sorgender, aufopferndster Liebe gelohnt worden ist.
Centralblatt der Bauvcrwaltung XVII, 6.
Suche. Salzmann.
359
Suche, Ludwig, Geheimer Regierungsrath, * 1822 in Wehlau, Ostpreussen,
f am 10. September 1897 in Bromberg. — S. widmete sich zunachst dem
Forstfache, trat dann aber in bereits vorgertickterem Lebensalter zum Baufache
iiber und wurde im Jahre 1857 zum Baumeister ernannt. Die lange Reihe
von Jahren, in denen er, anfanglich im Dienste der Stettiner Eisenbahngesell-
schaft, spater im preussischen Staatseisenbahndienste, meist in der Nahe seiner
Heimath als Beamter thatig war, sind durch ein aussergewOhnlich reiches und
erspriessliches Wirken auf dem Gebiete des Eisenbahnbaues ausgef (illt. Wahrend
dieser Zeit wurde er 1867 zum Eisenbahn-Baumeister, 1868 zum Eisenbahn-
Bau- und Betriebsinspektor, 1873 zum Baurath, 1875 zum Regierungs- und
Baurath, 1 888 zum Geheimen Regierungsrath befordert. Besonders im Briicken-
bau war S. ein anerkannter Meister, wie dieses die von ihm oder unter seiner
Oberleitung ausgefiihrten Brticken tiber die Oder bei Stettin, die Memel bei
Tilsit, die Weichsel bei Thorn, Graudenz, Dirschau und Fordon so wie zahl-
reiche kleinere Bauwerke auf den ostlichen Eisenbahnstrecken beweisen. Seine
hervorragenden Leistungen haben allseitige Anerkennung gefunden und sind
mehrfach, zuletzt noch bei seinem Scheiden aus dem Dienst, durch Ver-
leihung des Kronen-Ordens II. Klasse belohnt worden. Nachdem er in den
letzten vierzehn Jahren seiner langen, mlihevollen, aber erfolgreichen Dienst-
laulfbahn als Dirigent der Neubauabtheilung der Koniglichen Eisenbahndirection
in Bromberg gewirkt hatte, wurde er am 1. April 1895 ZUT Verftigung gestellt.
Der ihm hierdurch zu Theil gewordenen, wohlverdienten Ruhe hat er sich
leider nicht lange mehr erfreuen sollen.
Ccntralblatt der Bauverwaltung XVII, 38. — b—
Salzmann, Max, Dombaumeister, * am 20. August 1850 in Breslau, f am
6. Februar 1897 in Bremen. — Seit dem Spatsommer vorigen Jahres an
einem bosartigen Hautiibel erkrankt, hat er in den verschiedensten Heilanstalten
der Schweiz, Hamburgs und seines Wohnortes vergebens Genesung gesucht.
Am Sonnabend Nachmittag ist er im Bremer Stadtkrankenhause einer hinzu-
getretenen Gehirnaffection erlegen. S. stand erst im 47. Lebensjahre. Noch
ist es in aller Erinnerung, wie er im Jahre 1888 als Sieger in der Preisbe-
werbung um die Wiederherstellung des Bremer Domes aus seinem stillen
Wirkungskreise in Marienwerder, wo er Bauinspektor war, nach Bremen be-
rufen, zum Dombaumeister ernannt und mit der Ausftihrung seines Entwurfes
betraut wurde. Seit jener Zeit hat er an diesem seinem Lebenswerke mit
hingebendem Eifer und hervorragendem ktinstlerischen wie technischen Konnen
geschaffen. Bereits sind die Haupttheile des Erneuerungsbaues, vor allem die
Westfront mit den beiden ernsten romanischen Thurmen glticklich durchge-
fiihrt, und man ist soeben beschaftigt, die Pfeiler des Vierungsthurmes zu
unterfahren. Die Vollendung seines Werkes sollte der Dombaumeister nicht
erleben ; noch zweier Jahre etwa wird es bis zur Beendigung der sammtlichen
geplanten Wiederherstellungsarbeiten bedlirfen. Der Dombau ist aber nicht
das einzige Werk, das S. in Bremen hinterlasst. Die vor kurzem vollendete
Rathsapotheke mit ihrer prachtigen neuen Schauseite, die Wiederherstellung
der Front der Liebfrauenkirche, mehrere Privatbauten, der nach seinen Planen
begonnene Umbau des Schtittings am Marktplatze zeugen davon, wie fest S.
in Bremen bereits Wurzel gefasst hatte, und werden sein Gedachtniss dort
und in weiten Kreisen dauernd fortleben lassen.
Ccntralblatt der Bauverwaltung XVII, 6 A,
360 Katz. Brodkorb.
Katz, Fr., Baurath, frtiher Wasserbauinspektor des Elbstrombaubezirks
Hitzacker, * am 28. Mai 1828 in Hameln, f am 30. Mai 1897 in Hamburg.
— K. war nach Vollendung seiner Studien in den Jahren 1850 bis 1856 als
Wasserbauflihrer mit Vermessungen in verschiedenen Wasserbauinspectionen
thatig und wurde 1857 zum hannoverschen Wasserbauconducteur, i860 zum
Wasserbauinspector ernannt. Im Jahre 1868 in den preussischen Staatsdienst
tibernommen, hat er von da ab bis zu seinem Uebertritt in den Ruhestand
am 1. April 1895 ununterbrochen die Wasserbauinspection Bleckede bezw.
Hitzacker verwaltet. In dieser Stelle hat er sich durch Sorgfalt und Geschick
in der Behandlung von Correctionsbauten und Verbesserung der Fahrstrasse
der Elbe, sowie durch tlichtige Ausbildung der ihm unterstellten Beamten
grosse Verdienste erworben.
Centralblatt der Bauverwaltung XVII, 24 b.
Brodkorb, Karl Wilhelm Julius Theodor, Theologe, * am n.Marz
1806 zu Wolfenbiittel, f am 18. Marz 1897 zu Braunschweig. — Er stammte
aus gutbtirgerlichen Kreisen; sein Vater Joh. Andr. Seb. B. (f 4. Oct. 1840)
war Perrlickenmachermeister, seine Mutter die Tochter des Backermeisters
Paulmann in Braunschweig. Nachdem der Sohn bis Ostern 1824 das Gym-
nasium seiner Vaterstadt besucht hatte, bezog er die Universitat Gottingen,
um einer frllhen Neigung folgend Theologie zu studiren. Er hat hier beson-
ders den Unterricht des Professors Eichhorn genossen, sich aber auch eifrig
an den Uebungen der societas theologica latina betheiligt. Anfangs bewegte
sich sein Studium ganz in den hergebrachten rationalistischen Geleisen, doch
gelang es ihm, allmahlich, nicht ohne innere Kampfe, zu festem kirchlichem
Glauben sich durchzuringen. Am 14. December 1827 bestand er in Wolfen-
biittel die »vorlaufige Priifung*. Er begab sich dann nach Berlin, wo er
insbesondere durch die Lehre Schleiermachers und Neanders eine wesendiche
Vertiefung seiner theologischen Auffassung erhalten sollte. Nachdem er dann
bei Pastor Breithaupt in Watzum eine Zeit lang als Hauslehrer gewirkt hatte,
bestand er am 1. Juli 1831 das »theologische Hauptexamen« mit der seltenen
Nummer »wohlbestanden«. Sein entschieden positiver kirchlicher Standpunkt
war schon damals bekannt und wohl der Anlass, dass er sich in Braunschweig
zweimal vergeblich um eine Stadtadjunctur bewarb. Doch war der Abt
Hoffmeister trotz abweichenden Anschauungen gerecht genug, dem eifrigen
und ttichtigen Jllnglinge die neu begrlindete Gefangnisspredigerstelle in Wolfen-
biittel zu verschaffen. Am 11. December 1831 ward er ftir sie ordinirt.
Schon bei dieser Gelegenheit zeigte sich B.'s ehrlicher, fester Charakter, der
nur im eigenen Gewissen die Richtschnur seines Handelns fand. Er weigerte
sich, das Corpus doctrinae Julium mit der seit 1709 vorgeschriebenen scharfen
Verpflichtungsformel, an der schon viele Geistliche stillschweigend Anstoss
genommen hatten, zu unterzeichnen, und setzte es durch, dass in Zukunft
eine mildere Fassung gewahlt wurde, die nicht auf den Wortlaut der Kirchen-
ordnung, sondern auf die darin enthaltene evangelische Lehre verpflichtete.
Neben seinem geistlichen Amte hatte B. auch an der Burger- und Tochter-
schule Unterricht zu ertheilen. Bereits in dieser Zeit versuchte er mit einigen
Gleichgesinnten eine Bibel- und Missionsgesellschaft ins Leben zu rufen, doch
gelang nur die Grtlndung einer Bibelgesellschaft, wahrend eine Landesmissions-
gesellschaft im Braunschweigischen erst 1848 nachfolgte. Als er 1835 die
Pfarre in Berel erhalten hatte, vermahlte er sich am 23. August d. J. mit
Brodkorb. 361
Emilie Salomon, der Tochter des Rentners Salomon in Wolfenbtittel. Im
Jahre 1846 ward er Superintendent in Bevern. Von hier aus hat er sich
eifrig an den Verhandlungen des Amelunxborner Predigervereins betheiligt,
von dem manche heilsame Anregungen, die Bitte um Gewahrung einer Pres-
byterialverfassung u. a. ausgingen. Das Gesetz vom 30. November 185 1 liber
die Errichtung von Kirchenvorstanden ist z. Th. dadurch veranlasst. Um das
kirchliche Leben zu fordern gab B. seit Februar 1850 in Verbindung mit
mehreren Geistlichen das »Kirchenblatt f. d. evang.-lutherische Gemeinde des
Herzogthums Braunschweig« heraus; seit 1851 flihrte er die Redaction nur
noch zusammen mit E. J. L. Fr. Wolff, dem er sie dann 1853, nicht zum Vor-
theile des Blattes, ganz allein iiberliess. Als am 1. September 1852 in Braun-
schweig die Conferenz von Dienern und Freunden der lutherischen Kirche
zusammen trat, ward B. zum Vorsitzenden der ersten Versammlung gewahlt,
und er hat bis zu seinem Tode zu den Vorstandsmitgliedern der Conferenz
gehort. Da mit der Zeit seine Kinder heranwuchsen, sah B. sich genothigt,
zu einer eintraglicheren Pfarre sich zu melden. Im Herbste 1858 wurde ihm
die zu Benzingerode am Harze zu Theil, die er noch fast 30 Jahre verwaltete.
Das Vertrauen aber, das er sich in seiner friiheren Wirkensstatte erworben
hatte, zeigte sich spater noch darin, dass ihn die Geistlichen der Kreise
Holzminden und Gandersheim 1869 in die Landesversammlung wahlten, der
er bis Herbst 1875 angehorte. Hier trat er besonders am 30. Marz 187 1
hervor, wo er bei Berathung eines Antrags auf Aenderung des Thronfolge-
rechts, der von dem Notar A. Mtiller gestellt war, aber nicht angenommen
wurde, unbeirrt durch die herrschenden Tagesmeinungen seinen strengen
legitim-monarchischen Standpunkt mit Entschiedenheit vertrat und insbesondere
durch den kraftigen Hinweis auf den dem Konige Georg V. schon geschworenen
Erbhuldigungseid auch bei Andersgesinnten einen grossen Eindruck hervorrief.
Ein Zeichen der von ihm nichts weniger als beabsichtigten Anerkennung war
die kurz darauf erfolgte Verleihung des Ordens Heinrichs des Lowen von
Seiten des Herzogs Wilhelm, eine Auszeichnung, die bis dahin einem ein-
fachen Geistlichen noch nicht zu Theil geworden war. Eine selbstandige
Haltung bewies er auch bei Berathung des Antrags, den Herzog um Abschluss
einer Militarconvention mit Preussen zu bitten ; er und ein geistlicher College
stimmten allein gegen den Antrag.
Durch ein eifriges Studium der Bekenntnissschriften war er immer mehr
zu einem bewussten Lutheraner geworden. Daher suchte er nicht nur im
Lande, sondern auch ausserhalb desselben die Sache des Lutherthums nach
Kraften zu unterstiitzen. Als im ehemaligen Kurflirstenthum Hessen 1873
eine Anzahl lutherischer Geistlicher ihres Amtes entsetzt waren, weil sie gegen
die Bildung des Consistoriums aus lutherischen, reformirten und unirten Mit-
gliedem beharrlich Protest einlegten, war er vor Allem mit dabei thatig,
durch offentlichen Aufruf einen Unterstlitzungsfonds fur jene Manner zusammen
zu bringen. Er zog sich dadurch zwar einen Verweis seiner vorgesetzten
Behorde zu, hatte aber die Freude, dass jener Schritt von gutem Erfolge ftir
die Glaubensbrtider begleitet war. Eifrig wachte er tiber die Aufrechterhaltung
kirchlicher Rechte, wo immer sie ihm bedroht schienen. Dahin zielten be-
sonders zwei Broschliren, die er »zur Beleuchtung des Civilstandsgesetzes*
(1879) und y>zuv Wahrung des kirchlichen Rechts und der kirchlichen Ver-
wendung des Braunschweigischen Klosterfonds« (1885) verfasste. Am 18. De-
cember 1 88 1 zur Feier seines sojahrigen Dienstjubilaums erhielt er den Titel
362 Brodkorb. Otto-Thate.
eines Kirchenraths. Im Herbste 1886 trat er in den Ruhestand. Er zog
nach Braunschweig, wo er als »Blatter vom Baume des Lebens« 1888 erne
Sammlung von Predigten liber die Evangelien des Kirchenjahres veroffentlichte.
Ihn uberlebte seine \Vittwe, mit der er das seltene Fest der diamantenen
Hochzeit hatte feiern konnen.
Vergl. J, Bcstc im Braunschw. Magazin 1897 No. 8, S. 57—60; Brunonia 1897
No. 20—24.
P. Zimmermann.
Otto-Thate, Karoline Christiane, Schauspielerin, * am 1. Marz 1822 zu
Braunschweig, f am 19. Marz 1897 zu Stuttgart. — Sie war die Tochter eines Satt-
lermeisters. Da sie friih eine grosse Neigung ftir die BUhne zeigte, so ging sie
nach Bremen zu ihrem Oheim, Friedrich Lemcke, der als Vater- und Charakter-
spieler am dortigen Theater angestellt war. Nachdem sie dessen Unterricht drei
Monate genossen, trat sie bereits (1842) als »Toni« in Korners gleichnamigem
Drama mit bestem Erfolge auf und fand nun in Bremen fiir das Fach der ju-
gendlichen Liebhaberinnen Verwendung. Etwa ein halbes Jahr spater (Som-
mer 1843) zeigte sie sich als Marie in »Muttersegen« in ihrer Vaterstadt. Es
wurde ihr hier sogar ein Engagement angeboten, das sie jedoch ablehnen
musste, da sie sich bereits ftir die unter Leitung Friedrich Spielberger's und
Roderich Benedix* stehenden vereinigten Stadttheater von Koln und Elberfeld
verpflichtet hatte. Im December 1846 gastirte sie als »Griseldis« am kur-
ftirstlichen Theater zu Kassel, worauf sie hier eine glanzende Stellung fand
und bis zum Jahre 1851 verblieb. Dann trat sie bei dem Hoftheater zu
Hannover ein. Die Hoftrauer, die nach dem Tode Konig Ernst August's
(f 18. November 1851) gehalten wurde, veranlasste sie zu einem Gastspiele
in Braunschweig. Hier war seit dem Tode der gefeierten Joh. Grosser
(f 1. October 1850) kein wlirdiger Ersatz gefunden. Ein solcher schien den
Braunschweigern jetzt in Fraulein Th. gekommen. Der Beifall, den sie errang,
ftihrte zu einem Engagement. Am 12. November 1852 war die Margarethe
in den »Erzahlungen der Konigin von Navarra« ihre Antrittsrolle am Braun-
schweiger Hoftheater. Diesem ist sie dann ihr Leben lang treu geblieben.
Mit dem gleichen Erfolge, wie anfangs die Heldinnen und jugendlichen Salon-
damen, spielte sie spater die alteren Heroinen und Charakterrolten ; sie ist
viele Jahre eine der Hauptstiitzen des Schauspiels wie des Lustspiels am Hof-
theater gewesen. Verschiedene Anerbietungen von anderen Biihnen konnten
sie nicht bewegen, aus ihrer Vaterstadt zu scheiden. Hier hat sie sich auch
am 12. Juni 1859 mit dem Schriftsteller Dr. Reinhard Otto, dem Redacteur
der »Reichszeitung«, verheirathet. Sie nahm nun den Namen Otto-Thate an.
Als sie am 12. November 1877 ihr 2 5Jahriges Jubilaum an der Braunschweiger
Buhne gefeiert hatte, trat sie gegen Ende des folgenden Jahres von der Buhne
zurtick. Eine Abschiedsfeier fand nicht statt; ihre letzte Rolle war am
17. December 1878 » Mutter Fadet« in der »Grille«. Sie hat dann wrieder-
holt ihren Aufenthaltsort gewechselt, in Koln, in Frankfurt a./M., wo am
2. September 1885 ihr Gatte starb, in Rostock, in Hamburg, in Chemnitz
und zuletzt in Stuttgart geweilt, wo sie bei ihrem Pflegesohne, dem Konig-
lichen Hofschauspieler Egmont Richter, an der Influenza verschieden ist.
P. Zimmermann.
Stobbe. Bercht. 363
Stobbe, Karl Friedrich August, Journalist, * am 3. November 1830 zu
Griinwalde bei Labiau in Ostpreussen, f am 16. October 1897 zu Wiesbaden.
— Er war der Sohn eines kleinen Grundbesitzers, Karl St. und besuchte das
Kneiphofische Stadtgymnasium zu Konigsberg, auf dem er Ostern 185 1 das Abi-
turientenexamen bestand. Dann ging er auf die dortige Universitat iiber. Er
studirte anfangs Philosophic und Geschichte, sodann die Rechte ; den nachhal-
tigsten Einfluss haben auf ihn die Vortrage des Hegelianers Karl Rosenkranz aus-
geiibt. Nachdem er im October 1854 das erste juristische Examen gemacht hatte,
wurde er als Referendar beim Stadtgerichte zu Konigsberg beschaftigt. Zugleich
war er journalistisch th&tig, und weil damals die juristische Laufbahn nur
geringe Aussicht auf schnelle Anstellung bot, so entschloss er sich sie auf-
zugeben. Er wurde standiger Mitarbeiter der Konigsbergischen Hartungschen
Zeitung und verfasste kleinere Lustspiele (»Manner und Frauen«, »Parlamen-
tarische Studien«), die in Konigsberg, beim Wallner-Theater in Berlin u. a.
zur Aufftihrung kamen. Im Jahre 1861 libernahm er die Redaction der in
Gumbinnen erscheinenden »Preussisch-Littauischen Zeitung« ; einige Jahre spater
wurde er erster Redacteur der »K6nigsberger Neuen Zeitung«, bis er 1867
nach Berlin Ubersiedelte und hier eine Stellung bei dem Reuterschen Tele-
graphen-Bureau erhielt, wo er hauptsachlich die auslandischen Depeschen zu
redigiren hatte. In dieser Zeit (18. October 1868) verheirathete er sich mit
Bertha Engelmann, einer Tochter des Dr. med. Siegfr. E. in Tilsit, Anfang Marz
1872 kam er nach Braunschweig als Redacteur der neu begrtindeten »Braun-
schweiger Zeitung*. Als diese nach etwa einem Jahre wieder einging, wurde er
von dem herzoglichen Staatsministerium aufgefordert, fur die amtlichen »Braun-
schweigischen Anzeigen* ein politisches Beiblatt einzurichten. Ein officioses
Pressorgan war der Zeit in Braunschweig etwas vollig unbekanntes. Es wurde
daher jene Erweiterung der Anzeigen etwas misstrauisch aufgenommen. Dennoch
hielt sich das Blatt nicht nur, sondern es arbeitete sich allmahlich zu einer
umfassenden angesehenen Tageszeitung hindurch. Das Verdienst an diesem
Erfolge gebtihrt neben dem damaligen Polizeidirector, spateren Wirklichen
Geheimrathe Eduard Meyer, vor Allem der Redaction St.'s. Er flihrte die
Redaction bis zum Herbst 1890, wo ihn ein nervoses Leiden zwang, aus
seiner verdienstlichen Thatigkeit zu scheiden. Das Ministerium bewilligte ihm
eine lebenslangliche Gratification. Am 1. September 1892 siedelte St. nach
Wiesbaden iiber, wo seine Gesundheit sich besserte und er noch manche
Gedichte und Feuilletons flir Wiesbadener und Konigsberger Blatter verfasste,
bis ein Herz- und Nierenleiden sich einstellte, das nach langerer Krankheit
ihm den Tod brachte.
Im Buchhandel sind von St. erschienen: » Lustspiele und Gedichte« (Ktfnigsberg
1865), »Ernst Moritz Arndt, eine Gedenkschriftc (Berlin 1869), »Festspiel zur 75jahrigen
Jubelfeier des Herzogl. Braunschw. Infanterie-Regiments« (Braunschweig 1884) und »Blatter
der Erinnerung. Gedichte Braunschweig gewidmet« (Braunschweig 1888). — Vgl. Braun-
schw. Anzeigen 1895, No. 6, S. 35.
P. Zimmermann.
Bercht, Ludwig Julius, Schauspieler, * am 4. Mai 181 1 auf dem Gute
Prodel in der Kreishauptmannschaft Leipzig als Sohn des dortigen Guts-
besitzers Dr. phil. Joh. Christian Bercht, f am 6. Mai 1897 zu Braunschweig. —
Da der Vater spater unter dem Titel eines Kriegsraths eine hohere Verwal-
tungsstelle an der Pepiniere zu Berlin einnahm, so erhielt der Sohn in dieser
Stadt seine wissenschaftliche Ausbildung. Ursprtinglich war er flir das Studium
364 Bercht.
der Medicin bestimmt, doch war seine Neigung ftir das Theater so stark,
dass er alle Schwierigkeiten iiberwand und sich der BUhne widmete. Schon
im Jahre 1827 trat er im Konigstadtischen Theater zu Berlin als »Wittwer«
in dem Lustspiele »Wittwer und Wittwe* auf. Er wurde dann von dem
Director Hurey engagirt, der die Stadte KOnigsberg, Memel und Danzig mit
seiner Truppe besuchte. Ein Gastspiel im Koniglichen Schauspielhause zu
Berlin, wo er den »Tempelherrn« im » Nathan « spielte, flihrte 1830 zu einem
fiinfjahrigen Engagement ftir das Fach der jugendlichen Liebhaber. Da B. eine
schone Baritonstimme besass, so half er bei der Aufilihrung von Auber's Oper
»Lodoisca«, die zum Geburtstage Konig Friedrich Wilhelms III. anbefohlen,
durch den Contractbruch des Baritonisten Hammermeister aber gefahrdet war,
in der Verlegenheit aus, und zwar mit solchem Erfolge, dass er seitdem wie
dem Schauspiel-, so auch dem Opempersonale eingereiht wurde. Seine
Hauptrollen waren hier die des > Figaro*, des »Papageno« u. a. Da er sich
nach Ablauf seines Contractes mit der Intendanz nicht einigen konnte, so
schied er von Berlin und ging an das deutsche Theater in Amsterdam, wo
er zugleich in der Oper und im Schauspiel, zuerst auch in dem Fache der
komischen Charakterrollen wirkte. Im Jahre 1837 kam er auf vier Jahre an
das Stadttheater zu Diisseldorf; er trat hier mit den Ktinstlern der Akademie,
besonders mit Andreas Achenbach, in Verkehr und wurde auch in den »Ver-
ein Malkasten« aufgenommen. Vom Stadttheater in Breslau aus, dem er dann
eine Zeit lang angehorte, gab er am 20. September 1843 ^ » Baron Scara-
baus« in »der unterbrochenen Whistpartie«c und als »Adam« im »Dorfbarbier«
eine Gastrolle in Braunschweig, wo ftir den am 11. September 1840 verstor-
benen Karl Giinther noch immer kein wttrdiger Nachfolger gefunden war.
B.'s Spiel sprach so sehr an, dass er so fort engagirt wurde; am 8. November
trat er in Braunschweig seine neue Stellung an, der er vortheilhafter An-
erbietungen ungeachtet sein Ubriges Leben lang treu geblieben ist. In den
ersten Jahren wurde er auch noch viel in der Oper beschaftigt, spater ging
er ganz in das feinkomische Charakterfach iiber, das er in meisterhafter Weise
vertrat. Rollen wie die des Wirths in » Minna von Barnhelm«, des »Adam«
im »Zerbrochenen Krug« u. s. w. waren seine besten Leistungen. Am
6. November 1868 feierte er sein 25Jahriges Jubilaum als Mitglied der Braun-
schweiger Hofbtihne und am 25. September 1877, dem Tage seines 5oj£hrigen
Ktinstlerjubilaums, nahm er als »Parlamentsrath Desperridres« im zweiten Akte
des »Vicomte von L£tori£res« und als »Bader Schelle« in Raupach's »Schleich-
handlern* Abschied vom Theater. Er ging nun zunachst nach Charlottenburg
zu einer Tochter, die dort an den Ingenieur G. Ehrenberg verheirathet war.
Als diese 1887 nach Braunschweig zogen, kehrte er mit der Familie dahin
zurlick. Er besass hier einen zahlreichen Freundeskreis und erfreute sich
wegen der Vorzllge seines Geistes und Charakters, sowie der Liebenswiirdig-
keit seines Wesens allgemeiner Achtung und Beliebtheit. Er war seit 1877
Ehrenmitglied des Kunstclubs. Ausser seinen Schauspieler-Gaben besass er auch
dichterische Talente. Veroffentlicht ist bisher nur ein Werk von ihm: »Der
goldene Mai. Eine Frtihlingsphantasie* (Braunschweig 1861), das dem Mai-
kasten in Diisseldorf gewidmet ist. In den letzten 3 — 4 Jahren seines Lebens
hat zunehmende korperliche Schwache B. an das Bett gefesselt; doch blieb
sein Geist bis zuletzt frisch. Seine Frau Karoline, eine Tochter des Hbf-
opernsangers J. C. Griinbaum und der bertihmten Kammersangerin Therese
Griinbaum, Enkelin Wenzel Miiller^, des beliebten osterreichischen Componisten
Berch t Wattcnbach. 365
volksthiimlicher Theatermusik, war selbst als Sangerin an der Koniglichen
Btihne in Berlin engagirt gewesen, bis sie sich am 13. Juni 1844 mit B., der
sie schon in seiner Berliner Zeit ins Herz geschlossen hatte, verheirathete.
Ihrer Ehe entstammte als altester Sohn Alfred Bercht, der, zu Braunschweig
am 11. December 1845 geboren und unter Kullak auf dem Konservatorium
in Berlin ausgebildet, ein ttich tiger Tonktinstler wurde, durch eine Sympho-
nic grosse Hoffnungen erregte, aber leider schon in frtiher Jugend, am 2 1 . Sep-
tember 1866, in Berlin verstarb.
P. Zimmermann.
Wattenbach, Wilhelm, Historiker, *am 22. September 1819 zu Ranzau in
Holstein, f am 20. September 1897 zu Frankfurt am Main. — Mit W. ist einer
der letzten Geschichtsschreiber aus der grossen Zeit unserer deutschen Historio-
graphie dahingegangen. Der Schule Ranke's, wenn auch nur indirekt angehorend,
zahlt er neben Waitz, Sybel, Giesebrecht zu ihren glanzendsten Vertretern
sowohl als musterhafter Editor deutscher Geschichtsquellen, wie als bester
Kenner dieser selbst, als ein philologisch geschulter Historiker, dem wir zu-
gleich aus dem Gebiete der historischen Hilfswissenschaften, in erster Linie
der Palaeographie, Werke von dauerndem Werthe verdanken. Keiner hat
endlich wie er die Geistes- und Kulturgeschichte unseres Mittelalters gekannt
und durchforscht und die Ergebnisse seiner Forschung uns zuganglich ge-
macht, freilich nur in Form von Beitragen, die in seinem Buche tiber »Deutsch-
lands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des XIII. Jahrhunderts«
zerstreut zu finden sind, ohne uns das Hauptwerk selbst, eine Kultur-
geschichte des Mittelalters, die zu schreiben er wie kein Anderer berufen ge-
wesen ware, zu hinterlassen.
W. ist als Sohn eines Hamburger Kaufmannes auf der von seinem mtit-
terlichen Grossvater, August von Hennings, administrirten Grafschaft Ranzau
geboren. Nach dem frtihen Tode seines Vaters zog die Mutter mit dem jungen
Knaben nach LUbeck, und hier empfing dieser seine Gymnasialbildung und
trat in den Freundeskreis der beiden Brtider Ernst und Georg Curtius und
Emanuel Geibel's ein. Das Studium des klassischen Alterthums, zu dem
ihn sein Sch wager und Lehrer Professor Classen anregte, bildete die frucht-
bare Grundlage seines Wissens, und gerade diesen philologischen Kenntnissen ver-
danken wir die besten Werke seiner Feder. Im Herbst 1836 verliess W.
die Ltibecker Schule, ging noch flir ein Jahr auf das akademische Gymnasium
nach Hamburg und trat darauf zur Universitat tiber, zunachst in Bonn, dem
Eldorado der klassischen Philologie. Meister dieses Faches wie Welcker und
Lassen wurden hier seine Lehrer in der Alterthumswissenschaft, wie im San-
skrit und der vergleichenden Sprachwissenschaft. Dann zog es ihn nach Got-
tingen, wo es ihm vergonnt war zu Ftissen Otfried Miiller's zu sitzen ijnd
dessen Vorlesungen tiber Archaeologie zu horen. Nach Otfried Miiller's auf
einer Reise in Athen erfolgtem Tode wandte sich W. nach Berlin. Auch
hier tibte wieder die Philologie die grosste Anziehungskraft auf den jungen
Studenten aus; Sprachwissenschaft wie Alterthumskunde trieb er mit Eifer
und Erfolg bei Bopp, Lachmann, Jakob Grimm und Boeckh. Hier in Berlin
wurde aber zum ersten Male auch seine Liebe zur Geschichte geweckt und
zwar durch keinen Geringeren als durch Ranke selbst. Seine Dissertation:
De quadringentorum Athenis factione, die 1842 erschien, war freilich noch
366 Wattenbach.
ganz eine philologische Arbeit, allein nach Ablegung der Prtifung ftir das
hohere Schulamt und nach einem ersten Probejahre als Lehrer am Joachims-
thaTschen Gymnasium zu Berlin brachte ihn sein College Giesebrecht 1843
in Verbindung mit Pertz, der dem jungen Philologen damals an Stelle des
nach Kiel berufenen Waitz einen Platz unter den Mitarbeitern der Monu-
menta Germaniae historica verschaffte und ihn so der mittelalterlichen Ge-
schichte in die Arme fiihrte.
Den Uebergang von der Philologie zur eigentlichen Geschichtsforschung
vollzog W. rasch und mit Gltick und das ihm zugewiesene Feld der Thatig-
keit, Quellenpublication, konnte gerade gut und griindlich mit Hilfe seiner
philologischen Kenntnisse bebaut werden. Im Jahre 1847 tra* W. seine
erste Reise im Interesse der Monumenta Germaniae an. Oesterreich war
das Ziel derselben, die fisterreichischen Kloster-Bibliotheken sollten durch den
jungen deutschen Forscher zum ersten Male ausgiebig benutzt und die in
ihnen aufgespeicherten Schatze mittelalterlicher Annalistik gehoben werden.
In Admont, in St. Florian, in Kremsmttnster arbeitete Wattenbach und fand
bei der Geistlichkeit Oesterreichs gastliche und freundliche Aufhahme, so
dass er Tage reinen Genusses und hoher Befriedigung in jenen stillen, der
Arbeit glinstigen Klosterraumen verleben durfte. Die Ergebnisse seiner For-
schungen wie seiner personlichen Erfahrungen tiber das Klosterleben , das
sich noch immer in den Geleisen unserer mittleren Zeiten bewegte, waren
erhebliche und kamen unserer Kenntniss (iber die deutsche Annalistik, wie
liber das Geistesleben des Mittelalters zu Gute. In Wien schloss W.
1848 seine Studien ab, die Revolution vertrieb ihn von dort, die Poli-
tik verdrangte bei dem jungen Gelehrten ftir einige Zeit die Wissen-
schaft. Dagegen kam es damals nicht, wie der neue osterreichische Un-
terrichtsminister Graf Leo Thun versuchte, zu einer Anstellung W.'s in
Oesterreich. Der junge Gelehrte ging daher nach Norddeutschland zurtick
und liess sich 1851 in Berlin als Privatdocent nieder, um nun die Fruchte
seiner Studien und Arbeiten ftir Andere zu verwerthen. Eine Uebersicht tiber
die Quellen neuerer mittelalterlicher Geschichte, ferner Diplomatik und Palaeo-
graphie bildeten die Gegenstande seiner ersten Vorlesungen. Da die Aus-
sichten auf eine Professur auch in Preussen sich nicht verwirklichten, entsagte
W. nach vier Jahren seiner akademischen Laufbahn in Berlin und ging als
kgl. preussischer Provinzialarchivar 1855 nach Breslau. Hier entfaltete er
bald eine reiche schriftstellerische Thatigkeit, die hauptsachlich der schlesi-
schen Geschichte gewidmet war. Die Herausgabe schlesischer Geschichts-
quellen und die Aufhellung einzelner Epochen der schlesischen Geschichte
werden ihm verdankt. Hier in Breslau reifte ferner das Hauptwerk seines
Lebens, die Geschichtsquellen Deutschlands im Mittelalter, heran. Angeregt
durch eine Preisaufgabe der Wedekind-Stiftung in Gottingen hat W. im
Jahre 1858 das schwierige Thema gelost. Es gait einen ungeheufiren,
weit zerstreuten Quellenstoff zu sammeln, zu sichten, kritisch zu ordnen, die
Quellenkunde nicht auf deutschen Boden zu beschranken, sondern auch die
Nachbarlander Frankreich, Italien, den slavischen Osten, alle die Staaten und
Volker, die im Mittelalter in mehr oder weniger nahere Beziehungen zu
Deutschland traten, in den Kreis der Betrachtung zu ziehen. W. verstand
es zugleich, die ihm gestellte Aufgabe in hoherem Sinne und Geiste zu fassen,
nicht an einer trockenen Aufzahlung der Quellen kleben zu bleiben, sondern
ihre Schatze uns in anziehender, abgerundeter, das ganze Kulturleben des
Wattenbacb. 367
Mittelalters beleuchtender Darstellung vor die Augen zu ftihren. So ist das
Werk nicht nur ein Handbuch geworden fiir jeden Historiker, der sich mit
dem Quellenmaterial unseres Mittelalters vertraut machen muss, sondern zu-
gleich eine Fundgrube fiir die Geistes- und fiir die Sittengeschichte unserer
mittleren Zeiten. Das Werk hatte einen solchen Erfolg, dass bis zum Hin-
scheiden seines Verfassers flinf weitere, stets vermehrte und erweiterte Auf-
lagen desselben nothwendig wurden.
Auch seine Rtickkehr zu der in Berlin verlassenen akademischen Carriere,
seine 1862 erfolgte Berufung als ordentlicher Professor der Geschichte an
die Universitat Heidelberg hatte W. diesem Werke zu verdanken. Hier trat
er in den Kreis ausgezeichneter Collegen wie Gervinus, Hausser, Zeller, Stark,
Wundt, der spater nach Hausser's frtihem Hinscheiden durch Heinrich von
Treitschke erg&nzt wurde; hier genoss er zugleiqh in gemeinsamem Haushalt
mit den Sch western Sophie, die durch Geist, und Caecilie, die durch An-
muth der ausseren Erscheinung und des Gemtithes hervorragte und nachdem
sie dem Geliebten ihrer Jugendtage Emanuel Geibel entsagt hatte, jetzt
ihr Leben dem Bruder weihte, die Freuden des FamilienglUckes. Die Heidel-
berger Tage z&hlen zu W.s glticklichsten ; akademische und schriftstellerische
Thatigkeit fiillten sie in befriedigender Weise aus. W. hat in Heidelberg
den Kreis seiner Vorlesungen erheblich weiter gezogen. Neben Palaeographie,
in der er an der Hand der Handschriftenschatze der Heidelberger Bibliothek
und mit Hilfe photographischer Wiedergaben bertihmter Handschriften vor-
trefflich zu unterweisen wusste, neben Quellenkunde und kritischen Uebungen
in der Durchforschung mittelalterlicher Schriftsteller las er auch Collegien
allgemeineren Inhalts wie Geschichte des Mittelalters. Man kann nicht sagen,
dass er ein glanzender Docent gewesen ist; an Treitschke's hinreissende Dic-
tion reichte er nicht im Entferntesten heran, er blieb auch auf dem Katheder
stets der bedachtsame, fast schlichterne Gelehrte, der von seinem Wissen den
Schtilern nur soviel gab, als er nach strenger kritischer Durchpriifung der
Quellen verantworten zu konnen glaubte. Dabei bewahrte er sich stets ein
selbstandiges, originelles Urtheil tiber Menschen wie Dinge und gab oft ein
Bild unserer grossen historischen Pers6nlichkeiten und Zustande des Mittel-
alters, das dem weniger Eingeweihten paradox erscheinen konnte. Am an-
regendsten war W. im naheren Verkehr mit seinen Schtilern, sei es in den
palaeographischen und historischen Uebungen, die er im Seminar abhielt, sei-
es im privaten Verkehr. Dabei hatte er ein warmes, perstinliches Verhaltniss
zu jedem Einzelnen und wusste ihn in Arbeit und Fortkommen durch Rath
und That zu fordern, soviel er konnte. So hat sich bald ein grosser Kreis
von Schtilern um ihn versammelt, die dankbaren Sinnes noch heute der
Stunden gedenken werden, in denen es ihnen vergonnt war, den Lehren
des Meisters, die sich auf streng kritische historische Methode in erster Linie
bezogen, zu lauschen.
Seine freie Zeit war in Heidelberg fruchtbarer, schriftstellerischer Arbeit
gewidmet und hat manches Werk von dauerndem Werthe zu Tage gefordert.
Die enormen Kenntnisse, die sich W. durch jahrelange Uebung und uner-
mtidlichen Fleiss in der Handschriftenkunde unseres Mittelalters erworben
hatte, legte er in dem Buche liber das Schriftwesen im Mittelalter nieder,
das uns ein anziehendes Bild mittelalterlicher Kulturgeschichte vor die Augen
flihrt und in den Jahren 1871 — 1896 in drei vom Verfasser selbst bearbeite-
ten Auflagen erschien. Der Anleitung zum Studium der Schrift galten die
368 Wattenbacb.
beiden Hilfsbiicher : Anleitung zur griechischen und lateinischen Palaogra-
phie, die seit 1867 auch mehrere Auflagen erlebten. Eine einen beschrank-
teren Zeitraum und eine bestimmte Schriftgattung umfassende Sammlung von
Proben alter Handschriften , die das palaographische Studium der altesten
Zeiten nicht wenig gefSrdert haben, gab er im Verein mit Zangemeister 1876
heraus: Exempla codicum latinorum Uteris maiusculis scripta. W. hat neben
Jaflfc, Sickel, Arndt u. A. am meisten dazu beigetragen, das Studium der
Palaographie an unseren deutschen Universitaten hoffahig zu machen und so
eine der wichtigsten Disciplinen der historischen Wissenschaft zu erschliessen.
Ein neues Forschungsgebiet betrat W. durch seine Studien zur Geschichte
des deutschen Humanismus. Der Uebergang vom Mittelalter zur Neuzeit,
der gerade in dem Kreise der Humanisten eine so charakteristische Farbung
annahm, zog W. in mehr als einer Hinsicht an und die Heidelberger Luft,
die ja auch jene Humanisten einst geathmet hatten, gab wohl die An-
regung dazu, ihren Bestrebungen nachzugehen. So entstanden 1865 und
in den folgenden Jahren die griindlichen, von einem erstaunlichen Fleisse
Zeugniss ablegenden Forschungen tiber Benedict de Piglio, Peter Luder,
Sigmund und Ulrich Gossembrot, Hartmann Schedel, die neues Licht auf
jene merkwtirdige Geistesstromung warfen.
Im Jahre 1873, nachdem eine Berufung nach Oesterreich zum zweiten
Male an der Kleinlichkeit und confessionellen Beschranktheit der dortigen
Regierung gescheitert war, ging W. als ordentlicher Professor der mittelalter-
lichen Geschichte und der historischen Hilfswissenschaften nach Berlin. Neben
Palaographie trieb er noch Quellenkunde und las wie in Heidelberg allge-
meine Geschichte des Mittelalters und ftihrte junge Historiker in die Methodc
der historischen Wissenschaft ein.
In seinen eigenen Arbeiten kehrte W. in Berlin zu der Liebe seiner
Jugendtage, zu den Monumenta Germaniae, zuriick, die damals einen Veijiin-
gungsprocess durchmachten , an dem W. ein grosser Antheil wurde. Die
alten Monumentisten, vor Allem der Leiter des ganzen Unternehmens, Pertz,
waren zu Grabe gegangen. Georg Waitz trat an die Stelle des Verstorbenen,
und in die neue Centraldirection, der die ersten und gewiegtesten Historiker
Deutschlands und Oesterreichs angehorten, wurde auch W. 1875 herufen.
Er wurde mit der Leitung der mit der Herausgabe der Monumenta Germaniae
• verbundenen Zeitschrift, in der die Resultate all der zahlreichen Quellenforschun-
gen niedergelegt wurden und die eine nothwendige Erganzung zu dem Haupt-
werke bildete, dem Neuen Archive, betraut, leitete die Abtheilung der
Epistolae, die uns das wichtigste Briefmaterial des Mittelalters erschliessen
sollte, bearbeitete und Hess bearbeiten die papstlichen Regesten des XIII. Jahr-
hunderts. Auch eigene Quelleneditionen aus verschiedenen Jahrhunderten
schlossen sich an, theilweise in den Monumenta Germaniae selbst, theilweise in
selbstiindigen Werken wie in den Monumenta Alcuiniana ; auch eine Neubearbei-
tung der alteren Regesta Pontificum Romanorum stand unter W/s Oberleitung.
Nach dem Tode von Waitz 1886 erhielt W. die Oberleitung der Ge-
schafte der Monumenta Germaniae uberwiesen und verwaltete sie zwei Jahre
hindurch. Als er die Nachfolgerschaft von Waitz nicht durchsetzen konnte,
trat er 1888 aus der Centraldirection aus und legte auch seine Mitarbeiter-
schaft an den Monumenta Germaniae nieder.
Neue Aufgaben, die er zum Theil schon in frtiheren Jahren unternom-
men hatte, traten nun an W. heran. Die von Pertz begonnene Sammlung
Wa^tenbacb. Spiegelberg. 369
*
»Geschichtsschreiber der deutschen VorzeiU, in welcher unsere wichtigsten
mittelalterlichen Geschichtsschreiber in guten deutschen Uebersetzungen ver-
einigt wurden, wurde von W. aufs Neue durchgesehen und verbessert her-
ausgegeben, mit gelehrten Einleitungen und brauchbarem Register versehen.
Flir die Allgemeine deutsche Biographie lieferte er die Lebensabrisse gar
mancher Historiker, besonders aus den Zeiten des Mittelalters, die ihm die
vertrautesten waren. Die Wahl in die Berliner Akademie 1881 regte W. zu
zahlreichen Vortragen an, die nicht nur unsere deutsche Quellenkunde for-
derten, sondern auch auf das Gebiet der Kirchengeschichte, vor Allem der
grausamen Ketzerverfolgungen in Brandenburg und Pommern neues Licht
warfen. Popularen Zweck verfolgten seine vor einem zahlreichen Damen-
publikum im Victoria-Lyceum in Berlin gehaltenen Vorlesungen iiber Geschichte
des romischen Papstthums, die freilich strengeren Ansprtichen nicht vollkommen
gentigen. Warmen Antheil nahm W. auch am politischen Leben unserer
Zeit, liberalen Anschauungen huldigend, an den nationalen Bestrebungen des
Deutschen Schulvereines und wurde so eine StUtze des bedrangten Deutsch-
thums im Auslande, besonders in Oesterreich, in Siebenbtirgen. Durch viele
Reisen suchte er seine Kenntnisse von Land und Leuten zu erweitern, und
was er hier erworben, hat er ebenfalls weiteren Kreisen zuganglich gemacht:
so in seinem schonen Biichlein liber Spanien.
Das fruchtbare Gelehrtenleben W.'s ging nun zur Rtiste. Nachdem ihn
bisher eine kraftige Gesundheit alle Nothe des Lebens bestehen Hess, erfasste
ihn ein Lungenleiden, dem er auf der Rtickfahrt von Brunnen am Vierwald-
stattersee, wo er vergebens Heilung gesucht hatte, in Frankfurt am Main erlag.
An der Seite seiner ihm im Tode vorangegangenen beiden Schwestern be-
reitete ihm die Gattin, die ihm die letzten Jahre seines Lebens verschont
hatte, die letzte Ruhestatte an dem Orte seiner frtiheren und glticklichsten
Wirksamkeit, in Heidelberg.
W. war ein Mann mittlerer Grosse, von gedrungener Gestalt, mit dem
Ausdruck feinsten und geistvollsten Humors um den Mund und in den klug
und heiter dreinblickenden Augen, eine Monchsgestalt, wie wir solche die
Raume unserer mittelalterlichen Kloster wie St. Gallen und Reichenau be-
leben sehen, studien- und weinselig wie diese und wie diese von einem Bie-
nenfleiss, dem wir die Sammlung des werthvollsten Materials ftir unsere mit-
telalterliche Geschichte verdanken. Er war der griindlichste Kenner des
Mittelalters und es bleibt nur lebhaft zu bedauern, dass es ihm nicht mehr
vergonnt war, uns mit der schdnsten und reifsten Frucht seiner ausgedehnten
Kenntnisse, mit einer Kulturgeschichte des Mittelalters, zu beschenken.
Als Quellen babe ich vor Allem die Aufsatze von Ernst Dtimmler im Neuen Arcbiv
XXIII, 569 ff. und von Karl Zeumer in Sybel's Historischer Zeitschrift IJCXX, 75 ff. benutzt.
Dort ist aucb die weitere Literatur Uber W.'s Leben und Werke verzeichnet. Ferner ver-
weise icb nocb auf E. Dttiamler's GedSlcbtnissrede auf Wilhelm W. Berlin (Abb. der Kgl.
preuss. Akad. d. Wissenscbaftcn) 1898 und auf den soeben erscbienenen Artikel von C.
Rodenberg in Allg. deutscbe Biographie XLIV, 439 ff.
Werke u. Schriften s. aucb Btirseftbl. f. d. deutscben Buchbandel 1897. No. 225.
Baden-Baden, den 2. September 1898.
Victor Bayer.
Spiegelberg, Julius, Industrieller, * am 18. Februar 1833 zu Peine, f am
24. Januar 1897 zu Koln. — Sp. war der Sohn eines israelitischen Kaufmanns
Samuel (f 187 1); seine Mutter Betty war eine geborene Hollander aus Hildesheim.
Blogr. Jahrb. a. Deattcher Nekrolog. 2. Bd. 24
370 Spiegel berg. Eyferth.
Schon im jugendlichen Alter machte er fiir den Vater weite Geschafts-
reisen, insbesondere nach Schottland, wo er bei dem lebhaften Interesse, das
er fiir industrielle Unternehmungen besass, sich schon friih mit der Werg-
und Jutegarnspinnerei bekannt machte. Dies wurde der Anlass, dass er im Jahre
1857 zu Vechelde im Braunschweigischen eine Flachsbereitungsanstalt be-
griindete, der dann 1859 eine Werggarnspinnerei hinzugefiigt wurde. Im
Jahre 1861 wurde diese in eine Jutespinnerei umgewandelt, das erste Unter-
nehmen der Art in Deutschland, von dem somit die Einftihrung der Jute-
industrie bei uns datirt. Um dem Werke eine grossere Ausdehnung zu geben,
griindete Sp. 1866 zu seiner Fortfiihrung eine Actiengesellschaft, anfangs eine
englische, seit dem 1. Juli 1868 aber eine deutsche, die »Braunschweigische
Actien-Gesellschaft fur Jute- und Flachsindustrie«. Dem ganzen Unternehmen,
das sich bald sehr erweitern sollte, hat dann Sp. bis zum Jahre 1890 als
erster Leiter in erfolgreichster Weise vorgestanden. Neben den Anlagen in
Vechelde wurde 1874 in der Stadt Braunschweig eine grosse Jutespinnerei
und -weberei erbaut, die schon im Marz 1883 in neue, stark erweiterte
Raume iibersiedeln musste. Nachdem allmahlich auch an anderen Orten die
Juteindustrie Eingang gefunden hatte, wurde Sp. die Seele des Vereins deut-
scher Jute-Industrieller; unter seiner Mitwirkung wurden die noch heute fur
die Juteerzeugnisse gtiltigen Zolltarifbestimmungen erreicht, die die Grundlage
fiir die grossartige Entwicklung der deutschen Juteindustrie geworden sind.
Im Jahre 1887 unternahm er eine Reise nach Ostindien, um hier an Ort und
Stelle Anbau, Behandlung und Ausfuhr der Jute zu studiren und die Mittel
zu erwagen, wie die Herstellung eines Jutemarktes in Deutschland zu er-
moglichen sei; im folgenden Jahre erstattete er hiertiber an den deutschen
Reichskanzler einen ausfuhrlichen Bericht. Die Plane, auf die er hierdurch
gefiihrt wurde, vor Allem die directe Einfuhr von Rohjute zu erreichen und
dem ganzen Industriezweige nationale Selbstandigkeit zu erringen, waren wohl
der Grund, dass er am 1. Juli 1890 seine Stellung in Braunschweig nieder-
legte, um nach Hamburg liberzusiedeln. Der Verein deutscher Industrieller,
in dem er jetzt gleichfalls den Vorsitz aufgab, erkannte seine grossen Ver-
dienste durch die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an. Schon frtiher hatte
die Landesregierung, die ihn 1882 zum Commerzienrath ernannte, gleicher
Gesinnung Ausdruck gegeben. Hervorzuheben ist dabei noch der hingebende
Eifer, mit dem er sich an der Begriindung verschiedener wirthschaftlicher
Vereinigungen betheiligte und die socialpolitischen Forderungen und Wttnsche
der Gegenwart bei den von ihm geleiteten Unternehmen zu verwirklichen be-
strebt war. Von Hamburg siedelte Sp. spater nach London tiber, wo er
unter der Firma »Spiegelberg und Co.« ein grosses Jutegeschaft begrtindete.
Doch hatte er nicht den gewunschten Erfolg; er erlitt sehr bedeutende Ver-
luste. Er starb auf der Reise an einem plotzlichen Schlaganfall und wurde
auf dem Centralfriedhofe zu Braunschweig bestattet. Verheirathet war er seit
1 866 mit Rosa Wainwright, einer Englanderin, die ihn mit mehreren Kindern
liberlebte; um die Zeit dieser Heirath scheint er zum Christenthum iiberge-
treten zu sein.
P. Zimmermann.
Eyferth, Oscar Bruno, Bergbeamter und naturwissenschaftlicher Schrift-
steller, * am 23. Juni 1826 zu Holzminden, f am 17. Juni 1897 zu Braun-
schweig. — Sein Vater Karl Phil. Theod. Eyferth war Inspector der dortigen
Eyferth. Sallentien. 371
Stahl- und Eisenfabrik, seine Mutter eine geborne Haberle. Als der Vater 1835
als Htitteninspector nach Zorge versetzt wurde, besuchte der Sohn die Schule
daselbst; dann kam er Mich. 1838 auf das Gymnasium zu Blankenburg, das er
Ostern 1 840 mit dem Progymnasium zu Braunschweig vertauschte. Nachdem er
dieses 1 '/, Jahr lang und darauf die gleiche Zeit das Realgymnasium besucht
hatte, schied er aus der ersten Klasse des letzteren zu Ostern 1843 aus, um sich
dem Berg- und HUttenfache zu widmen. Er meldete sich zunachst bei der sog.
Communionverwaltung, der die Hannover und Braunschweig gemeinschaftlich
gehorigen unterharzischen Berg-, Htitten- und Salzwerke unterstanden, ward hier
jedoch abgewiesen, da der Andrang von Bewerbern ein uberaus grosser war und
die Gestalt E.'s, der, sonst gesund, an einer geringen Kriimmung der oberen
Brustwirbel litt, fur den Dienst nicht kraftig genug erschien. Er wurde dann
in Braunschweig zugelassen, wo er die erste der vorgeschriebenen Priifungen,
das sog. Hiittenelevenexamen, im Juni 1844 sehr gut bestand. Nachdem er
dann eine Zeit lang als Htitteneleve in Zorge beschaftigt war, bezog er Ostern
1846 zu theoretisch wissenschaftlicher Ausbildung das Collegium Carolinum
in Braunschweig, wo er mehrere Jahre verweilte. Im Juni 1852 bestand er
sodann das zweite, das sog. Hiittenofficiantenexamen; seine wissenschaftliche
Bildung ward hier als eine hervorragende bezeichnet, und er wurde das
Pradicat »ausgezeichnet« erhalten haben, wenn er fur den praktischen HUtten-
dienst eine ganz gleiche Beiahigung nachgewiesen hatte. Noch im September
d. J. ward er als Hiittengehulfe bei der Oberhiitteninspection in Rubeland
angestellt, am 26. November 1854 aber als HUttenschreiber nach Zorge ver-
setzt. Von hier kam er 1861 als Kammersekretar nach Braunschweig, wo er
dann seine librige Lebenszeit geblieben ist. Im Jahre 1876 wurde er Assessor
und endlich unterm 12. December 1889 Kammerassessor und ausserordent-
liches Mitglied der Direction der Bergwerke; zum 8. Mai 1896 erhielt er den
Titel eines Bergraths. In der letzten Zeit war er mitunter kranklich, doch
hat er noch immer mit der grossten Pflichttreue seine Geschafte versehen,
bis ihm eine Herzlahmung den Tod brachte. In seinen Mussestunden be-
schaftigte sich E. eifrig mit naturwissenschaftlichen Studien, besonders mit
der Naturgeschichte der mikroskopischen Stisswasserbewohner. So lange seine
Augen es gestatteten, trieb er bis zu dem Ende auf das emsigste mikro-
skopische Untersuchungen. Die Ergebnisse seiner Arbeiten hat er in mehreren
Werken niedergelegt, die in Fachkreisen nicht nur in Deutschland, sondern,
wie die Uebersetzung eines seiner Blicher in das Englische beweist, auch im
Auslande verdiente Anerkennung fanden. Er gehorte 1862 zu den Begriin-
dern des Vereins ftir Naturwissenschaft in Braunschweig und bis zum Jahre
1868 zu dessen Vorstande.
Vergl. Braunschweig. Magazin 1897 No. 17 S. 130, wo auch die von £. vertiffent-
lichten Schriften verzeichnet sind.
P. Zimmermann.
Sallentien, Karl Heinrich Ludwig Eduard, Theologe, * am 12. Mai 1825
zu Braunschweig, f am 3. Februar 1897 in Wolfenblittel. — S. stammte nach
einer Familieniiberlieferung aus einem Salzburger Emigrantengeschlechte. Sein
Grossvater war als Stadtprediger in Blankenburg 1788 gestorben, sein Vater,
Karl Ludw. Ferd. S., als Generalsuperintendent zu Braunschweig am 16. April
1848; seine Mutter Friederike Charlotte war eine geborne Witting. Nach-
dem der Sohn die Burgerschule und das Gymnasium seiner Vaterstadt be-
24*
372 Sallentien.
sucht hatte, bezog er zu Michaelis 1844 die Universit&t Jena, wo er sich
nach dem Vorbilde des Vaters und aus innerer Neigung der Theologie
widmete. Hier wurde er ausser durch Rtickert's Auslegung des alten Testa-
ments besonders durch Karl Hase angeregt, der gerade einen neuen kirchen-
geschichtlichen Cursus begonnen hatte. Noch tiefere Eindriicke sollte er drei
Semester spater durch die Professoren Tholuck und Julius Mtiller in Halle
erhalten, wo er den Rest seiner Studienzeit verlebte, die er wegen einer
schweren Krankheit im Winter 1846 — 47 ftir ein Halbjahr unterbrechen musste.
Zu Tholuck durfte er bald in ein n&heres Verhaltniss treten; hier war es
besonders der personliche Verkehr, der ihn forderte, wahrend ihn bei Miiller
hauptsachlich die Vorlesungen und die Uebungen des homiletischen Seminars
anzogen. Ostern 1848 kehrte S. in die Heimat zuriick und bestand hier
im September die erste theologische Priifung. Da die Aussichten auf An-
stellung damals ftir die Geistlichen ausserst schlecht waren, so wandte er
sich zutiachst dem Lehrfache zu. Nachdem er eine Zeit lang an der Unter-
richts- und Erziehungsanstalt des Pastors Kellner in Barbecke gewirkt hatte,
iibernahm er in Braunschweig zuerst die Aufsicht tiber die beiden Sohne des
Freiherrn v. Minnigerode (von denen der eine sich spater als Parlamentarier
bekannt machte), dann (1851) die Erziehung des Erbgrafen zu Erbach-
Schonberg, der von 1852 bis Michaelis 1858 das Gymnasium in Braunschweig
besuchte. Da hier jetzt gerade eine Lehrkraft fehlte, so iibernahm er von
Michaelis 1858 bis Ostern i860 in den beiden untersten Klassen des Pro-
gymnasiums eine Reihe von Unterrichtsstunden. Hierdurch wurde die Ab-
legung der zweiten theologischen Priifung weit hinausgeschoben ; er bestand
sie erst im Februar i860. Im Mai des Jahres wurde er dann Mitglied des
Predigerseminars in Wolfenbiittel, in dem er spater zum Subsenior aufruckte
und bis April 1863 verblieb. Zum 1. Mai 1863 wurde er dann endlich als
Pastoradjunkt an der Stadtpfarre zu Blankenburg angestellt; im Nebenamte
hatte er noch die Direction der dortigen Blirgerschulen zu versehen. Im
folgenden Jahre (19. October) verm&hlte er sich mit Elisabeth Maensz, einer
Predigertochter aus Hohendodeleben. Gegen Ende des Jahres 1870 bekam
er die Pfarre zu Gross- Vahlberg und Bansleben, aber auch nur als Pastor-
adjunct, wenn auch mit der Hoffhung auf Nachfolge. Diese sollte sich nicht
mehr erftillen. Denn bevor sein Vorg£nger 1879 starb, war S. schon untenn
7. Mai 1875 a*s Nachfolger des Abts D. Hille zum Consistorialrath in
Wolfenbiittel ernannt worden. In dieser Stellung hat er eine ausserst segens-
reiche Thatigkeit entfaltet. Er bearbeitete die geistlichen Angelegenheiten
zunachst mit dem Abte Ernesti, nach dessen Tode (August 1880) er in seine
Stelle einrtickte, wobei Karl Rohde ihm als Consistorialrath zur Seite trat. In
gesetzgeberischer Hinsicht fuhrte er vor allem die Ausarbeitung der liturgischen
Ordnungen weiter, die bereits von Ernesti und Hille begonnen worden waren.
In der theologischen Priifungscommission, die wesentlich durch ihn ins Leben
gerufen wurde, ftthrte er bis zu seinem Tode den Vorsitz. Er hatte dann
diese Gesetze und einen grossen Theil der sonstigen Wirksamkeit des Con-
sistoriums auch in der Landessynode zu vertreten. Vor Allem nahmen ihn
aber die laufenden Geschafte der Kirchenverwaltung, die er schnell und
schlank erledigte, in Anspruch. Seine Erlasse und Berichte zeichneten sich
hier immer durch Klarheit und btindige Klirze aus. Er zeigte sich auch
sonst in der Kirchenverwaltung als ein klarer Kopf und ein fester Charakter;
er liebte, wie er zu sagen pflegte, »reinliche Verhaltnisse«; alle unklaren ver-
Sallentien. 273
schwommenen Ideen waren ihm zuwider, und kein Mann nach seinem Herzen,
dem er nicht ein festes Ruckgrat zutrauen durfte. In religioser Beziehung
stand er fest auf konfessionellem Boden, und er hielt es flir seine Pflicht,
diesen auch der Kirche, an deren Spitze er gestellt war, nach Kraften zu
erhalten. Er hatte sich in ernstem Streben zu diesem Standpunkte durch-
gerungen. Das hinderte ihn aber nicht, sondern befahigte ihn um so mehr,
abweichenden Richtungen und Auffassungen Verstandniss zu zeigen und ge-
recht zu werden. Er war niemals ein einseitiger Parteimann und weit davon
entfernt, seine einflussreiche Stellung im Partei-Interesse auszunutzen. Bei der
Besetzung von kirchenregimentlichen Stellen sah er in erster Linie auf die
personliche Tlichtigkeit, und er trug, wo er diese fand, kein Bedenken, die Er-
nennung liberaler Geistlicher zu Superintendenten und zu Mitgliedern der
Prlifungscommission in Vorschlag zu bringen, ja sogar einmal auch die Be-
statigung eines Geistlichen durchzusetzen, dem diese in Berlin verweigert
worden war. In dem Predigerseminare, dessen Mitleitung ihm oblag, wusste
er auf den jungen theologischen Nachwuchs des Landes durch Lehre und
Vorbild auf das Vortheilhafteste einzuwirken; vielen von seinen Schulern ist
er hier als vaterlicher Freund nahe getreten. Auch ein grosser Theil der
alteren Geistlichkeit stand noch unter seiner besonderen Leitung, da ihm
vom i. Januar 1879 a^ die Generalsuperintendentur zu Wolfenbtittel, unterm
13. Marz 1 89 1 auch die zu Blankenburg (ibertragen wurde. Hier hat er bei
den Inspections- und Prediger-Synoden durch seine personliche Betheiligung
in hochst erfolgreicher und wohlthatiger Weise eingewirkt. Ausserhalb seiner
amtlichen Thatigkeit lag ihm die Forderung aller Bestrebungen auf religiosem
Gebiete, auf dem der innern Mission, der christlichen Liebesthatigkeit u. s. w.
warm am Herzen. Eine Zeit lang war S. auch Mitglied der Oberschul-
commission, doch trat er aus ihr wegen der UebergrifFe eines Kollegen schon
nach zwei Jahren wieder aus. Ueber die Grenzen des Braunschweiger Landes
hinaus geht die Thatigkeit, die er nach Ernesti's Tode als Mitglied der
deutschen evangelischen Kirchenkonferenz in Eisenach entfaltete. Welches
Ansehen S. in diesem Kreise der Vertreter der deutschen Kirchenregierungen
genoss, geht deutlich daraus hervor, dass ihm seit 1890 regelmassig der Vor-
sitz in dieser Versammlung tibertragen wurde. Auch sonst hat es ihm, ob-
wohl er gar nicht danach strebte, an ausserer Anerkennung nicht gefehlt.
Unterm 25. April 1881 wurde ihm von Herzog Wilhelm, der ihn in Blanken-
burg kennen und schatzen gelernt hatte, die Wtirde eines Abts von Marien-
thal verliehen. Die theologische Facultat der Universitat Rostock ernannte
ihn am 9. April 1884 zum Doctor der Theologie honoris causa. Am 1. April
1890 wurde er Viceprasident des herzoglichen Consistoriums und zum 8. Mai
1 89 1 erhielt er das Kommandeurkreuz des Ordens Heinrichs des Lowen.
Seit dem Jahre 1875 war S. auch Mitglied der Landesversammlung, der er
bis zum Jahre 1894 ununterbrochen angehorte. Im Allgemeinen ist er hier
wenig hervorgetreten. Durchaus loyaler und konservativer Gesinnung hat er
zumeist im Sinne der Regierung gestimmt und nur selten, wenn es sich nicht
um Angelegenheiten der Kirche oder Schule handelte, das Wort ergriffen,
obwohl ihm dies gut zu Gebote stand, und es ihm auch an Schlagfertigkeit
keineswegs fehlte. Ebenso wenig mangelte es ihm an persOnlichem Muthe.
Das zeigte sich deutlich in den Fallen, wo er es fur eine Gewissenspflicht
hielt, mit seiner Ansicht ofFen hervorzutreten ; da konnten ihn keine Anfein-
dungen, kein Drohen, kein Spott und Hohn davon zurtickhalten, rticksichtslos
374
Sallentien.
seiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben. Das sollte sich vor allem bei zwei
Gelegenheiten zeigen. Zunachst nach dem Tode Herzog Wilhelms vor der
Regentenwahl. S. war ein Uberzeugter Anhanger der legitimen Monarchic;
er stand fest auf dem Boden der deutschen Reichsverfassung, hatte die Eini-
gung der deutschen Stamme zu einem machtigen Reiche und alle die grossen
Errungenschaften der neuen Zeit mit Freuden begrtisst und war alien Be-
strebungen vollig abhold, die diese in Frage stellen mussten. Aber ebenso
entschieden war er ftir die Aufrechterhaltung der heimischen Landesrechte
und die Innehaltung der Braunschweigischen Landesverfassung, die er be-
schworen hatte. Das war ihm eine heilige Gewissenssache. Er sah ein und
gab unumwunden zu, dass von Braunschweigischer Seite die Thronbesteigung
des berechtigten Thronfolgers nicht erzwungen werden konnte, dass somit
der Fall eintrat, fiir den zu ungestorter Fortftihrung der Landesverwaltung
und sicherer Aufrechterhaltung der Rechte der legitimen Dynastie das Regent-
schaftsgesetz vom 16. Februar 1879 gegeben worden wan Aber ihn hatte
keine Gewalt der Erde dazu vermocht, eine Massregel gut zu heissen, die
auf eine Vereitelung jener Thronfolgerechte abgezielt hatte. Und als die
thatsachliche Verhinderung des berechtigten Thronfolgers zur sofortigen Ueber-
nahme der Regierung vorlaufig anerkannt und ein Regent gewahlt werden
musste, da konnte er sich nicht dazu verstehen, die Schuld an dieser Zwangs-
lage dem ungliicklichen Herzoge von Cumberland aufzubiirden. Das geschah
in dem Antrage der staatsrechtlichen Commission, der am 20. October 1885
zur Verhandlung kam. Mochten auch viele von der inneren Ungerechtigkeit dieses
dem Herzoge gemachten Vorwurfs bei sich uberzeugt sein: den Muth, sich
offen dagegen zu erklaren, fanden nur S. und sein Freund, der Abt Thiele.
Noch klarer trat sein edler Mannesmuth bei den Berathungen tiber den
Huldigungseid fiir den Prinzregenten zu Tage. Um sich und vielen ge-
angstigten Herzen, namentlich auch unter der Geistlichkeit, Beruhigung zu
verschaffen, hielt er es fiir seine Pflicht, iiber das Verhaltniss des neuen Eides
zu dem alten dem Hause Braunschweig geschworenen Erbhuldigungseide eine
authentische Erklarung zu verlangen, und seinem entschiedenen Auftreten ist
es zu danken, dass damals von dem Vorsitzenden des Staatsministeriums, der
auffallenderweise erst einer offenen Aussprache auswich, dann doch dem
neuen Huldigungseide eine Erklarung gegeben wurde, nach der ohne Ge-
wissensbedenken auch alle diejenigen ihn hatten leisten konnen, die den
alten Erbhuldigungseid in fester Treue zu halten gewillt waren. Das hat im
ganzen Lande zahlreiche besorgte Gemtither von drlickender Sorge befreit
und ihm in weiten Kreisen, zu denen auch Schreiber dieser Zeilen lebenslang
sich rechnen wird, aufrichtigen Dank und innige Verehrung erworben. Dass
bei dieser offen bethatigten legitim-monarchischen Gesinnung sowohl der
Regent des Herzogthums, Prinz Albrecht, wie dessen Gemahlin S. stets mit
der grossten Auszeichnung behandelten und wiederholt eines besonderen Ver-
trauens wtirdigten, mag manchen liberrascht haben, hat aber nicht zum min-
desten dazu beigetragen, dem Regenten voiles Zutrauen und wahre Hoch-
achtung gerade in legitimistischen Kreisen zu gewinnen. Sonst hat sich S.
von allem politischen Treiben geflissentlich fern gehalten. Jede Thatigkeit
der Art schien ihm nicht im Einklange zu stehen mit den Pflichten, die ihm
die Wurde seines hohen Kirchenamtes auferlegte. Dieser ausserlich und
innerlich zu geniigen, war er stets auf das eifrigste bedacht, aber, was das
schonste dabei war, ohne dass jemand etwas davon merkte. Eine Achtung
Sallentien. von Wegele. 375
gebietende Wtlrde war ihm angeboren; er war nie besorgt, sie zu verlieren,
und verband damit eine so anspruchslose Einfachheit und Nattirlichkeit, einen
so feinen Takt, so gewinnende Formen, dass sogleich ein jeder unwillktirlich
sich zu ihm hingezogen flihlte. Hinzu kam, dass auch die Glite seines
Herzens, die Vornehmheit seiner Gesinnung in seinem Wesen unwillktirlich
zum Vorschein kamen. Er war eine gliicklich harmonische Natur, in der
die Krafte des Geistes und Gemiithes in schonstem Gleichmaasse standen;
dabei besass er einen frohlichen, heiteren Sinn, war er auch ftir ein harm-
loses Scherzwort stets aufgeschlossen und verstand es, schlagfertig sofort in
gleichem Tone zu erwidern. Die liebste Erholung von seinem Berufe fand
er in dem gllicklichen Familienkreise, der ihn umgab, dessen Seele er war
und dem er durch sein ernstes und doch heiteres Wesen den Charakter eines
christlichen Hauses im besten Sinne des Wortes verlieh. Ftir ein schweres
Unterleibsleiden, das er mit bewundernswerther Geduld und Standhaftigkeit
trug, hatte ein wiederholter Besuch des Bades Wildungen ihm keine vollige
Gesundung bringen konnen. Im letzten Jahre liessen seine Krafte merklich
nach und am Morgen des 3. Februar 1897 machte der Tod seinem arbeits-
reichen und gesegneten Leben ein Ende.
Braunschw. Magazin 1897, S. 25 — 28. — Brunonia 1897, No. 7. — Evang.-luther.
Wochenblatter 1897, S. 26 — 31.
P. Zimmermann,
Wegele, Franz Xaver von, Historiker, * am 28. October 1823 zu
Landsberg am Lech, f am 16. October 1897 zu Wlirzburg. — Am 16. October
1897 verlor die Universitat Wurzburg einen ihrer verdientesten Lehrer, eines
ihrer charaktervollsten Mitglieder, Franz Xaver von Wegele, Sein reines,
arbeitsreiches Leben war eine lange Spanne Zeit der frankischen Hochschule
gewidmet, in erster Linie im Gelehrtenleben, dann aber auch bedeutsam
durch seinen politischen Inhalt, durch das feste und unentwegte Eintreten fur
Recht und Billigkeit, flir eine freiere Auffassung der Dinge, als man sie im
Konigreich Bayern in jenen Tagen gewohnt war. Es ist daher Pflicht der
Nachlebenden , seinen fleckenlosen, an Verdiensten und Erfolgen reichen
Lebensgang in Worten festzuhalten und kiinftigen Geschlechtern als Beispiel
daftir, was auch ein schlichter, deutscher Gelehrter an fruchtbarem Samen in
seinem Vaterlande ausstreuen kann, hinzustellen.
W. wurde in dem alten, malerischen und an historischen Erinnerungen
nicht allzu armen Stadtchen Landsberg am Lech in Oberbayern, als Sohn
eines Metzgermeisters, geboren. Seine Gymnasialbildung empfing er auf dem
Benedictiner-Gymnasium zu St. Stephan in Augsburg. Hier sind es besonders
einige aus Oesterreich berufene Lehrer, deren Unterricht von Werth ftir seine
Ausbildung wurde. Im Uebrigen nimmt sein Jugendleben den gewohnlichen
Verlauf und wir sind nicht im Stande zu sehen, welche Anregungen ihn auf
den kiinftigen Beruf als Historiker gebracht haben. Vielleicht dtirften die
historischen Erinnerungen in Landsberg, mehr noch wohl die Augsburgs in
ihm die Liebe zur Geschichte geweckt haben. Welche Personen auf ihn in
der Jugend Einfluss gehabt haben, bleibt uns ebenfalls leider verborgen. Ein
besonders nahes Verhaltniss hat ihn mit der Mutter verbunden, die ein hohes
Alter erreicht hat und der er stets mit aufrichtiger Liebe und Verehrung
anhing. Nach Beendigung seiner Gymnasialstudien bezog W. 1842 die Uni-
versity ten MUnchen und Heidelberg, und hier am Neckar war es, wo vor
376 v°n Wegele.
Allem drei Manner die Richtung seiner Geistesbildung bestimmten, Schlosser,
Gervinus und der noch jugendliche Ludwig Hausser. Friih von der Neigung
zur Litteraturgeschichte erfullt, bot ihm dafiir besonders Gervinus Anregung
und W.'s spatere Arbeiten haben gezeigt, dass er dieser Vorliebe stets treu
geblieben ist. Die universalhistorische Richtung Schlossers hat W. dahin
gebracht, nie an Einzelheiten kleben zu bleiben, sondern den Blick ofFen zu
halten fur die Gesammtentwickelung der Menschheitsgeschichte. Daneben
trat dann die politische Geschichte, deren glanzender Vertreter Hausser war,
in ihre Rechte und erfiillte den jungen Studenten mit Begeisterung. An
dem Vorbilde Hausser's hat sich dann auch der junge Docent W. ausgebildet
und die glanzenden Eigenschaften des Hausser'schen Vortrages sind auf den
Jtingeren ubergegangen und haben ihn in seiner akademischen Laufbahn zu
einem anregenden und gewandten Lehrer gemacht. Nachdem er in Heidel-
berg den Doctortitel erworben, suchte sich W., von Hausser dazu angeregt,
im praktischen politischen Leben umzusehen und begab sich zu diesem
Zwecke im Jahre 1848 nach Frankfurt am Main, das damals ftir einige Zeit
durch das eben versammelte deutsche Parlament der Mittelpunkt des poli-
tischen Lebens unserer Nation wurde und einem offenen Kopfe wie dem W.'s
einen Einblick in die politischen Vorgange der Zeit bot, wie er giinstiger
damals nicht zu gewinnen war. In den verschiedenen politischen Clubs der
Mainstadt gab es viel zu beobachten und zu lernen, und daraus hat der
junge Gelehrte bleibende und fruchtbringende Eindriicke ftir alle Zukunft
gesammelt.
Im Jahre 1849 wandte sich W. nach Thtiringen und Hess sich intJena
als Privatdocent der Geschichte nieder. 1851 wurde er hier ausserordent-
licher Professor. Seine offentliche Wirksamkeit als akademischer Lehrer und
seine wissenschafdiche Laufbahn als historischer Schriftsteller nahmen nun
ihren Anfang. Der Geist der kleinen, aber vielseitig angeregten Musenstadt
Jena erfiillte bald auch W. Hier hatte einst Schiller als Historiker gewirkt,
hier wehte noch die litterarische Luft des XVIII. Jahrhunderts und begann
auf den jungen Docenten ihren Zauber auszutiben. Zunachst geht er ganz
auf in der akademischen Thatigkeit. Vorlesungen tiber die Geschichte der
deutschen Historiographie, die sich spater zu einem Buche auswachsen sollten,
damals aber in Ermangelung guter Hilfsmittel noch mtihsam aus dem Rohen
zusammengetragen und verarbeitet werden mussten, fullten die erste Zeit aus
und welchen Erfolg er damit hatte, zeigte ihm schon friih die Dankbarkeit
und Anhanglichkeit der Schtiler, unter denen spater zur Bedeutung gelangtc
Historiker, wie die schwabischen Vettern Otto und Siegurd Abel sich be-
fanden. Auch an den nahen Weimarer Hof wurde W. zur Abhaltung eines
Vortrages berufen.
Bald ist es die thiiringische Geschichte, die den jungen Gelehrten be-
sonders anzog und die seine ersten historischen Schriften hervorrief. Karl
August von Weimar eroflhete die Reihe derselben. Litteratur wie Politik,
die beiden Dinge, die W. von Anfang an anzogen und in deren Verbindung
sich seine Geistesrichtung am Deutlichsten auspragte, sind in diesem Ftirsten-
leben so eng mit einander verkniipft, dass es ftir W. einen besonderen Reii
haben musste, sich gerade an diesem Stoffe zu versuchen und die ersten
Sporen zu verdienen und dieser Versuch ist dem jungen Manne trefflich ge-
lungen. Scharf umrissen tritt uns die Gestalt des Weimarer Ftirsten entgegen:
die stiirmische Jugend, der Bund mit Goethe, die Abklarung im reifen Alter,
von Wegele. 377
die Vielseitigkeit der geistig-litterarischen wie der politisch-landesvaterlichen
Interessen dieses ideal angelegten Wettiners, ihnen alien weiss W. gerecht zu
werden und uns das Bild eines unserer besten deutschen Herrscher lieb und
wert zu machen. Flir einen so jungen Gelehrten wie W. war, legt das Buch
Zeugniss ab von einer merkwtirdig scharfen Beobachtungsgabe und von durch-
dringendem, politischem Urtheil. Der Jenenser Aufenthalt zeitigte ausserdem
noch einige Publikationen, welche uns die Quellen zur alteren thuringischen
Geschichte — denn W. verband mit allgemeinen Gesichtspunkten und For-
schungen auch gerne das Naheliegende, durch das lokale historische Interesse
Gebotene — erschlossen haben. Ich meine die Ausgaben der Annales Rein-
hardsbrunnenses und der Chronik des Erfurter Monches Nikolaus von Siegen,
die er in den Thuringischen Geschichtsquellen Band I und II erscheinen liess.
Auf denselben Studienkreis bezog sich dann das spater entstandene Werk:
Friedrich der Freidige, Markgraf von Meissen, Landgraf von Thliringen und
die Wettiner seiner Zeit (1247 — 1325), das uns mit einem der wichtigsten
Abschnitte der mittelalterlichen sachsisch- thuringischen Geschichte in sorg-
fal tiger Forschung bekannt machte. Den territorial en Zusammenschluss der
sachsisch - thuringischen Lande unter der Ftihrung des Markgrafen Friedrich
des Freidigen, der mit zaher Energie an den Rechten seines Hauses festhielt
und dadurch den Grund zur Wettinischen Hausmacht in Mitteldeutschland
legte, wird uns in einem anziehenden biographisch-historischem Bilde
dargelegt.
Ebenfalls dem Jenenser Aufenthalt gehort endlich ein Werk an, das die
Eigenart W.'s, die in einer feinen Beobachtung der Litteraturgeschichte ver-
bunden mit universalhistorischen Gesichtspunkten besteht, besonders deutlich
darlegt, ich meine Dante Alighieri's Leben und Werke. Das Buch erfreute
sich eines solchen allgemeinen Beifalls, dass es 1879 *n dritter Auflage er-
scheinen konnte. Dante der Mensch, der Politiker, der Dichter, ein mittel-
alterlicher Geist mit bereits modernem Geprage, wird uns an der Hand der
besten Quellen klar vor die Augen gestellt. Aber nicht nur sein Leben,
seine politische Rolle erfahren die beste Beleuchtung durch die Kunst des
kenntnissreichen Historikers, die um so hoher anzuschlagen ist, als W., auch
darin ein echter deutscher Gelehrter, niemals den Boden Italiens, dem sein
Held entsprossen war, betreten, niemals die Schauplatze von Dantes Leben und
Wirken, Florenz, Verona, Ravenna mit eigenen Augen geschaut hat; auch seine
Werke der Dichtkunst wie der Prosa werden von W.'s Hand zerlegt und in
ihrem geistigen Inhalt, der der Menschheit angehort, vorgefiihrt. Mit Hilfe
dieses Buches ist zum ersten Male das Leben Dantes und das Werk seines
Lebens aus dem Dunkel der Vergangenheit in das Licht des hellen Tages
gezogen worden und noch heute ist ein Verstandniss Dantes nicht moglich
ohne Benutzung dieses Buches. Das hat auch neuerdings der jtingste Biograph
Dantes, Franz Xaver Kraus, mit warmen Worten anerkannt und daran wird
die Gegnerschaft anderer Dante-Forscher, die mit Geringschatzung auf W.'s
Leistung herabblicken zu milssen meinten, nichts zu andern vermogen. Grund-
legend fur alle weitere Forschung bleibt W.'s Dante-Biographie, vermag auch
neu hinzukommendes Material hie und da in dem Gesammtbilde einen neuen
Zug hineinzuzeichnen.
Der Jenenser Aufenthalt W.'s ging nun nach Vollendung des Dante
seinem Ende entgegen, nicht ohne das personliche Leben des jungen Ge-
lehrten bereichert zu haben. In Jena ftihrte W. seine erste Gattin heim, um
378 von Wegele.
mit ihr gltickliche Jahre zu verleben und sie dann frtih hingeben zu mtissen.
Drei Sohne sind aus dieser ersten Ehe hervorgegangen, der Stolz und die
Freude des Vaters, zugleich einer, der alteste, sein Schmerzenskind, das er
in dessen Junglingsalter jahlings verlieren musste. So blieben auch diesem
Gliickskinde die Prtifungen unseres irdischen Lebens nicht v6llig erspart. Sie
hinderten ihn aber nicht, seinen Berufs- und literarischen Pflichten mit un-
geschmalertem Eifer nachzukommen, spornten ihn vielmehr an, in offendicher,
wissenschaftlicher Thatigkeit den Trost gegen Menschenschicksal zu suchen
und zu finden.
Ein neuer Lebens-Abschnitt beginnt fttr W. mit der Berufung als ordent-
licher Professor der Geschichte an die Universitat Wtirzburg im Jahre 1857.
Seine bayerische Heimat hatte in der Zeit, wo er sie gemieden, eine beachtens-
werthe Umwandlung durchlebt. Das reactionare Regiment Konig Ludwigs L,
der nach den sturmischen Tagen der Jugend, in denen er sich ftir die Be-
freiung des deutschen Bodens von der franzosischen Fremdherrschaft
Napoleons I. begeisterte, bald finsteren Machten verfiel und, eine autokratische
Natur, sein Land und Volk auf seine Weise zu beglticken trachtete, war von den
Sttirmen der Revolution des Jahres 1848 hinweggefegt worden, sein Sohn,
Maximilian II., sass jetzt auf dem bayerischen Thron. Mit ihm begann ein
freierer Geist Uber Bayern zu wehen und vor Allem suchte der junge Konig,
dem Beispiele seiner erlauchten Ahnen folgend, der Wissenschaft in erster
Linie und neben ihr der Kunst, eine Heimat in seinem Bayernlande zu
grtinden. Manner der Wissenschaft trachtete Maximilian II. um sich zu ver-
sammeln, mit ihnen in zwanglosem Verkehr geistigen Austausch zu pflegen
und sich mit Vorliebe in philosophische, historische und politische Fragen zu
vertiefen. In diesem Kreise entstand nun der Plan, auch W.'s Krafte seinem
Vaterlande nutzbar zu machen. So wurde er von Jena als ordendicher Pro-
fessor der Geschichte nach Wtirzburg berufen, auf einen Lehrstuhl, den er
40 Jahre lang ohne Unterbrechung mit immer steigendem Erfolge ein-
nehmen sollte.
W. hatte schon in Jena durch eine Arbeit, welche die rheinfrankische
Geschichte bertihrte, gezeigt, dass er besonders geeignet war, an der franki-
schen Hochschule das Interesse fur die engere vaterlandische Geschichte Ost-
frankens zu heben und zu pflegen. 1855 liess er die Monographic tiber
Arnold von Selenhofen, Erzbischof von Mainz (11 53 — n 60), erscheinen. Er
schildert darin die schweren Kampfe, die dieser stolze und autokratische Pralat
mit der Stadt Mainz ftihrt und in denen er schliesslich unterliegt. Ein diisteres
Bild aus der Reichs- und Territorialgeschichte des XII. Jahrhunderts wird vor
uns aufgerollt, ein Kampf geschildert, wie er im Mittelalter so manche deutsche
Stadt durchtobt hat und mit wechselndem Glucke von den Bilrgerschaften
geftihrt wurde.
In erster Linie widmete W. in Wtirzburg seine Krafte der akademischen
Thatigkeit und er war dazu wie Wenige geschaffen. Schon seine aussere
Erscheinung hatte etwas Imponirendes und Anziehendes zugleich. Die hoch-
ragende Gestalt, der ausdrucksvolle Kopf mit der ktihnen Adlernase und den
dunklen, spriihenden Augen nahmen fur ihn ein, noch mehr der reiche und
anregende Inhalt seiner Vortrage. Er erweiterte jetzt bedeutend den Kreis
seiner Vorlesungen und nahm mit Vorliebe Themata aus der neueren und
neuesten Geschichte zum Gegenstand des Vortrages. Franzosische Revolution
und Geschichte Napoleons I., Geschichte des XIX. Jahrhunderts von 181 5 ab
von Wcgcle. 379
wurden von ihm haufig traktirt, daneben aber auch die Geschichte des Mittel-
alters, der Refonnation und der Gegenreformation mit dem dreissigjahrigen
Kriege, das Zeitalter Friedrich des Grossen nicht vernachlassigt. Aber auch
in die englische Geschichte mit besonderer Berlicksichtigung der englischen
Revolution griff er geme hinilber und aus dem Gebiete der Culturgeschichte
zog ihn vor Allem das Zeitalter der Renaissance als Geburtsstatte des mo-
dernen Geistes an, Aber nicht nur als Lehrer der studentischen Jugend trat
W. in Wurzburg auf, auch seinen Mitbiirgern bot er mannichfache Anregung
in Vorlesungen, die eben ftir diese weiteren Kreise speciell berechnet waren.
Hier las er iiber Dante, Macchiavelli, tiber literaturgeschichtliche Gegenstande,
wie Shakespeare's Konigsdramen, iiber die historisch sich entwickelnden
Wechselbeziehungen zweier so hervorragender Staatsgebilde, wie Deutschland
und Frankreich. Ftir das wissenschaftliche Studium der Geschichte an der
Wiirzburger Hochschule erwarb sich W. endlich ein grosses Verdienst durch
die Grtlndung eines historischen Seminars, in welchem die Grundlagen der
historischen Wissenschaft, die Einflihrung in die Methode der historischen
Forschung den SchUlern gelehrt wurden. Neben historischer Propadeutik
wurden eifrig die Quellen zur mittelalterlichen Geschichte gelesen, erklart und
kritisch beleuchtet, ebenso die historischen Hilfswissenschaften wie Chrono-
logie, Palaographie und Diplomatik, letztere an der Hand der krchivalischen
Schatze in Wurzburg, in den Kreis der Studien gezogen. Der moderne Be-
trieb der historischen Wissenschaft hat erst durch W. in Wtirzburg eine Stiitte
gefunden. Griindlichkeit in der Durchforschung des Quellenmaterials, kritische
Methode, Objectivitat in der Betrachtung der historischen Vergangenheit, das
waren die obersten Grundsatze, die er seinen Schlilern beizubringen trachtete;
daneben pflegte er als ein Mann von literarischer Begabung und von Ge-
schmack die schone Form des Ausdrucks und der Darstellung. Ein wiirdiges
ausseres Kleid fur die aus dem Rohmaterial herausgearbeiteten Ergebnisse
kritischer Forschung hat W. nie verschmaht und dafiir sowohl durch seine
kUnstlerisch abgerundeten und formvollendeten Vorlesungen, wie durch seine
gut geschriebenen Werke ein leuchtendes, zur Nacheiferung anspornendes
Beispiel gegeben.
Aber W. ging nicht auf in der Thatigkeit ftir seine Zuhorer, auch urn
die Organisation der Korperschaft, der anzugehoren er immer als eine be-
sondere Ehre angesehen hat, der Universitat, war er in hervorragendem Maasse,
mit regstem Eifer und als ein Mann von festem Charakter bemtiht. Er hielt
es mit ftir seine Hauptaufgabe, in Wurzburg dafiir zu sorgen, dass die Uni-
versitat auf einer hohen Warte stehen und allein der Wissenschaft, der Er-
forschung der Wahrheit, so weit diese uberhaupt ftir uns Sterbliche zu er-
mitteln und zu ergriinden ist, dienen miisse ohne jede Rucksicht auf con-
fessionelle oder auf politische Schranken. Man war in Bayern im XIX. Jahr-
hundert nicht immer gewillt, einen so hohen und idealen Standpunkt im
Leben der Universitaten einzunehmen; W. gebiihrt das Verdienst stets darauf
als beste Btirgschaft fur die Bliithe des Geisteslebens hingewiesen zu haben
und die Universitat tiber das Getriebe der Parteien in die reine Luft der
Wissenschaftlichkeit zu heben. Das zeigte sich vor Allem in seiner Thatigkeit
als Dekan und Senator bei Berufungen, wo er nur den wissenschaftlich Lei-
stungsfahigen ftir wiirdig hielt, in die Korperschaft seiner alma mater Julia
einzutreten, ebenso bei der Verwaltung des Rektorates, mit der ihn bereits
in jungen Jahren 1863 seine Collegen betrauten. Diesen Grundsatzen ist W.
380 von Wegele.
treu geblieben bis an sein Grab und mit Schmerz und Trauer sah er die
Moglichkeit voraus, dass nach seinem Tode andere und kleinliche Gesichts-
punkte die herrschenden werden und die Bliithe des Universitatslebens ver-
derben konnten, wie denn auch seine Voraussicht leider eingetreten und W.'s
Lehrstuhl durch den bayerischen Cultusminister einer Parteirichtung schlimm-
ster Art ausgeliefert worden ist.
Neben der Sorge fiir den Unterricht der akademischen Jugend, fiir die
geistige Bildung seiner Mitburger und flir die Aufrechterhaltung der Bliithe
der Universitat Wtirzburg entfaltete W. in seiner neuen Stellung auch eine
ungewohnlich reiche literarische Arbeitskraft, die der Geschichte Thuringens
wie Frankens, der Wurzburger Universitat und der Entwickelung unserer
deutschen Geschichtsschreibung Uberhaupt zu Gute kam. Wie er einst in
Jena gern auf die Erforschung der thtiringischen Lokal geschichte einging und
jetzt noch in Erinnerung an vergangene Tage der heiligen Elisabeth von
ThUringen ein wtirdiges biographisches Denkmal setzte, war er bemiiht, auch
die Geschichte Ostfrankens durch Veroffentlichung bisher unbekannter Quellen
derselben und durch Darstellung hervorragender und charakteristischer Epochen
und Personen im Verlaufe ihrer Entwickelung aufzuhellen. So entstanden
Publicationen wie die Monumenta Eberacensia, das Corpus Regulae seu Ca-
lendarium Domus S. Kiliani Wtirceburgensis saecula DC — XIV amplectens.
Durch zahlreiche Abhandlungen und Aufsatze suchte er die Grundlage fur
eine beabsichtigte, aber leider unausgefiihrt gebliebene, umfassende Geschichte
Ostfrankens zu gewinnen. Dahin gehoren Abhandlungen wie: Zur Literatur
und Kritik der frankischen Nekrologien, biographische Studien tiber hervor-
ragende Personlichkeiten der frankischen Geschichte, wie Wilhelm von Grum-
bach, Bischof Gerhard von Wtirzburg, aus dessen Leben und Regierung er
den Stadtekrieg im Hochstifte Wtirzburg herausgriff, Gdtz von Berlichingen,
dessen Leben er an der Hand seiner eigenen Denkwilrdigkeiten klar zu legen
suchte, endlich zahlreiche biographische Artikel in der von der historischen
Commission in Miinchen auf Anregung Ranke's herausgegebenen und von ihra
im Verein mit Liliencron redigirten Allgemeinen deutschen Biographic Wurz-
burger Stadtgeschichte behandeln : der Hof zum Grafen Eckard zu Wtirzburg,
Wtirzburg im XII. Jahrhundert. Der Geschichte Thtiringens wie Ostfrankens
kamen endlich auch seine in Sybel's historischer Zeitschrift ab und zu er-
scheinenden Besprechungen der neueren historischen Literatur dieser beiden
Landschaften zu Gute. Dem ersten Geschichtsschreiber Bayerns, Aventin,
widmete er ein biographisches Denkmal, das in der deutschen Gelehrten-
geschichte stets einen wiirdigen Platz einnehmen wird. Und wie er literatur-
geschichtliche Betrachtung neben politischer Geschichte von Anfang an ge-
liebt hatte, so entstanden nun zwei Werke aus seiner Feder, die von seiner
Begabung ftir diese Richtung der Geschichtsschreibung Zeugniss ablegen. Ak
im Jahre 1882 die Universitat Wtirzburg ihr dreihundertjahriges Jubilaum zu
feiern sich anschickte, wurde W. der ehrenvolle Auftrag zu Theil, die Ge-
schichte derselben zu schreiben. Er hat diese Aufgabe in wtirdiger Weise
gelost und uns ein zweibandiges Werk, in dem er die Geschichte der alma
mater Julia bis 1806 herunterfiihrt und uns auch die nothigen Belege durch
die Veroffentlichung des urkundlichen Materials bietet, geschenkt. Wie die
Universitat des Fiirstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn auf der Grund-
lage alterer Stiftungen aufgebaut wurde, wie sie als Hort des Katholicismus
im Zeitalter der Gegenreformation gedacht war, wie sie sich im Laufe ihrer
von Wegele. 38 1
ersten drei Jahrhunderte bis 1806 im Dienste verschiedener Geistesrichtungen
entwickelt hat, wird uns an der Hand reichen Quellenmaterials dargelegt und
bietet einen wichtigen Ausschnitt aus der Geschichte unseres deutschen
Geisteslebens. Leider ist es W. nicht mehr vergonnt gewesen, in einem
dritten Bande, mit dessen Abfassung ihn seine Collegen ebenfalls betraut
hatten, die Geschichte der Universitat Wtirzburg bis auf unsere Tage herab-
zufuhren. Er hatte uns hier einen hochinteressanten Einblick in die Cultur-
und Geistesgeschichte unserer Zeit verschaffen konnen, wie kaum ein Anderer,
da er als Zeitgenosse mit seinem scharfen und freien Blick in manche Ab-
griinde bayerischer Staatsverwaltung hineingeleuchtet und nachgewiesen hatte,
mit wie geringer Weisheit oft die Geschicke der V6lker geleitet werden. Es
ware wtinschenswerth, dass wenigstens der vollendete Theil des Manuscriptes,
der sich auf der Koniglichen Universitats-Bibliothek zu Wiirzburg befinden
soil, noch einmal an den Tag kame und von einem gleich charakterfesten
und wahrheitsliebenden Geschichtsschreiber, wie es W. war, vollendet wurde.
Er wiirde einen wichtigen Beitrag zu unserer modernen Geschichte abgeben.
Das zweite literarhistorische Werk schrieb W. im Auftrage der Mtin-
chener historischen Commission, die Geschichte der deutschen Historiographie.
Hier diirfte es am Platze sein, mit ein Paar Worten auf die Stellung W.'s
innerhalb der Commission einzugehen. Durch Konig Max II. von Bayern in's
Leben gerufen und untersttitzt, wurde die Mttnchener historische Commission
bald der Mittelpunkt der historischen Studien und Arbeiten in Deutschland,
und der Kreis von deutschen Gelehrten, aus dem sie sich zusammensetzte,
zeigt uns die Elite der deutschen Geschichtsschreiber unter der Ftihrung des
der Wissenschaft ergebenen bayerischen Konigs. W. war eines der altesten
Mitglieder dieser Commission, nachdem er schon vorher in den Verband der
MUnchener Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden war. Eng
schloss er sich hier an die alteren Genossen an, so an Ranke, Waitz, Sybel,
Giesebrecht; besonders innige Freundschaft aber verband ihn mit Karl von Hegel.
Er pries die MUnchener Tage, deren Besuch er niemals verabsaumte, als die
gllicklichsten seines4 Lebens, da sie ihm den anregenden und erfrischenden
Gedankenaustausch mit gleichgesinnten Fachgenossen brachten. Bald sehen
wir W. auch eifrig an den Publicationen der historischen Commission betheiligt.
Er wurde Mitherausgeber der Forschungen zur deutschen Geschichte, welche
es sich zur Aufgabe machten, verdienstvolle Arbeiten aus dem Gebiete der
deutschen Geschichte zu veroffentlichen. Er leitete im Verein mit Liliencron
die von Ranke in's Leben gerufene Allgemeine deutsche Biographie, eine in
lexikographischer Anordnung geschriebene Sammlung von Lebensbildern aller
bisher verstorbener deutscher Personlichkeiten von Bedeutung. Viele Artikel,
vor Allem aus dem Gebiete der ostfrankischen Geschichte, hat W. selbst zu
dem Sammelwerke beigesteuert. Endlich Ubernahm er es, fttr die Geschichte
der Wissenschaften in Deutschland, welche die historische Commission be-
arbeiten Hess, eine Geschichte der deutschen Historiographie zu schreiben,
die 1885 erschien. Man kann nicht behaupten, dass dieses Werk zu den
gelungenen Leistungen W.'s gehort. Es fehlt die rechte Verarbeitung des
schwerfalligen und sproden Stoffes, die gleichm&ssige Behandlung der langen
Entwickelungsgeschichte unserer vaterlandischen Geschichtsschreibung, Flttch-
tigkeiten aller Art lassen die sonst bei W. vorhandene deutsche Griindlichkeit
vermissen. Aber daneben muss zugegeben werden, dass es W. gelungen ist,
unsere deutsche Geschichtsschreibung in die allgemeine geistige Bewegung
382 von Wegele.
unseres Volkes rich tig einzureihen und besonders Abschnitte, in denen er
selbstandige Studien gemacht hat, so die (iber unsere Geschichtsschreibung im
XVIII. und XIX. Jahrhundert, sind als gut gezeichnet anzuerkennen. Wenn
W. uber Goethe und Schiller als Historiker spricht oder die Verdienste eines
Johannes von Mttller klarzulegen hat, leistet er in diesem Werke Vorzugliches.
Dass es keinen hoheren Grad der Vollendung erreicht hat, ist weniger die
Schuld des Verfassers, als des Stoffes, der weitzerstreut erst von W. miihsam
zusammengetragen und verarbeitet werden musste. Als ein erster Versuch,
die Geschichte unserer Historiographie im Zusamraenhange darzustellen, bleibt
das Werk von dauerndem Werth und wird kiinftigen Bearbeitern desselben
Stoffes als unentbehrliche Grundlage dienen.
Die letzte Hauptarbeit seines Lebens war mit diesem Werke gethan. W.
widmete sich in seinen letzten Lebensjahren hauptsachlich seinen akademischen
Pflichten. Noch blieb eine Aufgabe iibrig, eine Sammlung seiner an verschie-
denen Orten gehaltenen und erschienenen Vortrage und Abhandlungen, doch
ein schweres Leiden, das ihn erfasste und seine Krafte lahmte, hinderte ihn
an der Ausfuhrung. So hat erst nach W.'s Tod eine Freundeshand ihm
diesen Liebesdienst leisten konnen. Graf Du Moulin Eckart gab die Vortrage
und Abhandlungen heraus und dankbar ist anzuerkennen, dass uns dadurch
eine Ftille von kenntnissreichen kleineren Arbeiten W.'s dargeboten worden
ist. Neben manchen uns schon bekannten Aufsatzen begrUssen wir einige
hier zum ersten Male, so den liber Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der uns
ein treffliches Charakterbild eines unserer grossten Kaiser und eine gerechte
Wlirdigung seiner Regierung bietet. Ebenfalls der staufischen Geschichte ge-
horen an: Kanzler Konrad und die Sage von der Wiederkunft Kaiser Frie-
drichs II. Auf das Gebiet der Literaturgeschichte greifen (iber: Graf Otto
von Hennenberg-Botenlauben, die deutsche Memoirenliteratur, die uns einen
trefflichen Ueberblick iiber alte und neue autobiographische Werke in deut-
scher Zunge giebt, Frau Baron von Oberkirch. Biographische Arbeiten liber
Franz Oberthur, Eulogius Schneider, die Tochter des Hauses Wittelsbach
schliessen sich an. Der Geschichte der Universitat Wtirzburg sind die Re-
formation der Universitat Wtirzburg und ein mit Humor geschriebener Artikel :
Ein Frauenkrieg an der Universitat Wtirzburg entnommen. Alexis von Toe-
queville ist ein seine politische und historiographische Wirksamkeit beleuch-
tender Aufsatz gewidmet. Wie vertraut W. mit der neuesten Geschichte ist,
erweist er in der Abhandlung: Zur Kritik der neuesten Literatur iiber den
Rastadter Gesandtenmord, wo er mit scharfem Messer all1 den Marchen und
Sagen, die sich tiber dieses denkwtirdige Ereigniss gebildet haben, an den
Leib geht und auch die Phantasien moderner Geschichtsschreiber uber diesen
Gegenstand abfertigt und aus dem Dunstkreis ihrer Darstellungen den wahren
und echten Kern herausschalt. W. zeigt sich uns in diesem nachgelassenen
Werke von einer neuen Seite, die man bisher nur aus den Berichten seiner
Schtiler gekannt hatte, als Essayist, und zwar von hervorragender Begabung.
Die sorgsam ausgearbeiteten, wohlabgerundeten Bilder, die er uns in seinen
Aufsatzen hinterlasst, sind das Werk eines feingebildeten Geistes, der in seiner
Leichtigkeit und Beweglichkeit des Ausdruckes fast an franzosische Eigenart
erinnert. Sehr verdienstvoll ist es, dass Graf Du Moulin der Sammlung ein
chronologisches Verzeichniss der von W. veroffentlichten Schriften beigegeben
hat, aus dem man sich zuverlassig uber seine reiche literarische Thatigkeit
unterrichten kann. Ich vermisse in diesem Verzeichnisse nur den Aufsatz:
von Wegele. Peter. 383
Die Beziehungen der Wettiner zu den Ghibellinen Italiens in der Zeit Dante's,
Jahrbuch der deutschen Dante-Gesellschaft I, 21 ff., der hiermit nachgetragen
werden soil.
Wir stehen am Schlusse von W.'s arbeitsreichem Leben, und wenn wir
es nochmals ruckblickend liberschauen, werden wir sagen dlirfen, es war ein
Leben voll Erfolg und Gliick. Frtih schon in die richtige Lebensstellung
gelangt, kann W. alle seine Krafte frei sich ausbilden lassen, als Lehrer an
deutschen Hochschulen, wie als fruchtbarer historischer Schriftsteller. Wie
sein offentliches Leben glatt und ruhig dahingeht, so ist auch sein person-
liches Leben mit Gliick und Harmonie gesegnet. Das Ungluck hat freilich
auch W. nicht verschont; aber an der Seite einer zweiten Frau erbluht ihm in
WUrzburg neues hausliches Gltick und auf seine heranwachsenden Kinder und
Enkel durfte er mit Freude und Stolz blicken. Erst die letzten Lebensjahre
wurden dem allmahlich alternden Gelehrten durch schwere Leiden getrUbt;
ein gtitiges Geschick hat ihn bald davon erlost. Unversohnt mit seiner Kirche,
deren aussere Werkheiligkeit seinem nach echter Frommigkeit und nach Wahr-
heit ringendem Geiste niemals etwas bieten konnte, ist er heimgegangen und
hat so noch in der Sterbestunde bewiesen, dass ihm sein ganzes Leben hin-
durch nichts hoher stand, als die Wahrheit und deren Erforschung. Wollte
man ihm eine passende Grabschrift schreiben, so w&re es sein oberster Grund-
satz, den er in alien Lagen seines Lebens hoch hielt: die Wahrheit liber
Alles!
Als Quell en habe ich benutzt: Mittheilungen der Familie Wegele. — Die Leichen-
reden der Wtirzburger Professoren Prym, Hantzsch, Henner und des protestantischcn Geist-
lichen. — Aufsatze und Notizen in der Wtirzburger, der MUnchener Allgemeinen Zeitung
und der Zeitschrift: Das Deutschthum im Auslande, Mittheilungen des Allgemeinen deut-
schen Schulvereins zur Erhaltung des Deutschthums im Auslande. — Endlich den soeben
erschienenen Lebensabriss von Graf Du Moulin Eckart in Allgemeine deutsche Biographic
XLIV, 443 ff.
Baden-Baden, den 1. September 1898.
Victor Bayer.
Peter, Carl Lorenz, Kirchenrath und Pfarrer in Spock bei Karlsruhe
(Baden), * 5. September 181 2 in Karlsruhe, f 26. August 1897 in Oeschelbronn
bei Pforzheim. — Einer kleinbtirgerlichen Familie entstammend, studirte P.
in Halle und Heidelberg Theologie und trat nach mehrjahriger erzieherischer
Thatigkeit und einem halbjahrigen Aufenthalt in Berlin 1839 *n den Dienst
der badischen evangelischen Landeskirche. Sechs Jahre lang wirkte er als
Stadtvikar in Karlsruhe und wurde 1847 als Pfarrer nach Schallbach bei
Lorrach versetzt, wo ihn sein muthiges Auftreten gegen den revolutionaren
Geist jener Zeit voriibergehend ins Gefangniss brachte. Von 1853 bis 1863
war er im Dienste der Basler Mission als Lehrer am Missionshause , litera-
rischer Sekretar und Reiseprediger thatig. Ein Halsleiden nothigte ihn, diese
Arbeit aufzugeben; er nahm einen Ruf der badischen evangelischen Gemeinde
Spock an und trat hier wieder ins Pfarramt ein als Nachfolger des bekann-
ten Convertiten und spateren Erweckungspredigers Aloys Henhofer. Hier
wirkte er bis kurz vor seinem Tode, in seiner Gemeinde wie ein Patriarch,
in weiteren Kreisen der Landeskirche als Haupt und Jterater hochangesehen,
auch vom Ftirstenhause geschatzt. Literarisch trat er selten hervor, und dies
nur durch Veroffentlichung einzelner Vortrage und zeitweilige Mitarbeit an
kirchlichen Blattern. Auch in das aussere Leben der Landeskirche griff er
384 Peter. Schwartz*
selten ein; 1881/82 war er Mitglied der Generalsynode. Um so nachhal tiger
war sein unmittelbar personliches Wirken, das sich ihm ungesucht durch die
Ausstrahlung seiner durch und durch lauteren Personlichkeit ergab. Er war
eine der edelsten Erscheinungen des stiddeu tschen , speziell des badischen
Pietismus, in seinem Gedankenleben , wie in seiner personlichen Bethatigung
stets orientirt an der heiligen Schrift, in deren Inhalt er wie wenige einge-
drungen war. Hatte ihn in seinen Studienjahren die damals herrschende spe-
culative Philosophie dem biblischen Christenthum voriibergehend entfremdet,
so suchte er, namendich durch Gossners Predigten in Berlin dernselben zu-
rtickgewonnen, mit dem als wahr Erkannten nunmehr vollen Ernst zu machen.
In Karlsruhe und Schallbach bereitete ihm diese riicksichtslose Wahrheits-
liebe, die er in seinen Predigten bethatigte, manche Schwierigkeit In seinen
sp&teren Jahren, bei einer weniger widerstrebenden Umgebung, ausserte sich
sein biblischer Realismus vor allem in der Hervorhebung der Konigsherr-
schaft Jesu Christi, die jetzt noch im Kampfe liegt mit den widergottlichen
Machten in der Welt, einst aber nach gewaltigen Katastrophen sich siegreich
und nunmehr ungehemmt entfalten wird. Diese Gedankenreihen, deren uni-
verseller Zug wohl durch die Mitarbeit an der Basler Mission wesentlich ge-
fordert war, entwickelten sich ganz besonders im vertrauten Umgang mit der
prophetischen Literatur des Alten und Neuen Testaments, die er gerne
auch zum Gegenstande seiner Vortrage und Abhandlungen machte. Milde
und weitherzig in personlichen Fragen, betrachtete er mit tiefem Ernste die
Erscheinungen seiner Zeit und ist so fur viele zum Berather und Warner ge-
worden. Insbesondere waren es die pietistischen Gemeinschaften der alten
Markgrafschaft Baden, die in ihm ihr geistiges Haupt bis zuletzt verehrten.
Ein Nekrolog ist im Verlag von J. J. Reiff in Karlsruhe erschienen. Ein Vortrag
Uber »Die Wichtigkeit des Studiums der alt- und neutestamentlichen Prophetie fUr Kirche
und Theologiec erschien 1869 bei Hugo Klein in Barmen. In den »Mittheilungen der
cvangelischen Gesellschaft fur Deutschland* 1870 und 1871 (Barmen) ist der Prophet
Sacharja von P. ausgelegt.
Muhlhausser.
Schwartz, Joh. Heinrich Karl Christian Albert, Theologe, * am 1 1. Octo-
ber 1826 zu Braunschweig, f am 13. December 1897 in Gross -Winnigstedt.
Sein Vater, der 181 5 als Sergeant die Schlachten bei Quatrebras und Waterloo
mitgemacht hatte, war Kanzlist, spater Registrator beim Herzogl. Kriegs-
kollegium (f 1870); seine Mutter, Joh. Aug. Juliane war die Tochter des
Schmiedemeisters Joh. Christoph Schiitze in Braunschweig; sein Grossvater
Joh. Christian Aug. Schwartz war hier um die Wende des Jahrhunderts ein
beliebter Portratmaler, dessen Gattin Henriette Karoline eine Sch wester des
bekannten Kupferstechers Karl Schroder. Albert S. besuchte die Btirger-
schule, und dann das Gymnasium Martino-Catharineum seiner Vaterstadt, das
er zu Michaelis 1844 nut dem Reifezeugniss verliess, um in Gottingen
Theologie zu studiren. Er genoss hier drei Jahre lang hauptsachlich den
Unterricht des Abts Fr. Liicke, der Professoren Wieseler und Ehrenfeuchter.
Von lebendigem Eifer fur die Sache erfullt, schloss er sich schon damals der
Missionsgesellschaft an und hatte nicht libel Lust, als Missionar auszuziehen.
Michaelis 1847 ubernahm er zu Eppendorf bei Hamburg eine Lehrerstelle
am Institute des Dr. Busse, eines Freundes seines Vaters, und er blieb auch,
als er am 18. Februar 1848 das erste theologische Examen in Wolfenbiittel
bestanden hatte, noch sechs Jahre in dieser Stellung, da die Aussichten auf
Schwartz. 385
Anstellung bei der ungeheuren Zahl der Kandidaten der Zeit nur sehr gering
waren. Im Jahre 1854 wurde er Hauslehrer bei dem Herrn v. Veltheim in
Destedt. Von hier aus nahm er regen Antheil an der aufsteigenden kirch-
lichen Bewegung in Braunschweig, an den Conferenzen von Dienern und
Freunden der evangelisch-lutherischen Kirche, den Landesmissionsfesten u. s. w.,
die gerade urn diese Zeit ihren Anfang nahmen. Nachdem er am 16. Januar
1857 die zweite theologische Prlifung gemacht hatte, wurde er im folgenden
Jahre Hiilfsprediger beim Pastor Rohde in Denstorf. Erst vier Jahre spater
erhielt er die erste Pfarre, die zu Brunkensen und Hohenbtichen, in die er
am 9. April 1862 eingefuhrt wurde. Bald darauf verheirathete er sich (am
20. Mai 1862) mit Marie Busse, der Tochter seines frtiheren Hamburger
Directors. Seine Thatigkeit in der Gemeinde war eine sehr erfolgreiche,
aber auch sehr anstrengende, dabei das Einkommen ein sehr geringes; zwei
Mai zog er sich wohl durch die winterlichen Wanderungen nach der Filiale
und den Aufenthalt in der kalten Kirche einen hitzigen Rheumatismus zu.
Er bewarb sich daher spater um die Pfarre zu Gross-Vahlberg und Bans-
leben, die er J875 erhielt, jedoch erst nach dem Tode des emeritirten
Pastors Friedrich, des Vaters des Schriftstellers Friedrich Friedrich, (f 10. Sep-
tember 1879) m^t voller Einnahme. Jetzt endlich kam er in eine sorgenfreie
Lage, die sich dann noch mehr verbesserte, als er am 7. October 1888 die
Pfarre zu Gross- Winnigstedt bekam. Trotzdem hat sich S. durch die ausseren
Verhaltnisse, die lange Zeit auf ihm lasteten, nicht niederdrticken lassen. Er
besass eine grosse Elasticit&t des Geistes, einen angeborenen heiteren Lebens-
muth und eine rtihrende Anspruchslosigkeit, die ihm im Verein mit strenger
Sparsamkeit iiber viele Schwierigkeiten hinweghalf. So brachte er es fertig,
dass er drei Sohne erziehen konnte, die er zu seiner Freude sammtlich noch
im geisdichen Amte erblickte. — Seinen Haupteinfluss auf die Braunschweigische
Landeskirche hat S. durch die »Evangelisch-lutherischen Monatsblatter« aus-
gelibt, die er seit dem 1. Januar 1881 anfangs in Verbindung mit Eissfeldt,
Lachmund und Palmer, dann auch (1. Januar 1887) mit Joh. Beste und
(October 1889) mit J. StSlting herausgab. Vom Januar 1894 ab, wo S. die
Redaction im Wesentlichen allein mit Htilfe seiner S6hne besorgte, wurde
das Blatt, das immer der positiven Richtung gedient hatte, ausdrticklich als
» Organ der Evangelisch-lutherischen Vereinigung im Lande Braunschweig «
bezeichnet, deren Vorstande S. von Anfang an angehort hatte. Mit dem An-
fange des Jahres 1896 erschien es wochentlich unter dem Titel: »Evangelisch-
lutherische Wochenblatter«. In weiteren Kreisen wurde S.'s Name nach dem
Tode Herzog Wilhelms im sogen. Regentschaftsjahre bekannt. Er hing mit
ganzem Herzen an seiner Braunschweigischen Heimat und dem angestammten
Ftirstenhause; insbesondere machte ihm der diesem geschworene Erbhuldigungs-
eid schwere Gewissensbedenken. Er wiinschte dartiber eine Aussprache mit
gleichgesinnten M&nnern und forderte daher offentlich in seiner Zeitung die
Geistlichen ftir den 25. Februar 1885 zu einer Conferenz iiber die Frage auf:
»Was dtirfen, konnen und sollen wir Geistlichen thun in der gegenwartigen
Krisis unseres Landes?* Die Abhaltung der Versammlung wurde von der
Regierung, die, wie man sagte, Gegenkundgebungen fiirchtete, durch polizei-
liche Maassregeln verhindert, aber zur Starkung der Gewissen, Einscharfung
der bestehenden Eidespflicht hat auch dieser vergebliche Versuch zweifellos
beigetragen. S. zog die Angelegenheit mancherlei Anfeindung zu. Er be-
wahrte diesen wie anderen Angriffen gegentiber einen bewundernswerthen
Biogr. Jfthrb. n. DcuUcher Nekrolog. 2. Bd. 2 5
386 Schwartz. Petzold.
Gleichmuth. Im personlichen Verkehr war er von naturwuchsiger Frische.
Wegen der Vorziige seines Charakters hat er, eine der Hauptstiitzen des pie-
tistisch-orthodoxen Kirchenthums, auch bei den Gegnern aufrichtige Hoch-
achtung besessen.
Job. Beste im »Braunschw. Magazin« 1898, No. 2, S. 9 £F. — »Brunonia« 1898, No. 12
bis 14. — Evang.-luther. Wochenblatter 1897, No. 51/22; 1898, No. 1, Beil.
P. Zimmermann.
Petzold, Karl Wilhelm, Schulmann, * am 9. Februar 1848 zu Keutschen
bei Weissenfels als Sohn des dortigen Predigers Johann Karl P., f am 24. Juli
1897 zu Pouch bei Bitterfeld. — Nachdem er die Schule seines Heimatsortes
besucht hatte, ging er nach der Sitte seiner Familie auf die Landesschule zu
Pforta liber. Schon wahrend dieser Zeit verlor er 20. Februar 1865 die Mutter,
19. September 1866 den Vater, so dass er, als er Ostern 1869 die Reifeprufung
bestanden hatte, sein Studium unter durftigen Verhaltnissen beginnen musste.
Er ging nach Halle, um sich hier der Theologie zu widmen. Doch bald
unterbrach der Krieg sein Studium. Er trat 1870 sogleich in das Schleswig-
Holsteinsche Fusilier-Regiment No. 86 ein, in dem er den ganzen Feldzug,
insbesondere die Belagerung von Paris und das Gefecht von Epinay mit-
machte. Dann kehrte er nach Halle zuriick, wo er sich jetzt aber dem
Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften zuwandte. Zu Michaelis
1874 erhielt er am Gymnasium zu Neu-Brandenburg eine Hiilfslehrerstelle,
der aber schon zu Neujahr 1875, nachdem er inzwischen das Staatsexamen
fur Chemie und beschreibende Naturwissenschaften bestanden hatte, die feste
Anstellung folgte. Im Sommer 1876 wurde er auf Grund einer Abhandlung:
»Uber die Vertheilung des Gerbstoffs in den diesjahrigen Trieben unserer
Holzgewachse« in Halle a. S. zum Doctor der Philosophie promovirt. Zu
Ostern des folgenden Jahres wurde er, da er sich in Strassburg fiir eine der
Schulen der neugewonnenen Reichslande zur Verfiigung gestellt hatte, an das
Gymnasium zu Weissenburg i. E. berufen. Doch verliess er diese Stelle schon
zu Michaelis 1879 wieder, um nochmals ein Semester in Halle, jetzt unter
Professor Kirchhoff's Leitung, Erdkunde zu studieren. Es geschah dies auf
Wunsch der stadtischen Behorden von Braunschweig, die ihm dann zu Ostern
1 880 provisorisch, ein Jahr darauf fest an der damaligen Realschule (seit 1887
Oberrealschule) anstellten. Hier hat er dann lange Jahre eine erfolgreiche,
vielfach anerkannte Wirksamkeit entfaltet. Auch ausserhalb der Schule nahm
er an den wissenschaftlichen Bestrebungen in der Stadt Braunschweig regen
Antheil, besonders an den Verhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins,
dessen Vorstande er seit 1884 meist angehorte und dessen Vorsitz er zwei
Jahre (1886/87 unc* 1891/92) gefuhrt hat. Seine wissenschaftliche Thatigkeit
war anfangs hauptsachlich der Chemie und der Naturkunde gewidmet, wandte
sich dann aber immer mehr der Erdkunde zu. Auf diesem Gebiete hat er
sich vor Allem einen angesehenen Namen in der Wissenschaft errungen.
Seine letzte Arbeit tiber »Die allgemeinen topisch-geographischen Verhaltnisse
des nordlichen Haupttheiles vom Herzogthum Braunschweig* erschien in der
Festschrift fiir die 69. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in
Braunschweig (S. 66 — 74), fiir die er die Leitung der Abtheilung fiir Erd-
kunde ubernommen hatte. Er sollte nicht mehr dazu kommen; in der Nach t
vom 23. zum 24. Juli machte ein Herzschlag seinem Leben im Pfarrhause
zu Pouch bei Bitterfeld ein plotzliches Ende. Seit dem 7. Juli 1880 war P.
Petzold. Freiherr v. Sterneck. 387
mit Susanne Lange, Tochter des Dompredigers L. in Halberstadt, verheirathet,
die ihn iiberlebte.
Jabresbericht tiber die Stitdt. Oberrealschule zu Braunschweig, Ostern 1898, S. 21 bis
24, wo auch ein genaues Verzeichniss der Schriften Petzold's gegeben ist.
P. Zimmermann.
Daublebsky von Sterneck zu Ehrenstein, Maximilian, Freiherr von,
k. u. k. Admiral, Marine-Kommandant und als solcher Chef der Marine-
Section des k. u. k. Reichskriegs-Ministeriums. St. entstammt der Karnten'-
schen Linie des Hauses Sterneck zu Ehrenstein; * am 14. Februar 1829 zu
Klagenfurt, als jlingster Sohn des im Jahre 1848 gestorbenen k. u. k. wirklichen
Geheimen Rathes und Landeshauptmanns von Karnten Josef St. aus dessen zwei-
ter Ehe mit Franziska Freiin von Kaiserstein, f zu Wien am 5. December 1897.
— Seine maritime Erziehung erhielt St. im Marine-Kollegium in Venedig, von
wo er nach vollendeten Studien im Jahre 1847 a's provisorischer Marine-Kadet
in die k. u. k. Kriegs-Marine eingereiht wurde. Noch in demselben Jahre
wurde er auf der Fregatte Bellona eingeschifft. Am 1. Mai 1848 wurde St.
zum offiziersdienstthuenden Kadetten ernannt; von diesem Jahre an beginnt
die kriegsmaritime Thatigkeit St.'s, in der er, so oft sich eben bei den wechseln-
den politischen Verhaltnissen Gelegenheit bot, bis zum Jahre 1866 verwendet
wurde. Im Jahre 1848 machte St. die Expedition gegen Ancona mit, wobei
er als Kommandant eines der drei den Dampfer Curtatone begleitenden mit
Geschutzraketen besttickten Boote, durch sein consequentes, wahrend der
Nacht unterhaltenes Feuer gegen die Batterien des Hafens wesentlich dazu
beitrug, dass diese den Curtatone in seinem Angriffsmanover nicht storen
konnten. Ancona fiel am 19. Juni. Diese erste Waffenthat St.'s, so wenig
bedeutend sie vom Standpunkte der Beurtheilung grosser Kampfe und
bedeutender Streitkrafte war, zeigte doch schon den Charakter des Mannes,
der sich im Laufe der spateren Jahre wohl immer mehr entwickelte, in den
Hauptztigen aber stets das gleiche Merkmal behielt: Festigkeit bis zur Harte
in der Durchfuhrung des gefassten Entschlusses, Rlicksichtslosigkeit im Ge-
brauche der Mittel hierzu. Zur stetigen Ausbildung dieser die Bedeutung
eines Soldaten in hohem Maasse bestimmenden Charaktereigenschaften trug
nicht unwesentlich die Dienstesverwendung wahrend der bis zum Jahre 1859
dauernden Friedensjahre bei. St. war wahrend dieser Zeit nahezu immer
eingeschifft: kein besseres Mittel giebt es wohl im Frieden ftir die Bildung
eines selbstandigen, muthigen Charakters, eines klaren, durch keine Ueber-
raschung aus dem Gleichgewicht gerathenden Geistes. Wahrend seiner Reisen
wurde St. im Jahre 1852 Fregattenfahnrich, drei Jahre darauf Schiffslieutenant,
am 24. November 1859 Corvetten- und ein halbes Jahr spater Fregatten-
kapitan. Alle diese Rangstufen hatte St. in der damals in der Kriegs-
Marine gang und gaben Weise erstiegen. Erst das Jahr 1864 brachte ihm
eine Auszeichnung, indem er der Kommandant der Fregatte Schwarzenberg
wurde und so bereits damals Flaggenkapitan des nach dem Seetreffen von
Helgoland zum Contre-Admiral ernannten Wilhelm von Tegetthoff war. In
der Eigenschaft des Flaggenkapitans des Escadrekommandanten verblieb St.
auch nach seiner Beforderung zum Linienschiffskapitan , die am 4. Mai 1866
erfolgte. Als solcher kommandirte er wahrend des Krieges 1866 das Admiral-
schiff TegetthofTs, den Panzer Erzherzog Ferdinand Max. In der am 20. Juli
bei Lissa zwischen der osterreichischen und italienischen Flotte erfolgten
25*
3 88 Freiherr v. Sterneck.
Schlacht war es vornehmlich der Thatigkeit St/s als Flaggenkapitan zuzu-
schreiben, dass der Tag fiir die kleine osterreichische Escadre in so ruhm-
voller Weise endete. Wie in jedem Kampfe hatten auch bei Lissa beide
Theile eine Reihe von Krisen durchzumachen, denen schliesslich die italienischen
Krafte erlagen, wahrend es der Geistesgegenwart, der Entschlossenheit und
zum nicht geringen Theile der Waghalsigkeit und dem Glttcke der osterreichi-
schen Kommandanten und Mannschaften zuzuschreiben war, dass von ihnen
ein grosser Sieg errungen wurde. Zu Beginn der Schlacht wurde vom Escadre-
kommandanten der Befehl »Panzerschiffe den Feind anrennen und zum Sinken
bringen« ausgegeben; St. vollftihrte diesen Befehl in Kenntniss der geringen
Artilleriewirkung seines Schiffes, ohne sich vorher auf eine zeitraubende Be-
schiessung der feindlichen Panzer einzulassen. Er wahlte die zweite Schiffs-
waffe, die »Ramme«, als die entscheidendere, allerdings auch viel schwerer
zu gebrauchende ; denn um das zum Angriffsobjekt bestimmte feindliche
Schiff mit Aussicht auf Erfolg anzurennen, zu »rammen« und womoglich in
den Grund zu bohren, oder doch wenigstens kampfunfahig zu machen, musste
das eigene Schiff moglichst senkrecht auf die feindliche Bordwand auftreffen,
und dies mit der grossten Geschwindigkeit, deren das Schiff tiberhaupt
fahig war; eine weitere Schwierigkeit dieses taktischen Manftvers ist es aberf
nach erfolgtem Rammen je eher je besser die verlorene Actionsfahigkeit wieder
zu gewinnen, um nicht von den Ungluckstallen , denen das feindliche Schiff
infolge des Stosses ausgesetzt ist, in Mitleidenschaft gezogen zu werden. In
welch hohem Grade die Kuhnheit und das Gefiihl der Verantwortlichkeit des
Schiffskommandanten ftir ein solches Manover in Frage kommen, erhellt
tiberdies aus dem einfachen Umstande, dass selbst bei glticklicher AusfUhrung
das eigene Schiff schwere Havarien erleiden kann, die es kampfunfahig
machen; es hat dann die Schw&chung des Gegners mit dem eigenen Tode
bezahlt. Allerdings ist nicht zu leugnen, dass in solchen, liber den Ausgang
eines Kampfes und den damit verbundenen Folgeerscheinungen entscheidenden
Augenblicken das Gefiihl der Verantwordichkeit hinter jenem einer oft waghal-
sigen Entschlossenheit zuriicktritt, oder dass sich hinter jenem Geftihle der
Selbsterhaltungstrieb gel tend macht. St. war der Mann, der vor der Wahl
des gefahrvollsten, weil den entscheidenden Erfolg am ehesten herbeiftihren-
den, Mittels nicht zurtickschrak. Kurz nach erhaltenem Befehl, den Feind
anzurennen, steuerte St. sofort gegen ein feindliches Panzerschiff, das er zwar
vorne rammte, jedoch in schiefer Richtung: der hierdurch abgeschw&chte
Stoss vermochte dem feindlichen Schiffe — es war, wie sich nach der Schlacht
herausstellte, der R6 dTtalia — wohl einige Havarien beizubringen, ohne es aber
kampfunfahig zu machen. Kaum hatte sich der Ferdinand Max von diesem
feindlichen Panzer losgemacht, als der Befehl des Contreadmiral v. Tegethoff
erfolgte: »Holzdivision unterstiitzen*. St. rammte in AusfUhrung dieses Be-
fehls ein zweites Panzerschiff, diesmal achter an Steuerbord. Der Stoss war
besser gelungen, als der erste. Der Palestro, dies war der feindliche Panzer,
verlor mehrere Panzerplatten , seine Kreuzmarsstange und Besahngaffel;
letztere mit einer Trikolore sttirzte auf das Vorderkastell des Ferdinand Max,
wo sie festgebunden als Trophae zurllckblieb, nachdem sich die beiden
Schiffe getrennt hatten. Seit Beginn des Kampfes war haupts&chlich der
R6 d' Italia (das zuerst von St. gerammte Schiff) den man osterreichischerseits
ftir das feindliche Admiralsschiff hielt, das Ziel der Angriffe der osterreichischen
Panzerdivision. Die Fregatte R6 d'ltalia, von der sich Admiral Graf Persano,
Freiherr v. Sterneck.
389
der italienische Escadrekommandant, vor Beginn der Schlacht auf den Affon-
datore begeben hatte, hatte auch infolge dieser fortgesetzten Angriffe sehr
gelitten. Der erste Stoss St/s und das Feuer der sie umgebenden anderen
drei osterreichischen Panzerschiffe hatten ihr Steuerruder unbrauchbar ge-
macht und sie zugleich von den tibrigen italienischen Panzern isolirt. Die
Fregatte wehrte sich gegen die vier sie umgebenden Panzer, indem sie voile
Breitseiten nach beiden Seiten abfeuerte und die ganze Equipage auf Deck
berief, um eine Enterung abzuweisen. W&hrend so der R6 d'ltaJia steuerlos
auf und nieder trieb, kreuzte er den Kurs der Ferdinand Max. St. sah dies
von der halben Hohe der Besahnwanten. Rasch folgten die Kommandos
zum Ram men. Noch einmal versuchte die feindliche Fregatte dem heran-
nahenden Stosse auszuweichen, indem sie die einzige ihr noch zu Gebote
stehende Bewegung (die vor- bez. rtickwarts) ausftthrte, doch es war bereits
zu spat. In demselben Momente, als die feindliche Fregatte aus der eben
angetretenen Vorw&rtsbewegung gegen die sich ihr ejn osterreichisches SchifF
vorgelegt hatte, in jene nach rtickwarts tibergehen wollte, also zur Zeit, da
sie sozusagen still stand, traf der Ferdinand Max unter lautem Getose ihre
Backbordseite, bohrte sich tief ein. Panzer, Ftitterung, Planken und Rippen
waren zerschmettert. Wie der Stoss, so war auch das darauf folgende Los-
trennen vom gerammten Schiffe vollends gelungen.
Der Sporn, der sich 6!/f Fuss in die feindliche Planke eingebohrt
hatte, lOste sich bald aus dem feindlichen Schiffskftrper, der in weniger
als 2 Ya Minuten versank. Noch einmal hatte St. in dieser Schlacht Gelegen-
heit, seine Mandvrirkunst, diesmal nicht zur Ftihrung des Stosses, sondern
um ihm auszuweichen, in glanzendem Lichte zu zeigen. Als die Vor-
kehrungen zur Rettung der Mannschaft des R& d'ltalia getroffen wurden,
versuchte der feindliche Panzer Ancona das kaiserliche Admiralschiff zu
ram men. St. gelang es, dem Stosse auszuweichen; wie blitzartig das Er-
kennen der Gefahr, das Ertheilen der Befehle, um ihr auszuweichen, und
deren Durchflihrung einander folgten zeigt am besten der Umstand, dass die
beiden Schiffe so dicht Bord an Bord aneinander vorbeiglitten , dass die Be-
dienungsmannschaft der Backbordbatterie des Ferdinand Max die Setzer in
die Geschiitzmiindungen nicht einftihren konnte. Das Verdienst St.'s an dem
Gelingen des Kampfes wurde durch Verleihung des Ritterkreuzes des militari-
schen Maria-Theresienordens anerkannt. St/s kriegerische Thatigkeit bei Lissa
war die letzte seines Lebens. Als Schiffskommandant war St. in der Schlacht
lediglich in der Lage, seine hervorragenden taktischen Fahigkeiten zur
Geltung zu bringen. Damals war der Kampf zwischen den beiden Waffen
des Schiffes, der Ramme und dem Artilleriefeuer, (jetzt zahlt man hierzu noch
eine dritte: das Torpedo) noch nicht zu jener Scharfe gediehen, wie zwei
Decennien spater; immerhin aber gab es genug Stimmen, die bereits damals
die Bedeutung der Ramme als Schiffswaffe jener des Artilleriefeuers unter-
ordneten. St. erkannte aber, dass das Artilleriefeuer bisher noch nicht bis zu
dieser Precision und Schnelligkeit gediehen sei, und dass daher zur Erzielung
eines raschen und entscheidenden Erfolges die Ramme noch immer die
vorzuziehende, wenn auch gefahrlichere Waffe war. Seine Auffassung trug
den Sieg davon. Die Personlichkeit des Kapitans hatte sich bis zu diesem
Zeitpunkt zu jenem typischen Bilde von Kraft, Unbeugsamkeit und Harte,
von Klarheit des Verstandes und natlirlicher, gesunder Logik entwickelt, das
ihm bis zu seinem Tode treu blieb; allerdings war es unvermeidlich, dass die
X go Freiherr v. Sterneck.
Schattenseiten eines solchen Charakters in langer Friedenszeit scharfer zu
Tage treten als es in kriegerischer Arbeit der Fall gewesen ware.
Die lange, dem Feldzuge von Lissa folgende Friedensepoche war von
Anfang an vorwiegend der organisatorischen Umgestaltung unserer Flotte
gewidmet Der erste auf den Aufbau der Flotte und der damit in Ver-
bindung stehenden Klistenvertheidigungsmaassnahmen bezugnehmende Plan
rtihrte vom Contre - Admiral von Tegetthoff her. Nach demselben sollte in
erster Linie die Vertheidigungskraft der adriatischen Ktiste gesteigert werden,
und zwar sowohl durch den Neubau von Befestigungen wie auch durch den
der Flotte, damit diese, activ vorgehend, die Vertheidigung unterstlitzen konne;
ferner aber hatte W. v. Tegetthoff die Vergr6sserung der Flotte, urn sie auch
zu einer strategischen Offensive zu befahigen, in's Auge gefasst: ausser
der zur Ktlstenvertheidigung nfithigen Escadre sollte auch eine Flotte ge«
schaffen werden, die in alien Theilen des Mittellandischen Meeres, eventuell
auch ausserhalb desselben, thatig werden konnte. Dieser Grundgedanke eines
Flottenplanes blieb durch alle folgenden Jahre bis auf den heutigen Tag der
leitende Gesichtspunkt ftir die Arbeiten aller sich im Laufe der Zeit folgen-
den Marinekommandanten ; seine Verwirklichung schreitet wohl vorwarts, aber
so langsam, dass die rascher sich entwickelnden Zeitideen uns stets um ein
gutes Stlick Weges voraus sind.
An der Thatigkeit v. Tegetthoff's nach dem Kriege nahm St. regen An-
theil. Er wurde Militarhafenkommandant in Pola und wirkte in dieser
Stellung, sowie als Leiter sammtlicher Schulschiffe vorwiegend dadurch, dass
er die Ausbildung von Officieren und Mannschaft auf neue den gegenwartigen
Anforderungen entsprechenden Grundlagen stellte. Nachdem St. im Jahre
1 87 1 von der Fahrt, die er nach Nowaja Semlja mit dem Grafen Hans
Wilczek unternommen hatte, um dem Nordpolfahrer Weyprecht Lebensmittel
zuzuftihren, zurtickgekehrt war, wurde er zum Contre-Admiral ernannt. Als
solcher wurde er Escadrekommandant und im Jahre 1873 in die spanischen
Gewasser entsandt, um bei den bestehenden Wirren die Interessen der
Monarchic zu wahren. Im Jahre 1883 wurde St. Viceadmiral und Chef der
Marinesection des Reichskriegsministeriums und Marinekommandant. Es war
nunmehr ftir ihn die Zeit gekommen, an die Ausgestaltung und Realisirung
der Tegetthoff* schen Plane zu schreiten. Seit Tegetthoff hatte eine Schiffs-
waffe, das Torpedo, immer mehr die Aufmerksamkeit der Fachmanner auf
sich gezogen, und zum grossen Theile die Ansichten tiber den Schiffskampf
und die Seetaktik von Grund auf umgeandert, zum anderen Theile auch fUr
die grosse Seekriegftihrung, sowohl ftir die Defensive, also vornehmlich
die Ktlstenvertheidigung, wie auch fiir die Offensive, neue Gesichtspunkte
geschaffen. Ein Plan, nach dem unter diesen geanderten Verhaltnissen die
Monarchic ihren Interessen, sowie ihrem Ansehen als Grossmacht gerecht
werden konnte, wurde von St. bald nach Uebernahme der Geschafte dem
Kaiser liberreicht. In erster Linie war es die Ausgestaltung der Ktlsten-
vertheidigung, die in Betracht kam, und zwar sowohl, was deren defensive
Streitkrafte, d. i. Befestigung der Ktiste, als auch deren offensive Kampfmittel
anbelangt, d. i. eine Escadre, die frei sich langs der ganzen Ktiste bewegen
kann, um immer dort rechtzeitig zu erscheinen, wo sie Angriffe oder Lan-
dungsversuche der Gegner abweisen soil; weiter dachte aber St. daran, eine
Flotte zu schaffen, die unabhangig von den Klisten der Monarchic und den
Vorgangen, die sich im Bereiche derselben abspielen, die feindliche Flotte
Freiherr v. Sterneck. joi
iiberall im mittellandischen Meere aufsuchen unci angreifen konne und die
nattirlich ebenso in der Lage sei, dorthin, wo es das wirthschaftliche Interesse
oder das blosse Ansehen der Monarchic erfordere die nothige Zahl Schiffe
zu schaffen. Bei der praktischen Durchfiihrung dieses Planes war es nothig
die Befestigungen der Kliste zu vervollstandigen, eine Torpedoflottille zu
schaffen, und den Um- sowie Neubau der vorhandenen Flotte nach Kraft
und Zeit so durchzufuhren, dass sie ihrer defensiv- sowie offensiv-strategischen
Aufgabe gerecht werden konne. Es war jedoch der nahezu i8jahrigen
Thatigkeit St.'s nicht gegonnt, die Durchfiihrung seiner Ideen, ja auch nur
einen bedeutenden Fortschritt in derselben zu erleben. Die misslichen
budgetaren Verhaltnisse der Monarchic traten stets den Wlinschen der Marine-
Leitung entgegen; nur die bescheidensten derselben gingen in Erflillung.
Um so unumschrankter liess St. seinem reformatorischen Drange und seinem
nattirlichen Verlangen nach ttichtiger, anstrengender Arbeit in der inneren
Verwaltung der Marine freien Lauf. Er ftihrte die jahrlichen Flottenmanover
ein, die allein geeignet sind, die hoheren Kommandanten in der Fiihrung
von Schiff oder Escadre, wie sie in der Schlacht oder wahrend des Krieges
iiberhaupt nothig ist, zu schulen. In der Erkenntniss, dass einem Mangel
an Zahl in erster Linie durch eine hohere Leistungsfahigkeit und Tiichtigkeit
des Personals abgeholfen werden konnte, sorgte St. dafiir, dass Officier und
Mann auf Schul-, wie auf Missionsschiffen eine grlindliche seemannische und
taktische Ausbildung erhielten. In rascher Folge schuf er zum Theil in
Ausgestaltung der noch in friiherer Zeit von ihm als Hafenkommandanten
in Pola begonnenen Einrichtungen: Marineschulen verschiedener Kategorie,
ferner Arbeiterhauser, Wohnhauser flir Unteroffiziere u. s. w. Im Jahre 1888
wurde St. zum Admiral ernannt und hatte somit die hochste Stufe seiner
militarischen Carriere erreicht. Im Jahre 1896 vermahlte er sich mit seiner
Nichte. Ein Jahr darauf, am 5. December, starb er in Folge einer Herz-
lahmung.
Wenn es auch zum grossen Theile dem geistesgegenwartigen, entschlossenen
Vorgehen St.'s in der Schlacht von Lissa zuzuschreiben war, dass die italienische
Flotte an diesem Tage vollstandig geschlagen wurde, und so hoch auch in Folge
dieser bewiesenen kriegerischen Tiichtigkeit die Bedeutung St.'s als Taktiker auf
dem seemannischen Gebiete hochgeschatzt werden muss, so tritt sie gegenliber
seiner langjahrigen Friedensthatigkeit, die sich vornehmlich auf dem organi-
satorischen Gebiete zeigte, zurtick. Es muss auffallen, dass bei der Beur-
theilung eines Mannes, der die hochste militar-maritime Stellung der Monar-
chic inne hatte, und daher in einem Kriegsfalle berufen gewesen ware, die
gesammte k, u. k. Flotte zu kommandiren, von seiner strategischen Bedeu-
tung, d. i. jener den grossen Seekrieg zu flihren, nichts eingehenderes gesagt
wurde; dieser Umstand rechtfertigt sich dadurch, dass sich die Thatigkeit IVs
bei Lissa lediglich auf die Fiihrung eines Schiffes beschrankte, also nur vom
taktischen Standpunkte beurtheilt werden kann, und dass in der Fiihrung
von Flotten oder Escadren das Schicksal ihm keine kriegerische und auch
nur eine (mit den politischen und wirthschaftlichen Verhaltnissen der Monar-
chic zusammenhangende) nur wenig umfangreiche Friedensthatigkeit gonnte.
Quellen: J. Lukes, Militarischer Maria Theresien-Orden. VVien 1890. Wurzbach:
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterrcich. 1878.
K. Wollanka.
3Q2 Freiherr v. Catty.
Catty, Adolf Freiherr von, k. u. k. Feldzeugmeister und vor seinem
Riicktritte aus dem activen Dienste Commandant des 5. Corps und comman-
dirender General in Pressburg, * als Sohn eines Hauptmanns zu Gross-Enzers-
dorf in Niederosterreich am 23. October 1823, f in Wien am 9. Mai 1897. —
Er trat im Jahre 1835 *n die theresianische Militar-Akademie in Wr. Neustadt
ein, die er nach siebenjahriger Militar-Erziehung als Lieutenant im Infanterie-
Regiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 verliess. Im Jahre 1848 wurde er
zum Oberlieutenant befordert und in das Generalquartiermeister-Amt ein-
getheilt. C. war es vergonnt, von friih auf die Bethatigung seiner militarischen
Eigenschaften in ernster, kriegerischer Beschaftigung zu finden. Die Kriegs-
jahre 1848 und 1849 machte er bei der Armee in Ungarn mit. Das ttichtige
Verhalten C.'s bei den sich abspielenden Affairen, wie in den Gefechten von
Nowosielica am 20. und 21. Marz und Munkdcs am 22. April und endlich in der
Schlacht von Komorn am 11. Juli 1849 tru8 ^m ^s Anerkennung die Ver-
leihung des Militarverdienstkreuzes ein. Im Jahre 1859 war C. Oberstlieutenant
im Generalstabe und Chef des 3. Armee-Corps. Die verdienstvolle Tnatigkeit
C.'s wahrend der beiden Abschnitte dieses Feldzuges fand nach der Schlacht
von Magenta ihre Anerkennung durch Verleihung des Ritterkreuzes des
Leopold-Ordens, wahrend ihm nach der Schlacht von Solferino der Orden
der Eisernen Krone 3. Klasse und wenige Monate darauf ebenfalls in Wtir-
digung der in der genannten Schlacht bewiesenen Tuchtigkeit die hochste
militarische Auszeichnung, das Ritterkreuz des Maria-Theresia-Ordens zuer-
kannt wurde. Mit der Verleihung dieses Ordens war statu ten gemass die Er-
hebung in den Adelstand verbunden. Die Waffenthat C.'s bei Solferino ver-
dient als Zeichen der hohen militarischen Befahigung dieses Mannes, sowie
seines ktihnen, entschlossenen Charakters kurz geschildert zu werden. Es
war in den Vormittagsstunden des 24. Juni, als das 3. Armee-Corps, das recbts
von dem den linken Fliigel der osterreichischen Schlachtlinie bildenden
9. Corps focht, alle seine Krafte verausgabt hatte. Links der Strasse Gui-
dizzolo-Castiglione hatte sich die Division FML. Habermann des Corps ent-
wickelt, wahrend rechts von ihr FML. Schonberger mit der zweiten Division
des Corps im Kampfe gegen den die Linie Quagliara-Casa nuova-Rebecco und
Morino haltenden Gegner stand. Ohne jede Reserve konnte das Commando
des 3. Corps keine andere Absicht haben, als sich in der ihm zugewiesenen
Aufstellung k cheval der Strasse so lange zu behaupten, bis das 11. Corps,
das als Reserve heranrtickte, zur Stelle ware. C. war die Schlachtlinie seines
Corps vom rechten Fliigel an, bei dem die Verhaltnisse giinstiger waren, als bei
den anderen Theilen des Corps, abreitend eben im Begriffe, die Strasse zu iiber-
setzen und die Situation dem Commandanten Ftirsten Schwarzenberg zu
melden, als das knapp links der Strasse gegen Casa nuova vorgehende zweite
Bataillon Hessen-Infanterie vom Feinde zurlickgeworfen wurde. Die Schlappe
war so gross, dass die Eroberung mehrerer Geschiitze seitens des heftig nach-
drangenden Gegners nicht verhindert werden konnte und dass die Gefahr
nahe lag, der Feind konne, seinen plotzlich errungenen Vortheii energisch
verfolgend, die Mitte des Corps vollends durchbrechen. C. erkannte die
kritische Situation; notwendig war rasche Hilfe, wenn auch mit noch so
wenig Kraften, da dem plotzlichen Gegenangriffe der siegreiche, blind ver-
folgende Gegner am ehesten weichen musste. C. stellte sich daher, ohne
einen hoheren Befehl einzuholen, an die Spitze der zunachst befindlichen in-
takten Truppe, es war eine Division Belgien-Infanterie, fiihrte sie links der
Freiherr v. Catty. Engerth. 393
Strasse vor und warf im Verein mit den sich um diese Division sammelnden,
durch den vehementen Angriff der Franzosen zersplitterten Truppen, die
Feinde wieder nach Casa nuova zurtick, wobei diese die eroberten Geschtltze
im Stiche lassen mussten. Durch diese Waffenthat C.'s war die Schlacht im
Centrum wieder hergestellt und dadurch zugleich einer Katastrophe vorgebeugt.
Im Kriege 1866 gegen Preussen war Oberst C. Generalstabschef des Erz-
herzogs Ernst*, der das 3. Corps commandirte. In rascher Folge erstieg C.
wahrend der nun folgenden Friedensjahre die Stufenleiter der militarischen
Wiirden. Im Jahre 1874 linden wir ihn als Stellvertreter des Chefs des
Generalstabes, von welcher Stellung er auf eigene Bitte im Jahre 1876 ent-
hoben wurde. Bis zu seinem im Jahre 1889 erfolgten RUcktritte vom activen
Dienste war C. zuerst Divisions- und dann Corps-Commandant in Pressburg.
Den im Kriege erworbenen hohen Auszeichnungen gesellten sich nun wahrend
der der Erziehung des Soldaten zu seinem schweren Berufe gewidmeten
Friedensjahre in rascher Folge ehrenvolle Anerkennungen des Kriegsherrn bei.
C. wurde 1882 Geheimer Rath, bald darauf Oberst-Inhaber des Infanterie-
Regiments No. 102 und ein Jahr darauf Feldzeugmeister und lebenslangliches
Herrenhausmitglied, in welcher Korperschaft er sich der Mittelpartei anschloss.
Nach seinem Rucktritte vom activen Dienste, wobei sich aber der Kaiser
die Wiederverwendung C.'s vorbehielt, wahlte dieser Wien zu seinem standigen
Aufenthalte, wo er am 9. Mai 1897 starb.
Quell en: J. Lukes, Militanscher Maria Theresien-Orden. Wien 1890.
K. Wollanka.
Engerth, Eduard, Ritter von, Maler und Galeriedirektor in Wien, * am
13. Mai 1818 zu Pless in Preussisch-Schlesien , f am 29. Juli 1897 auf dem
Semmering, war der Sohn eines in Pless ansassigen Malers, wanderte in
friiher Jugend nach Oesterreich aus und bezog im December 1837 die
Wiener Akademie. Hier wurden FUhrich und Kupelwieser seine Lehrer.
Schon 1844 erhielt er ftir sein Gemalde » Josefs Traumdeutung« die goldene
Staatsmedaille. 1846 malte er im Auftrage Erzherzog Carls »Die Kaiser-
kronung Rudolfs von Habsburg*. Im folgenden Jahre ging er mit einem
kaiserlichen Reisestipendium auf 6 Jahre nach Italien. In Rom verkehrte
er viel bei Cornelius ; auch trat er damals in freundschaftliche Beziehungen zu
Victor von Scheffel, dessen Bildniss er in einer Bleistiftzeichnung festhielt.
Diese Zeichnung ist spater von Th. Hrncir radirt worden. Das Hauptwerk
seiner rOmischen Zeit, und wohl auch das seines Lebens, ist das grosse Bild,
das sich heute in der kaiserlichen Gemaldegalerie zu Wien befindet: «Helene,
die Gemahlin Manfreds, wird mit ihren Kindern von den Kriegern Karls
von Anjou . gefangen genommen« (gemalt 185 1 bis 1853). Es erregte
sowohl bei seinem ersten Erscheinen in Rom, als auch bei einer Rund-
reise durch Europa das grosste Aufsehen und machte bald den Namen des
jungen Kflnstlers bekannt, ja berlihmt. Es ist heute schwer, dieses Aufsehen
zu begreifen, uns erscheint schon der Gegenstand ftir ein grosses Gemalde
allzu anekdotenhaft, das hohle Pathos mit den rollenden Augen und den
theatralischen Gebarden stOsst uns ab, und auch in der an sich trefflichen
Malerei finden wir wenig feinen ktinstlerischen Geschmack. Das Ganze wirkt
auf uns nicht viel anders, als die vielen Kunstvereinsblatter aus jener Zeit,
wo Kaulbach, Lessing und Piloty das kiinstlerische Leben Deutschlands fast
394 v- Engertlu
vollig beherrschten. Damals bewunderte man aber daran den lebendigen
Ausdruck und ganz besonders den Naturalismus in der Malerei der historischen
KostUme und des Beiwerks, Merkwlirdig ist das Urtheil des alten Cornelius,
der an E.'s Gemalde die Komposition gut, die Darstellung ergreifend, die
Malerei aber schlecht fand, wegen des Uebermaasses an Naturalistik und
Glanz der Farbe, die nach seiner Meinung die Wirkung der Zeichnung zu
nichte machten. Wie sehr haben sich doch seit jener Zeit die Begriffe von
Naturalistik der Farbe geandert; was wtirde Cornelius zu unsern heutigen
Naturalisten sagen!
Diesem Erfolge hatte es E. zu danken, dass man ihn Ende 1853 als
Direktor der Akademie nach Prag berief, wo er der Nachfolger Christian
Ruben's wurde. In der folgenden Zeit wirkte er dann an der Ausschmtickung
der Altlerchenfelder Kirche zu Wien mit. Das linke Seitenschiff dieser Kirche
malte er nach eigenen Entwtirfen, das Presbyterium nach Kompositionen
seines Lehrers Ftlhrich aus. Daneben schuf er eine grossere Zahl von Bild-
nissen bfthmischer Adeliger, im Jahre 1861 auch das Bildniss des Kaisers
Franz Joseph im Toisonordensornate, ein ziemlich langweiliges Ceremonien-
bild (jetzt im Landtagssaale zu Prag). In den Jahren i860 bis 1865 ent-
stand das grosse, 28 Fuss lange Gemalde: »Prinz Eugen Ubersendet die
Botschaft des Sieges bei Zenta an den Kaiser « (jetzt im kgl. Schlosse zu
Ofen). 1865 wurde E. als Professor an die Akademie der bildenden Ktinste zu
Wien berufen. Hier fiel ihm die ehrenvolle Aufgabe zu, neben Schwind an
der Ausschmtickung des neuen Opemhauses mit Fresken mitzuarbeiten. Ftir
die sogenannte Kaisertreppe entwarf er zwolf Darstellungen aus der Orpheus-
sage; sie verrathen einigen dekorativen Geschmack, sind aber im Ganzen
etwas langweilig und susslich. Besser sind die sieben Scenen aus der Hoch-
zeit des Figaro, mit denen er den Kaisersaal des Opemhauses zierte. Sie
zeugen von dem Einflusse Schwinds, haben Humor und fallen nur selten ins
Theatralische. Den Vergleich mit Schwinds kOstlichen Schopfungen vermogen
sie freilich nicht auszuhalten. Im Jahre 1867 malte E. noch die »Kronungs-
feierlichkeiten Ihrer Majestaten in Ofen«, ein Gemalde, das sich gegen-
wartig im kgl. Schlosse zu Ofen befindet. Seitdem hat er ausser einigen
Bildnissen, worunter wir das seines Lehrers Ftihrich hervorheben, nur wenig
mehr gemalt.
Von nun an beschr&nkte er seine kiinstlerische Wirksamkeit fast ausschliess-
lich auf seine Lehrthatigkeit an der Akademie der bildenden Ktinste. Unter
seinen Schtilern heben wir Karger, Charlemont und Rumpler hervor. In den
Jahren 1874 — 1876 war er Rektor dieser Anstalt, erst 1877 trat er als Professor
in den Ruhestand. Daneben bekleidete er verschiedene Ehrenstellen. 1866
wurde er Vorstand der Wiener Ktinstlergenossenschaft, 1867 Kurator des
osterreichischen Museums ftir Kunst und Industrie, 1869 Ehrenmitglied der
Mtinchener Ktinstlergenossenschaft; auch betheiligte er sich an der Jury der
Pariser Ausstellung (1867) un<^ an der der Wiener Weltausstellung (1873).
In den letzten Jahren seines Lebens nahm ihn ein Amt, das- ausserhalb des
eigentlichen Kreises seiner ktinstlerischen Wirksamkeit liegt, stark in Anspruch.
Seit 1 87 1 war er Direktor der kaiserl. Gemaldegalerie im Belvedere. Von sei-
ner Thatigkeit als solcher zeugt das dreibandige »Beschreibende Verzeichniss*
der ihm anvertrauten Galerie, das in den Jahren 1882 bis 1886 erschienen
ist. Diese Arbeit hat ihre grossen Fehler, sie ist weitschweifig und langathmig,
im Einzelnen aber, besonders in der Angabe der Provenienz und der Re-
v. Engerth. Schttnn. 305
produktionen der einzelnen Gemalde, nicht ganz verlasslich ; auch gebrach es
E. an Kritik und Kennerschaft, so dass er sich bei Sachverstandigen , wie
z. B. Crowe und Cavalcaselle, Raths erholen musste ; dass die letztgenannten
nicht immer Recht behalten haben, ist freilich nicht E.'s Schuld. Uebrigens
steckt sonst viel Fleiss und Sorgfalt in diesem Verzeichnisse, und man kann
es als eine verdienstliche und ntitzliche Vorarbeit zu einem zu erwartenden
kritischen Kataloge der Wiener Gem&ldesammlung betrachten. Wenig Gltick
hatte E. mit der Neuaufstellung der Galerie, die er 1891 aus Anlass der
Uebersiedlung der Sammlung in das neuerbaute prunkvolle kunsthistorische
Hofmuseum durchfuhrte. Der alte Herr hatte die ganze Neuordnung auf
dem Papier ausgemessen und ausgerechnet und danach die Bilder in den
Raumen vertheilt Als aber das Museum eroffhet worden war, wurden bald
von alien Seiten Klagen liber die Aufstellung laut, und man musste sich
dazu entschliessen , die Bilder ganz neu zu hangen. Noch vor dieser Neu-
aufstellung trat E, aus Gesundheitsrticksichten in den Ruhestand. Den Rest
seines Lebens verbrachte er in Zurtickgezogenheit.
A. Schafler, Die kaiserliche Gem&lde - Galerie in Wien. Moderne Meister. 1893^".
S. 28. — C. Karger, Erinnerungen an E. v. E.f Neue Freie Presse, 12. August 1897. —
Wiener Zeitung, 29. Juli 1897. — Zcitschrift ftir bildende Kunst III. 1868 S. 5: Engertbs
Fresken aus Figaros Hochzeit (B).
Gustav Gltick.
SchSnn, Alois, Maler, * zu Wien am n.Marz 1826, f zu Krumpendorf
am Worthersee in Karnthen am 16. September 1897, war der Sohn des
k. k. Oberamtscontrolors Johann S. und seiner Gattin Anna, geb. HaufFer,
genoss im Hause seiner Eltern eine sorgfaltige Erziehung und kam im Herbst
1845 an die Wiener Akademie, wo er langer als zwei Jahre verblieb und be-
sonders bei Ftihrich studirte. Als im Winter 1848 die Akademie in Folge
der Revolution geschlossen wurde, ging der junge S. zur Vertheidigung Tirols
an die italienische Grenze. Der kleine Feldzug, den er hier mitmachte, bot
ihm reiche kiinstlerische Anregung, bestarkte seine Neigung zur Schlachten-
malerei und gab ihm die Vorwtirfe zu seinen ersten Bildern. Bald nach
seiner Rlickkehr malte er den »Rtickzug aus dem Gefechte von Ponte Te-
desco«, ein Gemalde, das der Verein flir bildende Kunst um eine stattliche
Summe erwarb, und »Die Ersttirmung des verschanzten Lagers von Lodrone«,
die vom Kaiser ftir die Belvedere -Galerie angekauft wurde. Diese Erfolge
bewogen ihn, auch den Kriegsschauplatz in Ungarn aufzusuchen, wo er sich
neue Vorwtirfe zu seinen Schlachtenbildern holen wollte. Hier war er jedoch
weniger gllicklich: er wurde bei Komorn von den Aufstandischen gefangen
genommen und als Spion zum Tode verurtheilt; nur das Einrticken der kai-
serlichen Truppen rettete ihm das Leben. Aus Erinnerungen und Studien,
die er von dieser Reise mitbrachte, entstand das Bild: »Eine ungarische
Familie kehrt nach Beendigung des Krieges in die Heimath zuriick«. Im
Jahre 1850 begab sich S. nach Paris, wo er bis 1851 blieb, ein Aufent-
halt, der sicherlich flir sein ferneres Schaffen von grosster Bedeutung war.
Wie er selbst angab, hat er dort am meisten von Horace Vernet gelernt;
die grossen Schlachtendarstellungen dieses damals sehr gefeierten Meisters
miissen den jungen Ktinstler stark angezogen haben. Freilich hat er gerade
seit seiner Pariser Reise fast gar keine Schlachtenbilder mehr gemalt. Wich-
tiger ist aber ftir S.'s Laufbahn etwas anderes geworden, was er Vernet ver-
396 SchOnn.
dankt, n&mlich seine grosse Vorliebe ftir den Orient,, der er zeitlebens treu
geblieben ist. Vernet hatte den Aufsehen erregenden Versuch gemacht, seine
biblischen Darstellungen in das Gewand von Scenen aus dem wirklichen Orient
zu kleiden; solche Bilder mogen wohl in S. den Wunsch erweckt haben, den
Orient aus eigener Anschauung kennen zu lernen und zu schildern. Die
Orientmalerei war ja auch damals in Paris nichts neues mehr; frliher als
Vernet hatte der geniale Alexander Decamps den Orient und das Leben des
Orients mit den Augen eines grossen Malers angesehen und mit den gliihend-
sten Farben geschildert. Hatte S. nicht selbst gesagt, dass er in Paris am
meisten von Vernet beeinflusst worden sei, so mtissten wir glauben, dass ihm
Decamps viel mehr gewesen sei, als der malerisch weit weniger begabte
Vernet. In der That stossen wir in S.'s Bildern, selbst in denen seines Al-
ters, immer und immer wieder auf Decamps' Einfluss: von niemand andenn
hat S. den feinen Geschmack, der sich in der Wahl oft unscheinbarer, male-
risch aber hochst wirksamer Motive zeigt, wie es z. B. Ansichten von ver-
fallenem Gemauer, schmutzigen Hofen und Innenraumen, elenden Werkstatten
und dergL sind; auch die breite, kraftige Malweise und die etwas tiefe Far-
bung der Bilder S.'s erinnert sehr an Decamps* Art.
Wie dem auch sei, es ist ohne Zweifel S.'s eigenes Verdienst, dass er
zuerst den Orient in die Osterreichische Malerei eingefiihrt hat, etwa wie es
Decamps fiir die franzosische und Wilhelm Gentz ftir die deutsche Malerei
gethan haben. S. ist in Oesterreich der erste wirkliche Orientmaler; viel
spater erst sind ihm auf diesem Gebiete Osterreichische Maler wie Leopold
C. Mtiller und C. Huber gefolgt. Schon 1852 hat S. seine erste Reise in
den Orient unternommen und seither fast den ganzen Orient auf wiederholten
Reisen kennen gelernt und studirt: Syrien, Aegypten, Nubien, der Sudan,
Tunis, die Tilrkei und die Balkanlander haben ihm StofFe zu seinen Bildern
geliefert. Er liebte den SUden ; nicht nur die sonnige, heitere Landschaft zog
ihn an, sondern noch viel mehr das stidlich lebendige, fluthende Treiben des
Volkes bei Versammlungen, Festen, Mark ten, Weinlesen, Theatervorstellun-
gen u. s. w. Einige Titel solcher Bilder mogen hier angefiihrt werden, weil
sie uns am besten die Gegenstande seiner Schilderungen aus dem Orient vor
Augen ftihren konnen: »Marchen-Erzahler«, »Tiirkisches Cafe«, »Der ttir-
kische Bazar* (jetzt in der Akademie der bildenden Kunste zu Wien),
»Pferdemarkt in Tunis*, »Der orientalische Obstmarkt*, »Der Wiisten-
brui\nen«, »TUrkische Weinlese« u. a. m. Aber nicht nur den Orient hat er
malerisch dargestellt, sondern er fand auch Gegenstande ftir seine Gemalde
tiberall, wo er noch urspriingliche Volksbrauche und -sitten beobachten konnte:
in Ungarn, Siebenbtirgen, Galizien, Bosnien, Dalmatien, in Italien, wovon er
besonders Rom, Capri, Palermo, Taormina und Chioggia liebte, endlich in
Karnthen und selbst in Wien. Seine Entwicklung war etwa der Pettenkofens
parallel gegangen; wie dieser, ist er vom Schlachtendarsteller zum Maler des
Volkslebens geworden. Am meisten Erfolg hatte er mit seinen Bildern aus
Italien: das Gemalde »An der genuesischen Ktiste« wurde 1872 ftir die
Belvedere -Galerie angekauft, das »Volkstheater in Chioggia« brachte ihm
1874 in Berlin die goldene Medaille, das »Volksfest an der Riviera« 1878
in Paris das Ritterkreuz der Ehrenlegion, die »R6mischen Winzer« 1883 in
Wien die Karl -Ludwigs- Medaille. Ein weiteres Feld, worin S. seine feine
Beobachtungsgabe verwerthen konnte, bot ihm die Schilderung des Lebens
der Wallachen, Zigeuner und galizischen Juden. Dahin gehoren die Bilder:
Schttnn. Meyer. 397
»Die drei Zigeuner«, »Vorhof einer Synagoge«, »Judenverfolgung«, »G&nse-
markt in Krakau« u. s. w. Am Ende seines Lebens, wo ihm Reisen an-
fingen, beschwerlich zu werden, hat er sich auf die Schilderung des Wiener
Volkslebens geworfen; davon zeugen die Gem&lde: »Abschied auf dem Siid-
bahnhofe zu Wien«, »Auf der Freyung« und »Am Schanzl* (die beiden
letztgenannten im Besitze der Stadt Wien). Das letzte Bild, das er gemalt
hat, ist das » Kirch weihfest in Luzia in Karnthen«.
S. nimmt unter den osterreichischen Malern der zweiten Halfte unseres
Jahrhunderts eine hervorragende Stellung ein. Seine ktinstlerische Personlich-
keit zeichnet sich nicht so sehr durch auffallende Original i tat oder feuriges
Temperament aus, als viel mehr durch Ernst, Ruhe, Tiichtigkeit, Ehrlichkeit
und Fleiss. Diese Eigenschaften haben aus ihm einen vorziiglichen Maler ge-
macht. Die Farbung seiner Bilder war Anfangs schwer und kiihl und durch
bleierne graue Schatten entstellt; spater wird sie Dank seincm Studium italie-
nischer Luft und Landschaft harmonischer, tiefer und warmer. Seine Mai-
weise ist immer breit und kraftig und verfallt nie ins Glatte und Kleinliche.
Dadurch nahert er sich etwas den Modernen, ohne freilich weit tiber die
Tradition der franzftsischen Malerei des zweiten Kaiserreiches hinauszugehen.
Wirkliches Freilicht sucht man in seinen Gem&lden vergeblich; wohl aber
findet man es in seinen Studien. Gerade diese Naturstudien, wovon man
eine grosse Anzahl auf der Ausstellung seines Nachlasses in Wien im Winter
1898 bewundern konnte, geben aber den besten Begriff von seinem grossen
malerischen Konnen.
C. von Vincertti, Wiener Kunstrenaissance Wien 1876 S. 341. — A. Schaffer, Diekaiser-
liche Gemalde-Galerie in Wien. Moderne Meister. 1893 ff. S. 83. — Katalog des kUnst-
lerischen Nachlasses A. S/s. Wien, Miethke 1898 (mit Abbildungen). — Neue Freie Presse,
22. Februar 1898 (Abendblatt) : Der Nachlass des Malers Sch5nn (v. V.).
Gustav Gliick.
Meyer, Jiirgen Bona, Philosoph, * am 25. October 1829, Sohn des gleich-
namigen Kaufmannes in Hamburg, f am 22, Juni 1897 in Bonn. — Von
1842 — 1849 besuchte er das Hamburger Johanneum. Dann studirte er zu
Bonn vom Herbst 1849 — 1851 Medizin und Naturwissenschaft, und in Berlin
bis Herbst 1853 Naturwissenschaft und Philosophic Nach einem halbj&hrigen
Aufenthalt in Hamburg promovirte er am 19. Juni 1854 zu Berlin aufGrund
einer Dissertation »De principiis Aristotelis in distributione animalium ad-
hibitis« als Doctor der Philosophic Diese Dissertation wurde die Grundlage
zu einem grSsseren Werke »Aristoteles' Thierkunde. Ein Beitrag zur Ge-
schichte der Zoologie, Physiologie und alten Philosophic « Berlin 1855.
250 S. — Vor Beendigung des Druckes dieses Werkes begab sich M. im
Januar 1855 nach Paris, um dort Vorstudien zu einer Geschichte der neueren
Philosophic in Frankreich zu machen, als deren Ergebniss bald einige Artikel
in der »Zeitschrift ftlr Philosophic und philosophische Kritik« erschienen.
Von Herbst 1855 bis Winter 1862 lebte M., abgesehen von einem halbjahri-
gen Berliner Aufenthalt und verschiedenen Reisen in der Schweiz und Nord-
italien, in Hamburg als Privatgelehrter. Im Winter 1856 hielt er am Ham-
burger akademischen Gymnasium ofFentliche Vortrage »zum Streit tiber Leib
und Seele«, die dann auch, unter diesem Titel, im Druck erschienen (Ham-
burg 1856. 130 S.). Es waren Wortc der Kritik, die auf Kant's Kriticismus
zurtickwiesen. Zugleich erschien eine Schrift »Voltaire uud Rousseau in ihrer
398 Meyer.
socialen Bedeutung* (Berlin 1856. 184 S.), gleichfalls aus wissenschaftlichen
Vortragen hervorgegangen. Letztere Schrift war in ihrer Richtung, speziell
in ihrer Werthschatzung Voltaire's, ein Vorlaufer des Werkes von David Strauss
uber Voltaire. Die wissenschaftliche Hauptthatigkeit dieser Zeit gait der Mit-
arbeit am Index zum Aristoteles, den die Berliner Akademie veranstaltete.
M. ubernahm die naturgeschichtlichen Artikel. Im Jahre i860 betheiligte
sich M. an der Konigsberger Naturforscherversammlung mit einem Vortrage
tiber die »Principien der Stufenordnung der Thiere«. Im gleichen Jahre
veroffentlichte er eine Schrift »Gedanken uber eine zeitgemasse Entwicklung
der deutschen Universitaten*, die den Anfang bildete zu einer dauernden
Beschaftigung mit der Frage der Universitaten und ihrer Geschichte.
Damals schon regte sich in M. der Gedanke der Habitation an einer
Universitat. Doch blieb er noch einige Jahre in seiner Vaterstadt, theils
wissenschaftlichen Studien hingegeben, theils bemtiht, allerlei gemeinniitzige
ideale Bestrebungen, wie die Errichtung einer Kunsthalle, eines Schillerdenk-
males, einer Volksbibliothek, einer Fortbildungsanstalt fur junge Kaufleute,
eines offentlichen Leseinstitutes des Athenaums, insbesondere aber die auf
eine Schulreform gerichteten Bestrebungen zu untersttitzen. Jenen verschie-
denartigen Bestrebungen sollte auch die Herausgabe des Hamburger Wochen-
blattes (gemeinsam mit Emil Lohmann) dienen. Das Interesse an der Schul-
reform veranlasste M. zur Veroffentlichung der Schriften »Staat und Kirche
im Streit um die Schule in Hamburg* und »Grundzuge der Schulreform
unserer Zeit mit Rucksicht auf die Geschichte des Schulwesens in Ham-
burg* (beide 1861). M.'s damalige padagogische Studien fanden ihren vor-
laufigen Abschluss in dem Buche uber »Religionsbekenntniss und Schule* 1882.
Herbst 1862 endlich habilitirte sich M. in Berlin als Privatdozent fur
Philosophic Gleichzeitig wurde ihm die Funktion eines Lehrers der Philo-
sophic an der Berliner Kriegsakademie iibertragen. 1867 wurde er Trendelen-
burg's Nachfolger als Mitglied der ausserordentlichen Priifungscommission ftir
das Oberlehrerexamen. Auch in Berlin betheiligte sich M.f soweit es die
neue Lehrthatigkeit gestattete, durch offentliche Vortrage an gemeinniitzigen
Bestrebungen, vor alien solchen, die auf Hebung der Volksbildung gerichtet
waren. Einer dieser Vortrage erschien unter dem Titel »Volksbildung und
Wissenschaft in Deutschland wahrend des letzten Jahrhunderts* 1866. Im
Februar 1868 wurde M. als Brandis1 Nachfolger ordentlicher Professor der
Philosophic in Bonn. Die Antrittsrede uber »die Gemeinschaft der Facultaten«
erschien 1869 in Bonn. Im tolgenden Jahre veroffentlichte M. ein Buch iiber
»Kant's Psychologies, das in eindringlicher und einleuch tender Weise auf das
Psychologische in Kant's Untersuchungen hinwies und dadurch fur die Beurthei-
lung der Kant'schen Philosophic grundlegende Bedeutung gewonnen hat. Von
1869 — 1882 war M. Mitglied der wissenschaftlichen Priifungscommission fur
das Oberlehrerexamen, betraut mit der Priifung in Philosophic und Padago-
gik ; nach Einflihrung der wissenschaftlichen Staatsprlifung der Theologen auch
Mitglied der daftir bestellten Priifungscommission (1874 — 1880). In den
Jahren 1877 und 1878 war M. einer der Lehrer des Prinzen Wilhelm von
Preussen.
Neben der akademischen Wirksamkeit war M., besonders seit 187 1, von
der Theilnahme an gemeinniitzigen Bildungsbestrebungen und dem Interesse
an der deutschen Kirchen- und Schulpolitik in Anspruch genommen. Thati-
gen Antheil nahm er sofort an der 1871 gegriindeten Gesellschaft zur Ver-
Meyer. 399
breitung von Volksbildung. Auf der zweiten Generalversammlung dieser Ge-
sellschaft in Darmstadt 1872 trat er energisch ftir die obligatorische Fortbil-
dungsschule ein, die dann auch bald darauf in Hessen gesetzlich eingeflihrt
wurde. Der dort gehaltene Vortrag erschien in den »Deutschen Zeit- und
Streitfragen* 1873. Seit 1872 war M. Mitglied des Centralausschusses der
genannten Gesellschaft. Anfang Januar 1871 begriindete er mit Anderen den
Bonner Bildungsverein , und war dann ein Jahrzehnt Vorsitzender desselben.
Von 1872 — 1876 war er zugleich Vorsitzender des Verbandes der Bildungs-
vereine Rheinlands und Westfalens, der sich in dieser Zeit besonders der
Forderung der Fortbildungsschulen, der Volksbibliotheken und des Simultan-
schulwesens annahm. Nach dem Umschwung der Kirchen- und Schulpolitik
der preussischen Regierung wurde auf seine Anregung zum Zweck der Fest-
haltung des Errungenen im Januar 1881 der liberate Schulverein Rheinlands
und Westfalens gegriindet, dem er gleichfalls als Vorsitzender angehorte. Zu-
gleich suchte er als Ausschussmitglied des »Deutschen Vereins« und bis 1884
auch als Mitglied des nationalliberalen Provinzialcomit^s die politischen Be-
miihungen des gemassigten Liberalismus zu ffcrdern.
Die Schriften der bezeichneten Vereine geben von M.'s reicher Antheil-
nahme an ihren Bestrebungen Zeugniss. Besonders hervorzuheben sind folgende
hierhergehorige Arbeiten: Zum Bildungskampfe unserer Zeit, Bonn 1878; Die
Simultanschulfrage (Deutsche Zeit- und Streitfragen VIII, 1880); Die Behand-
lung der Schule auf den letzten Generalsynoden Rheinlands und Westfalens,
1 881; Der Kampf urn die Schule; historische und padagogische Erorterun-
gen liber die Fragen: Staatsschule oder Kirchenschule? Religionsunterricht
und Staatsschule? Bonn 1882; Die angebliche sittliche Verwilderung der Ju-
gend unserer Zeit und die behauptete Mitschuld der Schule an derselben,
Bonn 1884. In Bonn erschien auch das seit 1883 von M. herausgegebene
Monatsblatt des liberalen Schulvereins Rheinlands und Westfalens. Neben die-
sen weitverzweigten, iiberall wissenschaftlich fundirten, aber doch zunachst auf
das Praklische und die brennenden Tagesfragen gerichtete Thatigkeit ging
doch jederzeit die spezifisch wissenschaftliche Arbeit des Philosophen und
Padagogen einher. Ein gross und umfassend angelegtes Werk iiber Pa-
dagogik und ihre Geschichte schwebte M. lange Jahre hindurch als sein
eigentliches Lebenswerk vor. Endloses Material wurde von ihm gesam-
melt und da und dort im Einzelnen verarbeitet. Seine Vorlesungen an der
Universitat und allerlei offentliche Vortrage gaben von der Beherrschung des
Stoffes, der Klarheit der grossen Gesichtspunkte, der Tiefe des Blickes fiir
das charakteristisch Einzelne Zeugniss. Eine gelegentliche, hierhin gehorige
Arbeit ist das Buch »Friedrich's des Grossen padagogische Schriften, aus
dem Franzosischen ubersetzt mit einer Abhandlung liber Friedrich's des
Grossen Schulregiment« erschienen in der Bibliothek padagogischer Klassiker
(Langensalza 1885). Dass das grosse Werk nicht zum Abschluss gelangte,
hat zum Theil seinen Grund in M.'s Art, in seiner wissenschaftlichen Ge-
wissenhaftigkeit sich nie genug zu thun, von jeder Arbeit liber den Gegen-
stand Kenntniss nehmen, Allem gerecht werden zu wollen.
Zum Anderen liegt der Grund hierfiir in dem Umstande, dass von einer
gewissen Zeit an der Gedanke an ein anderes grosseres Werk, einen »Grundriss
der Philosophie« in den Vordergrund seines Interesses rlickte. Dies Buch
sollte in einen historischen und einen systematischen Theil zerfallen. Jener
sollte die letzten iiberhaupt moglichen Gegensatze der philosophischen Welt-
400 Meyer. Telmann.
und Lebensauffassung aufzeigen und ein Bild ihrer geschichtlichen Ent-
wickelung zeichnen, dieser von den Ergebnissen der philosophischen Disci-
plinen ein Bild geben, und des Verfassers eigene philosophischen Ueberzeu-
gungen im Zusammenhang darlegen. Auch hierftir sind umfassende Vorarbei-
ten von M. gemacht und allerlei dahin Gehoriges ist von ihm frtlher und
spater veroffentlicht worden. Vor allem sind zu nennen sein grosseres Werk
»Philosophische Zeitfragen«, und die »Probleme der Lebensweisheiu, die
beide in popularer Form, jenes in zusammenhangenderer Darstellung, diese in
loserer Aneinanderftigung der einzelnen Fragen wichtige Probleme der philo-
sophischen Welt- und Lebensauffassung beleuchten und dem Verstandniss
naher bringen. Dazu treten dann ausserordentlich zahlreiche kleinere Schrif-
ten, Aufsatze und Vortrage tiber einzelne Philosophen, vor allem tiber Kant
und die Philosophic nach Kant, andererseits tiber die verschiedensten psycho-
logischen und psychologisch-ethischeri Thatsachen und Probleme. Aber auch
dieses zweite grosse Werk ist nicht zum Ende gediehen. Es war in M.'s philo-
sophischen Anschauungen eine Gahrung eingetreten. Sein ursprtinglicher philo-
sophischer Dualismus war ihm, zum Theil unter dem Einfluss moderner psycho-
logischer Untersuchungen, deren Gang er eifrig verfolgte, wankend geworden.
Der Monismus gewann iiber ihn grossere Macht. Eine Revision seiner An-
schauungen, ein nochmaliges Durchdenken derselben schien ihm nothwendig.
Da lahmte im Januar 1895 e*n Schlaganfall seine korperliche, spater eine
mehrfache Wiederholung desselben auch seine geistige Kraft.
M.'s Vorlesungen erstreckten sich auf die Padagogik und ihre Geschichte,
die Geschichte der Philosophic, die Logik, die Psychologic Von den der
Geschichte angehorigen Philosophen stand Kant im Mittelpunkte seines
Interesses. Unter den Disciplinen der systematischen Philosophic war ihm
die Psychologic die grundlegende. Grossen Erfolg hatten dann vor allem
auch seine Vorlesungen tiber akademisches Leben und Studium. M. war ein
anregender Lehrer und treuer Freund der studirenden Jugend, immer bereit
zur Forderung ihrer Interessen und zu versohnendem Ausgleich der Ge-
gensatze.
Alle, die M. personlich naher kannten, schatzten in ihm die Reinheit
des Charakters. Er war ein anima Candida und eine optimistische Natur,
liebenswtirdig, das Beste Aller wollend, ein weiches Gemiith, vertrauend,
Gutes anerkennend, Krankungen leicht vergessend, den Seinen in treuer Liebe
ergeben, von grossem Freundschaftsbedurfniss, und treu festhaltend an seinen
Freunden. Sb lebt er in ihrem Andenken.
Theodor Lipps.
Telmann, Konrad, Schriftsteller, * am 26. November 1854 in Stettin,
f am 24. Januar 1897 in Rom. — Der Name »Konrad Telmann* ist ursprting-
lich ein Deckname ftir den Schriftsteller Ernst Otto Konrad Zitelmann, ist
aber in sp&teren Jahren von dem Autor auch im btirgerlichcn Leben geftihrt
worden. Sein Vater war der Justizrath und Generallandschafts - Syndicus
Zitelmann, seine Mutter eine Tochter des Dichters und Geschichtsschreibers
Ludwig Gisebrecht. Er besuchte das Mariengymnasium seiner Vaterstadt und
studirte seit Ostem 1873 an den Universitaten Berlin, Leipzig, Heidelberg
und Greifswald die Rechte. Obwohl seine Gymnasial-, und noch mehr die
Universitatszeit durch haufige Krankheit sehr getrtibt wTurde, so dass mehr-
Telmann. Hirzel. 401
fache Unterbrechungen seiner Studien und wiederholter Aufenthalt in der
deutschen und franzosischen Schweiz, in Meran, im bayrischen Hochlande, in ver-
schiedenen Badern nothig wurden, bestand er doch schon 1876 sein erstes
juristisches Examen und trat als Gerichtsreferendar, zuerst in einer Kleinstadt
Pommerns, dann in Stettin, in den Staatsdienst. Indessen hatte das er-
zwungene Fernhalten von wissenschaftlichen Studien seine friih entwickelte
Neigung zu poetischer Production begtinstigt, so dass er in Rticksicht sowohl
auf diese Neigung als auch auf seine Gesundheit schon zu Neujahr 1878 aus
dem Justizdienste schied , um hinfort als Schriftsteller zu wirken. In
den folgenden Jahren lebte er meist auf Reisen durch Deutschland, die
Schweiz, Frankreich und Italien, weilte besonders langere Zeit auf Sicilien,
bis er sich 1883 in Mentone (Stidfrankreich) sesshaft machte. Nach seiner
Verheirathung mit der bekannten Malerin und Dichterin Hermine von Preu-
schen (1891) lebte er zeitweise in Hockendorf bei Stettin, vorwiegend aber
in Rom, und in der ewigen Stadt hat er auf dem italienischen Friedhof auch
seine letzte Ruhestatte gefunden. — T. war ein sehr fruchtbarer Schriftstel-
ler; er hat in 24 Jahren nicht weniger als 69 Werke in 93 Banden veroffent-
licht, vorwiegend Novellen, fiir welche Dichtungsform er ganz besondere Be-
gabung zeigte.
Persttnliche Mittheilungen.
Franz BrUmmer.
Hirzel , Ludwig , Universitatsprofessor der deutschen Literatur, * am
23-Februar 1838 in Zurich, f am 1. Juni 1897 in Bern. — H. stammte aus
einem alten Ztiricher Geschlecht. Ueber seinen Grossvater, den Chorherrn
und Professor der Philosophic Heinrich H. (1766 — 1833), hat Ludwig selbst
im Nachruf auf seinen Oheim Salomon Hirzel geschrieben. Er war der Sohn
jenes Heinrich H. (f 1790), der, als nicht unbegabter Maler, flir Kunst und
Wissenschaft rege Theilnahme hatte und der Freund des Fabeldichters Meyer
von Knonau war. Der Chorherr machte sich durch die Schrift »Eugenias
Briefer, die 181 9 die 3. Auflage erlebten, bekannt, auch gab er Goethe's
Briefe an Lavater, freilich nicht vollstandig, heraus. Der Vater H.'s war
Theolog und Philolog, nach 4Jahrigem Studium in Leipzig wurde er Pro-
fessor der Theologie am Karolinum in Zurich und Lehrer am oberen Gym-
nasium. Ein mir vorliegender Nachruf betont, dass sein Glaube im BedUrf-
niss eines liebenden Herzens wurzelte. Der oft krankelnde Mann starb
40jahrig 1841, Den Sohn erzog die heitere, gebildete und sicherstellige
Mutter Agnes, eine geb. Lorenz aus Leipzig, die H. aufs innigste geliebt und
verehrt hat. Im Jahre 1844 siedelte sie mit dem Sohn und einer Tochter
nach Leipzig Uber, wo von den BrUdern des Vaters besonders der jUngste,
der bekannte Goetheforscher Salomon H., auf den heranwachsenden Knaben
und jUngling grossen Einfluss ausUbte. Salomon H. war nicht bloss ein
kluger, weltgewandter Buchhandler, sondern auch reich an Bildung und Scharf-
sinn, an GemUth und Humor, den Manner wie Gustav Freytag, Otto Jahn,
Moritz Haupt, Theodor Mommsen ihren Freund nannten. Nach Beendigung
der Schulzeit kam Ludwig H., igjahrig, nach Zurich, um alte Philologie und
Sprachwissenschaft zu studiren. H. Schweizer-Sidler, H. Kdchly waren seine
Lehrer, der Aesthetiker Vischer war ihm besonders lieb. Mit den in Zurich
lebenden deutschen Dichtern und KUnstlern, die von radikalster Gesinnung
waren, trat der junge Student in Verkehr: so mit Richard Wagner und Georg
Biogr. Jahrb. u. Deuttcher Nekrolojf. 2. Bd. 2 6
402 Hirzel.
Herwegh; auch Gottfried Keller's Eigenart ging nicht spurlos an ihm voriiber.
Um der Mutter und der geliebten Schwester, die durch ihre Liebe zum Bin-
der, durch ihr Wesen, wie durch ein Jugenderlebniss an Kornelie Goethe
erinnerte, nahe zu sein, bezog Ludwig 1858 die Universi tat Jena. Dort lernte
er Heinrich Motz, einen Mecklenburger von Geburt, kennen, der ihm ein
Freund flir das Leben wurde. Motz war damals noch Theolog, ging spater
aber ganz zur Philologie liber und wurde in seinen Anschauungen immer
radikaler, wahrend H. im Laufe der Zeit immer mehr und mehr zu histori-
scher Betrachtung der Dinge geneigt war. Dass der in sich gekehrte, finster-
blickende und scheinbar so strenge Student den Schelm im Nacken hatte,
und dass er oft auch keck, tibermttthig und verwegen sein konnte, wussten
wenige so gut wie Motz. Von den Lehrern in Jena wirkte vor alien auf
H. der freigesinnte Sprachforscher August Schleicher, auch bei Gotding
und Kuno Fischer horte er Vorlesungen. Nach vier Semestern gingen beide
Freunde nach Berlin, dort'schlossen sich ihnen der Theolog Kradolfer, spa-
ter Prediger in Bremen, und der junge Zlircher Arzt K. Meyer eng an; auch
andere Schweizer, die sich spater einen Namen machten, verkehrten nrit ihnen.
Wie weit sich H., wenn er gut aufgelegt war, im Uebermuth vorwagen
konnte, geht aus vielen Geschichten hervor, die Motz berichtet; eine stehe
hier mit seinen Worten: »Er hatte mit Dr. Meyer eine Wette gemacht, er
wolle in der belebten Friedrichstrasse, auf einer bestimmten Strecke, Manner
und Frauen bestimmen, tiber seinen vorgehaltenen Stock zu springen. Und
durch finstere Drohung, jovialen Scherz, bestrickende Schmeichelei und possier-
liche Bitte tiberwand er alle, nicht ohne schandlicher Weise den (iber ihre
eigene Getalligkeit Verbllifften mit seinem Stock auf der Ruckseite noch einen
unerwarteten Dank abzustatten.« In Berlin waren Boeckh, MtillenhofF und
Friedrichs seine Lehrer; durch Adalbert Kuhn wurde er in seinen speciellen
Studien besonders gefordert. Seine Doctordissertation reichte er der philo-
sophischen Facultat in Zurich ein. Im Herbst 1862 folgte er einem Ruf an
das Gymnasium in Frauenfeld im Kan ton Thurgau, auf Anrathen seines
Oheims; er empfand freilich, wie er Motz schrieb, ein leises Grauen, wie
wenn man ins Wasser geht und nicht weiss, wie tief es ist. Vier Jahre blieb
er dort, oft unzufrieden und sich manchmal in der ersten Zeit wie ein Ver-
bannter fuhlend. Er lernte die »realen Machte des Lebens* kennen: »ich
hasse sie aber«, so schrieb er an Motz. Aber Freunde, die H. immer gefunden
hat, linderten das Missbehagen, so Bock el aus Jever, spater Mitglied des
deutschen Reichstages, und Jackel, der 1848 aus Sachsen geflilchtet war.
Ausfltige nach Mtinchen, wo H. ein Bild von Bocklin zum Aerger seines
Freundes Kekultf bewunderte, und nach Oberitalien mit Motz, entschadigten
ihn ftir fehlende Anregung. Nach Uhland's Tode hielt er, dazu aufgefordert,
einen Vortrag tiber den von ihm immer verehrten Dichter. Im Januar 1863
schrieb er Motz: »Ich habe mich in Uhland mit Liebe versenkt und habe
ihn deshalb wohl nicht ganz missverstanden ; ist dies der Fall, so kann ich
auch andern, die ihn bisher nicht so lieben gelernt, etwas Neues und viel-
leicht Wahres sagen«. Immer mehr ging er von sprachvergleichenden Stu-
dien zur Literaturgeschichte tiber. Zunachst beschaftigten ihn Erscheinungen
des 16. Jahrhunderts. Ftir das Leben des schweizerischen Humanisten Petrus
Dasypodius sammelte er sorgsam und machte zu diesem Zweck auch eine
Reise nach Strassburg. »Interessant ist es doch«, so schreibt er im Januar
1866 an Motz, der damals in Bergamo weilte, »aus einzelnen Steinchen, die
Hirzel.
403
man hier und da findet,. ein Bild zusarnmenzusetzen.« In demselben Brief
ausserte er, die Zeit in Frauenfeld sei doch nicht nutzlos voriibergegangen :
»Im Grunde schadet es einem gar nichts, wenn man uberall ein wenig herum-
guckt, weiss man nur immer festen Stand zu behalten«. In demselben Jahre
1866 , in dem sein Aufsatz iiber Dasypodius erschien, erhielt H. einen Ruf
an die Kantonsschule in Aarau. Die 8 Jahre, die er dort verlebte, waren
reich an Arbeit, aber auch an Erfolgen. Man schatzte nicht bloss seinen
Unterricht, auch die Feinheit seines Auftretens, das zuverlassige Wesen des
jungen Professors machten auf die Bewohner der bildungsfrohen , kleinen
Hauptstadt den glinstigsten Eindruck. Uhlig, jetzt in Heidelberg, wirkte noch
an der Schule; Manner, wie E. L. Rochholz und H. Kurz, die damals noch
lebten, scharften die Arbeitslust. Der gesellige Verkehr verscheuchte die
Neigung zur Melancholie und machte ihn heiter und selbstbewusst. Seltener
wurden die Stunden des Missmuthes und mangelnder innerer Befriedigung.
Ein Kreis tlichtiger und nicht gewohnlicher Manner, die H. mehr oder weni-
ger nahe standen, umgab ihn; am »Storchentische« wurde brav gezecht, aber
auch manches kluge, gute und anregende Wort gesprochen. Wie oft erfreute
H. durch beissende Wendungen und durch seinen schalkhaften Humor! Die
Mischung von Gemuthlichkeit und scharfem Witz, die er selbst seinem Gross-
vater und zum Theil auch dem Oheim Salomon zuspricht, war ein Grundzug
seiner eigenen, liebenswerthen Personlichkeit. Auch fiir Fragen der Politik
hatte H. grosses Interesse. Manner, wie Augustin Keller, Feer-Herzog,
Haberstich, Oberst Rothpletz und Stadtammann Erwin Tanner — diese beiden
nahere Bekannte H.'s — spielten im offentlichen Leben des Kantons eine Rolle.
Trotz seinen demokratischen Anschauungen stand H. im Jahre 1870 durch-
aus auf deutscher Seite und bekampfte mit Feuereifer die Franzosenfreunde.
Im Herbst 1869 hatte er Paris besucht, wie ein Brief an Motz vom 22. Oc-
tober aus dem Cafe Rohan mir zeigt. Auf den Strassen sah er frohliche
Gesichter; »wie in einem furchtbaren Kriegsgettimmel « befand er sich
bei einem Besuch derBorse; die Gemaldegalerie entziickte ihn. Seine Freunde,
die Italiener, sah er aufs glanzendste vertreten, »man kann kaum Athem schopfen,
und noch viel weniger in der Antiken-Sammlung; ausruhen aber lasst sich
vortrefflich bei unserer lieben Frau von Milo, die ganz allein in einem Saale
steht, erhaben iiber alles Lob«. Es war fur H.'s Freunde ein grosser Ver-
lust, als er im Jahre 1874 als Professor der deutschen Literatur nach Bern
ging. Im Frtihling nahm er noch an der begeisterten Feier bei der An-
nahme der neuen Bundesverfassung theil und Hess ein Gedicht drucken, als
offentlicher Redner aber trat er nicht auf. Der Abschied wurde ihm nicht
leicht; die Aussicht jedoch auf grossere Wirksamkeit erhob ihn. Ich erinnere
mich genau, wie er mir, als die Berufung gewiss war, mit freudigem Blick
entgegen rief: ich h&n min lehen! Die erste Zeit in Bern war ihm nicht
immer behaglich. In Briefen klagte er oft iiber Vereinsamung; dass das
Publikum in Bern geistigen Bestrebungen nicht geneigt sei; auch dariiber, dass
die Zuhorer fiir die Vorlesung nicht genug vorbereitet seien: ihren guten
Willen aber und ihren Fleiss hat er wiederholt geriihmt. So oft es moglich
war, kam er mit Motz und dessen Frau, wie mit andern Freunden zusam-
men. Ein neues freudiges Leben aber begann fiir ihn durch die 1877 voll-
zogene Vermahlung mit Anna Arndt aus Bremen. An der Seite dieser Frau,
die ihn ganz verstand, wuchs seine Arbeitskraft. In einem Briefe an Motz
gegen Ende des Jahres bemerkt er, die Beschaftigung mit Albrecht Haller
26*
404 HireeL
sei jetzt »die Gespielin seiner Nebenstunderu ; »zu mehr hat den alten Haller
die junge Hirzeln nicht kommen lassen, und glticklicher Weise nicht, aber
mit 1878 gehe ich emstlich an die Arbeit, und da soil manches Neue zu
Tage gebracht werden. Ich freue mich auf die Arbeit* . Die Freundschaft
ferner mit dem jetzigen Generalstabschef Arnold Keller und seiner Frau, die
von Aarau nach Bern gezogen waren, war fUr H., wie er wiederholt versichert
hat, eine Quelle dauernder Befriedigung. Die Geburt eines Sohnes, der seinen
Namen erhielt, erhohte sein Gliick. Rector der Hochschule wurde er 1879
und zeigte sich, so urtheilt Professor Steck in Bern , in den Geschaften als
ein sorgfaltiger und einsichtsvoller Arbeiter, der viel Gutes flir die Universitat
wirkte. Nur zu bald aber verdlisterte sich diese sonnige Lebenszeit. Die
geliebte Mutter starb am 30. November 1881. »Dein Brief«, schrieb er
damals an Motz, »wird mir ein treues Pfand Deiner unwandelbaren Freund-
schaft bleiben.« Schwereres aber stand bevor. Seine Frau starb am Herz-
schlag am 3. October des folgenden Jahres. Von einer Reise zurtickgerufen,
fand er sie todt, die er scheinbar ganz wohl verlassen hatte. »Mit aller An-
strengung«, so schrieb er mir am 30, November, »fand ich die Kraft, meinen
n&chsten Verwandten die naheren Umstande mitzutheilen, unter denen meine
stisse, liebe Frau ihr Leben so frtih beschliessen musste. Wie mir zu Muthe
ist, nachdem mein kurzes Gltick so jah geendet, konnen Sie ermessen, auch
ohne dass ich das Unfassbare in Worte zu fassen versuche. Ich lebe nun
so flir mich hin. Mein Knabe ist mir alles. Im Ubrigen habe ich mit dem
Leben selber abgeschlossen.« Damals konnte ihn die Thatsache nicht trOsten,
dass seine zu Beginn des Jahres 1882 erschienene Ausgabe der Gedichte
Haller's allgemeine Anerkennung fand. In der Arbeit suchte er Vergessenheit.
Im Jahre 1883 machte er eine Reise nach Deutschland zu dem Verzeichniss
einer Goethebibliothek ; in Leipzig that man alles, wie er an Motz am 13. Mai
schrieb, um ihn aufzuheitern, in Berlin, das er weit grossst&dtischer und
eleganter fand als frtiher, sah er viel »Neues und Sch6nes«. »Fur meine
Arbeit habe ich gute Ausbeute gehabt; wie viele Mtihe es gemacht, wird
man dem kleinen Buche nicht ansehn«. Im Jahre 1884 war er in Helgo-
land : »er sei gesunder* schrieb er mir, »aber frohlich zu sein habe er l&ngst
verlernt«. Eifrig widmete er sich seinen Arbeiten wie seinem Lehrberuf:
»ich habe 10 Stunden zu lesen, daher viel zu thun« (1885). Ein hellerer
Stern leuchtete erst wieder tiber seinem Leben, als Elisabeth Focke, eine
Freundin seiner Frau, am 26. October 1886 seine Gattin geworden war.
Dieser Bund brachte ihm wieder Ruhe und Frieden. Sein ganzes Gltick
suchte und fand er bei den Seinen im engsten Kreise; ein Tochterchen,
Anneli, wuchs neben seinem Ludwig auf. Auch seine Gesundheit war gut,
aber nach 3 Jahren erlitt sie durch die Influenza einen schweren Stoss. Im
Mai 1 891 klagte er Motz tiber einen neuen heftigen Anfall, ttber Brust- und
Rtlckenschmerzen. Leiden lahmten seine Arbeitslust nicht, aber der Frohsinn
der Jugend war hinweg. Eine Reise nach Rom konnte ihm nicht mehr den
Genuss bringen wie im Jahre 1876. Die Krankheit ruhte nicht; starkes
Asthma, die Folge der Verkalkung der Arterien, machte ihm, besonders
Nachts, unsagliche Qualen. »Ich bin wie eine matte Fliege vor Eintritt des
Winters«, so schreibt er am 27.Juni 1896 an Motz. Dennoch that er, mit
Aufbietung aller Krafte, seine Pflicht weiter. An Bernays, mit dem er, auch
wissenschaftlich, intim verkehrte, diktirte er Briefe, als ihm das Schreiben zu
schwer wurde. Am 3. August 1896 begriisste ich ihn und seine Familie in
Hirzel. 405
Leissigen am Thunersee. Er litt schwer; liess aber die Athemnoth nach, dann
war sein Geist scharf und klar, sein Wesen warm und gtitig wie sonst. Beim
letzten Abschied ahnte ich nicht, dass die Schatten des Todes schon nahten.
Gegen Ende des Jahres erhielt ich von ihtn die letzte Nachricht, es gehe
ihm etwas besser, aber noch immer schlecht genug. Viel hat der Gute noch
in den letzten Monaten gelitten; die Vorlesungen gab er auf, die amtlichen
Geschafte aber besorgte er noch 1 4 Tage vor seinem Tode. Dieser kam als
Befreier am 1. Juni 1897. Nach 7 Wochen betrat ich die Stadt, in der ich
den Freund immer zuerst gesucht hatte. Als wir an seinem Grabe auf dem
Bremgartener Friedhof standen, regnete es leise und die Wolken flogen; die
Freiburger Alpen wurden sichtbar. Beim Verlassen des Friedhofes lasen wir
auf dem Granitblock liber dem Grabe des Bundesrathes Stampfli die Worte
aus Shakespeare's Casar: Ihr liebtet all ihn einst nicht ohne Grund.
Wer H. ganz gekannt und Verstandniss fUr sein Wesen gehabt hat,
musste ihn lieben. Als Gelehrter wie als Mensch war er der gleiche. Schwer
erschloss er sich, aber erprobten Freunden vertraute er ganz. Allem Schein
und leerer Aeusserlichkeit abgeneigt, war er tief von des Dichterwortes Wahr-
heit durchdrungen : lasst uns die Gotter bitten um ein einfach Herz. Frei
von Gelehrtendlinkel und Eitelkeit, hat er es mit der Wissenschaft ernst wie
wenige gemeint, daher konnte er Tadel so gut vertragen, daher argerte ihn
inhaltloses Lob. Des Lebens Freuden liebte er trotz dem durch kdrperliche
Leiden oft gesteigerten Ernst seines Wesens, aber er schrankte sich friih
durch Selbstzucht ein, und ruhige Mannlichkeit bei warmstem Innenleben war
fUr ihn kennzeichnend, Durchaus unabhangig und selbstandig, hasste er alles
Posiren, Hofiren und Scharwenzeln ; seinem Vaterland und seinen Einrichtun-
gen treu ergeben, war er kein Schmeichler seiner Landsleute. Voll zarter
RUcksicht und von feinstem Taktgeflihl, trat er, der die Formen des Ver-
kehrs zu wahren gewohnt war, nicht selten herb und schroff Unlauterkeit
und Falschheit entgegen, und manche Erscheinungen unserer Zeit behandelte
er mit einer Rticksichtslosigkeit, die um so wohler that, weil sie der vollste
Ausdruck uneigenntitziger und muthiger Wahrheitsliebe war. Daher war der
grosse Berner Albrecht Haller ihm so werth, weil er alles das geisselte, wo-
durch, nach H.'s Worten, Recht und Gesetz in Verachtung zu sinken und
die fiffentliche Sittlichkeit Schaden zu leiden droht. In der Jugend durch-
aus radikal, ja revolutionar gesinnt, verwarf er den Goethe'schen Standpunkt
der Entwickelung; in reiferen Jahren aber wurde er ruhiger und geneigter,
die historischen Machte zu wtirdigen. Das Jahr 1870 hat auf ihn tief und
entscheidend gewirkt. Immer aber blieb er seinen freien Anschauungen ge-
treu, ohne einer bestitnmten Partei anzugehoren, und Gottfried Keller's Wort
gilt auch von ihm: »Mit dem Vaterland und alien Freien ging er stets dem
goldenen Licht entgegen «. So wirkte auf jeden, der wenigstens einen Hauch
seines Geistes versptirte, seine reife Menschlichkeit und Mannlichkeit; kein
Wunder daher, dass ihm die Gunst gerade der edleren Frauen zufiel, die
Kraft mit Weichheit, Kernigkeit mit Milde und Gemlithstiefe gepaart, immer
zu schatzen wissen.
Wie H. seiner Abstammung nach halb Schweizer, halb Deutscher war,
so mischten sich in ihm schweizerische und deutsche Art. Das deutsche
Nationalgeflihl war in ihm stark lebendig. Was die Schweiz dem deutschen
Geiste verdankt, dessen war er sich zu jeder Zeit bewusst: die Beziehungen
hervorragender Schweizer zu unsern Dichtern aufzuweisen, betrachtete er als
406 Hired.
seine wesentliche Aufgabe. Ihr sind die meisten seiner Schriften gewidmet,
von denen ich zum Schluss die wichtigen alle anftihren will. Seine Disser-
tation »zur Beurtheilung des aolischen Dialektes* erschien 1862 in Leipzig
im Verlag seines Oheims; Kuhn, G. Curtius, Schleicher, Schweizer-Sidler be-
urtheilten sie sehr glinstig. Noch 1868 lobt sie Wilhelm Scherer »zur Ge-
schichte der deutschen Sprache«, und Benfey erwahnt sie in der »Geschichte
der SprachwissenschafU. Der in Kuhn's Zeitschrift 1863 gedruckte Aufsatz
zum »Futurum im Indogermanischen* verdient insofern Beachtung, als Schlei-
cher im Lehrbuch der vergleichenden Grammatik sich auf H.'s Deutung der
Futurform beruft. Die Arbeit tiber den Frauenfelder Amtsgenossen Petrus
Dasypodius (f 1559), die im » Neuen Schweizer Museum « Basel 1866 ge-
druckt wurde, hat Scherer in Wagner's Archiv ftir deutsche Sprache geriihmt
und seine Abhandlung » Dasypodius als Dramatiker* H. 1874 zugeeignet. Nach-
dem H. sich dem Studium des 18. Jahrhunderts eingehender zugewendet
hatte, erschien der Vortrag, den er zuerst mit Beifall in Aarau gehalten hatte,
^Goethe's italienische Reise«, Basel 187 1. Ein Jahr darauf zu Aarau das
Programm »Ueber Schiller's Beziehungen zum Alterthum*. Schiller hat H.
geehrt und geliebt, seine Rhetorik imponirte ihm, aber Goethefs Grosse hat
er nie verkannt. Vorher waren 1870 in den Leipziger Grenzboten und in
Schnorr's Archiv f. Literaturgeschichte einige das Leben Wieland's betreffende
Aufsatze erschienen. Eine grossere Arbeit des Jahres 1876 war ein Beitrag
zur Goetheliteratur: er erzahlte das Leben und wtirdigte die Aufsatze des
Luzerners Karl Ruckstuhl, der, ein Bundesgenosse Goethe's gegen die neu-
deutsche Richtung und den Purismus, durch Geist und kraftiges Wirken des
Dichters Theilnahme errang. Im folgenden Jalire schrieb er den Aufsatz
»Nachtragliches tiber Ruckstuhl «. Die grtfssere Schrift war Salomon H. als
Gruss aus der Schweiz gewidmet: nicht lange darauf starb der geliebte Oheim
am 8. Februar 1877. Ludwig widmete ihm einen warmen Nachruf im An-
zeiger fur deutsches Alt. und deutsche Literaturgeschichte Bd. IV. In dem-
selben Jahre 1877 schrieb er flir dieselbe Zeitschrift den Aufsatz » Jakob
Grimm und J. R. Wyss«, und zeichnete als Beitrag zur Festschrift fur Haller
kurz und scharf: »Albrecht v. Haller's Bedeutung als Dichter« (Bern 1877).
Daneben fand er noch die Zeit zur Mitarbeit an der Zeitschrift »Im neuen
Reich «, ftir die er alle wichtigen Erscheinungen auf dem Gebiete der neueren
Literatur, nicht bloss die unsere Klassiker betreffenden Schriften, anzeigte.
Manches Urtheil ist charakteristisch. So seine Vorliebe fttr Mdrike (im
Neuen Reich 1878), flir den von Heyse meisterhafl iibersetzten Giusti, dessen
Charakterfestigkeit er preist (ebenda 1875), m^ ^er er ^^e Lumpe und Wind-
beutel aller Sorten in ihrer Erbarmlichkeit aufzeigt; R. Konig's Literaturge-
schichte argert ihn durch ihre Fltichtigkeit und die Art, mit der »den Htitern
und Wachtern des freien Gedankens und des nationalen Sinnes in elender
Zeit« im Grabe noch die Ehre abgeschnitten wird. In der Anzeige der Ge-
dichte Leuthold's (1879) heisst es: »ein Schonfarber der heimischen Zustande
ist L. nicht. Gerade diese Gedichte aber machen ihn vielen Schweizern werth,
denen der Dichter das Wort von der Zunge genommen«. Sein Werk »Albrecht
v. Haller's Gedichte« erschien als III. Band der Bibliothek alterer Schriftwerke
der deutschen Schweiz zu Frauenfeld 1882. Bis zum Herbst erschienen 21
Recensionen des Buches, in dem H. durch die Ftille neuer Aufschliisse tiber
Haller, durch die eingehende Wurdigung der ganzen Personlichkeit seinen
Namen ftir immer mit dem des gedankentiefen Dichters verbunden hat.
Hirzcl. v. Ahlefeld. 407
Scherer rechnete die Einleitung »zu den bedeutendsten literarhistorischen
Arbeiten der letzten Jahre«, und A. Sauer schrieb in den Gott. gelehrten
Anzeigen: »das Ideal einer kritischen Ausgabe ist hier erreichU. Dass H.
aus bisher unbekannten Quellen geschfcpft hatte, bezeugte auch die Heraus-
gabe der »TagebUcher Haller's, seine Reisen nach Deutschland, Holland und
England* (Sonntagsblatt des »Bund« 1882 und Leipzig 1883), die ftir die
Biographie so wichtig sind wie fiir die Kenntniss der Zustande der besuchten
Lander. Im Jahre 1884 gab er dann » Salomon Hirzers Verzeichniss einer
Goethe -Bibliothek mit Nachtragen und Fortsetzung« heraus und arbeitete an
einer neuen Schrift » Goethe's Beziehungen zu Zurich und zu Bewohnern der
Stadt und Landschaft Zurich «. Sie erschien als Neujahrsblatt der Stadt-
bibliothek in Zurich auf das Jahr 1888. Briefe des Herzogs Karl August an
K. T. v. Sinner in Bern wurden durch ihn 1890 in der Vierteljahrsschrift
f. Litg. Bd. Ill bekannt. Dann folgte ein Buch Uber Wieland. Schon in
frUheren Jahren hatte er das Verhaltniss des Dichters zur Schweiz behandelt.
Sein 1 89 1 zu Leipzig gedrucktes Buch » Wieland und Martin und Regula
KUnzli. Ungedruckte Briefe und wieder aufgefundene AktenstUcke« ist ftir die
ganze Zeitgeschichte bedeutsam : nicht bloss Wieland und die Familie KUnzli,
auch Bodmer, der Satiriker Waser, Uber den H. in der Vierteljahrschr. f.
Litg. Bd. V nachtraglich schrieb, und andere Schweizer treten lebendig her-
vor. Wieland's »Geschichte der Gelehrtheit seinen Schtilern diktiru, die er
1 89 1 (Frauenfeld) herausgab, zeigt uns Wieland's ernsthafte padagogische
BemUhungen. H.'s Verdienste wird keiner besser wUrdigen als Wieland's
kUnftiger Biograph Seuffert. Auch in der Leidenszeit erlahmte H. nicht. So
lenkte er 1893 auf einen bisher vollig Ubersehenen Roman des 17. Jahrhun-
derts von F. R. Gasser aus Schwyz die Aufmerksamkeit (Sonntagsblatt des
»Bund« und separat), und ein Jahr darauf zeichnete er ein sorgsames Bild
von Heinrich Zschokke in der »Schweizerischen Rundschau*, welchem da-
mals in Aarau ein Denkmal errichtet wurde. 1894 machte er »zwei Briefe
von Uhland* bekannt in der Zeitschr. f. deutsches Alt., und das Buch seines
SchUlers Rud. Ischer gab Anlass zu dem Aufsatz »Johann Georg Zimmer-
mann« im Sonntagsbl. des »Bund«. Noch 1896 erschien ebenda: »Nach
Amerika. Aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts«.
Nekrolog des Vf. im Goethe-Jahrbuch 1898. Neues Material verdankt er den unge-
druckten Aufzeichnungen des Prof. H. Motz in Zurich, der ihm auch Briefe H.'s an ihn
freundlich anvertraut hat. Neuerdings vgl. O. v. Greyer* im 28. Jahresheft des Vereins
schweizerischer Gymnasiallehrer. Aarau 1898 S. 33 f.
Daniel Jacoby.
Ahlefeld, Karl Wilhelm von, Wirklicher Geheimer Rath, erster Landes-
director der Provinz Schleswig-Holstein, um die er sich in 2 2Jahriger rastloser
und segensreicher Thatigkeit hohe Verdienste erworben hat, * am 19. Januar
1 81 8 in Schleswig, f in Kiel am 5. Februar 1897. A. bestand 1841 das juristi-
sche Amtsexamen, worauf er als Auscultant bei der schleswig-holsteinischen
Regierung eintrat. Spater wurde er Senator und Polizeimeister in Schleswig,
nahm lebhaften Antheil an der schleswig-holsteinischen Bewegung der Jahre
1848 — 51, wurde in Folge dessen 185 1 von der Amnestie ausgeschlossen und
lebte nach Verlust seines Amtes als Privatmann in Uetersen. 1863 zum
Klosterpropst des dortigen adeligen Klosters berufen, wurde er 1864 voruber-
gehend als Amtmann des Amtes Flensburg constituirt und 1872 vom Pro-
408 ▼• Ahlefeld. Graf v. Holstein.
vinziallandtag zum Landesdirector der Provinz Schleswig-Holstein gewahlt,
1884 fand seine einstimmige Wiederwahl statt. — Ftir A/s ganzen Lebens-
gang, fiir sein gesammtes Wirken und Streben war eins bestimmend, ein starkes
Gefiihl, in dem das ganze Wesen des Mannes wurzelte: die Treue zur Heimat.
Seiner Heimat gait die Arbeit seines Lebens, zu ihr stand er in den Tagen
schweren Ringens urn Freiheit und Recht, ihr diente er, an die Spitze der
Verwaltung gestellt, gerecht und treu, mit voller, ernster Hingabe an seine
Ziele. Eins schmtickte ihn besonders: das seinem ausgepragten Gerechtigkeits-
sinne entspringende warme Mitgefiihl ftir das Elend seiner Mitmenschen. Mit
thatkraftiger, barmherziger Hand suchte er zu helfen und zu lindern, wo er
nur konnte. Er war es, der ftir das Unterkommen armer Epileptiker aus
Schleswig-Holstein in den Bielefelder Anstalten Sorge trug; die Erweiterung
der Provinzial-Irrenanstalt ist sein Werk, ebenso die Forderung und Pflege
der Blindenanstalt und die Errichtung einer Anstalt fiir weibliche Epileptiker.
— Die Heimatsliebe des Verstorbenen zeigte sich auch in dem regen Inter-
esse, das er fur die Geschichte seiner Heimatsprovinz bekundete. »Ueber
23 Jahre hat er als President der Gesellschaft fiir Schleswig-Holstein-Lauen-
burgische Geschichte hochst erfolgreich gewirkt, die Veroffentlichung wichtiger
Quellenwerke und Urkundensammlungen durch die Gesellschaft ermoglicht und
ihre Bestrebungen bis an sein Lebensende mit warmer Theilnahme und grosser
Fachkenntniss begleitet.« Auch die gegenwartig in frischem Aufbltihen
begriffene Provinzial-Bibliothek fiir Schleswig-Holstein ist eine Schopfung A.'s.
Von dem Amte des Landesdirectors trat er aus Gesundheitsrticksichten am
1. Februar 1895 zuriick.
Vgl. Kieler Zeitung, Morgen-Ausgabe vom 10. Februar 1897, Abend-Ausgabe vom
30. December 1897 (Schleswig-Holsteinischer Nekrolog 1897).
Joh. Sass.
Holstein, Conrad Graf von, einer der angesehensten Vertreter der schleswig-
holsteinischen Ritterschaft, * am 19. December 1825 zu Neverstorff in Holstein,
f am 7. September 1897 auf Waterneverstorff. — Er besuchte das Gymnasium
in Llibeck, bezog Ostern 1 846 die Universitat Heidelberg, um die Rechte zu
studiren, betheiligte sich in den Jahren 1848 — 51 als Dragoner-Officier an
dem Unabhangigkeitskampfe der Herzogthtimer gegen Danemark, trat nach
Beendigung des Feldzuges in das Privatleben zurtick und (ibernahm die Be-
wirthschaftung seines im Kreise Plon belegenen Gutes Waterneverstorff. Selbst
ein hervorragend praktischer Landwirth von vorbildlicher Ttichtigkeit und als
solcher seit dem Jahre 1871 Directions- und spater Ehrenmitglied des schles-
wig-holsteinischen landwirthschaftlichen Generalvereins, war er ftir die Hebung
der Landwirthschaft in seiner engeren Heimat unablassig und in aufopferndster
Weise thatig. Die Herrschaft Waterneverstorff gestaltete er zu einer Muster-
wirthschaft ersten Ranges. Musterhaft war vor Allem auch das Verhaltniss
des Gutsherrn zu seinen Arbeitern, fur deren Wohl er in wahrhaft vaterlicher
Weise sorgte, Ftir Jeden, auch den Geringsten, hatte er ein theilnehmendes
Herz und eine offene Hand, Alle hingen an ihm mit Liebe und Vertrauen.
Der Name »unser Graf«, wie er allgemein auf dem Gute hiess, legt davon
ein schones Zeugniss ab. Selbst die Socialdemokraten haben gelegendich
diese Seite seiner edlen Natur, die Fursorge fiir seine Arbeiter, unumschrankt
anerkennen mtissen. Schon frllh widmete er sich auch den offentlichen Inter-
essen seiner Heimatsprovinz, deren Wohl und Wehe ihm fast mehr als das
Graf v. Holstein. ScbUtze. Gatke. 409
eigene am Herzen lag. Einer der eifrigsten Vorkampfer ftir den engen An-
schluss an Preussen und die unauflosliche Zusammenfiigung Schleswig-Holsteins
mit der Krone der Hohenzollern, hat er bis zuletzt, trotz Schmerzen und
Krankheit, seine besten Krafte in den Dienst seiner Heimat gestellt. Von
1853 — 63 gehorte er der holsteinischen Standeversammlung, seit 1867 dem
Provinziallandtage an und seit 1877 war er als Vertreter des 9. schleswig-
holsteinischen Wahlkreises Mitglied des deutschen Reichstages. Hier wurde
er ein Mitbegrtinder und Ftihrer der conservativen Partei, fur die sein Hin-
scheiden einen unersetzlichen Verlust bedeutet. Wohl selten hat ein Ab-
geordneter in solchem Maasse die Hochachtung aller Fractionen besessen.
Graf H. war eine schleswig-holsteinische Kernnatur von vornehmster Gesinnung,
ein Edel- und Ehrenmann im besten Sinne des Worts, der den Adel seiner
Geburt stets nur als Ansporn zu erhohter Pflichterfiillung gegentiber der Ge-
sammtheit betrachtete. »Gottesfurcht, Weisheit und Treue vereinigten sich
in seinem Wesen mit edler Schlichtheit, Wahrhaftigkeit und Herzensgute.«
Die Provinz Schleswig- Holstein hat mit ihm einen ihrer besten Sohne ver-
loren.
Vgl. Hamburgischer Correspondent, 9, September 1897, Abend-Ausg.; Kieler Zeitung,
9. September 1897, Abend-Ausg.; Kolnischc Zeitung vom 10. September 1897, Abend- I
Ausg.; Landwirthschaftliches Wochenblatt fur Schleswig-Holstein, 1897, Nr. 38. j
Joh. Sass. i
Schiitze, Theodor Reinhold, Jurist, * am 12. Januar 1827 zuUetersen in Hol-
stein als Sohn eines Predigers, f zu Graz am 16. December 1897. — Er besuchte
das Gymnasium in Hadersleben, studirte in Kiel und Miinchen Jurisprudenz,
bestand 1853/54 das juristische Amtsexamen fur Holstein und Schleswig mit
dem ersten Charakter und habilitirte sich in Kiel, wo er 1853 zum Dr. jur.
promovirt war, als Privatdocent der Rechte. Unter dem 14. Januar 1855
wurde er zum Professor des romischen und schleswigschen Rechts an der
Universitat Kopenhagen ernannt, von diesem Amte jedoch in Folge der Ein-
ziehung des betreffenden Lehrstuhls am 1. April 1866 mit Wartegeld endassen.
Mit Beginn des Jahres 1867 trat er wieder als Privatdocent in Kiel auf und
bekleidete dann auch mehrere Jahre hindurch das Amt eines Syndicus der
dortigen Handelskammer. 1876 folgte er einem Rufe als Professor fur Straf-
recht und Strafprocess nach Graz, wo er bis zu seinem Tode gewirkt hat.
Sch. hat zahlreiche Schriften besonders auf dem Gebiete des Strafrechts ver-
offentlicht; er war Mitarbeiter an einer ganzen Reihe von juristischen Zeit-
schriften. Weitere Verbreitung fand namentlich sein »Lehrbuch des deutschen
Strafrechts auf Grund des Reichsstrafgesetzbuchs« (Leipzig 1870 — 71; 2. Aufl.
1874).
Vgl. Albert), Lexikon der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen Schrifts teller, 1829—66,
Abth. 2, S. 370 u. 1866—82, Bd. 2, S. 245/46. Daselbst auch eine Uebersicht Uber Sch.'s
Schriften und die von ihm in Zeitschriften publicirten Artikel. Siehe auch Kukula, Biblio-
graphisches Jahrbuch der deutschen Hochschulen. Innsbruck 1892. S. 839/40.
Joh. Sass.
Gatke, Heinrich, der »Vogelwarter von Helgoland «, einer der bedeutend-
sten Ornithologen der Gegenwart, * am 19. Mai 18 14 zu Pritzwalk in der
Mark Brandenburg, jam 1. Januar 1897. — Schon der Knabe verrieth den
kunftigen Naturforscher. Die freie Natur war sein Lieblingsaufenthalt, ihr
4io
Gatke.
tausendfaltiges Leben und Weben zu belauschen und zu beobachten seine
liebste Beschaftigung. Er botanisirte und legte Sammlungen von Eiern und
Schmetterlingen an; daneben zeichnete er mit besonderer Vorliebe nach der
Natur, wofiir er ein hervorragendes Talent besass. Eben dieses gewann zu-
nachst die Oberhand und bestimmte ihn, sich nach Absolvirung der Schulen
seiner Vaterstadt ganz der Malerei zu widmen. 1837 ging er als Seemaler
nach Helgoland, urn dort in moglichster Nahe des Meeres eine Reihe von
Jahren hindurch griindliche Seestudien zu machen. Das wogenumrauschte
Felseneiland sollte seine zweite Heimat werden. Sein ganzes Ubriges Leben,
fast 60 Jahre, hat er daselbst zugebracht, nachdem er als Gouvernements-
Secretar eine sichere Stellung gefunden und sich einen eigenen Herd gegriindet
hatte. Wie dann aus dem Maler allmahlich ein gelehrter Ornithologe wurde,
dartiber berichtet er selbst in der Vorbemerkung zu seinem Buche >Die
Vogelwarte Helgoland* (herausgegeben von Rudolf Blasius, Braunschweig 1891)
in folgender Weise: »Der Hang des Kiinstlers zur freien Natur brachte mich
unvermeidlich in Bertihrung mit der so wunderbar reichen Ornis Helgolands.
Diesem folgte ebenso unvermeidlich der Wunsch, eines oder das andere der
in ihrer Gestalt, ihrem ganzen Thun und Treiben so unendlich anmuthigen
Geschopfe zu besitzen: so entstand eine kleine Sammlung. Mit dem Besitze
erwachte aber das Verlangen nach grundlicherer Kenntniss des Gesammelten,
und das wahrend einer Reihe von Jahren fortgesetzte eifrige Studium der
hiesigen Vogelwelt, sowie der Vergleich derselben mit anderen Local-Avifaunen
Hess mich nicht allein erkennen, welch ein nie geahnter Reichthum des
Kennenswerthen sich hier zusammenfinde, wie unendlich der kleine Fels darin
die stolzesten Reiche (iberrage, sondern es ward mir auch mehr und mehr
klar, dass dem, welchem ausnahmsweise Umstande eine so vollstandige Ein-
sicht und Erkenntniss eines hervorragenden Feldes der Naturwissenschaften
gewahrten, damit auch die Pflicht auferlegt sei, seine Erfahrungen nicht mit
sich selbst wieder verschwinden zu lassen, sondern dieselben den Forschern
auf gleichem Gebiet zu erhalten — nur das Gefiihl dieser Pflicht veranlasst
mich zur Veroffentlichung meiner Erfahrungen. « So hatte ihm, dem nach
seinen eigenen Worten im Leben nichts ferner gelegen haben wiirde, als der
Gedanke ein Buch zu schreiben, die Natur selbst die Feder in die Hand
gedruckt, und es kam auf Grund eingehendster, fast 50 Jahre hindurch mit
grosster Sorgfalt gepflegter Beobachtungen jenes Werk zu Stande, mit dem
er sich in der wissenschaftlichen Welt ein unvergangliches Denkmal gesetzt
hat. Die Entdeckungen G.'s, namentlich in Bezug auf die Wanderztige der
Vogel, waren von geradezu epochemachender Bedeutung und fanden bei alien
Ornithologen des In- und Auslands allgemeinste Anerkennung. G. war ein
Naturforscher, man mochte sagen, mehr mit dem Herzen als mit dem Kopfe.
Die unendlich tiefe und feine Poesie des Naturlebens, besonders des Lebens
der Vogel, war es, die ihn, der selbst wie ein Sttick urspriinglicher Natur
erscheint, vor Allem fesselte. Immer wieder klingt diese poetische Auffassung
auch in den warmen Schilderungen seines Buches durch. Es hat etwas un-
gemein Anziehendes, sich das Bild dieses Mannes, den zugleich in Gesinnung
und Auftreten die grosste Bescheidenheit zierte, und sein inniges Zusammen-
leben mit seinen gefiederten Lieblingen zu vergegenwartigen, wie er bis in
sein hohes Greisenalter hinauf Jahr aus Jahr ein Tag flir Tag sein scharfes
Auge liber Meer und Himmel hinschweifen lasst, damit ihm kein Wanderer
der Liifte entgehe, wie er das Thun und Treiben der auf der Insel rastenden
G&tke. von Marquardsen. 41 1
Vogel bis ins Kleinste verfolgt, wie er sie hegt und pflegt und sich liebevoll
in alle Eigenthiimlichkeiten jedes Einzelnen versenkt. Auch die Schlussworte
der »Vogelwarte« sind ftir dies ganz einzigartige Freundschaftsverhaltniss, wie
man es wohl mit Fug nennen mochte, hochst charakteristisch. »Hiermit«,
heist es, »ist dieser Bericht liber die Vogel Helgolands abgeschlossen. Nicht
ohne eine gewisse Trauer scheide ich von ihnen, die mir wahrend einer so
langen Reihe von Jahren Hebe Gefahrten gewesen, und deren hundertfaltige,
so wohl gekannte Stimmen wahrend mancher spaten Abendstunde, die ich
an meinem Pulte tiber diesen Blattern verbrachte, mir wie Freundesgrtisse
aus ferner Hohe herabklangen, wenn sie in ungezahlten Schaaren Uber das
Oberlicht meines Atelier-Museums dahinzogen.* — Hand in Hand mit den
Beobachtungen G.'s ging die stetige Vergrtisserung seiner Vogelsammlung,
wobei ihm seine leidenschaftliche Neigung zur Jagd zu Gute kam. 1891 hat
das deutsche Reich diese in der Welt einzig dastehenden Sammlungen er-
worben und damit die damals schon nahe gerlickte Gefahr, dass dieselben ins
Ausland wandern konnten, flir immer beseitigt. In seinen letzten Lebens-
jahren plante G. noch eine Arbeit tiber das Flugbild der Moven und See-
schwalben fur den Verein zum Schutze der deutschen Hochseefischerei. Das
Werk sollte gleichsam ein Lehrbuch und Ftihrer ftir die deutschen Seefischer
werden. Doch es war ihm nicht vergonnt, dasselbe zu vollenden. Von einem
Influenza-Anfall, der ihn 1896 traf, vermochte er sich nicht wieder zu erholen.
Ein in seinem ausseren Verlaufe unendlich einfaches und dennoch unendlich
reiches und bedeutungsvolles Leben fand damit seinen Abschluss.
Vgl. Ornithologische Monatsschrift, 1897, S. 120: Zum Andenken an drci theure Ver-
storbene, u. 1898, S. 49 ff.: Nachruf von Rudolf Hlasius, mit Bildniss. Die englische Aus-
gabe der »Vogelwarte«c erschien 1895 in Edinburg unter dem Titel: Heligoland as an
ornithological observatory. The result of fifty years experience by Heinrich Gatke.
Joh. Sass.
Marquardsen, Heinrich, von, ordentlicher Professor des Staatsrechts an
der Universitat Erlangen. * 25. Oktober 1825 in Schleswig, f 30. November
1897 in Erlangen, lebte ein an Arbeit, Erfahrung und Bewegung reiches
Leben. Sein Vater war im Besitze eines von den Voreltern ubernommenen
kleinen Landgutes vor den Thoren von Schleswig und auch seine Mutter
stammte aus gleicher Gegend und so war es der Wunsch der beiden Eltern,
dass auch ihr Sohn, ihr einziges Kind, auf heimischer Erde bleibe und in die
Fusstapfen des Vaters als Kleingutsbesitzer trete. Der Knabe musste in land-
wirthschaftlicher Arbeit frtih mit anpacken und durfte die Gelehrtenschule in
Schleswig nicht besuchen. Allein machtiger als die vaterliche Bestimmung
war der Wissenstrieb, welcher den Jungen beseelte. Abends, wenn die Familie
zur Ruhe gegangen war, sass er eifrig studierend in seinem Kammerchen. Ohne
alle Hilfe lernte er aus Btichern alterer Vettern, die die Vorschule in Schles-
wig besuchten, Latein und Griechisch, Englisch, Franzosisch und Mathematik.
Kaum 12 Jahre alt, ging er dann einmal unter dem Vorwand, die Tante zu
besuchen, in die Stadt und machte die Aufnahmsprlifung in Sekunda. Der
Wille des Vaters war damit gebrochen. Noch nicht ganz 14, kam M. in Prima,
musste dort aber wegen seiner grossen Jugend zweieinhalb Jahre ausharren.
Mit i6!/4 Jahren ward er Student. Zuerst in Kiel immatrikulirt, wandte er
sich bald nach Heidelberg, der Stadt, die ihm die liebste seines Lebens
wurde. Dort begrtindete er seine durch das ganze Leben wahrende Freund-
412 von Marquardscn.
schaft mit Kussmaul, dem bertihmten, nun in Ruhestand wieder in Heidelberg
lebenden inneren Kliniker, und mit Aegidi, dem bekannten Politiker und
Leiter des Presswesens des Auswartigen Amtes, in den Jahren 187 1 — 77- Am
2. Februar 1848 schloss M. seine Universitatsbildung durch seine Promotion
zum Doctor beider Rechte der Heidelberger Juristenfakultat ab. Vangerow
und Mittermaier waren die Lehrer gewesen, die ihn ftir die akademische Lauf-
bahn begeisterten. Der Vorbereitung auf diese gehorten die Jahre 1848 — 51.
Dieselben waren zu Reisen am Rhein, nach Belgien und nach England ver-
wandt, um in langerer eigener Anschauung und Uebung das offentliche mtind-
liche Strafverfahren dortselbst kennen zu lernen. Von jener Zeit datiert Mjs
intime Beziehung zu einem der jetzt hiichsten englischen Richter, dem Lord-
appellrichter Hannen, der erst vor kurzem als einer der Schiedsrichter in dem
englisch-amerikanischen Beringsmeerstreit hervortrat. Wintersemester 1851/52
habilitirte sich M. in Heidelberg mit einer Arbeit » iiber Haft und Btirgschaft
bei den Angelsachsen«, die eine Einleitung zu einer Geschichte des Habeas-
Korpus-Rechtes und damit des Rechtsgutes werden sollte, in dem noch der
Englander heutigen Tages seinen hochsten politischen Besitz erblickt. M.'s
Vorlesungen betrafen Straf- und alsbald auch Volker- und Staatsrecht. An
den allgemeinen Fragen der Rechtswissenschaft nahm er durch Mitbegrundung
und Mitherausgabe der seit 1855 erschienenen »Kritischen Zeitschrift ftir die
gesammte Rechtswissenschaft* teil, einer Zeitschrift, die, nachmals mit der
»Kritischen Ueberschau« vereinigt, noch heute als Mtinchener »Kritische
Vierteljahrsschrift fur Gesetzgebung und RechtswissenschafU fortlebt. Ein
Jahr vorher hatte er mit der Tochter des in jungen Jahren dahingerafften
Privatdozenten ftir englische Literaturgeschichte, Wiss, eines Neffen des
englischen Dichters Camble, die denkbar gllicklichste Ehe eingegangen. In
Stintzing und Goldschmidt, den spateren Professoren der Rechte in Bonn und
Berlin, erwarb er treue Freunde und Fachgenossen. 1857 ward M. zum
ausserordentlichen Professor befordert, 1861 erhielt er einen Ruf als ordent-
licher Professor ftir Staatsrecht nach Erlangen und dieser Hochschule blieb
er bis ans Lebensende treu. In den ersten Jahren entwickelte er auch hier-
selbst eine eifrige und fruchtbringende Dozententhatigkeit — er las insbesondere
auch iiber Politik und Enzyklopadie der Staatswissenschaften — , von 1868
an gehorte aber seine Thatigkeit nahezu ausschliesslich dem parlamentarischen
Leben an. Am 27. April 1868 trat M. ftir den Wahlkreis Fiirth-Erlangen in
das deutsche Zollparlament, am 21. September 1869 ftir den Wahlkreis
Erlangen in die bayerische Abgeordnetenkammer ein; von 1871 an war er
Mitglied des Reichstags. Mitglied dieses blieb er, den Wahlkreis Fttrth-
Erlangen im Laufe der Zeit mit den Wahlkreisen Worms und Kusel (in der
Rheinpfalz) vertauschend , bis zu seinem Lebensende; bayerischer Landtags-
abgeordneter und zwar spater ftir den Wahlkreis Kempten war er bis 1893.
M.'s parlamentarische Arbeit hatte drei Richtungen. In erster Linie gehorte
sie der Partei. National und liberal in der Worte bester Bedeutung, zahlte
er zu den berufensten Kraften der nationalliberalen Partei wahrend ihrer
ganzen Entwicklung; den verschiedensten Organisationen derselben, dem Vor-
stand der nationalliberalen Reichstagsfraktion, dem Central vorstand der
nationalliberalen Partei iiberhaupt und dem Landesausschuss derselben in
Bayern gehorte er als Vorstandsmitglied bezw. als Vorsitzender an. In der
Reichstagsfraktion lag seine vorwiegende Thatigkeit in informatorischen Vor-
tragen an die Fraktionsgenossen iiber die jeweils zur parlamentarischen
von Marquardsen. 413
Behandlung stehenden Gesetzesvorlagen juristisch - politischen Inhalts. Mit
das wichtigste Aktensttick, welches die Geschichte der nationalliberalen Partei
kennt, ist die einen Wendepunkt in ihrem Programm darstellende Heidel-
berger Erklarung vom 23. Marz 1884. An ihrem Zustandekommen war M.
neben Miquel der hervorragendst Betheiligte. Stammte der erste Entwurf
derselben aus Miquels Feder, so gab ihr M. die Fassung, in welcher sie mit
einer einzigen Erganzung wortlich auf dem Parteitage angenommen ward.
In zweiter Linie gehorte seine Thatigkeit den Reichstagsverhandlungen. Er
wirkte in den verschiedensten Kommissionen , insbesondere in den ftir die
Justiz- und Strafprozessgesetzgebung niedergesetzten. In der Reichstags-
kommission tiber das Pressgesetz war er Berichterstatter; der Wahlprtifungs-
kommission stand er seit mehreren Legislaturperioden vor. Im Plenum trat
M. in juristischen und allgemein politischen Fragen als Fraktionsredner auf,
eine sonore, kraftige Stimme und die Kunst des ridendo dicere verum waren
ihm eigen. In den letzten Jahren sprach er vor allem zu der versuchten
Strafprozessreform — er war ein Gegner der Berufung in Strafsachen — ,
zu den Antragen tiber Aufhebung des Jesuitengesetzes und zuletzt tiber die
Frage der mehr unitarisch oder mehr foderalistisch zu gestaltenden Organisation
der Kontrole tiber die Auswanderungsunternehmungen. Drittens aber pflegte
er die Vertretung der Partei nach Aussen, gegentiber den tibrigen Fraktionen
des Reichstags, gegentiber der Regierung und besonders gegentiber der Presse.
Nicht nur von den Parteien, sondern auch von Bismarck war er als politischer
Mittlerin Vertrauensmanner-Versammlungen geschatzt. Seine freie ungezwungene
Art, in der M. nicht nur zu geben, sondern auch zu nehmen verstand, machte
ihn hierzu besonders geeignet. Personliche Feinde hatte M. nicht. Selbst bei
politischer Trennung blieb die personliche Freundschaft erhalten. Noch her-
vorragender ^ar aber seine Thatigkeit als politischer Tages- und Partei-
schriftsteller. Die meisten kritisch wtirdigenden Artikel der »K6lnischen
Zeitung« tiber Reichstagsvorlagen , die pragnant und feinsinnig stilisirten,
auftretende Personen und behandelte Sachen vorztiglich schildernden Reichs-
tagsberichte des gleichen Organes hatten M. zum Verfasser*). Seine politischen
Verdienste hat die bayerische Regierung 1888 durch die Verleihung des mit
personlichem Adel verbundenen Verdienstordens anerkannt. Es ist begreiflich,
dass bei solch reicher politischer Thatigkeit ftir die Wissenschaft wenig Zeit
blieb. Nichtsdestoweniger gab er auch ihr Anregung. 1874 wurde er zum
Mitglied des Instituts fUr Volkerrecht gewahlt, an dessen Sitzungen im Haag
(1875), in Turin (1882), in Mtinchen (1883), in Hamburg (1891) und in
Venedig (1896) er sich eifrig beteiligte. Ende der siebziger Jahre veranlasste
er die Herausgabe eines grossen seinen Namen tragenden Sammelwerks, des
»Handbuchs des offentlichen Rechts der GegenwarU. Die letzte parlamen-
tarische Thatigkeit M.'s sollte nach seiner Absicht die deutsche Militarstraf-
gerichtsordnung sein. An ihrem Zustandekommen wollte er noch mitwirken;
dem Strafprozess hatten seine ersten litterarischen Arbeiten gegolten, ihm sollte
auch die letzte parlamentarische Thatigkeit gewidmet sein. Dann wollte er
vom politischen Leben Abschied nehmen. Der neue Kurs und auch die zu-
nehmende Verarmung des Reichstags an ideal angelegteren und politisch
vorgebildeten Mitgliedern hatten ihm die parlamentarische Thatigkeit verleidet;
*) Band I unseres Biographischen Jahrbuches und Deutschen Nekrologs (1897,
S. 49* flf.) verdankt Marquardsen den Nachruf auf Franz Armand Buhl. D. H.
414 yOD Marquardsen.
vor Allem vermisste er den immer starker auftretenden Mangel an Abge-
ordneten, die zu wirklich erspriesslicher Kommissionsarbeit geeignet waren.
Doch es kam anders. Am Tage vor Eroflhung der Wintersession des Reichs-
tags setzte ein Gehirnschlag dem Leben des noch vollig frischen und
schaffensfreudigen Mannes ein Ziel. Auch seine Absicht, nach Ausscheiden
aus dem parlamentarischen Beruf, an die Abfassung von Lebenserinnerungen
zu gehen, blieb so unerfiillt. Um den Entschlafenen trauerte tief die Wittwe
mit dem einen ihr verbliebenen Sohn (ein anderer war M. 1883 entrissen),
die Fakultat, die Partei, am meisten aber das Vaterland. Dies schuldete ihm
am meisten.
S ch ri ft en.
1) W. M. Best's Grundztlge des englischen Beweisrechts, ubersetzt 1851.
2) Ueber Haft und BUrgschaft bei den Angelsachsen, 1852.
3) Aufsatze und Artikel im »Arrhiv des Kriminalrechts«, »Gerichtssaal«, »Zeitschrift fiir
die gesammte Rechtswissenschafu, Rottecks und Welckers »Staatslexikon« (3. Auflage),
Bluntschli's und Brater's »Staatsw5rterbuch«.
4) Der Trentfall, 1862.
5) Das englische Oberhaus uud die Wissenschaft, 1862.
6) Reichspressgesetz vom 7. Mai 1874 mit Einleitung und Kommentar.
7) Spencer, Einleitung in das Studium der Sociologie, 2 Theile, ubersetzt 1875.
8) Handbuch des ttffentlichen Rechts der Gegenwart, herausgegeben von M. (von ihm
selbst nur die einleitenden Worte), 1883 ff.
9) In meraoriam (Erinnerungsblatter auf Vangerow und Mohl), 1886.
10) Art. Mohl in der »Allg. Deutschen Biographiec, Band 15 (1887).
11) Die nationale Bedeutung des Reicbscivilgesetzbuches in der deutschen Juristenzeitung,
1. Jahrgang (1896) Nr. 17.
12) Ueber die Verjahrung bei Pressdelikten (ebd. Nr. 23).
Vergl. Rehm, Heinrich von Marquardsen in der Beilage zur »Allgemeinen Zeitung«
1897 Nr. 291 und im »Juristischen Litteraturblatte« (Berlin) vom 15. April 1898.
Erlangen. H. Rehm.
Erganzungen und Nachtrage zum
„Deutschen Nekrolog vom i. Januar bis 31. December 1896".
Seidel, Ludwig, Philipp von, Professor der Mathematik und kgl.-
bayerischer Geheimrath, * am 24. October 1821 zu Zweibriicken, f am
13. August 1896 in Miinchen. — Als Sohn eines kgl. Postverwalters geboren,
entschied er sich schon wahrend seiner Gymnasialstudien, die er in Ntirnberg
begann und in Hof vollendete, wie er sagt »angezogen durch den belebenden
Vortrag des Professors Schniirlein*, fur das Studium der Mathematik, in das
ihn jener wackere Lehrer, selbst ein SchUler von Gauss, in einem 2yjahrigen
Privatunterricht einfiihrte. Um auf der gewonnenen soliden Grundlage weiter-
zubauen, begab er sich 1840 an die Universitat Berlin, wo ihn besonders
Encke's Vortrage tiber Astronomie und Lejeune-Dirichlet's Vorlesungen liber
reine Mathematik anzogen. Namentlich aber war es die Astronomie, die
ihn schon damals fesselte, so dass er von Encke bereits mit verschiedenen
astronomischen Arbeiten beauftragt wurde, die er, wie aus einem noch vor-
handenen Zeugnisse desselben hervorgeht, zu dessen vollster Befriedigung er-
ledigte. 1842 begab er sich nach Konigsberg, um bei Bessel, Jacobi und
Franz Neumann seine astronomisch-mathematische Ausbildung zu vervoll-
standigen, was ihm auch aufs beste gelang, da er von Berlin aus warm em-
pfohlen, nicht nur die Vorlesungen dieser bedeutenden Manner horte, sondern
auch von denselben auf das liebenswtirdigste empfangen wurde und mit ihnen
in enge persdnliche Beziehung trat. Damals gab es in Deutschland nur
drei Universitaten, Gottingen, Berlin und Konigsberg, an denen man mit
Nutzen Mathematik studiren konnte; aber wahrend der gewaltige Gauss, zu
sehr mit eigenen Arbeiten beschaftigt und wenig zuganglich, es nicht ver-
mochte, in Gottingen eine eigentliche mathematische Schule zu grlinden und
nur wenige, wenn auch sehr bedeutende Manner, zu seinen Schlilern zahlte,
so war dies zum erstenmale Jacobi und Dirichlet flir reine Mathematik, Neu-
mann ftir physikalisch-mathematische Studien durch Grtindung ihrer Seminare
gelungen. S; aber durfte sich mit Stolz als einen hervorragenden SchUler
dieser grossen Manner bezeichnen, denen der Aufschwung und die grossere
Verbreitung mathematischer Studien in Deutschland in erster Linie zu danken
4i 6 v<>n Seidel.
ist. Nach einjahrigem Aufenthalt in Konigsberg wandte sich S. nach Mtinchen,
urn sich dort nach Erlangung der Doktorwiirde zu habilitiren. Durch Bessel
wurde er an Steinheil, einen frtiheren Schtiler des letzteren, auf das warmste
empfohlen und von diesem sogleich in sein Arbeitsgebiet, die Anwendung
der Mathematik auf physikalische Probleme eingefiihrt. Steinheil hatte 1835
das Photometer erfunden, und es handelte sich darum, mit dem neuen Apparate
Messungen vorzunehmen, wozu sich S. sofort anschickte. Nebenbei loste er
eine von der philosophischen Fakultat der Mtinchener Universitat gestellte
Preisfrage und promovirte 1846 mit einer Arbeit »Ueber die beste Form der
Spiegel in Teleskopen*. Im gleichen Jahre habilitirte er sich mit einer auf die
Studien bei Dirichlet zuriickzufiihrenden Arbeit: » Untersuchungen tiber Con-
vergenz und Divergenz der Kettenbriiche* und veroffentlichte 1848 eine
weitere demselben Gebiete angehorige Abhandlung: »Ueber neue Eigenschaften
der Reihen, welche discontinuirliche Functionen darstelleru, worin er zum
erstenmale den Begriff der ungleichmassigen Convergenz einfiihrte — eine
Entdeckung, die spater von Weierstrass, der S.'s Arbeit nicht kannte, von
neuem gemacht wurde und nach dem Urtheil von Professor Lindemann zu
S.'s bedeutendsten rein mathematischen Leistungen gehort. Spater hat er sich
nur gelegentlich mit Untersuchungen ahnlichen Charakters beschaftigt, die
sich niedergelegt finden im XI. Bande der Abh. der bayer. Ak. der W. von
187 1, in den Sitzungsberichten derselben von 1877 und im Journal fur
Mathematik Bd. 73. Aus der gemeinsamen Arbeit mit Steinheil, der S. sehr
rasch schatzen lernte, so dass beide bald eine enge Freundschaft verband,
ging eine Reihe praktischer Arbeiten hervor: so eine Abhandlung zur Theorie
des Steinheil'schen Passage-Prismas 1846, ferner Tafeln zur Reduction der
Wagungen von Steinheil und S. 1848, und vor allem seine wichtigen photo-
metrischen Untersuchungen, von denen »Erste Resultate photometrischer
Messungen am Sternenhimmel« 1846 und die umfassende Arbeit »Unter-
suchungen liber die gegenseitige Helligkeit der Fixsterne erster Grosse und
iiber die Exstinction des Lichtes in der Atmosphare*, 1852 in den Berichten
und den Abhandl. der bayer. Ak. erschienen. Es sind dies die ersten be-
deutenden Messungen dieser Art und haben ihren Werth bis heute beibe-
halten. Spater hat S. diese Untersuchungen auch auf die Planeten ausgedehnt,
(Gelehrte Anz. der Ak. 1853 und Monum. Saec. der Akad. II. KI. 1859)
und weiter publicirte er noch » Resultate photometrischer Messungen an 208
der vorztiglichsten Fixsterne (Abhandl. d. bayer. Ak. 1862 und 1867). Hieran
schlossen sich nicht weniger bedeutende dioptrische Arbeiten, die ebenfalls
von Steinheil veranlasst wurden, und einerseits zur Verbesserung der Her-
stellungsmethoden optischer Instrumente, andererseits fur die heute so viel-
fach in der Astronomie verwendete Photographie von bedeutendem Nutzen
sind. Sie erschienen theilweise in den Jahrgangen 1853 und 1856 der astro-
nomischen Nachrichten, theils in den Sitzungsberichten und Abhandl. d. bayer.
Ak. von 1848 bis 1873.
In engem Zusammenhang mit diesen praktischen Anwendungen standen
S.'s Arbeiten tiber Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Methode der
kleinsten Quadrate, die ebenfalls in den Sitzungsberichten von 1863, in
den Abhandlungen der bayerischen Akademie von 1874 und 1876 und in
den astronomischen Nachrichten 1874 erschienen. Auch in ihnen sind ver-
schiedene neue Gedanken und Methoden niedergelegt. Noch mfissen wir
hier die Anwendung derselben auf die Bearbeitung des statistischen Materials
von Seidel. Noe. 417
erwahnen, welches auf Anregung des Hygienikers Pettenkofer angesammelt
worden war, urn die Frage zu entscheiden, ob zwischen der Haufigkeit der
Typhusfalle in Munchen und dem Stande des Grundwassers einerseits und der
Menge der atmospharischen Niederschlage andererseits ein Zusammenhang be-
stehe. Nach Pettenkofer's Urtheil hat gerade diese Bearbeitung der Frage
durch S. hauptsachlich dazu beigetragen, den Ruf Miinchens in sanitarer
Richtung zu heben.
Diesen hervorragenden Leistungen S.'s in den verschiedensten Gebieten
wiirden sich sicher noch manch andere gleich bedeutende zugesellt haben, hatte
nicht ein schweres Augenleiden, zu welchem er den Keim durch seine inten-
siven astronomischen Arbeiten legte, frtihzeitig seine Thatigkeit eingeschralnkt
und allmahlich ganz gehemmt. Dieses tuckische Leiden war es auch, welches
in spateren Jahren seine so segensreiche Lehrthatigkeit schwer beeintrachtigte,
die er 1847 als ausserordentlicher Professor an der Mttnchener Universitat
begann und seit 1855 als Ordinarius bis zu seinem 70. Lebensjahre fortsetzte.
Es war dies urn so mehr zu bedauern, als der durch die oben genannten
grossen Manner in Deutschland angebahnte Aufschwung der Mathematik in
Bayern in S.'s Person den ersten hervorragenden Vertreter gefunden hatte;
und in der That waren auch seine bedeutende Lehrbegabung und das Interesse,
das er dem Unterrichtswesen entgegenbrachte, in hohem Maasse geeignet,
einerseits die damals ganzlich darniederliegende Heranbildung junger Mathe-
matiker fUr das Lehrfach zu heben und andererseits dem an den Mittelschulen
bisher so wenig berlicksichtigten Fache die ihm zukommende Bedeutung zu
verschaffen. Trotz seines schweren Leidens hat S. diese wichtigen Ziele seiner
Berufsthatigkeit nie aus dem Auge verloren, wenn ihm auch theils jenes
Leiden, theils der Wechsel der Verhaltnisse nicht gestatteten, alle seine dies-
beziiglichen Wiinsche erflillt zu sehen. Dass es so bedeutenden Fahigkeiten
und hervorragenden Leistungen auf verschiedenen Gebieten nicht an ausseren
Anerkennungen fehlte, ist selbstverstandlich ; wir sehen von Orden und Titeln ab
und nennen nur diejenigen, die er, der Gelehrte, selbst am hochsten schatzte:
so wurde er 1851 Mitglied der bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1867
Mitglied der europaischen Gradmessungskommission, ferner korrespondirendes
Mitglied der kgl. Societat der Wissenschaften zu Gdttingen, der Akademie der
Wissenschaften zu Berlin und der Leopoldinischen Akademie der Naturforscher.
S. war unvermahlt geblieben, aber um so mehr widmete er sein ganzes
Interesse, seine ganze kraftvolle Individualist seiner Berufsthatigkeit. Die
Integritat seines Charakters, die Festigkeit und Willensstarke , die aus alien
seinen Handlungen sprach, und andererseits seine Liebenswtirdigkeit im Urn-
gang verschafften ihm die Achtung und Zuneigung aller, die mit ihm in
naheren Verkehr traten, und lassen ihn namentlich bei seinen Schlilern un-
vergessen bleiben.
Quellen: Almanach der bay er. Akademie der Wissensch. Gedachtnissrede, gehalten
von Prof. Dr. F. Lindernann in der k. bayer. Akademie der Wissenschaften am 27. Mfirz 1897.
MQnchcn, Ackermann 1898.
A. v. Braunmiihl.
N06, Heinrich, August*), Dr., * am 16. Juli 1835 in Munchen, f 26.
*) Vergl. Band I, S. 447; mit der Aufnahme eines zweiten, von berufener Freundes-
band berTiihrenden Nekrologes Noe's, willfahren wir einem Wunscbe Friedricb Ratzel's
(Beilage zur Allg. Ztg. 1898, No. 277).
BlogT. Jahrb. u. Deutscher Nekrolog. 2. Bd. 27
41 8 Noe.
August 1896 zu Bozen, entstammte einem stramm-hugenottischen Auswanderer-
geschlecht. Er hat mir gelegentlich selbst erzahlt, wie ihn, nachdem er den
Pyrenaen und den carlistischen Wirren den Rticken gekehrt, auf franzosischem
Boden plotzlich ein wohliges HeimatgefUhl liberkommen habe, das er sich
nicht anders erklaren mochte, als dass er es mit der Station Chateau Noe
in Zusammenhang brachte, an der er bald darnach voriibergefahren. Sein
Vater war koniglicher Beamter, Schlossverwalter in Aschaffenburg, und hatte
seinen Amtssitz zuletzt in Ansbach. Der Studienweg fiihrte Heinrich tiber
Augsburg, Aschaffenburg nach Erlangen, wo er statt Theologie, wie die Eltern
gern gesehen hatten, lieber Naturwissenschaften und Sprachen horte. Promovirt
hat er erst 1864. Sein Sprachen talent ging in die Tiefe wie in die Breite;
es wurzelte im Sanskrit — seine Erstlingsschriften bezeugen es — und urn-
fasste allgemach achtzehn Idiome. Er hat Tjutschew's lyrische Gedichte
iibersetzt, 1861. Seine Sprachkunde namentlich empfahl ihn der Hofbibliothek
in Mtinchen, an der er unter Director Halm von 1857 bis gegen 1863 als
Assistent thatig war und die auslandischen Besucher als redegewandter Cicerone
tiberraschte. Da war es auch, wo er einen in Frankreich herausgekommenen,
vorgeblich aztekischen Zeichencodex als das erkannte, was er war, namlich als
modern-europ&isches Kindergekritzel. Der Bibliotheksvorstand hielt grosse
Stticke auf ihn; er beforderte ihn an's britische Museum in London. Er
konnte sich hier gut stehen, aber er vertrug das Klima nicht, und in die
alten Munchener Verhaltnisse zuriick gekehrt, gewahrte er, dass auf die Seh-
kraft seiner Augen kein rechter Verlass sei. Der Drang nach Freiheit und
Ungebundenheit that das Uebrige dazu, um aus dem Bureaumenschen den
Reiseschriftsteller, den bertihmten Alpenwanderer zu machen, zum Verdrusse
seiner Eltern, die ihn in einer sicheren Stellung wissen wollten, und mit
ganzlicher Umgestaltung seines Lebensstiles; denn der junge Mann, der einen
angeborenen Sinn und ein allseitiges Verstandnis ftir vornehme Lebensftihrung
hatte, schlug trotzig, schlug mit klarem Bewusstsein zu einem Bohdmien um,
wie solcher auf die Wanderschaft und in die Berge passte.
Nicht jeder Wirth witterte hinter diesem gleich auch den Bildungsmenschen,
wiewohl seine adelige Gestalt sofort auffallen musste. »Gewaltig konnt1 er
schreiten und war von hohem Wuchs.« Seine Stirn blieb schon und glatt
bis in seine letzten Tage; sein nussbraunes Haar legte sich mit einer Charakter-
locke vor und wich niemals weit zuriick. Seine Adlernase hatte mehr einen
gallischen als bajuvarischen oder tirolischen Schwung. Die dunklen Augen
blickten scharf aus; freisam, muthig und doch zugleich wohlwollend griissten
sie, doch gern zuckten auch die Lichter von Schalkhaftigkeit, Laune und
Spott in ihnen hin und wieder — spat erst verriethen sie Weinseligkeit.
Sein Mund war zart, sein Kinn kraftig; uber ersterem bog sich buschig der
Schnurbart herab, dem ein etwas massigerer Bestand unterhalb entsprach.
Er trug Blouse oder Joppe, schlang sich die Binde lassig um den Hals und
der weiche, breitkampige Filzhut wusste stets von alien moglichen Wetter-
unbilden zu erzahlen. Er zog nicht wie ein Ktinstler einher, auch nicht wie
ein Holzknecht, aber zwischendurch tauchte seine eigenartige Erscheinung auf.
Und wie gesagt, sie hatte Stil. Wer ihn je im vollem Wichs gesehen, muss
ein Sonntagskind sein; aber auch da wird er seinen Mann gestellt, d. h. eine
gute Figur gemacht haben.
Bei der Arbeit gehorte N. ganz sich und dem eben zu behandelnden
Gegenstande an; aber \*ie lebtc er auf, wie verjiingte er sich, wie spriihte
Noe.
419
sein Geist tischliber in geselligem Kreise bei einem gutem Tropfen! Da
zog er mit Leichtigkeit alle Register seines reichen Wissens, da war ihm in
alien Tagesfragen ein stichkraftiger Trumpf zur Hand, da entwickelte er Laune
und geistige Anmut. Als Causeur war er unvergleichlich, fesselnd, entziickend,
erobernd, gleichviel, ob er verwohnte stadtische Sommersiedler oder schlau-
schlichte Landleute um sich hatte. Und sein siisser beredter Mund that's auch
Frauen an. Er hatte Gltick bei dem schonen Geschlecht. Aber so viele Ge-
legenheiten ihm auch nahe gelegt wurden, so viele Freiheiten er sich auch nahm,
er blieb doch zeitlebens ein Gebundener, und in einzelnen Fallen kam es zu
tragischen Ausgangen, wiewohl das Geschick nicht eigens heraufbeschworen
worden. So ging 1880 das Gerede, dass seinethalben sich eine begabte Schrift-
stellerin das Leben genommen — seinethalben, doch kaum durch seine Schuld.
Was N. zu seinem neuen Berufe mitbrachte, war ungewohnlich viel:
umfassende naturwissenschaftliche Kenntnisse, geschichtliches und ethno-
graphisches Interesse, Gewandtheit in den Sprachen, ein treues Gedachtniss,
das sich fort und fort durch sachliche Tagebuch-Eintragungen festigte, ein
mannlich-poetisches Empfinden und eine Darstellung, die unschwer die Ver-
bindung zwischen Nahem und Fernem aufgriff und das scheinbar Entlegenste
zu einem einheitlichen stimmungsvollen Ganzen zu verweben verstand; wahrend
sie eine Gegend im Zauber der gegebenen Jahreszeit schildert, liegt fttr sie
zugleich der geologische und geschichtliche Urgrund derselben zu Tage, und
wie sie stilgemass dem sonnigen Stiden und der heroischen Vorwelt beikommt,
weiss sie auch das rauhgewaltige Naturwalten der nordlichen Alpenwelt zu fassen.
»In den Voralpen« ist wohl das erste Buch, das N. als erwandertes
herausgegeben , obwohl dasselbe erst in der Ausgabe von 1871 weitere Ver-
breitung gefunden zu haben scheint. So geht ja auch das »bayrische See-
buch« (1865) naturgemass dem »6sterreichischen« und »italienischen« (1867
und 1874) voraus. Gleich die erste zu den Alpen aufstrebende Publication
trug dem Autor auf Verwendung des Directors Halm ein konigliches Reise-
stipendium ein. Die Fahrt ging nach Dalmatien, Italien und zwar hier zu
Fuss nach Rom. So wirkte wohl Seume nach und als Friichte dieser Reise
sind das »Brennerbuch 1869* und »Dalmatien und seine Inselwelt, nebst
Wanderungen in die schwarzen Berge« zu betrachten.
Aber mittlerweile hatte sich der Wanderer daheim die Finger verbrannt.
Die beiden in's Zeitgeschichtliche einschneidenden Broschiiren »Ach wie dumm
gehts in Bayern zu« und »Gottes Zorn« konnten ihm nicht Freunde erwecken,
weiss man doch, dass selbst dem vorsichtigeren grimmen Fallmerayer seine
verdeckten Ausfalle gegen das bajuwarische »Derwischabad« nicht wenig
eingetrankt worden sind. N. zog sich an die osterreichische Grenze nach
Mittenwald zuriick, das, von Fahrten nach Spanien und nach Italien abgesehen,
sechs bis sieben Jahre sein Aufenthalt geblieben. Auch Lehrgeld zahlen
musste der junge Alpenwanderer. Wir erzahlen mit den Worten seiner Frau
Schwester, die so treu und liebevoll sein Gedachtniss wahrt: »Im Jahre 1865
auf 66 in der Sylvesternacht verirrte er sich auf einem Uebergangsjoch zum
Achensee. Er stiess auf eine Holzhiitte, machte Feuer darin und gewahrte,
dass ihm die Fusse erfroren. Erschopft, ohne Lebensmittel, sah er sich dem
Tode nahe. Grenzwachter, die das Feuer bemerkt, vermutheten Schmuggler
in der Htttte auf der Hohe und fanden so meinen armen Bruder. Er lebte
noch, wurde zu Thai gebracht und von da weiter nach Ansbach zu den Eltern
befordert. Anfangs glaubte man, dass man ihm die Ftisse werde abnehmen
27*
42 o No£.
miissen, doch der mtitterlichen Pflege gelang es, ihn wieder auf gesunde Beine
zu bringen. Die Zeitungen berichteten iiber den Ungliicksfall und schon da-
mals kamen Beileidsschreiben aus Nah und Fern, sogar aus Russland. Bei
dieser Gelegenheit sah ich meinen Bruder zum ersten Mai, ich u Jahre alt,
Heinrich urn 20 Jahre alter — .« (S. auch »Gartenlaube«. 1865.)
Schon auf seiner ersten griisseren Wanderung schrieb N. Feuilletons,
landschaftliche, Reisefeuilletons. Sie wurden gleich beachtet und mit dem
damit erzielten Honorar spann er wohl den Faden seiner Fahrten weiter.
Und der Feuilletonist brachte es rasch zu anerkannter Meisterschaft und bald
verstand er sich zu ausgesprochen feuilletonistischen Auftragen und Touren.
Er wurde zum Feuilletonisten, wie Fallmerayer zum Fragmentisten geworden.
Und wie diesem standen ihm in der besten Zeit die angesehensten Blatter
zur Verftigung, Allg. Ztg., Gartenlaube, N. Fr. Pr., Wiener Ztg. u. s. w. Und
man las den Feuilletonisten N. lieber als dessen Bticher, denn er brachte stets
das Frischeste, Neueste, das eben Actuelle und Saisongemasse. Also machte
der Buchautor durch seine Feuilletons sich selbst die wirksamste Concurrenz,
und sodann nahmen seine Feuilletons auf die Gestaltung seiner Blicher Einfluss.
Nicht wenige derselben entbehren nemlich des einigenden Buchgedankens
und sind nur aufgesammelte, mehr oder minder gliicklich verbundene Feuilletons.
So gleich sein Hauptwerk, das vierbandige » Deutsche Alpenbuch« 1875 — 88.
In diesem erscheinen einzelne Lander, einzelne Partien wesentlich bevorzugt,
andere empfindlich zuriickgesetzt. Das gegen vierzig Jahre altere, fast titel-
gleiche, lunfbandige Werk A. Schaubach's »Die deutschen Alpen« ist ent-
schieden gleichmassiger gearbeitet. Aber freilich, auf diesem liegt sozusagen
eine und dieselbe Jahreszeit, der Sommerglanz, wahrend N. mit Fug und
Recht auf die »verschiedenartige Beleuchtung« hinweisen kann, »in welcher
Landschaften und Menschen erscheinen«; da er sein Alpenbuch »nicht als
Sommer- oder Ferien tourist* geschrieben, vielmehr »von einer Wintersonnen-
wende bis zur anderen keinen Monat, ja keine Woche, keinen Tag« voriiber-
gehen liess, »an welchem er sich seinen Gegenstand nicht beschaut hatte*.
Ersichtlich feuilletonistischen Geftiges ist das »Tagebuch aus Abbazia« 1884
und sind auch »Die Jahreszeiten«, 1888, was gleichwohl gerade dieses Buch
nicht hindert, ein*s der gehalt- und stimmungsvollsten zu sein, womit uns der
Autor beschenkt hat.
»Ich bin kein Dichter«, pflegte N. zu sagen. Dieser Meinung oder diesem
Vorurtheil ist es wohl zuzuschreiben , dass er die Reihe seiner Roman- und
Novellendichtungen sobald abbrach; auf »die Briider«, »den Zauberer des
Hochgebirges« und die »Gasteiner Novellen« (1873 — 75) folgte Ende der
Siebzigerjahre der »Robinson in den Tauern«, wohl sein bekanntestes er-
zahlendes Werk, in drei Banden. Es wiegt viel und man legt es nicht zu
den gelesenen abgethanen Sachen. Der Held ist ein Militarfliichtling zur
Zeit der Napoleon'schen Gewaltherrschaft. Er lasst sich von der Salzburger
Veste herab, er durchirrt, verfolgt und geachtet, die Wildnisse des Salzburger
Landes; der Pfleger von Werfen ist eine Prachtgestalt, ein nachtliches Effect-
stuck die Schmuggler und der Sturm auf dem Zeller See, und so ist hier des
Gehaltvollen noch viel, vielleicht allzuviel fUr eine leichte Unterhaltungslekture,
die am ehesten Aussicht hat, popular zu werden. In den Achtzigerjahren
schrieb N. als Erzahler nur noch in kl. 8°, wortlich und figUrlich gesprochen,
d. h. er ging unter die Jugendschriftsteller, und beispielsweise , wer mit den
»Pionieren der UnterwelU auszieht, kann das Fiirchten lernen.
Noe. 421
Als getreuer Eckart der Alpenwelt hat N. iiberall hin fordernden, weisen-
den Ausblick gehalten. Wo eine neue Bahnlinie angelegt oder ein interessanter
Gebirgswinkel erschlossen wurde, wo eine Gegend, ein Ort zu Ruf und
Besuch gelangte, wo immer der sommerliche Fremdenschwarm sich hinlenkte,
iiberall tauchte fast ungesaumt die reisige Gestalt unseres Autors als kundiger,
williger Geleitsmann auf. Daher seine vielen »Flihrer« und Ortsmonographien,
die alle tiefer gegriffen und eigenartiger gefasst sind als die gewohnliche
touristische Marktwaare. Wir heben »Elsass-Lothringen«, »Gastein und seine
Neben thaler*, »Gossensass«, » Innsbruck*, »Arcoc, »Gorz und seine Umgebung*,
die »illustrirten Ftihrer auf den Linien der cisterreichischen Eisenbahnen« und
eine stattliche Reihe der bekannten Ftissli'schen Reisehefte hervor, letztere
aus den ersten Achtziger Jahren. Doch dies und Aehnliches hatte immerhin
audi ein anderer behender Schriftsteller im Dienste des augenblicklichen Be-
darfes leisten konnen. Aber N. war zugleich Pfadfinder; in ihm stak ein
Stiick Aeskulap; er wurde zum Wohlthater an der erholungsbediirftigen Mensch-
heit, zum Griinder mittlerweile bertihmt gewordener Luftkurorte und Sommer-
frischen, solcher, die wir uns unmoglich mehr wegdenken konnen. Wir nennen
Semmering, Toblach, Vahrn, Abbazia, das Kurhaus in Gorz, Madonna di
Campiglio. Die Mehrzahl dieser Trost- und Heilstatten, sicher Semmering,
Toblach und Abbazia sind Grlindungen N.'s durch die Stidbahn, mit deren
Generaldirector Schiiler er nach dem bosnischen Feldzuge diesen menschen-
freundlichen Eroberungsplan besprochen und vereirtbart hatte. Wie beispiels-
weise Abbazia erworben und ausgestaltet wurde, erzahlt N. selbst gelegentlich,
nattirlich mit bescheidener Zuriickstellung seines eigenen Verdienstes. Er hat
sich trotzdem wohl bereichert bei diesen Grlindungen? Durch ungefahr acht
Jahre ein Honorar von je 1200 fl., ein kleines, feuchtes Haus in Abbazia,
darin sich seine al teste, seine Lieblingstochter den Todeskeim holte, und
etwa die Erwirkung der einen oder anderen Schnellzugshalte-Stelle, das ist
Alles, was er von seinem Zusammenwirken mit der Stidbahn hatte.
Besonders beachtenswert sind die Bucher vorwiegend naturwissenschaftlich-
lehrhaften Inhalts. So schon aus der ersten Zeit: »Wie soil man die deutschen
Alpen bereisen?« und »Neue Studien aus den Alpen« ; so »Gossensass« mit
den Erinnerungen an Tirols Gletscherwelt; so das »Geleitbuch nach dem
Sliden« mit ganz einzig schonen Kapiteln liber den Karst und die Karstnatur
im allgemeinen, und so auch die »Geschichten aus der UnterwelU, die mit
dem Karstwesen zusammenhangen.
Wieder in anderen Buchern uberwiegt N.'s lyrische, erinnerungsselige
Natur; wir nennen diesbezliglich neben den schon erwahnten Jahreszeiten die
»Bergfahrten und Raststatten«, das ^Deutsche Waldbuch« und ^Edelweiss
und Lorbeer«, ein Spatwerk (1895), darin schon merklich die Schatten langer
werden.
Auf Tirol entfallt ein liberwiegender Theil von N.'s Schriften; er zog
dies Land immer vor und in den letzteren Jahren mehr und mehr den Siiden
desselben und das Ktistenland. Anfangs schrieb er, wie tiberhaupt, detail-
reich iiber Tirol, dann aber wurden seine Schilderungen immer grossziigiger,
sinnbildlicher. Schon aus 1890 stammt »Sinnbildliches aus der AlpenwelU,
wenn auch aus demselben Jahre noch der »Friihling in Meran« datirt mit
der beriihmten Bismarck-Novelle. Gerade beztiglich Tirols hatte N. einen
gewichtigen und beriihmten Rivalen an L. Steub. I.udwig von Hermann,
selbst eine Autoritat in alien ethnographischen und kulturhistorischen Dingen
42 2 N°£-
seiner Heimat, kennzeichnet und unterscheidet die beiden glanzenden alpinen
Schriftsteller bestens in folgenden Satzen: »Die Frage, welcher von beiden
bedeutender war, halte ich ftir uberfliissig, jeder ist in seiner Eigenart gross.
Bewundern wir bei Steub die freie Zeichnung, die in wenigen Strichen ein
Landschaftsbild treu wiedergibt, so fesselt bei N. die farbengesattigte Malerei
mit der reichen Detailausfiihrung; finden beim Ethnographen und Literar-
historiker Steub mehr die Menschen und ihre Schopfungen Beriicksichtigung,
so beschaftigt den Naturforscher N. mehr die Natur in ihrem Werden und
Vergehen; dem Hunioristen und Satiriker Steub antwortet der Denker und
Philosoph N., dem in der gewaltigen Natur und ihrem geheimnisvollen Weben
eine verwandte Saite entgegentont. Und wenn der Ethnograph Steub aus
verwitterten Grabsteinen und Wappen die Namen ausgestorbener Geschlechter
entziffert oder in rathselhaft klingenden Ortsnamen den Resten untergegangener
Volker nachsplirt, so mahnt den Geologen N. die marmorne Tischplatte, auf
deren abgeschliffenen Ueberresten versteinerter Ammoniten sein Weinglas einen
rothen Rand gezeichnet, an das Mittelalter unserer Erde, sowie sein ahnender
Blick beim Herabkollern der Steinlawine die Zeit kommen sieht, da im Ver-
laufe der Jahrtausende der schone Alpsee vom Gerolle ausgeftillt und ver-
schwunden sein wird. Ueberall auf seinen Wanderungen begleitet uns der
ernst angelegte denkende Mensch, der griibelnde, etwas zum Mysticismus ge-
neigte Geist im Gegensatz zu Steub, dessen Humor wie heiterer Sonnenglanz
seine Schopfungen belebt.«
Diese nach beiden Seiten hin gleich zutreffende Charakteristik findet sich im
Vorwort zur N.'schen Nachlassschrift »Bozen und Umgebung*, die soeben das
Heinrich No^-Denkmal-ComittJ in Bozen herausgibt. Sie ist mit N.'s letztem
Bildniss nach der Originalfarbenskizze von Carl Amonn geschmllckt, bringt
auch zwei figurale Beitrage von Defregger und en thai t (iberdies drei Land-
schaftsschilderungen von N.'s verstorbener Lieblingstochter Maria Walpurgis.
Man braucht bios das erste Kapitel dieses posthumen Buches zu lesen, um
inne zu werden, was unter dem Stich ins Mystische zu verstehen ist. Ein
moglichst vollstandiges Verzeichniss der N.'schen Schriften macht diese pietats-
voile Publication besonders werthvoll.
Selbst N.fs ehrlichste Freunde und Wiirdiger werden kaum alle seine
Schriften gelesen haben; er hatte es auch keinem zugemuthet. Denn klein-
liche Eitelkeit lag ihm fern, und er wusste selbst zu gut auch, dass neben
den Sachen von bleibendem Werthe viel Gelegentliches mit einherlief. Er
war arbeitsam aus Drang und Noth, aber er hielt nicht Ordnung, und bei
seinem Nomadenleben war dies auch ein Ding der Unmoglichkeit. An dem
Unstaten aber hing er eben so eigensinnig als unbeklimmert, nachdem er ein-
mal sich selbst zu einer Art Declassirten gemacht. Bei ihm konnte man
ebenso wenig eine Sammlung seiner Werke suchen wollen, als sich in seinem
Nachlasse Verlagsbriefe und dergleichen vorfand.
Doch es ist noch manches Biographisches nachzuholen. Ich lernte den
langst verehrten Meister 1877 in Velden am Worthersee personlich kennen.
Er war eben vom russisch-turkischen Kriegsschauplatz zurtickgekehrt, wo es
ihm knapp an den Hals gegangen, und noch vor Plewna wars. Er redigirte
eine karntnerische Wochenschrift, litt zuweilen an Fieber und sommersiedelte
in einem abseits stehenden Bauernhauschen mit seiner Frau, die ihm ein
Tochterchen geboren. Er hatte 1870 oder 72 in Zara geheiratet und zwar
seine Sekretarin und Reisebegleiterin. Die Ehe war keine gltickliche. Er
Noe. 423
hatte aber Mlinchner Freunde um sich, du Prel, die Maler Oppel und Fltiggen.
Mit diesen gait's ein rtistiges, wildes Naturkneipen, Man badete unter dem
wuchtigen Wassersturz des oberen Sees, man kampirte nachts im Walde bei
einem lebhaften Feuer und Hess die Flasche Rothweins kreisen, man setzte
im CostUm von Wilden (iber den gedachten See und schlief in einem, diesem
zu, offenen Holzverschlag. Den Zutritt zur Banda vermittelte der Losungs-
ruf »Arkas«, nach dem Sohne der Kallisto. Mich, der doch auch zur
zahmeren Gesellschaft im Orte hielt, schalt der Meister »Weiberknecht«.
Schon 1878 ging N.'s Ehe in die Brliche — sie ist ihm durchgegangen,
hiess es; er hat sie fortgeschickt, verlautete von anderer Seite, und das
dtirfte wohl das Richtigere sein. Zu einer formlichen Scheidung oder Tren-
nung kam es nicht; Fristversaumniss, Kosten und Schuldbewustsein wohl auch
auf Seiten des Mannes standen dem im Wege. Vom lieben Kinde konnte
sich N. nicht trennen, obwohl dasselbe bei seiner mittlerweile verheiratheten
Schwester gut aufgehoben gewesen ware. Das dreijahrige Tochterchen brauchte
aber eine Pflegerin und Erzieherin, N. selbst eine getibte Schreibkraft. Das
Alles fand sich in einem feinen, gebildeten Fraulein, doch die Verbindung
mit demselben konnte nur eine Gewissensehe sein und ist eine solche geblieben.
Es war daher nur ein wohlwollendes Geriicht, welches wissen wollte, N. habe
zum zweiten Male sich in St. Ruprecht bei Klagenfurt trauen lassen und da-
bei sein Erlanger Doctordiplom vorgewiesen. So ist es aber gekommen, dass
die beiden hinterlassenen Tftchter Karoline und Henriette nicht ihres Vaters
bertihmten Namen flihren, wahrend ihn noch eine Unwiirdige tragt.
Bald nach Velden siedelte N. auf einer Hohe ttber Brixen. Er und seine
Kameraden wurden als Ketzer denunzirt, aber man kam damit an einen gut-
mlithigen Geistlichen, der den Ausspruch that: »Lasst sie — irgendwo
mlissen sie ja doch sein!« Bald nach der Besetzung Bosniens brachte N.,
der Erste, aus diesem schonen Berglande deutsche Kunde. Man lese beispiels-
weise im heurigen Schulvereins-Kalender das Nachlassstiick »Eine tUrkische
Geschichte*. Spater hatte N. sein Heim in Gorz. 1893 leitete er kurze Zeit
die amtliche Laibacher Zeitung, bis ihn namlich der slovenische Uebermuth
anwiderte. Bald darnach that er bei Romerbad einen bosen Fall vom Con-
ducteurhllttchen eines Waggons herab — man witterte ein slovenisches Atten-
tat — rich tiger trug aber einfache Schlummerseligkeit das Verschulden. Die
Narbe quer die linke Wange herab rtihrt von daher, nicht von einer Studenten-
mensur.
1894 verlor N. seine geliebte legitime Tochter Maria Walpurgis. Von
da an war er nicht mehr derselbe. Er ftlhlte Arbeitskraft und -Mut schwinden;
eine rlihrselige Stimmung tiberkam ihn, den sonst so sicheren Mann; der
Stich in's Mystische vertiefte sich, so dass sich ihm beispielsweise die Augen
feuchteten, wenn er aus dem Todtenritual bei dem Begangnisse seiner Tochter
der trftstenden Worte gedachte: »Du wirst den Tod nicht sehen, ob Du
gleich stiirbesU; er suchte Trost beim Weine und vertrug nicht mehr das
gewohnte Mass. Eine Kaltwasserkur in Thalkirchen bei Mlinchen im Sommer
1896 festigte ihn wenig. Auf dem Ruckwege nach Bozen verweilte er noch
vierzehn Tage in Niederndorf. Er starb in Bozen Nachts 12 Uhr am 26.
August 1896, nicht in seiner Wohnung, sondern als Gast im Krankenhause
— erstere war nicht in Ordnung! Der Arzt erkannte auf Gehirnerweichiing,
Gehirnschlag.
N. ruht auf dem protestantischen Friedhof; Begangniss und Grabstelle
424 Noe. Leithe. Volkmann.
hat die Curcommission in Gries bestritten. Mutter und Kinder sind mittellos
hinterblieben. Spontane Anerkennung rafft sich zu einem Denkmal fiir den
Hingeschiedenen auf und das ist trostlich, aber kein Ehrenstein gleicht aus,
was an ihm das Leben verschuldet.
Lit. Zur Erinnerung an Heinrich Noe. Von Friedrich Ratzel. Beilage zur All gem.
Zeitung, No. 148 vom 7. Juli 1898.
Hans Grasberger.
Leithe, Friedrich, * am 28. Marz 1828 zu Fieberbrunn in Tirol, f am
15. Dezember 1896 in Innsbruck, Bibliothekar. L's. Vater war k. k. Gubernial-
rath und jubil. Eisenwerkdirector. Nachdem L. seine Studien an der Mittel-
schule vollendet, bezog er die Wiener Universitat, an der er die juridischen
Priifungen mit ausgezeichnetem Erfolge ablegte und 1852 die Doktorwtirde
der Philosophic erwarb. Von da ab widmete er seine ganze Kraft dem
Bibliothekswesen, dem er sich ungetheilt bis an sein Lebensende ergab.
Nach mehr als dreijahriger Dienstzeit als Hilfsarbeiter an der Hofbibliothek
in Wien, wurde er im Februar 1857 zum Amanuensis an der Universitats-
bibliothek daselbst, April 1857 zum Scriptor ernannt. Schon in diesen
Stellungen that er sich derart hervor, dass er nicht nur durch eine ministe-
rielle Belobung, sondern auch durch Verleihung einer Bibliothekarsteile an
der Universitatsbibliothek in Innsbruck (Janner 1868) ausgezeichnet wurde,
ein Avancement, bei dem er die Stelle eines Custos tibersprang. 1874 wurde
ihm die Leitung der Wiener Universitatsbibliothek, Marz 1885 die der
Bibliothek der technischen Hochschule in Wien anvertraut. Ueber ein Jahr
qualte ihn ein Leiden, das ihn dienstunfahig machte, bis ihn der Tod davon
erloste. Jeder, der L. kannte, schatzte ihn als einen Mann von peinlicher
Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, den die Freude an seinem Dienste beseelte.
Als Vorstand der grossen Institute, die er leitete, zeigte er Sinn fur Organi-
sation und Blick fiir all das, was das Ansehen und die Leistungsfahigkeit
dieser Anstalten zu heben vermochte. Dabei hielt er auch als Vorstand an
seinem unermudlichen Eifer fest; von friih morgens bis in den spaten Abend
hinein sass er in seinem Bureau, wo er die wichtigsten Amtsgeschafte selbst
erledigte. Er fiihrte die Korrespondenz, besorgte den Einkauf der Biicher,
sowie einen Theil der Katalogisirung; dabei war er stets in der Bibliographic
genau orientirt und wusste liber alle Fragen, die ihm zur Entscheidung vor-
gelegt wurden, Auskunft zu geben. Auch seine vorgesetzte Behorde, das
Unterrichts-Ministerium, schatzte den Umfang seiner Kenntnisse und befragte
ihn oft in wichtigen Bibliotheks-Angelegenheiten. 1873 war er Mitglied der
Tiroler Landeskommission fiir die Wiener Weltausstellung, im Jahre 1893
erhielt er den Titel eines Regierungsrathes u. s. w. — Sein Werk »Die k. k.
Universitats - Bibliothek in Wien. Wien, i877« *st durch genaue Sachkennt-
niss und sorgfaltige Benutzung aller Quellen ausgezeichnet.
Quellen: Neue freie Presse vom 21. Dezember 1896 und unverttffentlichte Akten.
H. Bohatta.
Volkmann, Wilhelm, Buchhandler, * am 12. Juni 1837 in Leipzig als Sohn
des beruhmten Anatomen und Physiologen Alfred Wilhelm Volkmann (bis 1837 in
Leipzig, bis 1843 *n Dorpat, bis zu seinem Tode, 1897 in Halle) und jiingerer
Bruder des beruhmten Chirurgen und Dichters Richard Volkmann (ps. R. Lean-
der), f am 24. December 1896 zu Leipzig. Er besuchte das Padagogium in
Volkmann. FUrst Stolberg-Wernigerode. 425
Halle und die Klosterschule in Zerbst, erhielt auch spater noch Privatunter-
richt. Von 1856 — 59 erlernte er bei Eduard Anton in Halle den Buch-
handel, studirte in Leipzig Literatur und Geschichte, war kurze Zeit in der
Burdach'schen Hofbuchhandlung in Dresden thatig und trat i860, zunachst
zur . Erlernung des Buchdrucks, bei Breitkopf & Hartel in Leipzig ein. Als
Enkel Gottfried Hartels wurde er 1867 Procurist, 1873 Teilhaber, 1884 Mit-
besiizer der Firma, der er seit 1880 mit seinem Vetter und Gesellschafter,
Dr. Oskar von Hase, bis kurz vor seinem Tode 1896 als altester Chef vor-
stand. Er trug wesentlich zur Erhohung der Leistungsfahigkeit der Buch-
druckerei bei, war aber auch sonst flir das weitverzweigte, mit verschiedenen
technischen Nebenzweigen verbundene Geschaft unermiidlich thatig. Den
allgemeinen Interessen seines Berufes und der stadtischen Angelegenheiten
widmete er sich mit regstem Eifer. Von 1875 — 84 verwaltete er das Amt
eines Rechnungsfuhrers des Deutschen Buchdruckervereins. Er war Prinzipal-
vorsitzender und Rendant der Unterstiitzungskassen fur Buchdruckergehilfen.
Seit 1894 bekleidete er besonders auch das wichtige und verantwortungsreiche
Amt des ersten Schatzmeisters im Borsenverein der deutschen Buchhandler.
Seit 1874 war er in stadtischen Ehrenamtern thatig. 1876 wurde er zum
Stadtverordneten, 1880 zum Stadtrath gewahlt. In segensreicher Weise machte
er hauptsachlich fur die Armenfursorge und, wie im eigenen gegen 600 Per-
sonen beschaftigenden Hause, um mancherlei Wohlfahrtseinrichtungen und
milde Stiftungen sich verdient.
Vgl. M[ax] E[vers] im Adressbuch des Deutschen Bucbhandels 1898 und Borsenblatt
f. d. D. Buchbandel 1896 Nr. 300.
H. Ellissen.
Stolberg-Wernigerode, Otto, Fiirst zu, General der Cavallerie k la suite
der Armee, erbliches Mitglied des preussischen Herrenhauses und der ersten
Kammer der Stande des Grossherzogthums Hessen, * 30. Oktober 1837 zu
Gedern am Vogelsberge, f zu Wernigerode am 19. November 1896. Sein
in glcicher Weise durch geistige Anlagen und edle Gaben des Herzens und
Gemiiths wie durch Geschaftsttichtigkeit ausgezeichneter Vater, der Erbgraf
Hermann, wurde ihm schon am 24. Oktober 1841 entrissen, wahrend ihm
seine Mutter, die Erbgrafin Emma, geb. Grafin zu Erbach-Ftirstenau , eine
ausserlich und innerlich hohe Erscheinung, bis zur Schwelle seines 53. Lebens-
jahrs erhalten blieb. Da Graf Otto einen Monat vor dem Vater auch einen
alteren Bruder, den Grafen Albrecht, verloren hatte, so trat er als voraus-
sichtliches ktinftiges regierendes Haupt des Hauses an dessen Stelle und es
nahm nun neben der Mutter, die aufs treueste liber der Entwicklung seines
Geistes und Gemiiths wachte, der den Vater bis zum 16. Februar 1854 tiber-
lebende Grossvater, Graf Henrich, die Ausbildung des Enkels mit grosser
Sorgfalt in die Hande. Seit 1839 von einem Informator auf dem Marien-
hofe zu Ilsenburg erzogen, besuchte er darnach ktirzere Zeit das unter der
Leitung des Regierungsraths Eilers stehende Privatinstitut zu Freienfelde bei
Halle a. d. Saale. Von 1851 bis 1856 war er dem Gymnasium zu Duisburg
am Niederrhein anvertraut, das sich damals unter der Leitung des tiichtigen
Direktors Eichhoff eines besonderen Rufes erfreute.
Nach wohlbestandener Reifepriifung — das mtindliche Examen war ihm
erlassen worden — bezog Graf O. im Herbst 1856 die Universitat Gottingen.
Die Studienfacher waren die Rechte und die Kameralwissenschaft, wobei
426 Fttrst Stolberg-Wernigerode.
jedoch der Kreis der gehorten Vorlesungen ziemlich weit gezogen wurde.
Nicht nur horte er Encyklopadie des Rechts bei dem Privatdozenten Aegidi,
Nationalokonomie bei Hassenstein, sondern auch geschichtliche Vorlesungen
bei Waitz, Physiologie bei Rudolf Wagner, Chemie bei Wohler und ein
philosophisches Privatissimum bei Lotze. In dankbarer Erinnerung behielt
er nationalokonomische Vortrage vom Professor Hanssen. Auch fanden Aus-
fllige in die Umgegend, so nach dem landwirthschaftlichen Gut Wehnde, statt
und es wurde ein reger Verkehr in Gesellschaften bei hoheren Beamten und
Professoren gepflogen, auch ofter bei Hoflesten das leicht erreichbare Hannover
aufgesucht. Auf die Gottingische Zeit folgte 1858 noch ein Sommersemester
in Heidelberg, wo der junge Graf sich dem Corps Saxoborussia anschloss.
Schon wahrend der Duisburger Zeit war Graf O. Erbe der Stammgiiter
des Hauses und regierender Herr geworden, doch hatte wahrend seiner Un-
mundigkeit sein Oheim Graf Botho mit grosser Gewissenhaftigkeit und Treue
die Vormundschaft gefuhrt. Er selbst aber hatte sich frlih Einsicht in die
seiner wartenden Aufgaben und in die Verhaltnisse seiner Besitzungen verschafft.
Ehe wir jedoch unsern Blick auf die Verwerthung seiner Kenntnisse
und Gaben fur den Beruf richten, fur welchen ihn Geburt und Vorbildung
zunachst bestimmt hatten, wird es sich besonders an dieser Stelle empfehlen,
uns zunachst den Aufgaben und Leistungen zuzuwenden, die Graf O. aus
freier Entschliessung und zum grossen Theil veranlasst durch die Bediirfnisse
der ausserordendichen Zeit, die ihm zu durchleben beschieden war, auf sich
nahm.
So gross auch der in seiner Eigenschaft als Haupt seines Hauses sich
eroffnende Wirkungskreis war, so flihlte er sich doch gedrungen, aus freier
Wahl ein paar Jahre im preussischen Heere zu dienen. So trat er denn als
Lieutenant bei dem Regiment der Gardes du corps ein, wo er 1859 bis
1 86 1 bald in Berlin, bald in Potsdam stand. Im letzteren Jahre kam er aber,
um den dringenden Pflichten fUr die Grafschaft Wernigerode gentigen zu
konnen, um Entlassung aus dem activen Militardienst ein und trat hinfort in
das Verhaltniss k la suite der Armee, worin er, mit der Berechtigung die
Uniform der Gardes du corps weiter zu tragen, bis zum General der Cavallerie
emporstieg.
Mit dem Jahre 1864 beginnt nun aber die Reihe grosser Ereignisse,
durch welche Graf O. zu opferfreudiger Hingabe an Konig und Vaterland
veranlasst wurde. Zwar der Feldzug in Schleswig gab ihm nur in bescheidenem
Masse Gelegenheit durch die Aufnahme und Pflege verwundeter Krieger Opfer
der Vaterlandsliebe darzubringen ; aber um so reichere bot der Krieg des
Jahres 1866. Als Delegirter des Militar-Inspecteurs der freiwilligen Kranken-
pflege bei der Mainarmee wurde er dem Stabe des Generals Vogel v. FaJken-
stein beigegeben, nahm in dieser Eigenschaft an verschiedenen Gefechten,
wie Hammelburg, wo er ordonanzirte, Aschaffenburg, Kissingen theil, und nach
hergestelltem Frieden an dem Einzuge der Truppen in Berlin. Jener seinem
Wesen durchaus entsprechenden Thatigkeit zur Linderung der Schrecken des
Krieges hat er dann in seiner Eigenschaft als Mitglied des Johanniterordens,
in welchem er seit 1868 die Stelle eines Commendators fur die Provinz
Sachsen, von 1872 bis 1886 die des Ordenskanzlers einnahm, sowie als Vor-
sitzender des Central-ComittSs der deutschen Vereine, wie besonders des
preussischen Vereins vom rothen Kreuz, bis an sein Ende mit ganzer Hingabe
und aller Anerkennung obgelegen.
Ftirst Stolberg-Wernigerode. 427
Aber neben dem iiber den Streit der Parteien und Sonderinteressen er-
habenen christlich-humanen Wirken gait es auch im parlamentarischen und
staatsmannischen Leben in hoheren Stellungen Dienste zu leisten, wobei es
dem Verewigten eine willkommene und oft mit grossem Erfolge geloste Auf-
gabe war, in dem Kainpfe der Parteien und gegentiber starken Abneigungen
und Sonderinteressen vermittelnd und versohnend einzuwirken. Bei den
Wahlen zum constituirenden Reichstage des Norddeutschen Bundes wurde
ihm 1867 mit grosser Stimmenmehrheit das Mandat des Wahlkreises Oschers-
leben-Halberstadt-Wernigerode Ubertragen.
Eine besonders schwere verantwortungsvolle Last wurde aber auf seine
Schultern gelegt, als er die Stellung eines ersten Oberprasidenten der eben
erst dem preussischem Staate angegliederten Provinz Hannover fibernahm,
ein Amt, das er vom September 1867 bis Februar 1873 versah. Es gait
hier starke Abneigungen zu tiberwinden, zu versohnen und den Bewohnern der
grossen Provinz den Uebergang in die neuen Verhaltnisse moglichst zu er-
leichtern. Durch unermiidliche Thatigkeit, thunlichst beschleunigten Ge-
schaftsgang und hingebende Sorge flir die praktischen und geistigen Bediirf-
nisse des Landes wurde das erstrebte Ziel in einem Masse erreicht, wie es
sich nur irgend erwarten Hess. Ein schoner Beweis flir das Vertrauen, welches
der Oberprasident sich im Lande erworben hatte, ist es gewiss, dass derselbe
von 1 87 1 bis 1878, d. h. bis sein Uebergang in neue Verhaltnisse ihm eine
FortfUhrung dieser Mandate unmoglich machte, als Vertreter der hannoverschen
Wahlkreise Melle-Diepholz und Goslar-Klausthal Mitglied des deutschen
Reichstags war. Eine grossere Anerkennung aber konnte sein Wirken kaum
finden, als in dem Petitionssturm, der sich erhob, um den durch andere
Aufgaben zu sehr in Anspruch genommenen zum Verbleiben in seiner Stellung
zu bewegen.
Mittlerweile war allerdings durch den Krieg gegen Frankreich, abgesehen
von den ausseren Veranderungen, eine grosse Wandlung in den Stimmungen
hervorgerufen. Graf O. selbst begriisste es mit grosser Freude, als auf dem
Boden Frankreichs in dem neuen deutschen Reiche eine edle Friedensfrucht
gereift war. Wohl kannte und schatzte er die trefflichen Eigenschaften und
Vorztige des strammen altpreusischen Wesens, aber er wusste, dass sich auch
anderswo in Deutschland viel Gutes finde, das nun, nach Vereinigung der
deutschen Fiirsten und Stamme unter preussischer Fuhrung, dem geeinten
Reiche als segensreiche Morgengabe zufieL
Zunachst diente er dem Gesammtvaterlande noch in seiner Stellung in
Hannover, wo ihm der Krieg noch besondere Gelegenheit zur Errichtung
von Lazarethen in Hannover und Gottingen darbot, dann auch in der
oben bezeichneten Weise als Mitglied des deutschen Reichstags, in welchem
er sich in politischen Fragen der freiconservativen Partei anschloss. Von
1872 bis 1877 war er ausserdem zum erstenmal als Nachfolger seines Vetters
Graf Eberhard zu St.-W. President des Herrenhauses, eine Aufgabe, der er
sich mit ganz besonderer Freude unterzog. Als dann die orientalischen
Wirren in Sicht traten, wurde er im Jahre 1876 zum Botschafter am Kaiserlich
osterreichischen und Koniglich ungarischen Hofe in Wien ernannt. In dieser
Stellung trug er viel dazu bei, das Verhaltnis zwischen dem deutschen und
osterreichisch-ungarischen Reiche freundlich zu gestalten. Das beste Zeugnis
flir den Erfolg dieser Sendung ist es, dass er zur Zeit einer grossen Spannung,
als es sich um den Abschluss eines deutschen Bundnisses mit Oesterreich
428 Fiirst Stolberg-Wernigerode.
handelte, im Jahre 1878 zum allgemeinen Stellvertreter des Reichskanzlers
ernannt wurde, was er bis zum 1. Juni 1881 war. In dieser Eigenschaft
hat er es durch sein eifriges Bemiihen und durch das grosse Vertrauen, das
er bei dem Haupt des deutschen Reiches genoss, vermocht, Kaiser Wilhelm
in Baden-Baden zur Unterschreibung dieses wichtigen Biindnisses zu bewegen.
Von seinen letzten hohen Stellungen zurtickgetreten, Ubernahm er nach
drei Jahren wieder auf den besonderen Wunsch des Kaisers und Konigs das
Amt eines Oberstkammerers Seiner Majestat, das er wieder bis zu des Kaisers
Ableben mit freudiger Hingabe verwaltete und dann bis zum Jahre 1892
bei Kaiser Wilhelm II. fortfuhrte. Ausserdem war er als Nachfolger des
Grafen v. Schleinitz von 1885 bis 1888 mit der Leitung des Koniglichen
Hausministeriums betraut. Nach der auf sein Gesuch erfolgten Enthebung
von dem Amte eines Oberstkammerers bekleidete er von allgemeineren offent-
lichen Aemtern und Stellungen nur noch die eines Prasidenten des Herren-
hauses und eines Vorsitzenden der deutschen und preussischen Vereine vom
Rothen Kreuz, in welcher letzteren Eigenschaft er auch bei den intemationalen
Congressen dieser Vereinigung in Karlsruhe (1887) und Rom (April 1892)
als Vorsitzender betheiligt war. Seit 1891 war er auch, als Nachfolger des
Generalfeldmarschalls Graf Moltke, Kanzler des hohen Ordens vom Schwarzen
Adler, der ihm noch von Kaiser Wilhelm I. zu Neujahr 1888 war verliehen
worden.
Aber in seinen hier kurz angedeuteten Leistungen fur Kaiser und Reich,
fur Preussen und ftir das allgemeine Werk der Verwundeten- und Kranken-
pflege war keineswegs sein ganzes Thun beschlossen. Ausser seinem Wirken
ftir das grosse Ganze wandte er auch den Angelegenheiten der heimischen
Provinz sein lebhaftes Interesse zu. Dieses war bereits im Hause erblich
geworden. Schon beim ersten sachsischen Provinziallandtage im Jahre 1827
hatte sein Grossvater Graf Henrich den Vorsitz geftihrt und der Vater, der
Erbgraf Hermann, an den Verhandlungen theilgenommen. Sein Grossoheim,
Graf Anton, hatte sich als Oberprasident grosse Verdienste um die Provinz
erworben. Er selbst nahm seit 1862 ofter an dem Provinziallandtage theil;
von 187 1 bis 1875 ftihrte er als Landtagsmarschall der Provinzialstande in
Merseburg den Vorsitz, 1876 war er Vorsitzender des Landtages der Provinz
und des Provinzialausschusses. Bei der Bildung einer Kommission fiir den
Denkmalerschutz in der Provinz wurde er auch deren Mitglied. Die zwei-
malige Absendung eines Gelehrten nach Rom zur Benutzung des vatikanischen
Archivs seitens des Geschichtsausschusses der Provinz geschah auf seine per-
sonliche Anregung hin. Unerwahnt darf hier auch nicht bleiben sein Geschick
und sein Verdienst bei wiederholter Leitung der Provinzialsynode. Seine
Betheiligung an den Angelegenheiten der Provinz machten ihm stets eine
besondere Freude.
Bei allem Wirken und Streben in weiteren und weitesten Kreisen war
er doch zunachst seit erlangter Volljahrigkeit regierender Graf zu Stolberg
und Haupt der alteren Linie des Hauses und es geschah nicht ohne Opfer,
wenn er durch allgemeinere dem Gemeinwohl und ftir Kaiser und Reich ge-
leistete Dienste von der Erftillung der ihm zunachst durch Geburt und Erb-
schaft zugefallenen Aufgaben abgezogen wurde. Seine wernigerodische Stellung
war eine eigenartige. Durch Vertrage zwischen der Krone Preussen und dem
Grafen zu Stolberg-Wernigerode von 17 14 und 1822 war dem letzteren gegen
Verzicht auf wichtige vorher besessene Rechte noch eine ziemliche Summe
Fttrst Stolberg-Wernigerode. 429
von Hoheitsrechten geblieben, die durch einen besonderen graflichen Re-
gierungskorper ausgeiibt wurden. Durch die politische Entwickelung, welche
Preussen seit Errichtung des deutschen Reiches gewann, insbesondere durch
die neue Kreisordnung, wurde den meisten dieser vertragsmassig zugesicherten
Rechte der Boden entzogen. Dadurch sah sich der Graf im Jahre 1876 ge-
drungen, auf seine Regierungsrechte zu verzichten, die dann mit dem 1.
Oktober d. J. theils auf die koniglichen Behorden, theils auf neu eingerichtete
Selbstverwaltungsorgane tibergingen. Was bei diesem Uebergange nicht aus-
driicklich aufgehoben wurde, blieb nach Massgabe jener alteren Vergleiche
in Kraft. Insbesondere blieb das besondere Ftirstliche Consistorium und die
Aufsicht (iber Kirchen und Schulen bestehen.
Noch in demselben Jahre errichtete Graf O. ein Hausstatut, in welchem
ein gutes Stuck alten Herrenrechts festgestellt wurde. Durchdrungen von der
Bedeutung und den besonderen Aufgaben seines Geburtsstandes, erschien er
als der geeignete Nachfolger des FUrsten zu Furstenberg als Vorsitzender des
Vereins deutscher Standesherren, was er bis zu seinem Ableben war. Im
Jahre 1890 nahm er mit allerhochster Genehmigung den fUrstlichen Titel an,
dessen im Jahre 1742 durch Kaiser Karl VII. erfolgte Verleihung an die
Nebenlinie Stolberg-Gedern sich auch auf seinen directen Vorfahren, Graf
Christian Ernst (17 10 — 1771) erstreckt hatte, von diesem aber nicht an-
genommen war. Bei dem im Jahre 1890 vom deutschen Kaiser ausgestellten
Diplom fand auch eine vom FUrsten veranlasste angemessenere neue Formation
des Familienwappens statt. Nach derselben Urkunde erstreckt sich der ftirst-
liche Charakter nur auf den Ftirsten O. und seine Nachfolger im Stammgut
Stolberg-Wernigerode erster Generation, sowie auch auf die Nachkommen
erster Generation des jedesmaligen erstgeborenen Sohnes und prasumtiven
Nachfolgers im Stammgute.
Den Aufgaben seiner eigenen Verwaltung widmete sich der FUrst mit
eben so grossem Eifer als GeschaftstUchtigkeit, hierbei unterstutzt von treuen
Beamten, auf welche naturgemass sein Vorbild segensreich einwirkte. Wir
miissen es uns versagen, auf das schone Verhaltnis, das zwischen Herrn und
Diener waltete, naher einzugehen, wie denn auch hier nicht die innere
Thatigkeit der fUrstlichen Verwaltung, so die neue Ordnung des Rechnungs-
wesens, verfolgt werden kann. Wohl aber ist auf verschiedene Schopfungen
und Erwerbungen des FUrsten hinzuweisen. Hervorragend sind die Werke
seiner eifrigen Bauthatigkeit, die urns Jahr 1862 begann und mit der am
4. April 1880 erfolgten Einweihung der Wernigeroder Schlosskirche der Haupt-
sache nach ihren Abschluss fand. An einer der schonsten Stellen Nord-
deutschlands angesichts des erhabenen Brockens und des weiten Hasseroder
Thais gelegen, war der alte Grafensitz durch die schweren Geschicke des 17.
und den geringen architektonischen Kunstsinn des vorigen Jahrhunderts zum
unschonen Rumpf entstellt. Mit piet&tvoller Schonung aller auf irgend
welchen Kunst- und geschichtlichen Wert Anspruch verdienenden Reste
wurde dieses Bauwerk mit sehr erheblichen Kosten so grossartig und schon
gegliedert im gothischen Style ausgebaut, dass es nunmehr als das schonste
Bergschloss in Norddeutschland dasteht. Wir konnen nur kurz des roma-
nischen Bothobaus bei dem ehemaligen Benediktinerkloster Ilsenburg, der
Wiederherstellung der DrUbecker KlosterkirchthUrme, des allein auf furstliche
Kosten ausgefllhrten Baues der Kirche in Schierke gedenken, dcsgleichen
des Baues von Strassen im Lande und im Gebirge j^Hagenstrasse nach
43 O Ftirst Stolberg- Wernigerode.
Schierke). Durch ein grossartiges Opfer an Gmnd und Boden sicherte er
auch das Unternehmen der Harzquer- und Brockenbahn. Mit noch grosseren
Opfern war die Uebernahme des Patronats des frtther stadtischen Gymnasiums
zu Wernigerode im Jahre 1867 verknlipft. Damit verbunden war die Auf-
fiihrung eines neuen Schulgebaudes, eines mit einem Kostenaufwande von
300,000 M. ausgeflihrten Monumentalbaues in frtihgothischem Stile.
Das grosste sichtbare Denkmal einer durch mehr als drei Jahrhunderte
im Hause Stolberg geiibten Pflege der Wissenschaft, besonders der kirchlichen
und geschichtlichen, ist die ttber 108,000 Bande starke Ftirstliche Bibliothek
in dem grossen ehemaligen Orangerie-Saale. 40,000 Bande wurden hiervon
durch den Ftirsten O. erworben. Durch Vereinigung und Vermehrung ver-
schiedener, theilweise schon alterer geschichtlich-antiquarischer Sammlungen
wurde ein werthvoller wissenschaftlicher Schatz gesammelt, fiir dessen Unter-
bringung geeignete Raume bestimmt wurden und der von des gegenwartigen
Ftirsten Christian Ernst Durchlaucht zur Ehrung der Verdienste des verewigten
Vaters mit dem Namen Ftirst Otto -Museum belegt und der offentlichen
Benutzung zuganglich gemacht wurde. Theils unmittelbar theils mittelbar
geschah es durch seine Anregung, auch durch seine grossmuthige Untersttitzung,
dass zur Zeit seines Waltens eine Reihe von Urkundensammlungen und dar-
stellenden Schriften zur Geschichte des Hauses Stolberg und seiner Besitzungen
ans Licht trat. Ganz besonders war es das personliche Interesse an der Sache —
weit weniger materielle Untersttitzung — was fur das Gedeihen des im
Jahre 1868 zu Wernigerode gegriindeten Harzvereins ftir Geschichte und Alter-
thumskunde fordernd wirkte. Das seit der Grtindung geftihrte Protektorat
war eben so wenig ein blosser Name als die mit der Ftirstungsurkunde als
Schildhalter aufgenommenen Wilden Manner eine unwesentliche Zier: sie
versinnbildlichen das innere Verhaltniss des erlauchten Herrn und seines Hauses
zum Harz und seiner Geschichte.
In grossem Umfange verfolgte er die Abrundung und Vermehrung der
Besitzungen, sowohl des Stammguts als der Eigengtiter. So erwarb er im
Jahre 1867 durch Tausch mit dem preussischen Fiscus das seit 1694 von
der Grafschaft abgekommene Waldgebiet der Oberforsterei Hasserode, in
eben demselben gegen Verzicht auf weiter reichende Ansprtiche eine bequem
an das Wernigerodische sich anschliessende Waldflache von tiber flinftehalb-
tausend Morgen im Amt Elbingerode. Ein paar Jahre vorher war schon im O.
der Grafschaft Wernigerode das benzingerodische Forstgebiet angekauft worden.
Dazu erwarb Ftirst O., abgesehen von Besitzungen in Westpreussen und in
Posen, im Jahre 1880 eine tiber hunderttausend Morgen (rund 28,900 ha)
grosse Waldherrschaft in den Kreisen Gross-Strehlitz und Lublinitz, Provinz
Schlesien, welche durch des jetzt regierenden Ftirsten Christian Ernst, Durch-
laucht, den Namen Ottowald erhalten hat.
Zwar mtissen wir es uns hier versagen, auf Einzelnes in der gr&flichen
und ftirstlichen Verwaltung einzugehen, doch sei daran erinnert, dass das
ganze Rechnungswesen neu eingerichtet wurde und dass der Verewigte stets
bestrebt war, bei der Verwaltung alle Besserungen durchzuftihren, welche er
nach dem Rath erfahrener Beamter und Rathe als die den Forderungen der
Gegenwart entsprechenden erkannte.
Von dem mannigfaltigen und reichen Wirken ftir Kaiser und Reich,
Provinz und eigenen Besitzungen, ftir Kunst und Wissenschaft wenden wir
uns zu dem engen personlichen Verhaltniss, welches zwischen dem grossen
Ftirst Stolberg-Wernigerode. 431
Kaiser und Konige und seinem erlauchten Bannertrager bestand und mit der
Zeit sich immer inniger gestaltete. Dieses Friedensidyll in einer grossen,
bewegten Zeit wird den tiefer blickenden nicht nur wohlthuend bertihren, es
wird auch bei dem allgemein bekannten treuen Festhalten Kaiser Wilhelms
an Personen, die sein ganzes Vertrauen gewonnen hatten, nicht als bedeutungs-
los anerkannt werden. Handelte es sich doch hier urn das besondere Ver-
trauen zu einer Personlichkeit, die durch Geburt und Stellung eine der hochst-
gestellten im Staate war.
Die naheren Beziehungen zwischen Kaiser und Ftirst sind fast durch ein
Menschenalter zu verfolgen. Schon als Graf O. im Regiment der Gardes du
corps theils in Berlin, theils in Potsdam weilte, erzeigte der Prinzregent sich
besonders gnadig gegen ihn und gewann ihn lieb. Im October 1861 folgte
er des Konigs Rufe zum Kronungsfeste in Konigsberg. Als er dann im Jahre
1865 an dem in Verbindung mit dem Konigsmanover stattfindenden Stande-
feste in Merseburg theilnahm, hatte er zum erstenmal den Konig offentlich
anzureden. Als dieser bei der Eroffnung des deutsch-franzosischen Krieges
Hannover bertihrte, nahm er huldvollst die Pathenstelle bei dem am 23. Juli
d. J. geborenen Sohn des Grafen, dem Prinzen Wilhelm, an. Mittlerweile
hatten seit dem Jahre 1868 die herbstlichen Konigsbesuche , die bald zu
Kaiserbesuchen wurden, begonnen, die theilweise mit Besuchen des Kron-
prinzen Friedrich Wilhelm und des Prinzen Wilhelm verbunden waren oder
damit abwechselten und bis zum Jahr 1887 fortgesetzt wurden. So bedeut-
sam erschienen diese erhebenden Wernigeroder Kaisertage, dass der Ftirst
sich gedrungen ftihlte, die Erinnerung daran durch ein Denkmal an einer
vielbesuchten Stelle festzulegen, dessen Enthtillung (am 19. Juni 1890) durch
die Anwesenheit des Kaisers und der Kaiserin Wilhelm II. eine feierliche
Weihe erhielt. Ftir den erlauchten Urheber handelte es sich hierbei ganz be-
sonders um einen Denkstein dankbarer Erinnerung an den ebenso innig
verehrten als geliebten erhabenen Gast.
Die stets mit dem erfrischenden Weidwerk in den wernigerodischen
Harzforsten verbundenen Kaiserbesuche ftihrten den hohen Monarchen
zugleich in den trauten Familienkreis seines erlauchten Wirthes ein. Der
spatere Ftirst O. war seit dem Jahre 1863 mit der Prinzessin Anna Elisabeth,
Tochter des Prinzen Heinrich LXIII. Reuss j. L. und der Grafin Karoline zu
Stolberg-Wernigerode (geb. 9. Januar 1837), vermahlt. Es war ein aus wahrer
innerer Neigung geschlossener tiberaus glticklicher Bund. Von sieben dem-
selben geschenkten Kindern, vier Sohnen und drei Tochtern, starb im zarten
Alter nur ein Graf Heinrich. Der Erbgraf, nunmehrige Ftirst Christian Ernst,
wurde am 28. September 1864 geboren.
Ziemlich ausgedehnt war der Kreis der Lander, die Ftirst O. in seinem
Leben sah. Mochten seine Reisen der Erholung dienen, durch Einladungen
zur Jagd oder durch seine Staats- und Ehrenamter veranlasst sein, stets suchte
er dabei sein Streben nach Selbstbelehrung zu befriedigen. Stiddeutschland,
die Schweiz, Frankreich, England, Holland, Oesterreich-Ungarn, Italien, Russ-
land hat er aus dem einen oder anderen Anlass kennen gelernt.
Als nach dem Rticktritt vom Oberstkammereramte der Ftirst die Lasten
hoher Staats- und Hofamter hinter sich hatte, auch die hauptsachlichsten
Monumentalbauten hergestellt waren, schien ftir ihn eine zwar immerhin ge-
schaftsreiche aber doch ruhige, lediglich der Verwaltung seiner Besitzungen
sowie der Verschonerung der dem Schloss unmittelbar benachbarten Garten
432 Ftirst Stolberg-Wcrnigerode.
und Anlagen gewidmete Zeit anzubrechen, als sich im Herbst 1895 die
Spuren eines schweren Herzleidens zeigten, das nur zu schnell einen gefahr-
lichen Charakter annahm. Vergebens wurde in Dresden, dann in Baden-
Baden Heilung gesucht. Kaum mit Hoffhung auf vollige Wiedergenesung,
kehrte er am Sonnabend vor Pfingsten 1896 nach Schloss Wernigerode zurvick.
In christlich heldenhafter Weise ertrug er das ein voiles Jahr anhaltende
schwere Leiden. So oft nur auf kurze Frist eine Besserung eintrat und in-
folge angewandter Mittel die Krafte sich fiir einzelne Stunden hoben, offen-
barte er sein liebevolles leutseliges Wesen und es schien als ob er, seiner
baldigen Auflosung versichert, nach und nach planmassig einen Kreis von
Personen vor sich beschied, um gewissermassen von ihnen Abschied zu nehmen.
Donnerstag den 19. November iol/2 Uhr abends schlug des sanft im
Tode entschlummernden Erlosungsstunde von solcher Gebundenheit, nachdem
er sein Leben nur auf 59 Jahre gebracht hatte. Mit seinen nachsten An-
gehorigen wurde die ganze Grafschaft und weitere Kreise in tiefe Trauer ver-
setzt. Die feierliche Aufbahrung in der Schlosskirche erfolgte am Sonnabend,
und Scharen von Mannern und Frauen zogen in endlosem Zuge hinauf, um
das mit friedlichem Ausdruck daliegende Antlitz des theuern Herrn noch
einmal zu sehen. Wir konnen hier der mannigfachen Zuriistungen der Trauer-
feier nicht im Einzelnen gedenken. Einen tiefen Eindruck machte es, als am
Sonntage um Mitternacht die Leiche in aller Stille mit kleinem Trauergeleite
vom Schlosse in das alteste Gotteshaus der Stadt, die Oberpfarrkirche, liber-
gefiihrt wurde. Montag den 23. November fand das feierliche Leichen-
begangnis statt. Die grosse Zahl der dazu erschienenen hohen Furstlichkeiten,
der Vertreter der koniglichen Staatsbehorden, des Heeres, des Herrenhauses,
Hess mit Wehmut der Tage gedenken, an denen der Verewigte einst mit
wahrhaft furstlicher Gastlichkeit die hohen und hochsten Personlichkeiten hier
oder auch in seinem Berliner Palais bewirttet hatte.
Von den Beileidsbezeugungen moge wenigstens des liberaus herzlichen
umfangreichen Telegramms Seiner Majestat des Kaisers gedacht werden, wie
sich denn auch unter den Trauerspenden die gewaltigen Veilchenkranze Seiner
Majestat des Kaisers und Ihrer Majestat der Kaiserin Auguste Victoria, auch
ein Kranz der Kaiserin Friedrich vor alien anderen auszeichneten. Der
Johanniterorden hatte ein Blumenkissen mit dem weissen Kreuz auf rothem
Grunde gestiftet. Die spater dem Druck Ubergebene Trauerrede hielt Herr
Hofprediger Dr. Renner tiber Jes. 57,2.
Bei Beurtheilung der Person und offentlichen Wirksamkeit Ftirst O.'s
werden hinsichtlich der letzteren die aussergewohnlichen Umstande nicht tiber-
sehen werden dtirfen, unter denen sie ausgelibt wurde. In einer grossen,
bewegten Zeit durch das besondere Vertrauen seines koniglichen Herrn in
verantwortungsvolle, theilweise besonders schwierige Stellungen berufen, war
er nicht in der Lage, wie andere Diplomaten und Staatsmanner, durch einen
gewissen Stufengang vorbereitender Prtifungen und Aemter dahin zu gelangen.
Dagegen setzte er, wissenschaftlich und geschaftlich fiir die Verwaltung
seiner Besitzungen wohl vorbereitet und von Jugend auf an hohe Ge-
sichtspunkte und Auffassungen gewohnt und mit einem klaren geschaftlichen
Blick und schneller Auffassung begabt, seine ganze Person und rtistige Ar-
beitskraft fiir das ihm anvertraute Werk ein. Es gait bei Erftillung dieser
vaterlandischen Pflichten viel Selbstverleugnung zu tiben, und es ist ihm theil-
weise von nahestehenden diese Hingabe an den Staatsdienst sogar verdacht
Fttrst Stolberg-Wernigerode. 433
worden. Der grosse Erfolg seines Wirkens in Hannover lag, abgesehen von
seinem gewinnenden Wesen, seiner Unparteilichkeit und Gerechtigkeit, auch
in seiner unermudlichen Thatigkeit und Arbeitskraft begrtindet. Wir selbst
horten Hlilfesuchende den beschleunigten Geschaftsgang, die Piinktlichkeit und
Schnelligkeit rlihmen, mit welcher Personen aller Gesellschaftskreise zu Gehor
kamen.
In seinem Wesen war manches harmonisch vereinigt, was sich nicht so
leicht zusammenfindet. Es ware verkehrt, wollte man ihn popular im ge-
wohnlichen Sinne des Wortes nennen : er war durchdrungen von der Bedeutung
seines Geburtsstandes und hielt streng auf die Beobachtung der dadurch ge-
botenen Formen und Rticksichten, war aber dabei ungezwungen leutselig
gegen Jedermann, Jedem zuganglich und zur Gewahrung von Recht und
Hiilfe bereit. Der erlauchte Herr, der Kaiser und Fursten fiirstlich bewirthete,
sah gelegentlich gern den schlichten Burger und Landmann an seiner Tafel,
wenn es gait, Beweise der Treue und Anhanglichkeit zu belohnen. Regelnjassig
nahm er, theilweise mit den Seinigen, an gewissen Volksfesten der Grafschaft
Antheil. So war er denn allerdings im edleren Sinne des Wortes volksthlimlich,
und seine personliche Feiern — wir gedenken beispielsweise des silbernen
Ehejubilaums und des 25. Jahrestages seines Regierungsantritts — wurden
dann in einer Weise zu Volksfesten, wie man es gerade in unserer Zeit
nicht oft finden mag.
Voll tiefen sittlichen Ernstes jeden unziemlichen Scherz oder zweideutige
Rede aus seiner Umgebung verbannend, war der Flirst doch ein Freund
sinnigen Spiels, geistvoller Unterhaltung und prachtiger farbenreicher Auf-
fuhrungen, bei denen auch wohl harmloser frohlicher Scherz zu seinem Rechte
kam. Was wir ihn selbst als festen Grundsatz aussprechen horten, dass er
den Einraunungen und Urtheilen liber mitlebende, besonders dienstlich ab-
hangige Personen sein Ohr verschliesse, dieses an hoher Stelle wie Gold zu
schatzende Kleinod, wird ein unbefangenes Zeugniss als ihm eigen anerkennen
mtissen. Sein ethisches Wesen ruhte auf tief religiosem Grunde. In den
Aeusserungen seines Glaubens und Empfindens beobachtete der Fiirst durchaus
eine keusche Zurlickhaltung; aber dieses hochste in seinem Wesen wurde bei
jeder sich darbietenden Gelegenheit in Thaten ausgepragt, wo es sich darum
handelte, fur die evangelische Kirche und Schule und fur christliche Liebes-
werke Opfer darzubringen. In christlich-kirchlicher Beziehung folgte er treu
den Spuren edler Ahnen von Jahrhunderten her. Aber wahrend sich manches
Edle und Gute am Menschen in mehr natiirlicher Weise von Geschlecht zu
Geschlecht vererbt, nimmt das religiose Glauben und Bekennen die ganze
Personlichkeit in Anspruch, und nirgends mehr als hier gilt es, in treuer
Hingebung selbst zu erwerben und zu erringen, was voll und ganz nicht ver-
erbt, sondern nur als leuchtendes Vorbild dem empfanglichen Gemlithe nahe
gebracht werden kann. Dass in den Fragen des Glaubens sein Standpunkt
mit dem seiner politischen Parteigenossen durchaus nicht uberall zusammentraf,
war keineswegs unbekannt. Ebenso wusste nicht nur die heimische Grafschaft
und Provinz, sondern die gesammte evangelische Landeskirche, was sie an
diesem Bekenner ihres Glaubens besass. Als letztere daher im Jahre 1875
zum Zweck einer Neueinrichtung eine Generalsynode veranstaltete, wurde er
einmiithig zum Vorsitzenden erwahlt, eine Aufgabe, der er sich zu allgemeiner
Befriedigung entledigte. Seinem inneren Verhaltnis zur Kirche entsprach es
denn auch, wenn er bei der am 31. October 1892 erfolgten Einweihung der
BiogT. Jahrb. a. Deutscher Nekrolog. 2. Band. 28
434 Fttrst Stolberg-Wernigerode. Richtcr.
wiirdig wieder hergestellten Schlosskirche zu Wittenberg den Vorsitz des
Festausschusses tibernahm. Seinem gerechten und unparteiischen Wesen ge-
mass war er aber durchaus rlicksichtsvoll gegen die Bekenner eines anderen
Glaubens.
Bei Gelegenheit der Wittenberger Feier fanden wir in politischen Organen
mit Anerkennung des Interesses und grossen Entgegenkommens gedacht,
welches er der Presse angedeihen liess. Das lag in seinem Wesen tief be-
grlindet. Gewiss konnten ihm die Schattenseiten des Zeitungswesens nicht
entgehen, aber da er eine festgegrtindete eigene Meinung vertrat, so achtete
er auch die unabhangige Meinung andersdenkender. Ohne Uebertreibung
konnte nach seinem Ableben eine wernigerodische Stimme sagen, dass des
Fursten Dahinscheiden einen grossen und schweren Verlust fiir Kaiser, Konig
und Vaterland, das erlauchte Flirstenhaus und die Grafschaft Wernigerode
bedeute und hinzufligen: »Er war eine feste Saule, auf der viel ruhte.« In
gleichem Sinne ausserte der Vizeprasident Freiherr von Manteuffel in der
Sitzung des Herrenhauses am 20. November 1896, dass in ihm das Vaterland
einen seiner besten Manner, das Herrenhaus eines seiner vorziiglichsten Mit-
glieder, seinen besten Prasidenten verloren habe und hob unter seinen Eigen-
schaften Liebenswtirdigkeit, Unparteilichkeit, strenge Gerechtigkeit nach jeder
Seite, Pflichterfullung, Sachkenntnis auch in den kleinsten Details hervor.
Einen warmen Nachruf widmete ihm der Reichsanzeiger, worin es heisst:
»Durch seine Geburt auf die Hohe des Lebens gestellt, hat der Entschlafene
stets seine besten Krafte in den Dienst des allgemeinen vaterlandischen In-
teresses gestellt und damit ein leuchtendes Beispiel edler, wahrhaft vater-
landischer Interessen gegeben.« Den herben Verlust, welchen das Central-
comitd der preussischen Vereine vom rothen Kreuz durch den Tod seines
ersten Vorsitzenden erlitten, hebt unter Anerkennung seiner Verdienste ein aller-
hochstes Handschreiben Ihrer Majestat der Kaiserin und Konigin vom 30.
November 1896 hervor. Wir verzichten im Uebrigen auf die so angenehme
als leichte Aufgabe, einen Kranz ehrender und anerkennender Urtheile liber
den Fursten aus den mannigfaltigsten Organen und verschiedenen Gegenden,
aus Pommern und Schlesien, Rheinland und Westfalen, Bayern und dem
Konigreich Sachsen, Strassburg und Miihlhausen i. E. zusammenzuflechten.
Besonders wohlthuend ist aber die Beobachtung, dass die Urtheile aus der
engeren Heimath mit denen aus weiterer Entfernung durchaus nicht im Wider-
spruch stehen.
Die a*ussere Erscheinung des FUrsten ist, wie zu. erwarten, durch mannigfache ira
Familienbesitz befindliche Kunstwerke nachgebildet Die zahlrcichen als Einzelblatter,
meist aber in Zeitschriften veroffentlichten Portrays sind nach den gegenwartigen Anspriichen
an eine mit Geschmack verbundene Naturwahrheit nicht als genligend zu bezeichnen. Ein
gutes Bild, Kniestiick, welches den FUrsten in jUngeren Jahren in der Uniform der Gardes
du corps darstellt, ist in Steindruck ausgeflihrt. Als ein gutes Bild zu bezeichnen ist eine
vielverbreitete Photographic von Scharwiichter in Berlin, die auch bei F. Gottsched und
Photograph F. Miisser in Wernigerode erhftltlich ist. Auch eine Modellirung von Schott
ist in photographischer Nachbildung in den Handel gekommen.
Ed. Jacobs.
Richter, Heinrich, kgl. Professor, Hofschauspieler und Regisseur am
kgl. Hoftheater zu Mtinchen. f 22. Mai 1896 (vergl. I. Band 1897 p. 279 —
284). — Es hat sich inzwischen herausgcstellt, dass die von mir zu meinem
Nachruf benutzte Quelle, das vom Sohne des Verstorbenen herausgegebene
Richter. von Camphausen. 43 c
Buch »Heinrich Richter. Erinnerungen aus dessen Leben und Wirken«
(Darmstadt, Selbstverlag 1897) noch viel unzuverlkssiger ist, als ich sie in
meinem Artikel charakterisirt hatte. Ich sehe mich deshalb genothigt, einige
aus dieser Schrift hertibergenommene Irrthtimer nachtraglich zu berichtigen.
So ist die von Heinrich Richter junior (pag. 43) erzahlte Anekdote vom Zu-
sammentreffen seines Vaters mit dem jungen Kritiker Adolf Wilbrandt (pag. 281)
entweder apokryph oder wenigstens in der Jahrzahl unrichtig, denn im Jahre
1850, als Richter Wilbrandt den Romeo kritisiren lasst, war dieser unmoglich
»ein junger, hUbscher Mann mit dem Bande des Corpsstudenten tiber der
Brust«, sondern erst 13 Jahre alt, da Wilbrandt am 24. August 1837 geboren
ist. — Ein weiterer Irrthum ist, dass Heinrich Richter den Obersten Schwartze
in Sudermanns »Heimath« gespielt und dass ihn in dieser Rolle nach einer Vor-
stellung Ende August 1893 der Schlag getroffen habe. Richter hat in alien
Vorstellungen der »Heimath« bis zu seinem Tode die kleine Rolle des Gene-
rals v. Klebs und nie den Vater Schwartze gespielt. In dieser kleinen Epi-
sodenrolle ist er am 19. Juni 1893, ohne es#zu ahnen zum letzten Male, vor
das Publikum getreten, nicht am 11. Juni 1893 als Advokat Bachelin in
Ohnets »Hiittenbesitzer«, wie in der Biographic seines Sohnes und in meinem
Nekrolog zu lesen ist.
Alfred Freiherr v. Mensi.
Camphausen, Otto von, Preussischer Staatsmann, * 21. Oktober 181 2 in
Hilnshoven (Regierungsbezirk Aachen), f 18. Mai 1896 in Berlin. Einem
rheinischen in Handel und Industrie hervorragenden Geschlecht entsprossen,
ein jlingerer Bruder Ludolf Camphausens, der 1848 kurze Zeit Ministerprasident
wurde, widmete er sich dem Studium der Jurisprudenz und dem Staatsdienst,
behielt dabei aber ein reges Interesse ftir Volkswirthschaft. Er hat in Bonn,
Heidelberg, Mtinchen und Berlin studirt, in Magdeburg, Koblenz und Trier
als Beamter gearbeitet. Schon im Jahr 1840 wurde cr vortibergehend als
Hilfsarbeiter in das Finanzministerium berufen und dann 1845 wiederum in
demselben beschaftigt und zum Geheimen Finanzrath ernannt. Im Jahre 1847
arbeitete er den ersten Entwurf eines preussischen Einkommensteuergesetzes
aus, der dem vereinigten Landtage vorgelegt wurde, zwar unerledigt blieb,
aber einige Jahre spater in veranderter Gestalt Gesetz wurde. Die folgenden
Jahre riefen ihn in das politische Leben; er war von 1850 bis 1852 Mitglied
der preussischen Kammer, im Jahre 1850 auch Mitglied des Erfurter Par-
laments, welches die Verfassung des Dreiktinigsbundes berieth. Hier erinnerte
er sich mehr daran, dass er rheinischer BUrger, als dass er preussischer Be-
amter war und entwickelte ein Maass von Liberalismus, das zwar an sich sehr
massig, aber doch ausreichend war, um von seinen Vorgesetzten als lastig
empfunden zu werden. Er wurde kalt gestellt, indem man ihn 1854 zum
Prasidenten der Seehandlung machte, eine Stellung, die ehrenvoll und ein-
traglich genug, aber ohne Arbeit und Einfluss ist.
Im Jahre i860, als der Widerstand des Herrenhauses gegen die Grund-
steuer-Regulierung einen Pairsschub nothig machte, wurde er zum lebenslang-
lichen Mitglied des Hauses aus AllerhOchstem Vertrauen berufen und auf diese
Weise mit den politischen Tagesfragen wieder in Beriihrung gebracht.
Im Herbst 1869 hatte der damalige Finanzminister von der Heydt mit
einer Reihe von Steuervorlagen, sowie mit einem Anleiheprojekt, ftir welches
er die Form der Pramienanleihe gewahlt hatte, vollstandiges Fiasko gemacht.
28*
436 ▼<>& Camphausen.
Er hatte bei alien Parteien das Zutrauen verloren und sah sich genotigt seinen
Abschied einzureichen. Ftirst Bismarck sah sich damals in einer Lage, die
es ihm wtinschenswerth machte, den Liberalen einen kleinen Schritt entgegen
zu kommen und schlug dem Konige C. zum Finanzminister vor. Dieser hat
das Amt bis zum Februar 1878 verwaltet.
Sein erster Erfolg war ein sehr gllicklicher; das schwebende Deficit be-
seitigte er durch ein einfaches Mittel. Er konvertirte einen Theil der ver-
zinslichen Staatschuld in eine unktindbare Rente und sah diese Operation
von glanzendem Erfolg gekront. In den folgenden Jahren hatte die Finanz-
verwaltung in Folge der Milliardenzahlungen eine leichte Aufgabe. C. gewann
Bismarcks Zutrauen, da ihm alle seine Plane gliickten, er dem Landtage
gegentiber eine bequeme Stellung hatte, obwohl er dem Liberalismus keine
Zugestandnisse machte, vielmehr sich lediglich als Fachminister gab. Ftirst
Bismarck riihmte ihm eine nicht gouvernementale Stellung nach und bewirkte,
nachdem Graf Roon sich 1873 aus dem politischen Leben zuriickgezogen
hatte, C.'s Ernennung zum Viceprasidenten des Staatsministeriums.
C.'s Finanzverwaltung hatte Licht- und Schattenseiten. Er war ein
Beamter aus der altpreussischen Schule, der Maassen, Motz und Klihne und
hielt an den Traditionen fest. Er hielt vortreffliche Ordnung in den Finanzen
und wehrte Eingriflfe in die wirthschaftliche Freiheit ab. Er war der letzte
Reprasentant dieser alten Schule und in ruhigen Zeiten ware er ein vor-
trefflicher Finanzminister gewesen.
Aber ausserordentlichen Aufgaben war sein Genius nicht gewachsen.
Darauf, dass er den gewaltigen Rtickschlag, den die Milliardenzahlungen hervor-
rufen musste, nicht vorausgesehen und Vorbeugungsmassregeln ergriffen hat,
ist vielleicht weniger Werth zu legen. Diese Schuld theilt er mit vielen;
ausser Bamberger hat vielleicht Niemand klar eingesehen, dass es nothwendig
war, die Zahlungstermine zu verschieben. Aber bei der Reform des Bank-
und Munzwesens hat C, wenn nicht fiir die Dauer schadlich, so doch hemmend
gewirkt. Er hat zu einseitige Riicksicht auf die fiskalischen Interessen
Preussens genommen.
Er begriflf nicht die unabweisliche Nothwendigkeit, eine Reichsbank zu
schaffen und wollte die preussische Bank erhalten. Der Streit dartiber hat
zu einer grossen Krisis gefiihrt und voriibergehend den RUcktritt Forckenbecks
vom Prasidentenstuhl herbeigefiihrt. Gegen die Goldwahrung hat sich C.
nicht abmahnend, aber doch kiihl verhalten und es unterlassen, die noth-
wendigen Silber-Verkaufe schnell genug herbeizufiihren. Er hat dadurch Zu-
stande heraufbeschworen, in denen die Erhaltung der Goldwahrung ernstlich
gefahrdet war; dass diese Gefahr voriibergegangen ist, war nicht sein Verdienst.
Diese Fehlgriffe haben kein Zerwtirfhiss zwischen ihm und dem Fttrsten
Bismarck herbeigefiihrt; vielmehr hat der Reichskanzler ihm zur Seite ge-
standen. Aber der Bruch kam von einer anderen Seite her. Ftirst Bismarck
hatte von langer Hand her den Plan vorbereitet, die Reichsausgaben wesentlich
zu erhohen und zu diesem Zweck neue Steuern, namendich indirekte, auf-
zuerlegen. C. begriflf diesen Plan und entschloss sich, ihm einen zahen,
stillen Widerstand entgegenzusetzen. Ihm schien dieser Plan unvereinbar mit
den preussischen Finanztraditionen. Er wollte weder die vermehrten Ausgaben
noch die indirekten Steuern billigen. Die Auflforderung, neue Steuerprojekte
auszuarbeiten, die ihm Bismarck durch den Minister Biilow zugehen liess,
beantwortete er dahin, dass er bereit sei, Steuerprojekte, die man ihm unter
# von Camphausen. von Gran. 437
breite, zu priifen. Im Jahre 1875 arbeitete er den Plan einer erhohten Tabak-
steuer aus, den Bismarck zurlickwies, weil er vollig ungeniigend sei.
Ende 1877 8e'an8 es dem Flirsten Bismarck, C. zu der Ausarbeitung
eines umfassenden Steuerprogramms zu bewegen, das wiederum mit der Er-
hohung der Tabaksteuer beginnen sollte. Aber gleichzeitig hatte Bismarck,
ungeduldig geworden, mit Bennigsen in Varzin Verhandlungen angekntipft,
um diesen in sein Ministerium zu ziehen.
Am 22. und 23. Februar 1878, als C.'s Tabaksteuergesetzentwurf berathen
wurde, kam es im Reichstage zu hochdramatischen Scenen, in denen Bismarck
sich bitter Uber ungentigende Unterstiitzung beklagte, aber auch Lasker sehr
heftige Angriffe gegen C. richtete. Dieser sah sich genOthigt, seinen Abschied
zu verlangen. Zu der Berufung Bennigsen's kam es aber nicht, vielmehr
war nun die Bahn frei geworden ftir die schutzzollnerischen Projekte, die
Bismarck im Auge gehabt hatte.
Am 17. Februar 1881 kam es im Herrenhause zu einer heftigen Aus-
einandersetzung zwischen Bismarck und C. Dieser griff die neue Finanz-
politik heftig an; Bismarck erwiderte mit einer ebenso heftigen Kritik der
C/schen Verwaltung. Seitdem war C. aus dem politischen Leben ausgeschieden.
Er musste erkennen, dass die dilatorische Politik, die er trieb, unzureichend
war, die Bismarck'schen Plane zu beseitigen, da Bismarck noch voile zw6lf
Jahre im Amte blieb.
Das Zeugniss redlichen Verdienstes hat C. in das Grab genommen. Nach
seinem Rlicktritt vom Amte wurde ihm noch die Anerkennung zu Theil, dass
er den Schwarzen Adlerorden und damit das adlige Pradikat erhielt. Ver-
erben hat er es nicht konnen, denn er ist als Junggeselle gestorben.
Eine behaglich Iiebenswurdige Natur ist er gewesen. Wenn er seinen
pari amen tarischen Gasten Rheinwein vorsetzte, pflegte er hinzuzufugen , dass
er diesen Wein nicht von seinem Ministergehalt bezahlen konne. Weder
der bose Aerger, den er erlebt, noch der gute Rheinwein, den er getrunken,
haben ihn gehindert, ein hohes friedliches Alter zu erreichen.
Alexander Meyer.
Grun, Dionysius von, emer. Professor der Geographie an der deutschen
Universitat zu Prag. * 18. Januar 1819 als Sohn jiidischer Eltern zu Prerau
in Mahren, f am 26. Februar 1896 im Alter von 77 Jahren zu Prag. G.
wurde zuerst Landwirth, ging aber als zwanzigjahriger junger Mann noch auf
das Gymnasium zu Pressburg und studirte 1845 — l%47 unter fortwahrendem
Kampfe um seine Existenz an der Universitat zu Prag. Die beiden folgenden
Jahre war er als Hauslehrer in Dresden thatig, setzte dann 1849 seine Stu-
dien in Berlin fort, wo er auch bei Dove und Karl Ritter horte und sich
deshalb spater gern einen Schliler Ritters nannte, da dieser in ihm die Liebe
zur Geographie weckte. Durch Zeitungsartikel und andere kleine literarische
Arbeiten musste er seinen Unterhalt verdienen. Einige in Berlin erschienene
Aufsatze iiber die Revolution in Ungarn hatten zur Folge, dass er nach seiner
Ruckkehr nach Oesterreich einige Zeit in Untersuchungshaft kam. Nachdem
G. bereits in Berlin zum katholischen Glauben Ubergetreten und von der Ab-
sicht, die literarische Laufbahn einzuschlagen, zurtickgekommen war, gelang
es ihm im Jahre 1853, eine Lehrerstelle an dem erzbischoflichen Gymnasium
in Leutschau in Oberungarn zu erlangen. \£wei Jahre spater, 1855, wurde
er dann an das akademische Gymnasium in Wien berufen, wo er zwanzig
438 V0D Grtin. Klimsch. Hopfgarten.
Jahre lang als Lehrer der Geographie und Geschichte thatig war. Im Jahre
1872 wurde er zum Lehrer des Kronprinzen Rudolf ernannt, den er drei
Jalire in dessen Lieblingsfache Geographie unterrichtete. Nach Abschluss
desselben wurde er 1875 vom Kaiser in den Adelstand erhoben und von
der Universitat Prag zum Professor auf den neu geschaffenen Lehrstuhl ftir
Geographie berufen. Kranklichkeit zwang ihn im Jahre 1885, in den Ruhe-
stand zu treten. Von seinen Arbeiten sind nur zu nennen » Lander- und Vol-
kerkunde* (1870), eine Abhandlung tiber die » Tabula Peutingeriana« und
seine Antrittsvorlesung »Die Geographie als selbstandige WissenschafU (Prag
1875, *** §.). Seine ungefahr 1500 Nummern zahlende werthvolle Bibliothek
hat er dem Verein der Geographen an der Universit&t Wien vermacht.
Vgl, den Nekrolog im Bericht tiber das XXII. Vereinsjahr 1895/96 erstattet vom
Vereine der Geographen an der Universitat Wien (Wien, 1897).
W. Wolkenhauer.
Klimsch, Eugen Joh. Georg, Maler, * am 29. November 1839 *n
Frankfurt a. M., f am 9. Juli 1896 ebendaselbst. K. genoss zunachst den Un-
terricht seines Vaters F. C. Klimsch im Zeichnen und in den graphischen
Klinsten, besuchte die Zeichenklasse des Staederschen Kunstinstituts unter
Jak. Becker, vom Jahre 1854 an den Aktsaal unter Steinle und Zwerger, kam
i860 nach Munchen zum Historienmaler Andreas Mtiller, dem »Komponir-
m tiller «, und errang seine ersten Erfolge in der Kleinmalerei auf Pergament.
Spater war er in den verschiedensten Zweigen der Malerei thatig, der modernen
Kunstrichtung prinzipiell abgeneigt. Von 1865 bis zu seinem Tode lebte er
in seiner Vaterstadt, war einige Jahre Lehrer an der Kunstgewerbeschule da-
selbst und in seinen letzten Jahren als Nachfolger von Frank Kirchbach Lehrer
der Malerei am Staederschen Kunstinstitut. Von seinen Werken sind hervor-
zuheben: Deckengemalde im Hause des Generalkonsuls Oppenheimer in
Frankfurt a. M. (Apotheose der Britannia), die Deckengemalde im Gesellschafts-
haus des Palmengartens zu Frankfurt a. M., die Entwtirfe fur die Wand-
malereien der Restauration Alemannia in Frankfurt a. M., die Ausmalung mehrerer
Lloyd-Dampfer ; ferner die Staffeleigemalde : Der Frauenraub des Kentauren
(im Besitz des Prof. W. Widemann zu Berlin), Parksccne, Picknick im Walde.
K. schuf auch einige Portrats und viele Illustrationen, z. B. zu Goethe,
Schiller, Scott, den Grimm'schen Marchen, den Opern Freischtitz und
Fidelio, ftir die Spinnstube (Frankfurt a. M. Sauerlander),
Kunst fUr Alle, Jg. 8, S. 113— 116 (Franz Graf), Jg. n t S. 347; Kunst uns. Zeit,
Jg. 7, S. 45—60 (E. Ph. J. Hallenstein). Allg. KUnstler-Lex , 3. Aufl. von Mttllcr und
Singer. Bd. 2, 1896 S. 351.
Dr. Berghoeffer.
Hopfgarten, August Ferdinand, Geschichts- und Genremaler, * den 17.
Marz 1807 in Berlin, f den 26. Juli 1896 ebendaselbst. H. war anfangs Schtiler
von Ruscheweyh, einem Bruder des Kupferstechers, studirte seit 1820 an der
dortigen Akademie unter Dahling und Niedlich, spater bei Wilhelm Wach.
1825 erhielt er einen akademischen Preis, begab sich 1827 nach Rom und blieb
dort bis zum Jahre 1833. 1835 kehrte er nach Berlin zuriick und entfaltete
eine reiche Thatigkeit. Von seinen Werken seien erwahnt: Raflfael findet das
Modell zur Madonna della Sedia, Schmlickung einer Braut, Schwane ftitternde
Madchen, die Auffindung des Moses, Boas und Ruth, Tasso wird von Leonore
Hopfgartcn. Hoffmann. Eissenhardt. 430
d'Este begrusst (1839, Berliner Nationalgalerie), die Rosen der heil. Elisabeth,
Arminia bei den Hirten. Auch betheiligte er sich an den Fresken der
Schlosskapelle in Berlin und an der AusschmUckung des neuen Museums.
1853 erhielt er den Auftrag, fiir den Herzog Adolf von Nassau die Grab-
kapelle der verstorbenen Herzogin Elisabeth auf dem Neroberg bei Wiesbaden
zu schmttcken.
Allg. Kttnstler-Lex. 3, Aufl. von MOllcr u. Singer, Bd. 2, 1896, S. 205; MtiUcr, H. A.
Biogr. Kttnstler-Lex., 2. Aufl., 1884, S. 266; Konversationslexika.
Dr. Berghoeffer.
Hoffmann, Heinrich Adolf Valentin, Landschaftsmaler, * den 18. Oktober
1 81 4 zu Frankfurt a. M., f den 10. Juni 1896 ebendaselbst. H. war anfangs
£immermaler, besuchte 1843 bis 1850 das Staedersche Institut unter Jakob
Becker, machte Naturstudien auf Reisen im Taunus, Odenwald, Schwarzwald,
am Rhein, der Mosel, der Ahr, spater in der Schweiz und in Tirol. Die
meisten seiner Werke befinden sich in Frankfurter Privatbesitz.
Allg. KUnstler-Lex., 3. Aufl. von MUller u. Singer, Bd. 2, 1896, S. 191; Meyers Kon-
versationslex., 4. Aufl., Bd. 17, 1890 S, 435.
Dr. Berghoeffer.
Eissenhardt, Johannes, Kupferstecher und Radirer, * am 8. November
1824 in Frankfurt a. M., f am 11. Oktober 1896 ebendaselbst. E. war Schtiler
des Staederschen Kunstinstituts unter Eugen Eduard Schaeffer. 1863 folgte
er einer Berufung nach Petersburg zum Stich der Bildnisse auf den Rubel-
scheinen. Da diese Beschaftigung ihn nicht vollig befriedigen konnte und er
ausserdem kiinstlerische Anregung vermisste, so kehrte er 1869 nach Frank-
furt zurtick. Doch begab er sich im Jahre 1889 noch einmal, einem wieder-
holt an ihn ergangenen Ruf folgend, auf ein Jahr nach der russischen Haupt-
stadt. In Frankfurt war er lange Jahre Lehrer fiir Radirung und Kupferstich
am Staedel'schen Institut. Angeregt durch Frank Kirchbach, begann er etwa
im Jahre 1888 sich auch mit der Malerei zu beschaftigen und fertigte Portr&ts
und Studienkopfe. Er radirte und stach nach Zeichnungen und Gemalden
von Ph. Veit, A. Goebel, E. Steinle, Leop. Bode, M. v. Schwind, J. B. Scholl,
M. Oppenheim, A. Burger, Ph. Rumpf, J. F. Dielmann, Ad. Schreyer, H.
Kauffmann, van Muyden (Refektorium), A. Elsheimer, Sandro Botticelli (Ma-
donna mit sieben Engeln), Paolo Veronese u. a. E. gab in Buchform heraus:
Album des Frankfurter Kunstvereins. Nach einer Auswahl verloster Gemalde
radirt von J. Eissenhardt. Frankfurt a. M., Jtigel 1864; die StaedePsche
Galerie zu Frankfurt a. M. in ihren Meisterwerken alterer Malerei. 32 Ra-
dirungen. Text von Veit Valentin. Leipzig, Seemann, 1878; Radirungen nach
Zeichnungen von A. Burger in Cronberg von J. Eissenhardt. Frankfurt a. M.
Prestel. Eine reichhaltige, nahezu vollstandige Sammlung seiner Werke besitzt
das Staedersche Kunstinstitut.
Private Mittheilungen. Die vervielf. Kunst der Gegenw. II. 1891, S. 71 (R. Muther);
Frankf. Zeitung vom 25. Juni 1897 Feuilleton; Allg. KUnstler-Lex. von M tiller u. Singer,
I. 1895, S. 393; MUller, H. A. Biogr. Kttnstler-Lex. 1884, S. 156; Konversationslexika;
Zeitschr. fUr bild. Kunst, Bd. 17, S. 64; Bd. 13, S. 192, 256, 288; Bd. 15, S. 260; Bd. 12,
S. 227 f., 323 f.
Dr. Berghoeffer.
44.0 Baerwald. Becker. Sonderland. Lindlar. Kops.
Baerwald, Robert, Bildhauer, * den 2. Dezember 1858 in Salwin bei
Bromberg, f den 11. November 1896 in Wilmersdorf bei Berlin. B. besuchte
1880—84 die Kunstakademie zu Berlin, wo indes nur Reinhold Begas tieferen
Eindruck auf ihn machte. Entschiedene Anregung fand er dagegen in Schl liter's
Berliner Schopfungen. 1886 — 88 schuf er bereits fur Posen ein Denkmal
Kaiser Wilhelm's I., 1893 vollendete er die Reiterstatue desselben Kaisers
fur Bremen. Kaiserstatuen schuf er ausserdem fur Altenburg, Pforzheim,
Ravensburg, ferner mehrere Bismarckdenkmaler.
Kunst fur Alle, Jg. 12, S. xo2f. (M. Schmid). Allg. Kttnstler-Lex., Bd. if 1895, s- 55;
Kunstchronik, Bd. 22, Sp. 668 f., N. F. Bd. 5 Sp. 113 — 116.
Dr. Berghoeffer.
Becker, Ernst Albert, Genre-, Landschafts- und Thiermaler, * den
22. Oktober 1830 in Berlin, f den 1. September 1896 ebendaselbst. B. besuchte
die Berliner Akademie, war Schiiler und Gehilfe A. v. Klober's, hielt sich in
den 60 er Jahren in Paris auf und widmete sich vorzugsweise der Darstellung
von Hausthieren. Da er gern Kiihe malte, wurde er von seinen Kunstgenossen
»Kuh-Becker« genannt. Seitdem signirte er Q. Becker.
Mttller, H. A., Biogr. Kttnstler-Lex., 1884, S. 35; Allg. KUns tier-Lex., 3. Aufl. von
Mliller u. Singer, Bd. 1 1895, S. 88.
Dr. Berghoeffer.
Sonderland, Fritz, Genremaler, * 20. September 1836 in Diisseldorf,
f 13. Juni 1896 ebendaselbst. S. war der Sohn des Malers J oh. Bapt, S.,
studirte anfangs Ingenieurwissenschaft, trat 1855 in die Diisseldorfer Akademie,
war Schiiler Bendemanns, dann Hiddemanns und machte Studien an der
Mosel, in Westfalen und im Schwarzwald. S. malte anfangs Scenen aus dem
Bauernleben im Genre Hiddemanns, pflegte spater das elegante Genre.
Kunst f. Alle, Jahrg. n, 316; Seubert, A. Allg. Ktinstler-Lex. 1882, Bd. 3, 335;
Mttller, H. A., Kttnstler-Lex. 1884, S. 497. Konv.-Lex.
Dr. Berghoeffer.
Lindlar, Johann Wilhelm, Landschaftsmaler, * im Jahre 1816 in
M.-Gladbach, f 23. April 1896 in Diisseldorf. L. war Lehrer an der Dom-
schule in Koln, spater an der rhein. Ritterakademie in Bedburg, kam 1845
auf die Dusseldorfer Kunstakademie, wo er J. W. Schirmer's Schiiler wurde.
Seit 1 85 1 arbeitete er selbststandig in Diisseldorf. Er entnahm seine Vorwiirfe
meist der Alpenwelt.
Kunst f. Alle, Jg. ii, 270; Seubert, A., Allg. Kttnstler-Lex., Bd. 2, 1882, S. 459;
Mttller, H. A., Kttnstler-Lex. 1884, S. 339.
Dr. Berghoeffer.
Kops, Franz, Portrat- und Genremaler, * 14. Juli 1846 zu Berlin,
f 24. August 1896 in Dresden. K. besuchte die Weimarer Kunstschule unter
Pauwels, bereiste Norddeutschland, Hess sich Ende der 70 er Jahre in Dresden
•nieder und griindete hier eine Malschule fiir Damen. Von seinen Genre-
bildern seien erwahnt: Der Hahn im Korbe, Ein neuer Menzel, Der Fisch-
mann, Kartenspielende Bauern, ferner die Bildnisse der Konigin Karola, des
Prof. H. Biirkner, des Ludw. Barnay, Uhle, Guido Hammer.
Kunst f. Alle, Jg. 12, S. 14: Allg. Kttnstler-Lex., 3. Aufl. von Mttller u. Singer. Bd. 2.
1896, S. 381.
Dr. Berghoeffer.
Simonson. Pfeiffer. Munthe. Jernberg. Keller. 4 41
Simonson, David, Portrat- und Genremaler, * 15. Marz 1831 in Dresden,
f im Februar 1896 ebendaselbst. S. besuchte die Dresdener Kunstakademie,
bereiste, 22 Jahre alt, mit dem Michael Beer'schen Stipendium Italien und
Aegypten, hielt sich kurze Zeit in London auf und liess sich dauernd in seiner
Vaterstadt nieder.
Kunst f. Alle, 11, S. 206 f.
Dr. Berghoeffer.
Pfeiffer, Engelbert, Bildhauer, * etwa 1830 in Hamburg, f 17. Oktober
1896 ebendaselbst. P. studirte unter Heidel in Berlin, war zwei Jahre Leiter
der Fernsichter Thonwaarenfabrik in Kellinghusen bei Kiel, liess sich dann
in Hamburg nieder. Werke: Markus, Johannes, Albr. Dtirer fiir die Nikolai-
Kirche in Hamburg, Modell einer Schillerstatue fiir Kiel, elf Kolossalstatuen
fiir das Schloss des H. Bolkow in Morton Hall, vier lebensgrosse Statuen,
die vier Menschenalter vorstellend, fiir den Generalkonsul Reimers (England),
Biiste des Herzogs Friedrich von Augustenburg, Denkmal des Majors Jung-
mann in Hamburg.
Allg. Ktinstler-Lex. von Seubert, Bd, 3, 1882, S. 60; Mtiller, H. A. Kttns tier-Lex.
m 1884, S. 41$.
Dr. Berghoeffer.
Munthe, Ludwig, Landschaftsmaler, * n. Marz 1841 in Aaroen bei
Bergen (Norwegen), f 30. Marz 1896 in Diisseldorf. M. war zuerst Schuler von
F. Schiertz in Bergen, kam 1861 nach Diisseldorf und war kurze Zeit Schtiler
von Alb. Flamm, bildete sich selbstandig weiter und machte Studienreisen
in Belgien, Holland, Frankreich, Danemark, Schweden, Norwegen und Italien.
Hervorragender Stimmungslandschafter von realistischer Auffassung und vor-
trefflicher Meisterschaft in der Wiedergabe feuchtglanzender Lichteffekte,
besonders in seinen Schneelandschaften bei Thauwetter.
Konversationslexika; Seubert, Allg. Kttnstler-Lex. Bd. 2., 1882, S. 618; Mtiller, H. A
Ktinstler-Lex., 1884, S. 386, Vapereau 1893, S. 1147; Zs. f. bild. Kunst N. F. Jg. 2., S. 248;
111. Ztg., Bd. 106, S. 469 (L. Schtitze); Kunst f. Alle, Jg. II, S. 238, Jg. 12, S. 293.
Dr. Berghoeffer.
Jernberg, August, Maler, * 16. September 1826 in Stockholm, f 22. Juni
1896 in Diisseldorf. J. erhielt seine Ausbildung auf der Kunstakademie seiner
Vaterstadt, dann in Paris unter Couture und seit 185 1 in Dtisseldorf, wo er
mit wenigen Unterbrechungen seinen standigen Wohnsitz nahm. Er malte anfangs
Historienbilder, Motive aus der schwedischen Geschichte, spater wandte er
sich der Genremalerei zu und malte besonders westfalische Dorfscenen, ausser-
dem auch Stillleben.
Kunst f. Alle, Jg. II, S. 316; Allg. Ktinstler-Lex., 3. Aufl. von Mtiller u. Singer,
Bd. 2, 1896, S. 270; Mtiller, A. Ktinstler-Lex. 1884 S. 283; Konversationslexika.
Dr. Berghoeffer.
Keller, Franz, Kupferstecher, * im Jahre 1821 in Linz am Rhein,
f 3. November 1896 in Dtisseldorf. K. war Schuler seines Bruders Joseph
Keller (f 1873) in der Kupferstecher-Klasse der Dusseldorfer Kunstakademie.
Arbeitete ausschliesslich in der sog. Zeichnungs- oder Kartonmanier. Von
seinen Arbeiten sind hervorzuheben: Der Heiland als guter Hirte nach der
442 Keller, Roeting. Pik.
Zeichnung Steinle's (1845), Tod Friedrich Barbarossa's nach Alfred Rethel
(1849), Der Schutzengel nach Joseph Fiihrich (1865), Die Himmelskonigin
nach Ernst Deger, Bildniss des N. v. d. Flue.
Kunst f. AUe, Jg. 12, S. 93; Allg. KUnstler-Lex. 3. Aufl. von MUller u Singer, Bd. 2,
1896, S. 320; MUller, A. Biogr. KUnstler-Lex. 1884, S. 296.
Dr. Berghoeffer.
Roeting, Julius Robert, Geschichts- und Bildnissmaler, * 13. September
1822 (nach anderen 7. September 1821) in Dresden, f 22. Mai 1896 in
Diisseldorf. R. erhielt seine erste ktinstlerische Ausbildung auf der Kunstakademie
seiner Vaterstadt bei Bendemann, kam 1850 nach Dtisseldorf und wirkte seit
1 868 als Professor an der Akademie daselbst. Hauptwerke: Columbus vor
dem hohen Rath in Salamanka (1851, Museum zu Dresden), Grablegung
Christi (1866, Kunsthalle zu Diisseldorf), Christus am Kreuze (in der Kirche
zu Leuten in Kurland), die Portrats von E. M. Arndt (1859), Emanuel
Leutze (1847), Wilh. v. Schadow, K. F. Lessing (1852, Kunsthalle zu
Diisseldorf) und Johannes Ronge.
Kunstchron. Jg. 1, S. 76 f. Kunst f. Alle, Jg. 8, S. 42, Jg. 11, S. 302 f.; Allg.
Kttnstler-Lex. von A. Seubert, Bd. 3, 1882, S. 159; MUller, H. A. Biogr. KUnstler-Lex.
1884, S. 4$of. Vapereau, G. Diet, des contemporains, 1893, S. 1358. Meyers Konv.-Lex,
Dr. Berghoeffer.
Pilz, Vincenz, Bildhauer, * den 14. November 181 6 in Warnsdorf (Boh-
men), f den 27. April 1896 in Wien. P. bezog 1837 die Wiener Akademie,
wo er in der Malschule beginnen musste, bis er in der Bildhauerschule Platz
fand. Hier lieferte er unter Kahssmann und Bauer die Basreliefs » David und
Abigail« und »Die Wiederberufung des Cincinnatus«, erhielt damit den Rei-
chelpreis und den Hofpreis und ging 1849 mit Staatsmitteln nach Rom, wo
Tenerani und Cornelius seine Lehrer wurden. Er schuf hier die Statue Ulrichs
v. Liechtenstein, ein Basrelief der heil. drei Konige und den Hausaltar der
Kaiserin Elisabeth. 1855 kehrte er nach Wien zuriick, schloss sich anfangs
mehr an Fiihrich, spater an Rahl an und entfaltete eine reiche Thatigkeit.
Im Jahre 1864 unternahm er eine Reise nach Italien, Frankreich, Holland.
Von seinen ausserordentlich zahlreichen Werken seien ausser den bereits an-
gefiihrten noch die folgenden erwahnt: Kreuzabnahme flir den Fiirsten Liech-
tenstein, die zwolf Apostel fiir Graf Breuner, Meister Pilgram (Erbauer der
St. Stephanskirche in Wien), vier Sandsteinreliefs fur den Dom zu Speyer, die
Bronzegruppe Wissenschaft und Handel (Geschenk des Kaisers an die Konigin
Viktoria von England), das Staudigldenkmal auf dem Matzleinsdorfer Friedhof,
die vier Evangelisten fiir die evangelische Schule in Wien, die Statuen Hannibal,
Haynau, Wenzel und Joh. v. Liechtenstein fiir das Arsenal, die zwei Fliigel-
rosse fiir die Loggienterrasse des Hofopernhauses (jetzt auf der Treppe der
Memorial Hall in Philadelphia), die Statue des Filrstbischofs Karl Kollonitsch
fiir die ElisabethbrUcke in Wien, die Statue des Kaisers Franz Josef fiir die
Stiftskaserne in Wien, die Statuen des Phidias und Perikles fiir die Akademie,
sechs Statuen flir das kunsthistorische Museum, zehn Statuen von Tondichtern
fiir das Musikvereinsgebaude.
Wurzbach, C. v., Biogr. Lex. d. Kaiserlhums Oesterreich Th. 22. S. 308—312; Allg.
KUnstler-Lex. 2. Afl. von Seubert Bd. 3. 1882. S. 7if.; MUller, H. A. Kttnstler-Lex. 2. Ausg.
1884. S. 419; Eisenberg u. Groner, Das geist. Wien 1889. S. 155.
Dr. Berghoeffer.
Rumpf. Streckfuss. Schweinitz. 443
Rumpf, Peter Philipp, Maler, * den 19. Dez. 1821 in Frankfurt a. M.,
t den 16. Jan. 1896 ebendaselbst. R. war Conditor, lernte die Bildhauerkunst
unter Zwerger, wurde 1838 Schtller des StaedeFschen Kunstinstituts unter
Rustige, leitete 15 Jahre lang in Frankfurt a, M. eine Privatkunstschule,
machte Studienreisen nach Mlinchen, Dresden, Paris und Oberitalien und liess
sich 1875 *n Kronberg bei Frankfurt a. M. nieder. Er malte Landschaften,
Portraits und Familiengenrebilder.
Allg. Kttnstler-Lex. 2. Aufl. von A. Scubert Bd. 3. 1882 S. 182 f.; MOller, H, A.
Kttnstler-Lex. d. Gegenw. 2. Aufl. 1884. S. 453; Kaulcn, W. Freud u. Leid im Leben
deutscher KUnstlcr. 1878. S. 306—309.
Dr. Berghoeffer.
Streckfuss, Karl Wilhelm, Bildniss- und Landschaftsmaler, * den 3. No-
vember 181 7 in Merseburg, f den 6. November 1896 in Friedenau bei Berlin.
S. begann 1836 seine Studien in Berlin unter Herbig, ging 1837 nach Diissel-
dorf, wo er als Schliler Sohns historische Darstellungen malte. 1840 ging er
nach Berlin, 1841 nach Paris, wo er unter Delaroche arbeitete, 1843 nach
Italien und liess sich 1844 in Berlin nieder. Er schuf u. a. folgende Werke:
Undine (1838), Ruth und Naemi (1839), Romulus und Remus von der Wolfin
gesaugt, die vier Jahreszeiten , Glaube Liebe HofFnung, Anna v. Oesterreich
dem emporten Volke Ludwig XIV. zeigend, Miihle bei Petersdorf in Schlesien,
Morgendammerung im Urwald, Blick auf Usedom. 1863 erfand er die s. g.
Fluchtpunktschiene zur Zeichnung perspektivischer Parallelen.
Allg. KUnstler-Lex. 2. Aufl. von Seubert. Bd. 3. 1882. S. 379; Mtiller, H. A.
KUnstler-Lex. 1884. S. 509.
Dr. Berghoeffer
Schweinitz, Rudolf, Bildhauer, * den 15. Jan. 1839 *n Charlottenburg,
f den 7. Januar 1896 in Berlin. S. war Schuler der Berliner Akademie und
Schievelbeins (1855 — 65), machte Studienreisen nach Paris, Rom, Kopenhagen,
Mtinchen und Wien (1865 — 66). Er war Schievelbein namendich bei Aus-
liihrung des Steindenkmals behilflich und schuf folgende Hauptwerke: Aehren-
lesende Ruth, betende Italienerin, Psyche (1871), Gruppe der drei bildenden
Kunste ftir das Giebeldreieck der Nationalgalerie, eine Germania fiir das
Kriegerdenkmal der Stadt Gera (1874), drei Kolossalgruppen ftir die Konigs-
briicke zu Berlin (Rhein, Oder und Kampf), das Standbild des Hochmeisters
Hermann v. Salza und die Reliefs mit der Griindung der Stadt Thorn und
dem Kampf des deutschen Ordens gegen die heidnischen Preussen fiir die
Weichselbriicke in Thorn, zehn Statuen fur das Postament des Denkmals
Friedrich Wilhelms III. in Koln (Schoen, Solms, Schamhorst, Beuth, W. Hum-
boldt, A. Humboldt, Niebuhr, Gneisenau, Arndt, Motz, 1878), Reliefs aus der
Geschichte Berlins an der Balkonbrlistung des Berliner Rathhauses, der ge-
fahrdete Amor (Nationalgalerie, 1881), tanzende Bajadere, Eva, Marmorbliste
des Kronprinzen Friedrich Wilhelm (1872), des Kaisers Wilhelm I. (1882),
Bronzeblisten der Feldmarschalle Moritz v. Dessau, Keith, Gessler ftir die
Ruhmeshalle (1882 — 83), Doppeldenkmal der Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III.
ftir FUrstenwalde (1893).
Allg. KUnstler-Lex. 2. Aufl. von A. Seubert Bd. 3. 1882. S. 284; Mliller, H. A. Kttnst-
ler-Lex. 2. Ausg. 1884. S. 483; Konversationslexika.
Dr. Berghoeffer.
444 Stichart. Trossin. Vosz. Erzherzog Karl Ludwig.
Stichart, Alexander, Historienmaler, * im Jahre 1838 zu Werdau
i. S., f 2. Juli 1896 in Johstadt i. S. S. besuchte die Dresdener Akademie
unter Schnorr v. Carolsfeld, studirte dann in Mttnchen und Antwerpen bei
van Lerius, arbeitete einige Jahre bei Griepenkerl in Wien und liess sich
Anfang der 70 er Jahre in Dresden nieder. S. make religiose Bilder und Sammel-
bilder zu Marchen. Er gehorte dem Verein bildender KUnstler Dresdens
(Secession) an.
Kunst f. Alle, Jg. n, 332.
Dr. Berghoeffer.
Trossin, Robert, Kupferstecher, * 14. Mai 1820 in Bromberg, f 1. Fe-
bruar 1896 in Berlin. T. war in Berlin 1835 — 44 Buchhorn's, 1844 — 46 Mandel's
Schiiler, wurde im Jahre 1850 zur Leitung der Kupferstechschule nach
Konigsberg berufen, wo er 35 Jahre lang als Lehrer wirkte, um dann nach
Berlin zurlickzukehren. Stiche: Italienischer Fischerknabe nach Magnus (1846),
Bildniss A. v. Humboldt's (1850), Bildniss des Grafen v. Kayserling fur die
neue Ausgabe der Werke Friedrich's des Grossen, Mater dolorosa nach Guido
Reni (1852), Quirlverkauferin aus dem Harzgebirge nach Ed. Meyerheim zu-
sammen mit G. Michaelis (1855), die Tochter Jephta's nach Jul. Schrader
(1859), der betende M6nch am Sarge Heinrich's IV. nach Lessing, Dilettanten-
quartett nach Hiddemann (1868), Sonntagnachmittag in einem schwabischen
Dorf nach Vautier, ein Tierstiick nach Frdr. Voltz, der Morgengruss nach
Carl Becker, Vision des heil. Antonius von Padua nach dem Berliner Bilde
des Murillo (1877), Venetianerin nach Savoldo, Carl's I. Tochter nach van
Dyck, im Wittwenschleier nach Defregger.
Die vervielfiilt. Kunst der Gegenw. II, 1891, S. 89 f. (R. Muther); Seubert A., Allg.
Kttnstler-Lex. Bd. 3, 1882, S. 451 f.; Mtillcr, A. Ktinstler-Lex. 1884, S. 526.
Dr. Berghoeffer.
Vosz, Karl, Bildhauer, * 5. November 1825 zu Dunnwald bei Koln,
f 22. August 1896 in Bonn. V. studirte in Mtinchen, Bnissel und Rom. Er
bethatigte sich ausschliesslich in der antikisirenden Richtung. Werke : Brunnen
im Centralpark zu Boston, Bacchantin mit dem jungen Bacchus scherzend
(Schloss zu Berlin), Ganymed (Orangerie in Potsdam), Hebe den Adler trankend,
Amor und Psyche (die beiden letzteren im Museum zu Ktfln), Rebekka am
Brunnen, Loreley, Ruth (ftir den Freiherrn von Diergardt-Viersen), Sappho.
Kunst f. Alle, Jg. 12, 28; Seubert, Allg. Ktinstler-Lex., Bd. 3, 1882, S. 536; Mttller,
A. Ktinstler-Lex. 1S84, S. 541.
Dr. Berghoeffer.
Karl Ludwig, Erzherzog von Oesterreich, * am 30. Juli 1833 zu Schon-
brunn, f am 19. Mai 1896 in Wien. — Der Vater, Erzherzog Franz Karl,
* am 27. December 1802, hatte sich am 24. November 1824 mit der neun-
zehnjahrigen Prinzessin Sophie von Bayern, Tochter des Konigs Maximilian I.
und der zweiten Gemahlin desselben, Prinzessin Karoline von Baden, in sei-
nem 22. Lebensjahre vermahlt. Nachdem am 18. August 1830 Kaiser Franz
Josef und am 6. Juli 1832 Erzherzog Ferdinand Max, Kaiser von Mexico, ge-
boren waren, erblickte Erzherzog K. L. als dritter Sohn das Licht der Welt.
Der junge Erzherzog war von schwacher Gesundheit; er hatte die Kinderkrank-
heiten zu iiberstehen und bekam emen Typhus, bei dem man ftir sein Leben
Erzherzog Karl Ludwig. 445
ftirchtete. Nach der Genesung aber entwickelte er sich alsbald um so kraf-
tiger und gedieh in den Jiinglingsjahren zu besonderer Rlistigkeit. Einen vor-
trefflichen Einfluss tibte auf das Gemiith des jungen Prinzen Baronin Marie
Louise Sturmfeder, Tochter des kurpfalzischen Geheimen Rathes Karl Theo-
dor Freiherm Sturmfeder von und zu Oppersweiler, die als Aja den Erzherzog
sowie die alteren Prinzen wahrend der Kinderjahre leitete. Erzherzog K. L.
bewahrte ihr die kindliche Anhanglichkeit fttr immer, und 1866 erwies er ihr,
nachdem er zwei Tage an ihrem Sterbelager geweilt hatte, auf dem Schmelzer
Friedhofe die letzte Ehre. Als der junge Erzherzog unter mannliche Hand
kommen sollte, wurde er dem Grafen Heinrich Franz Bombelles, einem edel-
gesinnten, grtindlich gebildeten Manne, anvertraut, der bereits seit 1836, nach-
dem er zuletzt Gesandter in Turin gewesen, im Hause als Ajo der beiden
alteren Prinzen thatig war. Drei Dienstkammerer des Erzherzogs Franz Karl
waren zur Untersttitzung und gemeinsamen Dienstleistung beigegeben, indessen
war jeder einem der Erzherzoge besonders zugetheilt. Dem Erzherzoge Franz
Josef war Reichsgraf Johann Baptist Alexius von Coronini-Cronberg, dem Erz-
herzog K. L. Graf Karl Morzin zugewiesen. Den ersten Unterricht gab der
Oberfeuerwerker Johann Ritter von Wittek, nachmals Oberlieutenant der Tra-
bantenleibgarde. Erzherzogin Sophie nahm an der Organisation des Unterrichts
den regsten Antheil und war haufig bei den Lectionen anwesend. Um auch
den Wetteifer anzuregen, hatte sie die Einrichtung getroffen, dass die gleich-
alterigen Spielgenossen der hohen Zoglinge dem Unterrichte beiwohnen durften.
Der junge Graf Franz Coronini, nachmals President des Abgeordnetenhauses,
nahm an den Lernstunden des Erzherzogs K. L. theil. Der Unterricht wurde
fachmannischen Kraften tibertragen. Religion lehrte der Domherr Columbus,
Geschichte Professor Fick. Ftir den Unterricht in der Philosophic wurde, als
Erzherzog Franz Josef im flinfzehnten Lebensjahre stand, der Director der
Orientalischen Akademie, Abt Rauscher, der nachmalige Cardinal und Furst-
erzbischof von Wien, berufen. »Ich sehe mich also genothigU — so schrieb
Rauscher 1844 an Cardinal Schwarzenberg nach einer Bemerkung iiber den
damaligen Stand der philosophischen Litteratur — »zum Behufe meiner Vor-
trage einen Abriss der Philosophic zu verfassen, und ich brauche Eurer Emi-
nenz nicht zu sagen, dass dies keine kleine Aufgabe ist.« Im Herbst 1845 unter-
nahm der Erzherzog mit seinen alteren Briidern eineReise nach ItaJien und machte
1847 e*ne Fahrt nach Bohmen. Die inzwischen fortgesetzten Studien wurden
bald durch die Marztage und deren Folgen gestort. Am 25. April 1848 wohnte
der Erzherzog mit seinem Vater und altesten Bruder der Revue tiber die Na-
tionalbiirgergarde und Studentenlegion auf dem Glacis bei und nahm an dem
Feldgottesdienste zur Feier der Constitution theil. Doch schon am 18. Mai
reiste, nachdem sich Erzherzog Franz Josef auf den italienischen Kriegsschau-
platz begeben hatte, Erzherzog K. L. mit seinem Bruder Ferdinand Max,
den Eltern und dem kaiserlichen Hofe von Wien nach Innsbruck. Der be-
geisterte Empfang, den die Bevolkerung hier dem Hofe bereitete, machte auf
den Erzherzog einen bis ans Lebensende nachhaltenden Eindruck. Wahrend
des elfwochentlichen Aufenthaltes in dem schonen, kaisertreuen Tirol gewann
er ftir das Land und dessen Bewohner eine Vorliebe, die vermuthlich eine Ur-
sache war, dass er grade hier seine staatsmannische Thatigkeit beginnen sollte.
Am 8. August reiste der Hof von Innsbruck zuriick und bezog das Lustschloss
Schonbrunn, aber schon am 6. October wurde die Reise nach Olmiitz an-
getreten, wo die kaiserliche Familie mit dem erzherzoglichen Hause am
446 Erzherzog Karl Ludwig.
14. October ankam. Die Studien nahmen ihren Fortgang. Neben dem Unter-
richt in fremden Sprachen, der erprobten Meistern aus Wien anvertraut war,
wurden militarwissenschaftliche Facher von dem Hauptmann Baron Saffran
gelehrt. Rauscher, der zu den Vortragen Uber Philosophie auch die fiir Ge-
schichte Ubernommen hatte, wurde gleichfalls an das Hoflager nach Olmiitz
berufen. Hochst erfreut war der ftinfzehnjahrige Erzherzog, als er 1848 zum
Oberst-Inhaber des zweiten Cheveauxlegers- Regimen tes (Ulanen-Regimentes
Nr. 7) ernannt wurde. Obwohl er sich damals fiir militarische Dinge sehr
interessirte, so war die militarische Laufbahn nicht seine Bestimmung. Die
Betheiligung an der obersten Staatsverwaltung ward schon bei seiner Vorbil-
dung in Aussicht genommen. Bezliglich des Thronwechsels, der sich am 2. De-
cember 1848 in Olmtitz vollzog, liegt keine Aeusserung des Erzherzogs vor.
Im Mai kehrte das erzherzogliche Haus nach SchSnbrunn zurilck und tibersie-
delte am 28. November in die Hofburg nach Wien. Die philosophischen
Studien fanden ihren Abschluss, als Rauscher im April 1849 zum Ftirstbischof
von Seckau consecrirt worden war. Bald darauf ward Johann von Perthaler
berufen, den beiden Erzherzogen Ferdinand Max und K. L. Vortrage Uber
Rechts- und Staatswissenschaften zu halten. Er war eben aus dem Frankfurter
Parlament, wo er durch die Schrift »Das Erbkaiserthum Kleindeutschland*
den grossdeutschen Standpunkt vertreten hatte, zuriickgekommen und im Mai
1849 wieder ins Justizministerium eingetreten, als er, durch Freiherrn von
Pratobevera empfohlen, die ehrenvolle Berufung an den Hof erhielt. Auch
nach Abschluss dieser Vortrage, 1853, blieb der Erzherzog mit Perthaler bis
zu dessen Tode, 1862, in regem Verkehr. Er erhielt von ihm geistvolle Briefe
in Lemberg wahrend des Krimkrieges und in Innsbruck tiber die Administration
Tirols. Ausser den sechs an den Erzherzog gerichteten Briefen, die unter
den nachgelassenen Schriften Perthalers verOffentlicht wurden, befinden sich im
Nachlasse des Erzherzogs noch zahlreiche Briefe, die einer besonderen Publi-
cation vorbehalten sein mogen und um so interessanter sind, als Perthaler seit
1859 Schmerling beim Entwurf der Verfassung zur Seite stand und wichtige
Staatsschriften, wie das Februarpatent, die Adresse des Gesammtministeriums
an den Kaiser sowie besonders die Thronrede vom 1. Mai 1861 abfasste. Im
Herbst 1850 bereiste der Erzherzog mit seinem Bruder Ferdinand Max den
Orient. Die jungen Erzherzoge fuhren uber Triest nach Athen und Smyrna*
Nachdem Erzherzog K. L. 1852 mit dem Orden des goldenen Vlieses geschmiickt
worden war, wurde er, um in den praktischen Verwaltungsdienst eingefiihrt
zu werden, der galizischen Statthalterei zugetheilt. Wahrend seines Aufenthaltes
in Lemberg, wo er am 23. December 1853 eintraf, legte er durch sein gewin-
nendes Wesen den Grund zu jener Beliebtheit, deren er sich bei den Polen
durch sein ganzes Leben erfreute. Mit dem Statthalter Grafen Goluchowski
nahm er mehrere Bereisungen des Landes vor. Den Orientkrieg, der sich in
jener Zeit entwickelte und das Grenzland so nahe anging, verfolgte der Erz-
herzog mit lebhaftem Interesse. Er liess sich Uber die Stimmung der pol-
nischen und der ruthenischen Bevolkerung, Uber aJle Vorkehrungen finanzieller
und militarischer Art ausfUhrlich berichten. Im Januar 1854, als die West-
machte ihre Flotten ins Schwarze Meer gesendet hatten, machte Perthaler den
Erzherzog auf die Absichten Russlands aufmerksam und setzte ihm die An-
sprUche Oesterreichs auseinander, die Metternich zur Zeit des Friedens von
Adrianopel 1829 nicht zu wahren gewusst hatte. Er schrieb: »Ueberall hort
man von UneigennUtzigkeit, und doch ist allenthalben nur Gierde nach der
Erzherzog Karl Ludwig. 447
Beute zu erkennen. Und ist auch nur ein Schatten von Recht fur diesen Besitz-
nehmungseifer der genannten Staaten vorhanden? Wenn irgend ein Staat ein
Recht geltend machen kann, so ist es Oesterreich und Oesterreich allein.
Es ist ein weltgeschichtliches Entscheidungsrecht, welches von Oesterreich in
die Wagschale gelegt werden kann . . . Mit osterreichischem Blute ist die
Freiheit Europas vom ttirkischen Uebermuthe erkauft, und wenn nun die
ttirkischen Barbaren aus Europa weichen, so hat Oesterreich allein das Recht,
zu sagen: Kraft eines unleugbaren Entschadigungsrechtes gebtirt das ver-
lassene Lager mir! Oesterreich hat noch keinen Preis ftir dieses sein helden-
miithiges Ringen, es hat noch nicht einmal den Ersatz dessen erlangt, was
es ftir sich und Europa im Kampfe mit der Tiirkei eingesetzt hat . . .«
Doch spricht Perthaler mit Rticksicht auf die damalige Lage den Wunsch
aus, dass Oesterreich neutral bleiben moge. Es soil damals die Absicht be-
standen haben, dem Kronlande Galizien eine grOssere Selbstandigkeit zu
verleihen und den Erzherzog als Vicekonig oder Gouverneur an die Spitze
dieses KSnigreiches zu stellen. Wenn aber dieses Project tiberhaupt ernsdich
ins Auge gefasst wurde, so liessen die Beziehungen zu anderen MSchten und
die Consequenzen ftir die innere Politik die Ausflihrung eines solchen Planes
nicht rathsam erscheinen. Erzherzog K. L. wurde am 30. Juli 1855, als er
eben sein 22. Lebensjahr vollendet hatte, zum Statthalter des Landes Tirol
ernannt, unter gleichzeitiger Beforderung zum Generalmajor. Nachdem er
die schon langst beabsichtigte Reise in die Bukowina unternommen hatte,
verliess er Lemberg am 19. August 1855.
Die Tiroler empfanden die Ernennung des neuen Statthalters als Beweis
besonderer kaiserlicher Gnade und als Btirgschaft der Abhilfe und Errettung
aus Zustanden und Verhaltnissen, von denen sie sich bedriickt ftihlten, und
bereiteten dem Erzherzog, als er im September erschien, einen liberaus be-
geisterten Empfang. Im October unternahm der Erzherzog die erste grosse
Bereisung seines Verwaltungsgebietes, 1856 machte er noch eine besondere
Reise nach Vorarlberg, 1857 ins Pusterthal, 1858 nach Slidtirol. Er ver-
schaffte sich stets genaue Kenntniss aller Verhaltnisse. In den Kreisamtern
und Praturen sah er die Acten durch und gewann Einblick in die Amts-
ftihrung; er besuchte Geiangnisse, Spitaler und Kinderasyle, schenkte den
Schulen, namentlich den Gymnasien, besondere Aufmerksamkeit und nahm
Fabriken und Gewerkschaften, Uferschutzbauten und Strassenanlagen in
Augenschein. Ftir den Bauernstand, der mit harter Arbeit sein Dasein
fristet, hatte er ein warmflihlendes Herz. An der Ausdehnung und Verscho-
nerung der Landeshauptstadt nahm er regen Antheil. Das Statthalterei-
gebaude in Innsbruck erweiterte er durch einen wichtigen Zubau und brachte
das werthvolle Archiv in zweckdienlich eingerichteten Raumen unter. Im
Schlosse Ambras nahm er nach Forster's Entwlirfen die nothwendigen Aen-
derungen vor, um es bewohnbar zu machen. Er bemtihte sich, leider ohne
Erfolg, die Rticksendung der Ambraser Sammlung von Wien nach Tirol
durchzusetzen. Die Erhaltung alter Bauten, historischer und Kunstdenkmaler
Hess er sich immer angelegen sein. Zur Wiederherstellung der landesftirst-
lichen Burg in Meran widmete er einen namhaften Betrag und den Altar
zu St. Katharina in der Scharte liess er auf eigene Kosten neu herrichten.
Ftir die Restaurirung des Domes in Trient verdankt man ihm die Essen-
wein'schen Plane. Besonders war er auch auf die Forderung der Gewerbe
bedacht. Durch ihn wurde zum erstenmal in Tirol der erst 34 Jahre spater
448 Erzherzog Karl Ludwig.
verwirklichte Plan angeregt, eine Landesausstellung fur Kunst, Industrie und
Gewerbe zu veranstalten. Es war der 15. Mai 1859 als Tag der Eroffhung
festgesetzt, und nur der Krieg verhinderte die Ausfiihrung. Hohe Verdienste
erwarb er sich um die Ausbildung der standischen Verfassung und der Landes-
vertretung. Schon 1858 hatte er einen Preis von 25 Ducaten ftir die beste
Bearbeitung der »Geschichte der Entwickelung der tirolischen Standever-
fassung vom 14. Jahrhundert bis einschliesslich zum sogenannten offenen
Landtag des Jahres 1790* ausgeschrieben. Inzwischen brach der italienische
Krieg aus, und mit der Organisation der Landesvertheidigung liess sich zu-
nachst die Erweiterung des Landesausschusses verbinden. Als der Erzherzog
von seiner Reise, die er nach dem Tode seiner ersten Gemahlin nach Rom
unternommen hatte, 1859 in aller Stille nach Innsbruck zurlickgekehrt war,
begannen die Truppenmarsche ins Venezianische. Mit grftsstem Eifer setzte
der Erzherzog alle Krafte ein, um die Tiroler und Vorarlberger Landesver-
theidigung zu reorganisiren und ihr die Wehrkraft zu verleihen, die dieser
alten Einrichtung entsprach. Im Mai 1859 brachte der Erzherzog die vom
Kaiser genehmigte Landesvertheidigungsordnung bereits zur allgemeinen
Kenntniss. Sie war so vortrefflich eingerichtet, dass unter freier Bethatigung
der Gemeinden und Berticksichtigung der Leistungsfahigkeit die Aufstellung
der ganzen Mannschaft von 24 000 Kopfen keinerlei Schwierigkeiten bieten
konnte. Als Garibaldi die tirolische Grenze bedrohte, veroffendichte der
Erzherzog-Statthalter das vom 1. Juni 1859 aus Verona datirte Manifest des
Kaisers »An Meine treuen Tiroler und Vorarlberger*, durch welches die
Landesschiitzen zu den Waffen gerufen wurden. Sodann bereiste der Erz-
herzog alle Thaler und betrieb personlich die Bildung der Schiitzencompagnien.
Am Tage nach der Schlacht von Solferino befand er sich auf der Reise ins
Pusterthal, wo sich italienische Emissare und Spione als Holzhandler herum-
trieben. Nachdem am 12. Juli der Waffenstillstand von Villafranca dem
Kampfe ein unerwartetes Ende bereitet hatte, kehrte der Prinz am 18. Juli von
Bozen nach Innsbruck zuriick. Ueberall hatte er die Tiroler zu sturmischer
Begeisterung entflammt. Eine bewunderungswtirdige Opferwilligkeit und Hin-
gebung war die Folge seiner personlichen Einflussnahme gewesen. In der
kurzen Zeit waren 50 Schlitzencompagnien mit 7500 Mann an die Grenze
marschirt, 8 Compagnien standen marschbereit, und in wenigen Tagen ware
das ganze Contingent von 24 000 Mann kampfbereit dem Feinde gegentiber-
gestanden. Noch am 12. Juli drtickte der Kaiser von Verona aus durch ein
Handschreiben den Tirolern fur die bewiesene Opferwilligkeit in hochst gna-
digen Worten seinen Dank aus. Erzherzog K. L. gab zahlreiche Beweise
der Erkenndichkeit in Wort und That. Als das nach der Entlassung Bach's
berufene Ministerium Goluchowski standische Vertretungen ftir die einzelnen
Lander verhiess, besass Tirol bereits den durch das Eingreifen des Erzherzog-
Statthalters verstarkten Ausschuss. Es war eine verdiente Anerkennung, dass
der Kaiser dem Erzherzog am 21. September 1859 »fiir die vielen Verdienste,
die sich der Erzherzog als Statthalter und in der letzten bewegten Zeit durch
unermudete Fursorge fur das Beste des Landes erworben hat«, das Grosskreuz
des St. Stephansordens verlieh. Der Wunsch des Landes nach Verminderung
der Uebertragungsgebiiren fur bauerlichen Grundbesitz ward durch kaiser-
lichen Gnadenact vom 11. Januar i860 erfiillt. Die Frage der Ansassig-
machung von Akatholiken oder die Aufrechterhaltung der Glaubenseinheit
im Lande wurde als eine nach den Worten des Kaisers von alien Seiten
Erzherzog Karl Ludwig. 449
reiflicher Erwagung bediirftige Angelegenheit dem kiinftigen Landtage zur Be-
handlung zugewiesen. Die Berathungen iiber die Landesordnung erfolgten
unterdessen im Landhause unter dem Vorsitze des Erzherzogs. Am 20. Oc-
tober i860 wurde die neue Landesordnung gleichzeitig mit dem Erscheinen
des die Reichsverfassung betreffenden Diploms vom Kaiser genehmigt. Als
indessen am 13. December i860 Graf Goluchowski zuriickgetreten und
Schmerling als Staatsminister berufen worden war, trat der reichseinheitliche
Gedanke in den Vordergrund und durch das Februarpatent vom 26. Februar
1 86 1, das neue Staatsgrundgesetz fur die Reichs- und Landesvertretungen,
wurde die tirolische Landesverfassung erweitert und abgeandert. Am 6. April
1 86 1 erdffnete Erzherzog K. L. unter grossen Feierlichkeiten den neuen Land-
tag. Zwei Tage darauf erschien das Patent vom 8. April 1861, durch welches
den Protestanten in alien deutschen und slavischen Erblandern, unter denen
Tirol ausdrticklich genannt war, freie Religionsiibung zugesichert wurde.
Doch glaubte der tirolische Landtag im Hinblick darauf, dass die Religions-
frage durch das kaiserliche Handschreiben vom 7. September 1859 seiner
Berathung zugewiesen worden war, bei der fruheren Resolution des standischen
Ausschusses beharren zu konnen, und erhob am 17. April den durch den
Hinweis auf Tirols Privilegien und entsprechende Zustande in Mecklenburg,
Sachsen-Weimar und anderwarts begriindeten Antrag des Flirstbischofs Vincenz
Gasser von Brixen zum Beschlusse, dass das Recht der Oeffentlichkeit der
Religionsiibung in Tirol nur der katholischen Kirche zustehe. Der Landtag
wurde am 24. April geschlossen. Der Erzherzog-Statthalter dankte, als die
Deputation des Landtages von ihm in Audienz empfangen wurde, dem Be-
nch ters tatter des Ausschusses in der Religionsfrage, iiber dessen Eintreten fur
die Glaubenseinheit erfreut, und driickte seine Sympathie aus. An demselben Tage
reiste er nach Wien, um iiber die Ergebnisse der Landtagssession zu berichten
und bei der Eroffnung des Reichsrathes am 1. Mai 1861 anwesend zu sein.
Der Erzherzog sah alsbald, dass die Dinge, die sich in Wien vollzogen, mit
den Anschauungen und Empfindungen des von ihm verwalteten Landes nicht
in Einklang zu bringen sein wiirden, und bemiihte sich, zunachst beruhigend
und beschwichtigend auf die Bevolkerung Tirols einzuwirken. Er erklarte
dem Fiirstbischof brieflich, er bleibe seiner bekannten Ueberzeugung in Bezug
auf die Glaubenseinheit in Tirol treu, aber die Agitation gegen das Patent
vom 8. April 1861 diirfe er nicht dulden, sie sei unklug und ungesetzlich.
Als der Fiirstbischof am 18. Juni seine Antwort an den Erzherzog abgehen
liess, erhielt er den Erlass Schmerling' s, dass dem Landtagsbeschluss vom 17.
April die Allerhochste Sanction nicht ertheilt worden sei. Erzherzog K. L.
richtete am 17. Juni von Schonbrunn aus an die Bezirksamter Tirols einen
Erlass, in welchem er beziiglich der Sammlung von Unterschriften fiir ein
die Glaubenseinheit betreffendes Majestatsgesuch, das man dem Kaiser durch
eine Deputation iiberreichen wolle, erklarte, dass der Kaiser die Absendung
einer solchen Deputation nicht billige. Am 19. Juni beantwortete Schmerling
eine Interpellation iiber den Beschluss des tirolischen Landtages mit der Eroffnung,
der Kaiser habe die Sanction abgelehnt und den Erzherzog-Statthalter an-
gewiesen, die Agitation zu Gunsten des Beschlusses nicht zu dulden. Durch
einen neuen Erlass vom 23. Juni 1861 forderte der Erzherzog die Tiroler
Bezirksamter auf, die Bevolkerung mit Ernst und Nachdruck zu belehren, sie
moge sich vor ubereilten Schritten bewahren, damit strengere Massregeln
uberflussig wiirden, und die Bevolkerung moge sich diesfalls mit den kirch-
Biogr. Jabrb. u. Deutacher Nekrolog. 2. Dd. 29
4c o Erzherzog Karl Ludwig.
lichen Organen ins Einvernehmen setzen. Schon seit dem Herbst 1859, da
die Arbeiten fur die Verfassung ihren Anfang nahmen, waren Befurchtungen
laut geworden, dass die Stellung eines kaiserlichen Prinzen mit dem Amt
eines Statthalters kunftig nicht mehr wiirde vereinbar sein, da mit der Ein-
fuhrung der Reichsverfassung nicht allein die Provinzialverwaltung eingeschrankt
wiirde, sondern insbesondere auch die Statthalter in dienstliche Abhangigkeit
von dem Ministerium, clas dem Reichsrath verantwortlich ist, gerathen mussten.
Der Erzherzog-Statthalter, der die Folgen der geanderten Verhaltnisse er-
kannte, huldigte einer streng conservativen Richtung und vertrat den reichs-
einheitlichen Standpunkt der pragmatischen Sanction; doch wollte er die be-
rechtigten Eigenthlimlichkeiten der Lander gewahrt und geschont wissen.
Er wlinschte nicht nur, dass alle Volker des Reiches zu strenger Einheit ge-
fiigt und mit den unldslichen Banden der gemeinsamen Interessen fest um-
schlossen seien, sondern auch, dass die Besonderheiten aller Lander der
Monarchic erhalten und veredelt wiirden, in der Ueberzeugung, dass die
Sonderinteressen der Theile unter der Macht der Gerechtigkeit und des Wohl-
wollens einander nicht widerstreiten. Bei der hohen Achtung, von der er fiir
die Majestat des Kaisers erflillt war, bei der innigen und wechselseitigen
Liebe, die ihn mit dem kaiserlichen Bruder verband, bei dem strengen Ge-
horsam, mit dem er sich dessen Befehlen unterwarf, schloss er sich in den
schwierigen Verfassungsfragen stets den Entschliessungen des Kaisers aufs
innigste an. Da er die durch die Verfassung geanderte Stellung mit seiner
Wiirde als Mitglied des regierenden Herrscherhauses nicht mehr vereinbar
fand, bat er seinen kaiserlichen Bruder urn Enthebung von der Statthalter-
schaft in Tirol. Am 11. Juli 1861 gewahrte der Kaiser die Bitte und sprach
fiir die unter schwierigen Verhaltnissen mit erprobter Hingebung und Umsicht
geleisteten ausgezeichneten Dienste zugleich seinen anerkennenden Dank aus.
Riihrend waren die Beweise der Dankbarkeit des Landes und besonders der
Stadt Innsbruck beim Scheiden des geliebteri Erzherzogs, der seinerseits das
ihn vergotternde Volk niemals vergass. Der Erzherzog sah Tirol 1863 wieder,
da er als Stellvertreter des Kaisers zur Jubelfeier der soojahrigen Vereinigung
Tirols mit Oesterreich erschien. Zum zweitenmal hatte er Gelegenheit,
wiederum nach Tirol zu kommen, als er vom Kaiser 1866 entsandt wurde,
um bei den Vorbereitungen zur Landesvertheidigung anwesend zu sein, da die
Grenzen wieder bedroht wraren. Es war eine schwere Zeit. In Innsbruck, wo
er am 14. Juni abends ankam, und in der Burg, in der auch Kaiser Ferdinand
und Kaiserin Maria Anna residirten, dieselben Gemacher bewohnte, die er
als Statthalter inne hatte, besichtigte er an den folgenden Tagen die Schiitzen-
compagnien, Stadt und Bezirk Innsbruck, Stubaierthal, Lans, Schwaz, Ratten-
berg, dann die Studentencompagnie , sowie die Tiroler Freiwillige Schutzen-
compagnie aus Wien und hielt dabei begeisternde Ansprachen. Vom 20. Juni
bis 6. Juli bereiste er die Thaler, um die marschfertigen Compagnien zu
ermuthigen und die Aufstelluug der noch in Bildung begriffenen zu be-
schleunigen. Schmerzlich beriihrt von den betriibenden, wenn auch noch
unbestimmten Nachrichten vom nordlichen Kriegsschauplatz, die nach den
erfreulichen Meldungen iiber den Tag von Custozza nur schwerer empfunden
wurden, setzte er um so eifriger seine Thatigkeit fort. Fast niederschmetternd
aber wirkten auf den edlen Prinzen die Mittheilungen, die er bei seiner
Riickkehr nach Innsbruck vom Statthalter erhielt, wonach Oesterreich bereit
sei, infolge der Schlacht bei Koniggratz Venezien abzutreten. Der Erzherzog
Erzherzog Karl Ludwig. 451
Schick te sich zur Heimkehr an. Er fuhr nach Penzing, um in Schonbrunn
vorzusprechen. Der Kaiser befand sich in der Stadt, die Kaiserin war in
aller Friihe nach Ofen gereist, um Verwundete zu besuchen. Erzherzog K. L.
begab sich zum Konige von Sachsen, der im Meidlinger Tract wohnte. Bald
darauf kam der Kaiser, sichtlich ergriffen, und ging mit seinem Bruder in
den reservirten Garten vor der Wohnung der Kaiserin, wo er lange Zeit mit
ihm sprach.
Die Entwickelung der Verfassung, die nach dem Kriege 1859 ihren An-
fang nahm und jetzt nach dem Kriege von 1866 eine vorlaufig abschliessende
Gestalt erhielt, verfolgte der Erzherzog mit lebhaftem Interesse. Nachdem er
auf sein Amt als Statthalter verzichtet hatte, nahm er noch in demselben
Monat, Juli 1861, an der Sitzung des Herrenhauses, in der iiber die Geschafts-
ordnung berathen wurde, und ebenso im September 1861 an der Berathung
iiber die Aufhebung des Lehensverbandes theil und gab seine Stimme in con-
servativem Sinne ab. Doch zog er es spaterhin vor, von dem Rechte seiner
Geburt und Stellung Gebrauch machend, seine Ansichten in alien wichtigen
politischen Fragen unmittelbar zur Kenntniss des Kaisers gelangen zu lassen.
Seiner religiosen Ueberzeugung gemass versaumte er es niemals, in den kirchen-
politischen Angelegenheiten seinen kaiserlichen Bruder in dem Sinne zu be-
rathen, dass er seine Anschauungen liber die Rechte der Kirche freimtithig
ausserte. Da seine Meinung immer gerne einvernommen wurde, so schrieb
er in wichtigen Fallen ausftthrliche, auf griindlichen Studien beruhende Vor-
stellungen, wie iiber Congrua, Civilehe und ahnliche Gegenstande, und legte
so seinen eingehend motivirten Rath an den Stufen des Thrones nieder.
Gegeniiber den Vertretern anderer politischer Ansichten verhielt sich der Erz-
herzog in ritterlichem Edelmuth zuriickhaltend. In zweifelhaften Fallen kam
es vor, dass er die eigene, selbst viel bessere Meinung den Anschauungen
anderer unterordnete. Doch trat er mit den Beweisen seiner Dankbarkeit
gegen diejenigen hervor, die das Wohl des Staates nach conservativen Grund-
satzen gefordert und sich in leitender Stellung Verdienste erworben hatten.
Dem Minister Alexander Freiherrn von Bach bewahrte er sein erkenntliches
Wohlwollen und blieb mit ihm bis zu dessen Tode in freundschaftlichem Vcr-
kehre. Mit dem feinsinnigen und schneidigen Linzer Bischof Franz Josef
Rudigier, dessen treue Anhanglichkeit an das Kaiserhaus er hochschatzte,
stand er lange im Briefwechsel.
Mit grosstem Eifer widmete sich der Erzherzog den auswartigen Verhalt-
nissen und beniitzte jede in seiner Sphare sich darbietende Gelegenheit, die
aussere Machtstellung des Reiches zu fordern. In der Pflege der guten Be-
ziehungen zum Auslande hatte er bemerkenswerthe Erfolge. Am 12. October
1 861 reiste er in Vertretung seines kaiserlichen Bruders zur Feier der Kro-
nung Wilhelms I. als Konigs von Preussen nach Konigsberg, und begab sich
wiederholt nach England und Frankreich, sowie an verschiedene Fiirstenhofe
Deutschlands. Mit dem Prinzen Albrecht von Preussen war er sehr befreundet
und stand mit ihm in Correspondenz. Viermal wurde der Erzherzog nach
Russland gesendet. Er war bei der Bestattung des Czars Alexander II. 1881
zugegen und wohnte 1894 der Beisetzung des Czars Alexander III. bei. Von
besonderer Wichtigkeit aber waren die beiden Reisen, die er in freudigeren
Tagen mit seiner Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, nach Russland unter-
nahm, um an der Feier der Kronung Alexanders III. 1883 in Moskau theil-
zunehmen und um in besonderem Auftrage 1886 einen Besuch in Peterhof
29*
45 2 Erzherzog Karl Ludwig*
abzustatten. Hatte schon die Anwesenheit bei der Kronung, bei der das erz-
herzogliche Paar durch Aufmerksamkeiten aller Art ausgezeichnet wurde, einen
auffallenden Erfolg, so hatte der Besuch in Peterhof den besonderen Zweck,
die freundschaftlichen Beziehungen Oesterreichs mit Russland noch inniger zu
gestalten und das gute Einvernehmen vor der Welt zu bekunden. Der Erz-
herzog pfiegte mit Befriedigung auf das Ergebniss dieser Reise zuruckzublicken,
und freute sich des Erfolges umso mehr, als diesem Besuche absichtlich nicht
der Charakter einer officiell en Sendung beigelegt wurde. Die innige Freund-
schaft mit dem russischen Kaiserhof, mit den Grossfiirsten Wladimir und
Michael, wurde auch durch die Spannung nicht getriibt, die man von anderer
Seite in unverhohlener Eifersucht zwischen den beiden Regierungen hervorrief
und bis zu einer gefahrdrohenden Wendung zu steigern suchte. Der Erz-
herzog war auch sehr darauf bedacht, mit den Bevollmachtigten der aus-
wartigen Staaten in Wien personlich auf die liebenswiirdigste und verbind-
lichste Weise zu verkehren. Auch die Gesandten des Kaisers zeichnete er
durch Ehrungen aus. Der Botschafter in Konstantinopel, Freiherr von Calice,
der das besondere Vertrauen des Sultans geniesst, wurde vom Erzherzog K. L.
immer in der herzlichsten Weise empfangen, so oft er sich in Wien aufhielt.
Nicht minder lag dem Erzherzog die Wehrkraft des Reiches am Herzen.
Ohne ein Commando inne zu haben, betheiligte er sich alle Jahre an den
Manovern und Detailinspicirungen. Seit 1884 war er General der Cavallerie
und ertheilte spater jeden Sonntag regelmassig militarische Audienzen, durch
die er alien hoheren Officieren Gelegenheit gab, sich liber militarische An-
gelegenheiten zu aussern. Mit dem Feldzeugmeister Freiherrn von Kuhn stand
er in langjahrigem Briefwechsel und dem Marinecommandanten Admiral Frei-
herrn von Sterneck, den er ofter bei sich sah, erwies er die grossten Auf-
merksamkeiten. In ahnlicher Weise ehrte er die Generale der Cavallerie
Grafen Clam-Gallas, Seine Erlaucht Grafen Erwin Neipperg u. a. Hohe
Verdienste erwarb er sich urn die Armee, indem er als Protector-Stellvertreter
der Vereine vom Rothen Kreuze und als Protector der Gesellschaft vom Weissen
Kreuze eine stets eingreifende, erfolgreich anregende Thatigkeit entfaltete und
diese vorzuglichen Institute der Sanitatspflege in einer ftir andere Staaten muster-
giltigen Weise ausgestaltete. Er trat mit der Bundesleitung und den Vereins-
leitungen in personlichen Verkehr, indem er die Lander bereiste, urn in den
Stand des Hilfswesens Einblick zu gewinnen. Er ermoglichte die Erbauung
von Magazinen ftir den Fahrpark der Verwundeten- und Material-Transport-
colonnen im Prater auf einem Bauplatz, welcher Eigenthum des Kaisers ist.
In seinem Palais in der Favoritenstrasse errichtete er eine eigene Kanzlei flir
den Dienst des Rothen Kreuzes, indem er zweckmassige Raume des Hauses
dazu hergab. Hier liefen alle Geschaftsstticke der Gesellschaft ein und wurden
vom Erzherzog selbst ohne Ausnahme und unverweilt erledigt. Ueber die
Oesterreichische Gesellschaft vom Weissen Kreuze tibernahm Erzherzog K. L.
das Protectorat am 3. December 1889, und in den folgenden sechs Jahren
nahm die Gesellschaft einen ungeahnten Aufschwung. Auf Betreiben des Erz-
herzogs wurden dem Unternehmen grosse Spenden aus der Staatswohlthiitig-
keitslotterie zugewendet. Schon Ende 1895 waren sechs neue Curhauser ent-
standen, es hatten sich zahlreiche Zweigvereine gebildet, und das Vermogen
der Gesellschaft war auf mehr als das Doppelte angewachsen. Die Bereisungen
und Unterstutzungen, die mit der Fuhrung dieser Protectorate verbunden
waren, verursachten dem Erzherzog personlich erhebliche materielle Opfer und
Erzherzog Karl Ludwig. * acx
erheischten bedeutende Geldauslagen, die der Erzherzog aus seiner Privatkasse
ohne jede Compensation bestritt.
Je mehr die Macht der Verhaltnisse den politischen Wirkungskreis be-
schrankte, mit um so grosserer Hingebung widmete sich der Erzherzog den
hoheren Aufgaben des Culturlebens. Er forderte zunachst vom Adel eine
mustergiltige Verwaltung des eigenen Besitzes, welche andern als Vorbild
dienen mlisse. Er besuchte gem die gut administrirten Herrschaften der
Ftirsten Liechtenstein in Vaduz und Eisgrub, Schwarzenberg in Krumau,
Wittingau und Frauenberg, Lobkowitz in Raudnitz u. a. Er wiinschte weiter,
dass die jlingeren Talente den Studien oblagen, um sich im offentlichen
Leben nlitzlich zu machen, entweder in den politischen Verwaltungsdienst zu
treten oder den diplomatischen Beruf zu ergreifen, einer conservativen parla-
mentarischen Thatigkeit sich zu widmen oder sich an die Spitze irgend einer
dem Gesammtwohl heilsamen Bestrebung zu stellen. Er trat auch in der
Wintersaison mit den hohen Familien in Ftihkmg, um die Anschauungen und
Stimmungen dieser Kreise in alien Fragen des offentlichen Lebens kennen zu
lernen. Meist verkehrte er in den Salons der Obersthofmeisterin Grafin
Goess, der Prinzessin Rosa Thurn und Taxis, der Grafinnen Wilczek-Reischach,
Clam-Dietrichstein, Czernin-Paar und der Markgra^n Pallavicini-Flirstenberg.
In den hohen civilisatorischen Aufgaben, die er zu den Pflichten des Adels
rechnete, ging er selbst mit leuchtendem Beispiele voran. Die Forderung der
Kunst und Wissenschaft, die Unterstlitzung der Industrie und des Handwerks,
die Begiinstigung des Handels, die Hebung der Land- und Forstwirthschaft,
die Bethatigung der Nachstenliebe gegentiber den Bediirftigen gait ihm als
wichtige Standesobliegenheit, deren Erflillung ihm nicht nur zur hochsten
Befriedigung gereichte, sondern auch als erste Forderung einer gedeihlichen
Wirthschaftspolitik vorschwebte. Seinen Kunstsinn bethatigte er durch seine
lebhafte Antheilnahme an den Bestrebungen der Genossenschaft der bildenden
KUnstler Wiens. Seit 1867 durch fast dreissig Jahre ftihrte er das Protectorat,
und da er auch drei goldene Medaillen, jede zu 30 Ducaten, mit dem Capital
von 12000 Gulden zur Vertheilung bei der Jahresausstellung fllr die besten
Leistungen stiftete, wird sein Andenken in der Wiener Klinsderschaft fiir
immer fortleben. Bedeutenderen Werken der Architektur, Bildhauerei und
Malerei wandte er schon im Entwurfe sein hochstes Interesse zu und folgte
der Ausftihrung mit steigender Aufmerksamkeit. Er erschien in den Ateliers
der Ktlnstler und besuchte nicht allein die hervorragenden Meister, wie Alt,
Makart, Blaas, Amerling, Felix, L'Allemand, Angeli, ferner Kundmann, Zum-
busch, Tilgner u. a., sondern suchte auch die in Bescheidenheit zuriickgezogenen
und vom Gliicke minder beglinstigten Kunstler in deren Wohnungen auf.
Das Hofburgtheater erfreute sich der besonderen Gunst des kaiserlichen
Prinzen. Er setzte Laube durch seine Buhnenkenntniss in Erstaunen. Ueber
der Bewunderung der alten Grossen der Schauspielkunst, eines Anschlitz,
Lowe, Laroche, Fichtner, versaumte er nicht die Forderung der jlingeren
Krafte, der Wolter und Hohenfels, der Ktinsderpaare Gabillon und Hartmann
u. a. Er hatte die Gnade, Sonnenthal und Gabillon gelegentlich nicht nur
in sein Haus zu laden, sondern auch durch seinen Besuch in deren Heim
auszuzeichnen. Als er 1892 liber die in ihrer Art einzig dastehende Inter-
nationale Musik- und Theaterausstellung in Wien das Protectorat libernommen
hatte, widmete er durch personliches Eingreifen dem Entwurfe des Programmes,
den Bauten, der Gliederung der Referate, der finanziellen Dotirung um-
4,54 Erzherzog Karl Ludwig.
fassende und eingehende FUrsorge. Auch Dichtem war der Erzherzog ein
Gonner; oft verkehrte er mitWeilen und Redwitz. Neben den KUnsten ge-
nossen auch die Wissenschaften seinen Schutz. Als Protector der Krakauer
Akademie der Wissenschaften (1872) und der Bohmischen Kaiser Franz Josef-
Akademie der Wissenschaft, Litteratur und Kunst (1890), als Ehrenmitglied
der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, als Protector der
Geographischen Gesellschaft bekundete er sein eifriges Interesse auf diesem
Gebiete. Er begUnstigte Arneth, Baron Helfert, J. B. von Weiss; er lenkte
Hirn auf ein Arbeitsgebiet, das bestimmend ftir dessen Richtung wurde.
Neben der Geschichte zog ihn die Geographic besonders an. Seine eigenen
Reisen, mochten sie nun durch Mission an fremde Hofe oder durch Aus-
tibung seiner Protectorate tiber Ausstellungen, wie 1867 und 1878 nach Paris,
1883 mit Erzherzogin Maria Theresia nach Amsterdam, 1885 mit der Erz^
herzogin nach Antwerpen, 1888 nach Barcelona, oder durch personlicbes
Interesse, wie mit dem Historiker Weiss 1865 nach Frankreich, 1872 nach
Konstantinopel, 1880 nebst Gemahlin und Tochter Erzherzogin Margarete
nach Sicilien, 1890 mit Erzherzog Ferdinand Karl ans Nordcap, 1896 mit
der Familie nach Aegypten und Palastina, veranlasst worden sein, brachten
immer infolge der Griiudlichkeit, mit der er alles ansah, und bei seinem
ausserordentlichen Gedachtnisse einen bedeutenden Ertrag. — Die Forderang
der Industrie und des Handels war vielleicht die erfolgreichste Thatigkeit des
Erzherzogs. Jedenfalls leistete er als Protector der wichtigsten Gebiete der
Volkswirthschaft durch seinen anregenden Einfluss und sein thatiges Eingreifen
den wirthschaftlichen Interessen der Monarchic bedeutende Dienste. Es war
seine Ueberzeugung, dass die Arbeit eine Nothwendigkeit und Pflicht fiir alle
Menschen, eben darum auch eine Wohlthat und Quelle des Gltickes sei. Er
verabscheute die hartherzige Ausbeutung der Arbeitskrafte von Seiten
des Unternehmers und verlangte vom Fabriksherrn die pflichtmassige Ob-
sorge ftir das geistige und leibliche Wohl der ihm dienenden Arbeiter.
Die Berndorfer Metallwaarenfabrik des Commercialrathes Arthur Krupp
schien ihm in dieser Hinsicht musterhaft. Besondere Ftirsorge widmete
er dem Niederosterreichischen Gewerbeverein , dem er schon, als noch
Erzherzog Franz Karl Protector war, Beweise seiner Gunst gegeben
hatte. Er gehorte dem Verein als Griinder und seit 19. Mai 1869 als Ehren-
mitglied an. Zur Erinnerung an den Tag, an dem er zum erstenmal die
Vertheilung der Preise flir hervorragende Leistungen der Arbeiter vornahm,
machte er 1873 eine Stiftung, aus deren Ertragnisse gute Schiller der ge-
werblichen Fachschulen alljahrlich am 27. September pramiiert werden soil ten.
Nach dem Tode seines Vaters, der mehr als 40 Jahre Protector war, tiber-
nahm er 30. Juni 1878 das Protectorat, mit dem er sich bleibende Verdienste
erwarb. Das Technologische Gewerbemuseum ist vorzugsweise als sein Werk
zu betrachten. Nur der eifrigen Thatigkeit des Erzherzogs ist es zu danken,
dass die im Gewerbeverein aufgetauchte Idee der Grtindung einer solchen
Anstalt verwirklicht und das Museum aus bescheidenen Anfangen zu einer
grossartigen Schopfung, einem der vornehmsten Institute des Reiches, aus-
gestaltet wurde. Auch dem Nordbfthmischen Gewerbemuseum in^Reichen-
berg war er als Protector gewogen. Das Orientalische Museum, "das 1873
aus der orientalischen Abtheilung der Weltausstellung hervorgegangen war,
fand an dem Erzherzog einen eifrigen Gonner und Beschtttzer. Er bemtihte
sich, das Museum mit Erweiterung des Wirkungskreises zu einem allgemeinen
Erzherzog Karl Ludwlg. 455
Handelsmuseum auszubilden und ihm ein eigenes Haus zu verschaffen. Er stellte
sich an die Spitze einer EnquSte, die er zur Berathung der die Erweiterung be-
treffenden Fragen einberief. Er genehmigte die Statuten des so vergrosserten In-
stituts, und der Kaiser bewilligte am 20. Mai 1887, dass die Anstalt den Namen
»k. k. Oesterreichisches Handelsmuseum « fiihre. Als der Anstalt am 21. Oct.
1895 die Miete in dem Borsegebaude gekiindigt wurde, eroffnete der Erz-
herzog eine Subscription mit eigener Zeichnung und brachte in kurzer Zeit
eine Summe zustande, welche die Erwerbung des friiher dem Grafen Festetics
gehorigen Hauses ermoglichte. So ist das Handelsmuseum, das dem Tech-
nologischen Gewerbemuseum erganzend zur Seite steht, gleichfalls ein Werk
des Erzherzogs. Auch die Standesinteressen der Handelsleute war der Erz-
herzog zu schtitzen und zu heben bereit, indem er 1891 das Protectorat Uber
den Kaufmannischen Verein in Wien (ibernahm. Erfolgreich interessierte er sich
fur die Weltausstellungen. Gelegentlich der fur 1867 geplanten Pariser Welt-
ausstellung wurde er fur die Betheiligung Oesterreichs an kiinftigen Welt-
ausstellungen sowie fiir die Wiener Weltausstellung 1873 und sonstige grossere
Ausstellungen zum Protector ernannt. Schon fur die Pariser Ausstellung 1867
entwickelte er einen ausserordentlichen Eifer, untersttitzt vom Grafen Wicken-
burg und Hofrath Eitelberger. Durch die drei Jahre der Vorbereitung fiir
die Wiener Weltausstellung aber entfaltete er eine Thatigkeit, deren Schil-
derung leider der hier bemessene Raum nicht gestattet. Fiir die Beschickung
der Ausstellung in Philadelphia 1876 und in Sydney 1879 eifrig thatig, for-
derte er besonders die Betheiligung Oesterreichs an der Pariser Ausstellung
1878, die er auch selbst besichtigte. Auch zu den Ausstellungen in Amster-
dam 1883 und in Antwerpen 1885 reiste er und 1888 besuchte er die Aus-
stellung in Barcelona, womit er eine grossere Bereisung Spaniens und einen
Aufenthalt am Hofe in Madrid verband. Lebhaft interessirte er sich dann
1893 fur die Ausstellung in Chicago, die von Erzherzogin Maria Theresia mit
einem von ihr gemalten Paravent beschickt und von Erzherzog Franz Fer-
dinand d'Este besucht wurde, der seine Wahrnehmungen in seinem geistreichen
Prachtwerk »Tagebuch meiner Reise um die Erde« II, S. 513 — 523 mittheilt.
Auch der Kleinbetrieb im Gewerbe wurde durch den Erzherzog gefordert.
Die minder umfangreichen Special- und Regionalausstellungen schienen ihm
zur Anregung des Wetteifers in dieser Richtung geeignet. Sein Verdienst
ist die Grlindung und Ausgestaltung der mit dem Technologischen Gewerbe-
museum verbundenen Fachschulen, und die nach Tausenden ziihlenden
Schiiler und Berathenen des Instituts sind ihm zu Danke verpflichtet. —
Der Erzherzog wandte ferner auch dem Ackerbau und dem Forstwesen seine
Aufmerksamkeit zu. Er war Protector der Landwirthschafts-Gesellschaften
in Wien und Innsbruck, der Gartenbaugesellschaft in Wien, der er alljahrlich
zwei goldene und zwei silberne Medaillen zur Vertheilung bei der Frlihjahrs-
ausstellung widmete, des niederosterr. Landes-Obstbauvereins und der Acker-
baugesellschaft in Gorz. Er selbst hatte Freude am Land- und Gartenbau.
In Artstetten wie in Wartholz schuf er auf hochst unglinstigem Boden
jene schonen Parkanlagen, die in kurzer Zeit erstaunlich gediehen. Sein
neu erworbenes Gut Kis-Tapolcsdny gestaltete sich unter sorgsamer Ver-
waltung in land- und forstwirthschaftlicher Hinsicht nach wenigen Jahren
zu einem ertragsreicheren Besitze. Dem Bauernstande in Tirol und Vor-
arlberg gab er als Statthalter viele Beweise seiner Flirsorgc. Auch der
Hauswirthschaft in der Grossstadt, besonders der Frage der Wohnungsreform
4t? 6 Erzherzog Karl Ludwig.
in Wien, wandte der Erzherzog sein Interesse zu. Er tibernahm das Protec-
torat iiber den Wiener Cottage-Verein und half demselben durch wohlwollen-
des Einschreiten manchen Nachtheil abzuwenden. Unter seinem Schutze
wurde auch 1883 gelegentlich der Gedenkfeier der TUrkenbelagerung der Park
auf der Ttirkenschanze in der Nahe der Cottages angelegt und 1888 vom
Kaiser eroffhet. — Sobald der Frtihling erwachte, zog es den Erzherzog hinaus
auf seinen landlichen Besitz. Den grossten Genuss hatten ihm in jiingeren
Jahren die Fusswanderungen in Tirol gewahrt, aber auch in spateren Jahren
pflegte er von Wartholz aus ttichtige Marsche und Bergtouren zu unternehmen.
Indem er den Bau eines Schutzhauses auf der Rax, das nach ihm benannt
wurde, anregte und forderte, trat er dem Oesterreichischen Touristen-Club
naher und verkehrte als Protector mit diesem Verein in zwanglosen Formen
und nahezu famiiiarem Tone. — Von segensreichem Erfolge war dasWirken
des Erzherzogs auf dem Gebiete der Nachstenliebe und Barmherzigkeit. Wenn
die Bittgesuche bei dem bekannten Wohlthatigkeitssinn des edlen Prinzen schon
immer tiberaus zahlreich waxen, so mehrten sich die Ansprliche an die Mild-
thatigkeit seit dem Tode des Kronprinzen, da er als Thronfolger nun auch
dessen Clientel zu versorgen hatte. Was der Erzherzog zu Lasten des eigenen
Vermogens an milden Gaben spendete, dlirfte sich auf eine Million Gulden
belaufen. In seinem Schlosse Persenbeug Hess er wahrend des bosnischen
Feldzuges vierzig Schwerverwundete pflegen. Als Schutzherr tiberwachte und
unterstiitzte er das Erzherzogin-Sophien-Spital in Wien und das Margaretinum
in Innsbruck, Anstalten, die ihm in der Erinnerung an seine Mutter und seine
erste Gemahlin besonders am Herzen lagen. Als sich 1890 der Verein zur
Errichtung und Erhaltung einer klimatischen Heilanstalt ftir Brustkranke ge-
bildet hatte, gelang es ihm, die Bestrebungen des Vereins so zu unterstiitzen,
dass bald ein geeignetes Haus in Alland gebaut werden konnte. Er forderte
aufs wirksamste den Verein zur Errichtung von Seehospizen und Asylen fur
skrophulose und rhachitische Kinder, der unter dem Protectorat der Erz-
herzogin Maria Theresia steht, und hatte unter seinem besonderen Schutze
noch eine Reihe anderer Wohlthatigkeitsanstalten.
Von so vielseitiger, rastloser Thatigkeit im Dienste des dffentlichen Wohles
kehrte der Erzherzog gern in den Kreis seiner Familie zurtick, in der er stets
sein Gltick und seine Zufriedenheit fand. Der Erzherzog war dreimal ver-
heirathet. Die erste Ehe, die nur zwei Jahre dauerte, blieb kinderlos. Als
Statthalter vermahlte er sich, 23 Jahre alt, am 4. November 1856 zu Dresden
mit Prinzessin Margarete, der am 24. Mai 1840 geborenen Tochter desKdnigs
Johann von Sachsen. Wahrend eines Besuches, den sie bei Erzherzog Ferdi-
nand Max und dessen Gemahlin Charlotte in der kaiserlichen Villa zu Monza
abstattete, erkrankte sie an Typhus und starb nach zwei Tagen am 15. Sep-
tember 1858. Der Erzherzog, aufs tiefste erschlittert, trug sich mit dem
Gedanken, in ein Kloster einzutreten. Nach einem Besuch in Sachsen bei
Konig Johann reiste er nach Rom, wo ihn Pius IX. durch trostreichen Zu-
spruch aufrichtete. Nach dem Rlicktritt von dem Statthalterposten ging er
eine Zeit lang auf Reisen, dann wurde das Augarten -Palais filr ihn instand
gesetzt. Am 21. October 1862 vermahlte er sich zu Venedig mit Prinzessin
Maria Annunziata von Bourbon, der am 24. Marz 1843 geborenen Tochter
des Konigs Ferdinand II. von Neapel und Sicilien. Das erzherzogliche Paar
nahm zunachst in Gorz Aufenthalt, weil der Erzherzog seine Gemahlin unter
dem Einflusse des milderen Klimas wahrend des Winters auf das Leben
Erzherzog Karl Ludwig. 457
unter rauheren Himmelsstrichen vorbereiten wollte. »Ich habe stets mehr
Sinn ftir solches Leben in Stille und Ruhe gehabt; daher verstehe ich die
Freude daran und weiss es zu schatzen. Hier in Gorz bringen wir auch so
unser Leben zu, ungestort von der grossen Welt, viel beschaftigt mit Lesen
und Schreiben; sonst auch mit Bewegung in der schonen Natur. . . Wir
denken — so heisst es in einem Brief des Erzherzogs, der damals an einer
Arbeit iiber seinen Aufenthalt in Galizien schrieb, — bis zum Fruhjahr hier,
wo es uns in der Stille eben sehr gut gefallt, zu bleiben und wollen dann
iiber Wien, wo einiger Aufenthalt sein wird, nach Artstetten in Niederoster-
reich . . .« Von Artstetten, wohin sie Ende Mai 1863 iibersiedelt waren,
gingen sie Anfang October nach Wien. Der Erzherzog hatte hier 1863 von
dem Herzoge Leopold von Sachsen-Koburg das Haus in der Favoritenstrasse
kauflich erworben und liess es durch den Architekten Friedrich umbauen.
Ende October fuhr er mit seiner Gemahlin nach Graz und blieb hier nahezu
drei Jahre. Daselbst wurden die beiden altesten Sohne, Erzherzog Franz Fer-
dinand von Oesterreich-Este 18. December 1863 und Erzherzog Otto 21. April
1865 geboren. Seit 12. April 1866 nahm der Erzherzog standigen Aufenthalt
in seinem neuen Haus in Wien. Hier erblickte der dritte und jlingste Sohn,
Erzherzog Ferdinand Karl Ludwig 27. December 1868 das Licht der Welt.
Auf Schloss Artstetten, wo der Erzherzog die Sommermonate verbrachte,
wurde am 13. Mai 1870 Erzherzogin Margarete Sophia geboren, die sich am
24. Januar 1893 mit Herzog Albrecht von Wlirttemberg vermahlte. Schon
nach einem Jahre, am 4. Mai 1871, ward dem Erzherzog die Lebensgelahrtin
entrissen, die in dem jugendlichen Alter von 28 Jahren starb. Im folgenden
Jahre am 28. Mai 1872 starb auch die Mutter, Erzherzogin Sophie, im 68.
Lebensjahre, und am 9. Februar 1873 die Kaiserin Karolina Augusta, die
geliebte Grossmama. In den letzten Jahren seit 1867 hatte der Erzherzog
die Sommerfrische gern in Reichenau am Fusse der Rax und des Schnee-
berges aufgesucht. Er baute sich in diesem Thale, um wegen der Studien
der Kinder in der Nahe von Wien zu sein, 1872 nach Ferstels Planen die
Villa Wartholz. Am 23. Juli 1873 vermahlte er sich zu Heubach auf dem
Schlosse des Flirsten Karl zu Lowenstein-Wertheim-Rosenberg mit Ihrer Konig-
lichen Hoheit der In fan tin Maria Theresia von Portugal, der am 24. August
1855 geborenen Tochter des Konigs Dom Miguel I. von Portugal, Herzogs
von Bragancja. Die Trauung fand in der mit Fresken von Steinle geschmiickten
Schlosskirche zu Heubach statt und wurde vom Bischof von Mainz, Wilhelm
Emanuel Freiherrn von Ketteler, unter grosser Feierlichkeit vollzogen. Mit
Erzherzogin Maria Theresia kehrte Gliick und Freude in Wartholz ein, den
verwaisten Kindern erschien die liebende Mutter, dem reizenden Sommersitz
ward die sorgsam waltende Herrin. Wartholz begrtisste dann auch ofter die
Besuche der Verwandten aus der Nachbarschaft. Aus Frohsdorf kam der
Graf Chambord, und auf nicht weit entfernten Schlossern verbrachten die
Schwestern der Erzherzogin die Sommermonate. In Wartholz wurden die
beiden Kinder der dritten Ehe geboren, Erzherzogin Maria Annunziata am
31. Juli 1876, Erzherzogin Elisabeth am 7. Juli 1878. Wahrend Wartholz meist
im Juni bezogen wurde, bot das Schloss Rottenstein in Obermais bei Meran
mit seinem herrlichen Park fur die erste Friihlingszeit einen schonen Aufent-
halt. Die Kaiserin Karolina Augusta hatte es in den Sechziger Jahren ange-
k an ft und 1866 dem Erzherzog K. L. iiberlassen. In Meran weilte im Frlih-
jahr auch Herzog Karl Theodor in Bayern, der beruhmte Augenarzt, mit seiner
458 Erzherzog Karl Ludwig.
Gemahlin Infantin Maria Jos£, und die doppelt verschwagerten Herrschaften
sahen sich hier haufig. — Die Sorge um die Erziehung und den Unterricht
seiner Kinder war dem Erzherzog die wichtigste Aufgabe in seinem Familien-
leben. Er verkehrte personlich mit den Lehrkraften, besprach die Organisation
des Unterrichts und machte auf besondere Begabung aufmerksam. Die Lehr-
plane der offentlichen Anstalten wurden zugrunde gelegt. Fiir besondere
weitere Ausbildung wurde ein Plan angefertigt und vom Erzherzog selbst er-
wogen und besprochen. Der Erzherzog besuchte die Lehrstunden in alien
Gegenstanden h&ufig und blieb bisweilen zwei, selbst drei Stunden bei den
Lectionen, Fragen stellend und Bemerkungen einstreuend. Ausser dem
Religionsunterricht widraete er dem Unterricht in der Universalgeschichte und
in der Geschichte Oesterreichs hohes Interesse. Besonderen Antheil nahm er
auch am Unterricht in der Geschichte der Kunst und Litteratur. Bei seiner
grossen Vorliebe ftir das Theater drang er darauf, dass die dramatischen
Meisterwerke aus der Aufftihrung im Burgtheater kennen gelernt wtirden.
So grosse Freude es ihm machte, eine Tochter ins Theater fiihren zu konnen,
so strenge waren er und seine Gemahlin in der Auswahl der Stticke. Er
sah es gem, wenn bei festlichen Anlassen in Wartholz die erzherzoglichen
Kinder auf der Hausblihne ein Theatersttick auffiihrten oder auch nur eine
Gelegenheitsdichtung vortrugen. Er war der Ansicht, dass die Jugend sich
auf diese Weise an den Vortrag vor einer aufmerksamen Zuhorerscbaft ge-
wohne und in das Verstandniss der Dichtung einlebe. Er hielt viel auf das
Erlernen der Sprachen der grossen CulturvOlker wie der Landessprachen des
Reiches, und freute sich der Erfolge im Zeichnen und Malen. Dabei ward
auf korperliche Ausbildung durch Reiten, Turnen, Schwimmen, Schlittschuh-
laufen und Lawn-Tennis Bedacht genommen. Aus einem Vorarlberger
Bauernhaus der Wiener Weltausstellung errichtete der Erzherzog beim Ort-
bauer den Karlshof, in dem sich die Kinder bisweilen ohne Bedienung auf-
halten und allein behelfen sollten. — Die eigene Tageseintheilung war genau
geregelt. Seit 1863 fiihrte er ein Tagebuch, in das er die Vorkommnisse
des vergangenen Tages eintrug oder durch den Secretar, Leibjager, Kammer-
diener nach seinen Dictaten einschreiben Hess. Wahrend seiner Todes-
krankheit fiihrte er es bis zum 13. Mai. An diesem Tage beschaftigte ihn
der Gedanke, nach Schonbrunn tibersiedeln zu konnen. Ftirst Rudolf
Liechtenstein sei vom Kaiser aus Budapest gesandt worden, um die Wtinsche
in dieser Hinsicht entgegenzunehmen; die Kaiserin sei gekommen, sich zu
erkundigen; Erzherzogin Maria Theresia sei mit der Altgrafin Gabrielle Salm
nach Schonbrunn gefahren und habe nach der Riickkehr von den Wohnungs-
verhaltnissen gesprochen ebenso wie Dr. Rollett, der die Raume dort gleich-
falls angesehen habe. »Ftir mich grosse Beruhigung, um bald von hier
wegzukommen, als Uebergang nach Wartholz. « Die Aufzeichnungen dieses
Tages schliessen mit den Worten: »M. Th. — bei mir. Frtih mich zur
Ruhe begeben.« Sammtliche Jahrgange des Tagebuchs sind im Besitze des
Erzherzogs Ferdinand Karl. — Mit Aufmerksamkeit tiberwachte der Erzherzog
die Oekonomie in seinem Hauswesen. Wahrend die Anforderungen der Re-
prasentation, der Protectorate und der Wohlthatigkeit schwere Lasten aufer-
legten, stellte der Erzherzog wie seine Gemahlin Erzherzogin Maria Theresia
die geringsten Ansprtiche an das Leben, und auch in der Erziehung der
Kinder wurde zu haushalterischem Verbrauch der vorhandenen Mittel an-
geleitet.
Erzherzog Karl Ludwig. 459
Wo immer der Erzherzog waltete, gab er sich mit seinem ganzen Wesen,
indem er ebenso sehr seine warme, geflihlvolle Theilnahme, wie seinen pflicht-
gemassen, sachlichen Eifer bekundete. Bewundernswerth war sein strenges
Pflichtgefiihl , bekannt seine Aufmerksamkeit und Herablassung in Audienzen
und Versammlungen, seine Ausdauer und Geduld bei Besichtigungen in Aus-
stellungen und bei Besuchen in Fabriken und Ateliers. Mit grosser Vorsicht
bildete der Erzherzog sein Urtheil. Er horte die Meinungen anderer, dann erst
legte er sich auf Grund eigener Beobachtung seine Ansicht zurecht. Kamen
Personlichkeiten in Betracht, so wusste er sein Urtheil so zu fassen, dass es
nicht verletzte. Seine Urtheile pflegten als zutreffend und gerecht empfunden
zu werden. Niemals drangte er seine Meinung auf, nie stellte er sie kate-
gorisch hin. Bei Personen, die sein Vertrauen besassen, ausserte er sich gern
mit Offenheit. Er Hess sich bereit finden, ein Urtheil in die That umzusetzen,
wenn man damit, ohne jemandem zu schaden, einen Nutzen erzielte, und
trat fur alle Folgen mit dem Gewichte seines Ansehens ein. Der Erzherzog
hatte ein zartes, emptangliches, warmes und tiefes Gemtith. Er zollte gern
Anerkennung und erwies treue Dankbarkeit. Wer ihm einen Dienst leistete
oder eine angenehme Ueberraschung bereitete, durfte auf seine Erkenntlichkeit
rechnen. Er ftihrte eine vornehme, liebenswiirdige Conversation und horte
sie gern von andern; er bemtihte sich, im Gesprach immer zu fordern und
zu ermuntern, zu interessiren und anzuregen. Er liebte dabei auch einen
heiteren Ton, und mancher hat wohl durch gesellige Unterhaltung bei ihm
Gefallen gefunden. Er hielt auf die hergebrachte Etiquette, doch wusste er
deren Harten durch personliche Liebenswiirdigkeit zu mildern. Der Erzherzog
war das Muster eines pflichteifrigen Familienvaters ; seine Gemahlin wie seine
Kinder liebte er uber alles. Er war das Beispiel eines treuen Unterthans;
seinem kaiserlichen Bruder war er mit der innigsten Anhanglichkeit und
warmsten Liebe, in aufrich tiger Verehrung und strengem Gehorsam ergeben.
Er war tief religios, fromm und iiberzeugungstreu. Er ging oft zu den Sa-
cramenten, und nie trat er eine Reise an, ohne gebeichtet zu haben; stets
hatte er sein Leben und sein Handeln Gott anvertraut. Gegen Anders-
denkende war er tolerant, und als guter Katholik unterschied er den Irrthum
von dem Irrenden.
Eine Reise nach Palastina war der hochste Wunsch seines Lebens. Als
Erzherzog Franz Ferdinand von Este zur Erholung nach seiner langen Welt-
reise einen Winter in Oberagypten verbrachte, entstand das Verlangen, den
Sohn wahrend seines Aufenthaltes in Assuan zu besuchen und mit der Reise
nach Aegypten eine Fahrt nach Palastina zu verbinden. Frohen Herzens trat
Erzherzog K. L. mit seiner Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, seinem
jiingsten Sohn, Erzherzog Ferdinand Karl, und den Tochtern, Erzherzoginnen
Annunziata und Elisabeth, am 21. Januar 1896 die Reise an. Am 26. kamen
sie in Alexandrien an und bentitzten die Nilfahrt zugleich zur Besichtigung der
Denkmaler des alten Wunderlandes. Begliickend war das Wiedersehen mit
Erzherzog Franz Ferdinand, dessen vortreffliches Aussehen und Befinden
grosse Freude machte. Bis Assuan erstreckte sich die Nilreise und nach
langerem Aufenthalte in Kairo verabschiedete sich Erzherzog K. L. mit Ge-
mahlin und Tochtern von beiden Sohnen am 4. Marz 1896, um liber Ismailiya
und Port Said nach Palastina zu reisen. Der Erzherzog umarmte seinen
altesten Sohn Franz Ferdinand, der erst viel spater die Heimkehr antreten
sollte, wiederholt; er sah ihn hier zum letztenmal. Die Reise ging Uber
460 Erzherzog Karl Ludwig.
Beirut nach Damaskus, dann von Beirut tiber Jaffa nach Jerusalem. Am
18. Marz ward die Via dolorosa begangen, am 19. die Reise nach Bethlehem,
zum Todten Meere und nach Jericho gemacht. Am 21. Marz kam der Erz-
herzog sammt den Reisegenossen frohen Muthes und in bestem Wohlsein
Uber Bethania zu Pferde in Jerusalem an und besprach noch am Abend um
8 Uhr mit dem Rector des osterreichischen Pilgerhauses den Plan fUr die
weiteren Besichtigungen. Sonntag, 22. Marz, begaben sich alle in die Kirche
des heil. Grabes, und nachmittags machten sie eine Ausfahrt nach den ost-
lich von Jerusalem gelegenen HeiligthUmern und dem Oelberg. Als die Sonne
schon untergegangen war, kehrten sie von Bethania zu Wagen nach Jerusalem
zuriick. Generalconsul Cischini war zum Diner geladen, und der Erzherzog
unterhielt sich sehr angenehm mit ihm. Um |n Uhr begab sich der Erz-
herzog, von den Besichtigungen ermtidet, zur Ruhe. Als er sich am folgen-
den Morgen, Montag, 23. Marz, erhob, fUhlte er sich etwas unwohl. Er ging
jedoch, wie er schon bestimmt hatte, frtth in das Hospiz und empfing da-
selbst die Sacramente. Er frtihstiickte im Salon des Pilgerhauses eine Cho-
colade, die ihm sehr mundete. Darauf begab er sich mit dem Rector in
die h. Grabkirche, wo sich die Damen befanden. Es wurden an diesem
Tage noch der Tempelplatz mit der Sachrl - Moschee und der Basilika
Mariae Opferung (El Aksa), so wie die Annakirche nebst dem Institut
der Weissen Vater besucht und ein Ausflug nach St. Johann im Gebirge
unternommen. Dienstag, 24. Marz, erfolgte die Abreise nach Jaffa, wo unter
ungUnstigen Witterungsverh<nissen die » Thalia* bestiegen wurde, die nach
Smyrna in See ging. Das Unwohlsein, das ohne jede erkennbare aussere
Ursache sich eingestellt hatte, entwickelte sich als Enteritis, die in milder
Form auftrat, jedoch einen schleppenden Verlauf nahm. Der Schiffsarzt wid-
mete dem Erzherzog sorgfaltige Pflege und verblieb im Gefolge bis zur An-
kunft in Wien. Die Ostertage, vom 29. Marz bis 6. April, warden in Smyrna
verbracht, die folgende Woche, vom Osterdienstag, 7. April, bis Samstag, einem
Besuch der koniglichen Familie in Athen und den Besichtigungen der Alter-
thiimer daselbst gewidmet. Am 11. April wurde auf Korfu Ihrer Majestat
der Kaiserin Elisabeth im Schlosse Achilleion ein Besuch abgestattet und
dann Uber Pola die Rtickreise nach Wien angetreten, wo die Ankunft am
17. April abends erfolgte. Der Hausarzt des Erzherzogs, Regierungsrath
Dr. Rollett, libernahm sofort am 18. die arztliche Behandlung. Doch konnte
der Erzherzog Ausfahrten machen und Audienzen ertheilen. Am 24. April
begab er sich mit Erzherzogin Elisabeth ins Oesterreichische Museum, wo er
nochmals die Congressausstellung sah, und abends fuhr er mit Erzherzogin
Annunziata ins Hofburgtheater, wo »Schach dem K6nig« gegeben wurde. Spat
am Abend des 24, trat die erste Fieberbewegung auf, und als am folgenden
Morgen die Temperaturmessung 38.3 ° ergab, Hess Erzherzogin Maria Theresia
auch den Hofrath Baron Widerhofer und dann den Professor Neusser berufen.
Doch verschlimmerte sich die Krankheit und hatte eine fortschreitende Ab-
nahme der Krafte zur Folge, die den Tod herbeifiihrte. Seine Gemahlin,
Erzherzogin Maria Theresia, war Tag und Nacht nicht von seinem Bett ge-
wichen ; ihre sorgsame und geschickte Pflege, neben welcher er keine andere
pflegende Hand duldete, hatte ihn mit solchem Vertrauen erfilllt, dass er auf
Genesung hoffte, und erst als die bedrohliche Herzschwache ein trat, sah er
voll Ergebung und wohlvorbereitet dem Tode entgegen.
Erzherzog Karl Ludwig. 461
Briefe des Erzherzogs an Johann von Wittek, Grafen Franz Coronini, Grafen Karl
Coronini, Karl Mosch, Grafen Moriz Dzieduszycki. Actcn der Statthaltereien in Lemberg
(Mosch) und Innsbruck (Mayr). Acten des erzherzoglichen Secretariats. Tagebuch des
Erzherzogs. MUndliche Berichte und eigene Erlebnisse.
Bticher: Hans von Perthaler's Auserlesene Schriften, hrsg. von A. Mayr. Wien 1883.
I. 368. — Wolfsgruber, Cardinal Rauscher. Freiburg i. B. 1888. — Zobl, Vincenz Gasscr,
Flirstbischof von Brixen. Brixen 1883. — Wurzbach, Biogr. Lex. — Erzherzog Karl Ludwig
1833 — 1896. Ein Lebensbild, hrsg. von A. von Lindheim. Wien 1897. — Weiss, Weltge-
schichte, 5. Aufl. II. Band 1896, Vorw. 6. Aufl. I. Bd. Vorw.
Franz Weihrich.
Zusfttze.
Zu S. 79 — 81. Zu den Nekrologen Uber Hoffory vgl. den seither im Goethe-
Jahrbuch, XIX. Band, 1898, veroffentlichten Nachruf von Richard M. Meyer (I. c.
318-320).
Zu S. 295—304. Zu den Quellen des Wol ter-Nekrologes vgl. den seither im
Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft (redigirt von Carl Glossy. Achter Jahr-
gang, Wien 1898) verftffentlichten Nachruf von J. Minor (184 — 211).
Zu S. 304 und 386. Durch ein Versehen wurde der Artikel Petzold zweimal, als
Petzold Wilhelm vom Fachreferenten und als Petzold Karl Wilhelm vom Provinzial-
referenten, behandelt; dabei wird als Geburtstag einmal der 8., das anderemal der
9. Februar 1848 angegeben; Birschens Litteraturkalender verzeichnet, wohl nach Petzolds
eigenen Mittheilungen, den 9. Februar als Geburtstag.
L) Alphabetisches Namenverzeichniss
zum
Deutschen Nekrolog vom i. Januar bis 31. December 1897.
Name
Verfasser
Seit
Adamy, Heinrich
Wutke
191
Ahlefeld, Karl Wilhelm v.
Joh. Sass
407
Albedyll, Emil v.
B. Poten
35
Alphons, Theodor
G. Gluck
189
Althaus, Friedrich
Fran* Brummer
36
Arneth, Alfred Ritter v.
Hans Schlitter
136
Auerbach, Leopold A.
Paget
34
Baare, Louis
Dr. W. Beumer
235
Bach, Franz Theodor
Franz Brummer
310
Baechtold, Jakob
Theodor VetUr
10
Bargiel, Woldemar
Rob. Eitner
116
Bardey, Ernst
W. Wolkenhauer
292
Barres, Julius von Vallet des
B. Poten
42
Bassermann, Anton
F v. Weeck
280
Bauer, Julius Bruno
P. Zimmcrmann
323
Baumgarten, Johannes
W. Wolkenhauer
294
Behr, Heinrich
Rob. Eitner
"7
Bender, Hermann
Rudolf Krauss
103
Bercht, Ludwig Julius
P. Zimmermann
363
Berger, Mathias
Hyac. Holland
164
Bergstraesser, Arnold
H. Ellissen
194
Berlin, Rudolf
Paget
39
Bernays, Michael
Erich Petzet
338
Bernhardi, Otto v.
B. Poten
49
Beytenmiller, Theodor
Rudolf Krauss
104
Bezzola, Andreas
Dr. Hans Weber
44
Birkmeyer, Fritz
Hyae. Holland
166
Bode, Richard Werner
322
Boer, Oskar
Paget
40
te.
Inhalt.
463
Name
Boltenstern, Konstantin v.
Bradke, Peter v.
Brahms, Johannes
Brand, Ernst
Breitenlohner, Jakob
Brink, ten Karl
Brodkorb, Karl W i 1 h e 1 m Julius Theodor
Brulliot, Karl
Buchner, Ludwig Andreas
BUlow, Hans Julius Adolf v.
BUrkner, Hugo Leopold Friedrich Hein-
rich
Burchardt, Max
Burckhardt, Jacob Christoph
Catty, Adolf Freiherr v.
Chorinsky, Karl Graf
Verfasser
A Poten
Hermann Haupt
Richard Heuberger
Pagel
F. v. Weech
P. Zimmermann
Alfred Freiherr v. Afensi
Pagel
B. Poten
Pagel
H Trog-Basel
A: Wollanka
S e i t e.
50
177
90
48
241
281
360
237
49
53
188
52
54
392
326
Dalwigk, Reinhard Ludwig Karl Gus-
tav Freiherr v.
Dannenberg, Clemens Freiherr v.
Davidsohn, George
Deecke, Wilhelm
Degen, Ludwig
Diez, Johann Christoph
Diez, Nikodemus
Duncker, Alexander Friedrich Wilhelm H Ellissen
Dr. Reinhard Mosen
B. Poten
Franz Brummer
Franz Brummer
181
76
36
321
285
284
284
194
Ehrlich, H. Wilhelm
Eichhoff, Joseph Freiherr v.
Einsle, Anton
Engelhorn, Julius
Engerth, Eduard Ritter v.
Eyferth, Oscar Bruno
Franz Brummer
Heinrich Adler
H Ellissen
H Ellissen
G. Gluck
P. Zimmermann
43
319
207
226
393
37o
Fabrice, Friedrich v.
Fischer, Johann Georg
Fraas, Oscar v.
Franz, Hermann
Fresenius, Carl Remigius
Fuchs, Wilhelm
B. PoUn
Rudolf Krauss
Rudolf Krauss
Heinrich Fresenius
Ernst Fuchs
11
129
146
324
248
244
Gatke, Heinrich
Gemehl, Berthold
Gerhard, Johannes Dietrich Adolar
Coegg, Amand
Goldschmidt, Levin
Goltz, Cuno Freiherr von der
Joh. Sass
Franz Brummer
Franz Brummer
Dr. Karl Adler
B. Poten
409
283
320
44
119
83
464
Inhalt
Name
Verfasser
S e i t e,
Grammann, Karl
Robert Eitner
118
Grillenberger, Karl
Alexander Meyer
224
Grogler, Wilhelm
Hyac. Holland
173
Gllnther, Otto Ferdinand
Rob. Eitner
119
GUterbock, Paul
Paget
75
Hahn, Friedrich v.
Dr. Rehbein
162
Haldenwang, Otto v.
Rudolf Krauss
148
Hammer, Karl
335
Happe, Franz Engelbert
Franz Brummer
51
Hartmann, Karl Alfred Emanuel
M. Gisi
124
Hecker, Karl
Rudolf Krauss
H9
Heidenhain, Rudolf Peter Heinrich
Paget
75
Heiser, Wilhelm
Rob. Eitner
122
Henzler, Christian v.
Rudolf Krauss
275
Herbig, Max
If. Ellissen
211
Herpfer, Karl
Hyac. Holland
176
Herz, Karl
Alexander Meyer
223
Hess, Karl
Rob. Eitner
123
Hieber, Otto
Alfred Freiherr v. Mensi
238
Hirschberger, Traugott
Alexander Meyer
223
Hirt, Johann Christian
Hyac. Holland
175
Hirzel, Ludwig
Daniel Jacoby
401
Httchl, Anton
Hyac. Holland
183
Hoefler, Constantin v.
Adolf Bachmann
209
Hoflbry, Johann Peter Julius
Wilhelm Ranisch
79
Hofmann, Eduard v.
Paget
Si
Hofmann, Franz
Leopold Pfaff
157
Hollander, Ludwig Heinrich
Paget
82
Holleben, Bernhard v.
B. Poten
85
Holstein, Conrad Graf v.
yoh. Sass
408
Hoist en, Karl
A. Hansrath
4
Huter, Victor
Paget
82
Janke, Richard
H. Ellissen
226
Joest, Wilhelm
IV. Wolkenhauer
293
Kahnt, Christian Friedrich
Robert Eitner
'23
Kaiser, Victor
M. Gisi
1S1
Katz, Fr.
360
Keller, Franz
H. Holland
230
Klasing, August
H. Ellissen
212
Klee, Elisabeth
Franz Brummer
3<>9
Klemm, Alfred
Rudolf Krauss
276
Klinkhardt, Bruno
H. Ellissen
208
Kneipp, Sebastian
Hyae. Holland
218
Knosp, Rudolf von
Rudolf Krauss
277
Kober, Fianz Quirin
Rudolf Krauss
276
Inhalt.
465
Name
Kocb, -Eduard Friedrich
Koehler, Karl Franz
Kopp, Karl
Kosjek, Gustav Freiherr v.
Kothe,. Bernhard
Kottwitz, Hugo Freiherr v.
Kovacs, Josef
Kraatz-Koscblau, Alexander v.
KraflV W i 1 h e 1 m Ludwig
Krancfee, Theodor
Krez, Konrad
Krojop, Franz
Leoprechting, Marquard Freiherr v.
Liebenow, Wilhelm
Linde,. Antonius van der
Lobstein, Friedrich Eduard
Loenartz, Jakob
Lossow, Heinrich
Llltsow, Karl v.
Mai, Emanuel
Malcher, Franz Xaver
Marees; Wilhelm Ludwig de
Marmf, Wilhelm
Marquardsen, Heinrich v.
Martiny, Friedrich
Mayr, Ambros
Meiuel, Karl
Mertens, Franz
Meyer, Jflrgen Bona
Michael, J.
Mitterwurzer, Anton Friedrich
Mttder, Auguste
Moeriqke, Wilhelm
Mohr, Karl
Mliller, Ferdinand Gottlob Jakob v.
MUller, Wilhelm
Nehls, Johann Christian
NeippeTg, Erwin Graf v.
Newald, Julius v.
Nordlinger, Hermann v.
NUscheler, Arnold
Oertel, Max Josef
Otto, Carl
Otto-Jhate, Karoline Chrtstiane
Palme, Augustin
Peterf# Carl Lorenz
Biogr. Jahrb. u. Deutscher Nekrolog. 2. Bd.
Verfasser
Seit
H. Ellisscn
?*7
H. Elissen
227.
Rtulotf Krauss
278
Heinrich Adlcr
308
Rob. Eitner
.123
B. PoUn
85
Ptgel
82
B. PoUn
.86
Koklschmidt
^85
357
Franz Brummer
5i
Robert Eitner
128
Hyac. Holland.,
186
W. Wolkenhauer
295
H Bohaita
256
Franz Brummer
87
Bauer
357
Hyac. Holland
187
G. Gluck
191
Paul SchUnther
25
H. Bohatta
257
Franz Brummer
78
Paget
96
H. Rehm
4ir
Alexander Meyer
.223
338
Kerler
221
Mff.
355
Tkeodor Lipps
397
Paget
97
Eugen Guglia
109
Franz Brummer
. 78
rV. Wolkenhauer
30s
// Ellissen
212
Rud. Krauss
286
Rob. Eitner
,'°5
332
H. Friedjung
3*5
— a —
179
Rudolf Krauss
- 287
J. R. Rahn
3'
Paget
97
Dr. W. Beumer
233
P. Zimmermann
362
Hyde* Holland
2'3
MuhlhUusstr
, 383.
30
466
Name
Peters, Fritz
Petri, Wilhelm Joseph
Petxold, Wilhelm
Petxold, Wilhelm
Pfeiffer, Franz
Pfotenhauer, Friedrich Paul
PlUddcmann, Martin
Preyer, Thierry William
Plickert, Wilhelm
Ram an n, Bruno
Regebauer, Eugen v.
Reimer, Ernst Heinrich
Reitzenstein, Friedrich Freiherr v.
Richter, Albert
Richter, Albert
Rittershaus, Emil
Rontgen, Engelbert
Romann Albrecht
Rosenthal -Bonin, Hugo
Rothplctz, Christian Emil
Rupp, Adolf
Ruthner, Anton v.
Rziha, Franz v.
Sachs, Julius v.
Sanger, Dominik
Saxinger, Johann
Sallentien, Karl Heinrich Lud wigEduard
SalzmAnn, Max
Schachtmeyer, Hans v.
Schepss, Georg
Schleis von Lbwenfeld, Max Josef
Schrnetz, Johann Paul
Schneidt, Laura
Schonherr, David R. v.
Schdnlank, William
Schdnn, Alois
Schlltze, Theodor Reinhold
Schulz, Ferdinand
Schumann, Albert
Schwartz, Joh". Albert
Seebach-Niemann, Marie
Seramig, Friedrich Hermann
SenfTt v. Pilsach Friedrich Moritz Adolf
Sievert, Auguste
Simigihowicz-Staufe, Ludwig Adolf
Sohncke, Leonhard
Sophie, Grosshcrzogin v. Sachsen-Weimar
Ifthtlt.
Verfasser
Seite
Karl Theodor Gaedertz
246
Alexander Meyer
"5
W. Wolkenkauer
3<M
P. Zimmermann
386
3*7
Konrad Wutke
190
Rob. Eitner
161
Paget
105
G. Seeliger
«S7
R. Eitner
»35
F. v. Weech
281
W. de Gruyter
3
E. Blenck
291
Franz Brummer
309
Heinruh Friedjung
335
Dr. G. Hoerter
3»7
Rob, Eitner
116
Fr4n* Brummer
88
Rudolf Krams
*79
Adolf Frey
27
Hyac. Holland
228
W. Wolkenkauer
305
333
Paul Hauptfleisch
262
Hyac. Holland
229
Rudolf Krauss
289
P. Zimmermann
371
359
B. Poten
9«
Hermann Haupt
37
Paget
106
Rob* Eitner
155
Hyac, Holland
230
Hyac. Holland
231
IV. Wolkenkauer
304
Gustav Gluck
395
Joh. Sass
409
Rob. Eitner
155
Adolf Frey
26
P Zimmermann
384
Alexander Meyer
253
Franz Brummer
89
B. Poten
98
Franz Brummer
lot
Franz Brummer
101
A. V. Braunmukl
167
P* V* Bojanowski
258
Inhalt.
467
Name
Verfasser
S e i t e,
Spiegelberg, Julius
P. Zimmermann
369
Stark, Karl
Paget
107
Stephan, Ernst Heinrich Wilhelm v.
Alexander Meyer
196
Sterneck Daublebsky von, Maximilian
Freiherr v.
Kmrl WoUanka
387
Stieler, Max
Hyac. Holland
229
Stobbe, Karl Fried rich August
P. Zimmermann
363
Stockcn, Eduard v.
B. Ptttn
100
Stolzel, Otto
284
Straybenmliller, Johann
Rudolf Krauss
290
Succo, Reinhold
Rob, Eitner
'56
Suche, Ludwig
359
Telmann, Konrad
Franz Brummer
400
Thielen, Alexander
Dr. W. Beumer
234
Thuti Hohenstein, Graf Sigmund
Heinrich Adler
306
Tunner, Peter v.
Dr. W. Beumer
239
Thurn und Taxis, Prinz v. Franz Max.
Lam oral
c. mn
52
Cberlee, Felix Wilhelm Adalbert
Rob. Eitner
160
Valentin, Johann
IK Wolkenkauer
3<>4
Vogd, Karl
W. Wolkenkauer
306
Wachboltz, Robert v.
B. Poten
107
Wagner, Heinrich
Rudolf Krauss
279
Walcb, Emanuel
Hyac* Holland
228
Wasrouth, Ernst
H. Ellissen
208
Wasserfuhr, Hermann
Pagtl
"4
WatUnbach, Wilhelm
Victor Bayer
365
Wegele, Franz Xaver v.
Victor Bayer
375
Weierstrass, Karl Theodor Wilhelm
A. v. Braunmuhl
170
Weigand, Konrad
Hyac. Holland
215
Weiss, Hermann
B. Poten
108
Welcker, Hermann
Paget
"5
Weltzel, August
IVutkc
190
Wenban, Longly Sion
Hyac* Holland
216
Werder, Hans y.
B. Poten
109
Wilhelm Ludwig August, Prinz v. Baden
B. Poten
41
Wilmowski, Gustav Karl Adolf v.
%Jacobi
163
Wimpffen, Victor Graf
Heinrich Adler
318
Wolkenstein, Heinrich Graf y.
Heinrich Adler
319
Wolter, Charlotte Grafin O'Sullivan
Anton Bettelheim
295
Zimmermann, Josef Andreas
Friedrich Teutsch
»5»
Zinn, August
Alexander Meyer
224
Zintgraff, Eugen
Friedrich Ratzel
3"
Zlindt, Ernst Anton
Franz Brummer
102
n.) Alphabetisches Namenverzeichnlss
der
Erganzungen und Nachtrage zum
„Deutschen Nekrolog yotn i. Januar bis 31. December 1896".
Name
Ve rfasser -
S e i t e.
Baerwald, Robert
Dr. Berghoeffer
440
Becker, Ernst Albert
Dr. Bcrghoeffer
440
Camphausen, Otto von
Alexander Meyer
435
Eissenhardt, Johannes
Dr. Berghoeffer
439
Grtin, Dionysius von
. W. Wolkenhauer
437
Hoffmann, Heinrich Adolf Valentin
Dr. Berghoeffer
439
Hopfgarten, August Ferdinand
Dr. Berghoeffer
438
Jeraberg, August
Dr. Berghoeffer
441
Karl Ludwig, Erzberzog v. Oesterreich
Franz Weihrkh
444
Keller, Franz
Dr. Berghoeffer
44*
Klimscb, Eugen Job, Georg
Dr. Berghoeffer
438
Kops, Franz
Dr, Berghoeffer
44o
Leithe, Friedrich
H.,Bohatta
424
Lindlar, Job. Wilhelm
Dr. Berghoeffer
440
Muntbe, Ludwig
Dr* Berghoeffer
441
Noe, Heinricb August
Hans Grasberger
417
Pfeiffer, Engelbert
Dr. Berghoeffer
441
Pilz, Vincenz
Dr. Berghoeffer
442
Richter, Heinricb
Alfred Freiherr von Mensi
r 434
Roeting, Julius Robert
Dr. Berghoffer
442
Rumpf, Peter Philipp
Dr. Berghoeffer
443
Schweinitz, Rudolf
Dr.. Berghoeffer
443
Seidel, Ludwig Pbilipp v.
A. Vi Braunmuhl
415
Simonson, David
Dr.. Berghoeffer
44'
Sonderland, Fritz
Dr. Berghoeffer
,440
Stichart, Alexander
Dr. Berghoeffer
444
Stolberg-Wernigerode, Otto Ftirst zu
Ed. Jacobs .:
425
Streckfuss, Karl Wilhelm
Dr. Berghoeffer
443
Trossin, Robert
. Dr. Berghoeffer
444
Volkrnann, Wilhelm
H. Ellissen ..
424
Vosz, Karl
Dr. Berghoeffer
444
3I0GRAPHISCHES JAHRBUCH
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UND
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3EUTSCHER NEKROLOG
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